„Diese Stadt ist ein Schrei. Sie ist high und modern.“ Vom Drogenhotspot zum urbanen Kulturraum. Ein Gespräch mit Rabia Gürsoy über die Entwicklung der Drogenszene am Karlsplatz in Wien.

Stefan: Du schreibst, Städte sind Orte an denen soziale Probleme sichtbar werden. Woran liegt das?

Rabia: Städte sind irgendwo die größte Bühne für soziale Interaktionen. Es gibt große öffentliche Räume, in denen Menschen aus unterschiedlichsten Lebensrealitäten aufeinandertreffen. Genau an diesen Orten werden soziale Probleme sichtbar, weil auch marginalisierte Gruppen diese offenen Räume nutzen. Ein Großteil von Drogenkonsum passiert eigentlich im privaten Raum und bleibt damit unsichtbar, während sogenannte „offene Drogenszenen“ erst dann als Problem wahrgenommen werden, wenn sie im öffentlichen Raum stattfinden. Wenn nun immer dieselbe Gruppe an alkoholkonsumierenden oder drogenkonsumierenden Personen täglich an einem Ort präsent ist, wird das zwangsläufig von anderen Menschen wahrgenommen. Und genau ab dem Moment, wo etwas sichtbar wird, wird es auch gesellschaftlich problematisiert. Das hat also weniger damit zu tun, dass etwas passiert, sondern wo es passiert. Würde derselbe Konsum in den eigenen vier Wänden stattfinden, würde er kaum Aufmerksamkeit bekommen und wahrscheinlich auch nicht als soziales Problem diskutiert werden. Öffentliche Formen von Konsum wirken automatisch „problematischer“, obwohl Drogenkonsum eigentlich in allen sozialen Schichten vorkommt. Man vergleicht also einen sichtbaren, kollektiven Konsum im öffentlichen Raum mit einem unsichtbaren, individuellen Konsum im Privaten und bewertet ihn dadurch ganz anders.

Stefan: Ich seh am Karlsplatz junge Familien und Bobos beim Konsumieren. Was zeichnet einen urbanen Kulturraum aus?

Rabia: Wenn man jetzt von einem urbanen Kulturraum spricht, dann geht es nicht nur darum, dass dort Kultur im klassischen Sinn stattfindet (also Kunst, Musik etc.), sondern auch darum, wie dieser Raum sozial genutzt und wahrgenommen wird. Gerade am Karlsplatz sieht man das extrem gut. Der Ort war ja lange Zeit stark mit der offenen Drogenszene verbunden und wurde teilweise sogar als „Angstraum“ wahrgenommen. Ein urbaner Kulturraum ist also nicht einfach „da“, sondern wird aktiv produziert, durch Stadtplanung, durch politische Entscheidungen und auch durch die Menschen, die ihn nutzen. Und dabei spielt immer auch eine Rolle, welche Gruppen dort erwünscht sind und welche eher verdrängt werden.

Ein urbaner Kulturraum ist vor allem dicht besiedelt und genau dadurch ein Ort, an dem verschiedene Lebensstile aufeinandertreffen. Er wird nicht nur von einer bestimmten Gruppe genutzt, sondern von ganz unterschiedlichen Personen und auch auf ganz unterschiedliche Arten. Also nicht alle nutzen den Raum gleich, sondern je nach Lebensrealität, Ressourcen und Interessen. Am Karlsplatz gibt es eine Kopräsenz von ganz unterschiedlichen Gruppen: Tourist*innen, Jugendliche, Pendler*innen und auch Drogenkonsument*innen.

Junge Familien oder sogenannte Bobos die konsumieren, fallen im öffentlichen Raum meistens nicht negativ auf. Ihr Verhalten wird nicht als störend wahrgenommen, obwohl es im Kern vielleicht gar nicht so unterschiedlich ist.

Stefan: Die so genannten Bobos (David Brooks nannte sie „Kapitalisten der Gegenkultur“) sind völlig an die Konsumwelt assimiliert. Die Droge, die da konsumiert wird, ist meist Cannabis. Konsumfreie Zonen werden aber auch immer seltener. Zu beobachten momentan am Donaukanal, wo die konsumfreien Sitzplätze ohne Rückenlehne auskommen müssen und sich am äußeren Rand der umfangreichen Gastronomie befinden. Da sieht es um die Salztorbrücke mittlerweile aus wie auf der Reeperbahn in Hamburg.

Rabia: Das zeigt eigentlich ganz gut, dass dieser „inklusive“ urbane Kulturraum in der Realität oft doch ein Raum ist, der stärker für bestimmte soziale Schichten funktioniert als für andere. Ich kann es fast gar nicht anders sagen, aber das Stadtbild wird durch Bobos nicht „gestört“. Es gibt eben immer und überall Verhaltensregeln und soziale Normen. Wer diesen nicht entspricht, gilt als abweichend und wird dann auch schneller als störend wahrgenommen. Deswegen stören manche Menschen, obwohl sie dasselbe Verhalten zeigen, und andere eben nicht.

Stefan: Kannst du die soziologische Stadttheorie von Henri Lefebvre ein bisschen erklären?

Rabia: Eine Stadt ist nicht nur ein physischer Ort, sondern ein sozialer Raum. Genau das ist auch der zentrale Gedanke von Henri Lefebvre. Er sagt im Grunde, dass Räume ständig von Menschen produziert werden, beispielsweise durch Nutzung, durch Interaktionen und durch Bedeutungen, die wir ihnen geben.

Lefebvre spricht auch davon, dass Städte Orte von „künstlichen Vergnügungen“ sind. Damit meint er, dass viele Formen von Konsum und Freizeit, also auch Drogenkonsum, typisch für das urbane Leben sind. In meiner Arbeit wird das auch aufgegriffen: Drogen waren historisch eng mit städtischen Konsumkulturen verbunden und haben sich von eher privilegierten Gruppen aus verbreitet.

Wenn man das auf den Karlsplatz überträgt, sieht man, dass der Ort sich ja extrem verändert hat. Früher war er stark mit der offenen Drogenszene verbunden, heute wird er eher als Kulturraum wahrgenommen. Aber der physische Ort ist derselbe geblieben, verändert hat sich vor allem, wie er genutzt wird und welche Gruppen dort präsent sind. Der Raum wurde neu „produziert“. Also durch Stadtplanung, durch politische Maßnahmen, aber auch durch gesellschaftliche Vorstellungen davon, was dort stattfinden soll und was nicht. Dabei spielen auch Machtverhältnisse eine Rolle. Nicht alle Gruppen können den Raum gleich stark prägen. Manche Nutzungen werden gefördert, während andere verdrängt werden.

Stefan: „Diese Stadt ist ein Schrei. Sie ist high und modern. Alle lieben den Duft. Alle haben sie gern.“ Singt der Falco 1985. Am Karlsplatz gab es damals eine so genannte „Offene Drogenszene“. (Was ist eine offene Drogenszene?) Sind diese Szenen international vergleichbar? Sozusagen globalisiert worden? Oder gabs/gibt’s da eine lokale Besonderheit in Wien?

Rabia: Eine „offene“ Drogenszene bedeutet grundsätzlich, dass sie im öffentlichen Raum stattfindet. Sie ist also sichtbar und beobachtbar. Wenn ich mir jetzt jede Woche Leute nach Hause einlade und dort Drogen konsumiere, kaufe oder verkaufe, dann passiert das im Privaten. Sobald sich diese Szene aber in den öffentlichen Raum verlagert, wird sie automatisch Teil des öffentlichen Diskurses. Da stellt sich natürlich die Frage: Warum konsumieren Menschen überhaupt in der Öffentlichkeit? Und da kommt wieder der soziale Aspekt rein. Gerade marginalisierte Gruppen haben oft gar nicht die Möglichkeit, ihren Konsum im privaten Raum zu organisieren. Öffentliche Räume sind für sie oft die einzigen Orte, an denen sie sich aufhalten können und wo soziale Teilhabe überhaupt möglich ist.

Ganz so eindeutig ist diese Trennung zwischen privat und öffentlich aber eigentlich nicht. Auch Konsum im privaten Raum kann plötzlich sichtbar oder zumindest spürbar werden. In Wien hat sich zum Beispiel eine Familie darüber beschwert, dass aus der Nachbarwohnung ständig Cannabisrauch über die Lüftung in ihre Wohnung zieht.[1] Der Konsum findet dort eigentlich im Privaten statt, also genau dort, wo er normalerweise nicht problematisiert wird. Aber in dem Moment, wo andere direkt davon betroffen sind, verschiebt sich das Ganze.

Gleichzeitig zeigt der Fall aber auch, dass selbst dann nicht sofort eingegriffen wird. Trotz Beschwerden und Kontakt mit Behörden passiert offenbar lange Zeit wenig, und am Ende entsteht eher der Eindruck, dass die Betroffenen selbst aktiv werden müssen. Das wirft für mich schon die Frage auf, wann Konsum überhaupt als relevant genug gilt, um kontrolliert zu werden. Es scheint weniger davon abzuhängen, ob etwas erlaubt oder verboten ist, sondern eher davon, wie sichtbar oder störend es wahrgenommen wird.

Stefan: Und wahrscheinlich auch von wem es als störend wahrgenommen wird. Die Geschichte mit der Familie, die vom Cannabis-Rauch der Nachbarn gestört wurde, findet in Meidling in einem Gebäude statt in dem die Wohnungen eng nebeneinander liegen und offenbar mittels Lüftungsschächten verbunden sind. In einem Altbau mit großen Wohnungen ergibt sich dieses Problem vielleicht gar nicht.

Rabia: Zur Frage, ob das ein globales Phänomen ist: Ich würde sagen ja. Offene Drogenszenen gibt es weltweit, auch wenn sie je nach Stadt oder Land unterschiedlich ausgeprägt sind. Aber im Grunde findet man fast überall bestimmte Orte, die mit Drogenkonsum und -handel assoziiert werden. Allein beim Reisen wird man oft gewarnt, bestimmte Viertel oder Straßen zu meiden, aufgrund der „Drogenszenen“.

Diese Vorstellung von der „high(en) und modernen“ Stadt beschreibt auch schön eine intensive, schnelle, konsumorientierte Stadt. Die Stadt lebt von diesen Versprechen von Freiheit und Konsum, aber gleichzeitig werden bestimmte Formen davon nicht akzeptiert. Während zum Beispiel Alkohol- oder Partykultur oft als Teil urbaner Lebensweise gelten, wird sichtbarer Drogenkonsum von marginalisierten Gruppen schnell als störend oder problematisch markiert.

Stefan: Zu der Zeit als Falco das geschrieben hat, war der Mainstream in Wien ja ganz offen am Alkoholismus orientiert. Saufen konnte man immer schon rund um die Uhr. Auch wenn‘s eine Sperrstunde gab und die Stadt meistens ab 22 Uhr fast ganz tot war. In Wien gilt ja bis heute die Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr. Finde ich durchaus sympathisch. Vor allem, weil sich eh niemand mehr wirklich dran hält. Aber früher war das ein Disziplinarmittel. Mit der Hausbesorgerordnung von 1922 wurde erstmals das Recht auf einen eigenen Haustorschlüssel bundesgesetzlich verankert. Davor hatten die Mieter keinen Anspruch auf einen Schlüssel und waren nach der Sperrstunde (meist 21:00 oder 22:00 Uhr) auf den Hausmeister angewiesen.

Der Name „Sechserl“ bezog sich ursprünglich auf sechs Kreuzer (den sechsten Teil eines Guldens). In der Ersten Republik stieg die Gebühr inflationsbedingt an; man zahlte dann oft 50 Groschen, was im Volksmund zum Begriff „Nachtschilling“ führte. Obwohl das System offiziell abgeschafft war, gab es in Wien noch lange Zeit Verordnungen, die Gebühren für das Aufsperren regelten, falls man dennoch keinen Schlüssel hatte. So wurde die Höhe des Sperrsechserls in Wien laut Wikipedia noch 1969 per Verordnung auf neun bis 13 Schilling festgesetzt. Wenn der Hausmeister ein Tyrann war oder tief geschlafen hat, ist man halt nicht reingekommen. Abgesehen davon, dass es als unschicklich galt „so spät“ noch außer Haus zu sein.

Du argumentierst Drogenszenen sind nicht nur Orte des Konsums, sondern auch soziale Räume, in denen bestimmte Verhaltensregeln gelten. Das erinnert an Pierre Bourdieu, oder?

Rabia: Alles, was ich bisher über den öffentlichen Raum und Drogenszenen in Städten beschrieben habe, lässt sich eigentlich sehr gut mit Pierre Bourdieu erklären. Wie er sagt, gibt es nicht nur den physischen Raum, sondern auch einen sozialen Raum. Das heißt: Es geht nicht nur darum, wo man sich befindet, sondern auch wer man ist und mit welchen Voraussetzungen man dort auftritt.

Wir alle haben eine bestimmte soziale Position, und unsere Handlungsmöglichkeiten passen sich oft daran an. Dabei spielen verschiedene Kapitalarten eine Rolle, also ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Diese bestimmen mit, wie wir uns im Raum bewegen können, wie wir wahrgenommen werden und wo wir überhaupt „reinpassen“.

Auch im öffentlichen Raum, und eben auch im Kontext von Drogenkonsum, wirken ständig soziale Regeln. Es gibt Vorstellungen davon, welches Verhalten „okay“ ist und welches nicht. Und das hängt stark davon ab, wer dieses Verhalten überhaupt zeigt. Also die Abgrenzung zwischen sozialen Gruppen. Und die passiert nicht nur über Geld, sondern auch über Habitus, also über Körpersprache, Auftreten, Kleidung, Lautstärke oder einfach darüber, wie man sich im Raum bewegt.

Zwei Personen können am selben Ort sein und sich trotzdem komplett unterschiedlich erleben. Für die einen ist der Karlsplatz ein angenehmer Treffpunkt oder Kulturraum. Für andere ist er ein Ort, an dem sie sich beobachtet, fehl am Platz oder sogar unerwünscht fühlen. Auch die Gestaltung des Raumes spielt somit mit rein.

Stefan: In deinem Text entwickelst du eine interessante Idee. Du verbindest die Städteentwicklung mit der Drogenentwicklung. Vielleicht eine Industrialisierungsgeschichte des Drogenkonsums?

Rabia: Ich würde sagen, in einer Weise schon. Drogenkonsum gehört nicht automatisch zu Städten, aber die Entwicklung von Städten, vor allem im Zuge der Industrialisierung, hat Bedingungen geschaffen, unter denen sich Drogenkonsum ganz anders entfalten konnte.

Mit der Industrialisierung wurden Städte zu Orten von verdichteter Arbeit, sozialer Ungleichheit, aber auch von neuen Freizeit- und Konsummöglichkeiten. Es entstehen Märkte, Mobilität nimmt zu, Menschen leben enger zusammen, Beziehungen werden anonymer, all das sind Faktoren, die auch für die Entwicklung von Drogenkonsum und Drogenszenen relevant sind.

Man könnte also sagen, dass Drogenkonsum eng mit anderen ökonomischen Entwicklungen verbunden ist. Mit der Industrialisierung entstehen neue Formen von Produktion und Handel und damit auch neue Märkte für psychoaktive Substanzen. Gleichzeitig verändern sich Lebensrealitäten: Arbeitsdruck, soziale Unsicherheit, aber auch neue Formen von Freizeit und Konsum spielen eine Rolle.

Dabei geht es aber nicht nur um Konsum, sondern auch um Kontrolle. Mit der Entwicklung moderner Städte entstehen auch neue Formen von Regulierung. Bestimmte Substanzen werden erlaubt, andere verboten. Bestimmte Formen von Konsum werden akzeptiert, andere stigmatisiert. Es gibt schon so etwas wie eine Verbindung zwischen Städteentwicklung und einer „Geschichte des Drogenkonsums“, aber nicht im Sinne einer einfachen Ursache-Wirkung-Beziehung. Eher im Sinne davon, dass sich beides gegenseitig beeinflusst. Städte schaffen die Bedingungen, unter denen sich Drogenmärkte, Konsumformen und auch deren gesellschaftliche Bewertung entwickeln.

Stefan: Deine Beobachtung ist, dass soziale Problemlagen, insbesondere die Situation von Drogenkonsument*innen, in den stadtplanerischen Konzepten kaum berücksichtigt wurden. Der Fokus lag primär auf ästhetischer, funktionaler und sicherheitspolitischer Aufwertung, während marginalisierte Gruppen kaum Teil der Planung waren. Das betrifft übrigens auch immer noch Menschen mit Behinderungen sehr stark. Barrierefreiheit ist nicht damit erreicht, dass es in (beinahe) allen U-Bahn-Stationen einen Aufzug gibt.

Hat das auch etwas mit dem Publikum zu tun, das man an solchen Kulturorten anziehen will? Ergibt sich daraus eine Klassenfrage?

Rabia: Irgendwie möchte ich gar nicht so pessimistisch oder zu „marxistisch“ klingen, aber am Ende ist es schon auch eine Klassenfrage. Also nicht nur im klassischen Sinne von Geld, sondern auch im Sinne von sozialem und kulturellem Kapital. Stadtplanerische Konzepte wirken auf den ersten Blick oft neutral, es geht um Begriffe wie Verbesserung, Modernisierung oder Aufwertung. Aber wenn man genauer hinschaut, richten sich viele dieser Maßnahmen eher an einkommensstärkere und sozial privilegierte Gruppen. Räume werden ästhetisiert, sicherer gemacht, „attraktiver“ gestaltet aber eben für ein bestimmtes Publikum. Das führt dazu, dass ein öffentlicher Raum, der eigentlich für alle da sein sollte, so verändert wird, dass sich manche Gruppen dort weniger aufhalten können oder wollen. Formal bleibt er offen, praktisch wird er selektiver. Gerade am Karlsplatz sieht man das gut. Die Entwicklung hin zu einem Kulturraum war kein neutraler Prozess, sondern auch eine bewusste Umgestaltung des Publikums. Eine sichtbare Drogenszene passt nicht zum Image eines kulturell aufgewerteten, repräsentativen Ortes. Ich würde aber auch sagen, dass Stadtplanung nie einfach einen fertigen Raum schafft. Sie gibt eher einen Rahmen vor. Planung setzt zwar gewisse Rahmenbedingungen, also wie der Raum aussieht, wie er genutzt werden soll, welche Angebote es gibt. Aber was dort tatsächlich passiert, entscheidet sich erst durch die Menschen, die ihn nutzen.

Stefan: Um jetzt nicht zu marxistisch zu klingen, könnten wir dazu auch Anarchisten ins Feld führen, wie den Fürsten (sic) Pjotr Kropotkin, oder Colin Ward und Murray Bookchin. Sie setzten in ihren Überlegungen zur Geographie, zu einem anarchistischen Urbanismus, und zur Sozialökologie auf Selbstverwaltung, Dezentralisierung und die Überwindung hierarchischer Strukturen. Ihre Konzepte versuchen Räume basisdemokratisch zu gestalten, kollektive Nutzung zu fördern, statt privaten Besitz und eine direkte Beteiligung der Bewohner an Planungsprozessen zu ermöglichen. Projekte wie Elektrizitätsgenossenschaften oder gemeinschaftliche Stadtgärten spiegeln diese Prinzipien wider.

Rabia: Bis vor kurzem habe ich noch in Linz gelebt, und dort gibt es die Turmstraße, die als eine der bekanntesten Drogenszenen gilt. Vor etwa einem Monat kam es dort zu rund 85 Festnahmen, und angeblich soll eine ganze Familie in die Organisation der Szene involviert gewesen sein. Was ich dabei interessant finde, ist, dass es eigentlich schon lange kein Geheimnis mehr war, dass sich dort eine „Drogenszene“ befindet. Viele wussten das, es wurde auch im Alltag so wahrgenommen. Trotzdem hat es Jahre gedauert, bis so massiv eingegriffen wurde. Und als es dann passiert ist, war eigentlich niemand wirklich überrascht. Das wirft für mich genau die Frage auf, die auch in meiner Arbeit zum Karlsplatz mitschwingt. Wann wird etwas überhaupt als Problem wahrgenommen und wann wird gehandelt? Oft scheint es so zu sein, dass nicht die Existenz der Szene entscheidend ist, sondern ihre Sichtbarkeit und ihre symbolische Bedeutung. Die Turmstraße liegt ja nicht direkt im Zentrum oder in einem stark repräsentativen Raum. Im Gegensatz dazu steht ein Ort wie der Karlsplatz, der gleichzeitig Verkehrsknotenpunkt, Kulturraum und öffentlicher Treffpunkt ist. Man könnte also sagen, dass es einen Unterschied macht, wo eine Drogenszene ist. Wenn sie sich in einem weniger zentralen oder weniger „repräsentativen“ Raum befindet, wird sie vielleicht länger toleriert oder weniger stark reguliert. Sobald sie aber näher an Orte rückt, die für das Stadtbild wichtig sind, steigt der Handlungsdruck.

Diese Dynamik sieht man auch aktuell in Wien. Rund um die Gumpendorfer Straße wurde eine neue Schutzzone eingerichtet, um den Drogenhandel dort einzudämmen.[2] Aber gleichzeitig wird auch davon ausgegangen, dass sich die Szene dadurch eher verlagert als wirklich verschwindet. Interessant ist auch, dass dort ganz bewusst mit einer Mischung aus Polizei und Sozialarbeit gearbeitet wird. Sozialarbeiter*innen sollen neue Aufenthaltsorte erkennen und darauf reagieren, während gleichzeitig die Kontrolle verstärkt wird.

Dabei wird auch ziemlich offen gesagt, dass es eigentlich unrealistisch ist, Drogenkonsum oder -handel in einer Großstadt komplett zu verhindern. Es geht also weniger darum, dass das Problem verschwindet, sondern eher darum, wie damit umgegangen wird, sodass für andere möglichst wenig „Störung“ entsteht. Im Mittelpunkt steht oft nicht der Mensch, der konsumiert, sondern das Umfeld, das möglichst wenig beeinträchtigt werden soll. Also das Wohlergehen der „anderen“, nicht unbedingt die Lebensrealität der Betroffenen selbst. Gleichzeitig wird aber mit sozialarbeiterischen Maßnahmen gearbeitet und auch argumentiert. Das wirkt ein bisschen widersprüchlich, weil Sozialarbeit ja eigentlich darauf abzielt, Menschen zu unterstützen und nicht nur Räume „ruhiger“ zu machen.

Gerade Orte wie Bahnhöfe spielen da eine wichtige Rolle. Sie sind öffentliche Räume, aber oft auch Rückzugsorte für Menschen, die sonst keinen sicheren Ort haben. Ich bin selbst über längere Zeit zwischen Linz und Wien gependelt und habe den Westbahnhof oft erlebt. Natürlich fallen dort alkoholkonsumierende Menschen auf, und ja, es riecht manchmal unangenehm. Aber gleichzeitig sind viele einfach da, sitzen, schlafen oder essen, also eigentlich ganz alltägliche Dinge, nur unter anderen Umständen. Das hat mich persönlich weniger gestört, als es oft dargestellt wird.

Stefan: Das ist ein wichtiger Punkt. Es geht bei der Drogenpolitik sehr oft um Sichtbarkeit und symbolische Bedeutung! Gleichzeitig tut der österreichische Staat auch viel zu wenig, um dem von ihm als „problematisch“ geframten Drogenkonsum wirksam entgegenzuwirken. Wir sind ja im sozialen Bereich mit einem beispiellosen Sparzwang konfrontiert. Gerade Drogenarbeit wird gerade stark eingespart. Und Alternativen zum kleinen Glück, das aus einem Drogenrausch entstehen kann, gibt es in unserer Arbeitswelt viel zu selten. Wie schätzt du die Rolle der Sozialarbeit ein? Kann sie gegensteuern? Welchen Beitrag könnte sie für die zukünftige Entwicklung in Bezug auf die Stadtplanung leisten?

Rabia: Ich denke, soziale Arbeit ist grundsätzlich extrem wichtig. Sie ist oft einer der wenigen Wege, um einzelne Menschen konkret zu unterstützen, zu begleiten und überhaupt in Kontakt zu bleiben. Gerade im Bereich von Drogenkonsum oder marginalisierten Gruppen geht es ja nicht nur um „Problemlösung“, sondern oft einfach darum, Stabilität zu schaffen, Beziehungen aufzubauen und überhaupt Handlungsspielräume zu eröffnen. Warum dann ausgerechnet in solchen Bereichen oft zuerst gespart wird, wäre eigentlich schon eine eigene Fragestellung wert. Vor allem, weil ich finde, dass die Rolle der Sozialarbeit nicht kleiner, sondern eher größer wird. Gerade an Orten wie dem Karlsplatz zeigt sich, dass sie eine zentrale Funktion übernimmt. Ich würde deshalb sagen, dass Sozialarbeit mehr als nur „Hilfe“ ist. Sie vermittelt zwischen unterschiedlichen Gruppen, reagiert auf Konflikte im öffentlichen Raum und schafft überhaupt erst Möglichkeiten für Teilhabe.

Sozialarbeit hat aber auch das Potenzial, aktiv in Stadtentwicklung einzugreifen. Gerade weil sie so nah an den Lebensrealitäten der Menschen ist, kann sie sichtbar machen, welche Bedürfnisse im öffentlichen Raum oft übersehen werden. Für die Zukunft würde ich sagen: Sozialarbeit könnte eine viel stärkere Rolle spielen, wenn sie nicht nur „reagiert“, sondern auch in Planungsprozesse eingebunden wird. Also nicht erst dann kommt, wenn Probleme sichtbar werden.
Aber auch nicht jeder Drogen-Hotspot wird gleich behandelt. Wenn ich das mit meinem Beispiel aus Linz zusammendenke, wird diese Rolle der Sozialarbeit nochmal anders sichtbar. Dort hatte ich nicht den Eindruck, dass es eine starke oder kontinuierliche sozialarbeiterische Präsenz im öffentlichen Raum gibt, zumindest nicht in einer Weise, die wirklich wahrnehmbar oder prägend wäre. Das kann natürlich auch mit Ressourcen oder strukturellen Bedingungen zusammenhängen. Gleichzeitig entsteht aber genau dadurch die Frage, ob solche Orte nicht gerade deshalb lange „unter dem Radar“ bleiben und erst dann stärker in den Fokus rücken, wenn sie eskalieren oder repressives Eingreifen notwendig wird. Im Vergleich dazu wirkt der Karlsplatz fast wie ein Gegenmodell: Dort ist Sozialarbeit, zumindest zeitweise, Teil des Raumes selbst, also sichtbar, ansprechbar und auch vermittelnd zwischen unterschiedlichen Gruppen. Da denke ich mir dann, wenn sich so eine Szene näher am Stadtzentrum oder in einem „repräsentativen“ Raum befinden würde, wäre der Handlungsdruck wahrscheinlich viel größer, sowohl politisch als auch medial.


[1] https://www.heute.at/s/nachbarn-kiffen-pausenlos-frau-haelt-geruch-nicht-aus-120189302, abgerufen am 05.05.2026.

[2] https://www.derstandard.at/story/3000000318787/neue-schutzzone-gegen-drogenhandel-in-wien-droht-eine-verlagerung-der-szene, abgerufen am 05.05.2026.

Das faule Obst, die faule Stadt und der Rassismus

Wenn sich besorgte Bürger zusammenrotten, dann ist meist etwas faul. Es kursiert zur Zeit ein Video in dem das Faulwerden der Bürger wie in der Zeitrafferaufnahme einer verrottenden Obstschale sichtbar wird.

Da stehen drei Herren auf der Straße, die vom Styling her fix in Hernals oder Währing wohnen und unterhalten sich über die Zustände in Favoriten. Angeblich ein besorgter Bürger inmitten zufällig ausgewählter Passanten. Aber überraschend schnell einigt sich diese absolute Zufallszusammenkunft auf ein gemeinsames Motto: Favoriten ist zu einer Gegend geworden, in der man sich nicht mehr frei bewegen kann. Nachts kann man nicht mehr raus. Wer will noch so leben?

Woran‘s liegt, erfährt man in einem anderen Video desselben habituell besorgten Zufallsspaziergängers. Am Brunnenmarkt haben „Syrer, Afghanen, Araber die Macht übernommen“. Das klingt gefährlich. Die Macht von Markstandlern darf ja nicht unterschätzt werden.

Ich arbeite in Favoriten. Viele meiner Kunden wohnen dort. Ich geh oft über die Favoritenstraße und sie ist laut und schrill und es ist viel los. Und es gibt Stellen an denen sich stark Betrunkene und Drogensüchtige versammeln, wo gedealt wird und Waffen zum Vorschein kommen. Ich habe in einer Seitengasse auch schon einmal das Abfeuern einer Pistole in unmittelbarer Nähe gehört. Und glaubt mir, das klingt anders als ein Böller. Ich kenne einige der Syrer, Afghanen, Araber die dort leben. Sie selber sagen manchmal, dass es heiß hergeht an manchen Ecken der Favoritenstraße. Erst gestern hat mir jemand vom Durchladen einer Handfeuerwaffe als Drohgeste auf offener Straße erzählt. Er hat auch gesagt, dass er seine Tochter jeden Tag in die Schule bringt und wieder abholt, weil er sich Sorgen um sie macht. Hätten er und die anderen vom besorgten Faulobst denunzierten Menschen wirklich die Macht übernommen, gäb‘s dort wahrscheinlich keine Drogenkriminalität. Könnten sie bestimmen, würden sie nicht mit gefährlichen Kriminellen zusammenleben.

Marktstandler zu sein ist kein Verbrechen. Drogenhandel mit Waffeneinsatz ist ein Verbrechen. Aber kein syrisches, afghanisches oder arabisches. Ja sicher, der Straßenhandel rund um die Gumpendorfer Straße Anfang der 90er Jahre wurde statistisch hauptsächlich mit Personen aus den Balkanländern und der Türkei in Verbindung gebracht. Während der Handel mit Drogen entlang der U6 bis 2000 (Operation Spring) mehr so genannten Afrikanern zugeschoben wurde. Über die dahinterstehenden Zahlen kann man vermutlich diskutieren. Aber es ist schändlich ganze Menschengruppen als Verbrecher abzustempeln, nur um sich billige Klicks und ein paar Stimmen für die Wahl abzuholen. Vor allem wenn dadurch nicht einmal ansatzweise geklärt ist, woher die Drogen denn überhaupt kommen, die dann von Menschen auf der Straße verkauft werden. Denn eines ist klar, die Vertreibung der kleinen Dealer von einem Viertel in das nächste, löst das Drogenproblem in einer globalen Welt nicht einmal ansatzweise.

Überhaupt, wie kann man im Kapitalismus an den Standeln von Händlern vorübergehen und live auf Sendung sagen es ginge dabei um Kultur? Und warum sagt man das in Bezug auf kriminelles Verhalten überhaupt, wenn man es doch selber besser wissen müsste. Wenn vor allem evident ist, dass die absolute Mehrheit der Menschen in Favoriten und am Brunnenmarkt, egal woher sie kommen, anständige Menschen sind.

Wer hat denn dafür gesorgt, dass die Drogenproblematik aus den inneren Bezirken in die äußeren verdrängt wurde?  

  • 1990-2011 Karlsplatz
  • 2002-2010 Schottenring bis Schwedenplatz
  • 2007-2008 Philadelphiabrücke
  • 2015-2016 Burggasse, Josefstädterstraße bis Thaliastraße

Weg vom Tourismus, dem lobbyierenden Groß-Handel, oder dem Naserümpfen gut vernetzter Anrainer?

Naja, es war die Polizei. Und dass es jetzt keine großen und weit sichtbaren Handelsplätze mehr gibt, bedeutet nicht, dass nicht mehr mit Drogen gehandelt wird. Fein verteilt auf weite Gebiete, Seitenstraßen und Gegenden bei denen die Stadtregierung und die Polizei habituell weniger interessiert, ob es sich gut leben lässt oder nicht.

Bleibt noch die Frage zu klären, von welchem Obst geht die Fäulnis im Besorgnis-Videokorb aus? Überraschung: vom ganzen Obst. Die angegatschte Banane in der Mitte ist der Chef und die Weintrauben links und rechts sind seine Mitarbeiter und keineswegs zufällig vorbeikommende Passanten.

Und besagter Chef, auch ein Karl, der jetzt ÖVP-Landeschef von Wien ist, war davor bis 2012 auch einer der wichtigsten Polizisten dieser Stadt. Sollt‘ er nicht besser wissen, worum es geht? Hätt er nicht gegensteuern können gegen solche Entwicklungen in Favoriten? Das passiert ja nicht über Nacht. Könnte man nicht umgekehrt fragen, warum der Polizei in Wien das Wohl der syrischen, afghanischen, arabischen Kinder nicht so viel Wert ist, wie das reibungslose Ablaufen der Souvenirgeschäfte am sanierten Karlsplatz?

Richard Sennett schreibt in seinem wunderbaren Buch über die moderne Großstadt, die als Schauplatz des Lebens durch die Inszenierung von Konsum und Tourismus trivialisiert wird: Das Leben selbst verödet in ihr. Es werden Räume geschaffen, welche die Bedrohung durch sozialen Kontakt ausschalten. „Straßenfronten aus Spiegelglas, Autobahnen, die arme Stadtviertel vom Rest der Stadt abtrennen, Siedlungen, die nur als Schlafstädte taugen“. In der Stadt, die verwalterisch auf polizeiliche Planquadrate reduziert wird, werden die gesellschaftlich missliebigen Handlungen mit exekutiver Gewalt von einem Planquadrat ins andere geschoben, ohne nach Lösungen für die Ursprünge der Misere zu suchen.

Während die als wichtig deklarierten Plätze lückenlos mit Videokameras überwacht werden, bleiben die sogenannten Brennpunkte außerhalb des Fokus. Dabei könnte man sich das Geld für ein Videoüberwachungssystem bald sparen, wenn man mehr in die Chancen von Kindern investieren würde, als in die Pfründe von Altpolitikern, die es sich sowieso richten können.

Auch die Gestaltung öffentlicher Plätze ist außerhalb der touristischen Zonen nicht darauf ausgelegt Kindern eine schöne Stadt zur Verfügung zu stellen. Stattdessen werden die Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum immer unbenutzbarer gemacht, weil sie Wohnungslose davon abhalten sollen auch nur eine Minute Atem zu schöpfen.

Henri Lefèbvre hat schon in den 1970er-Jahren beobachtet, dass der Raum, in dem wir leben, produziert wird. Wir schaffen uns unsere eigene Obstschale. Aber das faule Obst ist nicht immer dort, wo es die gatschige Banane uns einreden will.