Gemeinsam über die Kunst von Bernhard Niegel. Teil 1: Ich stell mir was vor und Bernhard ordnet ein

Stefan: Bei deinem Bild „Stechpalme“ hatte ich auf den ersten Blick folgende Assoziationen: Die Farbgebung hat etwas Unheimliches. Das dunkelrot pulsierende Herz im Zentrum verspricht Wärme und ein fremdartiges Eigenleben. Dunkle Romantik, wie dargestellt in Disneys Fantasia, im Abschnitt mit dem Ave-Maria. Verschwimmende Umrisse, Motive von Leuchten und düsterer Wärme. Archetypisch: Urwald, Höhle, Geborgenheit, Gefahr, Mutter. Hohe Anziehungskraft. Überhaupt strahlen hier eine große Fruchtbarkeit und sexuelle Energie. Eine verbotene Frucht zur Weihnachtszeit?

Aus den ersten Gedanken hat sich dann folgende Miniatur entwickelt: Der letzte Satz von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ schließt die Abgründe auf, mit denen zu rechnen ist: „Über der Flußmündung hing eine schwarze Wolkenwand, und das träge Wasser, das die entferntesten Enden der Erde erreicht, floß dunkel unter einem bedeckten Himmel – schien ins Herz einer gewaltigen Finsternis hineinzufließen.“ Das gesunde Grün des Dschungels kann täuschen. Das reiche Leben dort ist tödlich. Die satte Blüte wächst im Zentrum des Überlebenskampfes als pulsierendes Wahnsinnsherz. Was auch den Assoziationen auf die Sprünge hilft: Was tut die „Stech“-Palme, wenn sie unbeobachtet ist? Zugleich wird die Erinnerung an den Weihnachtsstern geweckt, dem die Könige folgen. Eine Erfahrung mit „Stech“-Apfel, die als Himmelsphänomen interpretiert zur Wallfahrt anregt? Ein Bild mit vielen Schichten. Ohne Kitsch, aber mit dem nötigen Pathos der Heiligen Zeit, humoristisch gewendet.

Bernhard: Viele Farbschichten, wie das Weihnachtsfest selbst vielschichtig ist. Schnell gefragt hat jeder seine vorgefasste Meinung zu diesem Fest und dieser Zeit. Aber wenn man sich die Zeit nimmt, um über die Betrachtungswinkel nachzudenken, erkennt man schnell, dass es derer unglaublich viele gibt, und diese oft sehr gegensätzlich sind, sowie das Düster dieses Bildes nicht gleich alles enthüllt. Weihnachten ist alles, es ist warm oder kalt, festlich oder einsam, es gibt dabei Überfluss und Entbehrung, Menschen sind dabei gierig oder selbstlos … oft nur ein paar Meter voneinander entfernt.

Stefan: Helmut Qualtinger singt das Mundart-Lied „auxoffana r untan gristbam“ mit einem diabolischen Unterton. Darin liegt ein Betrunkener besinnungslos unter dem Weihnachtsbaum auf dem Kerzen brennen. Keine andere Seele ist daheim. Es wird bald brennen, die Zuhörer können das leicht vermuten. Es ist still und sieht bestimmt feierlich aus. Der schlafende Trinker, aufgebahrt auf einem zukünftigen Totenbett. Ich denke beim Hören an einen Gemeindebau. Nebenan ist vielleicht gerade Bescherung, mit glücklichen Kindern und großen Augen. Hoffentlich breitet sich das Feuer später nicht aus. Die Selbstmordraten steigen an hohen Feiertagen, besonders an Weihnachten und Silvester, an denen die Einsamkeit stärker spürbar ist Weihnachten hat auch immer etwas Tragisches, und beim Lied von Qualtinger auch einen Hauch von Wahnsinn.

Bernhard: Ja, auch das ist Weihnachten, und wenn dieser Teil uns besinnlicher, warmherziger und demütiger macht, ist es auch ein guter.

Stefan: Magst du das noch ausführen? Es wirkt ein wenig so, als würdest du sagen, Tragisches und Wahnsinn machen uns demütig. Oder ist das die Intention? 

Bernhard: Ich persönlich nehme zunehmend (bewusst oder weniger bewusst) die Gelegenheiten wahr, um Dinge zu hinterfragen, vor allem bei einem so stark ambivalenten Thema. Und Demut gehört für mich zu diesem Prozess vom sehr starren, eindimensionalen Blickwinkel zu einem offenen „Ich schaue mir das Ding von allen Seiten an“ einfach dazu.

Stefan: Bei Herbert Marcuse taucht die Vorstellung auf, dass die Kunst einmal eine eigene, „zweidimensionale“ Qualität oder Realität besessen hat, die als Gegenwelt zur realen, unfreien Gesellschaft fungierte und diese anklagte. Was Marcuse mit der Begrifflichkeit der Psychoanalyse „repressive Entsublimierung“ nennt ist die Absorption der Kunst durch die Konsumgesellschaft, in der Kunst ihre kritische Funktion verliert und nur mehr unter den Regeln der „Kommerzialisierung“ steht. Anstatt also ein Stachel in der Haut der Herrschenden zu sein, wird autonome Kunst zu einem harmlosen, konsumierbaren Bestandteil des Alltags, wodurch ihr subversiver (umstürzlerischer) Charakter verloren geht. Das wiederum führt zu einer „Eindimensionalität“ des Denkens: Da selbst Kultur und Ästhetik der Logik von Warenproduktion und Profitmaximierung untergeordnet werden, fehlt den Menschen der Raum ihre Fantasie und Vorstellungskraft anzuregen, um offen zu sein für eine andere, freie Gesellschaft. Ohne Kommerz und Zwang. Ich habe das Gefühl, die bildende Kunst insgesamt sträubt sich anhand ihres Materials gegen das Eindimensionale. Oder anders gesagt: Auch im Kommerz ist noch eine kritische Funktion der Kunst möglich, und zwar genauso wie du das beschreibst, durch die Veränderung des Blicks.

Bernhard: Ich möchte mich da jetzt nicht allzu weit aus dem Fester lehnen, was ja bei Interpretationen von Meinungen anderer immer recht leicht passiert, aber ich glaube, dass hier der Wunsch nach Kritik durch Kunst, also diesem Werkzeug mehr Potenz zuzuschreiben, größer war als die Realität, auf die er möglicherweise verklärt zurückgeblickt haben mochte. Man muss sich nur überlegen, in welcher Zeit Marcuse gelebt hat und welche unglaubliche Geschwindigkeit die Welt und auch die Kunst damals hatte (verglichen mit der Zeit davor), zwei Weltkriege mit all Ihren Ängsten und auch Hoffnungen, mehr Kunstepochen und Richtungen als in den Jahrhunderten davor.

Ich glaube man muss hier ein paar Dinge separiert voneinander betrachten.

Ist Kunst kritisch bzw. welcher Prozentsatz von Kunst ist kritisch? Ich denke, dass Kunst in den letzten 100 Jahren viel an Kritik dazugewonnen hat und es auch immer mehr Formen von kritischer „Kunst“ gibt, weil es heute nicht mehr so gefährlich ist, kritisch zu sein, zumindest regional betrachtet. Aber natürlich ist ein großer Teil wirtschaftlich geprägt, das war aber nie anders, wenn man sich so in der Kunstgeschichte umschaut.

Wie leicht ist es, Kunst zu konsumieren? Das hängt von einigen Faktoren ab, die es ganz ohne Bedauern zu betrachten gilt. Wie einfach drücke ich mich aus, wie viel Aufwand bereitet es der Konsumentin/dem Konsumenten mich zu verstehen, und drittens, eher kulturell bzw. soziologisch geprägt, wie gehe ich/die Konsumentin/der Konsument als Teil der Gesellschaft mit Dingen um die ich/sie/er nicht hören will.

Für mich als Künstler ist die Möglichkeit, Kritik oder tiefgründige Themen transportieren zu können extrem wichtig, aber das sind nur zwei von vielen möglichen Ebenen und keine Voraussetzung Kunst zu machen. Nicht alles, was ich mache, braucht eine konkrete Botschaft, manchmal sind es ästhetische oder technische Aspekte, die mich antreiben, oft Emotionen die eine Form, Farbe, Stimmung suchen. Bei diesen emotionalen, expressiven Werken ist interessanterweise oft die Interaktion mit der Betrachterin/dem Betrachter am stärksten, weil die Betrachterin/der Betrachter beim Anschauen und Sich-Einlassen auf das Bild oft Kontakt mit sich selbst und eigenen Gefühlen und Erinnerungen aufnimmt.

Stefan: Bei deinem Bild „Stil“ hatte ich auf den ersten Blick folgende Assoziationen: Eine üppige (barocke) Kirche in leerer Landschaft. Eine Karlskirche ohne Karlsplatz. Oder gerade der Karlsplatz als Wasserfläche? Jedenfalls eine goldene Dämmerung oder Morgenröte. Schweres Licht auf einer Ruinenlandschaft. Zugleich der freundliche Morgen nach einem Sturm. Die alte Kirche umstanden von schattigen Zypressen am Beginn eines Sommertags. Nein. Die Sorgen überwiegen. Das hoffnungsvolle Goldlicht ist schwarz gerahmt. Alles drückt zum Mittelpunkt. Die Kirche scheint Gast ihres eigenen Untergangs. Die Spiegelung auf der Wasseroberfläche zeigt ihre Zukunft. Eine Ruine. Stilistisch Anklänge an Kubin.

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Aus den ersten Gedanken hat sich dann folgende Miniatur entwickelt: Der Dichter Georg Trakl lässt die Seele in Form von weißen Vögeln aufflattern, über stürzenden Städten von Stahl. Ein landschaftlicher Kontrast wie im Mittelalter? Die allermeisten Menschen leben in Strohhütten mit ihrem Vieh unter einem Dach, die gotischen Kirchen wachsen daneben in den Himmel. Es sind Burgen des Glaubens und sie stehen in ihrer Pracht den Burgen der Lehensherren in nichts nach. Die Glaubensburg auf dem Bild steht allerdings kurz vor dem Fall. Konstantinopel wurde im Jahr 1453 von seinen christlichen Herrschern verzweifelt verteidigt. Kaiser Konstantin XI fiel mit vielleicht 10.000 Mann. An seiner Seite stand der Söldnerführer Giovanni Giustiniani Longo aus Genua, wo die Kirchen meist romanischen Stils sind. Aber auch der osmanische Thronanwärter Orhan, Enkel des 1409 getöteten Sultanssohnes Suleiman, schloss sich der vergeblichen Stadtverteidigung an. Die Hagia Sophia, spektakulärste Kirche des byzantinischen Christentums, ist heute eine Moschee. In der Wiener Karlskirche findet sie einen Nachahmer. Die goldene Kirche des Kunstwerks verrät ihre Herkunft nicht.

Bernhard: Barocke Kirchen, indische Paläste oder Moscheen: Immer wieder findet man in der Architektur die Kombination aus zentraler Kuppel und symmetrisch dazu angelegten Türmen oder Säulen. Besonders schön auf sich allein gestellt, ohne störendes Drum-Herum. Schön genug, um sich zu spiegeln, selbst wenn die beste Zeit längst vorbei ist. 

Stefan: Die Gemeinsamkeit der barocken Kirche, der Moschee und des Taj Mahal, errichtet durch die muslimischen Mogul-Herrscher, liegt eventuell an der Ausbreitung des Islam. Die eroberte Hagia Sophia, eine christliche Kirche, ist Vorbild für die Prachtmoscheen des, sich von Byzanz und dessen architektonischer Kultur aus konsolidierenden, osmanischen Imperiums. Es gibt also diese historisch-architektonische Schicht.

Bernhard: „Ausbreitung des Islam“, ich weiß nicht, ob ich das so bezeichnen würde. In der Architektur sowie in allen anderen Künsten bis hin zum Kochen, gibt es immer eine Verbreitung des Bemerkenswerten, solange es einen Austausch gibt. Es gibt keinen Bereich in dem nicht geklaut, kopiert, interpretiert oder weiterentwickelt wird. Wer der Überträger oder Transporteur ist, ist für das Prinzip schlussendlich unerheblich.

Stefan: Die „Verbreitung des Bemerkenswerten“ ist eine sehr schöne Formulierung. Es erinnert an den Kunstbegriff der frühen Romantik. Die Welt kann ästhetisch umgestaltet werden. Aber es gibt auch Kunstschichten darüber und darunter. Das Bauwerk zu exponieren, wie du es tust, eröffnet Deutungsmöglichkeiten abseits der historischen, vielleicht auch der religiösen Schichten.

Bernhard: Es sind die vielen Betrachtungswinkel, aus denen heraus man sich mit einem materiellen Objekt oder geistigem Gut beschäftigen kann, oder auch deren Einzelteile. Für mich geht es künstlerisch meistens um Teilaspekte, die dann oft um andere Aspekte erweitert werden.

Stefan: Ist in der Kunst selbst eine religiöse Erfahrung möglich? Oder geht es dir nur um den veränderten Blick(winkel)?

Bernhard: Religiöse Erfahrung, vor dieser Aussage würde ich mich scheuen. Spirituelle Erfahrung ist sicher möglich. Für mich spielt es aber kaum eine Rolle. Auf der anderen Seite boten die Religionen oder vielmehr die entsprechenden Institutionen von jeher einen großen Raum für künstlerische Tätigkeit und haben dadurch wohl auch sehr viel für die Entwicklung der Architektur und Kunst getan. Denn einer Sache muss man sich bewusst sein: Große Architektur beziehungsweise große Kunst zu machen, muss man sich leisten können und wollen.

Veränderter Blick trifft es wohl am besten. Es ist wie eine Parabel in der Literatur, nur mit mehr Interpretationsspielraum.

Stefan: Bei deinem Bild „Engel Dämon“ hatte ich auf den ersten Blick folgende Assoziationen:

Natürlich Blake und Milton. William Blakes „Visions of the Daughters of Albion“ drängt sich auf. Ich schlage sie nach: „To the abhorred birth of cherubs in the human form, That live a pestilence & die a meteor, & are no more;“. Aber auch Manichäisches: Engel und Dämon sind aufeinander bezogen, sie können nicht ohneeinander. Aber der Kampf zwischen Gut und Böse währt ewig. Vielleicht endet ja auch das Leben, wenn die beiden sich versöhnen? Mein Sohn kommt ins Zimmer, während die Bilddatei am PC-Bildschirm offen ist und fragt, was das für ein Bild ist. Ich erkläre es ihm und frage ihn, warum es ihm aufgefallen ist. Worauf er erwidert, es sei „schön, weil der Engel ruhig und konzentriert und der Dämon wütend ist und sich das reibt“.

Aus den ersten Gedanken hat sich dann folgende Miniatur entwickelt: Das Wort Dämon (Daimon) stammt aus der hellenistischen Kultur. Die Dämonen der griechischen Antike sind produktive geistige Kräfte, ob sie nun gut oder böse sind. Der Daimon denkt in uns. Er ist überall am Werk, wo wir unsere Gedanken hinwenden. Jedes Gedicht, Kunstwerk, jede Erfindung ist dämonisch. Der Engelsdaimon ruhig, konzentriert, geplant, in sich gekehrt, von seinem Ziel nicht abzubringen. Der Dämonendaimon erregt, emotional, spontan, schöpferisch, auf das Außen fixiert, ablenkbar.

Kurt Flasch hat in einer umfassenden Studie dargelegt: „Der Zusammenhang von Gott und Teufel ist eng, enger als gedacht. Vielleicht wurden deshalb selbst die reformeifrigsten Theologen den Teufel nicht recht los.“ Wir werden den Teufel nicht los, weil wir ihn brauchen, vielleicht sogar, weil wir ihn brauchen wollen. Aber das ist gar nicht das Gefühl, dass dieses Bild vermittelt. Hier stehen zwei Ebenbürtige nebeneinander, jeder auf seinem eigenen Bild. Wenn sie aufeinandertreffen, vielleicht passiert etwas Überraschendes.

Bernhard: Engel – Dämon; gut – böse; hell – dunkel; männlich – weiblich; … Es sind die Gegensätze oder richtiger die Gegenteile. Die Gegenteile, ohne die das Andere gar keinen Sinn ergibt; die Gegenteile, die nur miteinander etwas vollständig machen; die Gegenteile in uns … In der Kunst und Phantasie können eindimensionale, unwidersprüchliche, absolute Darstellungen reizvoll, ja sogar epischer Natur sein. In der Realität wirkt das eher platt und einfallslos.

Stefan: Es gibt von Karl Rosenkranz eine Ästhetik des Hässlichen. Die Hölle, schreibt er, ist nicht nur in ihren moralischen und religiösen Dimensionen begreifbar, sie hat auch eine ästhetische Qualität. In ihr findet sich das Hässliche zusammen. Er spricht von den „Schrecken der Unform und der Missform, der Gemeinheit und Scheußlichkeit“ von „Verzerrungen, aus denen die infernale Bosheit zähnefletschend uns angrinst“. Deine Dämonen sind grazil und sie grinsen nicht. Sie wirken nicht wie ein triumphierendes Böses, nicht so, als wären sie gemein. Die ich bisher gesehen habe, haben gar kein Gesicht. Sie brauchen es nicht, drücken sie ihre Gefühlsregungen doch durch die Haltung aus, die sie einnehmen. Dein Böses ist nicht hässlich und sehr ambivalent.

Bernhard: Sie brauchen kein Gesicht, weil es hinderlich wäre. Es sind Aspekte von uns. Sie stehen für unsere Schwächen und Stärken. Meine Wut hat ein anderes Gesicht als meine Missgunst, mein Mitgefühl ein anderes als meine Fürsorge. Ein menschlicher Aspekt hat in zehn Menschen zehn verschiedene Gesichter. Unterschiedlich groß, unterschiedlich stark, unterschiedlich laut. Himmel und Hölle sind für mich unsere Höhen und Abgründe, und ihre Bewohner die Aspekte, die uns zu dem machen, was wir sind. 

Stefan: Pablo Picasso hat einmal gesagt: „Wenn ich arbeite ruhe ich mich aus.“ Und „Ich male, wie ich atme.“

Bernhard: Das gefällt mir sehr gut. Und ja, ich denke oft nicht viel darüber nach, was ich gerade tue, während ich male. Ausruhen würde ich jetzt nicht gerade sagen, ich merke zwar dabei keinerlei Anstrengung, aber hinterher oft eine überdurchschnittliche Erschöpfung.

Stefan: Für ihn ist jeder in einem gewissen Maß ein Autodidakt. Er beschreibt sich selbst als jemanden der nicht sucht, sondern findet.

Bernhard: Ich finde mich da schon wieder. Viele Bilder suchen mich, nicht umgekehrt. Einige sind Wiederholungstaten, die einfach nicht fertig sind in mir. Wenn ein Thema nicht abgeschlossen werden kann, kommt es immer wieder.

Stefan: Nochmal Picasso: „Ein Bild ist nicht von vornherein fertig ausgedacht und festgelegt. Während man arbeitet, verändert es sich im gleichen Maße wie die Gedanken.“ Wie ist dein Zugang zum künstlerischen Produktionsprozess?

Bernhard: Das ist bei mir nicht ganz so. Es gibt Bilder, die sehen genau so aus in mir, und ich kann mir dann Gedanken machen, wie setze ich das um, um dieser Vorstellung zu entsprechen. Welcher Untergrund? Welcher Werkstoff? Welches Werkzeug? Dort hat dann die autodidaktische Herangehensweise seine Vorteile, wer keine Technik gelernt hat, hat auch wenig Angst mal was Neues auszuprobieren. Was auch immer wieder ein abschätziges „Das macht man so nicht“ mit sich bringt, was mich allerdings eher darin bestärkt es doch so zu tun.

Stefan: Theodor Adorno sagt, der Bürger will seine Kunst üppig und sein Leben bescheiden, umgekehrt wäre es besser. Was ist für dich „gute“ Kunst. Oder besser gefragt: Wie kann Kunst in deinen Augen gelingen?

Bernhard: … Ich weiß nicht einmal, ob ich in der Lage bin zu sagen, was Kunst ist oder was Kunst ausmacht. Natürlich findet man genügend Definitionen von Kunst, manche besser, manche totales Geschwurble. Wo ist die Grenze zwischen Kunst und Handwerk? Möglicherweise ist es das, was Picasso mit „nicht sucht, sondern findet“ meint. Ist es noch Kunst den zweihunderttausendsten Apfel zu malen? Oder ist es bloß Handwerk, egal wie perfekt es sein mag? Ich weiß es nicht.

Vielleicht braucht auch jede Zeit ihre eigene Definition von Kunst. Gerade in Zeiten, in denen sich durch den Einsatz von Technik vieles ändert, ist es schwierig hier Grenzen zu ziehen, oder alte Grenzen anzuwenden.

Für mich persönlich darf Kunst bewegen, emotional oder geistig, vielleicht mit einer Brise Subtext, wie ein kaum verständliches Flüstern im Wind.

Stefan: Aber in einem stimmst du mit Adorno überein: Deine Kunst ist nicht üppig. Sie hat nichts Barockes, nichts Überbordendes. Alles ist beinahe asketisch reduziert. Nur Wesentliches wird sichtbar.

Bernhard: Das liegt bei mir am Fokus auf dem, was mich zu einem Bild antreibt, aber ich würde das nicht verallgemeinern. 

Stefan: Stefan Heidenreich hat eine Theorie über die Kunst, die ich recht adäquat finde für die aktuelle Situation. Er meint, dass was wir als Kunst bezeichnen eine eng begrenzte Sparte institutionalisierter Hochkultur ist, die nur wenige Menschen erreicht. Was oft auch strukturelle Gründe hat. Gleichzeitig haben wir eine Kunstindustrie, die nicht auf Institutionen oder theoretische Rechtfertigungen angewiesen ist und das alltägliche kulturelle Leben viel stärker prägt. Diese paradoxe Situation führt dazu, dass in den großen Museen immer wieder dieselben weltbekannten Künstler ausgestellt werden, denn sie sind die Publikumsmagneten, die Kundschaft bringen, die sich die Tickets leisten kann/will. Oder sie können den Mainstreamgeschmack bedienen und sich an der Kunstindustrie ausrichten und populäre Massenkunst anbieten. (Wander-)Ausstellungen über berühmte Filme sind so ein Versuch. Star Wars oder ähnliches. Die unbekannten, neuen Künstler, Repräsentanten neuer Strömungen, werden in diesem System so gut wie nicht vertreten.

Bernhard: Natürlich nicht, hier geht es ums Geschäft, und selbst im Non-Profit Bereich müssen sich Systeme erhalten können, solange sie in ein wirtschaftsorientiertes System eingebettet sind. Das Objekt Kunst spielt hier nur eine untergeordnete Rolle.

Stefan: Worauf Heidenreich hinaus will, ist heruntergebrochen, dass Kunst es sich leisten können muss anspruchsvoll und innovativ zu sein. Wie siehst du das? Was sind da deine Erfahrungen?

Bernhard: Ich sehe das genauso, nur in unserem Gesellschafts-Konsum-System wird das nicht passieren, weil einfach die Grundlagen fehlen. Gute Kunst zu schaffen, geht ja noch so einigermaßen. Die dann auch zu beurteilen, wird dann schon deutlich schwieriger, weil halt im kuratorischen Mindset der wirtschaftliche Aspekt viel zu schwer wiegt. Dem Ganzen eine Bühne zu geben ist da eine ganz andere Hürde, denn die kostet halt wirklich Geld. Und dann kommt erst die große Herausforderung ein Publikum zu erreichen, das sich das auch ansehen will, und dort ist das Leicht-zu-Konsumierende deutlich magnetischer.

Stefan: Lieber Bernhard, vielen Dank für das spannende Gespräch.

Ist Heroin Chic schick? Ein Gespräch mit Antonia Marliot über Drogen als kulturelles Symbol.

Stefan: Was hat die Atombombe mit dem Wunsch, schlank zu sein, zu tun?

Antonia: Der Gedanke lässt sich auf Susan Bordo’s Argumentation zur Körperfixierung der späteren 1980er/1990er zurückführen. Ihre These beschreibt den menschlichen Drang, die Gegebenheiten zu kontrollieren, die kontrollierbar sind, vor allem wenn externe Umstände unkontrollierbar erscheinen. Bordo zieht also eine Verbindung von externer Unsicherheit, durch den Kalten Krieg und die nukleare Bedrohung in den 90ern, zu internen Sicherheitsbedürfnissen. Diese Sicherheitsbedürfnisse haben sich im Umkehrschluss im Schlankheitswahn der 90er manifestiert. Der eigene Körper wird zum Objekt der Kontrolle, wie Bordo argumentiert. Dabei stellen der Diätenwahn und die Körperunzufriedenheit der Frauen zu der Zeit die gesellschaftliche Grundlage des Heroin Chic dar. Primär die geschlechterspezifische Dimension der Körperkontrolle, wie Lauren R. Tucker und Bordo beschreiben, nimmt da eine fundamentale Rolle ein. In den 90ern wurden männliche Körper oft homoerotisch wahrgenommen, während weibliche Körper in ihrer verletzlichen Darstellung völlig normalisiert erschienen. Körperkontrolle, geäußert als Wunsch, schlank zu sein, epochen-unabhängig, ist demnach zusätzlich eine Frage der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern.

Ich denke aber, dass die Korrelation aus externer Unsicherheit und internem Sicherheitsbedürfnis verallgemeinert werden kann. Als Studentin der Internationalen Entwicklung sieht man den Zusammenhang ja im kontemporären politischen Geschehen. Durch externe globale Unterscheidungen, ausgelöst durch Kriege, asymmetrische Machtverteilungen etc., steigt der nationalistische Drang innerhalb der Länder. Unsicherheiten produzieren neue Formen von Identität und Kontrollmechanismen, die sich körperlich sowie politisch manifestieren können. Der momentane Ozempic-& Longevity-Wahn, welcher sich durch die Hollywood-Industrie verbreitet, fällt ebenfalls in die Kategorie der Körperkontrolle. Zeitgeschehnisse ändern sich, menschliche Bedürfnisse und Reaktionen nicht fundamental.

Stefan: Du setzt bei der Forschung zum Heroin Chic an und möchtest ihr eine neue Richtung geben, indem du sie als Kombination aus kultureller Analyse und psychoanalytischer Erklärung von Begehren, Abstoßung und Selbstauflösung betreibst. Kannst du deine Überlegungen zu diesem Ansatz erläutern?

Antonia: Genau! Was mich im Laufe der Recherche zum Heroin Chic und der Drogenkultur interessiert hat, war nicht die pharmakologische Substanz selbst, sondern vielmehr ihre kulturelle Symbolik. Ich würde argumentieren, dass sich kulturelle Narrative durch gesellschaftliches Denken und Wissen formen. Dadurch der Übergang zur Psychoanalyse. Aus meinem Abschluss der Kulturwissenschaften habe ich gelernt, kulturelle Narrative, wie die Verherrlichung des Heroin in den 90ern, als Produkt der menschlichen Psyche zu sehen. Warum waren die Menschen von Fragilität und Selbstzerstörung damals so fasziniert? Die andauernde Aktualität des Themas ist nicht wegzudenken. Dazu habe ich mich auf Freud (Lustprinzip, Wiederholungszwang) und Sabina Spielrein (Destruktion als Ursache des Werdens) bezogen und versucht, das Menschliche hinter der Faszination von Heroin zu entziffern. Das Interessante am Lustprinzip ist erstens die Anziehung durch Unlust bei der Betrachtung medialer Repräsentationen des Heroin Chic. Zweitens wird, durch mediales Wiederkehren (Zeitschriften, MTV, Modefotografien etc.) ein Wiederholungszwang des Trends ersichtlich. Die Menschen wurden in den 90ern permanent mit der Dichotomie aus Markenartikeln und Zerbrechlichkeit konfrontiert. Drogenkonsum entwickelte sich von einer Armuts-Assoziation zu einem kulturellen Statussymbol, vor allem für wohlhabendere Menschen. Besonders interessant ist Spielreins Erläuterung der Faszination für Selbstauflösung als einen menschlichen Wunsch nach Wiedergeburt und Erneuerung. Gerade in der politischen Abschluss- und Umbruchszeit der neoliberalen 90er — fokussiert auf die westliche Hemisphäre — spielt dieser Wunsch nach einem Neuanfang eine plausible Rolle. Mein interdisziplinärer Ansatz will dabei bezwecken, Heroin Chic als kulturelles Symbol von Fantasie, Neuanfang und Fragilität zu verstehen, weit über seine Drogenverherrlichung und den Modetrend hinaus.

Stefan: Du hast den historischen Kontext des Heroin Chics sehr schön rekonstruiert. Kannst du das ein bisschen ausführen?

Antonia: Der Heroin Chic als Trend entstand ursprünglich als Gegenbewegung in den 1990er, gegen die glamouröse Modekultur und Ästhetik der 1980er. Deconstruction, Minimalismus etc. haben sich durch Designer, wie Yohji Yamamoto, Rei Kawakubo, Helmut Lang oder Calvin Klein zu der Zeit entwickelt. Dieser Umschwung ging mit einem neuen Körperbild von Verfall, Anorexie und Drogenkonsum einher, nicht zuletzt durch eine popularisierte Romantisierung von Ikonen wie Kate Moss und Kurt Cobain. Diese Ästhetik sieht man z. B. in den Modekanpmagnen von Calvin Klein in den 90ern, wo sehr dünne Frauenkörper, in kargen, unverputzten Räumen dargestellt werden. So wurde deren Parfumlinie Obsession beispielsweise vermarktet. Die Ironie steckt hier im Namen selbst. Rebecca Arnold beschreibt die 1990er darum als ein Zeitalter der ‚emaciated, dazed models‘ – sprich ausgemergelter, benommen wirkender Models. Heroinsucht selbst, wie Timothy Hickman argumentiert, sowie etliche andere Theoretiker, lässt sich durch authentische Begleiterscheinungen, wie blasse Haut und Gewichtsverlust, im Trend verdeutlichen. Allerdings zeigt sich in der Modefotografie die romantisierte Seite dieser Sucht. Was demnach romantisiert wird, ist nicht die demographische Korrelation der Droge mit armutsbetroffenen Schichten, sondern ihre hochromantisierten Begleiterscheinungen. Jede Person hat ein Bild vor Augen, wenn sie an einen Drogensüchtigen denkt. Dieses kulturelle Narrativ wurde damals aktiv eingesetzt, kommerzialisiert und als begehrenswert verkauft. Ich denke, dass sich die Menschen in den 90ern auch einfach in das verliebt haben, was anders und abwechslungsreich war für die Zeit.

Stefan: Gerade ist ein Biopic über Kate Moss herausgekommen. Kate & Freud. Mit Fokus auf die Phase ihres Lebens, als sie als 28-jähriges Supermodel dem 80-jährigen Künstler Lucian Freud in London Modell saß. In dem Film entsteht aus einer künstlerischen Zusammenarbeit eine Art Heldenreise in die Seele von Moss. Das Ergebnis der Kooperation ist das Bild „Naked Portrait 2002“. Kate Moss spielt auch in deiner Arbeit eine wichtige Rolle.

Antonia: Kate Moss ist eine Ikone oder vielmehr die Repräsentation des Heroin Chics. Ich habe mir gedacht, dass sie sich als Schlüsselfigur perfekt zur Analyse der Ästhetik von Zerbrechlichkeit und Anorexie analysieren lässt, aufgrund ihres Körpers und der Kampagnen, für die sie gemodelt hat. Ich denke, dass ihre Verbundenheit zu Lucian Freud sie dabei nicht als weniger ikonisch darstellen lässt, im Gegenteil. Mir ging es allerdings viel weniger um Kate Moss im biografischen Sinne als vielmehr ihr körperbetontes Versinnbildlichen des Heroin Chic selbst.

Stefan: Da ist auch ein bewusstes Spiel mit der Hässlichkeit dabei, oder?

Der Hegelschüler Karl Rosenkranz verfasst 1853 eine Ästhetik des Hässlichen. Er definiert darin Schönheit durch harmonische Maße und organische Fülle. Extreme Dünnheit gilt als Abweichung von diesem Ideal. Als Asymmetrie. Ausgemergelte Körper ordnet er dem „Naturhässlichen“ zu. Für ihn zeigen sie den Verfall des Lebens und die Annäherung an das Skelett oder den Tod. Die Hässlichkeit entsteht hier durch das Fehlen lebensnotwendiger Substanz. Der Körper verliert seine lebendige Form und wird zur „Defiguration“.

Weiters beschreibt er Süchte und Laster als Ausdruck moralischer und geistiger Unfreiheit. Ein Mensch, der von einer Substanz beherrscht wird, verliert seine geistige Würde, erlebt eine Verzerrung der Physiognomie: Die innere Abhängigkeit und der moralische Verfall spiegeln sich im Gesicht wider. Gehören Augenringe zum Heroin Chic? Der Missbrauch von Substanzen deformiert die Züge und erzeugt das visuell Hässliche. Darüber hinaus verliert der Mensch wegen dem Suchtverhalten die bewusste Kontrolle. Er sinkt auf eine rein triebhafte, formlose Stufe herab.

Das ist ein starkes, hartes Urteil. Findest du Ansätze dieser diffamierenden Beschreibungen im Heroin Chic?

Antonia: Hässlichkeit ist ein mächtiges Wort im Kontext und hat meines Erachtens in Körperdebatten/Analysen kontemporär nicht mehr viel verloren. Es ist vielmehr die menschliche Faszination mit dem Morbiden, dem Grotesken und dem Tod, die sich wie ein roter Faden durch Diskussionen von Ästhetik im 21. Jahrhundert zieht. Körperideale verändern sich kulturell und somit auch Beschreibungen des gesunden und ungesunden Körpers, wie erwähnt. Deshalb würde ich Rosenkranz Urteil 1853 nur distanziert mit dem 1990er Jahre Trend Heroin Chic in Verbindung setzen.

Dennoch verstehe ich deinen Gedankengang. Das Interessante ist genau der Widerspruch im Heroin Chic, wie auch Christine Harold (auf die ich in meiner Arbeit verwiesen habe) argumentiert. Der Trend entzieht sich einer rationalen, annehmbaren Logik der Korrelation aus Ästhetik und Schönheit. Verfall, Sucht etc. machen aber genau die spannende Wirkmacht des Trends aus. Autoren wie Sigmund Freud, Sabine Spielrein etc., unterstreichen diese scheinbar irrationale Logik der Korrelation. Lust kann durch Unlust entstehen. Und der Trend fasziniert Generationen ja gerade durch seine Nähe zum Tod und zu dem, was mit Hässlichkeit logischerweise in Verbindung gebracht wird.

Stefan: Wie sieht die psychoanalytische Interpretation dieser Bilder von Moss aus?

Psychoanalytisch habe ich die Bilder als sehr interessant und akademisch relevant wahrgenommen, weil sie die Dichotomie aus Unbehagen und Behagen visualisieren. Hier lässt sich auf die Anfangsfrage Bezug nehmen, in der ich mithilfe von Bordo die zeitgebundene Faszination vom Schlankheitswahn der 90er geschildert habe. Damit schließt sich der Kreis auch meiner theoretischen Gedanken zur Auseinandersetzung. Die Faszination an den Modebildern von Kate Moss lag in ihrer Irrationalität selbst. Kulturelle Symbolik funktioniert dabei nicht rational, sondern prägt durch unterbewusstes Verlangen, Kontrollmechanismen und Wünsche ganze Generationen. Diese Faszination der Anorexie, der Körperkontrolle bei Diäten oder wie man es nennen mag, läuft immer wieder auf den zutiefst menschlichen, psychologischen Drang nach Kontrolle hinaus. Trends, wie der Heroin Chic, sind lediglich Fallbeispiele dessen, was uns auf sozialwissenschaftlicher Ebene als Menschen ausmacht.

Stefan: In der freudschen Psychoanalyse deutet Anorexie auf einen unbewussten Triebkonflikt hin. Das Essen steht in der Psychoanalyse an einer entwicklungspsychologischen relevanten Stelle, symbolisch für die früheste Form der Beziehungsaufnahme (orale Phase). Die Verweigerung von Nahrung signalisiert somit die Abwehr von Triebwünschen. Das kann entweder die Ablehnung der weiblichen Geschlechtsrolle beinhalten oder eine Depression.

Kate Moss war die Twiggy der 90er, wurde in den Medien oft als „Kindfrau“ beschrieben und bewusst so inszeniert. Die britische Fotografin Corinne Day gilt als die Entdeckerin des Looks. Sie fotografierte die damals 16-jährige Kate Moss 1990 für das Kultmagazin The Face. Day inszenierte sie bewusst ungeschminkt, schlaksig, Schlupflider zeigend und in kindlicher, teils ungelenker Pose, um sich radikal vom perfekten Glamour der damaligen Supermodels zu distanzieren.

Das People Magazine fragte 1993 in einer Coverstory, ob der „ultraslim symbol of the underfed waif look“ nicht eine gefährliche Botschaft an Teenager senden würde. Und auch Bill Clinton verurteilte den mit Kate Moss verbundenen „Heroin Chic“ scharf und kritisierte, dass die Modeindustrie den Eindruck erwecke, zerstörerische Sucht und extreme Abmagerung seien glamourös.

Kann man das analog zu Drogenpaniken interpretieren, oder ist da etwas Wahres daran? Wie hat sich die „Heroin Chic“ auf die Jugendlichen der 90er und 2000er ausgewirkt?

Antonia: Ich denke, dass deine Erklärung durchaus einen wahren Kern hat. Grabe, Hyde & Ward, die ich mehrfach in meiner Arbeit zitiert habe, zeigen, wie Medien Körperwahrnehmung von Frauen signifikant beeinflussen. Das Interessante am Drogen Chic liegt in ihrer Rolle als Fallstudie bezüglich weiblicher Schönheitsideale und der Psychologie dahinter. Zugrundeliegende Mechanismen, wie die Glamourisierung von Trends, haben sich seit den 1990er nicht fundamental gewandelt.

Gestern erst habe ich eine Doku über den Zusammenhang aus objektiver Attraktivität und Erfolg bei weiblichen Sängerinnen wie Taylor Swift, Olivia Rodrigo oder Sabrina Carpenter gesehen. Frauen hätten argumentativ mehr Erfolg und somit Macht, wenn sie objektiv schön sind. Ich denke, dass Jugendliche so in den 90ern und 2000er eine Bildsprache von Macht und Schönheit übernommen haben, die sich anschließend durch Trends und Apps, wie Tumblr, oder Size Zero gezogen hat. Heutzutage sieht man eine ähnliche Bildsprache in Trends wie Ozempic oder der Clean-Girl Ästhetik. Interessant ist dabei das kulturelle Muster. Am Ende geht es um die Anpassung an das, was dich als schön und machtvoll kategorisieren lässt.

Was dem Wiener alles ins Gemüt geht. Gespräch über Koks mit Lisa Vesely

Stefan: Der HC Artmann hat einst die Frage aufgeworfen: „wos an weana olas en s gmiad ged“. Die Aufzählung die dann folgt, enthält unter anderem: „a faschimpöde fuasbrotesn, a finga dea wos en fleischhoka en woef kuma is, drei wochleid und a drafik, a giatlkafee met dischbost“ Koks ist da noch nicht dabei. Der Tod muss a Wiener sein. Sagt man beim Heurigenlied. Ist der Wiener auch ein Kokser?

Lisa: Wenn es nach Falco geht, kann man sicher sagen, dass Wiener auch Kokser sind. Dabei singt er bereits 1981 in seinem Lied „Ganz Wien“: Ganz Wien, ganz Wien / greift auch zu Kokain, / Überhaupt in der Ballsaison. / Man sieht ganz Wien / Is so herrlich hin, hin, hin, / Kokain und Kodein / Heroin und Mozambin“ Auch wenn man den aktuellen Abwassermessungen Glauben schenkt, kann man vermuten, dass zumindest einige Wiener und Wienerinnen Kokser sind. Wobei, was macht einen Menschen überhaupt zum Kokser? Ist man das bereits nach einmaligem Konsum oder braucht es dafür etwas mehr?

Stefan: Um zum umgangssprachlichen „Kokser“ zu werden, braucht es einen regelmäßigen Konsum und eventuell auch ein gewisses Maß an Abhängigkeit vom Konsum. Das entscheidet sich vielleicht auch am Habitus. Manchen sieht man vielleicht an, dass sie öfter mal was ziehen. Die Frage ist dann vielleicht, was genau ziehen sie? Was ist eigentlich Kokain? Bzw. warum nimmt jemand sowas?

Lisa: Kokain ist eine psychoaktive Substanz, welche aus der Cocapflanze bzw. aus den Blättern dieser Pflanze gewonnen werden kann. Dabei gibt es Kokain in verschiedenen Formen, wie Pulver, aber auch als Crack, was als feste kleine Klumpen beschrieben werden kann. Dadurch varriiert auch die Konsumweise und womit das Kokain kombiniert bzw. gestreckt ist. Psychoaktiv heißt hier, dass durch den Konsum eine erhöhte Dopaminaktivität auftritt, die ein intensives Glückgefühl bei der konsumierenden Person auslöst. Dabei aktiviert Kokain auch das symphatische Nervensystem, was zu Gefäßverengung, Bluthochdruck und Herzrasen führen kann, sowie zu erweiterten Pupillen. Beim Konsum über die Schleimhäute tritt eine betäubende Wirkung an der Stelle auf, wo es appliziert wird.

Die Gründe für den Konsum von Kokain sind vermutlich sehr unterschiedlich. Mögliche Beispiele wären: der Wunsch zur Leistungssteigerung durch erhöhte Wachheit, unterdrückte Müdigkeit und Hungergefühl sowie gesteigerter Antrieb oder der Wunsch nach erhöhter Euphorie und einem gesteigerten Selbstbewusstsein.

Stefan: Wie ist die Rechtslage in Österreich?

Lisa: Kokain ist nach dem österreichischem Suchtmittelgesetz ein verbotenes Suchtgift. Demnach ist der Konsum nicht verboten, aber der Besitz und Handel schon. Auch die Einfuhr und Ausfuhr sind illegal, sowie der Verkauf und die Herstellung. Kurz gesagt ist Kokain in Österreich illegal, Besitz und Erwerb sind strafbar und Konsum ist kein eigenständiger Strafbestand. Wie funktioniert eigentlich Konsum ohne Besitz? Da das eine ja strafbar ist und das andere nicht?

Stefan: Es klingt nach einem inneren Widerspruch. Und wenn man sich das Gesetz genauer ansieht, ist es das auch. Ich habe das in meinem Buch recht ausführlich dargestellt.[1] Aber es bedeutet nur, dass weil Erwerb und Besitz strafbar sind, der Konsum in der Praxis kaum möglich ist, ohne sich gleichzeitig wegen Besitzes oder Erwerbs strafbar zu machen.

Woher kommt das Kokain und an wen kann ich mich wenden, wenn ich das gute Zeug haben will?

Lisa: Das Kokain auf dem österreichischen Markt stammt laut dem österreichischen Bericht zur Drogensituation 2025 vor allem aus verschiedenen südamerikanischen Ländern wie Kolumbien, Peru und Bolivien. Die Routen von dort nach Österreich sind einerseits die Balkanroute, aber auch der Schiffsweg in großen Containern bis nach Rotterdam, Antwerpen oder Hamburg, von wo aus das Kokain dann über den Landweg bis nach Österreich gebracht wird. Der Handel wird heute von einer Vielzahl differenzierter Gruppen betrieben, darunter neben der italienischen Mafia auch albanische, marokkanische und niederländische Netzwerke. Dadurch hat man eine gewisse Wahlmöglichkeit an wen man sich wendet, wenn man Interesse daran hätte Drogen zu erwerben.

Drogenbeschaffung ist in Österreich zunehmend über den Onlinehandel möglich, wo man direkt einen Überblick über das Angebot bekommt, ohne dass man sich selbst außer Haus bewegen muss. Virtuelle Drogenmärkte werden immer relevanter und etablieren sich als dauerhafte Alternative zum traditionellen Markt. Dies gibt noch mehr Möglichkeiten für die konsumierenden Personen sich Drogen zu beschaffen.

Stefan: Woher kommt das meiste und woher kommt das beste Kokain?

Lisa: Das meiste Kokain auf dem österreichischen Markt kommt aus Südamerika. Geschmuggelt wird es durch verschiedene Wege und verschiedene Gruppen. Bei der Frage nach dem Besten kommt es drauf an, was man als „das Beste“ definiert. Das reinste? Oder das billigste? Das zugänglichste?

Die Reinheit steigt laut verschiedenen Berichten in den letzten Jahren stark an, was man als Verbesserung der Qualität sehen kann. Jedoch wird auch gewarnt, dass erhöhte und ungewohnte Reinheit eines Produktes dazu führen kann, dass die Konsument*innen es nicht gewohnt sind und dann der Umgang mit den Drogen falsch eingeschätzt wird, was wiederum zu einer lebensgefährlichen Überdosis führen kann. Der österreichische Bericht warnt vor einer Reinheit von bis zu 80% auf dem Straßenmarkt.

Stefan: Wer sind die durchschnittlichen Konsument:innen? Sieht man jemandem den Kokain-Konsum an?

Lisa: Die aktuellen Medienberichte in Österreich könnten ein Bild erzeugen, dass Kokain in Pulverform eine Droge der besser gestellten Schichten in Österreich ist bzw. war, wobei sich eben diese Konsument*innengruppe in den letzten Jahren gewandelt und weiter geöffnet hat, da Kokain zugänglicher und billiger ist und in erhöhten Mengen den österreichischen Markt erreicht. Ich persönlich würde nicht davon ausgehen, dass man jemandem Kokain-Konsum ansieht, außer man beobachtet womöglich aktiven Konsum oder achtet auf erweiterte Pupillen. Besonders bei Kokain wird das Bild der Alltagsdroge, um im System zu funktionieren, verbreitet, wobei ich keine Einsicht habe, inwiefern dieses Bild der Wirklichkeit entspricht, oder ob es nicht doch eine durchschnittliche Konsument*innengruppe gibt, der man den Konsum ansehen kann.

Stefan: Ist der Anstieg des Konsums so stark, dass sich die medial verbreitete Panik mit Titelreport bei Profil usw. damit begründen lässt, oder haben wir es mit einer typischen Drogenpanik zu tun?

Lisa: Die verschiedenen Berichte zeigen klar einen Anstieg des Kokainkonsums in Österreich an. Dieser Anstieg stütz sich dabei auf mehrere Indikatoren, wie Anstieg der Messwerte im Abwasser, steigende Inanspruchnahme von Hilfssystemen, die Veränderung bzw. den Anstieg der Lebenszeitprävalenz und auch ökonomische Indikatoren, wie den erhöhten Anbau und die darauffolgende „Kokainschwemme“ in Europa.

Ob man anhand dieser Indikatoren von einer „Drogenpanik“ sprechen kann, oder ob es sich um eine begründete Sorge handelt, ist eine Frage der Interpretation. Trotzdem kann man anerkennen, dass es sich um einen kontinuierlichen Anstieg handelt. Zur Einordnung ist es jedoch wichtig anzumerken, dass Österreich hierbei kein isoliertes Phänomen ist, sondern im europäischen Mittelfeld im Dorgenkonsum liegt und einem allgemeinem Trend folgt. Auch wichtig ist, dass Abwasseranalysen zwar erhöhte Rückstände belegen, aber nicht direkt auf den Konsum schließen lassen bzw. auf die exakte Anzahl an konsumierenden Personen, oder ihre sozialen Hintergründe. Nichtsdestrotrotz zeigen die Berichte auch die Zunahme an drogenbedingten Notfällen bei Jugendlichen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Anstieg ist real und durch Daten aus dem Gesundheits- und Sicherheitssystem untermauert. Die mediale Aufmerksamkeit spiegelt diesen Trend wider, wobei die Einordnung als „Panik“ vernachlässigt, dass die gesundheitlichen und sozialen Kosten tatsächlich messbar steigen. Trotzdem sollte man die Zahlen differenziert betrachten und nicht sofort von einer bedrohlichen Situation ausgehen, so wie die Medien die Situation in mancherlei Hinsicht präsentieren. Siehst du eine „Drogenpanik“ in der Berichterstattung?

Stefan: Ich habe mir angewöhnt solche Schlagzeilen zu hinterfragen. Die Menschen die Drogen konsumieren, haben mannigfache Gründe, aber meist ist es auch ein Anzeichen, dass etwas in der Gesellschaft nicht stimmt, wenn Menschen mehr (und) stärkere Drogen konsumieren. Ich finde die Fragen, die durch die meisten Journalisten gestellt werden, völlig falsch. Drogenkonsumenten werden als öffentliches Ärgernis dargestellt, als Nestbeschmutzer und Versager. Diejenigen aber, die für die gesellschaftlichen Zustände verantwortlich sind, die zum übermäßigen Konsum verleiten, wie verantwortliche Politiker:innen, werden meist nicht erwähnt.

Man kann das etwa an der Erforschung des Crack-Konsums in Deutschland sichtbar machen. Dabei ist herausgekommen, dass es meist viel weniger spannend zugeht, und vor allem viel weniger kriminell, als man sich das in Anbetracht der Medienberichte erwarten würde. Ist das in Österreich auch so?

Lisa: Etwas als kriminell zu beschreiben, wirft die Frage auf, was denn überhaupt als kriminell zu definieren ist. Illegal ist das Handeln mit Kokain in Österreich schon, aber ob das Konsumieren als kriminell gilt/gelten sollte oder als kriminell von der Gesellschaft aufgenommen wird, ist eine andere Sache. Der Konsum ist dabei in Österreich kein eigener Tatbestand und somit auch nicht unbedingt als kriminell anzusehen.

Auch zu unterscheiden ist hier Crack-Konsum vom Konsum des Kokainpulvers. In Österreich fallen die meisten einschlägigen Anzeigen auf Kokain in Pulverform. Crack wird dabei mehr als „Nischenerscheinung“ in den Berichten gehandelt. Trotzdem ist der Besitz und Handel von Kokain in beiden Formen in Österreich illegal. Da sich die meisten einschlägigen Delikte in Österreich auf Pulver beziehen, taucht Crack in der allgemeinen Kriminalstatistik seltener explizit auf. Die Quellen verknüpfen die „Drogenkriminalität“, wie Gewalt, Einschüchterung und Korruption, eher mit dem Wettbewerb auf dem allgemeinen Kokainmarkt und den Schmuggelrouten als mit der spezifischen Konsumform Crack, wobei der Konsum hier nicht das „kriminelle“ ist, da dieser nicht verboten ist. Somit würde ich auch sagen, dass es hier ähnlich wie in Deutschland ist, und der Crack-Konsum auch in Österreich wenig spannend und wenig kriminell abläuft. Beim Handel und Schmuggel der Substanz könnte dies jedoch wieder anders interpretiert werden. Warum sollte sich die Situation in Österreich zu der deutschen Situation stark unterscheiden?

Stefan: Ich frage, weil man Österreich nachsagt internationalen Entwicklungen immer etwas hinterherzuhinken. Inwiefern hat sich der Kokain-Konsum verändert? Was ist das Neue?

Lisa: Ich würde sagen, dass das Neue einfach die Auswahl für die konsumierende Person ist. Dabei können als Gründe für die ansteigenden Mengen an Kokain in Österreich die erhöhten Mengen im Handel und die größere Konkurrenz am Markt genannt werden. Ob das zwangsläufig die konsumierende Gruppe verändert oder die Menge an überhaupt konsumierenden Personen erhöht, kann ich nicht beantworten. Eine logische Konsequenz wäre jedoch vermutlich erhöhte Verfügbarkeit von Kokain und auch verbesserte Qualität, was womöglich andere Gruppen ansprechen könnte zu konsumieren. Die erhöhte Konkurrenz unter den mit Kokain handelten Gruppen führt auch zu geringeren Kokainpreisen, wodurch die Droge zugänglicher werden könnte.

Auch gesellschaftlicher Wandel der Droge Kokain in Österreich könnte als etwas Neues betrachtet werden. Dabei wird in den Medien von einem Wandel des Kokains von einer „Luxusdroge“ hin zu einer „Alltagsdroge“ gesprochen. Inwiefern dies der Wirklichkeit entspricht, kann ich jedoch nicht überprüfen. [2]  


[1] Das Buch ist hier erhältlich: https://www.mandelbaum.at/buecher/stefan-a-marx/drogen-und-kapital 

[2] Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (3. Juli 2024) Suchtmittel/NPS/Drogenausgangsstoffe: Rechtliche Informationen und Rechtstexte. Rechtliche Informationen (aufgerufen am 01.06.2026)

Der Standard (30. April 2025) Was es mit der aktuellen Kokainschwemme auf sich hat. Was es mit der aktuellen Kokainschwemme auf sich hat – Panorama – derStandard.at › Panorama (aufgerufen am 01.06.2026)

European Union Drugs Agency (2025) Cocaine – the current situation in Europe (European Drug Report 2025). Cocaine – the current situation in Europe (European Drug Report 2025) | The European Union Drugs Agency (EUDA)  (aufgerufen am 01.06.2026)

European Union Drugs Agency (2026) Wastewater analysis and drugs – a European multi-city study. Wastewater analysis and drugs — a European multi-city study | The European Union Drugs Agency (EUDA) (aufgerufen am 01.06.2026)

Gesundheit Österreich GmbH (2025) ESPAD Österreich 2024 – Ergebnisbericht. Bundesministerium für Soziales, Pflege und Konsumentenschutz.

Müllender, M. (2025) Warum Koksen in Wien derzeit so günstig ist. In: Der Standard, 4.November 2025. Warum Koksen in Wien derzeit so günstig ist – Panorama – derStandard.at › Panorama (aufgerufen am 01.06.2026)

„Ganja Law“. Gespräch über Cannabis-Pflanzen, Macht und Wahrnehmung mit Ariana Binzer

Stefan: In meiner Jugend gab es eine „Legalize-It“-Bewegung, die sich vor allem popkulturell artikuliert hat. Nummern dieses Titels sind unzählig im Reggae und Dance Hall. Bei Peter Tosh, Ward21, Ninja Man. Teilweise ist es auch in die Hip-Hop-Culture übergeschwappt. Cypress Hill hat in den 1990ern daraus ein Geschäft gemacht, mit unzähligen auf Cannabiskonsum bezogenen Titeln. Hits From the Bong, I Wanna Get High, Stoned is the Way of the Walk, Spark Another Owl, Legalize It, Dr. Greenthumb, Something for the Blunted, Roll It Up, Light It Up, Smoke It Up. Für mich war das ein Teil der Popkultur, ein Erlebnis, das ich mir gönnen konnte. Das Kiffen auch. In meiner Wahrnehmung hatte es etwas mit Widerstand zu tun und damit die Eltern zu schockieren. Es war aber auch entspannend und anregend. Ich habe mich aber damals nie weiter damit beschäftigt, was die kulturellen Wurzeln des Cannabis-Rauchens sind. Wie würdest du die „europäische Wahrnehmung“ von Cannabis-Konsum beschreiben?

Ariana: Ich fühle mich nicht in der Lage, die gesamte europäische Wahrnehmung von irgendetwas — geschweige denn von Cannabis — zu definieren. Ich kann allerdings sagen, dass die Forschungsliteratur, die ich für meine Arbeit herangezogen habe, eine gewisse Einseitigkeit aufweist. Es fällt eine deutliche Diskrepanz auf zwischen Werken, die aus kulturellen Kontexten mit anderen Weltvorstellungen und Erfahrungsräumen im Umgang mit pflanzlichen Wirkstoffen stammen, und denen, die aus christlich geprägten, unter anderem europäischen, Perspektiven argumentieren. Der größte Unterschied, der mir dabei aufgefallen ist, liegt im oft sehr absoluten Bezug auf Wissenschaft — teilweise so, als wäre sie unfehlbar oder die einzige legitime Form von Wahrheit — als auch in der Orientierung an (westlich-)medizinischen Normen, ohne diese grundlegend zu hinterfragen. Cannabis wird im Großteil der nicht nischenspezifischen Literatur durch die Linse von Normsystemen betrachtet, die vor allem im europäischen Kontext als selbstverständlich erscheinen. Andere Perspektiven werden dabei häufig ausgeblendet oder implizit abgewertet, was sich natürlich unter anderem historisch und kulturell erklären lässt. Gleichzeitig wird Cannabis aber in popkulturellen Zusammenhängen auch mit Widerstand, Gegenkultur und bestimmten Freiheitsvorstellungen verbunden. Dieses Nebeneinander finde ich interessant — das ist aber natürlich keine allgemeingültige Definition, sondern eher eine Beobachtung auf Grundlage der Literatur, mit der ich gearbeitet habe.

Stefan: Du machst in deiner Arbeit einen Zusammenhang von Cannabis, Kolonialismus und politischer Ökonomie auf. Kannst du das erläutern?

Ariana: Ja, diesen Zusammenhang stelle ich in meiner Arbeit her. Zusammengefasst argumentiere ich, dass Cannabis nicht isoliert als Substanz betrachtet werden kann (und sollte), sondern historisch wie gegenwärtig eng mit kolonialen und neokolonialen Macht- und Wirtschaftsstrukturen zusammenhängt. Die Pflanze war über lange Zeit in lokale ökonomische, ökologische und soziale Systeme eingebettet, besonders auf dem afrikanischen Kontinent. Mit der kolonialen Expansion im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden diese Strukturen gezielt unterbrochen und umgelenkt: Der Cannabisanbau wurde vielerorts verboten, besteuert oder kriminalisiert, während koloniale Regierungen gleichzeitig Exportpflanzen wie Kaffee, Tee oder Tabak förderten. Die Nachwirkungen davon zeigen sich zum Teil bis heute, etwa in Rastafari-Lebensgrundsätzen wie ital living. Damit veränderte sich auch der Status der Pflanze: von einer lokal integrierten Ressource zu einer kriminalisierten Substanz. Gleichzeitig blieb Cannabis für marginalisierte Bevölkerungsgruppen relevant, wodurch eine Spannung zwischen staatlicher Kontrolle und sozialer Praxis entstand, die bis heute fortwirkt. In den letzten Jahrzehnten bekommt das durch Legalisierungsprozesse noch einmal neue Bedeutung. Wie insbesondere Duvall zeigt, entstehen im globalen Norden dadurch neue Märkte, von denen vor allem große internationale Unternehmen profitieren, während Produzent:innen im globalen Süden oft schwerer Zugang zu diesen Strukturen haben. Cannabis ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, wie koloniale Muster von Extraktion, Abhängigkeit und Ungleichheit in veränderter Form bis heute fortbestehen.

Stefan: Kannst du kurz erläutern, was ital living-Konzepte sind?

Ariana: Meiner Recherche zufolge, bezeichnet in der Rastafari-Bewegung ital livity, oder auch ital living, einen ganzheitlichen Lebensstil, der natürliches Leben bedeutet: Körper, Geist und Umwelt sollen möglichst natürlich, unverfälscht und im Einklang mit göttlichen bzw. ökologischen Prinzipien gelebt werden. Typischerweise geht es um natürliche, unverarbeitete Lebensmittel, den Verzicht auf Konservierungsstoffe, Raffinierzucker, stark verarbeitete Produkte sowie um den verstärkten Gebrauch von Kräutern. Innerhalb dieses Rahmens wird Cannabis für viele als heilsame, spirituelle Pflanze verstanden, die bewusst und respektvoll verwendet wird und im Gegensatz steht zu industriellen oder künstlich hergestellten Drogen. [1]

Stefan: 1913 wurde Cannabis mittels „Ganja Law“ auf Jamaica verboten. Das Verbot war von den Evangelikalen Kirchen mit dem Segen der herrschenden weißen Oberschicht durchgesetzt worden. Welche Rolle spielen Stigmatisierung und Kriminalisierung des Cannabis-Konsums für die politische Ökonomie?

Ariana: Für die politische Ökonomie spielen Stigmatisierung und Kriminalisierung von Cannabiskonsum eine zentrale Rolle, weil sie die Bedingungen schaffen, unter denen bestimmte Formen von Kontrolle, Ausschluss und wirtschaftlicher Ungleichheit entstehen können. Historisch betrachtet war die Kriminalisierung von Cannabis kein neutraler oder rein gesundheitspolitischer Prozess, sondern eng mit kolonialen Machtverhältnissen verknüpft. Sie traf insbesondere marginalisierte Gruppen — darunter auch Rastafari —, deren Praktiken dadurch delegitimiert und kriminalisiert wurden. Diese Stigmatisierung wirkt bis in die Gegenwart fort, indem sie bestimmte Akteure systematisch aus legalen Märkten ausschließt. Im neokolonialen Kontext zeigt sich aktuell eine Verschiebung: Während Cannabis in vielen Staaten des globalen Nordens legalisiert und ökonomisch nutzbar gemacht wird, bleiben jene Gruppen, die historisch kriminalisiert wurden, häufig weiterhin marginalisiert. Wie Duvall verdeutlicht, entstehen neue Märkte, die vor allem für kapitalstarke Unternehmen zugänglich sind, während frühere Produzent:innen und Nutzer:innen durch regulatorische Hürden ausgeschlossen werden. Das ist eine Entwicklung, die schon in den 1980er-Jahren von eben diesen Gruppen befürchtet und vorausgesagt wurde (z. B. Hickling). Kriminalisierung und Stigmatisierung sind somit nicht nur Begleiterscheinungen, sondern aktive Mechanismen innerhalb der politischen Ökonomie von Cannabis. Sie bestimmen, wer als legitim gilt, wer Zugang zu Märkten erhält und wessen Wissen und Praktiken anerkannt oder abgewertet werden. Dadurch tragen sie maßgeblich dazu bei, dass sich historische Ungleichheiten — in veränderter Form — weiter reproduzieren.

Stefan: Die Ungleichheit zwischen Norden und Süden im Zugang zu den Drogen macht sich auch auf den Kryptomärkten bemerkbar. Mit dem Bezug von illegalen Drogen von Kryptomärkten, steigt die Sicherheit der Konsumenten im globalen Norden. Im globalen Süden bleibt das Risiko für die Mehrheit weiterhin hoch. Weil sie erschwerten Zugang zum Internet und der Infrastruktur des Darknets haben und weil es sich immer noch oft um die Regionen handelt in denen Rohstoffe für den Verkauf angebaut werden. Die repressive Gewalt des „War on Drugs“ trifft den Süden weiterhin besonders hart, auch wenn im Norden mittels Onlinebestellung „Harm Reduction“ und „Social Supply“ diskutiert werden.

Es geht in deinem Text um Macht. Kannst du den Begriff im Kontext der Drogenökonomie genauer definieren? Welchem Machtkonzept folgst du bei deiner Definition und was hat das mit Definitionsmacht und Agency zu tun?

Ariana: In meiner Arbeit wird Macht nicht als etwas rein Repressives verstanden, sondern als eine produktive und strukturierende Kraft, die darüber entscheidet, wie Wissen, Kategorien und Realitäten entstehen. Konkret zeigt sich das am Begriff der Droge selbst: Ich argumentiere, dass die Klassifikation von Cannabis als „Droge“ kein objektiver, naturwissenschaftlicher Fakt ist, sondern das Ergebnis historischer, politischer und epistemologischer Prozesse. Damit folge ich einem Machtverständnis, das an diskursive und epistemische Machtkonzepte erinnert — etwa im Sinne Foucaults —, auch wenn das in der Arbeit nicht ausdrücklich erwähnt wird. Es geht also um eine Form von Macht, die durch Definitionen, Diskurse und Wissensproduktion wirkt und bestimmt, was als „wahr“, „gefährlich“ oder „legitim“ gilt. Definitionsmacht meint in diesem Sinne die Fähigkeit, zu bestimmen, was als „Droge“ eingestuft wird, welche Formen von Konsum als legitim gelten und welches Wissen als wissenschaftlich, rational oder „irrational“ anerkannt wird. Der Begriff der Agency wird in meiner Arbeit besonders interessant, weil er zeigt, dass westliche Perspektiven Cannabis meist als passives Objekt betrachten, während es im Rastafari‑Kontext als aktiver Akteur verstanden wird — als „plant teacher“ oder Medium von Erkenntnis. Das verschiebt das Verständnis von Agency, weil nicht nur Menschen als handelnde Subjekte gedacht werden, sondern auch Pflanzen als bedeutungstragende, wirkmächtige Akteure gelten können (was in vielen historischen und kulturellen Kontexten keineswegs ungewöhnlich ist). Diese unterschiedlichen Konzepte von Agency stehen in direktem Zusammenhang mit Macht, weil westliche Wissenssysteme Agency häufig auf (für sie) Messbares und Rationalisierbares begrenzen, während die Rastafari‑Weltanschauung (wie auch andere Traditionen) Agency auf relationale und spirituelle Dimensionen ausdehnt. Die Arbeit soll also durch die Rastafari‑Perspektive verdeutlichen, dass alternative Verständnisse von Agency und Wissen existieren, die bestehende Machtverhältnisse infrage stellen, und die kontinuierliche Präsenz anderer Perspektiven sichtbar machen können.

Stefan: Der Produktive Machtbegriff ist maßgeblich von Michel Foucault geprägt worden. Bei Stuart Hall findet sich eine Erweiterung des Machtbegriffs von Foucault in Richtung auf Identität und Race. Macht wird ausgeübt, indem Bedeutung in Medien und Sprache fixiert wird. Identitäten entstehen durch die Art und Weise, wie Gruppen repräsentiert (oder ausgeschlossen) werden. Es kann zur „Rassisierung des Anderen‘“ kommen. Zu einem aus dem Empire heraus entstehenden „Waren Rassismus“, der zu Stereotypisierung, Fetischismus und Verleugnung führt, wie Hall in seiner Studie über „Das Spektakel des ‚Anderen‘“ schreibt. Ich denke es kann in dem Zusammenhang auch auf Cecil J. Robinsons „Black Marxism“ Konzept verwiesen werden. Ein Konzept der Kritik des „racial capitalism“ bei dem der Prozess rekonstruiert wird, aus der rassistisch geframten Identität einer Gruppe von Individuen sozialen und wirtschaftlichen (Mehr-) Wert zu gewinnen. Dieser Prozess basiert auf der Verdinglichung bestimmter phänotypischer Merkmale des Menschen – der „Blackness“ – als Marker für die Kommerzialisierung innerhalb der Matrix der im Kapitalverhältnis fortgesetzten Sklaverei.

Du hast vorher ein epistemisches Verständnis der Verhältnisse eingefordert. Wie wichtig ist die Geschichtsforschung für die Kritik der aktuellen Verhältnisse in Bezug auf das vorliegende Problem? Welche Quellen kannst du empfehlen?

Ariana: Geschichtsforschung ist insofern wichtig, als dass sie hilft, eigene Annahmen und Vorurteile sichtbar zu machen. Durch historische Perspektiven erkennt man, welche Normen und Bilder einem vertraut sind — und kann sie hinterfragen. Das ist praktisch— man fängt bei sich an, ändert im Kleinen Dinge im Denken und Handeln und wird dadurch sensibler für strukturelle Zusammenhänge. Seit den 60er-/70er-Jahren, aber merklich verstärkt ab den 90ern, hat die Forschung begonnen, kritische Perspektiven — etwa postkoloniale und rassismuskritische — ernst zu nehmen. Das verschiebt langsam, aber spürbar, was in den Kanon aufgenommen wird und welche Stimmen gehört werden. Das beinhaltet unter anderem die Einsicht, dass Archive und Geschichten nicht neutral sind. Der Blick in die Geschichte lohnt sich also, um heutige Machtverhältnisse zu verstehen. Meine Empfehlung in diesem Zusammenhang wäre also alles von Klassikern wie Frantz Fanons Werken, über Ngũgĩ wa Thiong’os „Decolonising the Mind“ (1986) und Homi K. Bhabhas „The Location of Culture“ (1994), zu neueren Publikationen, die mehr mit meiner Arbeit in Zusammenhang stehen, wie beispielsweise „Cannabis: Global Histories“ (2021, Hrsg. Lucas Richert and Jim Mills) oder Ferraras „Sacred Bliss: A Spiritual History of Cannabis“ (2021). Ich muss aber auch hier betonen, dass das rein persönliche Vorlieben und Leseempfehlungen sind, kein Expertenanspruch. Ich habe gelesen, aber nicht dasselbe gelebt. Ich kann wichtige Zusammenhänge benennen, aber nicht die Erfahrungen ersetzen. Deshalb ist Zurückhaltung und das aktive Einbeziehen betroffener Stimmen für mich zentral.

Stefan: Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts haben napoleonische Generäle ein Verbot für ihre Soldaten ausgesprochen Cannabis zu konsumieren. Die in Ägypten als Genussmittel konsumierte Pflanze zerrüttete angeblich die Disziplin der Truppe, die ausgezogen war, Nordafrika zu erobern. Es klingt fast so, als wären Kiffer keine brauchbaren Krieger. Polen kriminalisiert erst 1997 den Besitz von Cannabis und ist damit der Zeit sichtbar hinterher, denn seit 2000 wird der Cannabiskonsum in vielen Regionen der Welt schrittweise legalisiert. Luxemburg, Belgien, Russland, Chile, Brasilien und viele andere dekriminalisieren den Besitz. Ab den 2010er-Jahren beginnen viele Länder mit der Legalisierung, darunter Kanada als Vorreiter bereits 2001. In Österreich ist Cannabis seit 2008 für medizinische Zwecke legalisiert. Die Österreichische Gesellschaft für Strafrecht und Kriminologie hat 2014 zu einem „Legalize it?“ Kongress[2] eingeladen. Herausgekommen ist die wissenschaftlich belegte Einschätzung, dass Cannabis keine Einstiegsdroge ist, Alkohol und Nikotin dagegen schon als Einstiegsdrogen bezeichnet werden können. Weiters ist evident, dass die Strafbarkeit des Konsums nicht nur der Stigmatisierung der Konsumenten dient, sondern darüber hinaus zahlreiche negative Folgen mit sich bringt. Man kann also sagen, es gibt sicherlich in irgendeiner Form ein Bewusstsein dafür, dass es keine permanente Lösung sein kann, Cannabis zu kriminalisieren. Welche Möglichkeiten siehst du, diese Entwicklung positiv zu gestalten? Oder anders gesagt, welche Formen der Kritik würdest du dir an den Verhältnissen wünschen?

Ariana: Ich fühle mich mit dieser Frage an einem sehr sensiblen Punkt: Einerseits erscheint mir klar, dass Kriminalisierung von Cannabis viele negative Folgen hat und dass es Sinn macht, die Debatte möglichst nah an den Erfahrungen der Betroffenen zu führen. Andererseits möchte ich mich hier nicht politisch positionieren, weil ich mich weder mit der österreichischen Drogenpolitik auskenne noch mich als Expertin für dieses Feld verstehe. Deshalb kann ich nur aus meiner eigenen Forschungsperspektive sprechen: Mir erscheint wichtig, dass Debatten über Cannabis weniger auf pauschalen Bewertungen beruhen, sondern differenziert, offen und sensibel für unterschiedliche Lebenswelten geführt werden. Statt politische Lösungen vorzuschlagen, sehe ich mich eher dabei, nach kritischen Fragen zu suchen — etwa danach, wer


[1] vgl. Waldstein, A. (2020). Smoking as Communication in Rastafari: Reasonings with “Professional” Smokers and “Plant Teachers.” Ethnos, 85(5), S.904; und Edmonds, E. B. (2012). Rastafari : A very short Introduction. Oxford University Press, S.48.

[2] https://www.bmi.gv.at/magazinfiles/2015/01_02/files/strafrecht.pdf abgerufen am 01.05.2026.

„Diese Stadt ist ein Schrei. Sie ist high und modern.“ Vom Drogenhotspot zum urbanen Kulturraum. Ein Gespräch mit Rabia Gürsoy über die Entwicklung der Drogenszene am Karlsplatz in Wien.

Stefan: Du schreibst, Städte sind Orte an denen soziale Probleme sichtbar werden. Woran liegt das?

Rabia: Städte sind irgendwo die größte Bühne für soziale Interaktionen. Es gibt große öffentliche Räume, in denen Menschen aus unterschiedlichsten Lebensrealitäten aufeinandertreffen. Genau an diesen Orten werden soziale Probleme sichtbar, weil auch marginalisierte Gruppen diese offenen Räume nutzen. Ein Großteil von Drogenkonsum passiert eigentlich im privaten Raum und bleibt damit unsichtbar, während sogenannte „offene Drogenszenen“ erst dann als Problem wahrgenommen werden, wenn sie im öffentlichen Raum stattfinden. Wenn nun immer dieselbe Gruppe an alkoholkonsumierenden oder drogenkonsumierenden Personen täglich an einem Ort präsent ist, wird das zwangsläufig von anderen Menschen wahrgenommen. Und genau ab dem Moment, wo etwas sichtbar wird, wird es auch gesellschaftlich problematisiert. Das hat also weniger damit zu tun, dass etwas passiert, sondern wo es passiert. Würde derselbe Konsum in den eigenen vier Wänden stattfinden, würde er kaum Aufmerksamkeit bekommen und wahrscheinlich auch nicht als soziales Problem diskutiert werden. Öffentliche Formen von Konsum wirken automatisch „problematischer“, obwohl Drogenkonsum eigentlich in allen sozialen Schichten vorkommt. Man vergleicht also einen sichtbaren, kollektiven Konsum im öffentlichen Raum mit einem unsichtbaren, individuellen Konsum im Privaten und bewertet ihn dadurch ganz anders.

Stefan: Ich seh am Karlsplatz junge Familien und Bobos beim Konsumieren. Was zeichnet einen urbanen Kulturraum aus?

Rabia: Wenn man jetzt von einem urbanen Kulturraum spricht, dann geht es nicht nur darum, dass dort Kultur im klassischen Sinn stattfindet (also Kunst, Musik etc.), sondern auch darum, wie dieser Raum sozial genutzt und wahrgenommen wird. Gerade am Karlsplatz sieht man das extrem gut. Der Ort war ja lange Zeit stark mit der offenen Drogenszene verbunden und wurde teilweise sogar als „Angstraum“ wahrgenommen. Ein urbaner Kulturraum ist also nicht einfach „da“, sondern wird aktiv produziert, durch Stadtplanung, durch politische Entscheidungen und auch durch die Menschen, die ihn nutzen. Und dabei spielt immer auch eine Rolle, welche Gruppen dort erwünscht sind und welche eher verdrängt werden.

Ein urbaner Kulturraum ist vor allem dicht besiedelt und genau dadurch ein Ort, an dem verschiedene Lebensstile aufeinandertreffen. Er wird nicht nur von einer bestimmten Gruppe genutzt, sondern von ganz unterschiedlichen Personen und auch auf ganz unterschiedliche Arten. Also nicht alle nutzen den Raum gleich, sondern je nach Lebensrealität, Ressourcen und Interessen. Am Karlsplatz gibt es eine Kopräsenz von ganz unterschiedlichen Gruppen: Tourist*innen, Jugendliche, Pendler*innen und auch Drogenkonsument*innen.

Junge Familien oder sogenannte Bobos die konsumieren, fallen im öffentlichen Raum meistens nicht negativ auf. Ihr Verhalten wird nicht als störend wahrgenommen, obwohl es im Kern vielleicht gar nicht so unterschiedlich ist.

Stefan: Die so genannten Bobos (David Brooks nannte sie „Kapitalisten der Gegenkultur“) sind völlig an die Konsumwelt assimiliert. Die Droge, die da konsumiert wird, ist meist Cannabis. Konsumfreie Zonen werden aber auch immer seltener. Zu beobachten momentan am Donaukanal, wo die konsumfreien Sitzplätze ohne Rückenlehne auskommen müssen und sich am äußeren Rand der umfangreichen Gastronomie befinden. Da sieht es um die Salztorbrücke mittlerweile aus wie auf der Reeperbahn in Hamburg.

Rabia: Das zeigt eigentlich ganz gut, dass dieser „inklusive“ urbane Kulturraum in der Realität oft doch ein Raum ist, der stärker für bestimmte soziale Schichten funktioniert als für andere. Ich kann es fast gar nicht anders sagen, aber das Stadtbild wird durch Bobos nicht „gestört“. Es gibt eben immer und überall Verhaltensregeln und soziale Normen. Wer diesen nicht entspricht, gilt als abweichend und wird dann auch schneller als störend wahrgenommen. Deswegen stören manche Menschen, obwohl sie dasselbe Verhalten zeigen, und andere eben nicht.

Stefan: Kannst du die soziologische Stadttheorie von Henri Lefebvre ein bisschen erklären?

Rabia: Eine Stadt ist nicht nur ein physischer Ort, sondern ein sozialer Raum. Genau das ist auch der zentrale Gedanke von Henri Lefebvre. Er sagt im Grunde, dass Räume ständig von Menschen produziert werden, beispielsweise durch Nutzung, durch Interaktionen und durch Bedeutungen, die wir ihnen geben.

Lefebvre spricht auch davon, dass Städte Orte von „künstlichen Vergnügungen“ sind. Damit meint er, dass viele Formen von Konsum und Freizeit, also auch Drogenkonsum, typisch für das urbane Leben sind. In meiner Arbeit wird das auch aufgegriffen: Drogen waren historisch eng mit städtischen Konsumkulturen verbunden und haben sich von eher privilegierten Gruppen aus verbreitet.

Wenn man das auf den Karlsplatz überträgt, sieht man, dass der Ort sich ja extrem verändert hat. Früher war er stark mit der offenen Drogenszene verbunden, heute wird er eher als Kulturraum wahrgenommen. Aber der physische Ort ist derselbe geblieben, verändert hat sich vor allem, wie er genutzt wird und welche Gruppen dort präsent sind. Der Raum wurde neu „produziert“. Also durch Stadtplanung, durch politische Maßnahmen, aber auch durch gesellschaftliche Vorstellungen davon, was dort stattfinden soll und was nicht. Dabei spielen auch Machtverhältnisse eine Rolle. Nicht alle Gruppen können den Raum gleich stark prägen. Manche Nutzungen werden gefördert, während andere verdrängt werden.

Stefan: „Diese Stadt ist ein Schrei. Sie ist high und modern. Alle lieben den Duft. Alle haben sie gern.“ Singt der Falco 1985. Am Karlsplatz gab es damals eine so genannte „Offene Drogenszene“. (Was ist eine offene Drogenszene?) Sind diese Szenen international vergleichbar? Sozusagen globalisiert worden? Oder gabs/gibt’s da eine lokale Besonderheit in Wien?

Rabia: Eine „offene“ Drogenszene bedeutet grundsätzlich, dass sie im öffentlichen Raum stattfindet. Sie ist also sichtbar und beobachtbar. Wenn ich mir jetzt jede Woche Leute nach Hause einlade und dort Drogen konsumiere, kaufe oder verkaufe, dann passiert das im Privaten. Sobald sich diese Szene aber in den öffentlichen Raum verlagert, wird sie automatisch Teil des öffentlichen Diskurses. Da stellt sich natürlich die Frage: Warum konsumieren Menschen überhaupt in der Öffentlichkeit? Und da kommt wieder der soziale Aspekt rein. Gerade marginalisierte Gruppen haben oft gar nicht die Möglichkeit, ihren Konsum im privaten Raum zu organisieren. Öffentliche Räume sind für sie oft die einzigen Orte, an denen sie sich aufhalten können und wo soziale Teilhabe überhaupt möglich ist.

Ganz so eindeutig ist diese Trennung zwischen privat und öffentlich aber eigentlich nicht. Auch Konsum im privaten Raum kann plötzlich sichtbar oder zumindest spürbar werden. In Wien hat sich zum Beispiel eine Familie darüber beschwert, dass aus der Nachbarwohnung ständig Cannabisrauch über die Lüftung in ihre Wohnung zieht.[1] Der Konsum findet dort eigentlich im Privaten statt, also genau dort, wo er normalerweise nicht problematisiert wird. Aber in dem Moment, wo andere direkt davon betroffen sind, verschiebt sich das Ganze.

Gleichzeitig zeigt der Fall aber auch, dass selbst dann nicht sofort eingegriffen wird. Trotz Beschwerden und Kontakt mit Behörden passiert offenbar lange Zeit wenig, und am Ende entsteht eher der Eindruck, dass die Betroffenen selbst aktiv werden müssen. Das wirft für mich schon die Frage auf, wann Konsum überhaupt als relevant genug gilt, um kontrolliert zu werden. Es scheint weniger davon abzuhängen, ob etwas erlaubt oder verboten ist, sondern eher davon, wie sichtbar oder störend es wahrgenommen wird.

Stefan: Und wahrscheinlich auch von wem es als störend wahrgenommen wird. Die Geschichte mit der Familie, die vom Cannabis-Rauch der Nachbarn gestört wurde, findet in Meidling in einem Gebäude statt in dem die Wohnungen eng nebeneinander liegen und offenbar mittels Lüftungsschächten verbunden sind. In einem Altbau mit großen Wohnungen ergibt sich dieses Problem vielleicht gar nicht.

Rabia: Zur Frage, ob das ein globales Phänomen ist: Ich würde sagen ja. Offene Drogenszenen gibt es weltweit, auch wenn sie je nach Stadt oder Land unterschiedlich ausgeprägt sind. Aber im Grunde findet man fast überall bestimmte Orte, die mit Drogenkonsum und -handel assoziiert werden. Allein beim Reisen wird man oft gewarnt, bestimmte Viertel oder Straßen zu meiden, aufgrund der „Drogenszenen“.

Diese Vorstellung von der „high(en) und modernen“ Stadt beschreibt auch schön eine intensive, schnelle, konsumorientierte Stadt. Die Stadt lebt von diesen Versprechen von Freiheit und Konsum, aber gleichzeitig werden bestimmte Formen davon nicht akzeptiert. Während zum Beispiel Alkohol- oder Partykultur oft als Teil urbaner Lebensweise gelten, wird sichtbarer Drogenkonsum von marginalisierten Gruppen schnell als störend oder problematisch markiert.

Stefan: Zu der Zeit als Falco das geschrieben hat, war der Mainstream in Wien ja ganz offen am Alkoholismus orientiert. Saufen konnte man immer schon rund um die Uhr. Auch wenn‘s eine Sperrstunde gab und die Stadt meistens ab 22 Uhr fast ganz tot war. In Wien gilt ja bis heute die Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr. Finde ich durchaus sympathisch. Vor allem, weil sich eh niemand mehr wirklich dran hält. Aber früher war das ein Disziplinarmittel. Mit der Hausbesorgerordnung von 1922 wurde erstmals das Recht auf einen eigenen Haustorschlüssel bundesgesetzlich verankert. Davor hatten die Mieter keinen Anspruch auf einen Schlüssel und waren nach der Sperrstunde (meist 21:00 oder 22:00 Uhr) auf den Hausmeister angewiesen.

Der Name „Sechserl“ bezog sich ursprünglich auf sechs Kreuzer (den sechsten Teil eines Guldens). In der Ersten Republik stieg die Gebühr inflationsbedingt an; man zahlte dann oft 50 Groschen, was im Volksmund zum Begriff „Nachtschilling“ führte. Obwohl das System offiziell abgeschafft war, gab es in Wien noch lange Zeit Verordnungen, die Gebühren für das Aufsperren regelten, falls man dennoch keinen Schlüssel hatte. So wurde die Höhe des Sperrsechserls in Wien laut Wikipedia noch 1969 per Verordnung auf neun bis 13 Schilling festgesetzt. Wenn der Hausmeister ein Tyrann war oder tief geschlafen hat, ist man halt nicht reingekommen. Abgesehen davon, dass es als unschicklich galt „so spät“ noch außer Haus zu sein.

Du argumentierst Drogenszenen sind nicht nur Orte des Konsums, sondern auch soziale Räume, in denen bestimmte Verhaltensregeln gelten. Das erinnert an Pierre Bourdieu, oder?

Rabia: Alles, was ich bisher über den öffentlichen Raum und Drogenszenen in Städten beschrieben habe, lässt sich eigentlich sehr gut mit Pierre Bourdieu erklären. Wie er sagt, gibt es nicht nur den physischen Raum, sondern auch einen sozialen Raum. Das heißt: Es geht nicht nur darum, wo man sich befindet, sondern auch wer man ist und mit welchen Voraussetzungen man dort auftritt.

Wir alle haben eine bestimmte soziale Position, und unsere Handlungsmöglichkeiten passen sich oft daran an. Dabei spielen verschiedene Kapitalarten eine Rolle, also ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Diese bestimmen mit, wie wir uns im Raum bewegen können, wie wir wahrgenommen werden und wo wir überhaupt „reinpassen“.

Auch im öffentlichen Raum, und eben auch im Kontext von Drogenkonsum, wirken ständig soziale Regeln. Es gibt Vorstellungen davon, welches Verhalten „okay“ ist und welches nicht. Und das hängt stark davon ab, wer dieses Verhalten überhaupt zeigt. Also die Abgrenzung zwischen sozialen Gruppen. Und die passiert nicht nur über Geld, sondern auch über Habitus, also über Körpersprache, Auftreten, Kleidung, Lautstärke oder einfach darüber, wie man sich im Raum bewegt.

Zwei Personen können am selben Ort sein und sich trotzdem komplett unterschiedlich erleben. Für die einen ist der Karlsplatz ein angenehmer Treffpunkt oder Kulturraum. Für andere ist er ein Ort, an dem sie sich beobachtet, fehl am Platz oder sogar unerwünscht fühlen. Auch die Gestaltung des Raumes spielt somit mit rein.

Stefan: In deinem Text entwickelst du eine interessante Idee. Du verbindest die Städteentwicklung mit der Drogenentwicklung. Vielleicht eine Industrialisierungsgeschichte des Drogenkonsums?

Rabia: Ich würde sagen, in einer Weise schon. Drogenkonsum gehört nicht automatisch zu Städten, aber die Entwicklung von Städten, vor allem im Zuge der Industrialisierung, hat Bedingungen geschaffen, unter denen sich Drogenkonsum ganz anders entfalten konnte.

Mit der Industrialisierung wurden Städte zu Orten von verdichteter Arbeit, sozialer Ungleichheit, aber auch von neuen Freizeit- und Konsummöglichkeiten. Es entstehen Märkte, Mobilität nimmt zu, Menschen leben enger zusammen, Beziehungen werden anonymer, all das sind Faktoren, die auch für die Entwicklung von Drogenkonsum und Drogenszenen relevant sind.

Man könnte also sagen, dass Drogenkonsum eng mit anderen ökonomischen Entwicklungen verbunden ist. Mit der Industrialisierung entstehen neue Formen von Produktion und Handel und damit auch neue Märkte für psychoaktive Substanzen. Gleichzeitig verändern sich Lebensrealitäten: Arbeitsdruck, soziale Unsicherheit, aber auch neue Formen von Freizeit und Konsum spielen eine Rolle.

Dabei geht es aber nicht nur um Konsum, sondern auch um Kontrolle. Mit der Entwicklung moderner Städte entstehen auch neue Formen von Regulierung. Bestimmte Substanzen werden erlaubt, andere verboten. Bestimmte Formen von Konsum werden akzeptiert, andere stigmatisiert. Es gibt schon so etwas wie eine Verbindung zwischen Städteentwicklung und einer „Geschichte des Drogenkonsums“, aber nicht im Sinne einer einfachen Ursache-Wirkung-Beziehung. Eher im Sinne davon, dass sich beides gegenseitig beeinflusst. Städte schaffen die Bedingungen, unter denen sich Drogenmärkte, Konsumformen und auch deren gesellschaftliche Bewertung entwickeln.

Stefan: Deine Beobachtung ist, dass soziale Problemlagen, insbesondere die Situation von Drogenkonsument*innen, in den stadtplanerischen Konzepten kaum berücksichtigt wurden. Der Fokus lag primär auf ästhetischer, funktionaler und sicherheitspolitischer Aufwertung, während marginalisierte Gruppen kaum Teil der Planung waren. Das betrifft übrigens auch immer noch Menschen mit Behinderungen sehr stark. Barrierefreiheit ist nicht damit erreicht, dass es in (beinahe) allen U-Bahn-Stationen einen Aufzug gibt.

Hat das auch etwas mit dem Publikum zu tun, das man an solchen Kulturorten anziehen will? Ergibt sich daraus eine Klassenfrage?

Rabia: Irgendwie möchte ich gar nicht so pessimistisch oder zu „marxistisch“ klingen, aber am Ende ist es schon auch eine Klassenfrage. Also nicht nur im klassischen Sinne von Geld, sondern auch im Sinne von sozialem und kulturellem Kapital. Stadtplanerische Konzepte wirken auf den ersten Blick oft neutral, es geht um Begriffe wie Verbesserung, Modernisierung oder Aufwertung. Aber wenn man genauer hinschaut, richten sich viele dieser Maßnahmen eher an einkommensstärkere und sozial privilegierte Gruppen. Räume werden ästhetisiert, sicherer gemacht, „attraktiver“ gestaltet aber eben für ein bestimmtes Publikum. Das führt dazu, dass ein öffentlicher Raum, der eigentlich für alle da sein sollte, so verändert wird, dass sich manche Gruppen dort weniger aufhalten können oder wollen. Formal bleibt er offen, praktisch wird er selektiver. Gerade am Karlsplatz sieht man das gut. Die Entwicklung hin zu einem Kulturraum war kein neutraler Prozess, sondern auch eine bewusste Umgestaltung des Publikums. Eine sichtbare Drogenszene passt nicht zum Image eines kulturell aufgewerteten, repräsentativen Ortes. Ich würde aber auch sagen, dass Stadtplanung nie einfach einen fertigen Raum schafft. Sie gibt eher einen Rahmen vor. Planung setzt zwar gewisse Rahmenbedingungen, also wie der Raum aussieht, wie er genutzt werden soll, welche Angebote es gibt. Aber was dort tatsächlich passiert, entscheidet sich erst durch die Menschen, die ihn nutzen.

Stefan: Um jetzt nicht zu marxistisch zu klingen, könnten wir dazu auch Anarchisten ins Feld führen, wie den Fürsten (sic) Pjotr Kropotkin, oder Colin Ward und Murray Bookchin. Sie setzten in ihren Überlegungen zur Geographie, zu einem anarchistischen Urbanismus, und zur Sozialökologie auf Selbstverwaltung, Dezentralisierung und die Überwindung hierarchischer Strukturen. Ihre Konzepte versuchen Räume basisdemokratisch zu gestalten, kollektive Nutzung zu fördern, statt privaten Besitz und eine direkte Beteiligung der Bewohner an Planungsprozessen zu ermöglichen. Projekte wie Elektrizitätsgenossenschaften oder gemeinschaftliche Stadtgärten spiegeln diese Prinzipien wider.

Rabia: Bis vor kurzem habe ich noch in Linz gelebt, und dort gibt es die Turmstraße, die als eine der bekanntesten Drogenszenen gilt. Vor etwa einem Monat kam es dort zu rund 85 Festnahmen, und angeblich soll eine ganze Familie in die Organisation der Szene involviert gewesen sein. Was ich dabei interessant finde, ist, dass es eigentlich schon lange kein Geheimnis mehr war, dass sich dort eine „Drogenszene“ befindet. Viele wussten das, es wurde auch im Alltag so wahrgenommen. Trotzdem hat es Jahre gedauert, bis so massiv eingegriffen wurde. Und als es dann passiert ist, war eigentlich niemand wirklich überrascht. Das wirft für mich genau die Frage auf, die auch in meiner Arbeit zum Karlsplatz mitschwingt. Wann wird etwas überhaupt als Problem wahrgenommen und wann wird gehandelt? Oft scheint es so zu sein, dass nicht die Existenz der Szene entscheidend ist, sondern ihre Sichtbarkeit und ihre symbolische Bedeutung. Die Turmstraße liegt ja nicht direkt im Zentrum oder in einem stark repräsentativen Raum. Im Gegensatz dazu steht ein Ort wie der Karlsplatz, der gleichzeitig Verkehrsknotenpunkt, Kulturraum und öffentlicher Treffpunkt ist. Man könnte also sagen, dass es einen Unterschied macht, wo eine Drogenszene ist. Wenn sie sich in einem weniger zentralen oder weniger „repräsentativen“ Raum befindet, wird sie vielleicht länger toleriert oder weniger stark reguliert. Sobald sie aber näher an Orte rückt, die für das Stadtbild wichtig sind, steigt der Handlungsdruck.

Diese Dynamik sieht man auch aktuell in Wien. Rund um die Gumpendorfer Straße wurde eine neue Schutzzone eingerichtet, um den Drogenhandel dort einzudämmen.[2] Aber gleichzeitig wird auch davon ausgegangen, dass sich die Szene dadurch eher verlagert als wirklich verschwindet. Interessant ist auch, dass dort ganz bewusst mit einer Mischung aus Polizei und Sozialarbeit gearbeitet wird. Sozialarbeiter*innen sollen neue Aufenthaltsorte erkennen und darauf reagieren, während gleichzeitig die Kontrolle verstärkt wird.

Dabei wird auch ziemlich offen gesagt, dass es eigentlich unrealistisch ist, Drogenkonsum oder -handel in einer Großstadt komplett zu verhindern. Es geht also weniger darum, dass das Problem verschwindet, sondern eher darum, wie damit umgegangen wird, sodass für andere möglichst wenig „Störung“ entsteht. Im Mittelpunkt steht oft nicht der Mensch, der konsumiert, sondern das Umfeld, das möglichst wenig beeinträchtigt werden soll. Also das Wohlergehen der „anderen“, nicht unbedingt die Lebensrealität der Betroffenen selbst. Gleichzeitig wird aber mit sozialarbeiterischen Maßnahmen gearbeitet und auch argumentiert. Das wirkt ein bisschen widersprüchlich, weil Sozialarbeit ja eigentlich darauf abzielt, Menschen zu unterstützen und nicht nur Räume „ruhiger“ zu machen.

Gerade Orte wie Bahnhöfe spielen da eine wichtige Rolle. Sie sind öffentliche Räume, aber oft auch Rückzugsorte für Menschen, die sonst keinen sicheren Ort haben. Ich bin selbst über längere Zeit zwischen Linz und Wien gependelt und habe den Westbahnhof oft erlebt. Natürlich fallen dort alkoholkonsumierende Menschen auf, und ja, es riecht manchmal unangenehm. Aber gleichzeitig sind viele einfach da, sitzen, schlafen oder essen, also eigentlich ganz alltägliche Dinge, nur unter anderen Umständen. Das hat mich persönlich weniger gestört, als es oft dargestellt wird.

Stefan: Das ist ein wichtiger Punkt. Es geht bei der Drogenpolitik sehr oft um Sichtbarkeit und symbolische Bedeutung! Gleichzeitig tut der österreichische Staat auch viel zu wenig, um dem von ihm als „problematisch“ geframten Drogenkonsum wirksam entgegenzuwirken. Wir sind ja im sozialen Bereich mit einem beispiellosen Sparzwang konfrontiert. Gerade Drogenarbeit wird gerade stark eingespart. Und Alternativen zum kleinen Glück, das aus einem Drogenrausch entstehen kann, gibt es in unserer Arbeitswelt viel zu selten. Wie schätzt du die Rolle der Sozialarbeit ein? Kann sie gegensteuern? Welchen Beitrag könnte sie für die zukünftige Entwicklung in Bezug auf die Stadtplanung leisten?

Rabia: Ich denke, soziale Arbeit ist grundsätzlich extrem wichtig. Sie ist oft einer der wenigen Wege, um einzelne Menschen konkret zu unterstützen, zu begleiten und überhaupt in Kontakt zu bleiben. Gerade im Bereich von Drogenkonsum oder marginalisierten Gruppen geht es ja nicht nur um „Problemlösung“, sondern oft einfach darum, Stabilität zu schaffen, Beziehungen aufzubauen und überhaupt Handlungsspielräume zu eröffnen. Warum dann ausgerechnet in solchen Bereichen oft zuerst gespart wird, wäre eigentlich schon eine eigene Fragestellung wert. Vor allem, weil ich finde, dass die Rolle der Sozialarbeit nicht kleiner, sondern eher größer wird. Gerade an Orten wie dem Karlsplatz zeigt sich, dass sie eine zentrale Funktion übernimmt. Ich würde deshalb sagen, dass Sozialarbeit mehr als nur „Hilfe“ ist. Sie vermittelt zwischen unterschiedlichen Gruppen, reagiert auf Konflikte im öffentlichen Raum und schafft überhaupt erst Möglichkeiten für Teilhabe.

Sozialarbeit hat aber auch das Potenzial, aktiv in Stadtentwicklung einzugreifen. Gerade weil sie so nah an den Lebensrealitäten der Menschen ist, kann sie sichtbar machen, welche Bedürfnisse im öffentlichen Raum oft übersehen werden. Für die Zukunft würde ich sagen: Sozialarbeit könnte eine viel stärkere Rolle spielen, wenn sie nicht nur „reagiert“, sondern auch in Planungsprozesse eingebunden wird. Also nicht erst dann kommt, wenn Probleme sichtbar werden.
Aber auch nicht jeder Drogen-Hotspot wird gleich behandelt. Wenn ich das mit meinem Beispiel aus Linz zusammendenke, wird diese Rolle der Sozialarbeit nochmal anders sichtbar. Dort hatte ich nicht den Eindruck, dass es eine starke oder kontinuierliche sozialarbeiterische Präsenz im öffentlichen Raum gibt, zumindest nicht in einer Weise, die wirklich wahrnehmbar oder prägend wäre. Das kann natürlich auch mit Ressourcen oder strukturellen Bedingungen zusammenhängen. Gleichzeitig entsteht aber genau dadurch die Frage, ob solche Orte nicht gerade deshalb lange „unter dem Radar“ bleiben und erst dann stärker in den Fokus rücken, wenn sie eskalieren oder repressives Eingreifen notwendig wird. Im Vergleich dazu wirkt der Karlsplatz fast wie ein Gegenmodell: Dort ist Sozialarbeit, zumindest zeitweise, Teil des Raumes selbst, also sichtbar, ansprechbar und auch vermittelnd zwischen unterschiedlichen Gruppen. Da denke ich mir dann, wenn sich so eine Szene näher am Stadtzentrum oder in einem „repräsentativen“ Raum befinden würde, wäre der Handlungsdruck wahrscheinlich viel größer, sowohl politisch als auch medial.


[1] https://www.heute.at/s/nachbarn-kiffen-pausenlos-frau-haelt-geruch-nicht-aus-120189302, abgerufen am 05.05.2026.

[2] https://www.derstandard.at/story/3000000318787/neue-schutzzone-gegen-drogenhandel-in-wien-droht-eine-verlagerung-der-szene, abgerufen am 05.05.2026.

Die Wienwahl-Shitshow

Also wir haben eine regierende SPÖ, für die es in Wien keinerlei Probleme gibt und alles superfein ist. Und zwar so superfein, dass sie auch bei den übelsten Menschenrechtsverletzungen nicht darüber nachdenkt ihre Kooperationspartner bei den türkischstämmigen Faschisten zu wechseln.

Aber allgemein ist das Bild bei der Wienwahl nicht hübsch. Das Profil schreibt: „Drei von sieben Wiener Spitzenkandidaten und ein Bezirkschef werden von der Justiz als Beschuldigte oder Angeklagte geführt. Der Wahlkampf läuft trotzdem weiter, als wäre nichts passiert.“ Unter den Beschuldigten ist auch Ernst Nevrivy, ein Bezirkschef der SPÖ. „Ihm wird vorgeworfen, Insiderinformationen über Bauvorhaben der Stadt an die Wienwert-Manager durchgestochen zu haben – sodass diese einen Wettbewerbsvorteil beim Kauf von Grundstücken hatten, die später im Wert stiegen. Als Gegenleistung soll Nevrivy VIP-Tickets für Fußballspiele erhalten haben.“ Dabei ist Nevrivy theoretisch auf Bewährung, war er doch bereits einer der Hauptdarsteller in der Kleingartenaffäre Ende 2023.[1]

Aber die Alternativen sind auch mau. Eine „Opposition“ unter Anführungszeichen.

Eine ÖVP, die als Wienfiliale der „Huren der Reichen“ die Sperrung der Bundesgärten für die Wiener während Corona mitgetragen hat. Die elitär und spießbürgerlich die Nase rümpft über Arme und neue Wiener und ständig an der Grenze zum offenen Rassismus kampagnisiert. Etwa bei der „Besichtigung“ des Brunnenmarktes usw. Deren Vorsitzender Karl Mahrer wurde, laut Profil, „im Februar von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) in der Causa um die insolvente Immobiliengesellschaft Wienwert angeklagt“. Kandidieren tut er natürlich trotzdem. Anstand sollen gefälligst die anderen haben. Damit Leistung (ob tatsächlich getätigte, oder auch nur symbolische) sich wieder auszahlt.

[Achtung! Triggerwarning für Kapitalismusfans!!] Die NEOS sind Neo(liberale). Wobei der Fokus auf Neo und nicht auf liberal liegt. Liberal sind sie nur, wenns den Interessen des Kapitals entspricht. Aber, wer braucht eine Partei die auf Landesebene die Interessen von globalen Kapitalisten umsetzen will? Die im Wahlprogramm auf Unternehmensseite Deregulierung und auf Arbeitnehmerseite Flexibilität durchsetzen will? Die eine Schuldenbremse fordert, statt [Trigger incoming!!!] das gute Leben für alle und dabei Pensionen und Sozialbezüge kürzen will, und noch dazu die Leerstandsabgabe ablehnt?

Nicht einmal auf die FPÖ kann man sich mehr verlassen. Für Wählerstimmen schämt sie sich nicht mit türkischen und sonstigen minoritären Faschisten zu kooperieren. Darüber hinaus, wen wunderts, laufen gegen Wiens FPÖ-Chef Dominik Nepp, laut Profil, Ermittlungen in der blauen Spesenaffäre, aber wie das so ist, wenn man Geld und Einfluss hat, zieht sich das Verfahren bereits seit der Wien-Wahl 2020.

Der Strache ist wieder zurück. Ich mein, das ist selbsterklärend. Nur hat er weder „Sagen aus Wien“ (Wienwahl 2010) im Gebäck, noch wirkt sein Charme so frisch wie damals.

Dann gibt es noch eine von Austrotürken dominierte Partei namens SÖZ, die bewusst antisemitische Stimmung schürt, indem ständig der Nahostkonflikt ins Gespräch gebracht wird, egal um welches Thema es geht. Deren Ableger namens „Liste Gaza“ mit klarer Pro-Hamas und Anti-Israel Agenda auftritt und die Frage aufwirft: Was hat eine Partei mit thematischem Fokus auf „Gaza“ im Gemeinderat in Wien zu suchen? Aber abgesehen davon dürften sie auf dem Standpunkt Erdogans stehen, der einmal bekanntermaßen verlautbart hat Integration sei Assimilation. Denn sie votieren, gemeinsam mit den Grünen, dafür, etwa bei der Führerscheinprüfung auf Deutsch als Prüfungssprache zu verzichten. Das Argument für die Prüfung in weiteren Sprachen, die „Sprachbarriere erschwer(e) den Zugang zum Arbeitsmarkt“, klingt zunächst ganz gut, denn natürlich gibt es Jobs, bei denen ein Führerschein notwendig ist. Aber gibt es nicht viel mehr Jobs bei denen zumindest Grundkenntnisse der deutschen Sprache absolut notwendig sind? Und sollte nicht jeder, der hier lebt und mit dem Auto fährt, Deutsch so weit beherrschen, dass er sich in einer Verkehrskontrolle verständlich machen kann? Hier wird Klientelpolitik unter dem Deckmantel der offenen Gesellschaft betrieben. Ein Bärendienst für das gelingende Zusammenleben aller Österreicher.

Und dann gibt’s natürlich noch den Zusammenschluss der Linken, wo sich alle versammeln, die in Wien ohnehin nicht gewählt werden. Die betreiben zwar eine achtbare Sozialpolitik und sind bei weitem die am wenigsten korrupte, sowie authentisch glaubwürdigste Ansammlung von politisch aktiven Individuen mit einer klaren Einstellung zur politischen Arbeit. Aber gleichzeitig haben da viele Mitglieder, vor allem von der KPÖ, in Bezug auf wichtige politische Themen, vermutlich inspiriert durch Jahre der RT-Propaganda, völlig den Faden verloren und äußern sich dementsprechend. Da gibt es den dummpazifistischen Putin-Fetischismus, der den imperialen Eroberungskrieg, den Russland in der Ukraine führt, als legitime Abwehr von NATO und Kapitalismus wahrnimmt und im Grunde der Meinung ist, dass jeder, der vor dem Einmarsch einer faschistischen Armee nicht sofort kapituliert ein „Kriegstreiber“ ist. Der also nicht nur eine saftige Täter-Opfer-Umkehr betreibt, sondern auch irgendwie der Meinung zu sein scheint, der putin‘sche Gangsterkapitalismus wäre eine Antwort auf den demokratisch und rechtstaatlich zumindest minimal eingehegten Kapitalismus in Westeuropa. Gleichzeitig (!) (und das ist besonders makaber) herrscht bei manchen der vollausgeprägte antiimperialistischen Wahn vor, der beim Krieg Israels gegen die Hamas, entgegen der Position zur überfallenen Ukraine, die Kriterien zur Bestimmung von Täter und Opfer diametral gegenteilig vornimmt. Täter ist natürlich der jüdische Staat.

Für die gute Sozialpolitik nimmt man also eine Partei in Kauf, deren Mitglieder teilweise unklare Positionen zum Existenzrecht Israels und der Ukraine und der Sicherheit von Juden in Wien haben. Und sich irgendwie nicht so recht zum demokratischen Rechtstaat bekennen wollen, weil der das Kapitalverhältnis aufrechterhält. Eine theoretische Position, die vom Minimum an Freiheit absieht, um die Möglichkeit der Revolution nicht aus den Augen zu verlieren? Eine Position jedenfalls, die unterschlägt, dass es schon einen Unterschied macht, wo diese Regimekritik geäußert wird. In Putins Russland stürzt man für solche Äußerungen über die lokale Herrschaft mit einer schweren Vergiftung aus dem Fenster eines Wolkenkratzers. Oder wird, so wie die 19-jährige Darya Kozyreva für das Verfassen eines Gedichtes drei Jahre in ein Straflager gesperrt. In Österreich kandidiert man für den Landtag. Wo wir dann schon wieder bei der KPÖ wären. Und die wirbt bekanntlich mit dem Slogan „Ludwig g ́winnt eh“.

Den Wandel hats zerlegt. Der muss seine weitgehend passablen politischen Ansätze im Linksverband verwässern, damit er überhaupt irgendwo auf der Liste steht.

Und die Grünen. Ja also die Grünen. Was soll ich sagen? Die Vassilakou haben sie überlebt. Den Chorherr sind sie losgeworden. Den Öztas haben sie suspendiert. Die Schilling hat nach oben versagt und ist deshalb auch nicht mehr ihr Problem. Nebenbei machen sie die schönsten Radwege und pflanzen Bäume. Ich mag auch Fußgängerzonen, und ich möchte das mittelfristig alle Autos aus der Stadt verschwinden. Aber machen mich die Grünen deshalb glücklich? Nein. Sie schauen nur gut aus, weil der Rest der politischen Landschaft in Wien völlig daneben ist.


[1] Alle Infos zu korrupten Wiener Politikern aus Profil: https://www.profil.at/oesterreich/skandal-egal-bei-der-wien-wahl-kandidieren-viele-beschuldigte/403032224

Social Witchcraft ein Gespräch über Hexen auf TikTok mit Lisa Dorner

Stefan: Du hast für deine Masterarbeit Hexen und die von ihnen auf TikTok präsentierten Inhalte erforscht. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Lisa: Ich bin durch zwei Faktoren auf das Thema gestoßen: Einerseits habe ich selbst immer wieder in meiner „privaten“ Social-Media-Nutzung die spirituelle Seite von TikTok kennengelernt und fand sie schon damals sehr faszinierend. Andererseits habe ich ein Seminar besucht mit dem Namen „Verfluchte Ökonomien“, das sich mit okkulten Vorstellungen in einem globalen Entwicklungsdiskurs auseinandergesetzt hat. Im Zuge meiner Abschlussarbeit für das Seminar, habe ich beschlossen diese Dinge zu verknüpfen, und weil ich das Gefühl hatte, es gibt noch mehr dazu zu forschen, habe ich schließlich auch meine Masterarbeit diesem Thema gewidmet.

Stefan: Wie kann TikTok am besten erforscht werden?

Lisa: TikTok ist ein digitaler Raum, in dem verschiedene Menschen und Unternehmen, die alle unterschiedliche Zwecke verfolgen, aufeinandertreffen. Um die Dynamiken die sich auf so einer komplexen Plattform zu verstehen, habe ich mich für eine qualitative Forschung entschieden, die mir erlaubt, möglichst tief in die Materie einzudringen. Für meine Arbeit habe ich mich für die digitale Ethnographie entschieden. Das ist eine Forschungsmethode, die das Verhalten und die Interaktionen von Online-Communitys untersucht. Besonders bei Social-Media-Phänomenen wie WitchTok erlaubt sie, digitale Rituale und Identitätskonstruktionen zu analysieren. Teilnehmende Beobachtung und Plattformanalysen sind zentrale Methoden, um in meiner Arbeit digitale Hexenpraktiken nachzuvollziehen. Die Methode umfasst verschiedene Techniken zur Datensammlung, darunter Inhaltsanalysen von Postings, Kommentare und Hashtags, sowie visuelle Analysen von Bild- und Videomaterial, um digitale Gemeinschaften und ihre Dynamiken zu verstehen. Plattformen wie TikTok stellen hierbei besondere Herausforderungen dar, da Algorithmen Inhalte nicht chronologisch, sondern personalisiert ausspielen. Dadurch kann sich die Rezeption von Daten je nach Nutzer:in stark unterscheiden.

In der digitalen Ethnographie wurde gezieltes Sampling von TikToks bzw. TikTok-Accounts angewendet, das sich an relevanten Hashtags, Algorithmen und Community-Strukturen orientiert. Im Falle dieser Arbeit wurden Accounts untersucht, die unter dem Hashtag #WitchTok aktiv sind und von Menschen geführt werden, die sich selbst als Hexen bezeichnen. Diese Methode ermöglicht es, digitale Subkulturen zu erfassen und Trends innerhalb der Community zu dokumentieren​.

Die Ergebnisse der digital-ethnographischen Forschung werden durch Screenshots und analytische Reflexionen dokumentiert. Dies ermöglicht eine Verknüpfung zwischen theoretischen Konzepten und beobachteten Online-Praktiken​.

Stefan: Von welchen theoretischen Prämissen bist du ausgegangen?

Lisa: Silvia Federici analysiert in ihrer Arbeit die historische Rolle der Hexenverfolgung im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Sie argumentiert, dass die Hexenjagden nicht nur Ausdruck patriarchaler Unterdrückung waren, sondern gezielt zur Disziplinierung und Kontrolle weiblicher Arbeitskraft eingesetzt wurden. In der frühen Neuzeit, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert, dienten die Hexenprozesse dazu, Frauen in traditionelle, untergeordnete Rollen zu drängen und ihre wirtschaftliche sowie soziale Unabhängigkeit zu unterbinden​. Die Auswirkungen dieses gewaltvollen Prozesses sind bis heute bemerkbar.

Federici beschreibt die Hexenjagden als eine Methode der ursprünglichen Akkumulation, die Karl Marx als Voraussetzung für das Entstehen des Kapitalismus definierte. Während Marx sich auf die Enteignung der Bauern und die koloniale Ausbeutung konzentrierte, zeigt Federici, dass Frauen durch die Hexenverfolgung ihrer reproduktiven Arbeit und ihres Wissens beraubt wurden. Besonders betroffen waren Frauen, die außerhalb patriarchaler Strukturen lebten – Heilerinnen, Hebammen und unverheiratete Frauen. Die Verfolgungen dienten dazu, Frauen in das kapitalistische Wirtschaftssystem zu zwingen, indem sie in abhängige, unbezahlte Reproduktionsarbeit gedrängt wurden​.

Stefan: Wie kommst du von der ursprünglichen Akkumulation zu TikTok?

Lisa: Soziale Netzwerke sind kapitalistische Plattformen, die von Unternehmen gesteuert werden, deren Ziel Kapitalakkumulation ist. Das bedeutet, sie sind das direkte Produkt kapitalistischer Strukturen und eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Akkumulation. Social-Media-Plattformen sind keine luftleeren Räume, sondern reproduzieren gesellschaftliche Strukturen und gehören dementsprechend zu einer modernen entwicklungspolitischen Forschung.

Inhaltlich habe ich mich auf die Ansätze von Donna Haraway gestützt. Sie entwickelte das Bild des Cyborgs als eine postmoderne Identität, die die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Natur und Technik, auflöst. Technofeministische Ansätze heben hervor, dass Technologie nicht neutral ist, sondern geschlechtsspezifische Machtverhältnisse reproduziert. Gleichzeitig argumentiert Haraway, dass Technologie nicht zwangsläufig ein Instrument patriarchaler Unterdrückung sein muss, sondern auch emanzipatorisches Potenzial besitzt, wenn sie nach technofeministischem Verständnis genutzt wird. Kritisch wird angemerkt, dass Haraways Theorie eine westlich geprägte Fortschrittsvision verfolgt und dabei koloniale und kapitalistische Strukturen oft ausklammert. Ihre Vorstellung, dass Technologie die Befreiung von Geschlechterkategorien ermöglichen kann, blendet aus, dass digitale Plattformen selbst tief in kapitalistische und patriarchale Strukturen eingebettet sind.

Technopaganismus bezeichnet die Verschmelzung moderner Technologien mit spirituellen Praktiken. Während einige Hexen den Fokus auf Naturverbundenheit legen, sehen andere digitale Medien als legitimes Mittel zur spirituellen Erfahrung. Soziale Netzwerke dienen in diesem Zusammenhang als Orte der Identitätsbildung und ermöglichen den Austausch über Rituale und Glaubenssysteme in und außerhalb der Community. Dies zeigt sich beispielsweise in magischen TikTok-Trends, die digitale Tools für rituelle Zwecke nutzen​. Social Media spielt demnach eine entscheidende Rolle in der Identitätsbildung der modernen Hexe.

Stefan: Social Media ist Teil des Kulturindustriellen Produktionszusammenhangs, Teil der fortgeschrittenen Akkumulation, Teil der Ausbeutungsmaschinerie unterm Kapitalverhältnis. Was kann eine feministische Bewegung sich von der Teilnahme an so einer Struktur erwarten?

Lisa: Christian Fuchs beschreibt soziale Medien als kapitalistisch geprägte Plattformen, die eine neue Form der Kulturindustrie darstellen („techno-soziales System“).

Stefan: In Anknüpfung an Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Lisa: Genau, sie basieren laut Fuchs auf einem Geschäftsmodell, das durch Nutzer:inneninteraktionen Daten generiert, die dann monetarisiert werden. Soziale Medien sind demnach Unternehmen, die auf die Maximierung von Profiten durch algorithmisch gesteuerte Aufmerksamkeit ausgerichtet sind​. Fuchs zeigt, dass Social-Media-Plattformen nicht nur passiv Inhalte hosten, sondern aktiv in die Informationsverbreitung eingreifen. Algorithmen priorisieren Inhalte, die hohe Engagement-Raten erzielen, da diese die Verweildauer der Nutzer:innen erhöhen und damit die Werbeeinnahmen maximieren. Diese Mechanismen führen dazu, dass emotionale, kontroverse oder konsumfördernde Inhalte bevorzugt werden – ein zentrales Element der Kulturindustrie im digitalen Zeitalter.

Hierbei ist der Warencharakter von Kultur besonders offensichtlich, da Inhalte monetarisiert und für Werbezwecke optimiert werden. Influencer:innen sind Teil eines Systems, in dem Konsum gefördert und als natürliche Form der Selbstinszenierung dargestellt wird. Diese Mechanismen führen zu einer auch verstärkten Kommerzialisierung spiritueller Inhalte, auf die sich die Masterarbeit konzentriert.

Fuchs betont, dass die wirtschaftlichen Strukturen von Social-Media-Plattformen nicht nur die Kommunikation beeinflussen, sondern auch gesellschaftliche Diskurse prägen und politische Machtverhältnisse reflektieren​.

Stefan: In diesem Zusammenhang taucht in deiner Arbeit der Begriff der algorithmischen Divination auf. Kannst du erläutern was das ist, geht es wirklich um Magie?

Lisa: Es handelt sich nicht um Magie, obwohl es sich teilweise so anfühlen kann. Lazaro beschreibt algorithmische Divination als moderne Form der Wahrsagerei, bei der Algorithmen Muster erkennen und interpretieren. Diese Praxis wird von Hexen auf Social Media genutzt, um magische Praktiken mit digitalen Technologien zu verbinden. Beispielsweise wird über den Algorithmus auf TikTok versucht, göttliche Botschaften zu empfangen oder magische Muster in digitalen Daten zu erkennen​.

Ein Beispiel dafür sind TikToks, in denen Personen Karten legen oder mit übernatürlichen Kräften kommunizieren, um Voraussagen zu tätigen. Das passiert nicht im direkten Austausch, sondern wird auf eine größere Ebene umgelegt und dennoch versucht zu personalisieren: Die Personen in den Videos beginnen diese dann mit Sätzen wie „Wenn du auf einem Bildschirm die Zahl 3 siehst, dann ist dieses Video für dich“ und vermitteln so das Gefühl, eine magische Instanz schwingt mit der Botschaft mit.

Stefan: Spannend. Magie ist ja ein uraltes Phänomen, das die Menschen schon beinahe seit ihrer Menschwerdung begleitet. Leander Petzold weist auf die überzeitliche Unveränderlichkeit von Magie hin und bezieht sich damit auf Ludwig Wittgenstein, der nach der Lektüre des magischen Buches „The Golden Bough“ rezipiert: „So einfach es klingt: der Unterschied zwischen Magie und Wissenschaft kann dahin ausgedrückt werden, dass es in der Wissenschaft einen Fortschritt gibt, aber nicht in der Magie. Die Magie hat keine Richtung der Entwicklung, die in ihr selbst liegt.“ Man müsste ergänzen, sie hat sogar etwas antiwissenschaftliches, indem sie nicht auf Öffentlichkeit zielt. In der modernen Forschung hat sich die Praxis etabliert Forschungsergebnisse durch eine Öffentlichkeit validieren zu lassen. Alles muss ans Licht, es muss publiziert werden. Magie wirkt im Verborgenen. Sie bezieht ihre Wirkkraft laut Petzold aus der „Exklusivität eines in sich geschlossenen Systems bzw. einer Gruppe“. Ich frage mich also, was wollen die Hexen auf TikTok? Das ist ja eine Form der Öffentlichkeit?

Lisa: Meiner Einschätzung nach lässt sich das bei den Hexen auf TikTok nicht klar feststellen. Denn Authentizität in der digitalen Hexerei wird, meiner Beobachtung nach, durch eine Mischung aus persönlicher Inszenierung und Community-Anerkennung definiert. Hexen auf TikTok gestalten ihre Inhalte so, dass sie sowohl individuelle Spiritualität als auch Trends der Plattform bedienen. Dies führt zu einem Spannungsfeld zwischen echter Überzeugung und Anpassung​ für den Algorithmus. Die Beobachtung hat gezeigt, dass viele Hexen betonen „echt“ oder „authentisch“ zu sein – dies zeigt ein Bedürfnis sich abzugrenzen. Wer allerdings bestimmt oder definiert, was im Kontext der modernen Hexerei eine echte Hexe ausmacht, ist unklar.

Stefan: Claude Lévi-Strauss meint, die magischen Glaubensinhalte könnten auch als „Ausdrucksformen eines Glaubens an eine künftige Wissenschaft“ angesehen werden. Ich interpretiere das so, dass es durchaus legitim sein kann, das Medium, in dem Magie praktiziert wird, einem Update zu unterziehen. Aber ob das dann noch dieselbe Wirkkraft entfalten kann, ist eine andere Frage, oder?

Lisa: Die Vermarktung von Hexerei in sozialen Medien zeigt sich in verschiedenen Formen: von kostenpflichtigen Tarot-Lesungen, über den Verkauf magischer Produkte, bis hin zur Ästhetisierung von Hexenpraktiken. Dies führt dazu, dass spirituelle Inhalte zunehmend in kapitalistische Strukturen eingebettet werden, wodurch die Grenze zwischen Glauben und Konsum verschwimmt​. Durch die Aufbereitung und Darstellung einer gewissen „Hexenästhetik“ wird das Gesamtbild gestärkt und der Konsum ansprechender gestaltet. Das Versprechen, Teil der Gemeinschaft zu werden, indem gewisse Produkte und Dienstleistungen gekauft werden, geht in vielen Fällen mit der Bewerbung einher.

Moderne Hexen fungieren in diesem Sinne ähnlich wie herkömmliche Influencer:innen, außer, dass sie nur durch ihren exklusiven Zugang zu Wissen und Praktiken (Magie) ihre Käufer:innen anlocken, anstatt mit Nahbarkeit und einem großen Following.

Stefan: Eine Profanisierung der Hexerei. Was macht das mit der Identität der modernen Hexen?

Lisa: Die Identität der modernen Hexe ist stark von digitalen Netzwerken geprägt. Während traditionelle Hexenpraktiken oft durch persönliche Weitergabe vermittelt wurden, ermöglichen soziale Medien eine offene und zugängliche Form der Identitätsbildung. Plattformen wie TikTok und Instagram spielen eine zentrale Rolle in der Definition dessen, was es heute bedeutet, eine Hexe zu sein.

Hexen nutzen soziale Netzwerke, um ihre Identität öffentlich darzustellen. Sie zeigen ihrer Routinen, magischen Praktiken und tauschen sich untereinander aus. Gleichzeitig gewähren sie Außenstehenden einen scheinbar exklusiven Einblick in ihre Welt. In vielen Fällen ist diese Exklusivität kaufbar, und Teil der Gemeinschaft zu werden eine finanzielle Sache: Wer die richtigen, „echten“ Kerzen, Kristalle, Zaubersprüche kauft, kann Teil der Community werden.

Dennoch ist Gemeinschaft für moderne Hexen, den Ergebnissen dieser Untersuchung nach, ein essenzieller Bestandteil ihrer Identität. Der Austausch mit anderen und das gemeinsame Lernen wird hier stark in den Fokus gestellt.

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Die Journalisten Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff haben vor einigen Jahren ein brauchbares Buch über Fakenews geschrieben, in dem sie sich mit der Verbreitung von Falschmeldungen im 20. und 21. Jahrhundert auseinandergesetzt haben. Auf dem Cover sind Toupet und Augenbrauen von Donald Trump abgebildet, dem aktuellen Ku-Klux-Klan-Führer der rechten Fakenews Bubble. Die Fakenews von rechts (dazu zähle ich auch religiösen Extremismus) sind brandgefährlich, sie wirken oft als Hetze und Auslöser von Gewalt. In Zeiten des steigenden Antisemitismus haben wir es zugleich mit einem Phänomen gewaltauslösender Fakenews von links zu tun, die denen der religiösen und extremistischen Rechten oft ähneln.

Das ich jetzt trotzdem über einen Vorfall aus der linksliberalen Bubble spreche, die im Grunde wohlmeinend und harmlos ist, und nicht über die unzähligen qualitativ viel schlimmeren Entgleisungen rechter Bubbles, die mir durchaus bewusst sind, liegt an der Subtilität und Selbstverständlichkeit, mit der in diesem Fall Fakenews produziert werden. Oder besser gesagt, wie Fakenews auch entstehen können, wenn man vielleicht die besten Absichten verfolgt, aber nicht auf gewisse Formalitäten Acht gibt und nicht den eigenen gesellschaftlichen Standort reflektiert.

Ausgangspunkt ist ein Posting, das einen Satz aus einem Online-Artikel entnimmt und diesen ohne Quellenangabe als Ausgangspunkt für eine Meinungsäußerung verwendet. Der ohne Angabe der Quelle aus einem Online-Artikel kopierte Satz besagt: „Die Zahl der angezeigten Straftaten in Wien ist in den vergangenen zehn Jahren um 7,8 Prozent gesunken, die Zahl der Verurteilungen sogar um 27 Prozent.“

Der Teilende schreibt dazu: „Immer wieder die Rede, dass es in Wien inzwischen so gefährlich sei, dass man sich des abends oder nächtens gar nicht mehr aus dem Haus traue.“

So weit so gut. Klingt auf den ersten Blick nach einer guten, positiven Nachricht. Macht euch keine Sorgen, es geht aufwärts. Auf den zweiten Blick liegt in der Formulierung der Meinung, dass immer wieder die Rede davon sei, es wäre gefährlich und man können sich nachts nicht mehr hinaustrauen, natürlich auch ein Vorwurf. Jeder, der das subjektive Gefühl hat, es wäre unsicher auf manchen von Wiens Straßen, ist irgendwie anrüchig. Gemeint ist vermutlich, wer sagt, er hat Angst rauszugehen wegen der Kriminalität, ist ein Angsthase, oder schlimmer, ein Verbreiter von Angst. Also eigentlich keine positive Botschaft, sondern ein Vorwurf und zwar ein Vorwurf an bestimmte Menschen. Ich komme darauf später noch zurück.

Auf meine Frage, woher das Zitat, aus dem sich die Aussage ableitet, stammt, kommt als Antwort ein Link zu einer, von mir gern gelesenen, Wiener Zeitschrift mit einem hohen Qualitätsanspruch. Ich lese und stelle erstaunt fest, dass zu den genannten Zahlen auch hier keine Quellenangabe vorhanden ist. (Stand 03.04.2025, 09:34, Screenshot vom Letztstand vorhanden) Das bedeutet, derjenige, der das Posting gemacht und das Zitat geteilt hat, hat selbst keine Ahnung, ob die Aussage stimmt, die er da teilt. Das ist ein Kriterium der Verbreitung von Fakenews, nach Keil und Kellerhoff, und eine Methode auf die Trump und seine Anhänger oft zurückgreifen, nach dem Schema: „Ja es gibt schon Fakten, aber der Onkel von meiner Schwester hat gesagt, dass … bzw. Der Abgeordnete meiner Partei, der dieselbe Meinung zu dem Thema teilt wie ich, hat bereits vor Jahren gesagt, dass …“ usw. Darüber hinaus teilt er aber auch nicht mit, dass er die Aussage nicht überprüft hat und sie auch nicht überprüfen kann, weil die Ursprungsquelle das nicht zulässt.

Auf meine weitere Nachfrage kommt die Antwort: Ich solle bei der Autorin selbst nachfragen. Da ich die Autorin nicht persönlich kenne und sie auch nicht als Kontakt auf der Plattform habe, lasse ich das. Cyberstalking ist nicht schick. Als Alternative recherchiere ich selbst und stoße auf das Statistische Jahrbuch für Wien, das für den Zeitraum von 2019 bis 2023 zuerst einen leichten Rückgang und dann einen Anstieg der strafbaren Handlungen ausweist. Die Statistik für 2024 ist noch nicht veröffentlicht. Ich poste diese Info zu meiner Frage und damit ist für den Ursprungs-Poster die Diskussion beendet. Ich erhalte jedenfalls keine Antwort mehr. Das Ursprungs-Posting wird aber nicht modifiziert oder mit Anmerkungen versehen und zieht weiterhin Leser_innen an, die sich in ihrer Weltsicht bestätigt sehen und das auch kundtun. Der Tenor ist: Ja stimmt, fühle mich safe wie nie. Finde ich super. Unterstütze ich. Ich bin auch der Überzeugung, dass diffuse Angstgefühle ohne objektive Grundlage zu sehr schlechten gesellschaftlichen Entwicklungen führen und dass man das mit allen Mitteln bekämpfen sollte. Vor allem durch Aufklärung und haltbare Information.

Jetzt ist es aber so, dass die oben genannte Aussage in mehrere Hinsichten irreführend ist. Erstens stimmt sie nicht mit der in der Statistik ablesbaren Entwicklung überein. Also, selbst wenn es eine Tendenz über zehn Jahre gibt, dass die Zahl der „angezeigten Straftaten“ (dazu später mehr) zurückgegangen ist, bedeutet es nicht, dass es auf den Straßen Wiens sicherer geworden ist. In den Straftaten sind auch Internetkriminalität und Zechprellerei enthalten, die wohl auf die subjektive Wahrnehmung der Sicherheit auf den Straßen wenig Einfluss haben.

Zweitens stammt die Information, laut der durch den Poster mitgeteilten Aussage der Autorin, von Polizei und Bezirksgerichten und ist (noch) nicht schriftlich, statistisch, zugänglich. Das ist auch ok, aber wäre cool das auch dazu zu schreiben. Abgesehen von dem kleinen Makel, dass Polizei und Gerichte natürlich ein Interesse daran haben ihre Arbeit als effizient darzustellen, und man deren Aussagen deshalb vielleicht nochmal gründlicher überprüfen sollte.

Was mich daran aber sehr nachdenklich macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der von beinahe allen sonstigen Kommentatorinnen diese nicht gekennzeichnete, nicht nachvollziehbare Aussage einfach akzeptiert wird, weil sie ins persönliche Weltbild passt. Abgesehen davon, dass es natürlich ein logischer Fehlschluss ist, anzunehmen, die Stadt sei sicherer geworden, nur weil die Verurteilungen von Straftätern zurückgegangen sind! Das kann sehr viele Gründe haben, die nichts mit einer Verbesserung der Situation zu tun haben. Gerichte etwa können mit der Zahl der Anzeigen überfordert sein und Urteile aussetzen. Noch besorgniserregendere Gründe könnte der Rückgang von Anzeigen haben. Etwa, dass Betroffene von Verbrechen der Polizei misstrauen. Sich von ihr keinen Schutz erwarten, oder Erfahrungen mit rassistischen Beamten gemacht haben. Vielleicht folgen sie auch einem Ehrenkodex, wie ihn die Mafia vorschreibt, und verpetzen einander nicht. Es gibt viele Möglichkeiten diese Entwicklung auszulegen und nur im Idealfall haben sie mit einer durchwegs positiven Entwicklung zu tun.

Der zweite Fehlschluss mancher Kommentare liegt darin die Ebene des persönlichen Sicherheitsgefühls mit der einer statistischen Entwicklung zu verbinden. Was den impliziten Vorwurf an die Angsthasen und Angstmacher dann noch unerträglicher macht, da man ja im Positiven genau das macht, was man ihnen dann im Negativen vorwirft. Das persönliche Sicherheitsgefühl von materiell abgesicherten, gut gebildeten und gesunden Menschen ist tendenziell höher als das von armen, alten, kranken Menschen. Aussagen nach der Manier: „Dass es gefährlicher geworden ist, wäre mir nicht aufgefallen“, sind also äußerst vermeidlich und bringen eher den Dünkel einer bestimmten gesellschaftshierarchischen Position gegenüber niedrigeren Klassen und allgemein Schwächeren zum Ausdruck. Pierre Bourdieu hat das ausführlich beschrieben und kritisiert.

Ich unterstelle keine böse Absicht. Ich versuche den Mechanismus der Fakenews in seiner subtilsten Form nachvollziehbar zu machen. Der Poster wollte sagen: „Habt keine Angst, es wird alles gut.“ Was er gesagt hat, ist etwas perfider. Denn natürlich gibt es ein Problem mit Verbrechen in Wien und natürlich ist es möglich ein Opfer von Gewalt zu werden. Die öffentliche Wahrnehmung orientiert sich ja am Sichtbaren und am Naheliegenden. Laute überdrehte Jugendliche haben Menschen zu allen Zeiten Angst gemacht. Meist zu Unrecht. Aber die Zahlen zeigen eben auch einen Anstieg in einem Segment der Verbrechen und das sind die Gewalttaten, die laut Innenministerium von 2022 auf 2023 um über 8% gestiegen sind. (https://www.bmi.gv.at/magazin/2024_05_06/02_Kriminalstatistik_2023.aspx)

Darüber hinaus passiert hier aber weit mehr, als dass logische Denkfehler gemacht und unbelegte Zitate verbreitet werden. Denn was sagt das Narrativ von den Ängstlichen und den Angstverbreitern denn noch aus? Es sagt: „Hören wir denen nicht zu.“ „Sprechen wir nicht darüber.“ Es gibt einen Missstand, aber es sollen keine Wellen gemacht werden. Es wird ja eh besser, laut unbelegter Quelle. Die von der Gewalt betroffenen, und sei es nur, weil sie davon eingeschüchtert sind, sollen die Pappn halten. Es geht hier um die, mit Techniken der Fakenews unterstützte, Verbreitung eines Ressentiments. Eines Ressentiments, das umso verwerflicher ist, als die Betroffen von Gewalt auf Wiens Straßen meist Sandler, die Armen, die strukturell Benachteiligten, die Alten, die Kranken, diejenigen die es ohnehin im Alltag schwer haben, sind. Aber auch die rassistisch ausgeschlossenen sind Opfer der Gewalt. Viel häufiger als es dokumentiert wird, spielt sich die Gewalt unter ihnen ab und wird dann dementsprechend oft nicht zur Anzeige gebracht. Sie sind eben nicht nur Täter, wie das die rechten Fakenewsverbreiter gerne darstellen wollen, sondern überproportional auch Opfer. Und auch darüber sollte man reden. Es hat in der Geschichte den unteren Klassen nie zum Vorteil gereicht, wenn über Probleme nicht geredet werden durfte.

Edit: Natürlich wurde ich nach meinen Einwänden, noch bevor der Blogpost hier fertiggestellt war, entfreundet. Da sind sich die linksliberalen Künstlerbubble-Bewohner mit Trump und Musk einig. Widerspruch wird als narzisstische Kränkung erfahren und nicht geduldet.

Edit 2: Die Auftritte von Florian Klenk und vom Falter auf Fb haben mich beide seither ebenfalls kommentarlos blockiert.

Die endgültige Auskunft zur Erbschaftssteuer

Wenn Elon Musk Steuern zahlen soll, gelten seine Anteile an Tesla als unrealisiertes Vermögen, das nicht besteuert wird, solange daraus kein Gewinn erzielt wird. Wenn er Geld von der Bank braucht, sind die Anteile allerdings Gold wert. Mit ihnen als Sicherheit erhält er jeden Kredit, den er möchte. In Österreich gilt dieser glückliche Umstand unfassbaren Reichtums für den Erben Mark Mateschitz, dessen Jahreseinnahmen von 1,3 Milliarden Euro natürlich nur ein „fiktives Jahreseinkommen“ darstellen und kein echtes. Weshalb dieser arme Mensch auch nur 26 Prozent seines Bruttoeinkommens an Steuern zahlen muss, und nicht 42 wie eine durchschnittliche Mittelstandsfamilie. Natürlich könnte man jetzt fragen, warum Menschen überhaupt 42 Prozent steuern zahlen müssen? Wie ineffizient muss die staatliche Umverteilungsmechanik sein, dass Menschen, die ganz ok verdienen, und sehr wahrscheinlich hart dafür arbeiten, beinahe die Hälfte ihres Verdienstes abgeben müssen?

Hier wie in den USA haben wir es mit einer Politikerkaste zu tun, die das politische Bewusstsein ihrer Wähler schon dadurch verheeren, dass sie das Wort Leistung ständig in ihren Sonntagsreden auf der Zunge spazieren führen, ohne diese Leistung jemals selbst zu erbringen. Seit Elon Musk in die Politik gegangen ist, befindet sich seine Tesla Aktie auf Talfahrt. Er ist aber Politiker genug, um sich weiterhin leistungslos am Vermögen der Allgemeinheit gütlich zu tun. Während sein Department of Government Efficiency ziellos alle möglichen öffentlichen Leistungen, für Kranke, Veteranen und Bedürftige, streicht und tausende Beamte, die für Wasserschutz und Betriebssicherheit und ähnliche Dinge zuständig sind, entlässt, kassieren seine Unternehmen 38 Milliarden Euro staatlicher Unterstützung.

Also anders gefragt: Warum leisten wir uns Politiker, die sich selbst, per Abstimmung, ihre beträchtlichen Gehälter erhöhen und darüber hinaus beinahe unbegrenzt dazu verdienen dürfen, wenn sie es nicht schaffen effizient zu arbeiten? Warum kann ein Abgeordneter im Österreichischen Parlament nebenher eine Anwaltspraxis betreiben und Klienten auch in Steuerfragen vertreten, wenn er doch bezüglich der Insider-Informationen, die er aus dem politischen Betrieb erhält, vollkommen befangen sein müsste? Man sieht schon, bei der Verteilung von Vermögen haben wir es mit einem komplexen politischen Phänomen zu tun, aber auch mit ganz klaren Zahlen.

In Deutschland wurden letztes Jahr (2024) 121,5 Milliarden Euro vererbt. Der Spiegel (Nr.12 15.03.2025), dem ich diese Info entnommen habe, schreibt: Erbschaften sind ein mächtiger Wohlstandsfaktor, eine „enorme Kapitalwelle, die sich von Jahr zu Jahr weiter auftürmt“. Nur 0,2% der Deutschen müssen pro Jahr Erbschaftssteuer zahlen, fast 50% der Gesamtsumme, die vererbt wird, fließt an die Erbschaften mit den höchsten Beträgen, die unteren 90% erhalten gemeinsam so viel, wie die oberen 10%. Bei Betriebsvermögen ist die Großzügigkeit des Staates beinahe grenzenlos. Wenn Erben die Firma weiterführen, und die Löhne im Wesentlichen gleichbleiben, können sie den Betrieb zu 85 oder 100 % steuerfrei übernehmen. Steuerbefreiungen bei der Erbschaftssteuer für Betriebsvermögen liegen in Deutschland für Unternehmenswerte von unter 2,5 Millionen Euro bei ca. 20%. Bei Betriebsvermögen von 250 Millionen Euro oder mehr bei 95%.

Vielleicht liegt es daran, dass einige der größten Konzerne Deutschlands immer noch in der Hand der Erben der Nazi-Milliardärsfamilien sind, die diese Konzerne unter Vorteilsnahme von Weltkrieg und Shoa aufgebaut haben. Das Land wird von einer Wirtschaftselite beherrscht, die sich an Massenmord und Zwangsarbeit bereichert hat und musste vermutlich nicht einmal Erbschaftssteuer für die Übernahme dieser Wirtschaft gewordenen Mordanstalten zahlen.

Die großzügigen Ausnahmeregelungen drücken die staatlichen Einnahmen aus Erbschaftssteuern unter die Einkünfte aus der Tabaksteuer. Was sogar dem internationalen Währungsfonds ein verständnisloses Kopfschütteln abringt. Er bezeichnet die Erbschaftssteuern in Deutschland als „unzureichend genutzt“. Dazu kommen noch anderen Entwicklungen, die diesen Missstand zum Notstand werden lassen. Während die Mietpreise explodieren, werden Immobilien zum zweitwichtigsten Erbgegenstand. Eine Katastrophe für alle, die keine Immobilien erben.

Aber wie sieht das ganze in Österreich aus? Wenn der internationale Währungsfonds für Deutschland die Erbschaftssteuer als unzureichend genutzt bezeichnet, wie würde er dann Österreich einstufen? Man liest nach und staunt: „In Österreich wird seit dem 1. August 2008 keine Erbschafts- und Schenkungssteuer mehr erhoben.“ Alles klar. Aber bei Grundstücksvererbungen und -schenkungen fällt eine Grunderwerbssteuer an, weshalb insofern auch in Österreich in der Öffentlichkeit noch von „Erbschaftssteuer“ gesprochen wird. „Mit der Steuerreform 2015/2016 wurde die Grunderwerbsteuer, die bei entgeltlichen wie auch unentgeltlichen Vermögensübertragungen im Immobilienbereich anfällt, deutlich erhöht.“ Ok. Immerhin. Aber man hört doch so viel von den furchtbaren Erbschaftssteuern, die dann am Lebensabend der Oma ihr Gartenhäuschen vermiesen, das sie den Enkerln so gern vererben möchte. Da planen die Linken sicher wieder was Gemeines, was die Oma zum Weinen bringt, oder?

„Im August 2023 präsentierte die SPÖ ihre Vorstellungen einer Erbschaftssteuer: Dabei soll es einen Lebensfreibetrag von einer Million geben, das heißt, wer innerhalb von 30 Jahren Erbschaften oder Schenkungen gesamt im Wert von unter einer Million erhält, muss nichts bezahlen. Die Grunderwerbssteuer würde gleichzeitig entfallen.“

Ein Grundstück für 1 Million Euro. Da bräuchte es auch für den wildentschlossensten Normalverdiener den Fund von Nazigold im Haus-Brunnen, damit sich das ausgeht. Die Gefahr, dass man mit einem Durchschnittsgehalt so eine Summe aufbringen kann, ist für die allermeisten sehr gering. Außer sie haben geerbt, dann geht sich das vielleicht aus. Also wäre es vielleicht klüger, bevor man was vererbt, nicht zu erben, damit man nicht zu viel zu vererben hat, um Erbschaftssteuer zahlen zu müssen? Also in der Zukunft, wenns mal wieder eine Erbschaftssteuer gibt in Österreich? Was würde Elon Musk dazu sagen? Und wen würde er zum Austausch für eine Erbschaftssteuer alles aus dem Staatsdienst entlassen? Oder zumindest bestimmte Sondervergütungen streichen? Zum Beispiel die Unterstützung für Fahrtkosten, die bei Mandatar:innen mit einer durchschnittlichen Anreisedauer zum Parlament von 3 Stunden jährlich 26.327,59 € beträgt? Oder das goldene Klavier, das vorübergehend für 140.000 Euro gemietet wurde? Er wird sicher etwas finden.

Despektierliche Bemerkungen über den heutigen Buchhandel

Ich bin ein Flaneur. Zielloses Spazieren ist eine Leidenschaft von mir. Eine meiner flanierenden Entdeckungen sind Antiquariate. Wunderbare Läden voller Geschichten und Plunder, aber oft auch voller interessanter Menschen und Bücher.

Die Bücher-Antiquariate in Wien sind vielfältig und manchmal an Orten, an denen man nicht mit ihnen rechnet. Ich entdecke immer wieder ein neues beim Flanieren und dann schau ich hinein und geb mir die Auswahl dort. Die Antiquare sind Büchermenschen, durch die Bank. Sie lesen selbst und sie kennen sich aus. Sie kennen den Kanon und oft auch noch Spezielleres und Aktuelleres. Und mein liebster Antiquar, Jürgen Fetzer in der Löwengasse im dritten Wiener Bezirk, kennt auch Abseitiges. Er liest auch Trash und empfiehlt Bücher. Und zwar nach dem fruchtbarsten Empfehlungsmotto, mit dem bisher kein Algorithmus mithalten kann, er weiß, wovon er spricht. Wenn er sagt: „Wenn Sie das interessiert hat, dann wird sie das auch interessieren.“ – dann ist das keine Vermutung aufgrund der Ähnlichkeit der Buchdeckel und eines Wortes in der Überschrift, sondern ist ein durch eigenes echtes Lesen begründeter starker Verdacht. Darüber hinaus lacht er still, wenn ich beim Durchstöbern immer mal daheim anrufe und frage, ob wir den einen oder den anderen Band von Fritz Leiber oder Michael Moorcock schon haben.

Beinahe immer kaufe ich etwas, wenn ich im Antiquariat bin. Manchmal so viel, dass der Rucksack fast platzt. Es gibt auch echte Buchhandlungen, wie „Hartliebs Bücher“, wo es sowohl was zum Lesen, als auch eine tolle Beratung gibt. Da kann man dann bei kompetenten Händlerinnen etwas Seltenes oder Vergriffenes bestellen und sie erklären einem auch, woran es liegt, wenn ein Buch mal nicht geliefert wird. Sehr interessant übrigens, die politische Ökonomie des Buchhandels.

Wo ich in letzter Zeit immer seltener einkaufe, ist im regulären Groß-Buchhandel. Ich gehe rein, aber ich kaufe nichts. Das hat etwas mit der Präsentation der Waren zu tun. Menschen, die Bücher lieben und aktiv lesen, mögen Bücherwände. Ein, für Laien, unübersichtliches Durcheinander von Buchrücken, Farben und Formen, das anziehend auf die wirkt, die etwas damit anfangen können. Ich entdecke gerne versteckte Schätze, komme wieder vorbei und finde noch beim ersten Mal Übersehenes. Stattdessen wird neuerdings alles ganz offen präsentiert. Es gibt keine Schätze mehr zu entdecken und weil die Sortimente sich zusehends auf Neuerscheinungen beschränken, weiß ich meist bereits aus der Zeitung was da liegt, und darüber hinaus wird das Angebot immer dünner.

Die neuen Buchhandlungen mögen Buchliebhaber nicht. Sie wollen Kunden anziehen. Nicht unbedingt solche Kunden, die aufgrund der Qualität des Angebots und der Vortrefflichkeit der Beratung 200 Euro dalassen, sondern stattdessen Kunden, die schnell wieder weg sind, wenig Fragen stellen oder nur wegen eines „Geschenkkartons“ vorbeikommen. Beim Morawa muss man sich durch eine Halle voller aktueller Zeitgeistliteratur kämpfen, dann kommt man zu den Comics und dann zur Motorrad- und Autofahrerzeitschrift. Lyrik gibt es, genau wie bei Thalia, in homöopathischen Dosierungen. Überall liegen dieselben Bände von Rilke und Bachmann, wobei Bachmann ja wirklich gut ist und also zurecht überall erhältlich ist. Rilke ja auch irgendwie, aber den müsst es nicht überall geben. Den schmeißen sie einem, wie den Hesse und den Brecht mit den drei bekannten Stücken, eh in jedem offenen Bücherschrank nach. Beim Thalia auf der Landstraße stehen alle möglichen Gebrauchsgüter zum Verkauf. Sie erhalten die Hauptaufmerksamkeit der Innendesigner des Shops. Die Bücher an der Wand wirken wie eine hübsche Nebensache. Wer liest schon Pierre Bourdieu? Der ist zwar unter „B“ angeschrieben, aber physisch vertreten ist er nicht. Sollen die Kunden doch eine neue Handy-Hülle kaufen und sich den Bourdieu bei Amazon bestellen. Der analoge Buchhandel hat in der Konkurrenz mit den digitalen Plattformen offenbar beschlossen, diese einfach physisch nachzubauen und zu hoffen, dass die Menschen den Unterschied irgendwann nicht mehr bemerken. Man hätte stattdessen auch das Service verbessern können. Aber was verstehe ich schon davon?

Im ersten Stock beim Morawa in der Abteilung nahe der Naturwissenschaft: Der Arbeitsplatz der zuständigen Händlerin ist zwischen Tarotkarten-, Wohlfühl- und Kochbüchern. Ich, völlig naiv und von Antiquariaten verwöhnt, frage, ob es ein Buch über die Geschichte der chemischen Industrie gibt. Sie, meine Naivität sofort erkennend, wirft den Kopf in den Nacken und lacht hellauf, bevor sie, kopfschüttelnd, aber verständnisvoll, wie wenn man mit einem kleinen Kind spricht, das gerade gefragt hat, wann der Nikolo kommt, zu mir sagt: „Nein natürlich haben wir so etwas nicht.“ – und sich wieder ihrer Lektüre des Online-Standard zuwendet. Es kommt ihr so abwegig vor, dass es so ein Buch geben könnte, dass sie nicht einmal die Flucht in die online-Recherche antritt, um mir dann zu sagen, dass sie mir ein so ungewöhnliches Buch nur bestellen kann, so wie ich das selbst wahrscheinlich hätte tun sollen. Ich nicke, weil mir bewusst wird, wie blauäugig ich an diese Situation herangegangen bin und wende mich zum Gehen, als sie sich doch dazu entscheidet heute zu arbeiten und mich darauf aufmerksam macht, dass es beim Regal über Naturwissenschaft (1 Regal Naturwissenschaft, 2 Regale Tarotkartenbücher) eine „Einführung in die Chemie für Dummies“ gibt. Ich bedanke mich und frage mich, ob es für die Buchhändler in der ehrwürdigen Buchhandlung mitten im 1. Bezirk eine Einführung in den Buchhandel für Dummies gibt. Ich lasse die Frage vorläufig unbeantwortet. Und es gibt dort auch wirklich sehr bemühte Menschen, die zumindest versuchen hilfreich zu sein. Auch wenn dabei, interessanterweise gerade beim Morawa, bisher noch selten etwas rausgekommen ist.

Ein anderes Mal beim Morawa suche ich nach einem Buch aus einer Serie, die auf einem Aufsteller angeboten wird. Da ich das spezielle Buch nicht finde, wende ich mich an eine Händlerin, die gerade im Gespräch mit einem Kollegen ist, und merke gleich, ich störe. Da ich wohlerzogen bin, signalisiere ich eine Wartehaltung und ziehe mich ein wenig zurück. Das Gespräch wird zu einem für die beiden akzeptablen Ende gebracht und die Dame wendet sich mir unter Aufbietung ihres gesamten Berufsethos zu und erwartet mit halb geschlossenen Augen, das Unvermeidliche. „Was kann ich für Sie tun?“ Freudig trage ich meine, wirklich herausfordernden, Kundenbedürfnisse vor: „Sie haben hier diese Buchserie mit verschiedenen Titeln. Ich habe online [Ich zeige ihr Titel auf meinem Handy Display] diesen spezifischen Titel gesehen und ihn beim Durchschauen jetzt aber nicht gefunden. Haben Sie den hier und ich habe ihn übersehen, oder können Sie ihn mir bestellen?“ Wir schlurfen zum Arbeitsplatz der Dame und es beginnt eine Google-Suche nach dem Buchtitel, wie sie wahrscheinlich seit Gründung des Unternehmens niemand mehr durchgeführt hat. Dementsprechend lange lässt das Ergebnis auf sich warten. „Meinen Sie das hier?“ Ich nicke und weise nochmal auf mein Handy-Display, auf dem das Ergebnis ihrer Recherche bereits vorweggenommen wurde, aber natürlich nicht professionell genug. Woraufhin sie die Bestelldatenbank öffnet und dort eine mittellange Suche startet, die zum Ergebnis hat, dass dieses Buch vergriffen ist. In meiner grenzenlosen Ahnungslosigkeit frage ich, ob man herausfinden kann, ob es einen Nachdruck geben wird, denn schließlich deckt der spezifische Titel ein Thema ab, das jetzt in dieser Buchreihe nicht mehr vorkommt. Worauf mir das Selbstverständliche erklärt wird, nämlich dass Bücher, nach denen es zu wenig Nachfrage gibt, aus dem Sortiment ausscheiden und dann halt nie wieder zurückkehren. Wieder was gelernt. Ich bin schockiert und möchte hier an alle appellieren, die das lesen: Hört nicht auf Thomas Brezina zu kaufen, sonst ist der weg! Dann gibt’s keine „Knickerbockerbande“ mehr und keine „99 heißen Spuren“ und keinen „Tom Turbo“! Ich bestell mir gleich die ganze Serie. Machts das auch, bitte.

Der ehemalige Kuppitsch ist ja jetzt ein Thalia. Das bedeutet, er ist halb ein Libro und Bastelgeschäft, und irgendwo dazwischen liegen, neben Geschenksverpackungen, Kalendern und Ansichtskarten, auch ein paar Bücher. Zur Weihnachtszeit wollte ich ein paar Klassiker kaufen zum Herschenken, aber ich hatte mich für obskure Werke aus der Vergangenheit entschieden, allesamt überflüssiger Plunder aus einer Welt von gestern, wie Tolkiens „Der Herr der Ringe“, irgendwas von Thomas Ligotti und egal welches von Philip K. Dick. Naja, also den „Herren der Ringe“ (die Hardcore Sadomaso Filmversion davon heißt übrigens „Der Herr der Inge“) gabs schon, aber nur in der deutschen Billigausgabe, wo der Karton zerbröselt, sobald man die Plastikhülle entfernt und ohne die schönen Karten. Egal, es gibt ja Alternativen. Thomas Ligotti habe ich mich nicht fragen getraut, weil ich, nach dem Erlebnis mit dem Chemiebuch beim Morawa eine Systemüberlastung befürchtet habe. Aber Philip K. Dick, dachte ich, kann ich wagen. „Haben sie Philip K. Dick?“ „Bitte was?“ „Philip K. Dick. A scanner darkly, Bladerunner, Total Recall, The Man in the High Castle, Minority Report.“ „Sagt mir nichts. Ich schau mal nach.“ … „Ahja, ja den gibt’s schon. Aber haben wir nicht da.“ „Ok danke.“ Ein schönes weihnachtliches Gespräch.

Aber egal. Ich hab dann zu Weihnachten was anders geschenkt. Jedenfalls war ich heute wieder unterwegs und in der Unterführung von der endlich wieder geöffneten U2 bei der Mariahilfer Straße ist ein Books, den ich mag, weil ich da Zufallsfunde machen kann, ähnlich wie im Antiquariat. Jedenfalls komme ich gut gelaunt wie immer herein und bin angetan von der freundlichen Zugewandtheit des sehr jungen Verkäufers, der auf einem lehnenlosen Drehsessel hinter der Kassa thront, wie ein schöner Kranich am See. Jedes Mal, wenn der Kranich sich erhebt, macht der Sessel langgezogene ächzende Geräusche, als wäre er traurig, dass der freundliche Hintern nicht mehr auf ihm sitzt. Guter Hoffnung, ob der bemerkenswerten Begrüßung, frage ich, „Habt ihr Philip K. Dick?“ Der Freundschaftskranich denkt kurz nach und teilt mir dann mit, er habe beim Einräumen der Bücher keinen Dick bemerkt, also hat er keinen. Ich denke mir: Gut, dann schaue ich einfach so durch, vielleicht findet sich ja spontan etwas anderes. Sage artig danke und beginne durchzuschauen. Nach 5 Minuten habe ich den auf dem Beitragsfoto abgebildeten Stapel an Dicks gefunden. A Scanner Darkly ist leider nicht dabei. Aber ich nehme sie trotzdem mit. Der Verkäufer meint beim Bezahlen nur: „Seltsam.“ Ich stimme ihm zu und denke mir, ich komme auf jeden Fall wieder. Ich werde ein Spiel daraus machen. Ich betrete den Laden, frage nach einer bestimmten Autorin und wenn ich die Auskunft erhalte, dass diese bestimmt nicht da ist, mache ich mich auf die Suche nach ihr. Ich freu mich schon drauf.