Was dem Wiener alles ins Gemüt geht. Gespräch über Koks mit Lisa Vesely

Stefan: Der HC Artmann hat einst die Frage aufgeworfen: „wos an weana olas en s gmiad ged“. Die Aufzählung die dann folgt, enthält unter anderem: „a faschimpöde fuasbrotesn, a finga dea wos en fleischhoka en woef kuma is, drei wochleid und a drafik, a giatlkafee met dischbost“ Koks ist da noch nicht dabei. Der Tod muss a Wiener sein. Sagt man beim Heurigenlied. Ist der Wiener auch ein Kokser?

Lisa: Wenn es nach Falco geht, kann man sicher sagen, dass Wiener auch Kokser sind. Dabei singt er bereits 1981 in seinem Lied „Ganz Wien“: Ganz Wien, ganz Wien / greift auch zu Kokain, / Überhaupt in der Ballsaison. / Man sieht ganz Wien / Is so herrlich hin, hin, hin, / Kokain und Kodein / Heroin und Mozambin“ Auch wenn man den aktuellen Abwassermessungen Glauben schenkt, kann man vermuten, dass zumindest einige Wiener und Wienerinnen Kokser sind. Wobei, was macht einen Menschen überhaupt zum Kokser? Ist man das bereits nach einmaligem Konsum oder braucht es dafür etwas mehr?

Stefan: Um zum umgangssprachlichen „Kokser“ zu werden, braucht es einen regelmäßigen Konsum und eventuell auch ein gewisses Maß an Abhängigkeit vom Konsum. Das entscheidet sich vielleicht auch am Habitus. Manchen sieht man vielleicht an, dass sie öfter mal was ziehen. Die Frage ist dann vielleicht, was genau ziehen sie? Was ist eigentlich Kokain? Bzw. warum nimmt jemand sowas?

Lisa: Kokain ist eine psychoaktive Substanz, welche aus der Cocapflanze bzw. aus den Blättern dieser Pflanze gewonnen werden kann. Dabei gibt es Kokain in verschiedenen Formen, wie Pulver, aber auch als Crack, was als feste kleine Klumpen beschrieben werden kann. Dadurch varriiert auch die Konsumweise und womit das Kokain kombiniert bzw. gestreckt ist. Psychoaktiv heißt hier, dass durch den Konsum eine erhöhte Dopaminaktivität auftritt, die ein intensives Glückgefühl bei der konsumierenden Person auslöst. Dabei aktiviert Kokain auch das symphatische Nervensystem, was zu Gefäßverengung, Bluthochdruck und Herzrasen führen kann, sowie zu erweiterten Pupillen. Beim Konsum über die Schleimhäute tritt eine betäubende Wirkung an der Stelle auf, wo es appliziert wird.

Die Gründe für den Konsum von Kokain sind vermutlich sehr unterschiedlich. Mögliche Beispiele wären: der Wunsch zur Leistungssteigerung durch erhöhte Wachheit, unterdrückte Müdigkeit und Hungergefühl sowie gesteigerter Antrieb oder der Wunsch nach erhöhter Euphorie und einem gesteigerten Selbstbewusstsein.

Stefan: Wie ist die Rechtslage in Österreich?

Lisa: Kokain ist nach dem österreichischem Suchtmittelgesetz ein verbotenes Suchtgift. Demnach ist der Konsum nicht verboten, aber der Besitz und Handel schon. Auch die Einfuhr und Ausfuhr sind illegal, sowie der Verkauf und die Herstellung. Kurz gesagt ist Kokain in Österreich illegal, Besitz und Erwerb sind strafbar und Konsum ist kein eigenständiger Strafbestand. Wie funktioniert eigentlich Konsum ohne Besitz? Da das eine ja strafbar ist und das andere nicht?

Stefan: Es klingt nach einem inneren Widerspruch. Und wenn man sich das Gesetz genauer ansieht, ist es das auch. Ich habe das in meinem Buch recht ausführlich dargestellt.[1] Aber es bedeutet nur, dass weil Erwerb und Besitz strafbar sind, der Konsum in der Praxis kaum möglich ist, ohne sich gleichzeitig wegen Besitzes oder Erwerbs strafbar zu machen.

Woher kommt das Kokain und an wen kann ich mich wenden, wenn ich das gute Zeug haben will?

Lisa: Das Kokain auf dem österreichischen Markt stammt laut dem österreichischen Bericht zur Drogensituation 2025 vor allem aus verschiedenen südamerikanischen Ländern wie Kolumbien, Peru und Bolivien. Die Routen von dort nach Österreich sind einerseits die Balkanroute, aber auch der Schiffsweg in großen Containern bis nach Rotterdam, Antwerpen oder Hamburg, von wo aus das Kokain dann über den Landweg bis nach Österreich gebracht wird. Der Handel wird heute von einer Vielzahl differenzierter Gruppen betrieben, darunter neben der italienischen Mafia auch albanische, marokkanische und niederländische Netzwerke. Dadurch hat man eine gewisse Wahlmöglichkeit an wen man sich wendet, wenn man Interesse daran hätte Drogen zu erwerben.

Drogenbeschaffung ist in Österreich zunehmend über den Onlinehandel möglich, wo man direkt einen Überblick über das Angebot bekommt, ohne dass man sich selbst außer Haus bewegen muss. Virtuelle Drogenmärkte werden immer relevanter und etablieren sich als dauerhafte Alternative zum traditionellen Markt. Dies gibt noch mehr Möglichkeiten für die konsumierenden Personen sich Drogen zu beschaffen.

Stefan: Woher kommt das meiste und woher kommt das beste Kokain?

Lisa: Das meiste Kokain auf dem österreichischen Markt kommt aus Südamerika. Geschmuggelt wird es durch verschiedene Wege und verschiedene Gruppen. Bei der Frage nach dem Besten kommt es drauf an, was man als „das Beste“ definiert. Das reinste? Oder das billigste? Das zugänglichste?

Die Reinheit steigt laut verschiedenen Berichten in den letzten Jahren stark an, was man als Verbesserung der Qualität sehen kann. Jedoch wird auch gewarnt, dass erhöhte und ungewohnte Reinheit eines Produktes dazu führen kann, dass die Konsument*innen es nicht gewohnt sind und dann der Umgang mit den Drogen falsch eingeschätzt wird, was wiederum zu einer lebensgefährlichen Überdosis führen kann. Der österreichische Bericht warnt vor einer Reinheit von bis zu 80% auf dem Straßenmarkt.

Stefan: Wer sind die durchschnittlichen Konsument:innen? Sieht man jemandem den Kokain-Konsum an?

Lisa: Die aktuellen Medienberichte in Österreich könnten ein Bild erzeugen, dass Kokain in Pulverform eine Droge der besser gestellten Schichten in Österreich ist bzw. war, wobei sich eben diese Konsument*innengruppe in den letzten Jahren gewandelt und weiter geöffnet hat, da Kokain zugänglicher und billiger ist und in erhöhten Mengen den österreichischen Markt erreicht. Ich persönlich würde nicht davon ausgehen, dass man jemandem Kokain-Konsum ansieht, außer man beobachtet womöglich aktiven Konsum oder achtet auf erweiterte Pupillen. Besonders bei Kokain wird das Bild der Alltagsdroge, um im System zu funktionieren, verbreitet, wobei ich keine Einsicht habe, inwiefern dieses Bild der Wirklichkeit entspricht, oder ob es nicht doch eine durchschnittliche Konsument*innengruppe gibt, der man den Konsum ansehen kann.

Stefan: Ist der Anstieg des Konsums so stark, dass sich die medial verbreitete Panik mit Titelreport bei Profil usw. damit begründen lässt, oder haben wir es mit einer typischen Drogenpanik zu tun?

Lisa: Die verschiedenen Berichte zeigen klar einen Anstieg des Kokainkonsums in Österreich an. Dieser Anstieg stütz sich dabei auf mehrere Indikatoren, wie Anstieg der Messwerte im Abwasser, steigende Inanspruchnahme von Hilfssystemen, die Veränderung bzw. den Anstieg der Lebenszeitprävalenz und auch ökonomische Indikatoren, wie den erhöhten Anbau und die darauffolgende „Kokainschwemme“ in Europa.

Ob man anhand dieser Indikatoren von einer „Drogenpanik“ sprechen kann, oder ob es sich um eine begründete Sorge handelt, ist eine Frage der Interpretation. Trotzdem kann man anerkennen, dass es sich um einen kontinuierlichen Anstieg handelt. Zur Einordnung ist es jedoch wichtig anzumerken, dass Österreich hierbei kein isoliertes Phänomen ist, sondern im europäischen Mittelfeld im Dorgenkonsum liegt und einem allgemeinem Trend folgt. Auch wichtig ist, dass Abwasseranalysen zwar erhöhte Rückstände belegen, aber nicht direkt auf den Konsum schließen lassen bzw. auf die exakte Anzahl an konsumierenden Personen, oder ihre sozialen Hintergründe. Nichtsdestrotrotz zeigen die Berichte auch die Zunahme an drogenbedingten Notfällen bei Jugendlichen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Anstieg ist real und durch Daten aus dem Gesundheits- und Sicherheitssystem untermauert. Die mediale Aufmerksamkeit spiegelt diesen Trend wider, wobei die Einordnung als „Panik“ vernachlässigt, dass die gesundheitlichen und sozialen Kosten tatsächlich messbar steigen. Trotzdem sollte man die Zahlen differenziert betrachten und nicht sofort von einer bedrohlichen Situation ausgehen, so wie die Medien die Situation in mancherlei Hinsicht präsentieren. Siehst du eine „Drogenpanik“ in der Berichterstattung?

Stefan: Ich habe mir angewöhnt solche Schlagzeilen zu hinterfragen. Die Menschen die Drogen konsumieren, haben mannigfache Gründe, aber meist ist es auch ein Anzeichen, dass etwas in der Gesellschaft nicht stimmt, wenn Menschen mehr (und) stärkere Drogen konsumieren. Ich finde die Fragen, die durch die meisten Journalisten gestellt werden, völlig falsch. Drogenkonsumenten werden als öffentliches Ärgernis dargestellt, als Nestbeschmutzer und Versager. Diejenigen aber, die für die gesellschaftlichen Zustände verantwortlich sind, die zum übermäßigen Konsum verleiten, wie verantwortliche Politiker:innen, werden meist nicht erwähnt.

Man kann das etwa an der Erforschung des Crack-Konsums in Deutschland sichtbar machen. Dabei ist herausgekommen, dass es meist viel weniger spannend zugeht, und vor allem viel weniger kriminell, als man sich das in Anbetracht der Medienberichte erwarten würde. Ist das in Österreich auch so?

Lisa: Etwas als kriminell zu beschreiben, wirft die Frage auf, was denn überhaupt als kriminell zu definieren ist. Illegal ist das Handeln mit Kokain in Österreich schon, aber ob das Konsumieren als kriminell gilt/gelten sollte oder als kriminell von der Gesellschaft aufgenommen wird, ist eine andere Sache. Der Konsum ist dabei in Österreich kein eigener Tatbestand und somit auch nicht unbedingt als kriminell anzusehen.

Auch zu unterscheiden ist hier Crack-Konsum vom Konsum des Kokainpulvers. In Österreich fallen die meisten einschlägigen Anzeigen auf Kokain in Pulverform. Crack wird dabei mehr als „Nischenerscheinung“ in den Berichten gehandelt. Trotzdem ist der Besitz und Handel von Kokain in beiden Formen in Österreich illegal. Da sich die meisten einschlägigen Delikte in Österreich auf Pulver beziehen, taucht Crack in der allgemeinen Kriminalstatistik seltener explizit auf. Die Quellen verknüpfen die „Drogenkriminalität“, wie Gewalt, Einschüchterung und Korruption, eher mit dem Wettbewerb auf dem allgemeinen Kokainmarkt und den Schmuggelrouten als mit der spezifischen Konsumform Crack, wobei der Konsum hier nicht das „kriminelle“ ist, da dieser nicht verboten ist. Somit würde ich auch sagen, dass es hier ähnlich wie in Deutschland ist, und der Crack-Konsum auch in Österreich wenig spannend und wenig kriminell abläuft. Beim Handel und Schmuggel der Substanz könnte dies jedoch wieder anders interpretiert werden. Warum sollte sich die Situation in Österreich zu der deutschen Situation stark unterscheiden?

Stefan: Ich frage, weil man Österreich nachsagt internationalen Entwicklungen immer etwas hinterherzuhinken. Inwiefern hat sich der Kokain-Konsum verändert? Was ist das Neue?

Lisa: Ich würde sagen, dass das Neue einfach die Auswahl für die konsumierende Person ist. Dabei können als Gründe für die ansteigenden Mengen an Kokain in Österreich die erhöhten Mengen im Handel und die größere Konkurrenz am Markt genannt werden. Ob das zwangsläufig die konsumierende Gruppe verändert oder die Menge an überhaupt konsumierenden Personen erhöht, kann ich nicht beantworten. Eine logische Konsequenz wäre jedoch vermutlich erhöhte Verfügbarkeit von Kokain und auch verbesserte Qualität, was womöglich andere Gruppen ansprechen könnte zu konsumieren. Die erhöhte Konkurrenz unter den mit Kokain handelten Gruppen führt auch zu geringeren Kokainpreisen, wodurch die Droge zugänglicher werden könnte.

Auch gesellschaftlicher Wandel der Droge Kokain in Österreich könnte als etwas Neues betrachtet werden. Dabei wird in den Medien von einem Wandel des Kokains von einer „Luxusdroge“ hin zu einer „Alltagsdroge“ gesprochen. Inwiefern dies der Wirklichkeit entspricht, kann ich jedoch nicht überprüfen. [2]  


[1] Das Buch ist hier erhältlich: https://www.mandelbaum.at/buecher/stefan-a-marx/drogen-und-kapital 

[2] Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (3. Juli 2024) Suchtmittel/NPS/Drogenausgangsstoffe: Rechtliche Informationen und Rechtstexte. Rechtliche Informationen (aufgerufen am 01.06.2026)

Der Standard (30. April 2025) Was es mit der aktuellen Kokainschwemme auf sich hat. Was es mit der aktuellen Kokainschwemme auf sich hat – Panorama – derStandard.at › Panorama (aufgerufen am 01.06.2026)

European Union Drugs Agency (2025) Cocaine – the current situation in Europe (European Drug Report 2025). Cocaine – the current situation in Europe (European Drug Report 2025) | The European Union Drugs Agency (EUDA)  (aufgerufen am 01.06.2026)

European Union Drugs Agency (2026) Wastewater analysis and drugs – a European multi-city study. Wastewater analysis and drugs — a European multi-city study | The European Union Drugs Agency (EUDA) (aufgerufen am 01.06.2026)

Gesundheit Österreich GmbH (2025) ESPAD Österreich 2024 – Ergebnisbericht. Bundesministerium für Soziales, Pflege und Konsumentenschutz.

Müllender, M. (2025) Warum Koksen in Wien derzeit so günstig ist. In: Der Standard, 4.November 2025. Warum Koksen in Wien derzeit so günstig ist – Panorama – derStandard.at › Panorama (aufgerufen am 01.06.2026)

„Ganja Law“. Gespräch über Cannabis-Pflanzen, Macht und Wahrnehmung mit Ariana Binzer

Stefan: In meiner Jugend gab es eine „Legalize-It“-Bewegung, die sich vor allem popkulturell artikuliert hat. Nummern dieses Titels sind unzählig im Reggae und Dance Hall. Bei Peter Tosh, Ward21, Ninja Man. Teilweise ist es auch in die Hip-Hop-Culture übergeschwappt. Cypress Hill hat in den 1990ern daraus ein Geschäft gemacht, mit unzähligen auf Cannabiskonsum bezogenen Titeln. Hits From the Bong, I Wanna Get High, Stoned is the Way of the Walk, Spark Another Owl, Legalize It, Dr. Greenthumb, Something for the Blunted, Roll It Up, Light It Up, Smoke It Up. Für mich war das ein Teil der Popkultur, ein Erlebnis, das ich mir gönnen konnte. Das Kiffen auch. In meiner Wahrnehmung hatte es etwas mit Widerstand zu tun und damit die Eltern zu schockieren. Es war aber auch entspannend und anregend. Ich habe mich aber damals nie weiter damit beschäftigt, was die kulturellen Wurzeln des Cannabis-Rauchens sind. Wie würdest du die „europäische Wahrnehmung“ von Cannabis-Konsum beschreiben?

Ariana: Ich fühle mich nicht in der Lage, die gesamte europäische Wahrnehmung von irgendetwas — geschweige denn von Cannabis — zu definieren. Ich kann allerdings sagen, dass die Forschungsliteratur, die ich für meine Arbeit herangezogen habe, eine gewisse Einseitigkeit aufweist. Es fällt eine deutliche Diskrepanz auf zwischen Werken, die aus kulturellen Kontexten mit anderen Weltvorstellungen und Erfahrungsräumen im Umgang mit pflanzlichen Wirkstoffen stammen, und denen, die aus christlich geprägten, unter anderem europäischen, Perspektiven argumentieren. Der größte Unterschied, der mir dabei aufgefallen ist, liegt im oft sehr absoluten Bezug auf Wissenschaft — teilweise so, als wäre sie unfehlbar oder die einzige legitime Form von Wahrheit — als auch in der Orientierung an (westlich-)medizinischen Normen, ohne diese grundlegend zu hinterfragen. Cannabis wird im Großteil der nicht nischenspezifischen Literatur durch die Linse von Normsystemen betrachtet, die vor allem im europäischen Kontext als selbstverständlich erscheinen. Andere Perspektiven werden dabei häufig ausgeblendet oder implizit abgewertet, was sich natürlich unter anderem historisch und kulturell erklären lässt. Gleichzeitig wird Cannabis aber in popkulturellen Zusammenhängen auch mit Widerstand, Gegenkultur und bestimmten Freiheitsvorstellungen verbunden. Dieses Nebeneinander finde ich interessant — das ist aber natürlich keine allgemeingültige Definition, sondern eher eine Beobachtung auf Grundlage der Literatur, mit der ich gearbeitet habe.

Stefan: Du machst in deiner Arbeit einen Zusammenhang von Cannabis, Kolonialismus und politischer Ökonomie auf. Kannst du das erläutern?

Ariana: Ja, diesen Zusammenhang stelle ich in meiner Arbeit her. Zusammengefasst argumentiere ich, dass Cannabis nicht isoliert als Substanz betrachtet werden kann (und sollte), sondern historisch wie gegenwärtig eng mit kolonialen und neokolonialen Macht- und Wirtschaftsstrukturen zusammenhängt. Die Pflanze war über lange Zeit in lokale ökonomische, ökologische und soziale Systeme eingebettet, besonders auf dem afrikanischen Kontinent. Mit der kolonialen Expansion im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden diese Strukturen gezielt unterbrochen und umgelenkt: Der Cannabisanbau wurde vielerorts verboten, besteuert oder kriminalisiert, während koloniale Regierungen gleichzeitig Exportpflanzen wie Kaffee, Tee oder Tabak förderten. Die Nachwirkungen davon zeigen sich zum Teil bis heute, etwa in Rastafari-Lebensgrundsätzen wie ital living. Damit veränderte sich auch der Status der Pflanze: von einer lokal integrierten Ressource zu einer kriminalisierten Substanz. Gleichzeitig blieb Cannabis für marginalisierte Bevölkerungsgruppen relevant, wodurch eine Spannung zwischen staatlicher Kontrolle und sozialer Praxis entstand, die bis heute fortwirkt. In den letzten Jahrzehnten bekommt das durch Legalisierungsprozesse noch einmal neue Bedeutung. Wie insbesondere Duvall zeigt, entstehen im globalen Norden dadurch neue Märkte, von denen vor allem große internationale Unternehmen profitieren, während Produzent:innen im globalen Süden oft schwerer Zugang zu diesen Strukturen haben. Cannabis ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, wie koloniale Muster von Extraktion, Abhängigkeit und Ungleichheit in veränderter Form bis heute fortbestehen.

Stefan: Kannst du kurz erläutern, was ital living-Konzepte sind?

Ariana: Meiner Recherche zufolge, bezeichnet in der Rastafari-Bewegung ital livity, oder auch ital living, einen ganzheitlichen Lebensstil, der natürliches Leben bedeutet: Körper, Geist und Umwelt sollen möglichst natürlich, unverfälscht und im Einklang mit göttlichen bzw. ökologischen Prinzipien gelebt werden. Typischerweise geht es um natürliche, unverarbeitete Lebensmittel, den Verzicht auf Konservierungsstoffe, Raffinierzucker, stark verarbeitete Produkte sowie um den verstärkten Gebrauch von Kräutern. Innerhalb dieses Rahmens wird Cannabis für viele als heilsame, spirituelle Pflanze verstanden, die bewusst und respektvoll verwendet wird und im Gegensatz steht zu industriellen oder künstlich hergestellten Drogen. [1]

Stefan: 1913 wurde Cannabis mittels „Ganja Law“ auf Jamaica verboten. Das Verbot war von den Evangelikalen Kirchen mit dem Segen der herrschenden weißen Oberschicht durchgesetzt worden. Welche Rolle spielen Stigmatisierung und Kriminalisierung des Cannabis-Konsums für die politische Ökonomie?

Ariana: Für die politische Ökonomie spielen Stigmatisierung und Kriminalisierung von Cannabiskonsum eine zentrale Rolle, weil sie die Bedingungen schaffen, unter denen bestimmte Formen von Kontrolle, Ausschluss und wirtschaftlicher Ungleichheit entstehen können. Historisch betrachtet war die Kriminalisierung von Cannabis kein neutraler oder rein gesundheitspolitischer Prozess, sondern eng mit kolonialen Machtverhältnissen verknüpft. Sie traf insbesondere marginalisierte Gruppen — darunter auch Rastafari —, deren Praktiken dadurch delegitimiert und kriminalisiert wurden. Diese Stigmatisierung wirkt bis in die Gegenwart fort, indem sie bestimmte Akteure systematisch aus legalen Märkten ausschließt. Im neokolonialen Kontext zeigt sich aktuell eine Verschiebung: Während Cannabis in vielen Staaten des globalen Nordens legalisiert und ökonomisch nutzbar gemacht wird, bleiben jene Gruppen, die historisch kriminalisiert wurden, häufig weiterhin marginalisiert. Wie Duvall verdeutlicht, entstehen neue Märkte, die vor allem für kapitalstarke Unternehmen zugänglich sind, während frühere Produzent:innen und Nutzer:innen durch regulatorische Hürden ausgeschlossen werden. Das ist eine Entwicklung, die schon in den 1980er-Jahren von eben diesen Gruppen befürchtet und vorausgesagt wurde (z. B. Hickling). Kriminalisierung und Stigmatisierung sind somit nicht nur Begleiterscheinungen, sondern aktive Mechanismen innerhalb der politischen Ökonomie von Cannabis. Sie bestimmen, wer als legitim gilt, wer Zugang zu Märkten erhält und wessen Wissen und Praktiken anerkannt oder abgewertet werden. Dadurch tragen sie maßgeblich dazu bei, dass sich historische Ungleichheiten — in veränderter Form — weiter reproduzieren.

Stefan: Die Ungleichheit zwischen Norden und Süden im Zugang zu den Drogen macht sich auch auf den Kryptomärkten bemerkbar. Mit dem Bezug von illegalen Drogen von Kryptomärkten, steigt die Sicherheit der Konsumenten im globalen Norden. Im globalen Süden bleibt das Risiko für die Mehrheit weiterhin hoch. Weil sie erschwerten Zugang zum Internet und der Infrastruktur des Darknets haben und weil es sich immer noch oft um die Regionen handelt in denen Rohstoffe für den Verkauf angebaut werden. Die repressive Gewalt des „War on Drugs“ trifft den Süden weiterhin besonders hart, auch wenn im Norden mittels Onlinebestellung „Harm Reduction“ und „Social Supply“ diskutiert werden.

Es geht in deinem Text um Macht. Kannst du den Begriff im Kontext der Drogenökonomie genauer definieren? Welchem Machtkonzept folgst du bei deiner Definition und was hat das mit Definitionsmacht und Agency zu tun?

Ariana: In meiner Arbeit wird Macht nicht als etwas rein Repressives verstanden, sondern als eine produktive und strukturierende Kraft, die darüber entscheidet, wie Wissen, Kategorien und Realitäten entstehen. Konkret zeigt sich das am Begriff der Droge selbst: Ich argumentiere, dass die Klassifikation von Cannabis als „Droge“ kein objektiver, naturwissenschaftlicher Fakt ist, sondern das Ergebnis historischer, politischer und epistemologischer Prozesse. Damit folge ich einem Machtverständnis, das an diskursive und epistemische Machtkonzepte erinnert — etwa im Sinne Foucaults —, auch wenn das in der Arbeit nicht ausdrücklich erwähnt wird. Es geht also um eine Form von Macht, die durch Definitionen, Diskurse und Wissensproduktion wirkt und bestimmt, was als „wahr“, „gefährlich“ oder „legitim“ gilt. Definitionsmacht meint in diesem Sinne die Fähigkeit, zu bestimmen, was als „Droge“ eingestuft wird, welche Formen von Konsum als legitim gelten und welches Wissen als wissenschaftlich, rational oder „irrational“ anerkannt wird. Der Begriff der Agency wird in meiner Arbeit besonders interessant, weil er zeigt, dass westliche Perspektiven Cannabis meist als passives Objekt betrachten, während es im Rastafari‑Kontext als aktiver Akteur verstanden wird — als „plant teacher“ oder Medium von Erkenntnis. Das verschiebt das Verständnis von Agency, weil nicht nur Menschen als handelnde Subjekte gedacht werden, sondern auch Pflanzen als bedeutungstragende, wirkmächtige Akteure gelten können (was in vielen historischen und kulturellen Kontexten keineswegs ungewöhnlich ist). Diese unterschiedlichen Konzepte von Agency stehen in direktem Zusammenhang mit Macht, weil westliche Wissenssysteme Agency häufig auf (für sie) Messbares und Rationalisierbares begrenzen, während die Rastafari‑Weltanschauung (wie auch andere Traditionen) Agency auf relationale und spirituelle Dimensionen ausdehnt. Die Arbeit soll also durch die Rastafari‑Perspektive verdeutlichen, dass alternative Verständnisse von Agency und Wissen existieren, die bestehende Machtverhältnisse infrage stellen, und die kontinuierliche Präsenz anderer Perspektiven sichtbar machen können.

Stefan: Der Produktive Machtbegriff ist maßgeblich von Michel Foucault geprägt worden. Bei Stuart Hall findet sich eine Erweiterung des Machtbegriffs von Foucault in Richtung auf Identität und Race. Macht wird ausgeübt, indem Bedeutung in Medien und Sprache fixiert wird. Identitäten entstehen durch die Art und Weise, wie Gruppen repräsentiert (oder ausgeschlossen) werden. Es kann zur „Rassisierung des Anderen‘“ kommen. Zu einem aus dem Empire heraus entstehenden „Waren Rassismus“, der zu Stereotypisierung, Fetischismus und Verleugnung führt, wie Hall in seiner Studie über „Das Spektakel des ‚Anderen‘“ schreibt. Ich denke es kann in dem Zusammenhang auch auf Cecil J. Robinsons „Black Marxism“ Konzept verwiesen werden. Ein Konzept der Kritik des „racial capitalism“ bei dem der Prozess rekonstruiert wird, aus der rassistisch geframten Identität einer Gruppe von Individuen sozialen und wirtschaftlichen (Mehr-) Wert zu gewinnen. Dieser Prozess basiert auf der Verdinglichung bestimmter phänotypischer Merkmale des Menschen – der „Blackness“ – als Marker für die Kommerzialisierung innerhalb der Matrix der im Kapitalverhältnis fortgesetzten Sklaverei.

Du hast vorher ein epistemisches Verständnis der Verhältnisse eingefordert. Wie wichtig ist die Geschichtsforschung für die Kritik der aktuellen Verhältnisse in Bezug auf das vorliegende Problem? Welche Quellen kannst du empfehlen?

Ariana: Geschichtsforschung ist insofern wichtig, als dass sie hilft, eigene Annahmen und Vorurteile sichtbar zu machen. Durch historische Perspektiven erkennt man, welche Normen und Bilder einem vertraut sind — und kann sie hinterfragen. Das ist praktisch— man fängt bei sich an, ändert im Kleinen Dinge im Denken und Handeln und wird dadurch sensibler für strukturelle Zusammenhänge. Seit den 60er-/70er-Jahren, aber merklich verstärkt ab den 90ern, hat die Forschung begonnen, kritische Perspektiven — etwa postkoloniale und rassismuskritische — ernst zu nehmen. Das verschiebt langsam, aber spürbar, was in den Kanon aufgenommen wird und welche Stimmen gehört werden. Das beinhaltet unter anderem die Einsicht, dass Archive und Geschichten nicht neutral sind. Der Blick in die Geschichte lohnt sich also, um heutige Machtverhältnisse zu verstehen. Meine Empfehlung in diesem Zusammenhang wäre also alles von Klassikern wie Frantz Fanons Werken, über Ngũgĩ wa Thiong’os „Decolonising the Mind“ (1986) und Homi K. Bhabhas „The Location of Culture“ (1994), zu neueren Publikationen, die mehr mit meiner Arbeit in Zusammenhang stehen, wie beispielsweise „Cannabis: Global Histories“ (2021, Hrsg. Lucas Richert and Jim Mills) oder Ferraras „Sacred Bliss: A Spiritual History of Cannabis“ (2021). Ich muss aber auch hier betonen, dass das rein persönliche Vorlieben und Leseempfehlungen sind, kein Expertenanspruch. Ich habe gelesen, aber nicht dasselbe gelebt. Ich kann wichtige Zusammenhänge benennen, aber nicht die Erfahrungen ersetzen. Deshalb ist Zurückhaltung und das aktive Einbeziehen betroffener Stimmen für mich zentral.

Stefan: Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts haben napoleonische Generäle ein Verbot für ihre Soldaten ausgesprochen Cannabis zu konsumieren. Die in Ägypten als Genussmittel konsumierte Pflanze zerrüttete angeblich die Disziplin der Truppe, die ausgezogen war, Nordafrika zu erobern. Es klingt fast so, als wären Kiffer keine brauchbaren Krieger. Polen kriminalisiert erst 1997 den Besitz von Cannabis und ist damit der Zeit sichtbar hinterher, denn seit 2000 wird der Cannabiskonsum in vielen Regionen der Welt schrittweise legalisiert. Luxemburg, Belgien, Russland, Chile, Brasilien und viele andere dekriminalisieren den Besitz. Ab den 2010er-Jahren beginnen viele Länder mit der Legalisierung, darunter Kanada als Vorreiter bereits 2001. In Österreich ist Cannabis seit 2008 für medizinische Zwecke legalisiert. Die Österreichische Gesellschaft für Strafrecht und Kriminologie hat 2014 zu einem „Legalize it?“ Kongress[2] eingeladen. Herausgekommen ist die wissenschaftlich belegte Einschätzung, dass Cannabis keine Einstiegsdroge ist, Alkohol und Nikotin dagegen schon als Einstiegsdrogen bezeichnet werden können. Weiters ist evident, dass die Strafbarkeit des Konsums nicht nur der Stigmatisierung der Konsumenten dient, sondern darüber hinaus zahlreiche negative Folgen mit sich bringt. Man kann also sagen, es gibt sicherlich in irgendeiner Form ein Bewusstsein dafür, dass es keine permanente Lösung sein kann, Cannabis zu kriminalisieren. Welche Möglichkeiten siehst du, diese Entwicklung positiv zu gestalten? Oder anders gesagt, welche Formen der Kritik würdest du dir an den Verhältnissen wünschen?

Ariana: Ich fühle mich mit dieser Frage an einem sehr sensiblen Punkt: Einerseits erscheint mir klar, dass Kriminalisierung von Cannabis viele negative Folgen hat und dass es Sinn macht, die Debatte möglichst nah an den Erfahrungen der Betroffenen zu führen. Andererseits möchte ich mich hier nicht politisch positionieren, weil ich mich weder mit der österreichischen Drogenpolitik auskenne noch mich als Expertin für dieses Feld verstehe. Deshalb kann ich nur aus meiner eigenen Forschungsperspektive sprechen: Mir erscheint wichtig, dass Debatten über Cannabis weniger auf pauschalen Bewertungen beruhen, sondern differenziert, offen und sensibel für unterschiedliche Lebenswelten geführt werden. Statt politische Lösungen vorzuschlagen, sehe ich mich eher dabei, nach kritischen Fragen zu suchen — etwa danach, wer


[1] vgl. Waldstein, A. (2020). Smoking as Communication in Rastafari: Reasonings with “Professional” Smokers and “Plant Teachers.” Ethnos, 85(5), S.904; und Edmonds, E. B. (2012). Rastafari : A very short Introduction. Oxford University Press, S.48.

[2] https://www.bmi.gv.at/magazinfiles/2015/01_02/files/strafrecht.pdf abgerufen am 01.05.2026.

„Diese Stadt ist ein Schrei. Sie ist high und modern.“ Vom Drogenhotspot zum urbanen Kulturraum. Ein Gespräch mit Rabia Gürsoy über die Entwicklung der Drogenszene am Karlsplatz in Wien.

Stefan: Du schreibst, Städte sind Orte an denen soziale Probleme sichtbar werden. Woran liegt das?

Rabia: Städte sind irgendwo die größte Bühne für soziale Interaktionen. Es gibt große öffentliche Räume, in denen Menschen aus unterschiedlichsten Lebensrealitäten aufeinandertreffen. Genau an diesen Orten werden soziale Probleme sichtbar, weil auch marginalisierte Gruppen diese offenen Räume nutzen. Ein Großteil von Drogenkonsum passiert eigentlich im privaten Raum und bleibt damit unsichtbar, während sogenannte „offene Drogenszenen“ erst dann als Problem wahrgenommen werden, wenn sie im öffentlichen Raum stattfinden. Wenn nun immer dieselbe Gruppe an alkoholkonsumierenden oder drogenkonsumierenden Personen täglich an einem Ort präsent ist, wird das zwangsläufig von anderen Menschen wahrgenommen. Und genau ab dem Moment, wo etwas sichtbar wird, wird es auch gesellschaftlich problematisiert. Das hat also weniger damit zu tun, dass etwas passiert, sondern wo es passiert. Würde derselbe Konsum in den eigenen vier Wänden stattfinden, würde er kaum Aufmerksamkeit bekommen und wahrscheinlich auch nicht als soziales Problem diskutiert werden. Öffentliche Formen von Konsum wirken automatisch „problematischer“, obwohl Drogenkonsum eigentlich in allen sozialen Schichten vorkommt. Man vergleicht also einen sichtbaren, kollektiven Konsum im öffentlichen Raum mit einem unsichtbaren, individuellen Konsum im Privaten und bewertet ihn dadurch ganz anders.

Stefan: Ich seh am Karlsplatz junge Familien und Bobos beim Konsumieren. Was zeichnet einen urbanen Kulturraum aus?

Rabia: Wenn man jetzt von einem urbanen Kulturraum spricht, dann geht es nicht nur darum, dass dort Kultur im klassischen Sinn stattfindet (also Kunst, Musik etc.), sondern auch darum, wie dieser Raum sozial genutzt und wahrgenommen wird. Gerade am Karlsplatz sieht man das extrem gut. Der Ort war ja lange Zeit stark mit der offenen Drogenszene verbunden und wurde teilweise sogar als „Angstraum“ wahrgenommen. Ein urbaner Kulturraum ist also nicht einfach „da“, sondern wird aktiv produziert, durch Stadtplanung, durch politische Entscheidungen und auch durch die Menschen, die ihn nutzen. Und dabei spielt immer auch eine Rolle, welche Gruppen dort erwünscht sind und welche eher verdrängt werden.

Ein urbaner Kulturraum ist vor allem dicht besiedelt und genau dadurch ein Ort, an dem verschiedene Lebensstile aufeinandertreffen. Er wird nicht nur von einer bestimmten Gruppe genutzt, sondern von ganz unterschiedlichen Personen und auch auf ganz unterschiedliche Arten. Also nicht alle nutzen den Raum gleich, sondern je nach Lebensrealität, Ressourcen und Interessen. Am Karlsplatz gibt es eine Kopräsenz von ganz unterschiedlichen Gruppen: Tourist*innen, Jugendliche, Pendler*innen und auch Drogenkonsument*innen.

Junge Familien oder sogenannte Bobos die konsumieren, fallen im öffentlichen Raum meistens nicht negativ auf. Ihr Verhalten wird nicht als störend wahrgenommen, obwohl es im Kern vielleicht gar nicht so unterschiedlich ist.

Stefan: Die so genannten Bobos (David Brooks nannte sie „Kapitalisten der Gegenkultur“) sind völlig an die Konsumwelt assimiliert. Die Droge, die da konsumiert wird, ist meist Cannabis. Konsumfreie Zonen werden aber auch immer seltener. Zu beobachten momentan am Donaukanal, wo die konsumfreien Sitzplätze ohne Rückenlehne auskommen müssen und sich am äußeren Rand der umfangreichen Gastronomie befinden. Da sieht es um die Salztorbrücke mittlerweile aus wie auf der Reeperbahn in Hamburg.

Rabia: Das zeigt eigentlich ganz gut, dass dieser „inklusive“ urbane Kulturraum in der Realität oft doch ein Raum ist, der stärker für bestimmte soziale Schichten funktioniert als für andere. Ich kann es fast gar nicht anders sagen, aber das Stadtbild wird durch Bobos nicht „gestört“. Es gibt eben immer und überall Verhaltensregeln und soziale Normen. Wer diesen nicht entspricht, gilt als abweichend und wird dann auch schneller als störend wahrgenommen. Deswegen stören manche Menschen, obwohl sie dasselbe Verhalten zeigen, und andere eben nicht.

Stefan: Kannst du die soziologische Stadttheorie von Henri Lefebvre ein bisschen erklären?

Rabia: Eine Stadt ist nicht nur ein physischer Ort, sondern ein sozialer Raum. Genau das ist auch der zentrale Gedanke von Henri Lefebvre. Er sagt im Grunde, dass Räume ständig von Menschen produziert werden, beispielsweise durch Nutzung, durch Interaktionen und durch Bedeutungen, die wir ihnen geben.

Lefebvre spricht auch davon, dass Städte Orte von „künstlichen Vergnügungen“ sind. Damit meint er, dass viele Formen von Konsum und Freizeit, also auch Drogenkonsum, typisch für das urbane Leben sind. In meiner Arbeit wird das auch aufgegriffen: Drogen waren historisch eng mit städtischen Konsumkulturen verbunden und haben sich von eher privilegierten Gruppen aus verbreitet.

Wenn man das auf den Karlsplatz überträgt, sieht man, dass der Ort sich ja extrem verändert hat. Früher war er stark mit der offenen Drogenszene verbunden, heute wird er eher als Kulturraum wahrgenommen. Aber der physische Ort ist derselbe geblieben, verändert hat sich vor allem, wie er genutzt wird und welche Gruppen dort präsent sind. Der Raum wurde neu „produziert“. Also durch Stadtplanung, durch politische Maßnahmen, aber auch durch gesellschaftliche Vorstellungen davon, was dort stattfinden soll und was nicht. Dabei spielen auch Machtverhältnisse eine Rolle. Nicht alle Gruppen können den Raum gleich stark prägen. Manche Nutzungen werden gefördert, während andere verdrängt werden.

Stefan: „Diese Stadt ist ein Schrei. Sie ist high und modern. Alle lieben den Duft. Alle haben sie gern.“ Singt der Falco 1985. Am Karlsplatz gab es damals eine so genannte „Offene Drogenszene“. (Was ist eine offene Drogenszene?) Sind diese Szenen international vergleichbar? Sozusagen globalisiert worden? Oder gabs/gibt’s da eine lokale Besonderheit in Wien?

Rabia: Eine „offene“ Drogenszene bedeutet grundsätzlich, dass sie im öffentlichen Raum stattfindet. Sie ist also sichtbar und beobachtbar. Wenn ich mir jetzt jede Woche Leute nach Hause einlade und dort Drogen konsumiere, kaufe oder verkaufe, dann passiert das im Privaten. Sobald sich diese Szene aber in den öffentlichen Raum verlagert, wird sie automatisch Teil des öffentlichen Diskurses. Da stellt sich natürlich die Frage: Warum konsumieren Menschen überhaupt in der Öffentlichkeit? Und da kommt wieder der soziale Aspekt rein. Gerade marginalisierte Gruppen haben oft gar nicht die Möglichkeit, ihren Konsum im privaten Raum zu organisieren. Öffentliche Räume sind für sie oft die einzigen Orte, an denen sie sich aufhalten können und wo soziale Teilhabe überhaupt möglich ist.

Ganz so eindeutig ist diese Trennung zwischen privat und öffentlich aber eigentlich nicht. Auch Konsum im privaten Raum kann plötzlich sichtbar oder zumindest spürbar werden. In Wien hat sich zum Beispiel eine Familie darüber beschwert, dass aus der Nachbarwohnung ständig Cannabisrauch über die Lüftung in ihre Wohnung zieht.[1] Der Konsum findet dort eigentlich im Privaten statt, also genau dort, wo er normalerweise nicht problematisiert wird. Aber in dem Moment, wo andere direkt davon betroffen sind, verschiebt sich das Ganze.

Gleichzeitig zeigt der Fall aber auch, dass selbst dann nicht sofort eingegriffen wird. Trotz Beschwerden und Kontakt mit Behörden passiert offenbar lange Zeit wenig, und am Ende entsteht eher der Eindruck, dass die Betroffenen selbst aktiv werden müssen. Das wirft für mich schon die Frage auf, wann Konsum überhaupt als relevant genug gilt, um kontrolliert zu werden. Es scheint weniger davon abzuhängen, ob etwas erlaubt oder verboten ist, sondern eher davon, wie sichtbar oder störend es wahrgenommen wird.

Stefan: Und wahrscheinlich auch von wem es als störend wahrgenommen wird. Die Geschichte mit der Familie, die vom Cannabis-Rauch der Nachbarn gestört wurde, findet in Meidling in einem Gebäude statt in dem die Wohnungen eng nebeneinander liegen und offenbar mittels Lüftungsschächten verbunden sind. In einem Altbau mit großen Wohnungen ergibt sich dieses Problem vielleicht gar nicht.

Rabia: Zur Frage, ob das ein globales Phänomen ist: Ich würde sagen ja. Offene Drogenszenen gibt es weltweit, auch wenn sie je nach Stadt oder Land unterschiedlich ausgeprägt sind. Aber im Grunde findet man fast überall bestimmte Orte, die mit Drogenkonsum und -handel assoziiert werden. Allein beim Reisen wird man oft gewarnt, bestimmte Viertel oder Straßen zu meiden, aufgrund der „Drogenszenen“.

Diese Vorstellung von der „high(en) und modernen“ Stadt beschreibt auch schön eine intensive, schnelle, konsumorientierte Stadt. Die Stadt lebt von diesen Versprechen von Freiheit und Konsum, aber gleichzeitig werden bestimmte Formen davon nicht akzeptiert. Während zum Beispiel Alkohol- oder Partykultur oft als Teil urbaner Lebensweise gelten, wird sichtbarer Drogenkonsum von marginalisierten Gruppen schnell als störend oder problematisch markiert.

Stefan: Zu der Zeit als Falco das geschrieben hat, war der Mainstream in Wien ja ganz offen am Alkoholismus orientiert. Saufen konnte man immer schon rund um die Uhr. Auch wenn‘s eine Sperrstunde gab und die Stadt meistens ab 22 Uhr fast ganz tot war. In Wien gilt ja bis heute die Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr. Finde ich durchaus sympathisch. Vor allem, weil sich eh niemand mehr wirklich dran hält. Aber früher war das ein Disziplinarmittel. Mit der Hausbesorgerordnung von 1922 wurde erstmals das Recht auf einen eigenen Haustorschlüssel bundesgesetzlich verankert. Davor hatten die Mieter keinen Anspruch auf einen Schlüssel und waren nach der Sperrstunde (meist 21:00 oder 22:00 Uhr) auf den Hausmeister angewiesen.

Der Name „Sechserl“ bezog sich ursprünglich auf sechs Kreuzer (den sechsten Teil eines Guldens). In der Ersten Republik stieg die Gebühr inflationsbedingt an; man zahlte dann oft 50 Groschen, was im Volksmund zum Begriff „Nachtschilling“ führte. Obwohl das System offiziell abgeschafft war, gab es in Wien noch lange Zeit Verordnungen, die Gebühren für das Aufsperren regelten, falls man dennoch keinen Schlüssel hatte. So wurde die Höhe des Sperrsechserls in Wien laut Wikipedia noch 1969 per Verordnung auf neun bis 13 Schilling festgesetzt. Wenn der Hausmeister ein Tyrann war oder tief geschlafen hat, ist man halt nicht reingekommen. Abgesehen davon, dass es als unschicklich galt „so spät“ noch außer Haus zu sein.

Du argumentierst Drogenszenen sind nicht nur Orte des Konsums, sondern auch soziale Räume, in denen bestimmte Verhaltensregeln gelten. Das erinnert an Pierre Bourdieu, oder?

Rabia: Alles, was ich bisher über den öffentlichen Raum und Drogenszenen in Städten beschrieben habe, lässt sich eigentlich sehr gut mit Pierre Bourdieu erklären. Wie er sagt, gibt es nicht nur den physischen Raum, sondern auch einen sozialen Raum. Das heißt: Es geht nicht nur darum, wo man sich befindet, sondern auch wer man ist und mit welchen Voraussetzungen man dort auftritt.

Wir alle haben eine bestimmte soziale Position, und unsere Handlungsmöglichkeiten passen sich oft daran an. Dabei spielen verschiedene Kapitalarten eine Rolle, also ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Diese bestimmen mit, wie wir uns im Raum bewegen können, wie wir wahrgenommen werden und wo wir überhaupt „reinpassen“.

Auch im öffentlichen Raum, und eben auch im Kontext von Drogenkonsum, wirken ständig soziale Regeln. Es gibt Vorstellungen davon, welches Verhalten „okay“ ist und welches nicht. Und das hängt stark davon ab, wer dieses Verhalten überhaupt zeigt. Also die Abgrenzung zwischen sozialen Gruppen. Und die passiert nicht nur über Geld, sondern auch über Habitus, also über Körpersprache, Auftreten, Kleidung, Lautstärke oder einfach darüber, wie man sich im Raum bewegt.

Zwei Personen können am selben Ort sein und sich trotzdem komplett unterschiedlich erleben. Für die einen ist der Karlsplatz ein angenehmer Treffpunkt oder Kulturraum. Für andere ist er ein Ort, an dem sie sich beobachtet, fehl am Platz oder sogar unerwünscht fühlen. Auch die Gestaltung des Raumes spielt somit mit rein.

Stefan: In deinem Text entwickelst du eine interessante Idee. Du verbindest die Städteentwicklung mit der Drogenentwicklung. Vielleicht eine Industrialisierungsgeschichte des Drogenkonsums?

Rabia: Ich würde sagen, in einer Weise schon. Drogenkonsum gehört nicht automatisch zu Städten, aber die Entwicklung von Städten, vor allem im Zuge der Industrialisierung, hat Bedingungen geschaffen, unter denen sich Drogenkonsum ganz anders entfalten konnte.

Mit der Industrialisierung wurden Städte zu Orten von verdichteter Arbeit, sozialer Ungleichheit, aber auch von neuen Freizeit- und Konsummöglichkeiten. Es entstehen Märkte, Mobilität nimmt zu, Menschen leben enger zusammen, Beziehungen werden anonymer, all das sind Faktoren, die auch für die Entwicklung von Drogenkonsum und Drogenszenen relevant sind.

Man könnte also sagen, dass Drogenkonsum eng mit anderen ökonomischen Entwicklungen verbunden ist. Mit der Industrialisierung entstehen neue Formen von Produktion und Handel und damit auch neue Märkte für psychoaktive Substanzen. Gleichzeitig verändern sich Lebensrealitäten: Arbeitsdruck, soziale Unsicherheit, aber auch neue Formen von Freizeit und Konsum spielen eine Rolle.

Dabei geht es aber nicht nur um Konsum, sondern auch um Kontrolle. Mit der Entwicklung moderner Städte entstehen auch neue Formen von Regulierung. Bestimmte Substanzen werden erlaubt, andere verboten. Bestimmte Formen von Konsum werden akzeptiert, andere stigmatisiert. Es gibt schon so etwas wie eine Verbindung zwischen Städteentwicklung und einer „Geschichte des Drogenkonsums“, aber nicht im Sinne einer einfachen Ursache-Wirkung-Beziehung. Eher im Sinne davon, dass sich beides gegenseitig beeinflusst. Städte schaffen die Bedingungen, unter denen sich Drogenmärkte, Konsumformen und auch deren gesellschaftliche Bewertung entwickeln.

Stefan: Deine Beobachtung ist, dass soziale Problemlagen, insbesondere die Situation von Drogenkonsument*innen, in den stadtplanerischen Konzepten kaum berücksichtigt wurden. Der Fokus lag primär auf ästhetischer, funktionaler und sicherheitspolitischer Aufwertung, während marginalisierte Gruppen kaum Teil der Planung waren. Das betrifft übrigens auch immer noch Menschen mit Behinderungen sehr stark. Barrierefreiheit ist nicht damit erreicht, dass es in (beinahe) allen U-Bahn-Stationen einen Aufzug gibt.

Hat das auch etwas mit dem Publikum zu tun, das man an solchen Kulturorten anziehen will? Ergibt sich daraus eine Klassenfrage?

Rabia: Irgendwie möchte ich gar nicht so pessimistisch oder zu „marxistisch“ klingen, aber am Ende ist es schon auch eine Klassenfrage. Also nicht nur im klassischen Sinne von Geld, sondern auch im Sinne von sozialem und kulturellem Kapital. Stadtplanerische Konzepte wirken auf den ersten Blick oft neutral, es geht um Begriffe wie Verbesserung, Modernisierung oder Aufwertung. Aber wenn man genauer hinschaut, richten sich viele dieser Maßnahmen eher an einkommensstärkere und sozial privilegierte Gruppen. Räume werden ästhetisiert, sicherer gemacht, „attraktiver“ gestaltet aber eben für ein bestimmtes Publikum. Das führt dazu, dass ein öffentlicher Raum, der eigentlich für alle da sein sollte, so verändert wird, dass sich manche Gruppen dort weniger aufhalten können oder wollen. Formal bleibt er offen, praktisch wird er selektiver. Gerade am Karlsplatz sieht man das gut. Die Entwicklung hin zu einem Kulturraum war kein neutraler Prozess, sondern auch eine bewusste Umgestaltung des Publikums. Eine sichtbare Drogenszene passt nicht zum Image eines kulturell aufgewerteten, repräsentativen Ortes. Ich würde aber auch sagen, dass Stadtplanung nie einfach einen fertigen Raum schafft. Sie gibt eher einen Rahmen vor. Planung setzt zwar gewisse Rahmenbedingungen, also wie der Raum aussieht, wie er genutzt werden soll, welche Angebote es gibt. Aber was dort tatsächlich passiert, entscheidet sich erst durch die Menschen, die ihn nutzen.

Stefan: Um jetzt nicht zu marxistisch zu klingen, könnten wir dazu auch Anarchisten ins Feld führen, wie den Fürsten (sic) Pjotr Kropotkin, oder Colin Ward und Murray Bookchin. Sie setzten in ihren Überlegungen zur Geographie, zu einem anarchistischen Urbanismus, und zur Sozialökologie auf Selbstverwaltung, Dezentralisierung und die Überwindung hierarchischer Strukturen. Ihre Konzepte versuchen Räume basisdemokratisch zu gestalten, kollektive Nutzung zu fördern, statt privaten Besitz und eine direkte Beteiligung der Bewohner an Planungsprozessen zu ermöglichen. Projekte wie Elektrizitätsgenossenschaften oder gemeinschaftliche Stadtgärten spiegeln diese Prinzipien wider.

Rabia: Bis vor kurzem habe ich noch in Linz gelebt, und dort gibt es die Turmstraße, die als eine der bekanntesten Drogenszenen gilt. Vor etwa einem Monat kam es dort zu rund 85 Festnahmen, und angeblich soll eine ganze Familie in die Organisation der Szene involviert gewesen sein. Was ich dabei interessant finde, ist, dass es eigentlich schon lange kein Geheimnis mehr war, dass sich dort eine „Drogenszene“ befindet. Viele wussten das, es wurde auch im Alltag so wahrgenommen. Trotzdem hat es Jahre gedauert, bis so massiv eingegriffen wurde. Und als es dann passiert ist, war eigentlich niemand wirklich überrascht. Das wirft für mich genau die Frage auf, die auch in meiner Arbeit zum Karlsplatz mitschwingt. Wann wird etwas überhaupt als Problem wahrgenommen und wann wird gehandelt? Oft scheint es so zu sein, dass nicht die Existenz der Szene entscheidend ist, sondern ihre Sichtbarkeit und ihre symbolische Bedeutung. Die Turmstraße liegt ja nicht direkt im Zentrum oder in einem stark repräsentativen Raum. Im Gegensatz dazu steht ein Ort wie der Karlsplatz, der gleichzeitig Verkehrsknotenpunkt, Kulturraum und öffentlicher Treffpunkt ist. Man könnte also sagen, dass es einen Unterschied macht, wo eine Drogenszene ist. Wenn sie sich in einem weniger zentralen oder weniger „repräsentativen“ Raum befindet, wird sie vielleicht länger toleriert oder weniger stark reguliert. Sobald sie aber näher an Orte rückt, die für das Stadtbild wichtig sind, steigt der Handlungsdruck.

Diese Dynamik sieht man auch aktuell in Wien. Rund um die Gumpendorfer Straße wurde eine neue Schutzzone eingerichtet, um den Drogenhandel dort einzudämmen.[2] Aber gleichzeitig wird auch davon ausgegangen, dass sich die Szene dadurch eher verlagert als wirklich verschwindet. Interessant ist auch, dass dort ganz bewusst mit einer Mischung aus Polizei und Sozialarbeit gearbeitet wird. Sozialarbeiter*innen sollen neue Aufenthaltsorte erkennen und darauf reagieren, während gleichzeitig die Kontrolle verstärkt wird.

Dabei wird auch ziemlich offen gesagt, dass es eigentlich unrealistisch ist, Drogenkonsum oder -handel in einer Großstadt komplett zu verhindern. Es geht also weniger darum, dass das Problem verschwindet, sondern eher darum, wie damit umgegangen wird, sodass für andere möglichst wenig „Störung“ entsteht. Im Mittelpunkt steht oft nicht der Mensch, der konsumiert, sondern das Umfeld, das möglichst wenig beeinträchtigt werden soll. Also das Wohlergehen der „anderen“, nicht unbedingt die Lebensrealität der Betroffenen selbst. Gleichzeitig wird aber mit sozialarbeiterischen Maßnahmen gearbeitet und auch argumentiert. Das wirkt ein bisschen widersprüchlich, weil Sozialarbeit ja eigentlich darauf abzielt, Menschen zu unterstützen und nicht nur Räume „ruhiger“ zu machen.

Gerade Orte wie Bahnhöfe spielen da eine wichtige Rolle. Sie sind öffentliche Räume, aber oft auch Rückzugsorte für Menschen, die sonst keinen sicheren Ort haben. Ich bin selbst über längere Zeit zwischen Linz und Wien gependelt und habe den Westbahnhof oft erlebt. Natürlich fallen dort alkoholkonsumierende Menschen auf, und ja, es riecht manchmal unangenehm. Aber gleichzeitig sind viele einfach da, sitzen, schlafen oder essen, also eigentlich ganz alltägliche Dinge, nur unter anderen Umständen. Das hat mich persönlich weniger gestört, als es oft dargestellt wird.

Stefan: Das ist ein wichtiger Punkt. Es geht bei der Drogenpolitik sehr oft um Sichtbarkeit und symbolische Bedeutung! Gleichzeitig tut der österreichische Staat auch viel zu wenig, um dem von ihm als „problematisch“ geframten Drogenkonsum wirksam entgegenzuwirken. Wir sind ja im sozialen Bereich mit einem beispiellosen Sparzwang konfrontiert. Gerade Drogenarbeit wird gerade stark eingespart. Und Alternativen zum kleinen Glück, das aus einem Drogenrausch entstehen kann, gibt es in unserer Arbeitswelt viel zu selten. Wie schätzt du die Rolle der Sozialarbeit ein? Kann sie gegensteuern? Welchen Beitrag könnte sie für die zukünftige Entwicklung in Bezug auf die Stadtplanung leisten?

Rabia: Ich denke, soziale Arbeit ist grundsätzlich extrem wichtig. Sie ist oft einer der wenigen Wege, um einzelne Menschen konkret zu unterstützen, zu begleiten und überhaupt in Kontakt zu bleiben. Gerade im Bereich von Drogenkonsum oder marginalisierten Gruppen geht es ja nicht nur um „Problemlösung“, sondern oft einfach darum, Stabilität zu schaffen, Beziehungen aufzubauen und überhaupt Handlungsspielräume zu eröffnen. Warum dann ausgerechnet in solchen Bereichen oft zuerst gespart wird, wäre eigentlich schon eine eigene Fragestellung wert. Vor allem, weil ich finde, dass die Rolle der Sozialarbeit nicht kleiner, sondern eher größer wird. Gerade an Orten wie dem Karlsplatz zeigt sich, dass sie eine zentrale Funktion übernimmt. Ich würde deshalb sagen, dass Sozialarbeit mehr als nur „Hilfe“ ist. Sie vermittelt zwischen unterschiedlichen Gruppen, reagiert auf Konflikte im öffentlichen Raum und schafft überhaupt erst Möglichkeiten für Teilhabe.

Sozialarbeit hat aber auch das Potenzial, aktiv in Stadtentwicklung einzugreifen. Gerade weil sie so nah an den Lebensrealitäten der Menschen ist, kann sie sichtbar machen, welche Bedürfnisse im öffentlichen Raum oft übersehen werden. Für die Zukunft würde ich sagen: Sozialarbeit könnte eine viel stärkere Rolle spielen, wenn sie nicht nur „reagiert“, sondern auch in Planungsprozesse eingebunden wird. Also nicht erst dann kommt, wenn Probleme sichtbar werden.
Aber auch nicht jeder Drogen-Hotspot wird gleich behandelt. Wenn ich das mit meinem Beispiel aus Linz zusammendenke, wird diese Rolle der Sozialarbeit nochmal anders sichtbar. Dort hatte ich nicht den Eindruck, dass es eine starke oder kontinuierliche sozialarbeiterische Präsenz im öffentlichen Raum gibt, zumindest nicht in einer Weise, die wirklich wahrnehmbar oder prägend wäre. Das kann natürlich auch mit Ressourcen oder strukturellen Bedingungen zusammenhängen. Gleichzeitig entsteht aber genau dadurch die Frage, ob solche Orte nicht gerade deshalb lange „unter dem Radar“ bleiben und erst dann stärker in den Fokus rücken, wenn sie eskalieren oder repressives Eingreifen notwendig wird. Im Vergleich dazu wirkt der Karlsplatz fast wie ein Gegenmodell: Dort ist Sozialarbeit, zumindest zeitweise, Teil des Raumes selbst, also sichtbar, ansprechbar und auch vermittelnd zwischen unterschiedlichen Gruppen. Da denke ich mir dann, wenn sich so eine Szene näher am Stadtzentrum oder in einem „repräsentativen“ Raum befinden würde, wäre der Handlungsdruck wahrscheinlich viel größer, sowohl politisch als auch medial.


[1] https://www.heute.at/s/nachbarn-kiffen-pausenlos-frau-haelt-geruch-nicht-aus-120189302, abgerufen am 05.05.2026.

[2] https://www.derstandard.at/story/3000000318787/neue-schutzzone-gegen-drogenhandel-in-wien-droht-eine-verlagerung-der-szene, abgerufen am 05.05.2026.

Die Wienwahl-Shitshow

Also wir haben eine regierende SPÖ, für die es in Wien keinerlei Probleme gibt und alles superfein ist. Und zwar so superfein, dass sie auch bei den übelsten Menschenrechtsverletzungen nicht darüber nachdenkt ihre Kooperationspartner bei den türkischstämmigen Faschisten zu wechseln.

Aber allgemein ist das Bild bei der Wienwahl nicht hübsch. Das Profil schreibt: „Drei von sieben Wiener Spitzenkandidaten und ein Bezirkschef werden von der Justiz als Beschuldigte oder Angeklagte geführt. Der Wahlkampf läuft trotzdem weiter, als wäre nichts passiert.“ Unter den Beschuldigten ist auch Ernst Nevrivy, ein Bezirkschef der SPÖ. „Ihm wird vorgeworfen, Insiderinformationen über Bauvorhaben der Stadt an die Wienwert-Manager durchgestochen zu haben – sodass diese einen Wettbewerbsvorteil beim Kauf von Grundstücken hatten, die später im Wert stiegen. Als Gegenleistung soll Nevrivy VIP-Tickets für Fußballspiele erhalten haben.“ Dabei ist Nevrivy theoretisch auf Bewährung, war er doch bereits einer der Hauptdarsteller in der Kleingartenaffäre Ende 2023.[1]

Aber die Alternativen sind auch mau. Eine „Opposition“ unter Anführungszeichen.

Eine ÖVP, die als Wienfiliale der „Huren der Reichen“ die Sperrung der Bundesgärten für die Wiener während Corona mitgetragen hat. Die elitär und spießbürgerlich die Nase rümpft über Arme und neue Wiener und ständig an der Grenze zum offenen Rassismus kampagnisiert. Etwa bei der „Besichtigung“ des Brunnenmarktes usw. Deren Vorsitzender Karl Mahrer wurde, laut Profil, „im Februar von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) in der Causa um die insolvente Immobiliengesellschaft Wienwert angeklagt“. Kandidieren tut er natürlich trotzdem. Anstand sollen gefälligst die anderen haben. Damit Leistung (ob tatsächlich getätigte, oder auch nur symbolische) sich wieder auszahlt.

[Achtung! Triggerwarning für Kapitalismusfans!!] Die NEOS sind Neo(liberale). Wobei der Fokus auf Neo und nicht auf liberal liegt. Liberal sind sie nur, wenns den Interessen des Kapitals entspricht. Aber, wer braucht eine Partei die auf Landesebene die Interessen von globalen Kapitalisten umsetzen will? Die im Wahlprogramm auf Unternehmensseite Deregulierung und auf Arbeitnehmerseite Flexibilität durchsetzen will? Die eine Schuldenbremse fordert, statt [Trigger incoming!!!] das gute Leben für alle und dabei Pensionen und Sozialbezüge kürzen will, und noch dazu die Leerstandsabgabe ablehnt?

Nicht einmal auf die FPÖ kann man sich mehr verlassen. Für Wählerstimmen schämt sie sich nicht mit türkischen und sonstigen minoritären Faschisten zu kooperieren. Darüber hinaus, wen wunderts, laufen gegen Wiens FPÖ-Chef Dominik Nepp, laut Profil, Ermittlungen in der blauen Spesenaffäre, aber wie das so ist, wenn man Geld und Einfluss hat, zieht sich das Verfahren bereits seit der Wien-Wahl 2020.

Der Strache ist wieder zurück. Ich mein, das ist selbsterklärend. Nur hat er weder „Sagen aus Wien“ (Wienwahl 2010) im Gebäck, noch wirkt sein Charme so frisch wie damals.

Dann gibt es noch eine von Austrotürken dominierte Partei namens SÖZ, die bewusst antisemitische Stimmung schürt, indem ständig der Nahostkonflikt ins Gespräch gebracht wird, egal um welches Thema es geht. Deren Ableger namens „Liste Gaza“ mit klarer Pro-Hamas und Anti-Israel Agenda auftritt und die Frage aufwirft: Was hat eine Partei mit thematischem Fokus auf „Gaza“ im Gemeinderat in Wien zu suchen? Aber abgesehen davon dürften sie auf dem Standpunkt Erdogans stehen, der einmal bekanntermaßen verlautbart hat Integration sei Assimilation. Denn sie votieren, gemeinsam mit den Grünen, dafür, etwa bei der Führerscheinprüfung auf Deutsch als Prüfungssprache zu verzichten. Das Argument für die Prüfung in weiteren Sprachen, die „Sprachbarriere erschwer(e) den Zugang zum Arbeitsmarkt“, klingt zunächst ganz gut, denn natürlich gibt es Jobs, bei denen ein Führerschein notwendig ist. Aber gibt es nicht viel mehr Jobs bei denen zumindest Grundkenntnisse der deutschen Sprache absolut notwendig sind? Und sollte nicht jeder, der hier lebt und mit dem Auto fährt, Deutsch so weit beherrschen, dass er sich in einer Verkehrskontrolle verständlich machen kann? Hier wird Klientelpolitik unter dem Deckmantel der offenen Gesellschaft betrieben. Ein Bärendienst für das gelingende Zusammenleben aller Österreicher.

Und dann gibt’s natürlich noch den Zusammenschluss der Linken, wo sich alle versammeln, die in Wien ohnehin nicht gewählt werden. Die betreiben zwar eine achtbare Sozialpolitik und sind bei weitem die am wenigsten korrupte, sowie authentisch glaubwürdigste Ansammlung von politisch aktiven Individuen mit einer klaren Einstellung zur politischen Arbeit. Aber gleichzeitig haben da viele Mitglieder, vor allem von der KPÖ, in Bezug auf wichtige politische Themen, vermutlich inspiriert durch Jahre der RT-Propaganda, völlig den Faden verloren und äußern sich dementsprechend. Da gibt es den dummpazifistischen Putin-Fetischismus, der den imperialen Eroberungskrieg, den Russland in der Ukraine führt, als legitime Abwehr von NATO und Kapitalismus wahrnimmt und im Grunde der Meinung ist, dass jeder, der vor dem Einmarsch einer faschistischen Armee nicht sofort kapituliert ein „Kriegstreiber“ ist. Der also nicht nur eine saftige Täter-Opfer-Umkehr betreibt, sondern auch irgendwie der Meinung zu sein scheint, der putin‘sche Gangsterkapitalismus wäre eine Antwort auf den demokratisch und rechtstaatlich zumindest minimal eingehegten Kapitalismus in Westeuropa. Gleichzeitig (!) (und das ist besonders makaber) herrscht bei manchen der vollausgeprägte antiimperialistischen Wahn vor, der beim Krieg Israels gegen die Hamas, entgegen der Position zur überfallenen Ukraine, die Kriterien zur Bestimmung von Täter und Opfer diametral gegenteilig vornimmt. Täter ist natürlich der jüdische Staat.

Für die gute Sozialpolitik nimmt man also eine Partei in Kauf, deren Mitglieder teilweise unklare Positionen zum Existenzrecht Israels und der Ukraine und der Sicherheit von Juden in Wien haben. Und sich irgendwie nicht so recht zum demokratischen Rechtstaat bekennen wollen, weil der das Kapitalverhältnis aufrechterhält. Eine theoretische Position, die vom Minimum an Freiheit absieht, um die Möglichkeit der Revolution nicht aus den Augen zu verlieren? Eine Position jedenfalls, die unterschlägt, dass es schon einen Unterschied macht, wo diese Regimekritik geäußert wird. In Putins Russland stürzt man für solche Äußerungen über die lokale Herrschaft mit einer schweren Vergiftung aus dem Fenster eines Wolkenkratzers. Oder wird, so wie die 19-jährige Darya Kozyreva für das Verfassen eines Gedichtes drei Jahre in ein Straflager gesperrt. In Österreich kandidiert man für den Landtag. Wo wir dann schon wieder bei der KPÖ wären. Und die wirbt bekanntlich mit dem Slogan „Ludwig g ́winnt eh“.

Den Wandel hats zerlegt. Der muss seine weitgehend passablen politischen Ansätze im Linksverband verwässern, damit er überhaupt irgendwo auf der Liste steht.

Und die Grünen. Ja also die Grünen. Was soll ich sagen? Die Vassilakou haben sie überlebt. Den Chorherr sind sie losgeworden. Den Öztas haben sie suspendiert. Die Schilling hat nach oben versagt und ist deshalb auch nicht mehr ihr Problem. Nebenbei machen sie die schönsten Radwege und pflanzen Bäume. Ich mag auch Fußgängerzonen, und ich möchte das mittelfristig alle Autos aus der Stadt verschwinden. Aber machen mich die Grünen deshalb glücklich? Nein. Sie schauen nur gut aus, weil der Rest der politischen Landschaft in Wien völlig daneben ist.


[1] Alle Infos zu korrupten Wiener Politikern aus Profil: https://www.profil.at/oesterreich/skandal-egal-bei-der-wien-wahl-kandidieren-viele-beschuldigte/403032224

Social Witchcraft ein Gespräch über Hexen auf TikTok mit Lisa Dorner

Stefan: Du hast für deine Masterarbeit Hexen und die von ihnen auf TikTok präsentierten Inhalte erforscht. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Lisa: Ich bin durch zwei Faktoren auf das Thema gestoßen: Einerseits habe ich selbst immer wieder in meiner „privaten“ Social-Media-Nutzung die spirituelle Seite von TikTok kennengelernt und fand sie schon damals sehr faszinierend. Andererseits habe ich ein Seminar besucht mit dem Namen „Verfluchte Ökonomien“, das sich mit okkulten Vorstellungen in einem globalen Entwicklungsdiskurs auseinandergesetzt hat. Im Zuge meiner Abschlussarbeit für das Seminar, habe ich beschlossen diese Dinge zu verknüpfen, und weil ich das Gefühl hatte, es gibt noch mehr dazu zu forschen, habe ich schließlich auch meine Masterarbeit diesem Thema gewidmet.

Stefan: Wie kann TikTok am besten erforscht werden?

Lisa: TikTok ist ein digitaler Raum, in dem verschiedene Menschen und Unternehmen, die alle unterschiedliche Zwecke verfolgen, aufeinandertreffen. Um die Dynamiken die sich auf so einer komplexen Plattform zu verstehen, habe ich mich für eine qualitative Forschung entschieden, die mir erlaubt, möglichst tief in die Materie einzudringen. Für meine Arbeit habe ich mich für die digitale Ethnographie entschieden. Das ist eine Forschungsmethode, die das Verhalten und die Interaktionen von Online-Communitys untersucht. Besonders bei Social-Media-Phänomenen wie WitchTok erlaubt sie, digitale Rituale und Identitätskonstruktionen zu analysieren. Teilnehmende Beobachtung und Plattformanalysen sind zentrale Methoden, um in meiner Arbeit digitale Hexenpraktiken nachzuvollziehen. Die Methode umfasst verschiedene Techniken zur Datensammlung, darunter Inhaltsanalysen von Postings, Kommentare und Hashtags, sowie visuelle Analysen von Bild- und Videomaterial, um digitale Gemeinschaften und ihre Dynamiken zu verstehen. Plattformen wie TikTok stellen hierbei besondere Herausforderungen dar, da Algorithmen Inhalte nicht chronologisch, sondern personalisiert ausspielen. Dadurch kann sich die Rezeption von Daten je nach Nutzer:in stark unterscheiden.

In der digitalen Ethnographie wurde gezieltes Sampling von TikToks bzw. TikTok-Accounts angewendet, das sich an relevanten Hashtags, Algorithmen und Community-Strukturen orientiert. Im Falle dieser Arbeit wurden Accounts untersucht, die unter dem Hashtag #WitchTok aktiv sind und von Menschen geführt werden, die sich selbst als Hexen bezeichnen. Diese Methode ermöglicht es, digitale Subkulturen zu erfassen und Trends innerhalb der Community zu dokumentieren​.

Die Ergebnisse der digital-ethnographischen Forschung werden durch Screenshots und analytische Reflexionen dokumentiert. Dies ermöglicht eine Verknüpfung zwischen theoretischen Konzepten und beobachteten Online-Praktiken​.

Stefan: Von welchen theoretischen Prämissen bist du ausgegangen?

Lisa: Silvia Federici analysiert in ihrer Arbeit die historische Rolle der Hexenverfolgung im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Sie argumentiert, dass die Hexenjagden nicht nur Ausdruck patriarchaler Unterdrückung waren, sondern gezielt zur Disziplinierung und Kontrolle weiblicher Arbeitskraft eingesetzt wurden. In der frühen Neuzeit, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert, dienten die Hexenprozesse dazu, Frauen in traditionelle, untergeordnete Rollen zu drängen und ihre wirtschaftliche sowie soziale Unabhängigkeit zu unterbinden​. Die Auswirkungen dieses gewaltvollen Prozesses sind bis heute bemerkbar.

Federici beschreibt die Hexenjagden als eine Methode der ursprünglichen Akkumulation, die Karl Marx als Voraussetzung für das Entstehen des Kapitalismus definierte. Während Marx sich auf die Enteignung der Bauern und die koloniale Ausbeutung konzentrierte, zeigt Federici, dass Frauen durch die Hexenverfolgung ihrer reproduktiven Arbeit und ihres Wissens beraubt wurden. Besonders betroffen waren Frauen, die außerhalb patriarchaler Strukturen lebten – Heilerinnen, Hebammen und unverheiratete Frauen. Die Verfolgungen dienten dazu, Frauen in das kapitalistische Wirtschaftssystem zu zwingen, indem sie in abhängige, unbezahlte Reproduktionsarbeit gedrängt wurden​.

Stefan: Wie kommst du von der ursprünglichen Akkumulation zu TikTok?

Lisa: Soziale Netzwerke sind kapitalistische Plattformen, die von Unternehmen gesteuert werden, deren Ziel Kapitalakkumulation ist. Das bedeutet, sie sind das direkte Produkt kapitalistischer Strukturen und eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Akkumulation. Social-Media-Plattformen sind keine luftleeren Räume, sondern reproduzieren gesellschaftliche Strukturen und gehören dementsprechend zu einer modernen entwicklungspolitischen Forschung.

Inhaltlich habe ich mich auf die Ansätze von Donna Haraway gestützt. Sie entwickelte das Bild des Cyborgs als eine postmoderne Identität, die die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Natur und Technik, auflöst. Technofeministische Ansätze heben hervor, dass Technologie nicht neutral ist, sondern geschlechtsspezifische Machtverhältnisse reproduziert. Gleichzeitig argumentiert Haraway, dass Technologie nicht zwangsläufig ein Instrument patriarchaler Unterdrückung sein muss, sondern auch emanzipatorisches Potenzial besitzt, wenn sie nach technofeministischem Verständnis genutzt wird. Kritisch wird angemerkt, dass Haraways Theorie eine westlich geprägte Fortschrittsvision verfolgt und dabei koloniale und kapitalistische Strukturen oft ausklammert. Ihre Vorstellung, dass Technologie die Befreiung von Geschlechterkategorien ermöglichen kann, blendet aus, dass digitale Plattformen selbst tief in kapitalistische und patriarchale Strukturen eingebettet sind.

Technopaganismus bezeichnet die Verschmelzung moderner Technologien mit spirituellen Praktiken. Während einige Hexen den Fokus auf Naturverbundenheit legen, sehen andere digitale Medien als legitimes Mittel zur spirituellen Erfahrung. Soziale Netzwerke dienen in diesem Zusammenhang als Orte der Identitätsbildung und ermöglichen den Austausch über Rituale und Glaubenssysteme in und außerhalb der Community. Dies zeigt sich beispielsweise in magischen TikTok-Trends, die digitale Tools für rituelle Zwecke nutzen​. Social Media spielt demnach eine entscheidende Rolle in der Identitätsbildung der modernen Hexe.

Stefan: Social Media ist Teil des Kulturindustriellen Produktionszusammenhangs, Teil der fortgeschrittenen Akkumulation, Teil der Ausbeutungsmaschinerie unterm Kapitalverhältnis. Was kann eine feministische Bewegung sich von der Teilnahme an so einer Struktur erwarten?

Lisa: Christian Fuchs beschreibt soziale Medien als kapitalistisch geprägte Plattformen, die eine neue Form der Kulturindustrie darstellen („techno-soziales System“).

Stefan: In Anknüpfung an Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Lisa: Genau, sie basieren laut Fuchs auf einem Geschäftsmodell, das durch Nutzer:inneninteraktionen Daten generiert, die dann monetarisiert werden. Soziale Medien sind demnach Unternehmen, die auf die Maximierung von Profiten durch algorithmisch gesteuerte Aufmerksamkeit ausgerichtet sind​. Fuchs zeigt, dass Social-Media-Plattformen nicht nur passiv Inhalte hosten, sondern aktiv in die Informationsverbreitung eingreifen. Algorithmen priorisieren Inhalte, die hohe Engagement-Raten erzielen, da diese die Verweildauer der Nutzer:innen erhöhen und damit die Werbeeinnahmen maximieren. Diese Mechanismen führen dazu, dass emotionale, kontroverse oder konsumfördernde Inhalte bevorzugt werden – ein zentrales Element der Kulturindustrie im digitalen Zeitalter.

Hierbei ist der Warencharakter von Kultur besonders offensichtlich, da Inhalte monetarisiert und für Werbezwecke optimiert werden. Influencer:innen sind Teil eines Systems, in dem Konsum gefördert und als natürliche Form der Selbstinszenierung dargestellt wird. Diese Mechanismen führen zu einer auch verstärkten Kommerzialisierung spiritueller Inhalte, auf die sich die Masterarbeit konzentriert.

Fuchs betont, dass die wirtschaftlichen Strukturen von Social-Media-Plattformen nicht nur die Kommunikation beeinflussen, sondern auch gesellschaftliche Diskurse prägen und politische Machtverhältnisse reflektieren​.

Stefan: In diesem Zusammenhang taucht in deiner Arbeit der Begriff der algorithmischen Divination auf. Kannst du erläutern was das ist, geht es wirklich um Magie?

Lisa: Es handelt sich nicht um Magie, obwohl es sich teilweise so anfühlen kann. Lazaro beschreibt algorithmische Divination als moderne Form der Wahrsagerei, bei der Algorithmen Muster erkennen und interpretieren. Diese Praxis wird von Hexen auf Social Media genutzt, um magische Praktiken mit digitalen Technologien zu verbinden. Beispielsweise wird über den Algorithmus auf TikTok versucht, göttliche Botschaften zu empfangen oder magische Muster in digitalen Daten zu erkennen​.

Ein Beispiel dafür sind TikToks, in denen Personen Karten legen oder mit übernatürlichen Kräften kommunizieren, um Voraussagen zu tätigen. Das passiert nicht im direkten Austausch, sondern wird auf eine größere Ebene umgelegt und dennoch versucht zu personalisieren: Die Personen in den Videos beginnen diese dann mit Sätzen wie „Wenn du auf einem Bildschirm die Zahl 3 siehst, dann ist dieses Video für dich“ und vermitteln so das Gefühl, eine magische Instanz schwingt mit der Botschaft mit.

Stefan: Spannend. Magie ist ja ein uraltes Phänomen, das die Menschen schon beinahe seit ihrer Menschwerdung begleitet. Leander Petzold weist auf die überzeitliche Unveränderlichkeit von Magie hin und bezieht sich damit auf Ludwig Wittgenstein, der nach der Lektüre des magischen Buches „The Golden Bough“ rezipiert: „So einfach es klingt: der Unterschied zwischen Magie und Wissenschaft kann dahin ausgedrückt werden, dass es in der Wissenschaft einen Fortschritt gibt, aber nicht in der Magie. Die Magie hat keine Richtung der Entwicklung, die in ihr selbst liegt.“ Man müsste ergänzen, sie hat sogar etwas antiwissenschaftliches, indem sie nicht auf Öffentlichkeit zielt. In der modernen Forschung hat sich die Praxis etabliert Forschungsergebnisse durch eine Öffentlichkeit validieren zu lassen. Alles muss ans Licht, es muss publiziert werden. Magie wirkt im Verborgenen. Sie bezieht ihre Wirkkraft laut Petzold aus der „Exklusivität eines in sich geschlossenen Systems bzw. einer Gruppe“. Ich frage mich also, was wollen die Hexen auf TikTok? Das ist ja eine Form der Öffentlichkeit?

Lisa: Meiner Einschätzung nach lässt sich das bei den Hexen auf TikTok nicht klar feststellen. Denn Authentizität in der digitalen Hexerei wird, meiner Beobachtung nach, durch eine Mischung aus persönlicher Inszenierung und Community-Anerkennung definiert. Hexen auf TikTok gestalten ihre Inhalte so, dass sie sowohl individuelle Spiritualität als auch Trends der Plattform bedienen. Dies führt zu einem Spannungsfeld zwischen echter Überzeugung und Anpassung​ für den Algorithmus. Die Beobachtung hat gezeigt, dass viele Hexen betonen „echt“ oder „authentisch“ zu sein – dies zeigt ein Bedürfnis sich abzugrenzen. Wer allerdings bestimmt oder definiert, was im Kontext der modernen Hexerei eine echte Hexe ausmacht, ist unklar.

Stefan: Claude Lévi-Strauss meint, die magischen Glaubensinhalte könnten auch als „Ausdrucksformen eines Glaubens an eine künftige Wissenschaft“ angesehen werden. Ich interpretiere das so, dass es durchaus legitim sein kann, das Medium, in dem Magie praktiziert wird, einem Update zu unterziehen. Aber ob das dann noch dieselbe Wirkkraft entfalten kann, ist eine andere Frage, oder?

Lisa: Die Vermarktung von Hexerei in sozialen Medien zeigt sich in verschiedenen Formen: von kostenpflichtigen Tarot-Lesungen, über den Verkauf magischer Produkte, bis hin zur Ästhetisierung von Hexenpraktiken. Dies führt dazu, dass spirituelle Inhalte zunehmend in kapitalistische Strukturen eingebettet werden, wodurch die Grenze zwischen Glauben und Konsum verschwimmt​. Durch die Aufbereitung und Darstellung einer gewissen „Hexenästhetik“ wird das Gesamtbild gestärkt und der Konsum ansprechender gestaltet. Das Versprechen, Teil der Gemeinschaft zu werden, indem gewisse Produkte und Dienstleistungen gekauft werden, geht in vielen Fällen mit der Bewerbung einher.

Moderne Hexen fungieren in diesem Sinne ähnlich wie herkömmliche Influencer:innen, außer, dass sie nur durch ihren exklusiven Zugang zu Wissen und Praktiken (Magie) ihre Käufer:innen anlocken, anstatt mit Nahbarkeit und einem großen Following.

Stefan: Eine Profanisierung der Hexerei. Was macht das mit der Identität der modernen Hexen?

Lisa: Die Identität der modernen Hexe ist stark von digitalen Netzwerken geprägt. Während traditionelle Hexenpraktiken oft durch persönliche Weitergabe vermittelt wurden, ermöglichen soziale Medien eine offene und zugängliche Form der Identitätsbildung. Plattformen wie TikTok und Instagram spielen eine zentrale Rolle in der Definition dessen, was es heute bedeutet, eine Hexe zu sein.

Hexen nutzen soziale Netzwerke, um ihre Identität öffentlich darzustellen. Sie zeigen ihrer Routinen, magischen Praktiken und tauschen sich untereinander aus. Gleichzeitig gewähren sie Außenstehenden einen scheinbar exklusiven Einblick in ihre Welt. In vielen Fällen ist diese Exklusivität kaufbar, und Teil der Gemeinschaft zu werden eine finanzielle Sache: Wer die richtigen, „echten“ Kerzen, Kristalle, Zaubersprüche kauft, kann Teil der Community werden.

Dennoch ist Gemeinschaft für moderne Hexen, den Ergebnissen dieser Untersuchung nach, ein essenzieller Bestandteil ihrer Identität. Der Austausch mit anderen und das gemeinsame Lernen wird hier stark in den Fokus gestellt.

Fakenews in Facebook

Die Journalisten Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff haben vor einigen Jahren ein brauchbares Buch über Fakenews geschrieben, in dem sie sich mit der Verbreitung von Falschmeldungen im 20. und 21. Jahrhundert auseinandergesetzt haben. Auf dem Cover sind Toupet und Augenbrauen von Donald Trump abgebildet, dem aktuellen Ku-Klux-Klan-Führer der rechten Fakenews Bubble. Die Fakenews von rechts (dazu zähle ich auch religiösen Extremismus) sind brandgefährlich, sie wirken oft als Hetze und Auslöser von Gewalt. In Zeiten des steigenden Antisemitismus haben wir es zugleich mit einem Phänomen gewaltauslösender Fakenews von links zu tun, die denen der religiösen und extremistischen Rechten oft ähneln.

Das ich jetzt trotzdem über einen Vorfall aus der linksliberalen Bubble spreche, die im Grunde wohlmeinend und harmlos ist, und nicht über die unzähligen qualitativ viel schlimmeren Entgleisungen rechter Bubbles, die mir durchaus bewusst sind, liegt an der Subtilität und Selbstverständlichkeit, mit der in diesem Fall Fakenews produziert werden. Oder besser gesagt, wie Fakenews auch entstehen können, wenn man vielleicht die besten Absichten verfolgt, aber nicht auf gewisse Formalitäten Acht gibt und nicht den eigenen gesellschaftlichen Standort reflektiert.

Ausgangspunkt ist ein Posting, das einen Satz aus einem Online-Artikel entnimmt und diesen ohne Quellenangabe als Ausgangspunkt für eine Meinungsäußerung verwendet. Der ohne Angabe der Quelle aus einem Online-Artikel kopierte Satz besagt: „Die Zahl der angezeigten Straftaten in Wien ist in den vergangenen zehn Jahren um 7,8 Prozent gesunken, die Zahl der Verurteilungen sogar um 27 Prozent.“

Der Teilende schreibt dazu: „Immer wieder die Rede, dass es in Wien inzwischen so gefährlich sei, dass man sich des abends oder nächtens gar nicht mehr aus dem Haus traue.“

So weit so gut. Klingt auf den ersten Blick nach einer guten, positiven Nachricht. Macht euch keine Sorgen, es geht aufwärts. Auf den zweiten Blick liegt in der Formulierung der Meinung, dass immer wieder die Rede davon sei, es wäre gefährlich und man können sich nachts nicht mehr hinaustrauen, natürlich auch ein Vorwurf. Jeder, der das subjektive Gefühl hat, es wäre unsicher auf manchen von Wiens Straßen, ist irgendwie anrüchig. Gemeint ist vermutlich, wer sagt, er hat Angst rauszugehen wegen der Kriminalität, ist ein Angsthase, oder schlimmer, ein Verbreiter von Angst. Also eigentlich keine positive Botschaft, sondern ein Vorwurf und zwar ein Vorwurf an bestimmte Menschen. Ich komme darauf später noch zurück.

Auf meine Frage, woher das Zitat, aus dem sich die Aussage ableitet, stammt, kommt als Antwort ein Link zu einer, von mir gern gelesenen, Wiener Zeitschrift mit einem hohen Qualitätsanspruch. Ich lese und stelle erstaunt fest, dass zu den genannten Zahlen auch hier keine Quellenangabe vorhanden ist. (Stand 03.04.2025, 09:34, Screenshot vom Letztstand vorhanden) Das bedeutet, derjenige, der das Posting gemacht und das Zitat geteilt hat, hat selbst keine Ahnung, ob die Aussage stimmt, die er da teilt. Das ist ein Kriterium der Verbreitung von Fakenews, nach Keil und Kellerhoff, und eine Methode auf die Trump und seine Anhänger oft zurückgreifen, nach dem Schema: „Ja es gibt schon Fakten, aber der Onkel von meiner Schwester hat gesagt, dass … bzw. Der Abgeordnete meiner Partei, der dieselbe Meinung zu dem Thema teilt wie ich, hat bereits vor Jahren gesagt, dass …“ usw. Darüber hinaus teilt er aber auch nicht mit, dass er die Aussage nicht überprüft hat und sie auch nicht überprüfen kann, weil die Ursprungsquelle das nicht zulässt.

Auf meine weitere Nachfrage kommt die Antwort: Ich solle bei der Autorin selbst nachfragen. Da ich die Autorin nicht persönlich kenne und sie auch nicht als Kontakt auf der Plattform habe, lasse ich das. Cyberstalking ist nicht schick. Als Alternative recherchiere ich selbst und stoße auf das Statistische Jahrbuch für Wien, das für den Zeitraum von 2019 bis 2023 zuerst einen leichten Rückgang und dann einen Anstieg der strafbaren Handlungen ausweist. Die Statistik für 2024 ist noch nicht veröffentlicht. Ich poste diese Info zu meiner Frage und damit ist für den Ursprungs-Poster die Diskussion beendet. Ich erhalte jedenfalls keine Antwort mehr. Das Ursprungs-Posting wird aber nicht modifiziert oder mit Anmerkungen versehen und zieht weiterhin Leser_innen an, die sich in ihrer Weltsicht bestätigt sehen und das auch kundtun. Der Tenor ist: Ja stimmt, fühle mich safe wie nie. Finde ich super. Unterstütze ich. Ich bin auch der Überzeugung, dass diffuse Angstgefühle ohne objektive Grundlage zu sehr schlechten gesellschaftlichen Entwicklungen führen und dass man das mit allen Mitteln bekämpfen sollte. Vor allem durch Aufklärung und haltbare Information.

Jetzt ist es aber so, dass die oben genannte Aussage in mehrere Hinsichten irreführend ist. Erstens stimmt sie nicht mit der in der Statistik ablesbaren Entwicklung überein. Also, selbst wenn es eine Tendenz über zehn Jahre gibt, dass die Zahl der „angezeigten Straftaten“ (dazu später mehr) zurückgegangen ist, bedeutet es nicht, dass es auf den Straßen Wiens sicherer geworden ist. In den Straftaten sind auch Internetkriminalität und Zechprellerei enthalten, die wohl auf die subjektive Wahrnehmung der Sicherheit auf den Straßen wenig Einfluss haben.

Zweitens stammt die Information, laut der durch den Poster mitgeteilten Aussage der Autorin, von Polizei und Bezirksgerichten und ist (noch) nicht schriftlich, statistisch, zugänglich. Das ist auch ok, aber wäre cool das auch dazu zu schreiben. Abgesehen von dem kleinen Makel, dass Polizei und Gerichte natürlich ein Interesse daran haben ihre Arbeit als effizient darzustellen, und man deren Aussagen deshalb vielleicht nochmal gründlicher überprüfen sollte.

Was mich daran aber sehr nachdenklich macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der von beinahe allen sonstigen Kommentatorinnen diese nicht gekennzeichnete, nicht nachvollziehbare Aussage einfach akzeptiert wird, weil sie ins persönliche Weltbild passt. Abgesehen davon, dass es natürlich ein logischer Fehlschluss ist, anzunehmen, die Stadt sei sicherer geworden, nur weil die Verurteilungen von Straftätern zurückgegangen sind! Das kann sehr viele Gründe haben, die nichts mit einer Verbesserung der Situation zu tun haben. Gerichte etwa können mit der Zahl der Anzeigen überfordert sein und Urteile aussetzen. Noch besorgniserregendere Gründe könnte der Rückgang von Anzeigen haben. Etwa, dass Betroffene von Verbrechen der Polizei misstrauen. Sich von ihr keinen Schutz erwarten, oder Erfahrungen mit rassistischen Beamten gemacht haben. Vielleicht folgen sie auch einem Ehrenkodex, wie ihn die Mafia vorschreibt, und verpetzen einander nicht. Es gibt viele Möglichkeiten diese Entwicklung auszulegen und nur im Idealfall haben sie mit einer durchwegs positiven Entwicklung zu tun.

Der zweite Fehlschluss mancher Kommentare liegt darin die Ebene des persönlichen Sicherheitsgefühls mit der einer statistischen Entwicklung zu verbinden. Was den impliziten Vorwurf an die Angsthasen und Angstmacher dann noch unerträglicher macht, da man ja im Positiven genau das macht, was man ihnen dann im Negativen vorwirft. Das persönliche Sicherheitsgefühl von materiell abgesicherten, gut gebildeten und gesunden Menschen ist tendenziell höher als das von armen, alten, kranken Menschen. Aussagen nach der Manier: „Dass es gefährlicher geworden ist, wäre mir nicht aufgefallen“, sind also äußerst vermeidlich und bringen eher den Dünkel einer bestimmten gesellschaftshierarchischen Position gegenüber niedrigeren Klassen und allgemein Schwächeren zum Ausdruck. Pierre Bourdieu hat das ausführlich beschrieben und kritisiert.

Ich unterstelle keine böse Absicht. Ich versuche den Mechanismus der Fakenews in seiner subtilsten Form nachvollziehbar zu machen. Der Poster wollte sagen: „Habt keine Angst, es wird alles gut.“ Was er gesagt hat, ist etwas perfider. Denn natürlich gibt es ein Problem mit Verbrechen in Wien und natürlich ist es möglich ein Opfer von Gewalt zu werden. Die öffentliche Wahrnehmung orientiert sich ja am Sichtbaren und am Naheliegenden. Laute überdrehte Jugendliche haben Menschen zu allen Zeiten Angst gemacht. Meist zu Unrecht. Aber die Zahlen zeigen eben auch einen Anstieg in einem Segment der Verbrechen und das sind die Gewalttaten, die laut Innenministerium von 2022 auf 2023 um über 8% gestiegen sind. (https://www.bmi.gv.at/magazin/2024_05_06/02_Kriminalstatistik_2023.aspx)

Darüber hinaus passiert hier aber weit mehr, als dass logische Denkfehler gemacht und unbelegte Zitate verbreitet werden. Denn was sagt das Narrativ von den Ängstlichen und den Angstverbreitern denn noch aus? Es sagt: „Hören wir denen nicht zu.“ „Sprechen wir nicht darüber.“ Es gibt einen Missstand, aber es sollen keine Wellen gemacht werden. Es wird ja eh besser, laut unbelegter Quelle. Die von der Gewalt betroffenen, und sei es nur, weil sie davon eingeschüchtert sind, sollen die Pappn halten. Es geht hier um die, mit Techniken der Fakenews unterstützte, Verbreitung eines Ressentiments. Eines Ressentiments, das umso verwerflicher ist, als die Betroffen von Gewalt auf Wiens Straßen meist Sandler, die Armen, die strukturell Benachteiligten, die Alten, die Kranken, diejenigen die es ohnehin im Alltag schwer haben, sind. Aber auch die rassistisch ausgeschlossenen sind Opfer der Gewalt. Viel häufiger als es dokumentiert wird, spielt sich die Gewalt unter ihnen ab und wird dann dementsprechend oft nicht zur Anzeige gebracht. Sie sind eben nicht nur Täter, wie das die rechten Fakenewsverbreiter gerne darstellen wollen, sondern überproportional auch Opfer. Und auch darüber sollte man reden. Es hat in der Geschichte den unteren Klassen nie zum Vorteil gereicht, wenn über Probleme nicht geredet werden durfte.

Edit: Natürlich wurde ich nach meinen Einwänden, noch bevor der Blogpost hier fertiggestellt war, entfreundet. Da sind sich die linksliberalen Künstlerbubble-Bewohner mit Trump und Musk einig. Widerspruch wird als narzisstische Kränkung erfahren und nicht geduldet.

Edit 2: Die Auftritte von Florian Klenk und vom Falter auf Fb haben mich beide seither ebenfalls kommentarlos blockiert.

Die endgültige Auskunft zur Erbschaftssteuer

Wenn Elon Musk Steuern zahlen soll, gelten seine Anteile an Tesla als unrealisiertes Vermögen, das nicht besteuert wird, solange daraus kein Gewinn erzielt wird. Wenn er Geld von der Bank braucht, sind die Anteile allerdings Gold wert. Mit ihnen als Sicherheit erhält er jeden Kredit, den er möchte. In Österreich gilt dieser glückliche Umstand unfassbaren Reichtums für den Erben Mark Mateschitz, dessen Jahreseinnahmen von 1,3 Milliarden Euro natürlich nur ein „fiktives Jahreseinkommen“ darstellen und kein echtes. Weshalb dieser arme Mensch auch nur 26 Prozent seines Bruttoeinkommens an Steuern zahlen muss, und nicht 42 wie eine durchschnittliche Mittelstandsfamilie. Natürlich könnte man jetzt fragen, warum Menschen überhaupt 42 Prozent steuern zahlen müssen? Wie ineffizient muss die staatliche Umverteilungsmechanik sein, dass Menschen, die ganz ok verdienen, und sehr wahrscheinlich hart dafür arbeiten, beinahe die Hälfte ihres Verdienstes abgeben müssen?

Hier wie in den USA haben wir es mit einer Politikerkaste zu tun, die das politische Bewusstsein ihrer Wähler schon dadurch verheeren, dass sie das Wort Leistung ständig in ihren Sonntagsreden auf der Zunge spazieren führen, ohne diese Leistung jemals selbst zu erbringen. Seit Elon Musk in die Politik gegangen ist, befindet sich seine Tesla Aktie auf Talfahrt. Er ist aber Politiker genug, um sich weiterhin leistungslos am Vermögen der Allgemeinheit gütlich zu tun. Während sein Department of Government Efficiency ziellos alle möglichen öffentlichen Leistungen, für Kranke, Veteranen und Bedürftige, streicht und tausende Beamte, die für Wasserschutz und Betriebssicherheit und ähnliche Dinge zuständig sind, entlässt, kassieren seine Unternehmen 38 Milliarden Euro staatlicher Unterstützung.

Also anders gefragt: Warum leisten wir uns Politiker, die sich selbst, per Abstimmung, ihre beträchtlichen Gehälter erhöhen und darüber hinaus beinahe unbegrenzt dazu verdienen dürfen, wenn sie es nicht schaffen effizient zu arbeiten? Warum kann ein Abgeordneter im Österreichischen Parlament nebenher eine Anwaltspraxis betreiben und Klienten auch in Steuerfragen vertreten, wenn er doch bezüglich der Insider-Informationen, die er aus dem politischen Betrieb erhält, vollkommen befangen sein müsste? Man sieht schon, bei der Verteilung von Vermögen haben wir es mit einem komplexen politischen Phänomen zu tun, aber auch mit ganz klaren Zahlen.

In Deutschland wurden letztes Jahr (2024) 121,5 Milliarden Euro vererbt. Der Spiegel (Nr.12 15.03.2025), dem ich diese Info entnommen habe, schreibt: Erbschaften sind ein mächtiger Wohlstandsfaktor, eine „enorme Kapitalwelle, die sich von Jahr zu Jahr weiter auftürmt“. Nur 0,2% der Deutschen müssen pro Jahr Erbschaftssteuer zahlen, fast 50% der Gesamtsumme, die vererbt wird, fließt an die Erbschaften mit den höchsten Beträgen, die unteren 90% erhalten gemeinsam so viel, wie die oberen 10%. Bei Betriebsvermögen ist die Großzügigkeit des Staates beinahe grenzenlos. Wenn Erben die Firma weiterführen, und die Löhne im Wesentlichen gleichbleiben, können sie den Betrieb zu 85 oder 100 % steuerfrei übernehmen. Steuerbefreiungen bei der Erbschaftssteuer für Betriebsvermögen liegen in Deutschland für Unternehmenswerte von unter 2,5 Millionen Euro bei ca. 20%. Bei Betriebsvermögen von 250 Millionen Euro oder mehr bei 95%.

Vielleicht liegt es daran, dass einige der größten Konzerne Deutschlands immer noch in der Hand der Erben der Nazi-Milliardärsfamilien sind, die diese Konzerne unter Vorteilsnahme von Weltkrieg und Shoa aufgebaut haben. Das Land wird von einer Wirtschaftselite beherrscht, die sich an Massenmord und Zwangsarbeit bereichert hat und musste vermutlich nicht einmal Erbschaftssteuer für die Übernahme dieser Wirtschaft gewordenen Mordanstalten zahlen.

Die großzügigen Ausnahmeregelungen drücken die staatlichen Einnahmen aus Erbschaftssteuern unter die Einkünfte aus der Tabaksteuer. Was sogar dem internationalen Währungsfonds ein verständnisloses Kopfschütteln abringt. Er bezeichnet die Erbschaftssteuern in Deutschland als „unzureichend genutzt“. Dazu kommen noch anderen Entwicklungen, die diesen Missstand zum Notstand werden lassen. Während die Mietpreise explodieren, werden Immobilien zum zweitwichtigsten Erbgegenstand. Eine Katastrophe für alle, die keine Immobilien erben.

Aber wie sieht das ganze in Österreich aus? Wenn der internationale Währungsfonds für Deutschland die Erbschaftssteuer als unzureichend genutzt bezeichnet, wie würde er dann Österreich einstufen? Man liest nach und staunt: „In Österreich wird seit dem 1. August 2008 keine Erbschafts- und Schenkungssteuer mehr erhoben.“ Alles klar. Aber bei Grundstücksvererbungen und -schenkungen fällt eine Grunderwerbssteuer an, weshalb insofern auch in Österreich in der Öffentlichkeit noch von „Erbschaftssteuer“ gesprochen wird. „Mit der Steuerreform 2015/2016 wurde die Grunderwerbsteuer, die bei entgeltlichen wie auch unentgeltlichen Vermögensübertragungen im Immobilienbereich anfällt, deutlich erhöht.“ Ok. Immerhin. Aber man hört doch so viel von den furchtbaren Erbschaftssteuern, die dann am Lebensabend der Oma ihr Gartenhäuschen vermiesen, das sie den Enkerln so gern vererben möchte. Da planen die Linken sicher wieder was Gemeines, was die Oma zum Weinen bringt, oder?

„Im August 2023 präsentierte die SPÖ ihre Vorstellungen einer Erbschaftssteuer: Dabei soll es einen Lebensfreibetrag von einer Million geben, das heißt, wer innerhalb von 30 Jahren Erbschaften oder Schenkungen gesamt im Wert von unter einer Million erhält, muss nichts bezahlen. Die Grunderwerbssteuer würde gleichzeitig entfallen.“

Ein Grundstück für 1 Million Euro. Da bräuchte es auch für den wildentschlossensten Normalverdiener den Fund von Nazigold im Haus-Brunnen, damit sich das ausgeht. Die Gefahr, dass man mit einem Durchschnittsgehalt so eine Summe aufbringen kann, ist für die allermeisten sehr gering. Außer sie haben geerbt, dann geht sich das vielleicht aus. Also wäre es vielleicht klüger, bevor man was vererbt, nicht zu erben, damit man nicht zu viel zu vererben hat, um Erbschaftssteuer zahlen zu müssen? Also in der Zukunft, wenns mal wieder eine Erbschaftssteuer gibt in Österreich? Was würde Elon Musk dazu sagen? Und wen würde er zum Austausch für eine Erbschaftssteuer alles aus dem Staatsdienst entlassen? Oder zumindest bestimmte Sondervergütungen streichen? Zum Beispiel die Unterstützung für Fahrtkosten, die bei Mandatar:innen mit einer durchschnittlichen Anreisedauer zum Parlament von 3 Stunden jährlich 26.327,59 € beträgt? Oder das goldene Klavier, das vorübergehend für 140.000 Euro gemietet wurde? Er wird sicher etwas finden.

Despektierliche Bemerkungen über den heutigen Buchhandel

Ich bin ein Flaneur. Zielloses Spazieren ist eine Leidenschaft von mir. Eine meiner flanierenden Entdeckungen sind Antiquariate. Wunderbare Läden voller Geschichten und Plunder, aber oft auch voller interessanter Menschen und Bücher.

Die Bücher-Antiquariate in Wien sind vielfältig und manchmal an Orten, an denen man nicht mit ihnen rechnet. Ich entdecke immer wieder ein neues beim Flanieren und dann schau ich hinein und geb mir die Auswahl dort. Die Antiquare sind Büchermenschen, durch die Bank. Sie lesen selbst und sie kennen sich aus. Sie kennen den Kanon und oft auch noch Spezielleres und Aktuelleres. Und mein liebster Antiquar, Jürgen Fetzer in der Löwengasse im dritten Wiener Bezirk, kennt auch Abseitiges. Er liest auch Trash und empfiehlt Bücher. Und zwar nach dem fruchtbarsten Empfehlungsmotto, mit dem bisher kein Algorithmus mithalten kann, er weiß, wovon er spricht. Wenn er sagt: „Wenn Sie das interessiert hat, dann wird sie das auch interessieren.“ – dann ist das keine Vermutung aufgrund der Ähnlichkeit der Buchdeckel und eines Wortes in der Überschrift, sondern ist ein durch eigenes echtes Lesen begründeter starker Verdacht. Darüber hinaus lacht er still, wenn ich beim Durchstöbern immer mal daheim anrufe und frage, ob wir den einen oder den anderen Band von Fritz Leiber oder Michael Moorcock schon haben.

Beinahe immer kaufe ich etwas, wenn ich im Antiquariat bin. Manchmal so viel, dass der Rucksack fast platzt. Es gibt auch echte Buchhandlungen, wie „Hartliebs Bücher“, wo es sowohl was zum Lesen, als auch eine tolle Beratung gibt. Da kann man dann bei kompetenten Händlerinnen etwas Seltenes oder Vergriffenes bestellen und sie erklären einem auch, woran es liegt, wenn ein Buch mal nicht geliefert wird. Sehr interessant übrigens, die politische Ökonomie des Buchhandels.

Wo ich in letzter Zeit immer seltener einkaufe, ist im regulären Groß-Buchhandel. Ich gehe rein, aber ich kaufe nichts. Das hat etwas mit der Präsentation der Waren zu tun. Menschen, die Bücher lieben und aktiv lesen, mögen Bücherwände. Ein, für Laien, unübersichtliches Durcheinander von Buchrücken, Farben und Formen, das anziehend auf die wirkt, die etwas damit anfangen können. Ich entdecke gerne versteckte Schätze, komme wieder vorbei und finde noch beim ersten Mal Übersehenes. Stattdessen wird neuerdings alles ganz offen präsentiert. Es gibt keine Schätze mehr zu entdecken und weil die Sortimente sich zusehends auf Neuerscheinungen beschränken, weiß ich meist bereits aus der Zeitung was da liegt, und darüber hinaus wird das Angebot immer dünner.

Die neuen Buchhandlungen mögen Buchliebhaber nicht. Sie wollen Kunden anziehen. Nicht unbedingt solche Kunden, die aufgrund der Qualität des Angebots und der Vortrefflichkeit der Beratung 200 Euro dalassen, sondern stattdessen Kunden, die schnell wieder weg sind, wenig Fragen stellen oder nur wegen eines „Geschenkkartons“ vorbeikommen. Beim Morawa muss man sich durch eine Halle voller aktueller Zeitgeistliteratur kämpfen, dann kommt man zu den Comics und dann zur Motorrad- und Autofahrerzeitschrift. Lyrik gibt es, genau wie bei Thalia, in homöopathischen Dosierungen. Überall liegen dieselben Bände von Rilke und Bachmann, wobei Bachmann ja wirklich gut ist und also zurecht überall erhältlich ist. Rilke ja auch irgendwie, aber den müsst es nicht überall geben. Den schmeißen sie einem, wie den Hesse und den Brecht mit den drei bekannten Stücken, eh in jedem offenen Bücherschrank nach. Beim Thalia auf der Landstraße stehen alle möglichen Gebrauchsgüter zum Verkauf. Sie erhalten die Hauptaufmerksamkeit der Innendesigner des Shops. Die Bücher an der Wand wirken wie eine hübsche Nebensache. Wer liest schon Pierre Bourdieu? Der ist zwar unter „B“ angeschrieben, aber physisch vertreten ist er nicht. Sollen die Kunden doch eine neue Handy-Hülle kaufen und sich den Bourdieu bei Amazon bestellen. Der analoge Buchhandel hat in der Konkurrenz mit den digitalen Plattformen offenbar beschlossen, diese einfach physisch nachzubauen und zu hoffen, dass die Menschen den Unterschied irgendwann nicht mehr bemerken. Man hätte stattdessen auch das Service verbessern können. Aber was verstehe ich schon davon?

Im ersten Stock beim Morawa in der Abteilung nahe der Naturwissenschaft: Der Arbeitsplatz der zuständigen Händlerin ist zwischen Tarotkarten-, Wohlfühl- und Kochbüchern. Ich, völlig naiv und von Antiquariaten verwöhnt, frage, ob es ein Buch über die Geschichte der chemischen Industrie gibt. Sie, meine Naivität sofort erkennend, wirft den Kopf in den Nacken und lacht hellauf, bevor sie, kopfschüttelnd, aber verständnisvoll, wie wenn man mit einem kleinen Kind spricht, das gerade gefragt hat, wann der Nikolo kommt, zu mir sagt: „Nein natürlich haben wir so etwas nicht.“ – und sich wieder ihrer Lektüre des Online-Standard zuwendet. Es kommt ihr so abwegig vor, dass es so ein Buch geben könnte, dass sie nicht einmal die Flucht in die online-Recherche antritt, um mir dann zu sagen, dass sie mir ein so ungewöhnliches Buch nur bestellen kann, so wie ich das selbst wahrscheinlich hätte tun sollen. Ich nicke, weil mir bewusst wird, wie blauäugig ich an diese Situation herangegangen bin und wende mich zum Gehen, als sie sich doch dazu entscheidet heute zu arbeiten und mich darauf aufmerksam macht, dass es beim Regal über Naturwissenschaft (1 Regal Naturwissenschaft, 2 Regale Tarotkartenbücher) eine „Einführung in die Chemie für Dummies“ gibt. Ich bedanke mich und frage mich, ob es für die Buchhändler in der ehrwürdigen Buchhandlung mitten im 1. Bezirk eine Einführung in den Buchhandel für Dummies gibt. Ich lasse die Frage vorläufig unbeantwortet. Und es gibt dort auch wirklich sehr bemühte Menschen, die zumindest versuchen hilfreich zu sein. Auch wenn dabei, interessanterweise gerade beim Morawa, bisher noch selten etwas rausgekommen ist.

Ein anderes Mal beim Morawa suche ich nach einem Buch aus einer Serie, die auf einem Aufsteller angeboten wird. Da ich das spezielle Buch nicht finde, wende ich mich an eine Händlerin, die gerade im Gespräch mit einem Kollegen ist, und merke gleich, ich störe. Da ich wohlerzogen bin, signalisiere ich eine Wartehaltung und ziehe mich ein wenig zurück. Das Gespräch wird zu einem für die beiden akzeptablen Ende gebracht und die Dame wendet sich mir unter Aufbietung ihres gesamten Berufsethos zu und erwartet mit halb geschlossenen Augen, das Unvermeidliche. „Was kann ich für Sie tun?“ Freudig trage ich meine, wirklich herausfordernden, Kundenbedürfnisse vor: „Sie haben hier diese Buchserie mit verschiedenen Titeln. Ich habe online [Ich zeige ihr Titel auf meinem Handy Display] diesen spezifischen Titel gesehen und ihn beim Durchschauen jetzt aber nicht gefunden. Haben Sie den hier und ich habe ihn übersehen, oder können Sie ihn mir bestellen?“ Wir schlurfen zum Arbeitsplatz der Dame und es beginnt eine Google-Suche nach dem Buchtitel, wie sie wahrscheinlich seit Gründung des Unternehmens niemand mehr durchgeführt hat. Dementsprechend lange lässt das Ergebnis auf sich warten. „Meinen Sie das hier?“ Ich nicke und weise nochmal auf mein Handy-Display, auf dem das Ergebnis ihrer Recherche bereits vorweggenommen wurde, aber natürlich nicht professionell genug. Woraufhin sie die Bestelldatenbank öffnet und dort eine mittellange Suche startet, die zum Ergebnis hat, dass dieses Buch vergriffen ist. In meiner grenzenlosen Ahnungslosigkeit frage ich, ob man herausfinden kann, ob es einen Nachdruck geben wird, denn schließlich deckt der spezifische Titel ein Thema ab, das jetzt in dieser Buchreihe nicht mehr vorkommt. Worauf mir das Selbstverständliche erklärt wird, nämlich dass Bücher, nach denen es zu wenig Nachfrage gibt, aus dem Sortiment ausscheiden und dann halt nie wieder zurückkehren. Wieder was gelernt. Ich bin schockiert und möchte hier an alle appellieren, die das lesen: Hört nicht auf Thomas Brezina zu kaufen, sonst ist der weg! Dann gibt’s keine „Knickerbockerbande“ mehr und keine „99 heißen Spuren“ und keinen „Tom Turbo“! Ich bestell mir gleich die ganze Serie. Machts das auch, bitte.

Der ehemalige Kuppitsch ist ja jetzt ein Thalia. Das bedeutet, er ist halb ein Libro und Bastelgeschäft, und irgendwo dazwischen liegen, neben Geschenksverpackungen, Kalendern und Ansichtskarten, auch ein paar Bücher. Zur Weihnachtszeit wollte ich ein paar Klassiker kaufen zum Herschenken, aber ich hatte mich für obskure Werke aus der Vergangenheit entschieden, allesamt überflüssiger Plunder aus einer Welt von gestern, wie Tolkiens „Der Herr der Ringe“, irgendwas von Thomas Ligotti und egal welches von Philip K. Dick. Naja, also den „Herren der Ringe“ (die Hardcore Sadomaso Filmversion davon heißt übrigens „Der Herr der Inge“) gabs schon, aber nur in der deutschen Billigausgabe, wo der Karton zerbröselt, sobald man die Plastikhülle entfernt und ohne die schönen Karten. Egal, es gibt ja Alternativen. Thomas Ligotti habe ich mich nicht fragen getraut, weil ich, nach dem Erlebnis mit dem Chemiebuch beim Morawa eine Systemüberlastung befürchtet habe. Aber Philip K. Dick, dachte ich, kann ich wagen. „Haben sie Philip K. Dick?“ „Bitte was?“ „Philip K. Dick. A scanner darkly, Bladerunner, Total Recall, The Man in the High Castle, Minority Report.“ „Sagt mir nichts. Ich schau mal nach.“ … „Ahja, ja den gibt’s schon. Aber haben wir nicht da.“ „Ok danke.“ Ein schönes weihnachtliches Gespräch.

Aber egal. Ich hab dann zu Weihnachten was anders geschenkt. Jedenfalls war ich heute wieder unterwegs und in der Unterführung von der endlich wieder geöffneten U2 bei der Mariahilfer Straße ist ein Books, den ich mag, weil ich da Zufallsfunde machen kann, ähnlich wie im Antiquariat. Jedenfalls komme ich gut gelaunt wie immer herein und bin angetan von der freundlichen Zugewandtheit des sehr jungen Verkäufers, der auf einem lehnenlosen Drehsessel hinter der Kassa thront, wie ein schöner Kranich am See. Jedes Mal, wenn der Kranich sich erhebt, macht der Sessel langgezogene ächzende Geräusche, als wäre er traurig, dass der freundliche Hintern nicht mehr auf ihm sitzt. Guter Hoffnung, ob der bemerkenswerten Begrüßung, frage ich, „Habt ihr Philip K. Dick?“ Der Freundschaftskranich denkt kurz nach und teilt mir dann mit, er habe beim Einräumen der Bücher keinen Dick bemerkt, also hat er keinen. Ich denke mir: Gut, dann schaue ich einfach so durch, vielleicht findet sich ja spontan etwas anderes. Sage artig danke und beginne durchzuschauen. Nach 5 Minuten habe ich den auf dem Beitragsfoto abgebildeten Stapel an Dicks gefunden. A Scanner Darkly ist leider nicht dabei. Aber ich nehme sie trotzdem mit. Der Verkäufer meint beim Bezahlen nur: „Seltsam.“ Ich stimme ihm zu und denke mir, ich komme auf jeden Fall wieder. Ich werde ein Spiel daraus machen. Ich betrete den Laden, frage nach einer bestimmten Autorin und wenn ich die Auskunft erhalte, dass diese bestimmt nicht da ist, mache ich mich auf die Suche nach ihr. Ich freu mich schon drauf.

Die Sparanstalt oder die „Huren der Reichen“ sind back baby!

Nachdem die Pilnacek-Kommission bereits vor einiger Zeit aufgezeigt hat, dass es in Österreich eine Zwei-Klassen Justiz gibt, nachdem die Zwei-Klassen Medizin in vielen Bereichen etabliert ist und das Gesundheitssystem auf dem Weg der Vollbeschädigung ist, beweist die neue Koalitionsregierung aus den Erbparteien des alten Faschismus und Nationalsozialismus, welche Politik sie am liebsten machen würde. Diesmal mit der Ausrede des EU-Defizitverfahrens und – Stoßseufzer der Erleichterung – ohne (vorerst) einen weiteren Weltkrieg anzufangen.

Die EU sagt, es muss gespart werden. Ok, das muss ich jetzt mal so akzeptieren. Die unfreiwillig komischen Vertreter dieses freiwillig komischen Volkes haben das, entgegen der laut vorgetragenen EU-Skepsis der einen, und jahrzehntelanger Wirtschaftskompetenz mit jahrzehntelang angestrebtem Nulldefizit der anderen, auch überraschend schnell akzeptiert. Da kann man halt nichts machen und das hätte sich auch niemals verhindern lassen. Also von einem Finanzministerium z. b. das seit 1997(!) durchgängig in ÖVP-Hand war. Die können nichts dafür. Das sind ja Dinge die sind erst jetzt passiert und die anderen sind schuld. Also die jeweils anderen. Kommt drauf an mit wem grad koaliert wird.

Jedenfalls haben die Wohlhabenden jetzt die von ihnen lange ersehnte Worst-Case-für-alle-Anderen-Regierung zurück! Die „Huren der Reichen“ sind wieder an der Macht und diesmal lassen sie es von Anfang an Krachen. Die Sparmaßnahmen, „keine Steuererhöhungen“ (haha), betreffen in unerträglichem Maß zuerst mal die Armen, Prekären und Absteigenden im Land.

Das Arbeitslosengeld wurde ja schon sang und klanglos für viele unter das Existenzminimum gesetzt. 55% des Gehalts reichen bei den meisten nicht einmal um die Miete zu zahlen. Jetzt ist die Zuverdienstmöglichkeit gestrichen worden. Man kratzt sich am Kopf und fragt sich, wie dadurch Geld eingespart werden soll, denn diejenigen, die nicht arbeiten, weil sie kein Interesse daran haben und die sich nur ab und zu etwas zum Arbeitslosengeld dazuverdienen wollen, werden dies auch weiterhin „schwarz“ tun und für die anderen sind schlichtweg keine passenden Jobs da. Das Ziel ist klar: Menschen die, unter den Bedingungen von vor wenigen Jahren Zeit gehabt hätten sich neu aufzustellen, sollen unter existenziellen Druck geraten. Energiekostenverzug und Wohnungsverlust sowie, als Reaktion darauf, Aufnahme überteuerter Kredite, sind nur die Spitze des Eisbergs an negativen Nebeneffekten, die soziale Abwärtsspiralen erzeugen. Aber viel wichtiger ist, dass unter diesen Bedingungen ein Jobverlust wirklich mit einem Existenzverlust einhergehen kann. Die dadurch erzeugte Panik dient den Interessen der Arbeitgeber, der Industrie und deren Lobbyisten im Parlament. Jeder kann unter diesen Bedingungen gezwungen werden beinahe jeden Job anzunehmen. Unabhängig von Qualifikation, Belastbarkeit, Chancengerechtigkeit oder Tauglichkeit. Mit einem Schritt in Richtung der Abschaffung grundlegender Menschenrechte. Man fragt sich was sich eine Gruppe dabei denkt solche Maßnahmen durchzusetzen, die ansonsten immer vom Schreckensgespenst des Kommunismus träumt, von dem ja gerade – im Gegensatz zum „freien Markt“ – behauptet wird er mache alle gleich (schlecht) und zwinge dadurch die Leute dazu unabhängig von den eigenen Qualifikationen jede Arbeit anzunehmen. Und das alles, weil diese Regierung damit rechnet, dass dadurch ein Sparpotential von 85 Millionen erreicht werden könnte. Eine lachhafte Summe für den Preis der dafür zu zahlen sein wird.

Dazu passt die Abschaffung der Bildungskarenz. Sie war bisher das Rettungsnetz der prekär Beschäftigten, etwa in der Projektarbeit im sozialen Bereich. Wenn ein Projekt auslief, konnte man einige Mitarbeiter in einer Karenz parken und sie dann wieder zurückholen, wenn ein neues Projekt aufgestellt war. Diese Menschen werden jetzt alle in der Arbeitslosen landen. Ob das den gewünschten Effekt hat? Wahrscheinlich schon. Denn sie werden von dort aus in dequalifizierte Stellen gedrängt werden, und nicht nur geht dann ihre Erfahrung verloren, es wird auch dünn werden mit der ohnehin dünnen Schicht an Menschen, die sich einen Job im Sozialbereich überhaupt noch antun.

Und dann wird die Österreichsuppe überhaupt dünn werden. Dann haben wir die berühmten „amerikanischen Verhältnisse“, nur schlimmer. Denn abgesehen davon, dass wir schon mehr Steuern zahlen als die „Amis“, werden die Steuern weiter erhöht werden. Indirekt wurde das schon beschlossen. Autofahren und Energiegewinnen wird für Private teurer. Wissen das die Pendler und Häuslbauer unter den ÖVP-FPÖ-Wählern nicht? Während sich also die Pierers und Benkos, gut lobbyiert und weitgehend steuerbefreit in ihren Luxusanwesen mit Direkt-Draht zur Regierung, einen Mocca servieren lassen, wird die Zeche des EU-Defizitverfahrens von allen anderen bezahlt. Und die Frage bleibt: Wenn wir dieses Verfahren abwenden und dann vielleicht sogar ein Nulldefizit erreichen, rettet uns das dann den sozialen Arsch? Denn Infrastruktur lässt sich durch Nulldefizite nicht erhalten und schon gar nicht ausbauen. Gesundheitssysteme erfahrungsgemäß auch nicht. Lebensqualität ist im Grunde unbezahlbar, aber sie wird durch Sparen nicht erhalten werden können.

Just leave Capitalism. Gespräch zum Jahresausklang

Stefan: Der Titel des Gesprächs entstammt einem Screenshot von einem echten Posting, das darauf hinausläuft, dass diejenigen, denen es im Kapitalismus nicht passt, halt abhauen sollen. Also im Grunde ein „Wenn es dir nicht passt, geh halt nach Nordkorea.“ Zum Jahresende könnten wir endlich den Kapitalismus verlassen, vielleicht nicht nach Nordkorea, sondern nach Uruguay, oder wie siehst du das?

Ela: Und wie denkst du, dass wir das hinbekommen? Spazieren wir einfach raus? Ziehen wir in den Wald? Gehen wir Walden? Lassen wir uns von einem Bären fressen?

Stefan: Der Autor von Walden, Henry David Thoreau, schreibt: „Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“ Er war der Sohn eines Bleistiftfabrikanten und lernte den Dichter Ralph Waldo Emerson kennen. Er hat dann in dessen Haus einen Urlaub von der Welt gemacht. Offenbar konnte er es sich leisten nur 6 Wochen im Jahr zu arbeiten. Wahrscheinlich am Oktoberfest.

Aus dem Kapitalismus kann man mit noch so viel Urlaub nicht aussteigen. Das wäre nur möglich, wenn wir alle Millionäre werden, oder keiner mehr arbeiten müsste. Die Simulation des Ausstiegs aus der Arbeitswelt gelingt manchmal vorübergehend und teilweise, wenn man einen schönen Tag am See verbringt. Aber wer keinen See hat ist schon mit weniger zufrieden. Drogen zum Beispiel. Die können das Aussteigen sehr gut simulieren.

Ela: Der Einstieg danach ist dann aber besonders mühsam und die kapitalistische Realität erscheint noch unerträglicher. Was ja auch die Rückfallstatistiken bei härteren Drogen bestätigen. Aber das ist ja nicht die einzige Art, wie die Menschen versuchen dem Alltag zu entfliehen. Um auf den Bären zurückzukommen: Manche Methoden können auf ihre Mitmenschen verheerende Auswirkungen haben.

Stefan: In der Zeitung steht es wurde ein „Vergewaltigungsnetzwerk“ auf Telegram aufgedeckt. Dabei wurde in einer Online-Recherche systematische sexuelle Gewalt an bewusstlosen Frauen belegt. In dutzenden Telegram-Gruppen haben sich Nutzer offen darüber ausgetauscht, wie sie Frauen betäuben und sexuell missbrauchen können. Sie ist jetzt sturzbesoffen und auf ein paar Schlafmedis. Ich sollte hoffentlich bald ein bisschen Spaß haben‘“, schreibt ein Nutzer in einer Gruppe. Andere Mitglieder reagieren mit Begeisterung und fordern weitere Details, wie aus der Doku des Reportageformats Strg_F des Norddeutschen Rundfunks hervorgeht. Teilweise werden Frauen in Echtzeit vor Publikum vergewaltigt.“ In Frankreich hat ein gewisser Dominique Pelicot seine Frau Gisèle fast zehn Jahre lang immer wieder mit Medikamenten betäubt, missbraucht und von Dutzenden Fremden vergewaltigen lassen. Er hat jetzt nur 20 Jahre Haft dafür kassiert. Seine Freilassung erlebt er hoffentlich nicht mehr.

Ela: Andererseits finde ich, dass es schon ein Fortschritt ist, dass im Fall Pelicot tatsächlich alle 51 Angeklagten, alle Vergewaltiger also die man ausfindig machen konnte (obwohl von bis zu 90 Tätern ausgegangen wird), verurteilt wurden. Egal wie sehr sie versuchten sich selbst als Opfer darzustellen. Es ist ja bezeichnend, wie diese Männer ihre Taten herunterspielten. Sie seien naiv gewesen, hätten sich nicht „Nein“ sagen getraut, hätten nicht gewusst, was Einverständnis bedeute, hatten angenommen, es reiche, wenn der Ehemann sein Einverständnis im Namen der Frau gebe. In vielen Fällen wurden die schreckliche Kindheit und andere traumatische Erfahrungen als Vorwand genutzt, um Gisèle Pelicot Gewalt anzutun. Die meisten behaupteten sie seien von Dominique Pelicot manipuliert oder gar selbst unter Drogen gesetzt worden, um keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen zu müssen. Doch selbst das Schnarchen von Gisèle konnte sie nicht davon abhalten sich an ihr zu vergehen. Einer der Täter machte sich in seiner Aussage gar Sorgen: „Wenn niemand mehr jemandem vertraut, werden wir am Ende um eine schriftliche Genehmigung auf einem Stück Papier bitten müssen.“ Ein Talking-Point den man in Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen immer wieder gerne aus dem Ärmel zaubert.

Dass das Opfer medial auf solche positive Resonanz gestoßen ist, ist auch eher eine Seltenheit. Ich befürchte daher, dass es sich bei dem Fall in all seiner Extremität und dem gesellschaftlichen Umgang damit um eine Ausnahme handelt. Wir sehen nun was ginge, wenn man wollte. Das wird sich aber wahrscheinlich nicht besonders auf die gesellschaftliche und strafrechtliche Be- und Verurteilung von zukünftigen Vergewaltigungen auswirken. Immerhin ist die Beweislage nur selten so klar und eindeutig wie in diesem Fall. Gisèle Pelicot konnte sich erwiesenermaßen nicht wehren. Dominique Pelicot hatte die Taten alle sorgfältig auf seinem Laptop archiviert und diese auch von Beginn an nicht abgestritten.

Wenn wir uns jetzt die Recherche von Strg_F ansehen, sieht das Bild schon wieder weniger erfreulich aus. So haben sich im Schatten von sozialen Medien ganze Netzwerke für potenzielle Vergewaltiger gebildet. Man schickt sich Links für Betäubungsmöglichkeiten und erteilt sich Tipps. Die Strafverfolgungsbehörden sind dem kaum gewachsen. So berichtet Strg_F in Deutschland seien Übergriffe auf Bewusstlose zwar strafbar, jedoch könne man gegen das Verbreiten von Videos nichts unternehmen, da dies nicht unter die Strafbarkeit falle. Verbrechen wie jene an Pelicot und anderen Frauen sind aber nur in einem gesellschaftlichen Klima möglich das Täter schützt und Opfer die Bürde auferlegt mit den Konsequenzen umzugehen. Dabei wäre es erst einmal wichtig, wenn, so wie Gisèle Pelicot richtig anmerkte, die Scham die Seite wechseln würde und obwohl man sich auch Gedanken machen könnte, ob die Tatsache, dass so viele Männer sich in diesem Zusammenhang schuldig gemacht haben, eventuell etwas über unsere Gesellschaft und ihre Strukturen aussagt und darüber, welche Konsequenzen Straftaten wie diese haben.

Stefan: Die Möglichkeiten zur Betäubung sind in den letzten Jahren in unserer pharmakologisierten Arbeitswelt stark angestiegen. Es kommt zu einer neuen Vielfalt der Methoden zur Opferbetäubung. „Toxikologen wie Volker Auwärter vom Universitätsklinikum Freiburg warnen vor neuartigen K.-o.-Mitteln, die als harmlose Haarpflegeprodukte oder Mittel zur Entfernung von Wimpernkleber beworben und legal erworben werden können. Die untersuchten Substanzen enthalten eine gefährliche Mischung aus Tiernarkosemitteln, Designer-Benzodiazepinen und Medikamenten, die Erbrechen verhindern sollen. Viele Bestandteile sind in Standardtests nicht nachweisbar. Wie gefährlich derartige Mittel sind, wird vielen in den Telegram-Gruppen erst klar, wenn es zu spät ist. Immer wieder berichten die Mitglieder davon, dass ihre Opfer deutlich länger als geplant geschlafen oder gar Probleme beim Atmen gehabt hätten.“

Ela: Aber auch Alkohol wird ja in vielen Fällen dazu genutzt Frauen und ihre Abwehr außer Kraft zu setzen. In diesem Fall fällt es den Staatsanwälten dieser Welt oft besonders leicht, den Opfern die an ihnen begangenen Straftaten zum Vorwurf zu machen. Eine Tatsache ist allerdings, dass Männern, welche sich an Frauen vergehen, dies oft auch aus einem Strafbedürfnis heraus tun. Vergewaltigung kann sich also auch gegen vermeintliches Fehlverhalten von Frauen richten – wenn diese beispielsweise nicht ihrer zugeteilten Rolle entsprechen – für das sie bestraft werden müssen, oder gar als pauschale Strafe für die Frau an sich. In diesem Fall zeigt sich dann eindeutig, dass Vergewaltigung auch ein mächtiges Instrument darstellt, den Kapitalismus und die gesellschaftlichen Konventionen durchzusetzen.

Stefan: Ein Grund mehr den Kapitalismus echt zu verlassen. Wer sehr eindrucksvoll den Kapitalismus in den Privatkonkurs verlassen hat, war René Benko. Mittlerweile mein Lieblingsunternehmer, weil er den Kern des erfolgreichen Unternehmertums bloßgelegt hat: „Mafiöse Methoden“, wie der Spiegel schreibt. (Der Spiegel Nr. 50, 07.12.2024) Gegen Benko, „den mutmaßlichen Kopf der Bande“, den Capo, ermittelt jetzt in Italien die Mafiabekämpfung, wegen Verdachts auf kriminelle Vereinigung und den Vorwürfen der Bestechung, Manipulation, Korruption und des Betrugs.

Ela: Auch ein schönes Hobby. Dass der Name Benko für guten Geschmack steht, zeigt sich ja auch an seinen Bauprojekten. Zuerst hat er ja noch das alte Leiner-Gebäude auf der Mariahilferstraße, sowie das Schlosshotel Igls bei Innsbruck niedergerissen, denn Denkmalschutz ist in Österreich eher eine Verhandlungssache. Das Signa-Kaufhaus „Lamarr“ wurde ja inzwischen verkauft. Die Benko-Villa in Tirol ist im Besitz der Wiener Schlosshotel Igls Betriebs GmbH & Co KG, die zur Laura-Privatstiftung der Benkos gehört, an die die Mutter 235.000 Euro Miete zahlt, damit Rene weiterhin gratis dort wohnen darf. Keep it in the family sozusagen.

Stefan: Ein Grund den Kapitalismus zu verlassen wäre, dass wir zunehmend nicht nur ausgebeutet werden, sondern auch in Europa immer öfter, Opfer von extremistischer Gewalt werden. Das sich also die Gewalt, von der Peripherie, wo sie, auch aufgrund westlicher Beteiligung nicht enden kann, ins Zentrum verschiebt. Staatsversagen traue ich mich das nicht zu nennen, solange die Kapitalakkumulation ungestört weitergeht. Vorgestern am 19.12.2024 wurde den Opfern des islamistischen Terroranschlags am Breitscheidplatz in Berlin gedacht. 13 Menschen wurden dabei von einem Islamisten ermordet. Kurz davor, am 2. November, jährte sich der islamistische Terroranschlag in Wien, mit vier Toten und 23 Schwerverletzten. In der Nacht vom 20.12.2024 wurde in Magdeburg von einem saudi-arabischen Staatsbürger ein Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt verübt, mit mindestens 2 Toten und über 60 Verletzten. Angeblich war er AfD-Fan, angeblich Ex-Muslim, seine Methode ist dennoch die des islamistischen Terrors und sein Ziel, eben ein Weihnachtsmarkt und keine politische Veranstaltung von Nazis oder extremistischen Muslimen. Beinahe gleichzeitig hat ein politischer Vertreter des österreichischen Islam auf seinem Facebook-Account wortreich und öffentlich die Diskriminierungserfahrungen muslimischer Österreicher angeprangert. Er bezieht sich dabei auf einen Bericht der Europäischen Grundrechte Agentur und beklagt zurecht die dort aufgeführten Missstände, die real sind und zu Ungerechtigkeiten gegenüber Muslimen führen. Aber er sucht die Schuld dafür einseitig beim österreichischen Staat. Seine Vorschläge zu deren Behebung sind sicherlich teilweise legitim und seine Intention zielt auf ein funktionierendes Miteinander. So viel habe ich bisher von seinen Äußerungen wahrgenommen. Er ist ein Vertreter friedlicher Koexistenz und abstrakter demokratischer Werte. Aber der Unterton ist an manchen Stellen durchaus düster, eventuell missverständlich und vielleicht sogar für manche Beobachter bedrohlich, wenn er etwa feststellt: „Populistische Verbotspolitik birgt die Gefahr von ‚self fulfilling prophecies‘.“ Die Zuschreibung an extremistische Muslime, sie seien gewaltbereit, führt zur Gewaltbereitschaft? Die Angst vor islamistischer Gewalt ist schuld an islamistischer Gewalt?

Ela: Diese ganzen Zirkelschlüsse in diesem Zusammenhang fand ich schon immer interessant. Bei dem Anschlag in Magdeburg finde ich es zudem spannend, dass man so viel Wert auf die sogenannte AfD-Affiliation des Täters legt, während man gleichzeitig allen anderen Schwachsinn, den er auf den sozialen Medien verbreitet hat, geflissentlich ignoriert. So gibt es auch Tweets, wo er sich als Wahhabit bezeichnet und anderes konfuses Zeug, was ja dann wieder gegen die Behauptung stehen würde, es handle sich um einen Ex-Muslim. Also das ist spannend, wie man sich da jetzt auf dieses Bild festgefahren hat und gleichzeitig alles andere ignoriert.

Stefan: Da gibt es übrigens ein interessantes Verdrängungsmuster, beziehungsweise ein journalistisch-politisches Schaukelspiel. Während rechte Politiker und Medien jeden Anschlag sofort unbesehen dem extremistischen Islam zuordnen, was etwa beim Anschlag von Hanau völlig daneben war, tun sich die Linken dabei schwer einzusehen, dass Terroranschläge auch von extremistischen Muslimen verübt werden. Das übliche Muster der Verdrängung ist mehrstufig und beginnt mit: „Es ist zu früh um etwas Konkretes sagen zu können.“ Über: „Wahrscheinlich ein psychisch kranker Einzeltäter.“ Zu: „Wer das thematisiert, hilft der AfD, FPÖ, …“ Umgekehrt sind diese Linken dann bass erstaunt, wenn die Rechten das auch versuchen. Der Spiegel Nr. 52 vom 31.12.2024 dokumentiert dieses Erstaunen und die Empörung, die es auslöst, am Ableismus der AfD. Dass die AfD Menschen mit Behinderungen verabscheut und sich im Umgang mit ihnen wahrscheinlich verschiedener Nazimethoden bedienen würde, wenn sie könnte, brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber gleichzeitig entsteht eine seltsame Spiegelung des Verdrängungsmusters, wenn ein AfD-Mann über den Terroranschlag von Hanau spricht. Der Spiegel schreibt: „2020 verharmloste der innenpolitische Sprecher der AfD, Gottfried Curio, die rechtsextremen Motive des Attentäters von Hanau, nannte ihn einen ‚Irren‘ und ‚verrückt‘, sagte, er habe nicht zu den ‚geistig gesunden‘ gehört.“ Eine Frechheit sondergleichen, wie kann nur ein Gewalttäter, der so brutal vorgeht und damit ein politisches Ziel verfolgt und sich dazu auch noch öffentlich oder in einem Manifest äußert als psychisch krank bezeichnet werden? Das geht natürlich nicht. Oder geht es doch und kommt es nur darauf an in wessen Interesse das geschieht? Jedenfalls haben diese Verharmlosungsversuche von links und rechts etwas gemeinsam mit den Verharmlosungsversuchen aller Populisten, wenn es darum geht die Gewalt der eigenen irregulären Klientel medial zu kaschieren.

Ela: Bei den Opfern solcher Anschläge kommen ähnliche Mechanismen ins Spiel. Wenn es die betrifft, die falschen politischen Affiliationen haben oder sonst wie der falschen Gruppe angehören, dann wird ihnen ja auch gern eine „übertriebene“ Reaktion auf ihre Traumata vorgeworfen. Ich erinnere mich da an Jesse Hughes von den Eagles of Death Metal, die während des Anschlages im Bataclan ein Konzert spielten. In einem Stern-Artikel wird Jesse Hughes in einem Satz zur Last gelegt er sei „für die amerikanische Waffenlobby, für Donald Trump, Anti-Obama, für Kriegseinsätze und gegen das Recht der Frau auf Abtreibung.“ Dass er nun einmal während eines der größten jüngeren Attentate in Frankreich auf der Bühne stand, bei dem 89 Menschen getötet wurden, kann natürlich die „übertriebene“ politische Entwicklung des Musikers nicht erklären. Dass sich da eventuell eine kleine Phobie im Zusammenhang mit dem Islam entwickeln könnte … Dem Team von Charlie Hebdo wurde auch regelmäßig Rassismus vorgeworfen, selbst noch nachdem es teilweise schon dahingemetzelt worden war.

Das ist jetzt eine freie Assoziation, aber passt nochmal kurz zu unserem vorigen Thema, weil es mich auch an dem Umgang mit den jungen Frauen erinnert, die im englischen Rotherham einem Kindesmissbrauchsring zum Opfer fielen. 1.400 Mädchen ab ca. 11 Jahren wurden dort zwischen 1997 und 2013 von Männern mit großteils pakistanischem Hintergrund entführt, sexuell missbraucht und „gehandelt“. Ähnliches passierte in Rochdale zwischen 2008 und 2010 und in Telford seit den 1980ern. In Rotherham äußerten sich „mehrere befragte() Ratsmitglieder“ man müsse vorsichtig sein, damit nicht „durch das Aufgreifen dieser Themen rassistische() Ansichten“ verbreitet würden, die „extremistische politische Gruppen anziehen und den Zusammenhalt der Gemeinschaft gefährden könnte(n)“. Ein Report der Independent Inquiry into Child Sexual Abuse hatte offengelegt, dass man mit einem „weitverbreitete(n) Versäumnis“ konfrontiert sei, „die ethnische Herkunft von Tätern und Opfern“ zu erfassen. Gleichzeitig wurden die Opfer dieser Gangs „während der Vergewaltigung mit üblen rassistischen Namen wie ‚weißer Abschaum‘ und ‚Kaffirmädchen‘ beschimpft“, während sie von den Behörden nicht ernst genommen wurden, weil sie als „Mädchen mit Problemen“ galten, die “durch ihr eigenes Verhalten selbst schuld“ trugen.

Stefan: Diese widerlichen Vorkommnisse werden sich in dieser extremen Form hoffentlich nicht mehr wiederholen können. Aber es kann schon Probleme mit sich bringen auf solche Dinge überhaupt hinzuweisen. Der Islampopulismus österreichischer Prägung hat mit solchen Vorkommnissen nichts am Hut. Die Vertreter, die ich bisher am Schirm habe, würden solche Vorkommnisse niemals verharmlosen. Aber beim Terrordiskurs sieht die Sache etwas anders aus. Hier hat sich der Islampopulismus ganz auf den Ton der hiesigen Debatten zu Magdeburg eingestellt. Linkspopulistisch werden Menschenrechte eingeklagt, und an den Minderheitenschutz appelliert, („Was heute die eine Minderheit trifft, könnte morgen eine andere zur Zielscheibe machen, wenn verfassungsmäßige Standards ausgehöhlt würden.“) sowie auf strukturelle Ungleichheiten verwiesen, ohne darauf einzugehen, wie diese nachhaltig behoben werden könnten. Denn die strukturelle Ungleichheit ist dem Kapitalverhältnis inhärent. Aber dieses wird durch die Gläubigen ja nicht in Frage gestellt, sondern nur dessen (neo-?)liberale Ausprägung. Die konkreten Vorschläge versanden in den Grabenkämpfen hiesiger Politik. Statt der Islamkommission der einen Partei, soll die Islamkommission der anderen Partei unter einem anderen Namen unwirksame Maßnahmen vorschlagen, die dann ohnehin nur so umgesetzt werden, dass niemand etwas davon hat. Stets wird im Rahmen der Verfassung argumentiert, aber zugleich durch ständiges Zuzwinkern und raunende Zwischenbotschaften, der Anteil der eigenen Klientel angesprochen, der dafür empfänglich ist – Stichwort Dogwhistling Politik. Die Zwischenbotschaften richten sich in FPÖ-Manier an die härtere Klientel, die den Populismus und den „Jargon der Demokratie“ (Gerhard Scheit) für die Durchsetzung ihrer eigentlichen Ziele in Kauf, aber nicht (mehr) ernst nimmt. Diese Klientel besteht aus ultrakonservativen, reaktionären, extremistischen und faschistischen Kräften und deren irregulären Einheiten. Von diesen Einheiten ist im Islampopulismus oft abstrakt die Rede. Wenn daran erinnert wird, dass Diskriminierung zu einer Reaktion führen kann. Es sind die wütenden Männer, die in Paris die Banlieues berüchtigt gemacht haben, die zu allem bereit sind, und auf das richtige Zuzwinkern lokale Bürgerkriege beginnen können. Aber auch die Einzeltäter und Terrorzellen gehören dazu. Sie sorgen dafür, das unliebsame Kritiker mundtot oder ganz tot gemacht werden, sobald die Aufmerksamkeit durch einen Islampopulisten auf sie gelenkt wurde. Diese sehr konkrete Bedrohung wird, wider besseren Wissens, von den Islampopulisten und ihren, meist links angestrichenen, Verbündeten (Islamo-Gauchisme), stets kleingeredet, die sich häufenden gewalttätigen Übergriffe werden in manipulierten Statistiken verschleiert und ständig wird das Thema gewechselt. Das läuft dann so ab, dass man bei einem konkreten Anschlag in Europa beginnt und in einem Konflikt in einem fernen Land endet, mit dem weder die Toten des Anschlags, noch deren Mörder jemals etwas zu tun hatten. Die Diskussion dazu kann man sich so vorstellen wie den Anschlag in München am 5. September 2024. Es war ein Angriff auf das israelische Generalkonsulat, der in einem Schusswechsel zwischen einem 18-jährigen Österreicher bosnischer Abstammung und Polizisten am Karolinenplatz in der Nähe des israelischen Generalkonsulats und des NS-Dokumentationszentrums endete.

Diskriminierungserfahrungen werden natürlich zurecht beklagt! Menschen mit „ausländisch klingenden“ Namen haben Nachteile bei der Wohnungssuche und auf dem Arbeitsmarkt und auch im beruflichen Leben haben sie die Erfahrung des Alltagsrassismus. Dieser kann auch bezogen auf islamische Kleidung auftreten und durchaus mit Gewalt verbunden sein. Es muss aber hinzugefügt werden, dass die von der Europäischen Grundrechte Agentur (https://fra.europa.eu/de/news/2024/muslime-europa-zunehmend-opfer-von-rassismus-und-diskriminierung) ermittelten Daten auf Umfragen und persönlichen Meinungen („face-to-face interviews and an online questionnaire“) basieren und nicht auf konkreten dokumentierten oder behördlich aktenkundigen Vorfällen. Das ist übrigens auch in Deutschland bei manchen Landesmeldestellen gegen Diskriminierung so. In NRW startet 2025 die „Meldestelle zu antimuslimischem Rassismus“ und fordert dazu auf „Fälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze zu melden“. Das bedeutet es geht bewusst darum auch das Gefühl der Menschen zu dokumentieren. Da werden dann vielfach persönliche Eindrücke, persönliche Missverständnisse und Enttäuschungen und persönliches Ressentiment in die Dokumentation einfließen, die dann einen gesellschaftlichen Tatbestand erahnen lassen. Das wiederum erzeugt eine Verstärkungsschleife, aus der heraus die Islampopulisten immer wieder auf die Opferrolle von Muslimen hinweisen können. Daraus kann eine Abwärtsspirale entstehen, denn natürlich können ständige Negativnachrichten das Gefühl der Diskriminierung noch verstärken und die innere Haltung gegenüber der als diskriminierend wahrgenommenen Gesellschaft verhärten. Oder mit den Worten Hans Rauschers im heutigen Standard 31.12.2024: „Pessimisten wählen rechtspopulistische bis rechtsextremistische Parteien. Das ist ein ehernes Gesetz der Politik. Abgesichert durch zig Umfragen, Erhebungen und soziokulturellen Studien.“ Wenn sich alle unwohl fühlen, profitieren davon die Konservativen, die Reaktionären, die Faschisten und natürlich die Islampopulisten.

Schlimm genug, wenn sich Muslime in der Gesellschaft nicht wohlfühlen, daran sollte sich schleunigst etwas ändern und es ist sicherlich an der Zeit, dass alle gemeinsam in funktionierenden Gremien zusammenkommen, mehr Räume für die Begegnung geschaffen werden und alle auf Augenhöhe und mit gleich lauter Stimme miteinander sprechen. Aber es muss auch kritische Bewusstsein dafür entstehen, dass die Gründe für die wahrgenommene Diskriminierung nicht nur bei strukturellem und individuellem Rassismus und ständigen Verfehlungen autochthoner Österreicher liegen, sondern auch bei den muslimischen Extremisten, der von ihnen mittlerweile regelmäßig verübten Gewalt und den empörenden Stellungnahmen der Islampopulisten dazu.

Murat Kayman, Mitbegründer der Alhambra-Gesellschaft, eines Vereins europäischer Musliminnen und Muslime, der von 2014 bis 2017 Jurist des muslimischen Verbandes Ditib in Köln war, warnt vor einer so einseitigen Darstellung der Verhältnisse. „Selbst wenn es ab morgen gar keinen Generalverdacht gegen Muslime mehr gäbe, wenn es nicht einen einzigen muslimfeindlichen Vorfall oder irgendwie antimuslimische Diskriminierung mehr gäbe, würde dennoch das Problem des islamistischen Extremismus unverändert fortbestehen. […] Denn islamistische Gewalt wird durch ihre Propagandisten als ‚legitimer Widerstand‘ gegen eine Muslimen gegenüber feindlich gesinnte Welt beworben. Mit dieser ‚Rechtfertigung‘ legitimieren sie eine totalitäre, freiheitsfeindliche, menschenverachtende Ideologie. […] Wer der fortschreitenden gesellschaftlichen Spaltung etwas entgegensetzen will, muss diese aus religiösen Überlegenheitsvorstellungen heraus vollzogene Selbstentfremdung muslimischer Organisationen hinterfragen.“ (Der Standard 14./15. September 2024: Muslime sollten sich unbequemen Debatten stellen, 38.)

Im Der Spiegel wird er noch deutlicher: „Vor dem Hintergrund der explodierenden Züge und Busse in Spanien und London, der ermordeten Satiriker, Lehrer, Passanten, Café- und Konzertbesucher in Frankreich, der überfahrenen Weihnachtsmarktbesucher in Berlin, der Opfer der Terroranschläge weltweit mussten die muslimische Verdrängung, dieses apathische Kopfschütteln muslimischer Vertreter und ihre immer phrasenhafter wirkende Verurteilungen irgendwann unglaubwürdig wirken.“ (Der Spiegel Chronik 2024, 106.)

Kayman hat auch ein Buch über dieses Thema geschrieben. Mal sehen, wie lange er sein Leben in Frieden fortsetzen kann, oder ob ihn das Schicksal Ayan Hirsi Alis und der dutzenden Religions- und Faschismuskritiker ereilt, die unter ständiger Todesdrohung leben müssen. Verfolgt von den verfolgenden Unschuldigen, die angeblich durch „populistische Verbotspolitik“ zu „self fulfilling prophecies“ des Gemetzels gemacht werden.

Extremistische Gewalt aller Couleur scheint fixer Bestandteil, oder wie der Londoner Bürgermeister einst nach einem islamistischen Anschlag sagte, „part and parcel[1], des zukünftigen Zusammenlebens in Europa zu sein. Damit sollten wir uns nicht abfinden. Man kann den Kapitalismus nicht verlassen, aber man kann mit aller Kraft daran erinnern, dass ein „Minimum an Freiheit“ (Franz Neumann), nämlich Freiheit von terroristischer Gewalt, eine Grundbedingung sein muss, um diese ganze Scheiße zumindest stoisch und ironisch ertragen zu können.


[1] https://www.london.gov.uk/who-we-are/what-london-assembly-does/questions-mayor/find-an-answer/terror-attacks