Die kalifornische Ideologie

Ein Gespräch mit Sophie Ströbitzer

Stefan: Aus den biographischen Apokryphen über Elon Musk kann man entnehmen, dass er seinen heutigen Reichtum unter anderem damit begründet, dass er zwei Diamanten aus dem Familienbesitz verkauft. Bei einer Tiffany’s Filiale in New York. Danach studiert er erstmal ausgiebig in Kanada und den USA. Seine erste Geschäftsgründung ist 1994 das Unternehmensportal Zip2 für das ihm sein Vater das Startkapital zur Verfügung stellt. 1999 verkauft er es für 307 Millionen Dollar, von denen 22 an ihn gehen. Ist Elon Musk ein Selfmade Man?

Sophie:  Die Frage lässt sich nur durch eine weitere beantworten: Ab wann ist man “selfmade”? Elon Musk ist sicherlich nicht in Armut aufgewachsen. Er konnte sich sein Studium finanzieren und sein Vater unterstützte seinen Bruder und ihn bei ihrer ersten Firmengründung, laut dem Biographen Ashlee Vance, mit 28.000 US-$, durch die sich die beiden beispielsweise Software-Lizenzen, ein Büro, sowie Equipment leisten konnten. Musk bestreitet das allerdings mittlerweile. Den Großteil des Fundings für Zip2 erhielten die beiden durch Silicon-Valley-Investoren, mit deren Kapital sie es schließlich schafften, das Unternehmen in wenigen Jahren in eine Multi-Millionen-Dollar-Firma zu transformieren. Das Geld seines Vaters trug dazu zwar seinen Teil bei, trotzdem kann man Musk, vor allem in Betracht der Geldsumme, über die er heute verfügt, den Titel “selfmade” nicht nehmen. 28.000 sind eine beachtliche Summe, wenn man von der Hand in den Mund lebt, aber Musks Erfolg ist keinesfalls signifikant durch das Vermögen seiner Familie bedingt.

Ela: Forbes hat 2019 in einem Artikel Kylie Jenner, Tochter von Caitlyn und Kris Jenner, als jüngste „Self-made“ Milliardärin bezeichnet. Kylie verkauft jetzt Kosmetikprodukte, eine wahrlich innovative Idee und ein Produkt, mit dem jeder reich werden könnte – wenn er Kylie Jenner hieße. Über die enormen Vorteile, die sich ergeben, wenn man aus einer wohlhabenden Familie stammt, die noch dazu 24/7 im Rampenlicht steht, und zudem über Vitamin B verfügt, hat der Artikel geschwiegen. Nachdem sich aber einige Leute recht darüber empört haben, hat Forbes einen weiteren Artikel nachgeschossen, in dem man darüber aufklärte, was alles „Self-made“ heißen kann. Kurz zusammengefasst könnte man sagen „Self-made is a spectrum“.

Und auch bei Elon Musk könnte man wieder fragen, wie kommt er überhaupt zu diesen Investoren? Ich meine, über welche sozialen Kontakte, oder wie Bourdieu sagen würde, über welches soziale Kapital verfügt er? Kann es sein, dass soziales Kapital auch vererbt wird? Und, wie bedingen sich die Kapitalformen gegenseitig? Und man könnte sich fragen, ob es für Unternehmer mit finanziellem „Polster“, aus wohlhabenden Familien, nicht auch einfacher ist überhaupt ein Unternehmen zu gründen und Risiken einzugehen als für Unternehmer ohne ein Sicherheitsnetz. Wäre Musk ohne das Geld bzw. die sozialen Kontakte des Vaters heute dieser „Selfmade“-Milliardär, der er angeblich ist?

Das ist ja auch ein Image, in das er viel Arbeit steckt, um es aufrecht zu erhalten. Die medial kursierende Behauptung, dass sein Vater eine Smaragdmine in Zambia habe, streitet Musk vehement ab – vor kurzem hat er sogar demjenigen, der beweisen könne, dass es die Smaragdmine gäbe, eine Million Dogecoins (DOGE) angeboten – worauf sich sein Vater selbst zu Wort meldete und fragte, ob er an der Herausforderung teilnehmen dürfe, denn er könne es beweisen. Aber eigentlich ist es doch unerheblich, ob es die Smaragdmine nun gibt, oder nicht. Elon Musk stammt sicher nicht aus ärmlichen Verhältnissen, da ist es dann schon egal, ob man die eine Anlage mehr oder weniger besitzt. Das Geld „arbeitet“ ab einem gewissen Zeitpunkt schon „für sich selbst“. Und ein anderer käme gar nicht in die Lage mit Smaragdminengerüchten zu kokettieren.

Sophie: Wie bei so vielen anderen Selfmade-Millionären auch, variieren wie man sieht auch bei Elon Musk die Informationen zu seinem Startkapital sowie dem Vermögen seiner Familie, das ihm in seiner Karriere vielleicht einen Startschuss gegeben habe. Dass seine eigenen öffentlichen Statements und die seines Vaters immer mal wieder nicht übereinstimmen, ist natürlich fragwürdig und Musk ist sicherlich bedacht sich weiterhin so “selfmade” wie möglich zu präsentieren, trotzdem denke ich weiterhin, dass ihm dieser Titel bis zu einem gewissen Grad auch zusteht. Privilegien, die er als weißer Mann, der (höchstwahrscheinlich) nicht in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, genießt, fließen allerdings natürlich in seinen Karriereverlauf mit ein.

Mit einer Kylie Jenner, die seit sie ein Kind ist, mehr oder wenig freiwillig vor der Kamera steht und bereits vor ihrer Geschäftsgründung einen enormen Bekanntheitsgrad sowie eine Fanbase hatte, kann man ihn allerdings nicht vergleichen. Kylie Jenner wurde defintiv in dieses soziale Kapital geboren und kann meines Erachtens nach deshalb auch nur bedingt als “selfmade” angesehen werden – wobei man auch die Frage in den Raum werfen kann, ob sie für dieses Kapital mit einer Kindheit im Auge der Öffentlichkeit und null Privatsphäre nicht auch irgendwo ihren Teil bezahlt hat. Dass der Begriff als Spektrum verstanden werden muss, ist wahrscheinlich richtig, trotzdem würde ich Musk aufgrund von potenziellen Kontakten seiner Familie nicht absprechen, sich den Status den er heute als Unternehmer hat, zum größten Teil selbst aufgebaut zu haben.

Stefan: Jeff Bezos war ja bevor er Amazon gegründet hat bereits ein Spitzenverdiener, der im höheren Management der taiwanischen Mobilfunkfirma FITEL und danach für große New Yorker Vermögensberater wie Bankers Trust gearbeitet hat. Er hat dann zur Gründung von Amazon extra ein Haus mit Garage erstanden, wie sein Biograph Brad Stone schreibt. Warum hat er das getan? Um in dieser Garage sein Büro einzurichten und sozusagen Amazon aus der Garage heraus aufzubauen, wie das Selfmade Men halt so machen. Man sieht, es geht immer auch um den richtigen Anstrich. Dafür eignen sich Ideologien. Das sind breit anerkannte Überzeugungen und Einstellungen, die aufgrund ihrer Verbreitung und ihrer sozialen Rolle für objektiv richtig gehalten werden. Sie sind ein falsches Bewusstsein von einem konkreten Inhalt. Ideologie ist also kein falscher Inhalt, sondern eine falsche Form des Denkens des Inhaltes. Ideologie versucht bestehendes Unrecht zu rechtfertigen.

Ein Beispiel: Wer Radfahren geht, um politisch frei zu sein, hat etwas falsch verstanden. Wer an der Marktwirtschaft teilnimmt im Glauben dadurch politisch frei werden zu können, ist auf eine Ideologie hereingefallen.

Was ist eigentlich eine kalifornische Ideologie?

Sophie: Die kalifornische Ideologie ist eine besondere Art von Ideologie, da sie keine aktiven Vertreter*innen hat, die sich ihr zuordnen. Sie ist eine Hypothese der Sozialwissenschaftler Andy Cameron und Richard Barbrook, die im Zuge des Technologiebooms der 90er im Silicon Valley entstand. Die beiden Wissenschaftler beschreiben mit der von ihnen begründeten kalifornischen Ideologie die Philosophie und Weltvorstellung einer gewissen Gruppe von Menschen zu dieser Zeit. Sie bemerkten eine neue Art “Unternehmerkult”, die sowohl durch die Verbreiterung des Internets als auch seiner Kommerzialisierung entstanden sein soll.

Stefan: Sie beschreiben damit einen Glauben an die emanzipatorischen Möglichkeiten die durch moderne Technologien entstehen können.

Sophie: Die Kernphilosophie ist der Glaube, durch den technologischen Fortschritt würden liberale Prinzipien sich verselbstständigen und jede*r könne von nun an die eigene Meinung ohne Zensur kundtun. Die Anhänger dieses “Kults” wie die beiden Wissenschaftler sie einordnen, seien überzeugt, die Technologisierung der Gesellschaft biete ein freieres und gerechteres Leben und löse sich von den starren Regeln staatlichen Zwangs und ökonomischer Monopole. Der Vorwurf von Barbrook und Cameron lautet, diese religiöse Interpretation der Technik würde bestehende gesellschaftliche Probleme ausblenden und die gefährlichen Aspekte der voranschreitenden Technologisierung negieren. Die Autoren versuchen durch die Kritik der kalifornischen Ideologie die Intentionen und oftmals heuchlerischen Praktiken der Menschen an der Spitze der Big-Tech-Bubble sowie die Blindheit ihrer Anhänger*innen in einem ideologischen Konstrukt festzumachen und deren Lücken zu entlarven. Selbst-proklamierte Anhänger*innen der Moralkonstrukts sind, aber wie bei anderen Ideologien, hier nicht vorzufinden.

Ela: Es ist ja ein merkwürdiges Amalgam aus konservativ-neoliberaler Wirtschaftsgläubigkeit und Hippie-Progressivität entstanden, oder? Also so eine Art Hippie-Yuppie-Techno-utopisches Frankensteingebilde. Technik wird alle Probleme lösen, Sharing Economy, blabla, und der Staat hat sich gefälligst so weit wie möglich da rauszuhalten, denn der stört die natürliche Ordnung, die unsichtbare Hand des Marktes. Wenn die Märkte einfach in Ruhe gelassen werden, wird sich alles ausbalancieren. Silicon Valley ist sowas wie ein Ökosystem, das in Ruhe gelassen werden muss.

Stefan: Ein großer Teil der Ideologie ist die Überzeugung sich als Gesellschaft auch oder sogar nur durch die Privatwirtschaft und entgegen staatlicher Interventionen weiterzuentwickeln und Demokratie leben zu können – sozusagen aktiv Politik zu machen, indem man Ökonomie perfektioniert. Du sagst, ein aktuelles Beispiel dafür ist die medial sehr präsente Übernahme des US-Kurznachrichtendienstes Twitter durch Elon Musk.

Sophie: Genau. Die Verfasser der Kalifornischen Ideologie schreiben davon, dass sich die großen Profiteure der Big-Tech Szene des Silicon Valley gerne öffentlich von der Politik distanzieren – hinter verschlossenen Türen sehe das aber ganz anders aus. Elon Musk ist vor diesem Hintergrund eine ganz besondere Figur. Während er den größten Teil seiner Karriere immer versuchte sich nicht öffentlich politisch zu positionieren, sich in den USA sowohl für Demokraten als auch für Republikaner stark machte, so hat sich seine Einstellung diesbezüglich in den vergangenen Jahren verändert. Der Milliardär twittert immer wieder provokante Stellungnahmen zu polarisierenden Themen, lässt sich in Verschwörungstheorien verwickeln und sympathisiert offen mit teils rechtsradikalen Gruppierungen. Zuletzt sorgte er sich besonders um die Wahrung der allgemeinen Meinungsfreiheit, die er durch jegliche regulierenden Eingriffe in die Massenmedien gefährdet sieht.

Stefan: Seit der Übernahme von Twitter durch Musk hat sich da einiges getan. Das Center for Countering Digital Hate (CCDH) hat aufgezeigt, dass User, die sich Twitter Blue leisten, mittlerweile sagen können was sie möchten. Auch rassistische, antisemitische, homophobe und misogyne Aussagen werden im Fall der Blue User nicht mehr geahndet. Darunter Aussagen wie:

„Die schwarze Gesellschaft hat mehr Schaden angerichtet als der Klan je getan hat.“

„Die Judenmafia will uns alle durch braune Menschen ersetzen.“

Sophie: Der Entschluss Musks Twitter zu kaufen wirkte sehr spontan. Aber am Tag der Übernahme entlässt er einen großen Teil der Belegschaft und der Führungsriege per E-Mail. In den folgenden Wochen werden unter Musks Führung ehemalige wegen bedenklicher Inhalte gesperrte Konten, wie das von Donald Trump, aufgehoben und Authentifizierungskennzeichen von Konten können von nun an ersteigert werden. Das Unternehmen verliert daraufhin in kurzer Zeit zahlreiche Werbekunden und sinkt in kurzer Zeit stark im Aktienkurs. Hat sich aber mittlerweile wieder erfangen.

Während die Geschichte “Musk kauft Twitter” noch viele weitere Akte zählt und medial sowohl für Unterhaltung als auch Empörung sorgte, visualisiert sie eines besonders gut: Die Weltverbesserungsagenda des Unternehmers, der überzeugt davon scheint, durch Privatwirtschaft und Technologie die Gesellschaft besser voranbringen zu können als durch staatliche Maßnahmen. Der ideologisch motivierte Kauf zeigt außerdem einerseits die Anstrengungen, die Musk auf sich nimmt, um seine libertären Werte zu vertreten und gleichzeitig wie begrenzt diese doch sind, wenn es sich um den eigenen ökonomischen- oder Imageschaden handelt.

Ela: Elon Musk bezeichnet sich selbst ja als „free speech absolutionist“ – man beachte die entlarvende Wortwahl. Lustigerweise ist er bekannt dafür Kritikern mit Klagen zu drohen oder ihnen einfach zu kündigen. Zudem hat Twitter unter Musk einem Großteil der Zensuranfragen autoritärer Regierungen zugestimmt. Also Absolutist dürfte im Fall von Twitter und Musk schon stimmen. Ich würde sagen, Elon Musk ist inzwischen der Kanye West von Silicon Valley. Ähnlich wie dieser kann er noch so viel Blödsinn verzapfen, und seine Anhänger – und ich verwende hier absichtlich nur die männliche Form – hängen trotzdem an seinen Lippen, als wäre er der größte Intellektuelle aller Zeiten. Ye und Musk treffen wohl den Geschmack einer ähnlichen „Gruppe“ junger Männer. Ich glaube das hat auch wieder viel damit zu tun, was Angela Nagle in „Kill all normies“ beschreibt: „Eines der Dinge, die die oft nihilistische und ironische Chan-Kultur mit einer breiteren Kultur des Alt-Right-Orbits verband, war ihre Ablehnung politischer Korrektheit, Feminismus, Multikulturalismus usw. und deren Eindringen in ihre freiheitliche Welt der Anonymität und Technologie.“ DasSilicon Valley ist ja auch stark mit Ideen der Counter-Culture verbunden.

Sophie: In ihrer Absurdität und Sprunghaftigkeit zwischen politischen Lagern lassen sich Kanye West und Elon Musk in ihren öffentlichen Statements tatsächlich ganz gut vergleichen – wobei West sicher mittlerweile ein neues Level an Absurdität und auch Hemmungslosigkeit entwickelt hat, außerdem wird bei ihm bereits seit längerem eine psychische Problematik vermutet. Beide Männer stehen allerdings seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit und sind in ihren Branchen an der Spitze des Erfolgs angekommen. Beide haben sich in ihren öffentlichen Meinungsäußerungen vor allem in den vergangenen Jahren immer mehr radikalisiert und versuchen gleichzeitig zu provozieren und polarisieren. Es wäre interessant zu wissen, welchen Einfluss dieser immense Erfolg und auch das Ankommen an der Spitze auf die Entwicklung ihrer öffentlichen Äußerungen hat und ob das dann wirklich etwas über sie aussagt, oder nur wieder zu einer Marketingstrategie gehört.

Stefan: Das Media Research Center (MRC) in den USA hat ermittelt, dass Twitter seit der Übernahme durch Musk repressiver geworden ist. Die Zensur trifft nicht weniger, sondern andere Leute. Meist Menschen, die keine große Bühne haben wie Donald Trump um ihre Sperrung zu einem öffentlichen Thema zu machen.

Nick Srnicek, der den Plattform-Kapitalismus begrifflich für die Wissenschaft erschlossen hat, sagt, seine Überlegungen beginnen an der Stelle, wo er von der kalifornischen Ideologie absieht. Für ihn ist die analytische Kompetenz des Begriffs darauf beschränkt politische Akteure zu beobachten, die durch ökonomische Aktivität nach politischer Macht streben. Srniceks Hypothese wendet sich gegen diesen kulturalistischen Ansatz und will dessen ökonomische Seite zur Darstellung bringen, dass diese Akteure Profit machen wollen um ihre Konkurrenz auszustechen und deshalb an manchen Stellen politisch werden. Das bedeutet, nicht das geniale Kalkül von Superbösewichten ist ausschlaggebend für ihre strategischen Entscheidungen, sondern die Struktur der Kapitalakkumulation diktiert ihre Handlungen. Die wahnsinnigen öffentlichen Auftritte sind dann Makulatur um das Image aufzupolieren und bestimmte Segmente der Gesellschaft zu aktivieren. Ye macht das mit Antisemitismus, womit er sicherlich auch einige Hip-Hop Fans abholen kann. Musk eher mit libertärem Männergehabe.

Aber es ist auch wichtig zu sehen, dass die Profite in der Erzeugung von Waren seit Jahrzehnten zurück gehen. Daher wendet sich das Kapital den Daten zu, die immer noch Wachstum versprechen. Digitale Plattformen (wie Facebook, Google, Amazon) sind gigantische Datenakkumulierer, die Digitalisierung das technische Mäntelchen, dass sich die neuen Charaktermasken der kapitalistischen Entwicklung umgehängt haben. Auch die von Musks ehemaligen Geschäftspartner Peter Thiel propagierte ständige Erneuerung durch Zerstörung, Disruption, entspricht den Ansprüchen des Kapitals nach ständig neuen Techniken, die darauf zielen, sinkende Profite in veralteten Bereichen, wo der Gag nicht mehr zieht, wieder reinzuholen.

Ist es alter Wein in neuen Schläuchen, oder gibt es utopische Potentiale der kalifornischen Ideologie?

Ela: Man muss sich halt fragen, wie revolutionär diese ganzen Start-Ups, die aus Silicon Valley herauskommen, tatsächlich sind, wie sehr sie tatsächlich unser Leben verbessert haben. Z. B. Uber ist ein billigeres Taxi, aber ist das revolutionär, hat sich dadurch unser Leben so stark verbessert? Das Leben der Uber-Fahrer ja eher nicht. Die sind nach ihrem Arbeitgeber selbstständig und damit würde der Versicherungsschutz und Sozialleistungen wegfallen, die man als Angestellter hat. Das wurde zwar in vielen europäischen Ländern angefochten – Gerichtsurteile wurden aber teilweise von Uber ignoriert – inzwischen hat es auch in den USA teilweise die Bestätigung gegeben, dass Uber-Fahrer als Angestellte gelten. Der sympathische Uber-CEO Travis Kalanick hat auf Proteste seiner Fahrer wegen mieser Bezahlung reagiert, indem er meinte, dass sie sowieso bald durch Computer ersetzt würden. Der Programmierer Steve Dekorte hat Uber 2015 übrigens mit Rosa Parks verglichen, als wieder einmal eine Sammelklage anstand, weil Uber seine Fahrer als unabhängige Unternehmer beschäftigte. In einem Tweet hieß es „Ja, Uber hat gegen das Gesetz verstoßen. Das Gleiche geschah mit Rosa Parks. Korrupte Gesetze zu respektieren, die Kumpanen besondere Privilegien gewähren, ist keine Tugend.“

Und lustigerweise geht mit dem Aufstieg der Tech-Riesen in Silicon Valley ein Rückgang an Innovationskraft einher, denn die haben ja inzwischen Monopole aufgebaut. Wie innovativ ist es, dass man sich alles Mögliche zur Haustür bringen lassen kann? Und was heißt das alles für die Angestellten dieser Unternehmen? Hat das Potenzial unser Leben zu revolutionieren? Wie viele hundert Sharing-Apps brauchen wir?

Sophie:  Die Frage, ob Geschäftsleute wie Musk wirklich aus ideologischen Gründen handeln oder diese nicht viel eher als öffentlichen Scheingrund in Form von vorgegaukelter Integrität inszenieren, um ein neues Marktsegment zu erschließen, ist natürlich eine relevante und wichtige. Obwohl das teilweise der Fall sein mag, sehe ich das am Beispiel Musk und auch generell bei den Akteuren, die von der kalifornischen Ideologie angesprochen werden, nicht vorliegen. Ich denke einerseits, dass Menschen wie Musk, die stolz den Kapitalismus nicht nur ankurbeln, sondern sogar als visualisiertes Sinnbild dessen gesehen werden und daran Gefallen finden, keine ideologische Tarnung für ihre strategischen ökonomischen Züge brauchen. Man erwartet von Musk zu wirtschaften und er könnte dies auch in Ruhe, ohne öffentliche Rechtfertigung seiner Entscheidungen tun, wenn er wollen würde.

Ich halte den Kauf von Twitter nicht für einen rein ideologischen Zug am Schachfeld des Medienkapitalismus, auch wenn er auf den ersten Blick ideologisch motiviert scheint, verdankt sich die Kaufentscheidung sicherlich auch einem ökonomischen Kalkül. Musk wollte ein Exempel statuieren und dabei das Unternehmen wertvoller machen. Und vor allem wollte er sich auch am Markt der öffentlichen Kommunikation beteiligen. Trotzdem hat seine Weltvorstellung sicher viel mit rein gespielt.

Stefan: Das wäre dann das typische Verhalten digitaler Plattformen. Der Soziologe Philipp Staab ist ja überzeugt, dass es den Plattformen um den Besitz des ganzen Marktes geht. Also keine ideologische Finte, sondern eine ökonomische Notwendigkeit.

Sophie: Abgesehen davon ist jeder Image-Move natürlich immer auch zum Teil ökonomisch bedingt, weil er direkt auf Musks Wert als Unternehmer wirkt. Es findet also sicherlich ein Wechselspiel zwischen den beiden Ambitionen statt. Ideologische und ökonomische (Selbst-)Aufwertung ist sicherlich Teil der kalifornischen Ideologie. Die ja auch auf Selbstperfektionierung zielt.

Stefan: Peter Thiel strebt ja bekanntermaßen nach Unsterblichkeit und will sich auch einfrieren lassen.

Dieses ambivalente Verhältnis von Ideologie und Ökonomie, das du beschreibst, durchzieht alle libertären Ideologien und ist auch im Liberalismus spürbar. Arbeit soll sich lohnen, jeder kann es schaffen, aber man muss auch bissl auserwählt sein, damit es klappt.

Ayn Rand ist sicherlich eine Gallionsfigur aller heutigen Selfmade-Männer. Ihr Konzept über die Welt nachzudenken, nannte sie „Objektivismus“.  Darin entfaltet sie auf der erkenntnistheoretischen Ebene einen radikalen Rationalismus und auf der gesellschaftstheoretischen Ebene einen radikalen Individualismus. Das Denken soll laut Rand durch Beobachtung und Logik geprägt sein, mittels denen unbestreitbare Fakten ermittelt werden können. Das Handeln sollte von Egoismus, Erfindergeist und Tüchtigkeit angetrieben werden. Eigennützig agierende Großindustrielle sind für sie der Motor der Welt. Den Kapitalismus beschreibt sie in einem Aufsatz von 1965 – „What is Capitalism?“ – als objektive Voraussetzung menschlicher Freiheit. Jeder gesellschaftliche Reichtum wird in ihren Augen von Individuen produziert und sollte diesen auch gehören. „There is no such thing as social surplus.“ Die Armen sind arm, weil sie nicht egoistisch, nicht erfinderisch, nicht tüchtig genug sind und sollen es auch bleiben. Wie denkt Musk über diese Dinge?

Sophie: Ich denke nicht, dass Musk so radikale Worte wie Rand über die Kluft zwischen Arm und Reich findet und die Welt dermaßen schwarz und weiß betrachtet. Er selbst ist zwar wahrscheinlich der Kapitalismus in Person, bezeichnete sich 2018 auf Twitter aber beispielsweise als Sozialist: “By the way, I am actually a socialist. Just not the kind that shifts resources from most productive to least productive, pretending to do good, while actually causing harm. True socialism seeks greatest good for all.“, so seine Worte. Trotzdem gehe ich davon aus, dass er ähnlich wie viele seiner Branchenkollegen, die sich in der Privatwirtschaft ein enormes Vermögen angehäuft haben, davon überzeugt ist, dass jeder Schmied seines eigenen Glücks ist. Er ermutigt seine Mitarbeiter*innen mit dem Versprechen, wer alles für ihn und seine Vision tue und sich der gemeinsamen Mission praktisch “versklave”, werde am Ende erfolgreich aussteigen.

Ela: Eben. Das ist ja auch wieder so eine Ideologie. Als wären die Ärmsten der Gesellschaft die Unproduktivsten der Gesellschaft und jene mit den meisten Ressourcen die Produktivsten der Gesellschaft. Nur weil ich mich, bevor ich typisch neoliberale Slogans raushaue, als Sozialist bezeichne, macht mich das noch lange nicht zum Sozialisten. Das ist übrigens dasselbe Argument, das heute teilweise in Diskussionen über die Nazis verwendet wird, wo dann behauptet wird die Tatsache, dass das Wort Sozialismus in Nationalsozialismus vorkomme, beweise schon, dass die Nazis Sozialisten waren. Das macht mich immer wahnsinnig, wenn so getan wird, als hätten Worte keine Bedeutung. Was für eine Art Sozialist ist Musk denn, wenn er behauptet, wer reich sei, sei dies, weil er hart gearbeitet habe, während faule Menschen eben arm blieben.

Das nennt man in der Sozialpsychologie einen fundamentalen Attributionsfehler. Man neigt dazu, bei anderen Menschen die Ursache für deren Verhalten in ihrer Persönlichkeitsstruktur zu vermuten, nicht in den Umständen. Der Gründer des Google-X-Labors Sebastian Thrun drückt das so aus: „Es sind nicht die Pessimisten, sondern die Optimisten, die die Welt verändern werden (…) die Folge ist, dass diese Menschen auch mehr Reichtum und Macht anhäufen werden.“ Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Wenn jemand reich ist, dann liegt das daran, dass er besonders hart gearbeitet hat und nicht daran, dass sein Vater eine Smaragdmine hat und sein Söhnchen schon früh in den richtigen Kreisen Gassi geführt hat.

Die George Washington Universität hat 2019 einen Bericht herausgegeben, aus dem hervorging, dass der wichtigste prädikative Faktor für späteren beruflichen Erfolg das Haushaltseinkommen der Familie ist. Laut einer Studie des National Bureau of Economic Research von 2005 werden ungefähr 34 % bis 45 % der Vermögen in den USA vererbt.

Stefan: Vielleicht ist Musk einfach wirklich nur ein Geschäftsmann, der opportunistisch das sagt, was ihm grad in den Sinn kommt und letztendlich auch so handelt. Es gäbe da ein paar Anzeichen dafür in seiner Biographie. Das hat aber auch ein messianisches Element, wenn ich das so höre. Also wenn ich mich dem Ziel Gottes unterwerfe komme ich dafür in den Himmel. Die Evangelikalen Christen nennen es das Calling. Ayn Rand hat sich übrigens anlässlich einer Krebserkrankung unter falschem Namen bei der staatlichen Sozial- und Krankenversicherung angemeldet und diese beinahe 10 Jahre bis zu ihrem Tod auch konsumiert.

 Sophie: Ähnlich wie vielen weiteren vermeintlichen Selfmade-Millionären, traue ich auch Musk zu, die Beiträge die Mitarbeiter*innen über viele Jahre zu seinem Erfolg geleistet haben, nicht genügend anzuerkennen. Ich glaube auch nicht, dass er sehr intensiv die gesellschaftlichen Privilegien und Umstände, die zu seinem heutigen Reichtum beigetragen haben, reflektiert. Dass Musk der Meinung sei, Armut würde nur durch Dummheit und Faulheit existieren, glaube ich allerdings auch nicht. 

Stefan: In seinem Buch Zero to One legt Thiel offen dar, dass ein Startup seiner Ansicht nach am besten wie Kult organisiert ist. Der Unterschied ist in seinen Augen nur, dass die Anhänger eines Kultes „fanatically wrong about something important“ sind, während die Angestellten in einem erfolgreichen Startup „fanatically right“ (Thiel: 125) sind. Das klingt nach dem Randschen Objektivismus. Die Erfolgreichen entscheiden, was richtig ist und was falsch.

Ela: Thiel ist ja auch Anhänger kreativer Monopole, denn diese bedeuteten „neue Produkte, die allen zugutekommen“, während „Wettbewerb bedeute(), dass niemand davon profitiert“.

Stefan: Nicht umsonst wurde Thiel 2015 mit dem Hayek Lifetime Achievement Award ausgezeichnet. Ohne Friedrich August Hayek könnte die bürgerliche Nationalökonomie wohl nicht bis heute an ihren überholten Vorstellungen von der kulturellen Evolution festhalten. Diese besagt, kurzgefasst, dass gesellschaftliche Werte nur in geringem Maße Resultat menschlicher Gestaltung sind. Für Hayek stammen sie vielmehr aus drei Wurzeln: den biologischen „vererbten“, den kulturell „erprobten“ und den rational „geplanten“. In der Nationalökonomie, wie sie an den Universitäten gelehrt wird, wirkt sich das insofern aus, als weiterhin so getan werden kann, als wären die Fragen von Reichtum und Armut kein Feld politischer Gestaltung, sondern gottgegebene Natur, in die sich die Menschen einfügen müssen. Was bedeutet Erfolg in der kalifornischen Ideologie?

Sophie: Erfolg bedeutet nach der kalifornischen Ideologie, sich selbst durch Innovation verwirklicht und dadurch gleichzeitig finanziell ausgesorgt zu haben – und das ohne Unterstützung. Jeder ist Schmied seines eigenen Glücks und nur wer so “selfmade” wie möglich ist, hat es wirklich geschafft.

Stefan: Das Siegel “selfmade” hat etwas Wahnhaftes.

Sophie: Es ist ein Wahn, der sich vor allem im politisch tendenziell rechts verorteten Lager verfängt. Dabei wird versucht, eine historische Verbindung zwischen den Gründungsidealen des liberalen Amerikas und der unternehmerischen Tüchtigkeit der Siedler des 18. Jahrhunderts zu erzeugen. Das „selbstgenügsame Individuum“ in Form von Cowboys oder Trappern im Wilden Westen wird glorifiziert. Der einsame Held, der sich von den „unterdrückenden“ Gesetzen des Staates zu lösen versucht und so zu seinem Reichtum und Erfolg gelangt.  Außen vorgelassen wird dabei sowohl in der Geschichte als auch in den Erzählungen vieler selbst betitelter Selfmade-Billionaires, dass dieser Erfolg abhängig ist von der Arbeit vieler anderer Menschen, teilweise staatlicher Unterstützung oder durch das Leid und den Verlust Anderer fortschreiten konnte.

Ela: Dabei ist die Idee, die von vielen der Silicon-Valley-Milliardäre vertreten wird, zu viel staatlicher Einfluss würde Silicon Valley schaden, ja auch ein ideologisches Konstrukt, denn wie hätte Silicon Valley sich zu dem entwickeln können, was es heute ist, wenn der Staat kein Geld zugeschossen hätte, für Infrastruktur, Forschungsstipendien und Gründerdarlehen? Google oder Apple z. B. würde es ohne Zuschüsse und staatliche Investitionen nicht geben. Und Elon Musk hätte ohne staatliche Zuschüsse nicht bis heute durchgehalten. SpaceX z. B. wäre ohne eine Intervention von NASA 2008 heute nicht mehr am Leben.

Oder nehmen wir den Crypto-Hype. Da kommen wir auch wieder zu den Anhängern Musks, die auf seinen Anreiz hin in Dogecoin investiert haben und massiv Verluste gemacht haben. Da wurde übrigens schon eine Sammelklage eingebracht gegen Musk, in der ihm Insiderhandel vorgeworfen wird. Man wirft ihm unter anderem „eine vorsätzliche Marktmanipulation durch einen ‚Publicity-Zirkus‘“ vor, „um den Dogecoin-Preis in die Höhe zu treiben.“ Bei Crypto gab es ja zu Beginn auch diesen Hype, weil es quasi das Versprechen beinhaltet, dass jeder damit Geld machen kann. Niederschwellig, „demokratisch“, blablabla. Nur vergisst man da auch wieder, dass der Verlust von Geld die einen wahrscheinlich mehr schmerzt als die anderen.

Stefan: Was auch ausgelassen wird ist, dass wir bei den Energiekosten der Bitcoins mittlerweile bei 132,98 Terawattstunden im Jahr angelangt sind. Das entspricht dem Jahresverbrauch von Österreich. Nur zum Geld zählen!

Ela: Ein anderer Vorwurf von Anlegern gegen Musk war, dass er mit Tweets die Tesla-Aktie in die Höhe getrieben habe, als er behauptete, dass die Finanzierung gesichert sei und er das Unternehmen von der Börse nehmen könne. Apropos Twitter, das hat ja auch eine Rolle beim rapiden Crash der Silicon Valley Bank gespielt, als man quasi per Social Media zum Bank Run aufgerufen hat und damit den größten Crash seit Lehman Brothers ausgelöst hat. 

Stefan: Bei den tüchtigen Cowboys wird auch einiges ausgelassen. Vor allem wird ausgelassen, dass der Staat in Form von Armee und Gesetzen eine wichtige Rolle dabei gespielt hat diese selbstgenügsamen Individuen am Leben zu erhalten. Mit den Native Americans wurden hunderte Verträge geschlossen, die alle nach und nach gebrochen wurden. Diese Verträge führten immer wieder zu ihrer vorübergehenden Befriedung, bis sich die Siedlerpopulationen so weit erhöht hatten, dass durch Gewalt Fakten geschaffen werden konnten. Einzelne Bundesregierungen setzten dann hohe Belohnungen auf die Tötung von Native Americans aus. Kaliforniens Parlament genehmigte in den Jahren von 1851 bis 1860 1,5 Millionen Dollar für kriegerische Kampagnen gegen die Natives. (Mattioli: 217) Das durch den Gründergeist und den Frontiergedanken erzeugte Leiden ist gigantisch und bis heute nicht aufgearbeitet. Und ich weiß jetzt auch nicht von Initiativen des Silicon Valley da irgendwas anzugehen in die Richtung.

Das Abenteuer an der Frontier, der Goldrausch, die sogenannten „Indianerkriege“. Alles Mythen des so genannten „Wilden Westens“, der im Grunde schon sehr lange ein kapitalistischer Westen war. Die ursprüngliche Voraussetzung für den Aufstieg Kaliforniens war die Auslöschung des Lebens der Native Americans.  Frederick Jackson Turner, wie die meisten akademischen Historiker des 19. Jahrhunderts ein Fan der sozialen Evolutionstheorie, prägte den Frontierbegriff. Bei der Weltausstellung von 1893 in Chicago hat er verkündet, dass der Weg der Siedler nach Westen die amerikanische Entwicklung erklärt. Die sich chaotisch nach einer grausamen Eroberungslogik vollziehende Ausbreitung der USA beinhaltete als Kern die Ausrottung. Für Turner ist diese barbarische Vorbereitung der kapitalistischen Akkumulation eine wirksame militärische Trainingsschule und das Labor des gesamten politischen Systems der USA. Der Binnenkolonialismus ist übrigens keine Erfindung der USA. Das wird die Maoisten und 68er jetzt in ihrem Antiamerikanismus irritieren, aber Russland hat das indigene schamanistische und tribalistische Leben in seinem Osten lange ausgelöscht, bevor Old Shatterhand seine Silberbüchse von Winnetou gestohlen hat.

Aber zugegeben, die USA erprobte damals, um mit den Worten von Aram Mattioli zu sprechen, „ein neues Gesellschaftsmodell, in dem Grund und Boden zu einem gleicherweise begehrten wie handelbaren Gut wurde“ (Aram Mattioli: Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas, 2018: 20).

Würdest du sagen, es ist etwas von dieser Gewalt noch in der kalifornischen Ideologie spürbar? Also ich frage jetzt bewusst nicht danach, ob das vergleichbar ist, das ist es nämlich natürlich keinesfalls. Darum geht’s auch nicht. Aber spürt man ein Echo davon in den Äußerungen der Akteure?

Sophie: Ich könnte nicht sagen, dass noch Gewalt in der Ideologie zu spüren ist, da mir dafür jegliche Beweise oder Anhaltspunkte fehlen würden. Was allerdings bleibt, ist eine gewisse Ignoranz, eine aktive Ausblendung gesellschaftlicher Probleme und wenig Anerkennung der existierenden Diskriminierung, die von vielen Bevölkerungsgruppen und natürlich den Native Americans erfahren wird. Damit meine ich nicht, dass die angesprochenen Akteure, die oft gesellschaftlich libertär eingestellt sind, Diskriminierungen aufgrund von Herkunft oder sexueller Orientierung nicht anerkennen, oder sich nicht auch öffentlich gegen diese Problematiken aussprechen würden, sondern, dass sie die Konsequenzen, die diese Hürden mit sich bringen, nicht mit in ihr Narrativ integrieren. Es gilt: Wer viel arbeitet und klug ist, kann alles schaffen – jeder kann den American Dream leben. Es besteht hier eine gewisse Selbstbeweihräucherung im Sinne von “Ich habe es geschafft, also kann es auch jeder andere schaffen”, in der Silicon-Valley-Brüderschaft, die oftmals ihre eigenen Privilegien nicht sieht oder sehen will und sich zusätzlich auch nicht als verantwortlich empfindet, ihre ökonomische und gesellschaftliche Macht zu nutzen, um diese Missstände zu beheben. Am ehesten könnte man also diese Ignoranz und Ausbeutung der eigenen Privilegien bei simultaner aktiver Ausblendung von Missständen als eine Form von Gewalt sehen.

Assistenzgedanken von einer die gegen den Streik ist

Die Freizeitpädagog:innen wollen streiken. Das ist gut. Denn die Pläne der Grünen Bildungssprecherin Sibylle Hamann, bisher hauptsächlich als Tochter der brillanten Historikerin Brigitte Hamann in Erscheinung getreten, sind wirklich nicht das Gelbe vom Ei.

Eine Matura soll zur Voraussetzung der Berufsausübung werden. Das mit der Verschulung hat ja schon im Pflegebereich super geklappt. Wo man mittlerweile eine akademisierte Ausbildung absolvieren muss, bei der man von Lehrer:innen unterrichtet wird, die selber teilweise 0 Praxis-Erfahrung haben. (Erzähl ich euch auf Nachfrage gern genauer aus persönlicher Erfahrung.) Gleichzeitig soll der bisherige Lehrgang, der auf die Praxis vorbereiten soll, zeitlich halbiert werden.

Auch der Kollektivvertrag soll geändert werden. Nämlich vom Sozialkollektivvertrag hin ins Gehaltsschema des öffentlichen Dienstes mit Gehaltseinbußen von bis zu 19 Prozent.

Die Grüne Bildungssprecherin reagiert auf Nachfrage verärgert. Weil, es geht ja nur um Entwürfe und nachdenken wird man ja wohl noch dürfen, auch wenns zum absoluten Nachteil aller Beteiligten ist. Dass sich die im Vorhinein gleich organisieren wollen, will man von Grüner Seite nicht akzeptieren. So geht’s ja nicht. Wie soll man denn die Leute mit unangenehmen Änderungen überrumpeln, wenn die sich darauf vorbereiten und dagegen wehren? Vor allem aber weiß Sybille Hamann, dass die vorgesehenen Änderungen bisher nicht „in Stein gemeißelt sind“ und deshalb brauchen die Betroffenen nicht so angrührt sein. Es ist ja nur zu ihrem Besten. Wie man auch am neuen Berufstitel gut hören kann. Bisher Freizeitpädagoge, ab der Änderung dann Assistenzpädagoge.

Wie wir aus der Deutschen Sprache wissen ist „Assistenz-“ ein Ausdruck der aufwertend gemeint ist. Und so soll ja auch dann die neue Rolle der Assistenzpädagog:innen aussehen. Sie sollen als „Zweitlehrkraft“ im Unterricht eingesetzt werden und den Erstlehrkräften assistieren. Ein Aufstieg wie er im Buch steht. Zumal das ja weitergedacht auch bedeutet, dass sich die Grüne Bildungssprecherin nicht mehr so viele Gedanken über den Lehrermangel machen muss. Denn wenn mal jemand fehlt, dann springt halt die Assistenz ein und wir sparen es uns die teuren Erstlehrer einzustellen, die uns mittlerweile massenhaft fehlen.

So geht Politik, es geht weniger um das Bohren harter Bretter, als vielmehr um das Stopfen großer Löcher. Dass vielleicht ab und zu das ganze Brett (der Bildungspolitik) ausgetauscht gehören würde, ist eine Erkenntnis, die sichtlich gerade Menschen schwerfällt, die ihre Karriere dem bildungsbürgerlichen Professoren-Haushalt verdanken, in dem sie aufgewachsen sind.

Aber vielleicht würde Frau Hamann ja gerne selber mit gutem Beispiel vorangehen und als Assistenzbildungssprecherin, für weniger Gehalt als bisher, zusätzlich zu ihrer bisherigen Tätigkeit, dem Wiener Stadtschulrat zur Hand gehen und dabei behilflich sein, dringend benötigte und voll bezahlte neue Lehrer:innen zu finden.

Ich glaube das nicht. Und ich glaube auch nicht, dass die Grünen, was gelebte Demokratie betrifft, noch irgendwie einen Fuß auf den Boden der Tatsachen bekommen. Streiken ist ein verfassungsmäßiges Recht, das über Artikel 11 EMRK und Artikel 8 des UN-Sozialpaktes, dem Österreich beigetreten ist, garantiert ist. Zu diesem Recht gehört auch Kampfmaßnahmen setzen zu dürfen.

Da Frau Hamann in ihrer Bewertung den Streik als „unverantwortlich“ bezeichnet, versucht sie eine moralistische Kategorie auf ein demokratisches Grundrecht zur Anwendung zu bringen, mit dem Ziel den Streik zu delegitimieren. Das ist die Sprache der demokratischen Herrschaft, der verklausulierte Angriff mittels moralischer Begriffe auf die rationalen Rechte der Menschen.

Außerdem löst die Wortwahl bezüglich der Verantwortung der Pädagog:innen einen besonderen Widerwillen in mir aus. Was, wenn nicht unverantwortlich, ist diese Politik, die überall nur mehr Sparpotentiale verwirklichen, Berufe abwerten und die Qualität der Schulen für die Kinder mindern will? Ich spiele also das Meme einfach an die (Assistenz-)Bildungssprecherin mit dem Nationalratsgehalt zurück. Bitte denk doch mal an die Kinder und nicht nur an neoliberale Agenden.

Streiken ist gut. Vielleicht inspiriert es ja andere auch zum Streik. Denn, wenn wir schon in einer Arbeitswelt leben müssen, dann sollten wir die viele Zeit, die wir darin verbringen müssen, so teuer wie möglich verkaufen!

Fantasy. Ein launiger Kommentar

(Impulsvortrag anlässlich einer Nacht über Terry Pratchett)

Lyon Sprague de Camp schreibt über Fantasy, es sei die Literaturgattung, die eine Welt beschreibt, die es hätte geben müssen, damit eine gute Story entsteht. Ich schließe mich dem vollständig an. Weiter behauptet er, dass eine gute Story in einer Welt spielt in der alle Männer Helden, alle Frauen schön und alle Probleme einfach waren. Naja.

Fantasy stammt aus der Antike. Wir erinnern uns an Homer, den ersten schriftlichen Fantasy-Autor, dessen Geschichten alle so ablaufen: Männer tun männliche Dinge. Da wäre mal Zeus, der männlichste Mann, erster Fantasy Held und Serienvergewaltiger. Achilles, erster Halbgott, Sklavenhalter, Kriegsverbrecher. Odysseus, der weltreisende Raubmörder. Und die beiden etwas seltsamen Helden Theseus, dessen erstes Opfer der „Keulenträger“ Periphetes wird und dessen größter Triumph darin besteht, den von einer Kuh bewohnten Palastkeller zu durchqueren. Und dann Ödipus, der, naja …

Jedenfalls ist das Monsterkompendium seit der Antike gut gefüllt. Denn die männlichen Helden vermöbeln mit Vorliebe starke Frauen mit tragischen Geschichten. Sphinx, Medusa, Harpyie, die Gorgonen, Kirke und Hera, und manchmal Athene, sind die Endgegner der antiken Männerfantasie.

Fantasy stammt aber auch aus dem Mittelalter.

Thomas Malorys Epos über König Artus und die Ritter der Tafelrunde ist ein Prototyp der erzählenden Phantastik. Es ist in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden und das erklärt auch, warum Artus Ritter anstatt Römerhelmen Langschwerter tragen. Hier jedenfalls betritt der erste Gandalf, Elminster, Dumbledore der Literaturgeschichte die Bühne: Merlin. Kind von Dämonen und auch ansonsten eine zwielichtige Gestalt. Aber immerhin Magier des Königs.

Wobei der echte Merlin von Don Rosa in seinen Dagobert-Heften historisch sicher akkurater dargestellt ist. Ein heruntergekommener Bänkelsänger am Hof eines Dumnonischen Kleinfürsten. Der dann im Verlauf der Zeitreise-Geschichte auch noch das einzige scharfe Schwert (Excalibur: Keltisch Hartscharte) seines Fürstentums an die Ducks verliert.

Um einiges realistischer ist da schon die erste Comicserie der Welt von Harold Foster (geboren 1892) und Max Trell: Prinz Eisenherz. Darin erscheinen alle Komponenten des Ritterromans, aufgepeppt durch historisch relativ akkurate Kostüme, weniger akkurate amerikanische Ureinwohner und Plots, in denen es um das strategisch kluge Überlisten mächtiger Feinde geht. Darunter auch immer wieder die Enttarnung des einen oder anderen falschen Hexenmeisters. Harold Fosters Merlin ist ein Mann der Wissenschaft, der seine Erkenntnisse mit esoterischen Kalendersprüchen aufregender macht, um sie leichter an den Mann zu bringen. Prinz Eisenherz ist sein gelehriger Schüler.

Bis heute ist das beliebteste Fantasy-Setting eine feudale Gesellschaft. Deren Reiz liegt natürlich darin, dass die Protagonisten von Fantasy meistens entweder bereits aus dem Adelsstand stammen oder durch ihren Heldenmut dorthin gelangen. Also entweder reich geboren sind, oder Superkräfte haben, oder beides.

Dass die mittelalterliche Gesellschaft sich für den Heldenmut der Normalbürger nicht allzu sehr interessierte, ist historisch belegt. Oder kann sich von euch noch jemand an den tapferen Mann erinnern, der bei der Schlacht von Hastings 1066 die rechte Flanke von König Harolds Angel-Sachsen zu einem Sturm vom Hügel herunter motiviert, und damit den Normannen die Eroberung Englands und Wilhelm dem Eroberer seinen Titel ermöglicht hat?

Im Mittelalter dient die Literatur der Zuweisung von gesellschaftlichen Plätzen, der Bestätigung von Herrschaft. Erst Aufklärung und Säkularisierung bringen Fantasy in die Form, die wir heute kennen. Moderne Fantasy setzt die Trennung von Phantasie und Herrschaft voraus. Oder anders gesagt: Fantasy ist alles, was wir uns vorstellen können, ohne Zwang und religiösen Wahn, eine kleine Revolution.

Thomas Morus schreibt 1516 über „Utopia“, eine Insel, auf der Menschen mit Hilfe von Robotern und angeleitet von weisen Männern ein gutes Leben frei von feudalen Zwängen führen.

Der Roman „Gargantua und Pantagruel“ des Mönchs Rabelais ist ebenfalls ein früher Zeuge für die widerständige Kraft der Fantasy. Der Riese Gargantua und sein Sohn erleben allerhand wunderliche und definitiv nicht politisch korrekte Abenteuer und finden eines Tages das versteckte Kloster Thelema, auf dessen Tor geschrieben steht: Tu was du willst!

Rabelais macht bereits im 16. Jahrhundert mittels Phantastik Werbung für den Anarchismus. Denn für ihn sind Menschen, die in Freiheit und mit liebevoller Erziehung aufwachsen, von Natur aus dazu fähig miteinander ohne äußeren Zwang respektvoll und friedlich umzugehen.

Phantastik ist ein Erzählgenre das sich im Roman des 18. Jahrhunderts endgültig herausbildet. Gute Fantasy beinhaltet viel Phantasie, viele Wunder und wunderbare Wesen. Aber Phantastik braucht nicht unbedingt Phantasie, denn die Motive und Kreaturen, an denen sie sich abarbeitet, existieren seit Jahrtausenden. In schlechter Fantasy wird nur das wiedergekäut, was wir eh schon alle zur Genüge kennen.

Ich sage jetzt nicht Harry Potter, aber bei Harry Potter ist das so. Alles ist ein wiederaufgewärmter Strudel von vorgestern, der happengerecht zum Konsum präsentiert wird.

Etwa das Waisen- oder Findelkind Motiv: Ein Kind wird von seiner Geburt an zu einer Machtstellung in der Welt bestimmt. Der Antagonist bemüht sich erfolglos durch eine Reihe von Anschlägen die Entscheidung des Schicksals zu vereiteln. Das Schicksalskind gelangt zu seiner Bestimmung: sein Feind wird besiegt. Die ersten überlieferten Schicksalskinder sind Buddha und König Artus. Aber auch Elora Danan gehört zu ihnen.

Fantasy kann auch Ablenkung sein. Und Wirklichkeitsflucht ist den Herrschenden oft recht. Schlechte Fantasy ist genau das: ein Herrschaftsmittel. Die Aufklärung will das Licht der Vernunft dazu verwenden alle Schatten von der Erde zu verbannen. Alles soll eindeutig und klar werden. Für Kant ist jede Fantasy schlechte Fantasy. Aber von der Revolution hält er nach dem Erhalt seiner Professur auch nichts mehr.

Es stimmt: Mit dem richtigen Licht lässt sich gut sehen. Aber mit Wissenschaft alleine lässt sich keine Revolution machen. Die Romantiker erwidern: Wenn das Licht so auf eine Stelle konzentriert wird, dass die Schatten ganz verschwinden, bleibt alles rundherum im Dunkeln.

Vielleicht liegt das daran, dass Revolution und Phantasie doch etwas gemeinsam haben. Die Phantasie ist eine produktive Kraft. Wer sich vorstellen kann, dass es anders sein kann, der hat zumindest eine Ahnung davon, dass man das, was ist, ändern kann.

Die Romantiker erweitern die Phantastik in die Religion hinein, sie verwenden sie wie ein trojanisches Pferd . Friedrich Schleiermacher schreibt 1797, also kurz vor der französischen Revolution: „Ihr werdet es wissen daß Eure Phantasie es ist, welche für Euch die Welt erschafft, und daß Ihr keinen Gott haben könnt ohne Welt.“ (ÜdR: 72)

Die deutsche Romantik verwendet das Übernatürliche und Wunderbare als Ausdrucksmittel menschlicher Gefühle. Aber auch als Waffe gegen religiöse Fundamentalisten und staatliche Repression.

Die Phantastik dient dazu Phantasie in den Mainstream einzuschmuggeln. Das Phantastische bereitet den Weg für Science Fiction und Superhelden Comics. Es wird zum Mittel das randständige und seltsame, die Außenseiter, ins Zentrum zu rücken. Dass der Batman heute ein „Dark Knight“ ist, verdankt er der Romantisierung des mittelalterlichen Ritters. Dass er ursprünglich in Detective Comics auftrat, verdankt er Arthur Conan Doyle und seinem Sherlock Holmes.

Wir verdanken große Teile der Fantasy des 20. Jahrhunderts den Romantikern. Die Welt des Herrn der Ringe ist genau das: Eine romantische Gesamtschau der frühenglischen Ritternovelle, in Form eines epischen Reiseführers mit Sehenswürdigkeiten und Top-Wanderrouten.

Aber die Fantasy-Welten des 21. Jahrhunderts stammen aus der Feder unzähliger AutorInnen. Anne Rice (Vampire), Fritz Leiber (Schwerter von Lankhmar) und Michael Moorcock (Elric von Melniboné der Albino Elf) in den 1970ern, R. A. Salvatore ab 1988 „The Legend of Drizzt“ (der Dunkelelf). Aus ihren Ideen hat aber nicht nur Joanne K. Rowling ihre Ideen geklaut, sondern auch Andrzej Sapkowski mit seinem Geralt von Riva.

Alle zusammen stehen sie in der Schuld bei einem Bodybuilder namens Robert E. Howard, einem Zeitgenossen und Freund von Harry Hudini und H. P. Lovecraft.

Howard hat das Heldenepos ins 20. Jahrhundert geholt und mit Conan einen Helden erschaffen, der mit seiner pragmatischen Einstellung zu Abenteuern bis heute ein Vorbild für sämtliche Fantasy-Rollenspieler abgibt. Er ist ein Dieb, ein Frauenheld, ein Superspion und ein Schwertmeister, alles in einem. Und wenn er ein Kamel K.O. schlägt, dann hat er seine guten Gründe dafür.

Aber bereits bei Ludwig Tiecks Erzählung „Die Elfen“ von 1811 gibt es eine Vorschau auf Tolkiens Galadriel: Eine große Frau in glänzendem Kleid, warm lächelnd und voller tödlicher Macht. Tiecks Geschichte endet mit dem Tod.

Wir erinnern uns an den Film: „Anstelle eines dunklen Herrschers hättest du eine Königin; nicht dunkel, aber schön und entsetzlich wie der Morgen, tückisch wie die See, stärker als die Grundfesten der Erde. Alle werden mich lieben und verzweifeln!“

Bevor wir jetzt alle anfangen zu weinen: Es gibt auch Funny Fantasy. Also Fantasy, die sich über Fantasy lustig macht. Als würde sie das nicht eh von selbst erledigen.

Der Herr der Ringe ist nicht funny. Und an manchen Stellen fast lachhaft, wie ernst die Protagonisten ihre Ringe und Steine nehmen. Aber eigentlich gibt’s da nichts zu lachen. Und wenn die Protagonisten mal lachen, dann nur weil sie sich nach überstandenen Gefahren lebendig wiedersehen. Tolkien beschreibt, aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrend, eine Welt im Untergang. Und fragt man Winston Churchill, dann hat er damit recht. Großbritannien verliert im Ersten Weltkrieg sein Empire.

Aber niemals den Humor. Oder, um den Bauern Dennis aus „Die Ritter der Kokosnuss“ zu zitieren: „You can’t expect to wield supreme executive power just ‚cause some watery tart threw a sword at you!“ Das sagt er zu König Artur.

Puh!! Empire verloren, aber Humor gerettet. Einige Ritter gibt es also doch noch. Einer davon ist Terry Pratchett, bei dem schon die Ansammlung an Konsonanten in Vor- und Nachnamen einfach zum Spaßhaben anleiten. Diese Namen kann man kaum falsch schreiben. Jedenfalls war Pratchett vor seiner Karriere als Autor im Industriemanagement (Atomkraft) tätig. Und auch das merkt man seinen Büchern an. Er hatte übrigens ein „ausgeprägtes Interesse“ an Orang-Utans und wird von seinen Fans Pterry genannt. (Stummes P von Ptolemaios.)

Terry Pratchett ist das Aushängeschild der Funny Fantasy, ein absoluter Bestseller, dessen Bücher sich, wie Wikipedia sagt „durch die zum Teil überbordende Verwendung von Fußnoten auszeichnen“. Na, wenn etwas Phantasie und Humor in einem zum Ausdruck bringt, dann sind es Fußnoten!

Krampf der Arbeit

Am 1. Mai ist der Tag der Arbeit. Ein Kampftag, wie die Sozialdemokraten gern sagen. Ich war grad in der Stadt spazieren. Gekämpft haben sie nicht. Eher gefeiert, dass wir immer noch arbeiten dürfen. Da ich Arbeit aber nicht feiere, red ich lieber darüber, warum sie sich schon lange nicht mehr lohnt und warum die Kämpfe vielleicht doch wieder aufgenommen werden sollten. 

Kreditinstitute bieten im Durchschnitt 0,71 % Zinsen an. Die Inflation lag 2022 bei ca. 8 % und das obwohl die EZB die Leitzinsen fünfmal in Folge stark erhöht hat. Die Banken, die in der Not Staatsanleihen an die EZB verkauft haben, können jetzt dieses Überschusskapital bei den Zentralbanken zu hohen Leitzinsen abstellen und haben damit im Jahr 2022 27,4 Milliarden Euro eingestrichen. Das sind risikolose Erträge, die die Banken selbst verwenden können. Auf den Konten der Kunden kommt das Geld nicht an. Sie haben neben dem Reallohnverlust durch die Inflation auch noch einen Vermögensverlust zu beklagen.

Die Zentralbanken sind politische Interventionsmaschinen, um die marktliberale Akkumulations-Logik aufrecht zu erhalten. Sie stabilisieren damit die Bereitschaft der Banken zur erweiterten krisenhaften Akkumulation, die in einem Modus vonstattengeht, den Anne Case und Angus Deaton, der Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises von 2015, als „Sheriff of Nottingham Redistribution“ bezeichnen: Politische Protektion wird für die Zwecke der Akkumulation genutzt, um von den Armen zu den Reichen umzuverteilen.

Die EZB richtet sich dabei nicht nach detailliert ausgearbeiteten Notfallplänen, sondern trifft pragmatische Ad-hoc-Entscheidungen (Joscha Wullweber) die zur Zeit von Christine Lagarde angeleitet werden. Sie war vor ihrer Berufung zur EZB, Vorsitzende von Baker McKenzie einer der größten und weltweit bestvernetzten Anwaltskanzleien für Wirtschaftsrecht. Das ist sicherlich eine gute Qualifikation. Aber, ob es die richtige Qualifikation ist, ist eine andere Frage.

Der Trend geht jedenfalls zur Ansammlung von Vermögen bei denen, die es ohnehin schon haben. Angeleitet wird diese Umverteilung von unten nach oben von demokratisch nicht legitimierten Institutionen und Persönlichkeiten, die starke persönliche Interessen mit den Wohlhabenden und Mächtigen verbinden. Die Arbeit spielt dabei nur mehr insofern eine Rolle, als sie sich zur Ausbeutung eignet. 

Es gibt eine Studie über Wege zum Reichtum von Melanie Böwing-Schmalenbrock, in der sie statistisch ermittelt, dass mehr als die Hälfte der reichen Haushalte ihren Reichtum durch Vermögenstransfer erlangt hat. Die Studie ist zehn Jahre alt, aber wir können davon ausgehen, dass sich diese Dynamik seither noch verstärkt hat. Also mindestens die Hälfte derer die reich sind, haben den Zaster geerbt und nicht verdient. Aber damit wir das nicht als ungerecht empfinden, werden wir mittels des Leistungsbegriffs blöd gemacht.

Soziale Ungleichheit wird als natürlich dargestellt, als Voraussetzung für das Funktionieren der Gesellschaft. Der Leistungsbegriff wird entpersonifiziert, die Ungleichheit individualisiert. Armut wirkt dabei als Drohkulisse und Disziplinierungsmittel, anstatt als Anreiz zur Umverteilung. Die profitierende Erbelite schafft dabei durch beständiges Lobbyieren und teilweise durch direkte Regierungsbeteiligung institutionelle und konstitutionelle Strukturen zur Stabilisierung bestehender Macht- und Verteilungsverhältnisse und entzieht diejenigen Maßnahmen der demokratischen Kontrolle, die zur Umverteilung beitragen könnten. (Christoph Butterwegge)

Und während sich die Reichen in Clans organisieren und ihre Interessen geschlossen und mit aller Macht vertreten, sind die Armen desorganisiert und ihre Organisationsstrukturen verödet. Das Brimborium am 1. Mai ist der sichtbarste Ausdruck dieses ritualistischen Zugangs zum sogenannten Arbeitskampf, bei dem die SPÖ-Grand_Innen sich im polierten Nadelstreif der Managerkaste zeigen und dem hilflos abgehängten Proletariat von der Bühne oder durch verspiegelten Limousinenfenstern huldvoll zuwinken. (Achtung Übertreibung.)

Währenddessen sinken hierzulande nicht nur die Reallöhne und die Sparzinsen, sondern es steigen auch die Miet- und Lebensmittelpreise. Und dabei sogar schneller als in vergleichbaren EU-Nachbarländern wie Deutschland. Bei uns sind Lebensmittel ohne plausiblen Grund um 13 % teurer als dort. Da es zwischen Deutschland und Österreich keine Zölle gibt, lässt sich vermuten, dass die Preisunterschiede anders zustande kommen. Etwa durch Absprachen zwischen Supermärkten und daraus entstehendem schwächeren Wettbewerb.

Aber auch die Mietpreise sind Ergebnis politischer Handlungen und Absprachen. Bauland wird gehortet, Wohnungen werden als Investment verwendet. Wie in allen Bereichen gilt, dass nicht nach Bedürfnis produziert, sondern zur Verwertung des Werts beigetragen wird.

Ein Ergebnis davon ist, dass immer mehr Menschen wegen der hohen Preise Konsumkredite aufnehmen. 17 % der Kreditnehmer verwenden mittlerweile Verbrauchskredite zur Umschuldung, weil sie sich den sprunghaften Anstieg der Lebenserhaltungskosten nicht mehr leisten können. Eine wirksame Anpassung der Löhne wird aber nicht einmal von den sogenannten Sozialdemokraten ernsthaft gefordert. In ihrem Grundsatzprogramm sprechen sie sich dafür aus, dass „Leistung sich lohnen muss“. Sie wollen das dadurch erreichen, dass Löhne gerecht sind und dass kein Lohndumping betrieben wird. Ihr Ziel ist „Vollbeschäftigung und faire Löhne“. Lohngerechtigkeit beinhaltet für sie die Forderung nach einem Mindestlohn.

Höhere Löhne fordern sie aber nicht prinzipiell, sondern immerhin, aber nur für Pflegekräfte. Womit wir beim nächsten Punkt wären: dem Pflegenotstand. Wir sind mittendrin.

Kaum ein Beruf ist gefragter, kaum einer notwendiger und wichtiger für die Erhaltung der allgemeinen Gesundheit. Fast eine halbe Million Menschen in Österreich brauchen Pflege, 1,2 Millionen Menschen übernehmen diese. Ständige Überstunden, Nachtdienste, große Verantwortung, geringes Gehalt, führen dazu, dass 2030 76.000 Pflegekräfte fehlen werden.

Aber wo Großbanken die Gehälter ihrer Manager damit rechtfertigen, dass diese schwer zu kriegen sind – „gute Leute sind teuer“ – und vor allem sehr viel Verantwortung tragen, gilt dieses Argument augenscheinlich bei Pflegekräften nicht. Diese kämpfen neben den Reallohnverlusten mit Erschöpfung und Überarbeitung. Zeitgleich findet, angeheizt durch die Inflation, eine starke Umverteilung des gesellschaftlichen Vermögens zugunsten von Unternehmen statt. (Isabella Weber) Aber auch die Corona-Förderungen haben dazu geführt, dass gesellschaftliches Vermögen in großem Maß in die Taschen weniger geflossen ist.

Das, unser Finanzminister Brunner vor dem Opernball im Sacher um 9.500 Euro essen war und dann seine 27.100-Euro-Loge bezogen hat, in der er 3.000 Euro für Getränke verballert hat, ist in dem Zusammenhang nur eine Petitesse. Aber eine die uns vielleicht auf ein wichtiges Charakteristikum der gesamten Problemlage hinweisen kann. Wir werden durch Strukturen beherrscht, die nicht für unsere Bedürfnisse eingerichtet sind und diese sind mit Menschen gefüllt, die in einer anderen ökonomischen Welt leben und mit uns nur teilen, dass sie ihre Ausgaben mit der Ausbeutung unserer Arbeit decken.

Arbeit, immer schon ein Ekzem auf der menschlichen Pobacke, wird immer unerträglicher. Wer für die Arbeit kämpft (Stichwort „Fairness“) anstatt gegen sie, ist jedenfalls nicht auf der Seite der Arbeitenden. Das sollten auch die lieben sozialdemokratischen Politiker_Innen bedenken, wenn sie ihre üppigen Löhne kassieren, ohne dass sich ihre Leistung für ihre Klientel in letzter Zeit gelohnt hätte.

Das faule Obst, die faule Stadt und der Rassismus

Wenn sich besorgte Bürger zusammenrotten, dann ist meist etwas faul. Es kursiert zur Zeit ein Video in dem das Faulwerden der Bürger wie in der Zeitrafferaufnahme einer verrottenden Obstschale sichtbar wird.

Da stehen drei Herren auf der Straße, die vom Styling her fix in Hernals oder Währing wohnen und unterhalten sich über die Zustände in Favoriten. Angeblich ein besorgter Bürger inmitten zufällig ausgewählter Passanten. Aber überraschend schnell einigt sich diese absolute Zufallszusammenkunft auf ein gemeinsames Motto: Favoriten ist zu einer Gegend geworden, in der man sich nicht mehr frei bewegen kann. Nachts kann man nicht mehr raus. Wer will noch so leben?

Woran‘s liegt, erfährt man in einem anderen Video desselben habituell besorgten Zufallsspaziergängers. Am Brunnenmarkt haben „Syrer, Afghanen, Araber die Macht übernommen“. Das klingt gefährlich. Die Macht von Markstandlern darf ja nicht unterschätzt werden.

Ich arbeite in Favoriten. Viele meiner Kunden wohnen dort. Ich geh oft über die Favoritenstraße und sie ist laut und schrill und es ist viel los. Und es gibt Stellen an denen sich stark Betrunkene und Drogensüchtige versammeln, wo gedealt wird und Waffen zum Vorschein kommen. Ich habe in einer Seitengasse auch schon einmal das Abfeuern einer Pistole in unmittelbarer Nähe gehört. Und glaubt mir, das klingt anders als ein Böller. Ich kenne einige der Syrer, Afghanen, Araber die dort leben. Sie selber sagen manchmal, dass es heiß hergeht an manchen Ecken der Favoritenstraße. Erst gestern hat mir jemand vom Durchladen einer Handfeuerwaffe als Drohgeste auf offener Straße erzählt. Er hat auch gesagt, dass er seine Tochter jeden Tag in die Schule bringt und wieder abholt, weil er sich Sorgen um sie macht. Hätten er und die anderen vom besorgten Faulobst denunzierten Menschen wirklich die Macht übernommen, gäb‘s dort wahrscheinlich keine Drogenkriminalität. Könnten sie bestimmen, würden sie nicht mit gefährlichen Kriminellen zusammenleben.

Marktstandler zu sein ist kein Verbrechen. Drogenhandel mit Waffeneinsatz ist ein Verbrechen. Aber kein syrisches, afghanisches oder arabisches. Ja sicher, der Straßenhandel rund um die Gumpendorfer Straße Anfang der 90er Jahre wurde statistisch hauptsächlich mit Personen aus den Balkanländern und der Türkei in Verbindung gebracht. Während der Handel mit Drogen entlang der U6 bis 2000 (Operation Spring) mehr so genannten Afrikanern zugeschoben wurde. Über die dahinterstehenden Zahlen kann man vermutlich diskutieren. Aber es ist schändlich ganze Menschengruppen als Verbrecher abzustempeln, nur um sich billige Klicks und ein paar Stimmen für die Wahl abzuholen. Vor allem wenn dadurch nicht einmal ansatzweise geklärt ist, woher die Drogen denn überhaupt kommen, die dann von Menschen auf der Straße verkauft werden. Denn eines ist klar, die Vertreibung der kleinen Dealer von einem Viertel in das nächste, löst das Drogenproblem in einer globalen Welt nicht einmal ansatzweise.

Überhaupt, wie kann man im Kapitalismus an den Standeln von Händlern vorübergehen und live auf Sendung sagen es ginge dabei um Kultur? Und warum sagt man das in Bezug auf kriminelles Verhalten überhaupt, wenn man es doch selber besser wissen müsste. Wenn vor allem evident ist, dass die absolute Mehrheit der Menschen in Favoriten und am Brunnenmarkt, egal woher sie kommen, anständige Menschen sind.

Wer hat denn dafür gesorgt, dass die Drogenproblematik aus den inneren Bezirken in die äußeren verdrängt wurde?  

  • 1990-2011 Karlsplatz
  • 2002-2010 Schottenring bis Schwedenplatz
  • 2007-2008 Philadelphiabrücke
  • 2015-2016 Burggasse, Josefstädterstraße bis Thaliastraße

Weg vom Tourismus, dem lobbyierenden Groß-Handel, oder dem Naserümpfen gut vernetzter Anrainer?

Naja, es war die Polizei. Und dass es jetzt keine großen und weit sichtbaren Handelsplätze mehr gibt, bedeutet nicht, dass nicht mehr mit Drogen gehandelt wird. Fein verteilt auf weite Gebiete, Seitenstraßen und Gegenden bei denen die Stadtregierung und die Polizei habituell weniger interessiert, ob es sich gut leben lässt oder nicht.

Bleibt noch die Frage zu klären, von welchem Obst geht die Fäulnis im Besorgnis-Videokorb aus? Überraschung: vom ganzen Obst. Die angegatschte Banane in der Mitte ist der Chef und die Weintrauben links und rechts sind seine Mitarbeiter und keineswegs zufällig vorbeikommende Passanten.

Und besagter Chef, auch ein Karl, der jetzt ÖVP-Landeschef von Wien ist, war davor bis 2012 auch einer der wichtigsten Polizisten dieser Stadt. Sollt‘ er nicht besser wissen, worum es geht? Hätt er nicht gegensteuern können gegen solche Entwicklungen in Favoriten? Das passiert ja nicht über Nacht. Könnte man nicht umgekehrt fragen, warum der Polizei in Wien das Wohl der syrischen, afghanischen, arabischen Kinder nicht so viel Wert ist, wie das reibungslose Ablaufen der Souvenirgeschäfte am sanierten Karlsplatz?

Richard Sennett schreibt in seinem wunderbaren Buch über die moderne Großstadt, die als Schauplatz des Lebens durch die Inszenierung von Konsum und Tourismus trivialisiert wird: Das Leben selbst verödet in ihr. Es werden Räume geschaffen, welche die Bedrohung durch sozialen Kontakt ausschalten. „Straßenfronten aus Spiegelglas, Autobahnen, die arme Stadtviertel vom Rest der Stadt abtrennen, Siedlungen, die nur als Schlafstädte taugen“. In der Stadt, die verwalterisch auf polizeiliche Planquadrate reduziert wird, werden die gesellschaftlich missliebigen Handlungen mit exekutiver Gewalt von einem Planquadrat ins andere geschoben, ohne nach Lösungen für die Ursprünge der Misere zu suchen.

Während die als wichtig deklarierten Plätze lückenlos mit Videokameras überwacht werden, bleiben die sogenannten Brennpunkte außerhalb des Fokus. Dabei könnte man sich das Geld für ein Videoüberwachungssystem bald sparen, wenn man mehr in die Chancen von Kindern investieren würde, als in die Pfründe von Altpolitikern, die es sich sowieso richten können.

Auch die Gestaltung öffentlicher Plätze ist außerhalb der touristischen Zonen nicht darauf ausgelegt Kindern eine schöne Stadt zur Verfügung zu stellen. Stattdessen werden die Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum immer unbenutzbarer gemacht, weil sie Wohnungslose davon abhalten sollen auch nur eine Minute Atem zu schöpfen.

Henri Lefèbvre hat schon in den 1970er-Jahren beobachtet, dass der Raum, in dem wir leben, produziert wird. Wir schaffen uns unsere eigene Obstschale. Aber das faule Obst ist nicht immer dort, wo es die gatschige Banane uns einreden will.

Der Herr Karl

Also, der Karl Nehammer hat eine Rede zur Lage und Zukunft der Nation gehalten. Österreich ist in seiner Sicht ein Autoland. Da hat er Recht. Das Schlimme an der Aussage ist, dass er das nicht ändern will. Aber Autofahren ist jetzt wirklich nicht mein Hauptproblem. Weil, was er sonst noch gesagt hat, ist zu schäbig, um es nicht wiederzugeben. Er will Ausländern die Sozialleistungen kürzen und prinzipiell das Arbeitslosengeld „reformieren“. Das bedeutet senken. Denn, der Gebetsmühlenspruch der Privilegierten ist: Leistung muss sich lohnen. Aha Leistung. Na gut. Was war denn eigentlich die Leistung vom Karl?

Eigentlich muss ich im Kreis speiben. Aber ich beherrsch mich und schau mir lieber den Korruptionsindex 2021 von Transparency International an. Dort hat Österreich seit 2020 zwei Punkte eingebüßt. Wir sind also korrupter geworden. Und mit wir mein ich diejenigen, die es sich eh bisher auch schon immer gerichtet haben und für die ja ohnehin die gesamte Politik in diesem Land gemacht wird.

Die Korruption kostete uns 2016 12,0 Mrd. Euro, 2017 12,8 Mrd., 2018 11,9 Mrd., 2019 13,5 Mrd., 2020 14,4 Mrd. und 2021 15,2 Mrd. Also eine Steigerung von 3,2 Mrd. Euro in 7 Jahren. Das muss man politisch auch mal hinkriegen. Vor allem wenn das von der Partei kommt, die ja nicht nur die gesamte Wirtschaftskompetenz für sich beansprucht, sondern auch noch ständig mit dem Kampf gegens Budgetdefizit Wahlkampf macht. Aber statt Korruption zu bekämpfen hungern sie lieber den sozialen Bereich aus. Klar in die Gefahr mal auf Notstand angewiesen zu sein kommt ja von den Wohlversorgten niemand. Und wie wir aus mehreren vergangenen Regierungen wissen lässt sich ja mit ein bissl Korruption so einiges dazu verdienen. Auch wenn manchmal die verdutzte Frage, wos eigentlich die eigene Leistung woar, kommt.

Von jemandem der so eine Korruptionsentwicklung durchgehen lässt, erwartet man sich doch, dass er sehr bescheiden auftritt. Ich nehms gleich vorweg, tut er nicht. Aber dazu später noch mehr.

Damit man sich vorstellen kann, wie das vor sich geht, schau ma mal die Corona-Hilfen an. Kein Land in Europa hat dafür so viel ausgegeben wie Österreich. Und natürlich ist dieses Geld treffsicher bei denen gelandet, die die meiste Unterstützung brauchen. Also bei den Alleinerziehenden, bei den Eltern, die während Corona monatelang ohne Unterstützung der Schulen Heimunterricht machen mussten, weil die Schulen aufgrund der ständig Sparerei überhaupt nicht auf digitalen Unterricht vorbereitet waren. Bei den Selbständigen die aus dem Homeoffice nur ausgestattet mit ihrem Laptop als Arbeitsmaterial unter großem Stress alternative Einkommensquellen für ihre vorübergehend verbotenen wirtschaftlichen Aktivitäten suchen mussten. Gell?

Nein?

Oh ok. Bei wem ist das Geld denn dann mehrheitlich gelandet?

Bei eindeutig nicht mit ÖVP-Politikern befreundeten Gastronomen und Milliardären wie Martin Ho (2,78 Mio.) oder Rene Benko (10,2 Mio.) zum Beispiel. Na gut aber wenigstens nicht bei Glücksspielkonzernen oder steuerverweigernden Kaffeehausketten. Oder?

Nein natürlich nicht. Nur bei Novomatic (2,2 Mio.), und bei Starbucks die gleich 280-mal mehr Geld abgeräumt haben als sie Steuern zahlen.

Achja, und die Schilifte, die ja wirklich vom Unglück gebeutelt waren während Corona, weil sie ständig geschlossen waren und daher massive Verluste … ähm Moment, ich google kurz … also die Planai-Hochwurzen-Bahnen konnten ihre Gewinne während des Lockdowns 2020 um 12 Prozent steigern. Hmm, na das wird eine Ausnahme gewesen sein. Jedenfalls hat der tüchtige Geschäftsmann und Hotelier Franz Hörl während der drei Corona Jahre 1,5 Mio. Euro Förderung erhalten. Der hat es wirklich gebraucht, weil … Moment, ich schau das auch noch nach … er 2020 einen Rekordgewinn gemacht hat. Verstehe. Das wär ja seltsam, wenn der irgendeine Verbindung zur Regierungspartei haben würde … einen Moment … er ist ÖVP-Abgeordneter.

Na gut. Ok, das ist jetzt nicht schön, aber die Geförderten haben sich ja dafür alle dann solidarisch verhalten und waren nicht auch noch neoliberale Ungustln nach der großzügigen Förderung aus Steuergeld. Ich mein, dass der Benko die Mitarbeiter von Kika-Leiner 7 Wochen in Kurzarbeit geschickt hat und gleichzeitig 9,2 Mio. Förderung beantragt hat, während er die Gewinne der Möbelhäuser um 4 Prozent gesteigert hat, kann man ja angesichts der Tatsache, dass er sich gleichzeitig einen Gutshof um 30 Mio. Euro kaufen musste, leicht verstehen.

Ich sag jetzt nicht, dass Korruption ein reines Österreich-Phänomen ist. Vielleicht erinnert sich jemand noch an die NGO „Fighting Impunity“ vom ehemaligen EU-Abgeordneten Panzeri? Dieser hat mit seinen Connections in Brüssel offiziell Lobbyarbeit für die Verfolgung von Kriegsverbrechen gemacht. Inoffiziell eventuell auch für einen anonymen „Staat am Persischen Golf“. Jedenfalls wurden bei Hausdurchsuchungen 1,5 Mio. Euro in bar sichergestellt. Die waren natürlich für die Verfolgung von Kriegsverbrechern dort. So viel Geld kann man ja ablegen wo man will, das arbeitet ja förmlich von selbst. Der sicherlich unbegründete Vorwurf gegen die Beteiligten lautet: Korruption, Geldwäsche, Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Eva Kaili, die selbstverständlich nicht daran beteiligt war, hat wegen der Unbeteiligtheit ihren Vater angewiesen mit Bargeld in einem Rollkoffer zu flüchten. Wie Unschuldige es halt so machen. Die berühmte Unschulds-Rollkoffer-Bargeld-Flucht sagt ja schließlich jedem etwas. Spätestens seit der Strache-Sporttaschen-Kofferraum-Russland-Connection.

Aber Scherz beiseite. Die Leistung vom Karl ist bisher unter anderem, dass er in seinem Ressort einen Terroranschlag nicht verhindert hat. Der Täter war vorbestraft und der Staatsschutz wusste, dass er Islamisten aus Deutschland und der Schweiz in Wien traf und in der Slowakei vergeblich versucht hatte, an Munition zu gelangen. O-Ton: „Glück gehabt. Musste keiner was arbeiten. Puh. Arbeit ist ja was für die Leute denen wir das Geld abknöpfen und nicht für uns Zuständige.“

Die Untersuchungskommission zum Terroranschlag kam zum Schluss, dass bei Missstände herrschten. Bei der Risikobewertung für Gefährder im Verfassungsschutz habe es, ebenso wie bei der Datenverarbeitung und dem Informationsfluss zwischen den Behörden, Mängel gegeben.

Ich denke, dass einer von den Menschen denen der Karl jetzt auch noch die letzten Sicherheiten nehmen will, für so ein Versagen sofort gefeuert worden und beim AMS gelandet wäre. Aber was mich viel mehr beschäftigt, ist dass wir eine Politik (mit Grüner Beteiligung) haben die, angesichts der Inflation und rasender Preissteigerungen, in allen Lebensbereichen darüber nachdenkt Sozialleistungen und Arbeitslosengelder zu kürzen anstatt LÖHNE ZU ERHÖHEN!

Wie niedrig und verlogen muss man sein, dass man aus der Fanboypartei von Hayek und Mises kommt und ständig von Leistung und Angebot-Nachfrage salbadert und einen Fachkräftemangel beklagt, und dann nicht bereit ist den begehrten Fachkräften höhere Löhne zu zahlen? Was ist denn mit den Krankenschwestern und Pflegern die überall händeringend gesucht werden und ihren Gehältern? Warum steigen die nicht? Was ist da los? Laut dem Naturgesetz des Marktes dürfte das doch kein Problem sein. Die Leistung dieser Politik ist jedenfalls vergleichbar mit einer Fata Morgana. Bescheidenheit wäre mehr angebracht als die zur Schau gestellte Unmenschlichkeit. Aber darauf können wir warten bis die ÖVP wieder schwarz wird.

So, jetzt wisch ich die Speiberei zusammen und geh Mittagessen.

Die Habsburgergsichter und die EU

Der Böhlau Verlag war so freundlich mir ein Buch zur Rezension zuzusenden, das ich wirklich nur wegen seines Titels ausgewählt habe. „Das Habsburgerreich – Inspiration für Europa?“ von Caroline de Gruyter ist aber über den Titel hinaus auch beim Lesen ein Machwerk besonderer Art.

Das Buch beginnt mit dem Mann, über den das Habsburgerreich und Europa „miteinander verbunden“ sind. Otto Habsburg, dem „echten Europäer“ der am Ende „vier Staatsbürgerschaften besaß“ und acht Sprachen sprach – von denen de Gruyter ausschließlich Ungarisch und Latein erwähnenswert scheinen. Ja wer denkt nicht bei Ungarisch an die demokratischen und rechtstaatlichen Stärken der europäischen Union? Wer lässt sich nicht gern die Artikel der europäischen Menschenrechtskonvention auf Lateinisch vorlesen, wie in einer guten katholischen Messe? Bekanntermaßen ist ja nicht nur der Papst katholisch, sondern auch das Haus Habsburg und wen wundert es da noch, dass sich Otto Habsburg, dieser Europäer von Sonderformat, gerade nach 1945, also nachdem die Nazis gerade einmal mühsam niedergerungen worden sind, der Mission verschrieben hat Mittel- und Osteuropa von den Kommunisten zu befreien. Habsburger oder nicht, Otto war sichtbar gelernter Österreicher.

„Bis heute gibt es Österreicher, die Angst davor haben, dass die Russen zurückkommen.“ Natürlich, vor der Rückkehr der Nazis braucht man sich nicht mehr zu fürchten, die sitzen ja bis heute im Parlament. Dementsprechend sind auch dem Nachfolger Ottos, Albrecht Hohenberg, bis heute eher die Sozialisten unheimlich, denen er als einzige Partei „immer noch nicht traut“.

Wohl deshalb, weil sie gemeinsam mit ihrer bösartigen Republik „den österreichischen Habsburgern fast alles genommen haben.“ Ein trauriges Schicksal von dem der arme Mann da in seinem „bescheidenen weißen Haus“ zu berichten weiß. Zuerst wurde die Familie enteignet und jetzt werden die ganzen schönen Paläste, die weitgehend durch Sisi und Franz noch persönlich im Schweiße ihres Angesichts und jedenfalls nicht auf Steuerkosten durch Leibeigene erbaut worden sind, als Attraktionen genutzt. Bitter könnte man werden, aber als königliche Hoheit fügt man nur leise flüsternd hinzu: „Aber das gehört denen ja nicht.“ Hihi. Eh nicht. Aber euch auch nicht.

Da die „Geschichte von den Gewinnern geschrieben“ wird, ist den Habsburgern im Geschichtsunterricht natürlich viel Unrecht widerfahren. Dabei war der Kaiser ein guter Arbeitgeber. In einer Zeit da „Wohnraum knapp war“ und sich kaum jemand eine Wohnung leisten konnte, stellte der Kaiser bereitwillig Wohnraum zur Verfügung. Er war zwar ein „altmodischer Patriarch“, der sich auf „die blinde Ergebenheit“ seiner Untergebenen verließ. Beinahe so, als wäre er nicht nur ein liebevoller Arbeit- und Wohnraumgeber, sondern ein absolutistischer Monarch gewesen. Aber er sorgte auch für „finanzielle und soziale Sicherheit“. Einen Kollektivvertrag gab es dafür natürlich nicht. Also eine Sicherheit bis auf Widerruf. Dementsprechend ist für den Diplomaten Eduard Habsburg auch der größte Unterschied zwischen EU und Habsburgerreich, „(d)ass die EU keinen Kaiser hat.“ Also niemanden der auch nur für das Nötigste sorgt, was blind ergebene Untergebenen eigentlich zustehen würde.

Scherz beiseite, natürlich haben Habsburgerreich und EU auch etwas gemeinsam. Einen „Binnenmarkt, eine Zollunion und eine einheitliche Währung“. Aber de Gruyter kennt ihr Publikum und ändert, unmittelbar nachdem es zum ersten Mal interessant hätte werden können, das Thema.

In diesem Fall offenbart sich eine weitere Eigenheit des Umkreises, in dem sich die Autorin auf der Suche nach dem Zauber des Habsburgerreiches bewegt. Der nächste Gesprächspartner begrüßt sie mit „einem eleganten mitteleuropäischen Handkuss, der hierzulande durchaus noch sehr verbreitet ist.“ Echt? Dort wo ich essen geh, bin ich meistens froh, wenn die Kellner den Suppenteller nicht mit dem Daumen in der Suppe am Tablett halten.

Neben diesem nostalgisch romantisierenden Blick auf Österreich und seine wenig glorreiche Vergangenheit stehen auch einige sehr treffende Beobachtungen. Dass Maria Theresia durch ihre Reformen einen „Sozialstaat avant la lettre“ einführen wollte. Dass sie dafür, wie auch ihre Nachfolger „eine seltsame Mischung aus Autoritarismus und Wohlwollen“ einsetzte und dass Österreich seitdem und immerdar durch Beamte zusammengehalten wurde.

Beim Gespräch mit dem Habsburg-Experten Richard Bassett kommt die These von den Gemeinsamkeiten von EU und Habsburgerreich zum ersten Mal richtig ins Straucheln. Vielleicht weil Bassett Historiker ist und weiß, wovon er spricht. „Sie schreiben das falsche Buch.“ „Aha.“

Peinliche Stille. Daraufhin eine genaue Beschreibung, wie sie bei den bisherigen Gesprächspartnern ausgelassen wurde. Bassett küsst nicht die Hand, hat kein gewinnendes Lächeln, oder eine sympathische Ausstrahlung, die ihn trotz absurder Aussagen noch sympathisch wirken lässt. Bassett ist Mitglied im „Männerclub“ und während er spricht, laufen ihm „regelmäßig kleine Schweißtröpfchen“ übers Gesicht.

Was nicht heißt, dass Bassett nur durch brillante Aussagen glänzt. „Unser Krieg ist der Brexit.“ Ok. Aber am Ende des Gesprächs gibt es wenigstens ein kleines Indiz dazu in welchen Kreisen sich die handküssenden Welteuropäer bewegen. „Wir verlangen die Rechnung. Wir haben vier große Flaschen Sprudelwasser getrunken. Aber der Kellner will kein Geld annehmen. Er entschuldigt sich für die Hitze …“. Ja, also, nicht in Wien.

Darauf folgen wieder einige interessante Einsichten und sogar ein witziges Gespräch mit einem selbstreflektierten Späthabsburger. Und als Krönung (vastehst?) die launige Beschreibung des Empfangsbereichs der EU-Kommission: ein „Ikea-Tisch auf einem abgetretenen Teppich und eine Haufen Stromkabeln“ über die man stolpern konnte. Das Einrichtungs-Äquivalent einer Macht „die nicht an sich selbst glaubt.“ EU und Habsburgerreich beide auf ihre Art Soft-Powers, „die nicht wirklich aggressiv und kriegslustig“ sein durften und dürfen. Der Unterschied vielleicht, dass das Habsburgerreich „liebenswerter“ erscheint. Zumindest in der Rückschau.

Es gibt einige gute Gedanken in diesem Buch. Sie verschwinden allerdings hinter dem Wulst an Habsburgernostalgie und Österreichvernarrtheit, der aus der Entwicklung der Ideen der Autorin an vielen Stellen ein „Fortfretten und Fortwurschteln“ werden lässt. Zumal ja die Idee nicht neu ist.

Novalis Vortrag „Europa“ stammt aus dem Jahr 1799. Darin bezieht er sich positiv auf das so genannte Mittelalter, Heiligenverehrung, priesterliche Gelehrte. Auf die Herrschaft christlicher Könige im Rahmen eines goldenen Zeitalters, das noch nicht durch Rationalismus und Materialismus befleckt war. Er setzt die Liebe zur Kirche als Wahrung der Einheit der europäischen Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Novalis will eine europäische Friedensgemeinschaft, die eine Vorstufe zur Weltgemeinschaft sein könnte. Für ihn ist sie verbunden mit dem Christentum, das als poetische Weltreligion die Idee des Friedens in die ganze Welt verbreiten soll. Was dann ja auch geschehen ist. Nur halt nicht mit Liebe und nicht zum Zweck des Friedens.

Aber vielleicht sagt das Buch ja weniger über die Qualität der Monarchie aus, als über die Mängel der EU?

Demokratie findet heutzutage im Spannungsfeld von sich radikalisierenden demokratischen und nichtdemokratischen Normen statt. Demokratische Verhältnisse müssen mehr und mehr diskursiv inszeniert werden. Die EU ist noch weiter, sie simuliert Politik nicht einmal mehr. Die demokratische Existenz wird hier nicht durch eine im breiten Rahmen partizipierende Masse, sondern einer Elite bestimmt. Ergebnis davon ist, dass weite Teile der Bevölkerung von den demokratischen Institutionen nicht, oder bestenfalls zufällig, vertreten werden.

Vielleicht meint die Autorin ja, dass wir es bei der EU mit einem Elitenprojekt zu tun haben, das im Gegensatz zum Haus Habsburg den Makel hat, gesichtslos und unsympathisch zu sein? Dann stellt sich nur die Frage wie gut die Habsburgergsichter heutzutage noch aussehen? Davon kann sich jeder selbst ein Bild machen.

Herr Kocher denkt um

Wenn etwas umgeht, dann ist es meistens ein Gespenst. Beim aktuellen Arbeitsminister geht das Denken um, wie ein Gespenst. Es ist gruselig, was er denkt, und das liegt an ihm.

Es gibt Berufe, die sind so erfreulich und so wenig anstrengend, dass man sie bequem bis ins hohe Alter machen kann. Interessanterweise sind es nicht unbedingt die qualifiziertesten Berufe. Oft sind es solche, die damit verbunden sind, dass man mit einem bestimmten sozialen und ökonomischen Kapital ausgestattet ist.

Um es konkret zu machen. Es gibt viele handwerkliche oder technische Berufe, die ein hohes Qualifikationsniveau erfordern. Es braucht aber auch eine anspruchsvolle Ausbildung und ein hohes Maß an persönlicher Kompetenz um Kinderpädagoge, Sozialarbeiter oder Lehrer für Jugendliche zu sein.

Als Ziviltechniker trägt man Verantwortung für die Gebäude, die man errichtet und ist für Jahrzehnte haftbar, wenn sie aufgrund statischer Mängel defekt werden oder gar zusammenbrechen. Als Pädagoge, Pfleger oder Sozialarbeiter trägt man Verantwortung für viele Menschen. Man trifft jeden Tag lebenswichtige Entscheidungen.

Diese Berufe sind aber bei weitem nicht so gut bezahlt und so angesehen, wie solche die mit der Grundausstattung des sozialen und ökonomischen Kapitals verbunden sind. Dazu gehören vor allem Berufe, die gewohnheitsmäßig von einer Elite geteilt werden. Es geht um Universitätsprofessoren, hohe Beamte, höheres Management und Politik. Sie alle haben gemeinsam, dass sie familiär vererbt werden können. Zwar nicht die identische Anstellung und Beschäftigung, aber der Status und die damit verbundenen privilegierten Zugänge zu weiterer Anstellung. Die Kinder von Professoren werden oft selbst welche. Aber auch Bankchefs vererben ihre Stellen indirekt. Der in Österreich weltberühmte Bankmanager Andreas Treichl ist der Sohn des Bankiers Heinrich Treichl.

Alle diese Berufe haben folgende Charakteristika gemeinsam: Es geht nicht um körperlich oder psychisch anstrengende, sich ständig wiederholende Tätigkeiten. Es sind keine Tätigkeiten, bei denen es zu starken Abnutzungserscheinungen kommen kann. Es sind keine Tätigkeiten, die perspektivlos, ermüdend, erschöpfend sind. Es sind Tätigkeiten, in denen es Abwechslung gibt. In denen unangenehme Bereiche an Untergebene delegiert werden können. Es sind Tätigkeiten mit hohen Gehältern, hohem Prestige und viel Selbstbestimmung. Es sind Jobs bei denen ein nettes Gespräch bei gutem Essen in einer sehenswerten Location als Arbeitszeit geschrieben werden kann.

Herr Kocher ist aus einer klassischen akademischen Karriere direkt in die Politik gewechselt. Er hat sich sein Leben lang akademisch mit dem Leben der Menschen auseinandergesetzt. Er hat Drittmittel eingeworben und Anträge verfasst. Er hat sich intellektuell mit der Welt auseinandergesetzt. Was er sehr wahrscheinlich nicht getan hat, ist eine eintönige unerfreuliche Arbeit abzuleisten, um sich mit einem Mindestlohn gerade mal das Nötigste leisten zu können.

Aber er hat Expertise und daher denkt er Gedanken, die akademisch im schlechtesten Sinn, nämlich artifiziell sind, wie Frankensteins Monster, und Menschen mit realer Arbeitserfahrung kommt das Gruseln. Der Gedanke etwa, dass Teilzeitbeschäftigte noch weniger Sozialleistungen erhalten sollen, ist ein Schlag ins Gesicht aller Frauen – 80% von ihnen sind aufgrund der unhinterfragten patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen Teilzeitbeschäftigte –, Alleinerziehenden, aller chronisch Kranken, aller pflegenden Menschen, aller Menschen die mehr vom Leben wollen als nur einen Job. Die Frauenarmut scheint in seiner wirtschaftswissenschaftlichen Karriere bisher keine Rolle gespielt zu haben.

Kocher warnt vor „langfristigen Folgen“ der Teilzeitarbeit. Die langfristigen Folgen von körperlich und psychisch stark belastenden Vollzeitarbeiten scheint er nicht sehen zu können. Weiß Herr Kocher wovon er da redet? Was wird auf den Wirtschaftsuniversitäten geforscht? Es klingt fast so als wäre die akademische Ökonomie weitgehend auf den Hund gekommen, als würde irgendein ideologischer Mist erforscht um die antisozialen Aussagen reaktionärer Politiker zu bestätigen. Oder spricht hier jemand im Namen der Parteiräson wider besseres Wissen?

Kocher, der ja vor einiger Zeit schon das Arbeitslosengeld als zu hoch kritisiert hat, findet jedenfalls der Druck auf die durch schlechte gesellschaftliche Bedingungen, niedrige Einkommen und patriarchalische Ignoranzstrukturen ohnehin Deklassierten reicht noch nicht aus. Er will offenbar auch den Druck durch die Arbeitsbedingungen selber noch weiter erhöhen, indem er langfristig weniger dafür bezahlen will. Oder worauf soll die Aussage hinauslaufen, dass bei den Sozialpartnern ein Umdenken stattfinden wird müssen, „weil ältere Arbeitnehmer am Ende ihrer Erwerbstätigkeit kollektivvertraglich oft mehr verdienen und damit teurer sind“?

Sein rein theoretischer Zugang zu echter Arbeit zeigt sich vor allem in einer Aussage wie dieser: „Aus wirtschaftlicher Betrachtung zahlt es sich jedenfalls aus, länger zu arbeiten.“ Ja schon, aber aus gesundheitlichen Gründen geht sich in vielen Berufen Arbeit ab einem gewissen Alter nicht mehr aus. Es ist eine der Grausamkeiten der Geschichte, dass in dieser Misere diejenigen für die allgemein bindenden Entscheidungen zuständig sind, die aufgrund ihrer Position gar nicht verstehen wollen, worum es eigentlich geht. Arbeit adelt eben nur, wenn man schon adelig ist.

Kocher hat mittlerweile zurückgerudert, aber er landet wieder in einer Denksackgasse. Sozialleistungen kürzen als Druckmittel um mehr Menschen in die Vollzeitarbeit zu zwingen ist immer noch seiner Weisheit letzter Schluss. Aber er will als der paternalistische Vordenker gesehen werden der er wirklich ist und ergänzt so unbeholfen wie es einem Mann seines Kalibers eben möglich ist: „Mütter und Frauen sind tabu“.