„Diese Stadt ist ein Schrei. Sie ist high und modern.“ Vom Drogenhotspot zum urbanen Kulturraum. Ein Gespräch mit Rabia Gürsoy über die Entwicklung der Drogenszene am Karlsplatz in Wien.

Stefan: Du schreibst, Städte sind Orte an denen soziale Probleme sichtbar werden. Woran liegt das?

Rabia: Städte sind irgendwo die größte Bühne für soziale Interaktionen. Es gibt große öffentliche Räume, in denen Menschen aus unterschiedlichsten Lebensrealitäten aufeinandertreffen. Genau an diesen Orten werden soziale Probleme sichtbar, weil auch marginalisierte Gruppen diese offenen Räume nutzen. Ein Großteil von Drogenkonsum passiert eigentlich im privaten Raum und bleibt damit unsichtbar, während sogenannte „offene Drogenszenen“ erst dann als Problem wahrgenommen werden, wenn sie im öffentlichen Raum stattfinden. Wenn nun immer dieselbe Gruppe an alkoholkonsumierenden oder drogenkonsumierenden Personen täglich an einem Ort präsent ist, wird das zwangsläufig von anderen Menschen wahrgenommen. Und genau ab dem Moment, wo etwas sichtbar wird, wird es auch gesellschaftlich problematisiert. Das hat also weniger damit zu tun, dass etwas passiert, sondern wo es passiert. Würde derselbe Konsum in den eigenen vier Wänden stattfinden, würde er kaum Aufmerksamkeit bekommen und wahrscheinlich auch nicht als soziales Problem diskutiert werden. Öffentliche Formen von Konsum wirken automatisch „problematischer“, obwohl Drogenkonsum eigentlich in allen sozialen Schichten vorkommt. Man vergleicht also einen sichtbaren, kollektiven Konsum im öffentlichen Raum mit einem unsichtbaren, individuellen Konsum im Privaten und bewertet ihn dadurch ganz anders.

Stefan: Ich seh am Karlsplatz junge Familien und Bobos beim Konsumieren. Was zeichnet einen urbanen Kulturraum aus?

Rabia: Wenn man jetzt von einem urbanen Kulturraum spricht, dann geht es nicht nur darum, dass dort Kultur im klassischen Sinn stattfindet (also Kunst, Musik etc.), sondern auch darum, wie dieser Raum sozial genutzt und wahrgenommen wird. Gerade am Karlsplatz sieht man das extrem gut. Der Ort war ja lange Zeit stark mit der offenen Drogenszene verbunden und wurde teilweise sogar als „Angstraum“ wahrgenommen. Ein urbaner Kulturraum ist also nicht einfach „da“, sondern wird aktiv produziert, durch Stadtplanung, durch politische Entscheidungen und auch durch die Menschen, die ihn nutzen. Und dabei spielt immer auch eine Rolle, welche Gruppen dort erwünscht sind und welche eher verdrängt werden.

Ein urbaner Kulturraum ist vor allem dicht besiedelt und genau dadurch ein Ort, an dem verschiedene Lebensstile aufeinandertreffen. Er wird nicht nur von einer bestimmten Gruppe genutzt, sondern von ganz unterschiedlichen Personen und auch auf ganz unterschiedliche Arten. Also nicht alle nutzen den Raum gleich, sondern je nach Lebensrealität, Ressourcen und Interessen. Am Karlsplatz gibt es eine Kopräsenz von ganz unterschiedlichen Gruppen: Tourist*innen, Jugendliche, Pendler*innen und auch Drogenkonsument*innen.

Junge Familien oder sogenannte Bobos die konsumieren, fallen im öffentlichen Raum meistens nicht negativ auf. Ihr Verhalten wird nicht als störend wahrgenommen, obwohl es im Kern vielleicht gar nicht so unterschiedlich ist.

Stefan: Die so genannten Bobos (David Brooks nannte sie „Kapitalisten der Gegenkultur“) sind völlig an die Konsumwelt assimiliert. Die Droge, die da konsumiert wird, ist meist Cannabis. Konsumfreie Zonen werden aber auch immer seltener. Zu beobachten momentan am Donaukanal, wo die konsumfreien Sitzplätze ohne Rückenlehne auskommen müssen und sich am äußeren Rand der umfangreichen Gastronomie befinden. Da sieht es um die Salztorbrücke mittlerweile aus wie auf der Reeperbahn in Hamburg.

Rabia: Das zeigt eigentlich ganz gut, dass dieser „inklusive“ urbane Kulturraum in der Realität oft doch ein Raum ist, der stärker für bestimmte soziale Schichten funktioniert als für andere. Ich kann es fast gar nicht anders sagen, aber das Stadtbild wird durch Bobos nicht „gestört“. Es gibt eben immer und überall Verhaltensregeln und soziale Normen. Wer diesen nicht entspricht, gilt als abweichend und wird dann auch schneller als störend wahrgenommen. Deswegen stören manche Menschen, obwohl sie dasselbe Verhalten zeigen, und andere eben nicht.

Stefan: Kannst du die soziologische Stadttheorie von Henri Lefebvre ein bisschen erklären?

Rabia: Eine Stadt ist nicht nur ein physischer Ort, sondern ein sozialer Raum. Genau das ist auch der zentrale Gedanke von Henri Lefebvre. Er sagt im Grunde, dass Räume ständig von Menschen produziert werden, beispielsweise durch Nutzung, durch Interaktionen und durch Bedeutungen, die wir ihnen geben.

Lefebvre spricht auch davon, dass Städte Orte von „künstlichen Vergnügungen“ sind. Damit meint er, dass viele Formen von Konsum und Freizeit, also auch Drogenkonsum, typisch für das urbane Leben sind. In meiner Arbeit wird das auch aufgegriffen: Drogen waren historisch eng mit städtischen Konsumkulturen verbunden und haben sich von eher privilegierten Gruppen aus verbreitet.

Wenn man das auf den Karlsplatz überträgt, sieht man, dass der Ort sich ja extrem verändert hat. Früher war er stark mit der offenen Drogenszene verbunden, heute wird er eher als Kulturraum wahrgenommen. Aber der physische Ort ist derselbe geblieben, verändert hat sich vor allem, wie er genutzt wird und welche Gruppen dort präsent sind. Der Raum wurde neu „produziert“. Also durch Stadtplanung, durch politische Maßnahmen, aber auch durch gesellschaftliche Vorstellungen davon, was dort stattfinden soll und was nicht. Dabei spielen auch Machtverhältnisse eine Rolle. Nicht alle Gruppen können den Raum gleich stark prägen. Manche Nutzungen werden gefördert, während andere verdrängt werden.

Stefan: „Diese Stadt ist ein Schrei. Sie ist high und modern. Alle lieben den Duft. Alle haben sie gern.“ Singt der Falco 1985. Am Karlsplatz gab es damals eine so genannte „Offene Drogenszene“. (Was ist eine offene Drogenszene?) Sind diese Szenen international vergleichbar? Sozusagen globalisiert worden? Oder gabs/gibt’s da eine lokale Besonderheit in Wien?

Rabia: Eine „offene“ Drogenszene bedeutet grundsätzlich, dass sie im öffentlichen Raum stattfindet. Sie ist also sichtbar und beobachtbar. Wenn ich mir jetzt jede Woche Leute nach Hause einlade und dort Drogen konsumiere, kaufe oder verkaufe, dann passiert das im Privaten. Sobald sich diese Szene aber in den öffentlichen Raum verlagert, wird sie automatisch Teil des öffentlichen Diskurses. Da stellt sich natürlich die Frage: Warum konsumieren Menschen überhaupt in der Öffentlichkeit? Und da kommt wieder der soziale Aspekt rein. Gerade marginalisierte Gruppen haben oft gar nicht die Möglichkeit, ihren Konsum im privaten Raum zu organisieren. Öffentliche Räume sind für sie oft die einzigen Orte, an denen sie sich aufhalten können und wo soziale Teilhabe überhaupt möglich ist.

Ganz so eindeutig ist diese Trennung zwischen privat und öffentlich aber eigentlich nicht. Auch Konsum im privaten Raum kann plötzlich sichtbar oder zumindest spürbar werden. In Wien hat sich zum Beispiel eine Familie darüber beschwert, dass aus der Nachbarwohnung ständig Cannabisrauch über die Lüftung in ihre Wohnung zieht.[1] Der Konsum findet dort eigentlich im Privaten statt, also genau dort, wo er normalerweise nicht problematisiert wird. Aber in dem Moment, wo andere direkt davon betroffen sind, verschiebt sich das Ganze.

Gleichzeitig zeigt der Fall aber auch, dass selbst dann nicht sofort eingegriffen wird. Trotz Beschwerden und Kontakt mit Behörden passiert offenbar lange Zeit wenig, und am Ende entsteht eher der Eindruck, dass die Betroffenen selbst aktiv werden müssen. Das wirft für mich schon die Frage auf, wann Konsum überhaupt als relevant genug gilt, um kontrolliert zu werden. Es scheint weniger davon abzuhängen, ob etwas erlaubt oder verboten ist, sondern eher davon, wie sichtbar oder störend es wahrgenommen wird.

Stefan: Und wahrscheinlich auch von wem es als störend wahrgenommen wird. Die Geschichte mit der Familie, die vom Cannabis-Rauch der Nachbarn gestört wurde, findet in Meidling in einem Gebäude statt in dem die Wohnungen eng nebeneinander liegen und offenbar mittels Lüftungsschächten verbunden sind. In einem Altbau mit großen Wohnungen ergibt sich dieses Problem vielleicht gar nicht.

Rabia: Zur Frage, ob das ein globales Phänomen ist: Ich würde sagen ja. Offene Drogenszenen gibt es weltweit, auch wenn sie je nach Stadt oder Land unterschiedlich ausgeprägt sind. Aber im Grunde findet man fast überall bestimmte Orte, die mit Drogenkonsum und -handel assoziiert werden. Allein beim Reisen wird man oft gewarnt, bestimmte Viertel oder Straßen zu meiden, aufgrund der „Drogenszenen“.

Diese Vorstellung von der „high(en) und modernen“ Stadt beschreibt auch schön eine intensive, schnelle, konsumorientierte Stadt. Die Stadt lebt von diesen Versprechen von Freiheit und Konsum, aber gleichzeitig werden bestimmte Formen davon nicht akzeptiert. Während zum Beispiel Alkohol- oder Partykultur oft als Teil urbaner Lebensweise gelten, wird sichtbarer Drogenkonsum von marginalisierten Gruppen schnell als störend oder problematisch markiert.

Stefan: Zu der Zeit als Falco das geschrieben hat, war der Mainstream in Wien ja ganz offen am Alkoholismus orientiert. Saufen konnte man immer schon rund um die Uhr. Auch wenn‘s eine Sperrstunde gab und die Stadt meistens ab 22 Uhr fast ganz tot war. In Wien gilt ja bis heute die Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr. Finde ich durchaus sympathisch. Vor allem, weil sich eh niemand mehr wirklich dran hält. Aber früher war das ein Disziplinarmittel. Mit der Hausbesorgerordnung von 1922 wurde erstmals das Recht auf einen eigenen Haustorschlüssel bundesgesetzlich verankert. Davor hatten die Mieter keinen Anspruch auf einen Schlüssel und waren nach der Sperrstunde (meist 21:00 oder 22:00 Uhr) auf den Hausmeister angewiesen.

Der Name „Sechserl“ bezog sich ursprünglich auf sechs Kreuzer (den sechsten Teil eines Guldens). In der Ersten Republik stieg die Gebühr inflationsbedingt an; man zahlte dann oft 50 Groschen, was im Volksmund zum Begriff „Nachtschilling“ führte. Obwohl das System offiziell abgeschafft war, gab es in Wien noch lange Zeit Verordnungen, die Gebühren für das Aufsperren regelten, falls man dennoch keinen Schlüssel hatte. So wurde die Höhe des Sperrsechserls in Wien laut Wikipedia noch 1969 per Verordnung auf neun bis 13 Schilling festgesetzt. Wenn der Hausmeister ein Tyrann war oder tief geschlafen hat, ist man halt nicht reingekommen. Abgesehen davon, dass es als unschicklich galt „so spät“ noch außer Haus zu sein.

Du argumentierst Drogenszenen sind nicht nur Orte des Konsums, sondern auch soziale Räume, in denen bestimmte Verhaltensregeln gelten. Das erinnert an Pierre Bourdieu, oder?

Rabia: Alles, was ich bisher über den öffentlichen Raum und Drogenszenen in Städten beschrieben habe, lässt sich eigentlich sehr gut mit Pierre Bourdieu erklären. Wie er sagt, gibt es nicht nur den physischen Raum, sondern auch einen sozialen Raum. Das heißt: Es geht nicht nur darum, wo man sich befindet, sondern auch wer man ist und mit welchen Voraussetzungen man dort auftritt.

Wir alle haben eine bestimmte soziale Position, und unsere Handlungsmöglichkeiten passen sich oft daran an. Dabei spielen verschiedene Kapitalarten eine Rolle, also ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Diese bestimmen mit, wie wir uns im Raum bewegen können, wie wir wahrgenommen werden und wo wir überhaupt „reinpassen“.

Auch im öffentlichen Raum, und eben auch im Kontext von Drogenkonsum, wirken ständig soziale Regeln. Es gibt Vorstellungen davon, welches Verhalten „okay“ ist und welches nicht. Und das hängt stark davon ab, wer dieses Verhalten überhaupt zeigt. Also die Abgrenzung zwischen sozialen Gruppen. Und die passiert nicht nur über Geld, sondern auch über Habitus, also über Körpersprache, Auftreten, Kleidung, Lautstärke oder einfach darüber, wie man sich im Raum bewegt.

Zwei Personen können am selben Ort sein und sich trotzdem komplett unterschiedlich erleben. Für die einen ist der Karlsplatz ein angenehmer Treffpunkt oder Kulturraum. Für andere ist er ein Ort, an dem sie sich beobachtet, fehl am Platz oder sogar unerwünscht fühlen. Auch die Gestaltung des Raumes spielt somit mit rein.

Stefan: In deinem Text entwickelst du eine interessante Idee. Du verbindest die Städteentwicklung mit der Drogenentwicklung. Vielleicht eine Industrialisierungsgeschichte des Drogenkonsums?

Rabia: Ich würde sagen, in einer Weise schon. Drogenkonsum gehört nicht automatisch zu Städten, aber die Entwicklung von Städten, vor allem im Zuge der Industrialisierung, hat Bedingungen geschaffen, unter denen sich Drogenkonsum ganz anders entfalten konnte.

Mit der Industrialisierung wurden Städte zu Orten von verdichteter Arbeit, sozialer Ungleichheit, aber auch von neuen Freizeit- und Konsummöglichkeiten. Es entstehen Märkte, Mobilität nimmt zu, Menschen leben enger zusammen, Beziehungen werden anonymer, all das sind Faktoren, die auch für die Entwicklung von Drogenkonsum und Drogenszenen relevant sind.

Man könnte also sagen, dass Drogenkonsum eng mit anderen ökonomischen Entwicklungen verbunden ist. Mit der Industrialisierung entstehen neue Formen von Produktion und Handel und damit auch neue Märkte für psychoaktive Substanzen. Gleichzeitig verändern sich Lebensrealitäten: Arbeitsdruck, soziale Unsicherheit, aber auch neue Formen von Freizeit und Konsum spielen eine Rolle.

Dabei geht es aber nicht nur um Konsum, sondern auch um Kontrolle. Mit der Entwicklung moderner Städte entstehen auch neue Formen von Regulierung. Bestimmte Substanzen werden erlaubt, andere verboten. Bestimmte Formen von Konsum werden akzeptiert, andere stigmatisiert. Es gibt schon so etwas wie eine Verbindung zwischen Städteentwicklung und einer „Geschichte des Drogenkonsums“, aber nicht im Sinne einer einfachen Ursache-Wirkung-Beziehung. Eher im Sinne davon, dass sich beides gegenseitig beeinflusst. Städte schaffen die Bedingungen, unter denen sich Drogenmärkte, Konsumformen und auch deren gesellschaftliche Bewertung entwickeln.

Stefan: Deine Beobachtung ist, dass soziale Problemlagen, insbesondere die Situation von Drogenkonsument*innen, in den stadtplanerischen Konzepten kaum berücksichtigt wurden. Der Fokus lag primär auf ästhetischer, funktionaler und sicherheitspolitischer Aufwertung, während marginalisierte Gruppen kaum Teil der Planung waren. Das betrifft übrigens auch immer noch Menschen mit Behinderungen sehr stark. Barrierefreiheit ist nicht damit erreicht, dass es in (beinahe) allen U-Bahn-Stationen einen Aufzug gibt.

Hat das auch etwas mit dem Publikum zu tun, das man an solchen Kulturorten anziehen will? Ergibt sich daraus eine Klassenfrage?

Rabia: Irgendwie möchte ich gar nicht so pessimistisch oder zu „marxistisch“ klingen, aber am Ende ist es schon auch eine Klassenfrage. Also nicht nur im klassischen Sinne von Geld, sondern auch im Sinne von sozialem und kulturellem Kapital. Stadtplanerische Konzepte wirken auf den ersten Blick oft neutral, es geht um Begriffe wie Verbesserung, Modernisierung oder Aufwertung. Aber wenn man genauer hinschaut, richten sich viele dieser Maßnahmen eher an einkommensstärkere und sozial privilegierte Gruppen. Räume werden ästhetisiert, sicherer gemacht, „attraktiver“ gestaltet aber eben für ein bestimmtes Publikum. Das führt dazu, dass ein öffentlicher Raum, der eigentlich für alle da sein sollte, so verändert wird, dass sich manche Gruppen dort weniger aufhalten können oder wollen. Formal bleibt er offen, praktisch wird er selektiver. Gerade am Karlsplatz sieht man das gut. Die Entwicklung hin zu einem Kulturraum war kein neutraler Prozess, sondern auch eine bewusste Umgestaltung des Publikums. Eine sichtbare Drogenszene passt nicht zum Image eines kulturell aufgewerteten, repräsentativen Ortes. Ich würde aber auch sagen, dass Stadtplanung nie einfach einen fertigen Raum schafft. Sie gibt eher einen Rahmen vor. Planung setzt zwar gewisse Rahmenbedingungen, also wie der Raum aussieht, wie er genutzt werden soll, welche Angebote es gibt. Aber was dort tatsächlich passiert, entscheidet sich erst durch die Menschen, die ihn nutzen.

Stefan: Um jetzt nicht zu marxistisch zu klingen, könnten wir dazu auch Anarchisten ins Feld führen, wie den Fürsten (sic) Pjotr Kropotkin, oder Colin Ward und Murray Bookchin. Sie setzten in ihren Überlegungen zur Geographie, zu einem anarchistischen Urbanismus, und zur Sozialökologie auf Selbstverwaltung, Dezentralisierung und die Überwindung hierarchischer Strukturen. Ihre Konzepte versuchen Räume basisdemokratisch zu gestalten, kollektive Nutzung zu fördern, statt privaten Besitz und eine direkte Beteiligung der Bewohner an Planungsprozessen zu ermöglichen. Projekte wie Elektrizitätsgenossenschaften oder gemeinschaftliche Stadtgärten spiegeln diese Prinzipien wider.

Rabia: Bis vor kurzem habe ich noch in Linz gelebt, und dort gibt es die Turmstraße, die als eine der bekanntesten Drogenszenen gilt. Vor etwa einem Monat kam es dort zu rund 85 Festnahmen, und angeblich soll eine ganze Familie in die Organisation der Szene involviert gewesen sein. Was ich dabei interessant finde, ist, dass es eigentlich schon lange kein Geheimnis mehr war, dass sich dort eine „Drogenszene“ befindet. Viele wussten das, es wurde auch im Alltag so wahrgenommen. Trotzdem hat es Jahre gedauert, bis so massiv eingegriffen wurde. Und als es dann passiert ist, war eigentlich niemand wirklich überrascht. Das wirft für mich genau die Frage auf, die auch in meiner Arbeit zum Karlsplatz mitschwingt. Wann wird etwas überhaupt als Problem wahrgenommen und wann wird gehandelt? Oft scheint es so zu sein, dass nicht die Existenz der Szene entscheidend ist, sondern ihre Sichtbarkeit und ihre symbolische Bedeutung. Die Turmstraße liegt ja nicht direkt im Zentrum oder in einem stark repräsentativen Raum. Im Gegensatz dazu steht ein Ort wie der Karlsplatz, der gleichzeitig Verkehrsknotenpunkt, Kulturraum und öffentlicher Treffpunkt ist. Man könnte also sagen, dass es einen Unterschied macht, wo eine Drogenszene ist. Wenn sie sich in einem weniger zentralen oder weniger „repräsentativen“ Raum befindet, wird sie vielleicht länger toleriert oder weniger stark reguliert. Sobald sie aber näher an Orte rückt, die für das Stadtbild wichtig sind, steigt der Handlungsdruck.

Diese Dynamik sieht man auch aktuell in Wien. Rund um die Gumpendorfer Straße wurde eine neue Schutzzone eingerichtet, um den Drogenhandel dort einzudämmen.[2] Aber gleichzeitig wird auch davon ausgegangen, dass sich die Szene dadurch eher verlagert als wirklich verschwindet. Interessant ist auch, dass dort ganz bewusst mit einer Mischung aus Polizei und Sozialarbeit gearbeitet wird. Sozialarbeiter*innen sollen neue Aufenthaltsorte erkennen und darauf reagieren, während gleichzeitig die Kontrolle verstärkt wird.

Dabei wird auch ziemlich offen gesagt, dass es eigentlich unrealistisch ist, Drogenkonsum oder -handel in einer Großstadt komplett zu verhindern. Es geht also weniger darum, dass das Problem verschwindet, sondern eher darum, wie damit umgegangen wird, sodass für andere möglichst wenig „Störung“ entsteht. Im Mittelpunkt steht oft nicht der Mensch, der konsumiert, sondern das Umfeld, das möglichst wenig beeinträchtigt werden soll. Also das Wohlergehen der „anderen“, nicht unbedingt die Lebensrealität der Betroffenen selbst. Gleichzeitig wird aber mit sozialarbeiterischen Maßnahmen gearbeitet und auch argumentiert. Das wirkt ein bisschen widersprüchlich, weil Sozialarbeit ja eigentlich darauf abzielt, Menschen zu unterstützen und nicht nur Räume „ruhiger“ zu machen.

Gerade Orte wie Bahnhöfe spielen da eine wichtige Rolle. Sie sind öffentliche Räume, aber oft auch Rückzugsorte für Menschen, die sonst keinen sicheren Ort haben. Ich bin selbst über längere Zeit zwischen Linz und Wien gependelt und habe den Westbahnhof oft erlebt. Natürlich fallen dort alkoholkonsumierende Menschen auf, und ja, es riecht manchmal unangenehm. Aber gleichzeitig sind viele einfach da, sitzen, schlafen oder essen, also eigentlich ganz alltägliche Dinge, nur unter anderen Umständen. Das hat mich persönlich weniger gestört, als es oft dargestellt wird.

Stefan: Das ist ein wichtiger Punkt. Es geht bei der Drogenpolitik sehr oft um Sichtbarkeit und symbolische Bedeutung! Gleichzeitig tut der österreichische Staat auch viel zu wenig, um dem von ihm als „problematisch“ geframten Drogenkonsum wirksam entgegenzuwirken. Wir sind ja im sozialen Bereich mit einem beispiellosen Sparzwang konfrontiert. Gerade Drogenarbeit wird gerade stark eingespart. Und Alternativen zum kleinen Glück, das aus einem Drogenrausch entstehen kann, gibt es in unserer Arbeitswelt viel zu selten. Wie schätzt du die Rolle der Sozialarbeit ein? Kann sie gegensteuern? Welchen Beitrag könnte sie für die zukünftige Entwicklung in Bezug auf die Stadtplanung leisten?

Rabia: Ich denke, soziale Arbeit ist grundsätzlich extrem wichtig. Sie ist oft einer der wenigen Wege, um einzelne Menschen konkret zu unterstützen, zu begleiten und überhaupt in Kontakt zu bleiben. Gerade im Bereich von Drogenkonsum oder marginalisierten Gruppen geht es ja nicht nur um „Problemlösung“, sondern oft einfach darum, Stabilität zu schaffen, Beziehungen aufzubauen und überhaupt Handlungsspielräume zu eröffnen. Warum dann ausgerechnet in solchen Bereichen oft zuerst gespart wird, wäre eigentlich schon eine eigene Fragestellung wert. Vor allem, weil ich finde, dass die Rolle der Sozialarbeit nicht kleiner, sondern eher größer wird. Gerade an Orten wie dem Karlsplatz zeigt sich, dass sie eine zentrale Funktion übernimmt. Ich würde deshalb sagen, dass Sozialarbeit mehr als nur „Hilfe“ ist. Sie vermittelt zwischen unterschiedlichen Gruppen, reagiert auf Konflikte im öffentlichen Raum und schafft überhaupt erst Möglichkeiten für Teilhabe.

Sozialarbeit hat aber auch das Potenzial, aktiv in Stadtentwicklung einzugreifen. Gerade weil sie so nah an den Lebensrealitäten der Menschen ist, kann sie sichtbar machen, welche Bedürfnisse im öffentlichen Raum oft übersehen werden. Für die Zukunft würde ich sagen: Sozialarbeit könnte eine viel stärkere Rolle spielen, wenn sie nicht nur „reagiert“, sondern auch in Planungsprozesse eingebunden wird. Also nicht erst dann kommt, wenn Probleme sichtbar werden.
Aber auch nicht jeder Drogen-Hotspot wird gleich behandelt. Wenn ich das mit meinem Beispiel aus Linz zusammendenke, wird diese Rolle der Sozialarbeit nochmal anders sichtbar. Dort hatte ich nicht den Eindruck, dass es eine starke oder kontinuierliche sozialarbeiterische Präsenz im öffentlichen Raum gibt, zumindest nicht in einer Weise, die wirklich wahrnehmbar oder prägend wäre. Das kann natürlich auch mit Ressourcen oder strukturellen Bedingungen zusammenhängen. Gleichzeitig entsteht aber genau dadurch die Frage, ob solche Orte nicht gerade deshalb lange „unter dem Radar“ bleiben und erst dann stärker in den Fokus rücken, wenn sie eskalieren oder repressives Eingreifen notwendig wird. Im Vergleich dazu wirkt der Karlsplatz fast wie ein Gegenmodell: Dort ist Sozialarbeit, zumindest zeitweise, Teil des Raumes selbst, also sichtbar, ansprechbar und auch vermittelnd zwischen unterschiedlichen Gruppen. Da denke ich mir dann, wenn sich so eine Szene näher am Stadtzentrum oder in einem „repräsentativen“ Raum befinden würde, wäre der Handlungsdruck wahrscheinlich viel größer, sowohl politisch als auch medial.


[1] https://www.heute.at/s/nachbarn-kiffen-pausenlos-frau-haelt-geruch-nicht-aus-120189302, abgerufen am 05.05.2026.

[2] https://www.derstandard.at/story/3000000318787/neue-schutzzone-gegen-drogenhandel-in-wien-droht-eine-verlagerung-der-szene, abgerufen am 05.05.2026.

Die Wienwahl-Shitshow

Also wir haben eine regierende SPÖ, für die es in Wien keinerlei Probleme gibt und alles superfein ist. Und zwar so superfein, dass sie auch bei den übelsten Menschenrechtsverletzungen nicht darüber nachdenkt ihre Kooperationspartner bei den türkischstämmigen Faschisten zu wechseln.

Aber allgemein ist das Bild bei der Wienwahl nicht hübsch. Das Profil schreibt: „Drei von sieben Wiener Spitzenkandidaten und ein Bezirkschef werden von der Justiz als Beschuldigte oder Angeklagte geführt. Der Wahlkampf läuft trotzdem weiter, als wäre nichts passiert.“ Unter den Beschuldigten ist auch Ernst Nevrivy, ein Bezirkschef der SPÖ. „Ihm wird vorgeworfen, Insiderinformationen über Bauvorhaben der Stadt an die Wienwert-Manager durchgestochen zu haben – sodass diese einen Wettbewerbsvorteil beim Kauf von Grundstücken hatten, die später im Wert stiegen. Als Gegenleistung soll Nevrivy VIP-Tickets für Fußballspiele erhalten haben.“ Dabei ist Nevrivy theoretisch auf Bewährung, war er doch bereits einer der Hauptdarsteller in der Kleingartenaffäre Ende 2023.[1]

Aber die Alternativen sind auch mau. Eine „Opposition“ unter Anführungszeichen.

Eine ÖVP, die als Wienfiliale der „Huren der Reichen“ die Sperrung der Bundesgärten für die Wiener während Corona mitgetragen hat. Die elitär und spießbürgerlich die Nase rümpft über Arme und neue Wiener und ständig an der Grenze zum offenen Rassismus kampagnisiert. Etwa bei der „Besichtigung“ des Brunnenmarktes usw. Deren Vorsitzender Karl Mahrer wurde, laut Profil, „im Februar von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) in der Causa um die insolvente Immobiliengesellschaft Wienwert angeklagt“. Kandidieren tut er natürlich trotzdem. Anstand sollen gefälligst die anderen haben. Damit Leistung (ob tatsächlich getätigte, oder auch nur symbolische) sich wieder auszahlt.

[Achtung! Triggerwarning für Kapitalismusfans!!] Die NEOS sind Neo(liberale). Wobei der Fokus auf Neo und nicht auf liberal liegt. Liberal sind sie nur, wenns den Interessen des Kapitals entspricht. Aber, wer braucht eine Partei die auf Landesebene die Interessen von globalen Kapitalisten umsetzen will? Die im Wahlprogramm auf Unternehmensseite Deregulierung und auf Arbeitnehmerseite Flexibilität durchsetzen will? Die eine Schuldenbremse fordert, statt [Trigger incoming!!!] das gute Leben für alle und dabei Pensionen und Sozialbezüge kürzen will, und noch dazu die Leerstandsabgabe ablehnt?

Nicht einmal auf die FPÖ kann man sich mehr verlassen. Für Wählerstimmen schämt sie sich nicht mit türkischen und sonstigen minoritären Faschisten zu kooperieren. Darüber hinaus, wen wunderts, laufen gegen Wiens FPÖ-Chef Dominik Nepp, laut Profil, Ermittlungen in der blauen Spesenaffäre, aber wie das so ist, wenn man Geld und Einfluss hat, zieht sich das Verfahren bereits seit der Wien-Wahl 2020.

Der Strache ist wieder zurück. Ich mein, das ist selbsterklärend. Nur hat er weder „Sagen aus Wien“ (Wienwahl 2010) im Gebäck, noch wirkt sein Charme so frisch wie damals.

Dann gibt es noch eine von Austrotürken dominierte Partei namens SÖZ, die bewusst antisemitische Stimmung schürt, indem ständig der Nahostkonflikt ins Gespräch gebracht wird, egal um welches Thema es geht. Deren Ableger namens „Liste Gaza“ mit klarer Pro-Hamas und Anti-Israel Agenda auftritt und die Frage aufwirft: Was hat eine Partei mit thematischem Fokus auf „Gaza“ im Gemeinderat in Wien zu suchen? Aber abgesehen davon dürften sie auf dem Standpunkt Erdogans stehen, der einmal bekanntermaßen verlautbart hat Integration sei Assimilation. Denn sie votieren, gemeinsam mit den Grünen, dafür, etwa bei der Führerscheinprüfung auf Deutsch als Prüfungssprache zu verzichten. Das Argument für die Prüfung in weiteren Sprachen, die „Sprachbarriere erschwer(e) den Zugang zum Arbeitsmarkt“, klingt zunächst ganz gut, denn natürlich gibt es Jobs, bei denen ein Führerschein notwendig ist. Aber gibt es nicht viel mehr Jobs bei denen zumindest Grundkenntnisse der deutschen Sprache absolut notwendig sind? Und sollte nicht jeder, der hier lebt und mit dem Auto fährt, Deutsch so weit beherrschen, dass er sich in einer Verkehrskontrolle verständlich machen kann? Hier wird Klientelpolitik unter dem Deckmantel der offenen Gesellschaft betrieben. Ein Bärendienst für das gelingende Zusammenleben aller Österreicher.

Und dann gibt’s natürlich noch den Zusammenschluss der Linken, wo sich alle versammeln, die in Wien ohnehin nicht gewählt werden. Die betreiben zwar eine achtbare Sozialpolitik und sind bei weitem die am wenigsten korrupte, sowie authentisch glaubwürdigste Ansammlung von politisch aktiven Individuen mit einer klaren Einstellung zur politischen Arbeit. Aber gleichzeitig haben da viele Mitglieder, vor allem von der KPÖ, in Bezug auf wichtige politische Themen, vermutlich inspiriert durch Jahre der RT-Propaganda, völlig den Faden verloren und äußern sich dementsprechend. Da gibt es den dummpazifistischen Putin-Fetischismus, der den imperialen Eroberungskrieg, den Russland in der Ukraine führt, als legitime Abwehr von NATO und Kapitalismus wahrnimmt und im Grunde der Meinung ist, dass jeder, der vor dem Einmarsch einer faschistischen Armee nicht sofort kapituliert ein „Kriegstreiber“ ist. Der also nicht nur eine saftige Täter-Opfer-Umkehr betreibt, sondern auch irgendwie der Meinung zu sein scheint, der putin‘sche Gangsterkapitalismus wäre eine Antwort auf den demokratisch und rechtstaatlich zumindest minimal eingehegten Kapitalismus in Westeuropa. Gleichzeitig (!) (und das ist besonders makaber) herrscht bei manchen der vollausgeprägte antiimperialistischen Wahn vor, der beim Krieg Israels gegen die Hamas, entgegen der Position zur überfallenen Ukraine, die Kriterien zur Bestimmung von Täter und Opfer diametral gegenteilig vornimmt. Täter ist natürlich der jüdische Staat.

Für die gute Sozialpolitik nimmt man also eine Partei in Kauf, deren Mitglieder teilweise unklare Positionen zum Existenzrecht Israels und der Ukraine und der Sicherheit von Juden in Wien haben. Und sich irgendwie nicht so recht zum demokratischen Rechtstaat bekennen wollen, weil der das Kapitalverhältnis aufrechterhält. Eine theoretische Position, die vom Minimum an Freiheit absieht, um die Möglichkeit der Revolution nicht aus den Augen zu verlieren? Eine Position jedenfalls, die unterschlägt, dass es schon einen Unterschied macht, wo diese Regimekritik geäußert wird. In Putins Russland stürzt man für solche Äußerungen über die lokale Herrschaft mit einer schweren Vergiftung aus dem Fenster eines Wolkenkratzers. Oder wird, so wie die 19-jährige Darya Kozyreva für das Verfassen eines Gedichtes drei Jahre in ein Straflager gesperrt. In Österreich kandidiert man für den Landtag. Wo wir dann schon wieder bei der KPÖ wären. Und die wirbt bekanntlich mit dem Slogan „Ludwig g ́winnt eh“.

Den Wandel hats zerlegt. Der muss seine weitgehend passablen politischen Ansätze im Linksverband verwässern, damit er überhaupt irgendwo auf der Liste steht.

Und die Grünen. Ja also die Grünen. Was soll ich sagen? Die Vassilakou haben sie überlebt. Den Chorherr sind sie losgeworden. Den Öztas haben sie suspendiert. Die Schilling hat nach oben versagt und ist deshalb auch nicht mehr ihr Problem. Nebenbei machen sie die schönsten Radwege und pflanzen Bäume. Ich mag auch Fußgängerzonen, und ich möchte das mittelfristig alle Autos aus der Stadt verschwinden. Aber machen mich die Grünen deshalb glücklich? Nein. Sie schauen nur gut aus, weil der Rest der politischen Landschaft in Wien völlig daneben ist.


[1] Alle Infos zu korrupten Wiener Politikern aus Profil: https://www.profil.at/oesterreich/skandal-egal-bei-der-wien-wahl-kandidieren-viele-beschuldigte/403032224

Social Witchcraft ein Gespräch über Hexen auf TikTok mit Lisa Dorner

Stefan: Du hast für deine Masterarbeit Hexen und die von ihnen auf TikTok präsentierten Inhalte erforscht. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Lisa: Ich bin durch zwei Faktoren auf das Thema gestoßen: Einerseits habe ich selbst immer wieder in meiner „privaten“ Social-Media-Nutzung die spirituelle Seite von TikTok kennengelernt und fand sie schon damals sehr faszinierend. Andererseits habe ich ein Seminar besucht mit dem Namen „Verfluchte Ökonomien“, das sich mit okkulten Vorstellungen in einem globalen Entwicklungsdiskurs auseinandergesetzt hat. Im Zuge meiner Abschlussarbeit für das Seminar, habe ich beschlossen diese Dinge zu verknüpfen, und weil ich das Gefühl hatte, es gibt noch mehr dazu zu forschen, habe ich schließlich auch meine Masterarbeit diesem Thema gewidmet.

Stefan: Wie kann TikTok am besten erforscht werden?

Lisa: TikTok ist ein digitaler Raum, in dem verschiedene Menschen und Unternehmen, die alle unterschiedliche Zwecke verfolgen, aufeinandertreffen. Um die Dynamiken die sich auf so einer komplexen Plattform zu verstehen, habe ich mich für eine qualitative Forschung entschieden, die mir erlaubt, möglichst tief in die Materie einzudringen. Für meine Arbeit habe ich mich für die digitale Ethnographie entschieden. Das ist eine Forschungsmethode, die das Verhalten und die Interaktionen von Online-Communitys untersucht. Besonders bei Social-Media-Phänomenen wie WitchTok erlaubt sie, digitale Rituale und Identitätskonstruktionen zu analysieren. Teilnehmende Beobachtung und Plattformanalysen sind zentrale Methoden, um in meiner Arbeit digitale Hexenpraktiken nachzuvollziehen. Die Methode umfasst verschiedene Techniken zur Datensammlung, darunter Inhaltsanalysen von Postings, Kommentare und Hashtags, sowie visuelle Analysen von Bild- und Videomaterial, um digitale Gemeinschaften und ihre Dynamiken zu verstehen. Plattformen wie TikTok stellen hierbei besondere Herausforderungen dar, da Algorithmen Inhalte nicht chronologisch, sondern personalisiert ausspielen. Dadurch kann sich die Rezeption von Daten je nach Nutzer:in stark unterscheiden.

In der digitalen Ethnographie wurde gezieltes Sampling von TikToks bzw. TikTok-Accounts angewendet, das sich an relevanten Hashtags, Algorithmen und Community-Strukturen orientiert. Im Falle dieser Arbeit wurden Accounts untersucht, die unter dem Hashtag #WitchTok aktiv sind und von Menschen geführt werden, die sich selbst als Hexen bezeichnen. Diese Methode ermöglicht es, digitale Subkulturen zu erfassen und Trends innerhalb der Community zu dokumentieren​.

Die Ergebnisse der digital-ethnographischen Forschung werden durch Screenshots und analytische Reflexionen dokumentiert. Dies ermöglicht eine Verknüpfung zwischen theoretischen Konzepten und beobachteten Online-Praktiken​.

Stefan: Von welchen theoretischen Prämissen bist du ausgegangen?

Lisa: Silvia Federici analysiert in ihrer Arbeit die historische Rolle der Hexenverfolgung im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Sie argumentiert, dass die Hexenjagden nicht nur Ausdruck patriarchaler Unterdrückung waren, sondern gezielt zur Disziplinierung und Kontrolle weiblicher Arbeitskraft eingesetzt wurden. In der frühen Neuzeit, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert, dienten die Hexenprozesse dazu, Frauen in traditionelle, untergeordnete Rollen zu drängen und ihre wirtschaftliche sowie soziale Unabhängigkeit zu unterbinden​. Die Auswirkungen dieses gewaltvollen Prozesses sind bis heute bemerkbar.

Federici beschreibt die Hexenjagden als eine Methode der ursprünglichen Akkumulation, die Karl Marx als Voraussetzung für das Entstehen des Kapitalismus definierte. Während Marx sich auf die Enteignung der Bauern und die koloniale Ausbeutung konzentrierte, zeigt Federici, dass Frauen durch die Hexenverfolgung ihrer reproduktiven Arbeit und ihres Wissens beraubt wurden. Besonders betroffen waren Frauen, die außerhalb patriarchaler Strukturen lebten – Heilerinnen, Hebammen und unverheiratete Frauen. Die Verfolgungen dienten dazu, Frauen in das kapitalistische Wirtschaftssystem zu zwingen, indem sie in abhängige, unbezahlte Reproduktionsarbeit gedrängt wurden​.

Stefan: Wie kommst du von der ursprünglichen Akkumulation zu TikTok?

Lisa: Soziale Netzwerke sind kapitalistische Plattformen, die von Unternehmen gesteuert werden, deren Ziel Kapitalakkumulation ist. Das bedeutet, sie sind das direkte Produkt kapitalistischer Strukturen und eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Akkumulation. Social-Media-Plattformen sind keine luftleeren Räume, sondern reproduzieren gesellschaftliche Strukturen und gehören dementsprechend zu einer modernen entwicklungspolitischen Forschung.

Inhaltlich habe ich mich auf die Ansätze von Donna Haraway gestützt. Sie entwickelte das Bild des Cyborgs als eine postmoderne Identität, die die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Natur und Technik, auflöst. Technofeministische Ansätze heben hervor, dass Technologie nicht neutral ist, sondern geschlechtsspezifische Machtverhältnisse reproduziert. Gleichzeitig argumentiert Haraway, dass Technologie nicht zwangsläufig ein Instrument patriarchaler Unterdrückung sein muss, sondern auch emanzipatorisches Potenzial besitzt, wenn sie nach technofeministischem Verständnis genutzt wird. Kritisch wird angemerkt, dass Haraways Theorie eine westlich geprägte Fortschrittsvision verfolgt und dabei koloniale und kapitalistische Strukturen oft ausklammert. Ihre Vorstellung, dass Technologie die Befreiung von Geschlechterkategorien ermöglichen kann, blendet aus, dass digitale Plattformen selbst tief in kapitalistische und patriarchale Strukturen eingebettet sind.

Technopaganismus bezeichnet die Verschmelzung moderner Technologien mit spirituellen Praktiken. Während einige Hexen den Fokus auf Naturverbundenheit legen, sehen andere digitale Medien als legitimes Mittel zur spirituellen Erfahrung. Soziale Netzwerke dienen in diesem Zusammenhang als Orte der Identitätsbildung und ermöglichen den Austausch über Rituale und Glaubenssysteme in und außerhalb der Community. Dies zeigt sich beispielsweise in magischen TikTok-Trends, die digitale Tools für rituelle Zwecke nutzen​. Social Media spielt demnach eine entscheidende Rolle in der Identitätsbildung der modernen Hexe.

Stefan: Social Media ist Teil des Kulturindustriellen Produktionszusammenhangs, Teil der fortgeschrittenen Akkumulation, Teil der Ausbeutungsmaschinerie unterm Kapitalverhältnis. Was kann eine feministische Bewegung sich von der Teilnahme an so einer Struktur erwarten?

Lisa: Christian Fuchs beschreibt soziale Medien als kapitalistisch geprägte Plattformen, die eine neue Form der Kulturindustrie darstellen („techno-soziales System“).

Stefan: In Anknüpfung an Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Lisa: Genau, sie basieren laut Fuchs auf einem Geschäftsmodell, das durch Nutzer:inneninteraktionen Daten generiert, die dann monetarisiert werden. Soziale Medien sind demnach Unternehmen, die auf die Maximierung von Profiten durch algorithmisch gesteuerte Aufmerksamkeit ausgerichtet sind​. Fuchs zeigt, dass Social-Media-Plattformen nicht nur passiv Inhalte hosten, sondern aktiv in die Informationsverbreitung eingreifen. Algorithmen priorisieren Inhalte, die hohe Engagement-Raten erzielen, da diese die Verweildauer der Nutzer:innen erhöhen und damit die Werbeeinnahmen maximieren. Diese Mechanismen führen dazu, dass emotionale, kontroverse oder konsumfördernde Inhalte bevorzugt werden – ein zentrales Element der Kulturindustrie im digitalen Zeitalter.

Hierbei ist der Warencharakter von Kultur besonders offensichtlich, da Inhalte monetarisiert und für Werbezwecke optimiert werden. Influencer:innen sind Teil eines Systems, in dem Konsum gefördert und als natürliche Form der Selbstinszenierung dargestellt wird. Diese Mechanismen führen zu einer auch verstärkten Kommerzialisierung spiritueller Inhalte, auf die sich die Masterarbeit konzentriert.

Fuchs betont, dass die wirtschaftlichen Strukturen von Social-Media-Plattformen nicht nur die Kommunikation beeinflussen, sondern auch gesellschaftliche Diskurse prägen und politische Machtverhältnisse reflektieren​.

Stefan: In diesem Zusammenhang taucht in deiner Arbeit der Begriff der algorithmischen Divination auf. Kannst du erläutern was das ist, geht es wirklich um Magie?

Lisa: Es handelt sich nicht um Magie, obwohl es sich teilweise so anfühlen kann. Lazaro beschreibt algorithmische Divination als moderne Form der Wahrsagerei, bei der Algorithmen Muster erkennen und interpretieren. Diese Praxis wird von Hexen auf Social Media genutzt, um magische Praktiken mit digitalen Technologien zu verbinden. Beispielsweise wird über den Algorithmus auf TikTok versucht, göttliche Botschaften zu empfangen oder magische Muster in digitalen Daten zu erkennen​.

Ein Beispiel dafür sind TikToks, in denen Personen Karten legen oder mit übernatürlichen Kräften kommunizieren, um Voraussagen zu tätigen. Das passiert nicht im direkten Austausch, sondern wird auf eine größere Ebene umgelegt und dennoch versucht zu personalisieren: Die Personen in den Videos beginnen diese dann mit Sätzen wie „Wenn du auf einem Bildschirm die Zahl 3 siehst, dann ist dieses Video für dich“ und vermitteln so das Gefühl, eine magische Instanz schwingt mit der Botschaft mit.

Stefan: Spannend. Magie ist ja ein uraltes Phänomen, das die Menschen schon beinahe seit ihrer Menschwerdung begleitet. Leander Petzold weist auf die überzeitliche Unveränderlichkeit von Magie hin und bezieht sich damit auf Ludwig Wittgenstein, der nach der Lektüre des magischen Buches „The Golden Bough“ rezipiert: „So einfach es klingt: der Unterschied zwischen Magie und Wissenschaft kann dahin ausgedrückt werden, dass es in der Wissenschaft einen Fortschritt gibt, aber nicht in der Magie. Die Magie hat keine Richtung der Entwicklung, die in ihr selbst liegt.“ Man müsste ergänzen, sie hat sogar etwas antiwissenschaftliches, indem sie nicht auf Öffentlichkeit zielt. In der modernen Forschung hat sich die Praxis etabliert Forschungsergebnisse durch eine Öffentlichkeit validieren zu lassen. Alles muss ans Licht, es muss publiziert werden. Magie wirkt im Verborgenen. Sie bezieht ihre Wirkkraft laut Petzold aus der „Exklusivität eines in sich geschlossenen Systems bzw. einer Gruppe“. Ich frage mich also, was wollen die Hexen auf TikTok? Das ist ja eine Form der Öffentlichkeit?

Lisa: Meiner Einschätzung nach lässt sich das bei den Hexen auf TikTok nicht klar feststellen. Denn Authentizität in der digitalen Hexerei wird, meiner Beobachtung nach, durch eine Mischung aus persönlicher Inszenierung und Community-Anerkennung definiert. Hexen auf TikTok gestalten ihre Inhalte so, dass sie sowohl individuelle Spiritualität als auch Trends der Plattform bedienen. Dies führt zu einem Spannungsfeld zwischen echter Überzeugung und Anpassung​ für den Algorithmus. Die Beobachtung hat gezeigt, dass viele Hexen betonen „echt“ oder „authentisch“ zu sein – dies zeigt ein Bedürfnis sich abzugrenzen. Wer allerdings bestimmt oder definiert, was im Kontext der modernen Hexerei eine echte Hexe ausmacht, ist unklar.

Stefan: Claude Lévi-Strauss meint, die magischen Glaubensinhalte könnten auch als „Ausdrucksformen eines Glaubens an eine künftige Wissenschaft“ angesehen werden. Ich interpretiere das so, dass es durchaus legitim sein kann, das Medium, in dem Magie praktiziert wird, einem Update zu unterziehen. Aber ob das dann noch dieselbe Wirkkraft entfalten kann, ist eine andere Frage, oder?

Lisa: Die Vermarktung von Hexerei in sozialen Medien zeigt sich in verschiedenen Formen: von kostenpflichtigen Tarot-Lesungen, über den Verkauf magischer Produkte, bis hin zur Ästhetisierung von Hexenpraktiken. Dies führt dazu, dass spirituelle Inhalte zunehmend in kapitalistische Strukturen eingebettet werden, wodurch die Grenze zwischen Glauben und Konsum verschwimmt​. Durch die Aufbereitung und Darstellung einer gewissen „Hexenästhetik“ wird das Gesamtbild gestärkt und der Konsum ansprechender gestaltet. Das Versprechen, Teil der Gemeinschaft zu werden, indem gewisse Produkte und Dienstleistungen gekauft werden, geht in vielen Fällen mit der Bewerbung einher.

Moderne Hexen fungieren in diesem Sinne ähnlich wie herkömmliche Influencer:innen, außer, dass sie nur durch ihren exklusiven Zugang zu Wissen und Praktiken (Magie) ihre Käufer:innen anlocken, anstatt mit Nahbarkeit und einem großen Following.

Stefan: Eine Profanisierung der Hexerei. Was macht das mit der Identität der modernen Hexen?

Lisa: Die Identität der modernen Hexe ist stark von digitalen Netzwerken geprägt. Während traditionelle Hexenpraktiken oft durch persönliche Weitergabe vermittelt wurden, ermöglichen soziale Medien eine offene und zugängliche Form der Identitätsbildung. Plattformen wie TikTok und Instagram spielen eine zentrale Rolle in der Definition dessen, was es heute bedeutet, eine Hexe zu sein.

Hexen nutzen soziale Netzwerke, um ihre Identität öffentlich darzustellen. Sie zeigen ihrer Routinen, magischen Praktiken und tauschen sich untereinander aus. Gleichzeitig gewähren sie Außenstehenden einen scheinbar exklusiven Einblick in ihre Welt. In vielen Fällen ist diese Exklusivität kaufbar, und Teil der Gemeinschaft zu werden eine finanzielle Sache: Wer die richtigen, „echten“ Kerzen, Kristalle, Zaubersprüche kauft, kann Teil der Community werden.

Dennoch ist Gemeinschaft für moderne Hexen, den Ergebnissen dieser Untersuchung nach, ein essenzieller Bestandteil ihrer Identität. Der Austausch mit anderen und das gemeinsame Lernen wird hier stark in den Fokus gestellt.

Fakenews in Facebook

Die Journalisten Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff haben vor einigen Jahren ein brauchbares Buch über Fakenews geschrieben, in dem sie sich mit der Verbreitung von Falschmeldungen im 20. und 21. Jahrhundert auseinandergesetzt haben. Auf dem Cover sind Toupet und Augenbrauen von Donald Trump abgebildet, dem aktuellen Ku-Klux-Klan-Führer der rechten Fakenews Bubble. Die Fakenews von rechts (dazu zähle ich auch religiösen Extremismus) sind brandgefährlich, sie wirken oft als Hetze und Auslöser von Gewalt. In Zeiten des steigenden Antisemitismus haben wir es zugleich mit einem Phänomen gewaltauslösender Fakenews von links zu tun, die denen der religiösen und extremistischen Rechten oft ähneln.

Das ich jetzt trotzdem über einen Vorfall aus der linksliberalen Bubble spreche, die im Grunde wohlmeinend und harmlos ist, und nicht über die unzähligen qualitativ viel schlimmeren Entgleisungen rechter Bubbles, die mir durchaus bewusst sind, liegt an der Subtilität und Selbstverständlichkeit, mit der in diesem Fall Fakenews produziert werden. Oder besser gesagt, wie Fakenews auch entstehen können, wenn man vielleicht die besten Absichten verfolgt, aber nicht auf gewisse Formalitäten Acht gibt und nicht den eigenen gesellschaftlichen Standort reflektiert.

Ausgangspunkt ist ein Posting, das einen Satz aus einem Online-Artikel entnimmt und diesen ohne Quellenangabe als Ausgangspunkt für eine Meinungsäußerung verwendet. Der ohne Angabe der Quelle aus einem Online-Artikel kopierte Satz besagt: „Die Zahl der angezeigten Straftaten in Wien ist in den vergangenen zehn Jahren um 7,8 Prozent gesunken, die Zahl der Verurteilungen sogar um 27 Prozent.“

Der Teilende schreibt dazu: „Immer wieder die Rede, dass es in Wien inzwischen so gefährlich sei, dass man sich des abends oder nächtens gar nicht mehr aus dem Haus traue.“

So weit so gut. Klingt auf den ersten Blick nach einer guten, positiven Nachricht. Macht euch keine Sorgen, es geht aufwärts. Auf den zweiten Blick liegt in der Formulierung der Meinung, dass immer wieder die Rede davon sei, es wäre gefährlich und man können sich nachts nicht mehr hinaustrauen, natürlich auch ein Vorwurf. Jeder, der das subjektive Gefühl hat, es wäre unsicher auf manchen von Wiens Straßen, ist irgendwie anrüchig. Gemeint ist vermutlich, wer sagt, er hat Angst rauszugehen wegen der Kriminalität, ist ein Angsthase, oder schlimmer, ein Verbreiter von Angst. Also eigentlich keine positive Botschaft, sondern ein Vorwurf und zwar ein Vorwurf an bestimmte Menschen. Ich komme darauf später noch zurück.

Auf meine Frage, woher das Zitat, aus dem sich die Aussage ableitet, stammt, kommt als Antwort ein Link zu einer, von mir gern gelesenen, Wiener Zeitschrift mit einem hohen Qualitätsanspruch. Ich lese und stelle erstaunt fest, dass zu den genannten Zahlen auch hier keine Quellenangabe vorhanden ist. (Stand 03.04.2025, 09:34, Screenshot vom Letztstand vorhanden) Das bedeutet, derjenige, der das Posting gemacht und das Zitat geteilt hat, hat selbst keine Ahnung, ob die Aussage stimmt, die er da teilt. Das ist ein Kriterium der Verbreitung von Fakenews, nach Keil und Kellerhoff, und eine Methode auf die Trump und seine Anhänger oft zurückgreifen, nach dem Schema: „Ja es gibt schon Fakten, aber der Onkel von meiner Schwester hat gesagt, dass … bzw. Der Abgeordnete meiner Partei, der dieselbe Meinung zu dem Thema teilt wie ich, hat bereits vor Jahren gesagt, dass …“ usw. Darüber hinaus teilt er aber auch nicht mit, dass er die Aussage nicht überprüft hat und sie auch nicht überprüfen kann, weil die Ursprungsquelle das nicht zulässt.

Auf meine weitere Nachfrage kommt die Antwort: Ich solle bei der Autorin selbst nachfragen. Da ich die Autorin nicht persönlich kenne und sie auch nicht als Kontakt auf der Plattform habe, lasse ich das. Cyberstalking ist nicht schick. Als Alternative recherchiere ich selbst und stoße auf das Statistische Jahrbuch für Wien, das für den Zeitraum von 2019 bis 2023 zuerst einen leichten Rückgang und dann einen Anstieg der strafbaren Handlungen ausweist. Die Statistik für 2024 ist noch nicht veröffentlicht. Ich poste diese Info zu meiner Frage und damit ist für den Ursprungs-Poster die Diskussion beendet. Ich erhalte jedenfalls keine Antwort mehr. Das Ursprungs-Posting wird aber nicht modifiziert oder mit Anmerkungen versehen und zieht weiterhin Leser_innen an, die sich in ihrer Weltsicht bestätigt sehen und das auch kundtun. Der Tenor ist: Ja stimmt, fühle mich safe wie nie. Finde ich super. Unterstütze ich. Ich bin auch der Überzeugung, dass diffuse Angstgefühle ohne objektive Grundlage zu sehr schlechten gesellschaftlichen Entwicklungen führen und dass man das mit allen Mitteln bekämpfen sollte. Vor allem durch Aufklärung und haltbare Information.

Jetzt ist es aber so, dass die oben genannte Aussage in mehrere Hinsichten irreführend ist. Erstens stimmt sie nicht mit der in der Statistik ablesbaren Entwicklung überein. Also, selbst wenn es eine Tendenz über zehn Jahre gibt, dass die Zahl der „angezeigten Straftaten“ (dazu später mehr) zurückgegangen ist, bedeutet es nicht, dass es auf den Straßen Wiens sicherer geworden ist. In den Straftaten sind auch Internetkriminalität und Zechprellerei enthalten, die wohl auf die subjektive Wahrnehmung der Sicherheit auf den Straßen wenig Einfluss haben.

Zweitens stammt die Information, laut der durch den Poster mitgeteilten Aussage der Autorin, von Polizei und Bezirksgerichten und ist (noch) nicht schriftlich, statistisch, zugänglich. Das ist auch ok, aber wäre cool das auch dazu zu schreiben. Abgesehen von dem kleinen Makel, dass Polizei und Gerichte natürlich ein Interesse daran haben ihre Arbeit als effizient darzustellen, und man deren Aussagen deshalb vielleicht nochmal gründlicher überprüfen sollte.

Was mich daran aber sehr nachdenklich macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der von beinahe allen sonstigen Kommentatorinnen diese nicht gekennzeichnete, nicht nachvollziehbare Aussage einfach akzeptiert wird, weil sie ins persönliche Weltbild passt. Abgesehen davon, dass es natürlich ein logischer Fehlschluss ist, anzunehmen, die Stadt sei sicherer geworden, nur weil die Verurteilungen von Straftätern zurückgegangen sind! Das kann sehr viele Gründe haben, die nichts mit einer Verbesserung der Situation zu tun haben. Gerichte etwa können mit der Zahl der Anzeigen überfordert sein und Urteile aussetzen. Noch besorgniserregendere Gründe könnte der Rückgang von Anzeigen haben. Etwa, dass Betroffene von Verbrechen der Polizei misstrauen. Sich von ihr keinen Schutz erwarten, oder Erfahrungen mit rassistischen Beamten gemacht haben. Vielleicht folgen sie auch einem Ehrenkodex, wie ihn die Mafia vorschreibt, und verpetzen einander nicht. Es gibt viele Möglichkeiten diese Entwicklung auszulegen und nur im Idealfall haben sie mit einer durchwegs positiven Entwicklung zu tun.

Der zweite Fehlschluss mancher Kommentare liegt darin die Ebene des persönlichen Sicherheitsgefühls mit der einer statistischen Entwicklung zu verbinden. Was den impliziten Vorwurf an die Angsthasen und Angstmacher dann noch unerträglicher macht, da man ja im Positiven genau das macht, was man ihnen dann im Negativen vorwirft. Das persönliche Sicherheitsgefühl von materiell abgesicherten, gut gebildeten und gesunden Menschen ist tendenziell höher als das von armen, alten, kranken Menschen. Aussagen nach der Manier: „Dass es gefährlicher geworden ist, wäre mir nicht aufgefallen“, sind also äußerst vermeidlich und bringen eher den Dünkel einer bestimmten gesellschaftshierarchischen Position gegenüber niedrigeren Klassen und allgemein Schwächeren zum Ausdruck. Pierre Bourdieu hat das ausführlich beschrieben und kritisiert.

Ich unterstelle keine böse Absicht. Ich versuche den Mechanismus der Fakenews in seiner subtilsten Form nachvollziehbar zu machen. Der Poster wollte sagen: „Habt keine Angst, es wird alles gut.“ Was er gesagt hat, ist etwas perfider. Denn natürlich gibt es ein Problem mit Verbrechen in Wien und natürlich ist es möglich ein Opfer von Gewalt zu werden. Die öffentliche Wahrnehmung orientiert sich ja am Sichtbaren und am Naheliegenden. Laute überdrehte Jugendliche haben Menschen zu allen Zeiten Angst gemacht. Meist zu Unrecht. Aber die Zahlen zeigen eben auch einen Anstieg in einem Segment der Verbrechen und das sind die Gewalttaten, die laut Innenministerium von 2022 auf 2023 um über 8% gestiegen sind. (https://www.bmi.gv.at/magazin/2024_05_06/02_Kriminalstatistik_2023.aspx)

Darüber hinaus passiert hier aber weit mehr, als dass logische Denkfehler gemacht und unbelegte Zitate verbreitet werden. Denn was sagt das Narrativ von den Ängstlichen und den Angstverbreitern denn noch aus? Es sagt: „Hören wir denen nicht zu.“ „Sprechen wir nicht darüber.“ Es gibt einen Missstand, aber es sollen keine Wellen gemacht werden. Es wird ja eh besser, laut unbelegter Quelle. Die von der Gewalt betroffenen, und sei es nur, weil sie davon eingeschüchtert sind, sollen die Pappn halten. Es geht hier um die, mit Techniken der Fakenews unterstützte, Verbreitung eines Ressentiments. Eines Ressentiments, das umso verwerflicher ist, als die Betroffen von Gewalt auf Wiens Straßen meist Sandler, die Armen, die strukturell Benachteiligten, die Alten, die Kranken, diejenigen die es ohnehin im Alltag schwer haben, sind. Aber auch die rassistisch ausgeschlossenen sind Opfer der Gewalt. Viel häufiger als es dokumentiert wird, spielt sich die Gewalt unter ihnen ab und wird dann dementsprechend oft nicht zur Anzeige gebracht. Sie sind eben nicht nur Täter, wie das die rechten Fakenewsverbreiter gerne darstellen wollen, sondern überproportional auch Opfer. Und auch darüber sollte man reden. Es hat in der Geschichte den unteren Klassen nie zum Vorteil gereicht, wenn über Probleme nicht geredet werden durfte.

Edit: Natürlich wurde ich nach meinen Einwänden, noch bevor der Blogpost hier fertiggestellt war, entfreundet. Da sind sich die linksliberalen Künstlerbubble-Bewohner mit Trump und Musk einig. Widerspruch wird als narzisstische Kränkung erfahren und nicht geduldet.

Edit 2: Die Auftritte von Florian Klenk und vom Falter auf Fb haben mich beide seither ebenfalls kommentarlos blockiert.

Die endgültige Auskunft zur Erbschaftssteuer

Wenn Elon Musk Steuern zahlen soll, gelten seine Anteile an Tesla als unrealisiertes Vermögen, das nicht besteuert wird, solange daraus kein Gewinn erzielt wird. Wenn er Geld von der Bank braucht, sind die Anteile allerdings Gold wert. Mit ihnen als Sicherheit erhält er jeden Kredit, den er möchte. In Österreich gilt dieser glückliche Umstand unfassbaren Reichtums für den Erben Mark Mateschitz, dessen Jahreseinnahmen von 1,3 Milliarden Euro natürlich nur ein „fiktives Jahreseinkommen“ darstellen und kein echtes. Weshalb dieser arme Mensch auch nur 26 Prozent seines Bruttoeinkommens an Steuern zahlen muss, und nicht 42 wie eine durchschnittliche Mittelstandsfamilie. Natürlich könnte man jetzt fragen, warum Menschen überhaupt 42 Prozent steuern zahlen müssen? Wie ineffizient muss die staatliche Umverteilungsmechanik sein, dass Menschen, die ganz ok verdienen, und sehr wahrscheinlich hart dafür arbeiten, beinahe die Hälfte ihres Verdienstes abgeben müssen?

Hier wie in den USA haben wir es mit einer Politikerkaste zu tun, die das politische Bewusstsein ihrer Wähler schon dadurch verheeren, dass sie das Wort Leistung ständig in ihren Sonntagsreden auf der Zunge spazieren führen, ohne diese Leistung jemals selbst zu erbringen. Seit Elon Musk in die Politik gegangen ist, befindet sich seine Tesla Aktie auf Talfahrt. Er ist aber Politiker genug, um sich weiterhin leistungslos am Vermögen der Allgemeinheit gütlich zu tun. Während sein Department of Government Efficiency ziellos alle möglichen öffentlichen Leistungen, für Kranke, Veteranen und Bedürftige, streicht und tausende Beamte, die für Wasserschutz und Betriebssicherheit und ähnliche Dinge zuständig sind, entlässt, kassieren seine Unternehmen 38 Milliarden Euro staatlicher Unterstützung.

Also anders gefragt: Warum leisten wir uns Politiker, die sich selbst, per Abstimmung, ihre beträchtlichen Gehälter erhöhen und darüber hinaus beinahe unbegrenzt dazu verdienen dürfen, wenn sie es nicht schaffen effizient zu arbeiten? Warum kann ein Abgeordneter im Österreichischen Parlament nebenher eine Anwaltspraxis betreiben und Klienten auch in Steuerfragen vertreten, wenn er doch bezüglich der Insider-Informationen, die er aus dem politischen Betrieb erhält, vollkommen befangen sein müsste? Man sieht schon, bei der Verteilung von Vermögen haben wir es mit einem komplexen politischen Phänomen zu tun, aber auch mit ganz klaren Zahlen.

In Deutschland wurden letztes Jahr (2024) 121,5 Milliarden Euro vererbt. Der Spiegel (Nr.12 15.03.2025), dem ich diese Info entnommen habe, schreibt: Erbschaften sind ein mächtiger Wohlstandsfaktor, eine „enorme Kapitalwelle, die sich von Jahr zu Jahr weiter auftürmt“. Nur 0,2% der Deutschen müssen pro Jahr Erbschaftssteuer zahlen, fast 50% der Gesamtsumme, die vererbt wird, fließt an die Erbschaften mit den höchsten Beträgen, die unteren 90% erhalten gemeinsam so viel, wie die oberen 10%. Bei Betriebsvermögen ist die Großzügigkeit des Staates beinahe grenzenlos. Wenn Erben die Firma weiterführen, und die Löhne im Wesentlichen gleichbleiben, können sie den Betrieb zu 85 oder 100 % steuerfrei übernehmen. Steuerbefreiungen bei der Erbschaftssteuer für Betriebsvermögen liegen in Deutschland für Unternehmenswerte von unter 2,5 Millionen Euro bei ca. 20%. Bei Betriebsvermögen von 250 Millionen Euro oder mehr bei 95%.

Vielleicht liegt es daran, dass einige der größten Konzerne Deutschlands immer noch in der Hand der Erben der Nazi-Milliardärsfamilien sind, die diese Konzerne unter Vorteilsnahme von Weltkrieg und Shoa aufgebaut haben. Das Land wird von einer Wirtschaftselite beherrscht, die sich an Massenmord und Zwangsarbeit bereichert hat und musste vermutlich nicht einmal Erbschaftssteuer für die Übernahme dieser Wirtschaft gewordenen Mordanstalten zahlen.

Die großzügigen Ausnahmeregelungen drücken die staatlichen Einnahmen aus Erbschaftssteuern unter die Einkünfte aus der Tabaksteuer. Was sogar dem internationalen Währungsfonds ein verständnisloses Kopfschütteln abringt. Er bezeichnet die Erbschaftssteuern in Deutschland als „unzureichend genutzt“. Dazu kommen noch anderen Entwicklungen, die diesen Missstand zum Notstand werden lassen. Während die Mietpreise explodieren, werden Immobilien zum zweitwichtigsten Erbgegenstand. Eine Katastrophe für alle, die keine Immobilien erben.

Aber wie sieht das ganze in Österreich aus? Wenn der internationale Währungsfonds für Deutschland die Erbschaftssteuer als unzureichend genutzt bezeichnet, wie würde er dann Österreich einstufen? Man liest nach und staunt: „In Österreich wird seit dem 1. August 2008 keine Erbschafts- und Schenkungssteuer mehr erhoben.“ Alles klar. Aber bei Grundstücksvererbungen und -schenkungen fällt eine Grunderwerbssteuer an, weshalb insofern auch in Österreich in der Öffentlichkeit noch von „Erbschaftssteuer“ gesprochen wird. „Mit der Steuerreform 2015/2016 wurde die Grunderwerbsteuer, die bei entgeltlichen wie auch unentgeltlichen Vermögensübertragungen im Immobilienbereich anfällt, deutlich erhöht.“ Ok. Immerhin. Aber man hört doch so viel von den furchtbaren Erbschaftssteuern, die dann am Lebensabend der Oma ihr Gartenhäuschen vermiesen, das sie den Enkerln so gern vererben möchte. Da planen die Linken sicher wieder was Gemeines, was die Oma zum Weinen bringt, oder?

„Im August 2023 präsentierte die SPÖ ihre Vorstellungen einer Erbschaftssteuer: Dabei soll es einen Lebensfreibetrag von einer Million geben, das heißt, wer innerhalb von 30 Jahren Erbschaften oder Schenkungen gesamt im Wert von unter einer Million erhält, muss nichts bezahlen. Die Grunderwerbssteuer würde gleichzeitig entfallen.“

Ein Grundstück für 1 Million Euro. Da bräuchte es auch für den wildentschlossensten Normalverdiener den Fund von Nazigold im Haus-Brunnen, damit sich das ausgeht. Die Gefahr, dass man mit einem Durchschnittsgehalt so eine Summe aufbringen kann, ist für die allermeisten sehr gering. Außer sie haben geerbt, dann geht sich das vielleicht aus. Also wäre es vielleicht klüger, bevor man was vererbt, nicht zu erben, damit man nicht zu viel zu vererben hat, um Erbschaftssteuer zahlen zu müssen? Also in der Zukunft, wenns mal wieder eine Erbschaftssteuer gibt in Österreich? Was würde Elon Musk dazu sagen? Und wen würde er zum Austausch für eine Erbschaftssteuer alles aus dem Staatsdienst entlassen? Oder zumindest bestimmte Sondervergütungen streichen? Zum Beispiel die Unterstützung für Fahrtkosten, die bei Mandatar:innen mit einer durchschnittlichen Anreisedauer zum Parlament von 3 Stunden jährlich 26.327,59 € beträgt? Oder das goldene Klavier, das vorübergehend für 140.000 Euro gemietet wurde? Er wird sicher etwas finden.

Despektierliche Bemerkungen über den heutigen Buchhandel

Ich bin ein Flaneur. Zielloses Spazieren ist eine Leidenschaft von mir. Eine meiner flanierenden Entdeckungen sind Antiquariate. Wunderbare Läden voller Geschichten und Plunder, aber oft auch voller interessanter Menschen und Bücher.

Die Bücher-Antiquariate in Wien sind vielfältig und manchmal an Orten, an denen man nicht mit ihnen rechnet. Ich entdecke immer wieder ein neues beim Flanieren und dann schau ich hinein und geb mir die Auswahl dort. Die Antiquare sind Büchermenschen, durch die Bank. Sie lesen selbst und sie kennen sich aus. Sie kennen den Kanon und oft auch noch Spezielleres und Aktuelleres. Und mein liebster Antiquar, Jürgen Fetzer in der Löwengasse im dritten Wiener Bezirk, kennt auch Abseitiges. Er liest auch Trash und empfiehlt Bücher. Und zwar nach dem fruchtbarsten Empfehlungsmotto, mit dem bisher kein Algorithmus mithalten kann, er weiß, wovon er spricht. Wenn er sagt: „Wenn Sie das interessiert hat, dann wird sie das auch interessieren.“ – dann ist das keine Vermutung aufgrund der Ähnlichkeit der Buchdeckel und eines Wortes in der Überschrift, sondern ist ein durch eigenes echtes Lesen begründeter starker Verdacht. Darüber hinaus lacht er still, wenn ich beim Durchstöbern immer mal daheim anrufe und frage, ob wir den einen oder den anderen Band von Fritz Leiber oder Michael Moorcock schon haben.

Beinahe immer kaufe ich etwas, wenn ich im Antiquariat bin. Manchmal so viel, dass der Rucksack fast platzt. Es gibt auch echte Buchhandlungen, wie „Hartliebs Bücher“, wo es sowohl was zum Lesen, als auch eine tolle Beratung gibt. Da kann man dann bei kompetenten Händlerinnen etwas Seltenes oder Vergriffenes bestellen und sie erklären einem auch, woran es liegt, wenn ein Buch mal nicht geliefert wird. Sehr interessant übrigens, die politische Ökonomie des Buchhandels.

Wo ich in letzter Zeit immer seltener einkaufe, ist im regulären Groß-Buchhandel. Ich gehe rein, aber ich kaufe nichts. Das hat etwas mit der Präsentation der Waren zu tun. Menschen, die Bücher lieben und aktiv lesen, mögen Bücherwände. Ein, für Laien, unübersichtliches Durcheinander von Buchrücken, Farben und Formen, das anziehend auf die wirkt, die etwas damit anfangen können. Ich entdecke gerne versteckte Schätze, komme wieder vorbei und finde noch beim ersten Mal Übersehenes. Stattdessen wird neuerdings alles ganz offen präsentiert. Es gibt keine Schätze mehr zu entdecken und weil die Sortimente sich zusehends auf Neuerscheinungen beschränken, weiß ich meist bereits aus der Zeitung was da liegt, und darüber hinaus wird das Angebot immer dünner.

Die neuen Buchhandlungen mögen Buchliebhaber nicht. Sie wollen Kunden anziehen. Nicht unbedingt solche Kunden, die aufgrund der Qualität des Angebots und der Vortrefflichkeit der Beratung 200 Euro dalassen, sondern stattdessen Kunden, die schnell wieder weg sind, wenig Fragen stellen oder nur wegen eines „Geschenkkartons“ vorbeikommen. Beim Morawa muss man sich durch eine Halle voller aktueller Zeitgeistliteratur kämpfen, dann kommt man zu den Comics und dann zur Motorrad- und Autofahrerzeitschrift. Lyrik gibt es, genau wie bei Thalia, in homöopathischen Dosierungen. Überall liegen dieselben Bände von Rilke und Bachmann, wobei Bachmann ja wirklich gut ist und also zurecht überall erhältlich ist. Rilke ja auch irgendwie, aber den müsst es nicht überall geben. Den schmeißen sie einem, wie den Hesse und den Brecht mit den drei bekannten Stücken, eh in jedem offenen Bücherschrank nach. Beim Thalia auf der Landstraße stehen alle möglichen Gebrauchsgüter zum Verkauf. Sie erhalten die Hauptaufmerksamkeit der Innendesigner des Shops. Die Bücher an der Wand wirken wie eine hübsche Nebensache. Wer liest schon Pierre Bourdieu? Der ist zwar unter „B“ angeschrieben, aber physisch vertreten ist er nicht. Sollen die Kunden doch eine neue Handy-Hülle kaufen und sich den Bourdieu bei Amazon bestellen. Der analoge Buchhandel hat in der Konkurrenz mit den digitalen Plattformen offenbar beschlossen, diese einfach physisch nachzubauen und zu hoffen, dass die Menschen den Unterschied irgendwann nicht mehr bemerken. Man hätte stattdessen auch das Service verbessern können. Aber was verstehe ich schon davon?

Im ersten Stock beim Morawa in der Abteilung nahe der Naturwissenschaft: Der Arbeitsplatz der zuständigen Händlerin ist zwischen Tarotkarten-, Wohlfühl- und Kochbüchern. Ich, völlig naiv und von Antiquariaten verwöhnt, frage, ob es ein Buch über die Geschichte der chemischen Industrie gibt. Sie, meine Naivität sofort erkennend, wirft den Kopf in den Nacken und lacht hellauf, bevor sie, kopfschüttelnd, aber verständnisvoll, wie wenn man mit einem kleinen Kind spricht, das gerade gefragt hat, wann der Nikolo kommt, zu mir sagt: „Nein natürlich haben wir so etwas nicht.“ – und sich wieder ihrer Lektüre des Online-Standard zuwendet. Es kommt ihr so abwegig vor, dass es so ein Buch geben könnte, dass sie nicht einmal die Flucht in die online-Recherche antritt, um mir dann zu sagen, dass sie mir ein so ungewöhnliches Buch nur bestellen kann, so wie ich das selbst wahrscheinlich hätte tun sollen. Ich nicke, weil mir bewusst wird, wie blauäugig ich an diese Situation herangegangen bin und wende mich zum Gehen, als sie sich doch dazu entscheidet heute zu arbeiten und mich darauf aufmerksam macht, dass es beim Regal über Naturwissenschaft (1 Regal Naturwissenschaft, 2 Regale Tarotkartenbücher) eine „Einführung in die Chemie für Dummies“ gibt. Ich bedanke mich und frage mich, ob es für die Buchhändler in der ehrwürdigen Buchhandlung mitten im 1. Bezirk eine Einführung in den Buchhandel für Dummies gibt. Ich lasse die Frage vorläufig unbeantwortet. Und es gibt dort auch wirklich sehr bemühte Menschen, die zumindest versuchen hilfreich zu sein. Auch wenn dabei, interessanterweise gerade beim Morawa, bisher noch selten etwas rausgekommen ist.

Ein anderes Mal beim Morawa suche ich nach einem Buch aus einer Serie, die auf einem Aufsteller angeboten wird. Da ich das spezielle Buch nicht finde, wende ich mich an eine Händlerin, die gerade im Gespräch mit einem Kollegen ist, und merke gleich, ich störe. Da ich wohlerzogen bin, signalisiere ich eine Wartehaltung und ziehe mich ein wenig zurück. Das Gespräch wird zu einem für die beiden akzeptablen Ende gebracht und die Dame wendet sich mir unter Aufbietung ihres gesamten Berufsethos zu und erwartet mit halb geschlossenen Augen, das Unvermeidliche. „Was kann ich für Sie tun?“ Freudig trage ich meine, wirklich herausfordernden, Kundenbedürfnisse vor: „Sie haben hier diese Buchserie mit verschiedenen Titeln. Ich habe online [Ich zeige ihr Titel auf meinem Handy Display] diesen spezifischen Titel gesehen und ihn beim Durchschauen jetzt aber nicht gefunden. Haben Sie den hier und ich habe ihn übersehen, oder können Sie ihn mir bestellen?“ Wir schlurfen zum Arbeitsplatz der Dame und es beginnt eine Google-Suche nach dem Buchtitel, wie sie wahrscheinlich seit Gründung des Unternehmens niemand mehr durchgeführt hat. Dementsprechend lange lässt das Ergebnis auf sich warten. „Meinen Sie das hier?“ Ich nicke und weise nochmal auf mein Handy-Display, auf dem das Ergebnis ihrer Recherche bereits vorweggenommen wurde, aber natürlich nicht professionell genug. Woraufhin sie die Bestelldatenbank öffnet und dort eine mittellange Suche startet, die zum Ergebnis hat, dass dieses Buch vergriffen ist. In meiner grenzenlosen Ahnungslosigkeit frage ich, ob man herausfinden kann, ob es einen Nachdruck geben wird, denn schließlich deckt der spezifische Titel ein Thema ab, das jetzt in dieser Buchreihe nicht mehr vorkommt. Worauf mir das Selbstverständliche erklärt wird, nämlich dass Bücher, nach denen es zu wenig Nachfrage gibt, aus dem Sortiment ausscheiden und dann halt nie wieder zurückkehren. Wieder was gelernt. Ich bin schockiert und möchte hier an alle appellieren, die das lesen: Hört nicht auf Thomas Brezina zu kaufen, sonst ist der weg! Dann gibt’s keine „Knickerbockerbande“ mehr und keine „99 heißen Spuren“ und keinen „Tom Turbo“! Ich bestell mir gleich die ganze Serie. Machts das auch, bitte.

Der ehemalige Kuppitsch ist ja jetzt ein Thalia. Das bedeutet, er ist halb ein Libro und Bastelgeschäft, und irgendwo dazwischen liegen, neben Geschenksverpackungen, Kalendern und Ansichtskarten, auch ein paar Bücher. Zur Weihnachtszeit wollte ich ein paar Klassiker kaufen zum Herschenken, aber ich hatte mich für obskure Werke aus der Vergangenheit entschieden, allesamt überflüssiger Plunder aus einer Welt von gestern, wie Tolkiens „Der Herr der Ringe“, irgendwas von Thomas Ligotti und egal welches von Philip K. Dick. Naja, also den „Herren der Ringe“ (die Hardcore Sadomaso Filmversion davon heißt übrigens „Der Herr der Inge“) gabs schon, aber nur in der deutschen Billigausgabe, wo der Karton zerbröselt, sobald man die Plastikhülle entfernt und ohne die schönen Karten. Egal, es gibt ja Alternativen. Thomas Ligotti habe ich mich nicht fragen getraut, weil ich, nach dem Erlebnis mit dem Chemiebuch beim Morawa eine Systemüberlastung befürchtet habe. Aber Philip K. Dick, dachte ich, kann ich wagen. „Haben sie Philip K. Dick?“ „Bitte was?“ „Philip K. Dick. A scanner darkly, Bladerunner, Total Recall, The Man in the High Castle, Minority Report.“ „Sagt mir nichts. Ich schau mal nach.“ … „Ahja, ja den gibt’s schon. Aber haben wir nicht da.“ „Ok danke.“ Ein schönes weihnachtliches Gespräch.

Aber egal. Ich hab dann zu Weihnachten was anders geschenkt. Jedenfalls war ich heute wieder unterwegs und in der Unterführung von der endlich wieder geöffneten U2 bei der Mariahilfer Straße ist ein Books, den ich mag, weil ich da Zufallsfunde machen kann, ähnlich wie im Antiquariat. Jedenfalls komme ich gut gelaunt wie immer herein und bin angetan von der freundlichen Zugewandtheit des sehr jungen Verkäufers, der auf einem lehnenlosen Drehsessel hinter der Kassa thront, wie ein schöner Kranich am See. Jedes Mal, wenn der Kranich sich erhebt, macht der Sessel langgezogene ächzende Geräusche, als wäre er traurig, dass der freundliche Hintern nicht mehr auf ihm sitzt. Guter Hoffnung, ob der bemerkenswerten Begrüßung, frage ich, „Habt ihr Philip K. Dick?“ Der Freundschaftskranich denkt kurz nach und teilt mir dann mit, er habe beim Einräumen der Bücher keinen Dick bemerkt, also hat er keinen. Ich denke mir: Gut, dann schaue ich einfach so durch, vielleicht findet sich ja spontan etwas anderes. Sage artig danke und beginne durchzuschauen. Nach 5 Minuten habe ich den auf dem Beitragsfoto abgebildeten Stapel an Dicks gefunden. A Scanner Darkly ist leider nicht dabei. Aber ich nehme sie trotzdem mit. Der Verkäufer meint beim Bezahlen nur: „Seltsam.“ Ich stimme ihm zu und denke mir, ich komme auf jeden Fall wieder. Ich werde ein Spiel daraus machen. Ich betrete den Laden, frage nach einer bestimmten Autorin und wenn ich die Auskunft erhalte, dass diese bestimmt nicht da ist, mache ich mich auf die Suche nach ihr. Ich freu mich schon drauf.

Die Sparanstalt oder die „Huren der Reichen“ sind back baby!

Nachdem die Pilnacek-Kommission bereits vor einiger Zeit aufgezeigt hat, dass es in Österreich eine Zwei-Klassen Justiz gibt, nachdem die Zwei-Klassen Medizin in vielen Bereichen etabliert ist und das Gesundheitssystem auf dem Weg der Vollbeschädigung ist, beweist die neue Koalitionsregierung aus den Erbparteien des alten Faschismus und Nationalsozialismus, welche Politik sie am liebsten machen würde. Diesmal mit der Ausrede des EU-Defizitverfahrens und – Stoßseufzer der Erleichterung – ohne (vorerst) einen weiteren Weltkrieg anzufangen.

Die EU sagt, es muss gespart werden. Ok, das muss ich jetzt mal so akzeptieren. Die unfreiwillig komischen Vertreter dieses freiwillig komischen Volkes haben das, entgegen der laut vorgetragenen EU-Skepsis der einen, und jahrzehntelanger Wirtschaftskompetenz mit jahrzehntelang angestrebtem Nulldefizit der anderen, auch überraschend schnell akzeptiert. Da kann man halt nichts machen und das hätte sich auch niemals verhindern lassen. Also von einem Finanzministerium z. b. das seit 1997(!) durchgängig in ÖVP-Hand war. Die können nichts dafür. Das sind ja Dinge die sind erst jetzt passiert und die anderen sind schuld. Also die jeweils anderen. Kommt drauf an mit wem grad koaliert wird.

Jedenfalls haben die Wohlhabenden jetzt die von ihnen lange ersehnte Worst-Case-für-alle-Anderen-Regierung zurück! Die „Huren der Reichen“ sind wieder an der Macht und diesmal lassen sie es von Anfang an Krachen. Die Sparmaßnahmen, „keine Steuererhöhungen“ (haha), betreffen in unerträglichem Maß zuerst mal die Armen, Prekären und Absteigenden im Land.

Das Arbeitslosengeld wurde ja schon sang und klanglos für viele unter das Existenzminimum gesetzt. 55% des Gehalts reichen bei den meisten nicht einmal um die Miete zu zahlen. Jetzt ist die Zuverdienstmöglichkeit gestrichen worden. Man kratzt sich am Kopf und fragt sich, wie dadurch Geld eingespart werden soll, denn diejenigen, die nicht arbeiten, weil sie kein Interesse daran haben und die sich nur ab und zu etwas zum Arbeitslosengeld dazuverdienen wollen, werden dies auch weiterhin „schwarz“ tun und für die anderen sind schlichtweg keine passenden Jobs da. Das Ziel ist klar: Menschen die, unter den Bedingungen von vor wenigen Jahren Zeit gehabt hätten sich neu aufzustellen, sollen unter existenziellen Druck geraten. Energiekostenverzug und Wohnungsverlust sowie, als Reaktion darauf, Aufnahme überteuerter Kredite, sind nur die Spitze des Eisbergs an negativen Nebeneffekten, die soziale Abwärtsspiralen erzeugen. Aber viel wichtiger ist, dass unter diesen Bedingungen ein Jobverlust wirklich mit einem Existenzverlust einhergehen kann. Die dadurch erzeugte Panik dient den Interessen der Arbeitgeber, der Industrie und deren Lobbyisten im Parlament. Jeder kann unter diesen Bedingungen gezwungen werden beinahe jeden Job anzunehmen. Unabhängig von Qualifikation, Belastbarkeit, Chancengerechtigkeit oder Tauglichkeit. Mit einem Schritt in Richtung der Abschaffung grundlegender Menschenrechte. Man fragt sich was sich eine Gruppe dabei denkt solche Maßnahmen durchzusetzen, die ansonsten immer vom Schreckensgespenst des Kommunismus träumt, von dem ja gerade – im Gegensatz zum „freien Markt“ – behauptet wird er mache alle gleich (schlecht) und zwinge dadurch die Leute dazu unabhängig von den eigenen Qualifikationen jede Arbeit anzunehmen. Und das alles, weil diese Regierung damit rechnet, dass dadurch ein Sparpotential von 85 Millionen erreicht werden könnte. Eine lachhafte Summe für den Preis der dafür zu zahlen sein wird.

Dazu passt die Abschaffung der Bildungskarenz. Sie war bisher das Rettungsnetz der prekär Beschäftigten, etwa in der Projektarbeit im sozialen Bereich. Wenn ein Projekt auslief, konnte man einige Mitarbeiter in einer Karenz parken und sie dann wieder zurückholen, wenn ein neues Projekt aufgestellt war. Diese Menschen werden jetzt alle in der Arbeitslosen landen. Ob das den gewünschten Effekt hat? Wahrscheinlich schon. Denn sie werden von dort aus in dequalifizierte Stellen gedrängt werden, und nicht nur geht dann ihre Erfahrung verloren, es wird auch dünn werden mit der ohnehin dünnen Schicht an Menschen, die sich einen Job im Sozialbereich überhaupt noch antun.

Und dann wird die Österreichsuppe überhaupt dünn werden. Dann haben wir die berühmten „amerikanischen Verhältnisse“, nur schlimmer. Denn abgesehen davon, dass wir schon mehr Steuern zahlen als die „Amis“, werden die Steuern weiter erhöht werden. Indirekt wurde das schon beschlossen. Autofahren und Energiegewinnen wird für Private teurer. Wissen das die Pendler und Häuslbauer unter den ÖVP-FPÖ-Wählern nicht? Während sich also die Pierers und Benkos, gut lobbyiert und weitgehend steuerbefreit in ihren Luxusanwesen mit Direkt-Draht zur Regierung, einen Mocca servieren lassen, wird die Zeche des EU-Defizitverfahrens von allen anderen bezahlt. Und die Frage bleibt: Wenn wir dieses Verfahren abwenden und dann vielleicht sogar ein Nulldefizit erreichen, rettet uns das dann den sozialen Arsch? Denn Infrastruktur lässt sich durch Nulldefizite nicht erhalten und schon gar nicht ausbauen. Gesundheitssysteme erfahrungsgemäß auch nicht. Lebensqualität ist im Grunde unbezahlbar, aber sie wird durch Sparen nicht erhalten werden können.

Just leave Capitalism. Gespräch zum Jahresausklang

Stefan: Der Titel des Gesprächs entstammt einem Screenshot von einem echten Posting, das darauf hinausläuft, dass diejenigen, denen es im Kapitalismus nicht passt, halt abhauen sollen. Also im Grunde ein „Wenn es dir nicht passt, geh halt nach Nordkorea.“ Zum Jahresende könnten wir endlich den Kapitalismus verlassen, vielleicht nicht nach Nordkorea, sondern nach Uruguay, oder wie siehst du das?

Ela: Und wie denkst du, dass wir das hinbekommen? Spazieren wir einfach raus? Ziehen wir in den Wald? Gehen wir Walden? Lassen wir uns von einem Bären fressen?

Stefan: Der Autor von Walden, Henry David Thoreau, schreibt: „Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“ Er war der Sohn eines Bleistiftfabrikanten und lernte den Dichter Ralph Waldo Emerson kennen. Er hat dann in dessen Haus einen Urlaub von der Welt gemacht. Offenbar konnte er es sich leisten nur 6 Wochen im Jahr zu arbeiten. Wahrscheinlich am Oktoberfest.

Aus dem Kapitalismus kann man mit noch so viel Urlaub nicht aussteigen. Das wäre nur möglich, wenn wir alle Millionäre werden, oder keiner mehr arbeiten müsste. Die Simulation des Ausstiegs aus der Arbeitswelt gelingt manchmal vorübergehend und teilweise, wenn man einen schönen Tag am See verbringt. Aber wer keinen See hat ist schon mit weniger zufrieden. Drogen zum Beispiel. Die können das Aussteigen sehr gut simulieren.

Ela: Der Einstieg danach ist dann aber besonders mühsam und die kapitalistische Realität erscheint noch unerträglicher. Was ja auch die Rückfallstatistiken bei härteren Drogen bestätigen. Aber das ist ja nicht die einzige Art, wie die Menschen versuchen dem Alltag zu entfliehen. Um auf den Bären zurückzukommen: Manche Methoden können auf ihre Mitmenschen verheerende Auswirkungen haben.

Stefan: In der Zeitung steht es wurde ein „Vergewaltigungsnetzwerk“ auf Telegram aufgedeckt. Dabei wurde in einer Online-Recherche systematische sexuelle Gewalt an bewusstlosen Frauen belegt. In dutzenden Telegram-Gruppen haben sich Nutzer offen darüber ausgetauscht, wie sie Frauen betäuben und sexuell missbrauchen können. Sie ist jetzt sturzbesoffen und auf ein paar Schlafmedis. Ich sollte hoffentlich bald ein bisschen Spaß haben‘“, schreibt ein Nutzer in einer Gruppe. Andere Mitglieder reagieren mit Begeisterung und fordern weitere Details, wie aus der Doku des Reportageformats Strg_F des Norddeutschen Rundfunks hervorgeht. Teilweise werden Frauen in Echtzeit vor Publikum vergewaltigt.“ In Frankreich hat ein gewisser Dominique Pelicot seine Frau Gisèle fast zehn Jahre lang immer wieder mit Medikamenten betäubt, missbraucht und von Dutzenden Fremden vergewaltigen lassen. Er hat jetzt nur 20 Jahre Haft dafür kassiert. Seine Freilassung erlebt er hoffentlich nicht mehr.

Ela: Andererseits finde ich, dass es schon ein Fortschritt ist, dass im Fall Pelicot tatsächlich alle 51 Angeklagten, alle Vergewaltiger also die man ausfindig machen konnte (obwohl von bis zu 90 Tätern ausgegangen wird), verurteilt wurden. Egal wie sehr sie versuchten sich selbst als Opfer darzustellen. Es ist ja bezeichnend, wie diese Männer ihre Taten herunterspielten. Sie seien naiv gewesen, hätten sich nicht „Nein“ sagen getraut, hätten nicht gewusst, was Einverständnis bedeute, hatten angenommen, es reiche, wenn der Ehemann sein Einverständnis im Namen der Frau gebe. In vielen Fällen wurden die schreckliche Kindheit und andere traumatische Erfahrungen als Vorwand genutzt, um Gisèle Pelicot Gewalt anzutun. Die meisten behaupteten sie seien von Dominique Pelicot manipuliert oder gar selbst unter Drogen gesetzt worden, um keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen zu müssen. Doch selbst das Schnarchen von Gisèle konnte sie nicht davon abhalten sich an ihr zu vergehen. Einer der Täter machte sich in seiner Aussage gar Sorgen: „Wenn niemand mehr jemandem vertraut, werden wir am Ende um eine schriftliche Genehmigung auf einem Stück Papier bitten müssen.“ Ein Talking-Point den man in Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen immer wieder gerne aus dem Ärmel zaubert.

Dass das Opfer medial auf solche positive Resonanz gestoßen ist, ist auch eher eine Seltenheit. Ich befürchte daher, dass es sich bei dem Fall in all seiner Extremität und dem gesellschaftlichen Umgang damit um eine Ausnahme handelt. Wir sehen nun was ginge, wenn man wollte. Das wird sich aber wahrscheinlich nicht besonders auf die gesellschaftliche und strafrechtliche Be- und Verurteilung von zukünftigen Vergewaltigungen auswirken. Immerhin ist die Beweislage nur selten so klar und eindeutig wie in diesem Fall. Gisèle Pelicot konnte sich erwiesenermaßen nicht wehren. Dominique Pelicot hatte die Taten alle sorgfältig auf seinem Laptop archiviert und diese auch von Beginn an nicht abgestritten.

Wenn wir uns jetzt die Recherche von Strg_F ansehen, sieht das Bild schon wieder weniger erfreulich aus. So haben sich im Schatten von sozialen Medien ganze Netzwerke für potenzielle Vergewaltiger gebildet. Man schickt sich Links für Betäubungsmöglichkeiten und erteilt sich Tipps. Die Strafverfolgungsbehörden sind dem kaum gewachsen. So berichtet Strg_F in Deutschland seien Übergriffe auf Bewusstlose zwar strafbar, jedoch könne man gegen das Verbreiten von Videos nichts unternehmen, da dies nicht unter die Strafbarkeit falle. Verbrechen wie jene an Pelicot und anderen Frauen sind aber nur in einem gesellschaftlichen Klima möglich das Täter schützt und Opfer die Bürde auferlegt mit den Konsequenzen umzugehen. Dabei wäre es erst einmal wichtig, wenn, so wie Gisèle Pelicot richtig anmerkte, die Scham die Seite wechseln würde und obwohl man sich auch Gedanken machen könnte, ob die Tatsache, dass so viele Männer sich in diesem Zusammenhang schuldig gemacht haben, eventuell etwas über unsere Gesellschaft und ihre Strukturen aussagt und darüber, welche Konsequenzen Straftaten wie diese haben.

Stefan: Die Möglichkeiten zur Betäubung sind in den letzten Jahren in unserer pharmakologisierten Arbeitswelt stark angestiegen. Es kommt zu einer neuen Vielfalt der Methoden zur Opferbetäubung. „Toxikologen wie Volker Auwärter vom Universitätsklinikum Freiburg warnen vor neuartigen K.-o.-Mitteln, die als harmlose Haarpflegeprodukte oder Mittel zur Entfernung von Wimpernkleber beworben und legal erworben werden können. Die untersuchten Substanzen enthalten eine gefährliche Mischung aus Tiernarkosemitteln, Designer-Benzodiazepinen und Medikamenten, die Erbrechen verhindern sollen. Viele Bestandteile sind in Standardtests nicht nachweisbar. Wie gefährlich derartige Mittel sind, wird vielen in den Telegram-Gruppen erst klar, wenn es zu spät ist. Immer wieder berichten die Mitglieder davon, dass ihre Opfer deutlich länger als geplant geschlafen oder gar Probleme beim Atmen gehabt hätten.“

Ela: Aber auch Alkohol wird ja in vielen Fällen dazu genutzt Frauen und ihre Abwehr außer Kraft zu setzen. In diesem Fall fällt es den Staatsanwälten dieser Welt oft besonders leicht, den Opfern die an ihnen begangenen Straftaten zum Vorwurf zu machen. Eine Tatsache ist allerdings, dass Männern, welche sich an Frauen vergehen, dies oft auch aus einem Strafbedürfnis heraus tun. Vergewaltigung kann sich also auch gegen vermeintliches Fehlverhalten von Frauen richten – wenn diese beispielsweise nicht ihrer zugeteilten Rolle entsprechen – für das sie bestraft werden müssen, oder gar als pauschale Strafe für die Frau an sich. In diesem Fall zeigt sich dann eindeutig, dass Vergewaltigung auch ein mächtiges Instrument darstellt, den Kapitalismus und die gesellschaftlichen Konventionen durchzusetzen.

Stefan: Ein Grund mehr den Kapitalismus echt zu verlassen. Wer sehr eindrucksvoll den Kapitalismus in den Privatkonkurs verlassen hat, war René Benko. Mittlerweile mein Lieblingsunternehmer, weil er den Kern des erfolgreichen Unternehmertums bloßgelegt hat: „Mafiöse Methoden“, wie der Spiegel schreibt. (Der Spiegel Nr. 50, 07.12.2024) Gegen Benko, „den mutmaßlichen Kopf der Bande“, den Capo, ermittelt jetzt in Italien die Mafiabekämpfung, wegen Verdachts auf kriminelle Vereinigung und den Vorwürfen der Bestechung, Manipulation, Korruption und des Betrugs.

Ela: Auch ein schönes Hobby. Dass der Name Benko für guten Geschmack steht, zeigt sich ja auch an seinen Bauprojekten. Zuerst hat er ja noch das alte Leiner-Gebäude auf der Mariahilferstraße, sowie das Schlosshotel Igls bei Innsbruck niedergerissen, denn Denkmalschutz ist in Österreich eher eine Verhandlungssache. Das Signa-Kaufhaus „Lamarr“ wurde ja inzwischen verkauft. Die Benko-Villa in Tirol ist im Besitz der Wiener Schlosshotel Igls Betriebs GmbH & Co KG, die zur Laura-Privatstiftung der Benkos gehört, an die die Mutter 235.000 Euro Miete zahlt, damit Rene weiterhin gratis dort wohnen darf. Keep it in the family sozusagen.

Stefan: Ein Grund den Kapitalismus zu verlassen wäre, dass wir zunehmend nicht nur ausgebeutet werden, sondern auch in Europa immer öfter, Opfer von extremistischer Gewalt werden. Das sich also die Gewalt, von der Peripherie, wo sie, auch aufgrund westlicher Beteiligung nicht enden kann, ins Zentrum verschiebt. Staatsversagen traue ich mich das nicht zu nennen, solange die Kapitalakkumulation ungestört weitergeht. Vorgestern am 19.12.2024 wurde den Opfern des islamistischen Terroranschlags am Breitscheidplatz in Berlin gedacht. 13 Menschen wurden dabei von einem Islamisten ermordet. Kurz davor, am 2. November, jährte sich der islamistische Terroranschlag in Wien, mit vier Toten und 23 Schwerverletzten. In der Nacht vom 20.12.2024 wurde in Magdeburg von einem saudi-arabischen Staatsbürger ein Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt verübt, mit mindestens 2 Toten und über 60 Verletzten. Angeblich war er AfD-Fan, angeblich Ex-Muslim, seine Methode ist dennoch die des islamistischen Terrors und sein Ziel, eben ein Weihnachtsmarkt und keine politische Veranstaltung von Nazis oder extremistischen Muslimen. Beinahe gleichzeitig hat ein politischer Vertreter des österreichischen Islam auf seinem Facebook-Account wortreich und öffentlich die Diskriminierungserfahrungen muslimischer Österreicher angeprangert. Er bezieht sich dabei auf einen Bericht der Europäischen Grundrechte Agentur und beklagt zurecht die dort aufgeführten Missstände, die real sind und zu Ungerechtigkeiten gegenüber Muslimen führen. Aber er sucht die Schuld dafür einseitig beim österreichischen Staat. Seine Vorschläge zu deren Behebung sind sicherlich teilweise legitim und seine Intention zielt auf ein funktionierendes Miteinander. So viel habe ich bisher von seinen Äußerungen wahrgenommen. Er ist ein Vertreter friedlicher Koexistenz und abstrakter demokratischer Werte. Aber der Unterton ist an manchen Stellen durchaus düster, eventuell missverständlich und vielleicht sogar für manche Beobachter bedrohlich, wenn er etwa feststellt: „Populistische Verbotspolitik birgt die Gefahr von ‚self fulfilling prophecies‘.“ Die Zuschreibung an extremistische Muslime, sie seien gewaltbereit, führt zur Gewaltbereitschaft? Die Angst vor islamistischer Gewalt ist schuld an islamistischer Gewalt?

Ela: Diese ganzen Zirkelschlüsse in diesem Zusammenhang fand ich schon immer interessant. Bei dem Anschlag in Magdeburg finde ich es zudem spannend, dass man so viel Wert auf die sogenannte AfD-Affiliation des Täters legt, während man gleichzeitig allen anderen Schwachsinn, den er auf den sozialen Medien verbreitet hat, geflissentlich ignoriert. So gibt es auch Tweets, wo er sich als Wahhabit bezeichnet und anderes konfuses Zeug, was ja dann wieder gegen die Behauptung stehen würde, es handle sich um einen Ex-Muslim. Also das ist spannend, wie man sich da jetzt auf dieses Bild festgefahren hat und gleichzeitig alles andere ignoriert.

Stefan: Da gibt es übrigens ein interessantes Verdrängungsmuster, beziehungsweise ein journalistisch-politisches Schaukelspiel. Während rechte Politiker und Medien jeden Anschlag sofort unbesehen dem extremistischen Islam zuordnen, was etwa beim Anschlag von Hanau völlig daneben war, tun sich die Linken dabei schwer einzusehen, dass Terroranschläge auch von extremistischen Muslimen verübt werden. Das übliche Muster der Verdrängung ist mehrstufig und beginnt mit: „Es ist zu früh um etwas Konkretes sagen zu können.“ Über: „Wahrscheinlich ein psychisch kranker Einzeltäter.“ Zu: „Wer das thematisiert, hilft der AfD, FPÖ, …“ Umgekehrt sind diese Linken dann bass erstaunt, wenn die Rechten das auch versuchen. Der Spiegel Nr. 52 vom 31.12.2024 dokumentiert dieses Erstaunen und die Empörung, die es auslöst, am Ableismus der AfD. Dass die AfD Menschen mit Behinderungen verabscheut und sich im Umgang mit ihnen wahrscheinlich verschiedener Nazimethoden bedienen würde, wenn sie könnte, brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber gleichzeitig entsteht eine seltsame Spiegelung des Verdrängungsmusters, wenn ein AfD-Mann über den Terroranschlag von Hanau spricht. Der Spiegel schreibt: „2020 verharmloste der innenpolitische Sprecher der AfD, Gottfried Curio, die rechtsextremen Motive des Attentäters von Hanau, nannte ihn einen ‚Irren‘ und ‚verrückt‘, sagte, er habe nicht zu den ‚geistig gesunden‘ gehört.“ Eine Frechheit sondergleichen, wie kann nur ein Gewalttäter, der so brutal vorgeht und damit ein politisches Ziel verfolgt und sich dazu auch noch öffentlich oder in einem Manifest äußert als psychisch krank bezeichnet werden? Das geht natürlich nicht. Oder geht es doch und kommt es nur darauf an in wessen Interesse das geschieht? Jedenfalls haben diese Verharmlosungsversuche von links und rechts etwas gemeinsam mit den Verharmlosungsversuchen aller Populisten, wenn es darum geht die Gewalt der eigenen irregulären Klientel medial zu kaschieren.

Ela: Bei den Opfern solcher Anschläge kommen ähnliche Mechanismen ins Spiel. Wenn es die betrifft, die falschen politischen Affiliationen haben oder sonst wie der falschen Gruppe angehören, dann wird ihnen ja auch gern eine „übertriebene“ Reaktion auf ihre Traumata vorgeworfen. Ich erinnere mich da an Jesse Hughes von den Eagles of Death Metal, die während des Anschlages im Bataclan ein Konzert spielten. In einem Stern-Artikel wird Jesse Hughes in einem Satz zur Last gelegt er sei „für die amerikanische Waffenlobby, für Donald Trump, Anti-Obama, für Kriegseinsätze und gegen das Recht der Frau auf Abtreibung.“ Dass er nun einmal während eines der größten jüngeren Attentate in Frankreich auf der Bühne stand, bei dem 89 Menschen getötet wurden, kann natürlich die „übertriebene“ politische Entwicklung des Musikers nicht erklären. Dass sich da eventuell eine kleine Phobie im Zusammenhang mit dem Islam entwickeln könnte … Dem Team von Charlie Hebdo wurde auch regelmäßig Rassismus vorgeworfen, selbst noch nachdem es teilweise schon dahingemetzelt worden war.

Das ist jetzt eine freie Assoziation, aber passt nochmal kurz zu unserem vorigen Thema, weil es mich auch an dem Umgang mit den jungen Frauen erinnert, die im englischen Rotherham einem Kindesmissbrauchsring zum Opfer fielen. 1.400 Mädchen ab ca. 11 Jahren wurden dort zwischen 1997 und 2013 von Männern mit großteils pakistanischem Hintergrund entführt, sexuell missbraucht und „gehandelt“. Ähnliches passierte in Rochdale zwischen 2008 und 2010 und in Telford seit den 1980ern. In Rotherham äußerten sich „mehrere befragte() Ratsmitglieder“ man müsse vorsichtig sein, damit nicht „durch das Aufgreifen dieser Themen rassistische() Ansichten“ verbreitet würden, die „extremistische politische Gruppen anziehen und den Zusammenhalt der Gemeinschaft gefährden könnte(n)“. Ein Report der Independent Inquiry into Child Sexual Abuse hatte offengelegt, dass man mit einem „weitverbreitete(n) Versäumnis“ konfrontiert sei, „die ethnische Herkunft von Tätern und Opfern“ zu erfassen. Gleichzeitig wurden die Opfer dieser Gangs „während der Vergewaltigung mit üblen rassistischen Namen wie ‚weißer Abschaum‘ und ‚Kaffirmädchen‘ beschimpft“, während sie von den Behörden nicht ernst genommen wurden, weil sie als „Mädchen mit Problemen“ galten, die “durch ihr eigenes Verhalten selbst schuld“ trugen.

Stefan: Diese widerlichen Vorkommnisse werden sich in dieser extremen Form hoffentlich nicht mehr wiederholen können. Aber es kann schon Probleme mit sich bringen auf solche Dinge überhaupt hinzuweisen. Der Islampopulismus österreichischer Prägung hat mit solchen Vorkommnissen nichts am Hut. Die Vertreter, die ich bisher am Schirm habe, würden solche Vorkommnisse niemals verharmlosen. Aber beim Terrordiskurs sieht die Sache etwas anders aus. Hier hat sich der Islampopulismus ganz auf den Ton der hiesigen Debatten zu Magdeburg eingestellt. Linkspopulistisch werden Menschenrechte eingeklagt, und an den Minderheitenschutz appelliert, („Was heute die eine Minderheit trifft, könnte morgen eine andere zur Zielscheibe machen, wenn verfassungsmäßige Standards ausgehöhlt würden.“) sowie auf strukturelle Ungleichheiten verwiesen, ohne darauf einzugehen, wie diese nachhaltig behoben werden könnten. Denn die strukturelle Ungleichheit ist dem Kapitalverhältnis inhärent. Aber dieses wird durch die Gläubigen ja nicht in Frage gestellt, sondern nur dessen (neo-?)liberale Ausprägung. Die konkreten Vorschläge versanden in den Grabenkämpfen hiesiger Politik. Statt der Islamkommission der einen Partei, soll die Islamkommission der anderen Partei unter einem anderen Namen unwirksame Maßnahmen vorschlagen, die dann ohnehin nur so umgesetzt werden, dass niemand etwas davon hat. Stets wird im Rahmen der Verfassung argumentiert, aber zugleich durch ständiges Zuzwinkern und raunende Zwischenbotschaften, der Anteil der eigenen Klientel angesprochen, der dafür empfänglich ist – Stichwort Dogwhistling Politik. Die Zwischenbotschaften richten sich in FPÖ-Manier an die härtere Klientel, die den Populismus und den „Jargon der Demokratie“ (Gerhard Scheit) für die Durchsetzung ihrer eigentlichen Ziele in Kauf, aber nicht (mehr) ernst nimmt. Diese Klientel besteht aus ultrakonservativen, reaktionären, extremistischen und faschistischen Kräften und deren irregulären Einheiten. Von diesen Einheiten ist im Islampopulismus oft abstrakt die Rede. Wenn daran erinnert wird, dass Diskriminierung zu einer Reaktion führen kann. Es sind die wütenden Männer, die in Paris die Banlieues berüchtigt gemacht haben, die zu allem bereit sind, und auf das richtige Zuzwinkern lokale Bürgerkriege beginnen können. Aber auch die Einzeltäter und Terrorzellen gehören dazu. Sie sorgen dafür, das unliebsame Kritiker mundtot oder ganz tot gemacht werden, sobald die Aufmerksamkeit durch einen Islampopulisten auf sie gelenkt wurde. Diese sehr konkrete Bedrohung wird, wider besseren Wissens, von den Islampopulisten und ihren, meist links angestrichenen, Verbündeten (Islamo-Gauchisme), stets kleingeredet, die sich häufenden gewalttätigen Übergriffe werden in manipulierten Statistiken verschleiert und ständig wird das Thema gewechselt. Das läuft dann so ab, dass man bei einem konkreten Anschlag in Europa beginnt und in einem Konflikt in einem fernen Land endet, mit dem weder die Toten des Anschlags, noch deren Mörder jemals etwas zu tun hatten. Die Diskussion dazu kann man sich so vorstellen wie den Anschlag in München am 5. September 2024. Es war ein Angriff auf das israelische Generalkonsulat, der in einem Schusswechsel zwischen einem 18-jährigen Österreicher bosnischer Abstammung und Polizisten am Karolinenplatz in der Nähe des israelischen Generalkonsulats und des NS-Dokumentationszentrums endete.

Diskriminierungserfahrungen werden natürlich zurecht beklagt! Menschen mit „ausländisch klingenden“ Namen haben Nachteile bei der Wohnungssuche und auf dem Arbeitsmarkt und auch im beruflichen Leben haben sie die Erfahrung des Alltagsrassismus. Dieser kann auch bezogen auf islamische Kleidung auftreten und durchaus mit Gewalt verbunden sein. Es muss aber hinzugefügt werden, dass die von der Europäischen Grundrechte Agentur (https://fra.europa.eu/de/news/2024/muslime-europa-zunehmend-opfer-von-rassismus-und-diskriminierung) ermittelten Daten auf Umfragen und persönlichen Meinungen („face-to-face interviews and an online questionnaire“) basieren und nicht auf konkreten dokumentierten oder behördlich aktenkundigen Vorfällen. Das ist übrigens auch in Deutschland bei manchen Landesmeldestellen gegen Diskriminierung so. In NRW startet 2025 die „Meldestelle zu antimuslimischem Rassismus“ und fordert dazu auf „Fälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze zu melden“. Das bedeutet es geht bewusst darum auch das Gefühl der Menschen zu dokumentieren. Da werden dann vielfach persönliche Eindrücke, persönliche Missverständnisse und Enttäuschungen und persönliches Ressentiment in die Dokumentation einfließen, die dann einen gesellschaftlichen Tatbestand erahnen lassen. Das wiederum erzeugt eine Verstärkungsschleife, aus der heraus die Islampopulisten immer wieder auf die Opferrolle von Muslimen hinweisen können. Daraus kann eine Abwärtsspirale entstehen, denn natürlich können ständige Negativnachrichten das Gefühl der Diskriminierung noch verstärken und die innere Haltung gegenüber der als diskriminierend wahrgenommenen Gesellschaft verhärten. Oder mit den Worten Hans Rauschers im heutigen Standard 31.12.2024: „Pessimisten wählen rechtspopulistische bis rechtsextremistische Parteien. Das ist ein ehernes Gesetz der Politik. Abgesichert durch zig Umfragen, Erhebungen und soziokulturellen Studien.“ Wenn sich alle unwohl fühlen, profitieren davon die Konservativen, die Reaktionären, die Faschisten und natürlich die Islampopulisten.

Schlimm genug, wenn sich Muslime in der Gesellschaft nicht wohlfühlen, daran sollte sich schleunigst etwas ändern und es ist sicherlich an der Zeit, dass alle gemeinsam in funktionierenden Gremien zusammenkommen, mehr Räume für die Begegnung geschaffen werden und alle auf Augenhöhe und mit gleich lauter Stimme miteinander sprechen. Aber es muss auch kritische Bewusstsein dafür entstehen, dass die Gründe für die wahrgenommene Diskriminierung nicht nur bei strukturellem und individuellem Rassismus und ständigen Verfehlungen autochthoner Österreicher liegen, sondern auch bei den muslimischen Extremisten, der von ihnen mittlerweile regelmäßig verübten Gewalt und den empörenden Stellungnahmen der Islampopulisten dazu.

Murat Kayman, Mitbegründer der Alhambra-Gesellschaft, eines Vereins europäischer Musliminnen und Muslime, der von 2014 bis 2017 Jurist des muslimischen Verbandes Ditib in Köln war, warnt vor einer so einseitigen Darstellung der Verhältnisse. „Selbst wenn es ab morgen gar keinen Generalverdacht gegen Muslime mehr gäbe, wenn es nicht einen einzigen muslimfeindlichen Vorfall oder irgendwie antimuslimische Diskriminierung mehr gäbe, würde dennoch das Problem des islamistischen Extremismus unverändert fortbestehen. […] Denn islamistische Gewalt wird durch ihre Propagandisten als ‚legitimer Widerstand‘ gegen eine Muslimen gegenüber feindlich gesinnte Welt beworben. Mit dieser ‚Rechtfertigung‘ legitimieren sie eine totalitäre, freiheitsfeindliche, menschenverachtende Ideologie. […] Wer der fortschreitenden gesellschaftlichen Spaltung etwas entgegensetzen will, muss diese aus religiösen Überlegenheitsvorstellungen heraus vollzogene Selbstentfremdung muslimischer Organisationen hinterfragen.“ (Der Standard 14./15. September 2024: Muslime sollten sich unbequemen Debatten stellen, 38.)

Im Der Spiegel wird er noch deutlicher: „Vor dem Hintergrund der explodierenden Züge und Busse in Spanien und London, der ermordeten Satiriker, Lehrer, Passanten, Café- und Konzertbesucher in Frankreich, der überfahrenen Weihnachtsmarktbesucher in Berlin, der Opfer der Terroranschläge weltweit mussten die muslimische Verdrängung, dieses apathische Kopfschütteln muslimischer Vertreter und ihre immer phrasenhafter wirkende Verurteilungen irgendwann unglaubwürdig wirken.“ (Der Spiegel Chronik 2024, 106.)

Kayman hat auch ein Buch über dieses Thema geschrieben. Mal sehen, wie lange er sein Leben in Frieden fortsetzen kann, oder ob ihn das Schicksal Ayan Hirsi Alis und der dutzenden Religions- und Faschismuskritiker ereilt, die unter ständiger Todesdrohung leben müssen. Verfolgt von den verfolgenden Unschuldigen, die angeblich durch „populistische Verbotspolitik“ zu „self fulfilling prophecies“ des Gemetzels gemacht werden.

Extremistische Gewalt aller Couleur scheint fixer Bestandteil, oder wie der Londoner Bürgermeister einst nach einem islamistischen Anschlag sagte, „part and parcel[1], des zukünftigen Zusammenlebens in Europa zu sein. Damit sollten wir uns nicht abfinden. Man kann den Kapitalismus nicht verlassen, aber man kann mit aller Kraft daran erinnern, dass ein „Minimum an Freiheit“ (Franz Neumann), nämlich Freiheit von terroristischer Gewalt, eine Grundbedingung sein muss, um diese ganze Scheiße zumindest stoisch und ironisch ertragen zu können.


[1] https://www.london.gov.uk/who-we-are/what-london-assembly-does/questions-mayor/find-an-answer/terror-attacks

Halbwertszeit in London

Auf Einladung von der Queen Mary University of London durfte ich für das Insitut für Modern Languages and Cultures unser neues Buch „Gespräche gegen die Wirklichkeit“ vorstellen. Danke nochmal an Ana Ilic, die das möglich gemacht hat, die sich rührend um mich gekümmert hat und mit mir den langen Marsch nach Highgate angetreten ist, was ein wunderbarer Ausflug war.

Das die Wirklichkeit sich überaus effizient gegen ihre Kritiker zu verteidigen weiß, lernten wir 10 Minuten vor Veranstaltungsbeginn, als uns klar wurde, dass die Ankündigung des Vortrags aufgrund eines Übertragungsfehlers „Gespräche ÜBER die Wirklichkeit“ lautete. Well played Wirklichkeit, well played.

Ich habe mein Textmanuskript hier abgebildet. Die Profs vor Ort waren sehr freundlich mit mir und ich hatte Ana als Hilfe bei der Diskussion. Aber mir ist bewusst, dass mein Englisch nicht the yellow from the egg ist.

Conversations against reality

The scary space of consumption

Please don´t be too strict, when judging my English skills. I am a native german speaker. More precisely, to quote a famous singer/songwriter from my country who had some problems with cocaine, but gave Austria its unofficial hymn, that you hear when you land on an Austrian Airways machine: “I am from Austria.” So …

A few years ago, Mark Fisher, who sadly sadly passed away in 2017, described the sentiment of our everyday life as the “call center experience”.

That we are all consumers is a common statement, but that the space of consumption is the opposite of a space full of possibilities is an oppressive experience. In reality, the consumption sphere is actually very limited. Everyone experiences the limits of product availability, and the customer service at some point. And then we get to experience the complete absence of attributable responsibility, the complete lack of ways out of the dead ends and the total lack of prospects in an endless loop, when it comes to the simplest problems.

For Fisher, this scary experience is the “systematic consequence” of capitalist logic. The exploitation of value, driven by the laws of accumulation, means that production is not carried out in order to satisfy our needs, but rather within the framework of a calculation that is as alien to human sentiment as a nation of alien conquerors. The world is arranged in such a way that the economic surrogates of variety and richness can only be obtained at the price of programming consumers to allow simplicity to be sold as diversity to them.

It sounds like a dystopia, when Fisher writes that at the edge of the consumer sphere a “world without memory, in which cause and effect are unfathomably connected, in which it is a miracle if anything ever happens where you lose hope of ever finding a solution to your own concerns” awaits us. It sounds dystopian when he describes a system that appears to us to be impersonal, abstractly fragmented and unavoidable and at the same time gives us the impression of being absolutely efficient and almost infallible. Everything can be bought, everything has its price, everything is always available, everything runs legally and yet is always dangerously close to complete collapse: your own! Not that of the system, because the system lives off the exploitation of individuals until their collapse. Division of labour, professional roles and abstract management has led to the exchangeability of everyone. The best worker can be replaced sooner or later, by a surrogate fulfilling its role in the interest of exploitation.

Anyone searching for an undelivered package will end up in the labyrinth of the capital and experience the exchangeability from the customer side who shares the same fate. Since in most cases a missing package remains missing, even if the supplier admits to having messed the delivery up himself, the effort required to find it is too great. It will be replaced with another identical product. For free, if you are lucky. At your own expense, if the seller isn’t also exploited by Amazon. A look behind the facade of consumption and into the delivery processes, the cost-cutting constraints of customer service and the entanglements of the supply system leads into a dark tunnel. The dullness of conditions results from the constraints of daily repeating routines. The daily labour, that is forced on the individual, takes up the resources that would be necessary for creative development, and is instead spent on recreation, in order to maintain everyday working life. We have to stay in the most uncomfortable positions for years, because we are too tired to think about how we can change our posture. Call center experience means: We sit on hold, because we have no other choice.

Capitalist Realism

Mark Fisher calls the design of this mousetrap “capitalist realism”: “It’s easier to imagine the end of the world than the end of capitalism”. He illustrates this by taking the example of Kurt Cobain and his band Nirvana.

“Cobain knew that he was just another piece of spectacle, that nothing runs better on MTV than a protest against MTV; knew that his every move was a cliché scripted in advance, knew that even realizing it is a cliché.” It’s the cultural industry stupid!

This can also be applied to (academic) social criticism: “As long as we believe that capitalism is bad, we are free to continue to participate in capitalist exchange.”

Markus Metz and Georg Seeßlen go even further: they see a capitalist surrealism. Not in contrast to Mark Fisher, but in a hidden reference to him. Surrealism as a form of enhancement: “Neoliberalism not only produces economic crises, wars and financial market crashes – it also changes the cultural and political order. Capitalist surrealism arises when watching a capitalist-realist who finds the system reasonable and sees critics of the system as romantics; who scoffs at ‘do-gooders’ but is also happy to donate when a pop star calls to save the rainforest.”

They write: “The narrative style of capitalist surrealism is ‘noir’. Like the hardboiled crime novel or film noir, it is about autonomous, sarcastic and injured people in an irredeemable world, in a world that, more precisely, can only be hell. This is also completely clear to the individual representative of capitalist surrealism: that he is not in a paradise, not even in the vale of tears of a worldly reality (the delayed reward), but quite directly and literally in hell. And if capitalism is not nature but hell, opposition and alternatives become no less obsolete. The number of those who have freed themselves from hell is very, very limited. The image of hell for capitalism is therefore almost more compelling than the image of ‘nature’. If we are all in hell, it is not wrong to make pacts with the devils”.

Consequentially Metz and Seeßlen claim a relationship between financial management and pop culture. The new realism is based on identification with capitalism. The new surrealism maintains this relationship through aesthetics, as the ultimate legitimation. Capitalism in its current form stays alive, because it makes itself “nonsensical, invisible and untouchable” as financial capital and “ubiquitous, iconic and endlessly approachable” as an aesthetic event. Iconography of the brands, the TechBillionairs, the designer fashion, the fitness and diet trends …

How to break free?

Answers to this plight could be found, but they cannot be limited to further academic publications or capricious technical discussions. In everyday life we ​​are already surrounded by the constraints of necessity, and the endless production of expert knowledge only reproduces this compulsory structure in the form of ever new prisons of text and knowledge. The idea comes to mind that we are constantly being taken by the hand by the narratives of instrumental action. Under the conditions of traditional reproduction of knowledge, any attempt to escape is pointless.

However, if we do come to the conclusion that an outbreak is necessary, then it would have to take a completely new form. Politically, as mole work, the silent collection of accusations against the system of exploitation and the spreading of rumors about possible escape routes. The italian anarchist Johannes Agnoli speaks of self-knowledge and self-organization of the “negative potential”. Those excluded and exploited by the system should start conversations about their struggles and through this exchange organize not only resistance, but alliances to counter the monopolies of coercion on the side of capitalist structures.

This new form is actually derived from a very old form. Not only is “negative societal potential” a term prominently used by Hegel. The subversive tactics of conversation itself stand at the beginning of resistant thinking. The work of the art of dialogue is a means of the weak against domination, because it makes the speakers recognizable. After an open dialogue there are no more excuses, no ideological subterfuges. But this is not about a discourse free of coercion or about deliberation. Habermas‘ discourse ethics is a violation of open dialogue, of the art of conversation, which by nature cannot follow any ethics, other than the production of critical knowledge about domination and coercion.

This form of conversation has a long philosophical tradition and an equally long history of its oppression by governments. Plato’s dialogues create an opportunity to identify with Socrates‘ ideas. They are designed to help people think for themselves. The Socratic tradition asks about what is supposedly self-evident and encourages us to question it. Looking under the surface of reality reveals the immune system of the ideologies of power. Socrates is ready to die for his dialogical defiance of the authorities and ends his life with poison. Not very much unlike Mark Fisher who ended his life, in the face of an unresponding system, that negated effective help for a critical mind with crippling depression.

Another example is Oscar Wilde. He died subsequently to his imprisonment after a juridical fight with a nobleman. Not because he questioned the connection between social reality and aesthetic construction in his dialogues “The Decay of Lies” and “The Critic as Artist,” but because he, a homosexual, violated the rules of a reactionary society.

The still living filmmaker Alexander Kluge has had a multitude of conversations with countless partners, that can be used as resources to start your own critical thinking. At 92 he is still present in film and TV today and assists the mole work of self-knowledge and self-organization. He even made a a film about Capital: “News from ideological antiquity”, and the financial crisis: “fruits of trust”. Both films consist of plenty critically rich conversations to mobilize the viewers fantasy against the forces of realism.

A book as a conversation

In this book series we view conversation as a method of criticism, developed through free association and as an aesthetic resistance to the reproduction of culture and knowledge. Our conversations are criticism of dominant realist ideology, and political intervention against the conditions of cultural reproduction. Our book contains conversations, and at the same time, following the motto of Jorge Louis Borges: “Reading is thinking with another’s brain”, is a conversation with the reader.

In the introduction we treat the political economy of social power relations and the related political morale, which has now become a purely aesthetic and identitarian moralism. A moralism that immunizes itself through economic facts.

The conversations we gathered afterwards deal with work, the cultural industry and sexual practice and identity. In it we attempt to work out the exploitation of value and the self-utilization of individuals, and to pick them apart through dialogue, by pointing out that this constellation of work, the cultural industry and sex does not serve to satisfy the needs of individuals, but rather serves the exploitational interests of capital. Parallel to capitalist realism, the lazy magic of identitarian socialization is a cage for the integration of individuals into the “Kapitalverhältnis”. They are not meant to receive what they need to make their lives fulfilling and satisfying, they should rather satisfy the system and live for the interests of their identity. They should follow the label of their existence, as workers, consumers and people with certain sexual preferences, throughout their lives and function in these roles. Furthermore, they should keep their mouths shut and certainly not think for themselves.

Work serves as a tyrannical machine to prevent self-development, self-perception and self-determination. A diffusion mechanism for dispersion and distraction, similar to the culture industry, which has to serve as a “Haupt- und Staatsaktion” to demobilize creative energies. The package of measures to maintain the “Kapitalverhältnis” is closed by sexual racketeering, that depends on the methods of categorizing, clarifying, measuring and constantly discussing sexuality in empty phrases, academic lectures and NOT dialogues, advances the trivialization of sexual relationships and at the same time normalizes the outrage of reactionary rackets against free sexuality.

We counter this with a production of imagination and knowledge that is deliberately excessive. An unsystematic collection of resources for free use. To create an incentive system to think for yourself. To build on the countless topics we raise and get an impression of what it feels like to think with someone else’s brain. Our book is an offer for the creative use of one’s own knowledge in order to identify coercion and to learn to understand and dismantle it from one’s own perspective. A reading for a long winter. Until when? We don’t know.




War on Drugs in Vienna? Gespräch mit Dr. Peanuts über Drogenkonsum und dessen Bekämpfung in Wien

Stefan: Wo kann ich in Wien die besten Drogen kaufen?

Dr. Peanuts: Stefan, die Möglichkeiten sind wohl mannigfaltig 😉 Am einfachsten gehst du in den Supermarkt, kaufst dir zwei Flaschen Whiskey, gern auch den Besten – und ein Packerl Zigaretten in der Trafik daneben.  Schwupps, und schon hast du welche der gefährlichsten Drogen, in Bezug auf die Sterberate in Österreich, in deiner Hand und kannst sie ganz legal und ohne Stigma konsumieren.

Aber Spaß beiseite: Warum sind denn manche Drogen legal und andere nicht? Deine Frage lenkt unser Gespräch natürlich auf ein ernstes Thema: den Umgang der Wiener Drogenpolitik mit illegal gemachten Subtanzen und ihren Konsumierenden. Wie in jeder Großstadt, gibt es auch in Wien Drogenkonsum und -handel. Und tatsächlich ist es heute noch leichter an verschiedene illegale Substanzen zu kommen, als noch vor 30 Jahren – dank Internet, sozialen Medien, Bestelltaxis und dem Darknet.

Im Idealfall sollten Menschen, die berauschende oder bewusstseinsverändernde Substanzen konsumieren wollen, dies legal und sicher tun können. Bildung, Aufklärung und unterstützende Angebote wären dabei essenziell, um negative Effekte des Drogenkonsums einzudämmen. Eine Drogenpolitik die auf Repression und Kriminalisierung setzt, ist veraltet und verfehlt dieses Ziel. Sie stigmatisiert Konsument*innen und treibt sie in den Untergrund – mit all den damit verbundenen Risiken und sozialen Folgen, die wir schon aus der Geschichte des War on Drugs kennen.

Stefan: Der War on Drugs ist ein globales Regime der rigiden politischen Kontrolle von bestimmten Drogen und der Kriminalisierung bestimmter Drogennutzer. Dass Drogen illegal sind, hat den Effekt, dass die Risiken für den Umgang damit im Gefängnis zu landen unfair verteilt sind. Es gibt hier Klassenunterschiede. Berühmte wohlhabende Sportler, Künstler und öffentliche Personen kommen selbst bei schweren Verstößen gegen die Drogengesetze meist glimpflich davon. Oliver Stone, Paul McCartney, Lawrence Taylor erhielten für diverse Vergehen nicht mehr als eine Geldstrafe oder eine reduzierte Bewährungsstrafe. Die afroamerikanische Sängerin Billie Holliday hatte weniger Glück, an ihr wurde 1947 ein Exempel statuiert und sie kam ein Jahr lang ins Gefängnis, anstatt in eine Entzugsklinik. Als ehemalige Strafgefangene verlor sie ihre Auftrittserlaubnis, weil ihre Songs die öffentliche Moral schädigen würden. Die heroinabhängige Judy Garland, die jahrelang Barbiturate und Amphetamine konsumierte, kam mit einer mündlichen Verwarnung davon. 

Keith Richards, der Gitarrist der Rolling Stones, wurde 1977 in Toronto für das Schmuggeln von 22 Gramm hochreinem Heroin vor Gericht gestellt. Die mögliche Höchststrafe dafür war lebenslange Haft. Der Staatsanwalt plädierte auf eine Haftstrafe von 6 Monaten und der Richter verhängte die Strafe auf Bewährung. Das ist auch deshalb ein ungewöhnlicher Vorgang, weil Richards bereits fünf Mal in den vorangehenden 5 Jahren für Drogendelikte verurteilt worden war, also schwer vorbestraft war.

Es spricht einiges für Legalisierung, Regulierung oder zumindest Straffreiheit. Laut Günter Amendt würden die Freigabe des Drogenhandels und die Entkriminalisierung des Konsums die Marktverhältnisse völlig umkrempeln, eine gesellschaftliche Neubewertung ermöglichen und den Status der Drogen ändern. „Kokain würde das Luxuriöse verlieren, Heroin würde das Heroische genommen. Die Aufhebung der Prohibition wäre nicht gleichbedeutend mit der Ausschaltung der Mafia“, aber es könnte deren Kapazität verringern Einfluss auf die legale Wirtschaft zu nehmen. Vor allem aber würde sie einen Weg eröffnen die zunehmende Pharmakologisierung des Alltags in den Blick zu nehmen. Kommt der War on Drugs schön langsam auch in Wien an?

Dr. Peanuts: Eine repressive Drogenpolitik hat vor allem einen Effekt – die Marginalisierung von urbanen Minderheiten wie Migrant*innen und sozioökonomisch schwachen Schichten. Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa wird der War on Drugs, eigentlich als War on Class, Race and Gender geführt. In Wien werden Schwerpunktaktionen der Polizei gegen Drogenhandel besonders in Bezirken durchgeführt, in denen es eine vergleichsweise hohe Armutsrate gibt und wo besonders viele Menschen mit Migrationsgeschichte leben, zum Beispiel im 15. und 16., aber auch im 10. und 11. Bezirk. Oft sind diese Schwerpunktaktionen auch gezielt gegen bestimmte Nationalitäten gerichtet, da wird dann in den Medien von den afgahnischen/algerischen/blablub Drogenbanden berichtet – in rassistischer Manier also. Diese Art von Ausgrenzung und Rassismus hat System und spiegelt sich nicht nur in der Drogenpolitik wider, sondern auch in der Bildung, den Chancen am Arbeitsmarkt oder dem Sozialsystem. Über die Perspektivlosigkeit, der vor allem junge Menschen in solchen Kreisen aufgrund von systematischer Diskriminierung und Marginalisierung oft ausgesetzt sind, wird leider viel zu wenig gesprochen – stattdessen werden sie selber in die Verantwortung genommen für eine Politik, die ihnen oft keine andere Wahl lässt, als sich in die Schattenwirtschaft und informelle Märkte zu begeben. All das führt dazu, wie du auch für die USA mit deinen Beispielen gezeigt hast, dass die Chancen für Drogenvergehen inhaftiert zu werden sehr ungleich verteilt sind. Fabian Grünmayer hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass die Wahrscheinlichkeit für „Migrant*innen nach dem Suchtmittelgesetz inhaftiert zu werden, fünfmal höher ist als bei Österreicher*innen“. Ebenfalls kann man die Folgen eines Drogenvergehens auch auf sozioökonomische Schichten ummünzen: Für einen Politiker wie Johann Gudenus haben Drogenvergehen andere Folgen als für den Ahmed aus dem Resselpark – das schwächt natürlich auch das Vertrauen der Menschen in die Politik.

Stefan: Wikipedia schreibt: Gegenüber der Kronen-Zeitung räumte Gudenus einen möglichen Koks-Konsum ein, bezeichnete die Angelegenheit jedoch szenetypisch als „Schnee von gestern“. Ein Strafverfahren gegen ihn sei eingestellt worden, da es sich lediglich um „Eigengebrauch“ gehandelt habe.

Dr. Peanuts: Gleichzeitig wird mit der Konzipierung von Drogenkonsum als Gefahr für die Sicherheit einer Region auch Konsens für mehr Überwachung bzw. „Law and Order“ hergestellt und das Thema für polarisierende Politik missbraucht. Der „War on Drugs“, ursprünglich in den USA initiiert, hat also tatsächlich auch Auswirkungen auf Wien und andere europäische Städte. Die Drogenprohibition hat historische Wurzeln, die oft mit sozialer Kontrolle und mit der Marginalisierung bestimmter Gruppen verbunden sind. In Wien zeigt sich dies beispielsweise durch die gezielte Kriminalisierung des in der Öffentlichkeit sichtbaren Drogenhandels, der vor allem von Menschen durchgeführt wird, die auf diese Einkommensquelle angewiesen sind. Dies betrifft insbesondere einkommensschwache Bevölkerungsschichten, die nicht die gleichen Möglichkeiten haben, sich in weniger sichtbare und damit sicherere Formen des Handels zurückzuziehen. Polizeiliche Maßnahmen richten sich oft gegen diese marginalisierten Gruppen und tragen zur Polarisierung der Gesellschaft bei, ohne die grundlegenden Probleme wie soziale Ungleichheit, Armut und Mangel an Bildung anzugehen. Damit dient die Kriminalisierung von Drogenkonsum oft dazu, von fundamentalen sozialen Problemen abzulenken und eine Politik der Ausgrenzung zu legitimieren.

Günter Amendts Konzept des „Umkrempelns der Marktverhältnisse“ verdeutlicht, wie die Drogenprohibition nicht nur illegale Märkte schafft, sondern auch legale Wirtschaftsstrukturen destabilisiert. In Wien zeigt sich dies besonders durch den Einfluss der Mafia, die durch Geldwäsche illegale Einnahmen in legale Sektoren, wie das Baugewerbe und die Gastronomie, investiert. Ein prominenter Fall aus 2018 zeigt, dass rund 37 Millionen Euro an Mafiageldern in Wien und Innsbruck investiert werden sollten, bevor sie von den österreichischen Behörden sichergestellt wurden. Diese Praktiken verzerren die Marktverhältnisse, da legale Unternehmen oft nicht mit den durch kriminelle Gelder ermöglichten Bedingungen konkurrieren können. Das führt zu einer Marginalisierung kleinerer Unternehmen und verstärkt die sozialen Ungleichheiten, indem kriminelle Netzwerke zunehmend Kontrolle über legale Märkte gewinnen.

Ein problematisches Beispiel ist auch der Einfluss großer Pharmakonzerne in den USA, die durch aggressive Vermarktung von Opioiden wie Oxycontin eine weitverbreitete Abhängigkeit bzw. Epidemien geschaffen haben, inkl. Fälschung von Studien und der Bestechung von verschreibenden Ärzten. Dies hat zu einer „Pharmakologisierung“ geführt, bei der legal verschriebene Medikamente wie Opioide massiv verbreitet sind, während gleichzeitig die Repression gegen illegale Substanzen verschärft wird. Auch in Österreich sehen wir eine ähnliche Entwicklung, wenn wir etwa an die zunehmende Verschreibung von Psychopharmaka denken. Hier wird die Ironie deutlich: Während die Gesellschaft die illegalen Märkte bekämpft, entstehen durch legale, aber missbrauchte Medikamente neue Abhängigkeiten, die oft noch zerstörerischer wirken. Benzodiazepine sind zum Beispiel unter Jugendlichen sehr weit verbreitet und richten vermutlich mehr Schaden an als illegale Substanzen.

Stefan: Es gab in Wien lange Zeit Cafés in denen man zu bestimmten Uhrzeiten Gras kaufen konnte. Es gab auch einen Eishändler in der Lobau wo das möglich war. In Österreich hat jedes Bundesland eine eigene Herangehensweise an die Problematik des illegalen Drogenkonsums. Inwiefern unterscheidet sich Wien von den anderen Bundesländern, und was ist österreichweiter Konsens?

Dr. Peanuts: Ich bin in der Nähe der Lobau aufgewachsen und könnte dazu lustige Anekdoten vom Fensterhansi oder dem Dechandinvaliden aus meiner Jugend erzählen. Ich kenne diese Phänomene also und kann mich zum Beispiel auch erinnern, dass  verschiedene psilocybinhaltige Gewächse damals noch legal erworben werden konnten, bevor sie ins Visier der Drogenpolitik geraten sind. Welche Substanzen illegal sind und welche nicht, ist also immer auch im Wandel begriffen. Neue Designerdrogen, die oftmals wenig erforscht sind, werden ja laufend auf den Markt gebracht – die Politik kommt da nur schwer hinterher. Ebenso steht es mit der Forschung, welcher es durch Prohibition natürlich erschwert wird wichtige Erkenntnisse in Bezug auf bestimmte Substanzen zu gewinnen.

Zwischen den Bundesländern variieren die Strategien und Ansätze zur Drogenpolitik teils sehr stark. Während zum Beispiel Kärnten oder Oberösterreich eine sehr restriktive Drogenpolitik fahren und auf Repression setzen, unterscheidet sich Wien durch eine eher progressive und gesundheitszentrierte Drogenpolitik, die auf vier Säulen basiert:

1) arbeitsmarktpolitische Maßnahmen und soziale Reintegration,

2) Behandlung, Beratung und Betreuung,

3) öffentlicher Raum und Sicherheit, sowie

4) Suchtprävention.

Schadensminderung (Harm Reduction) ist dabei die Basis, die all diesen Bereichen zu Grunde liegt.

Das bedeutet, dass in Wien verstärkt auf Programme zur Reduktion konsumbedingter negativer Folgen für Individuum und Gesellschaft gesetzt wird, statt vorrangig auf Kriminalisierung und Repression zu setzen. Programme wie der Spritzentausch oder Substitutionsbehandlungen stehen dabei klar im Vordergrund.

Generell ist ein gesundheitsorientierter Ansatz österreichweiter Konsens. Der Grundsatz Therapie statt Strafe ist im SMG (Suchtmittelgesetz) verankert. Dennoch liegen die Kompetenzen zur Umsetzung des SMG bei den Ländern und unterscheiden sich deshalb stark. Während Wien versucht Konsumierende vor allem durch gesundheitliche Maßnahmen zu unterstützen, liegt der Schwerpunkt anderswo auf der Durchsetzung des rechtlichen Rahmens, also dem SMG – bzw. seinen repressiven und kriminalisierenden Aspekten.

Stefan: Was ist das Konzept der Harm Reduction, und wie sieht das in Wien konkret aus?

Dr. Peanuts: Harm Reduction zielt darauf ab, die negativen gesundheitlichen, sozialen und rechtlichen Folgen von Drogenkonsum zu minimieren, ohne den Konsum selbst zwangsläufig zu verhindern. Ansätze der Harm Reduction sind eine logische und humanistische Reaktion auf die Erkenntnis, dass Menschen immer Drogen konsumieren werden und eine drogenfreie Gesellschaft eine Illusion ist, die jegliche Realität und Geschichte menschlichen Verhaltens und ihrer Bedürfnisse ignoriert.

In Wien gibt es das Wiener Sucht- und Drogenhilfenetzwerk mit zahlreichen Organisationen und Institutionen, die Angebote zur Harm Reduction bereitstellen. Die Koordination und finanzielle Mittelvergabe innerhalb dieses Netzwerks, also der Träger*innen von verschiedenen Angeboten und Programmen zur Harm Reduktion, geschieht dabei durch die Wiener Sucht und Drogen Koordination.

In Wien zeigt sich zum Beispiel, dass Spritzentauschprogramme, das Herzstück der Wiener Harm Reduction, Infektionskrankheiten wie HIV oder Hepatitis eindämmen. Die Rücklaufquote des in Wien ausgegebenen Spritzmaterials liegt bei über 90% – ein Riesenerfolg, der für sich spricht.

Weitere Maßnahmen sind Substitutionsprogramme und verschiedene Therapieformen für suchtkranke Menschen, das Projekt „Checkit!“, bei dem Konsumierende ihre Drogen auf Inhalt und Reinheit analysieren lassen können. Ebenfalls gibt es zahlreiche Ambulatorien zur medizinischen Versorgung von Konsumierenden und mobile Hilfsangebote die wir auch als „Streetwork“ kennen. Bei diesen Programmen geht es klar um die praktische Reduktion von Risiken im Zusammenhang mit Konsum und nicht um die moralische Verurteilung.

Generell setzt Wien auf niederschwellige Angebote, ein Beispiel wäre das Tageszentrum Jedmayer, eine zentrale Einrichtung in Wien, die als Anlaufstelle für Konsumierende dient. Betroffene können sich hier ohne Vorbedingungen über Unterstützungsangebote informieren und diese in Anspruch nehmen. Das Zentrum bietet sauberes Spritzbesteck und mittlerweile sogar die ersten Versuche sichere Drogenkonsumräume bereitzustellen – im Moment allerdings nur für legale Drogen, also meistens Substitutionsmedikamente, die intravenös, unter Aufsicht, konsumiert werden können. Sichere Drogenkonsumräume sind ein wichtiger Schritt einer gesundheitsorientierten und progressiven Drogenpolitik, jedoch brauchen wir diese für den Konsum von allen Suchtmitteln, unabhängig von ihrem legalen Status. In der Umsetzung ist dies allerdings schwierig, da Institutionen und Träger*innen, die solche Räume zur Verfügung stellen, sich damit in Konflikt mit dem SMG begeben. Die Kriminalisierung von bestimmten Substanzen bleibt damit also weiterhin ein großes Problem innerhalb der Wiener Drogenpolitik.

Stefan: Wenn es um Schadensminimierung geht, gibt es im österreichischen Suchtmittelrecht den Grundsatz „Therapie statt Strafe“, den du vorher bereits erwähnt hast. Wie wirkt sich das auf die strafrechtliche Praxis aus?

Dr. Peanuts: Der Grundsatz Therapie statt Strafe hat signifikante Auswirkungen auf die strafrechtliche Praxis und stellt den wichtigsten Grundsatz zur Schadensminderung im SMG dar. Der Grundsatz ermöglicht es, Personen die nach dem SMG straffällig geworden sind eine Therapie zu machen, anstatt ins Vollzugssystem eingegliedert zu werden. Das entlastet nicht nur unser Strafjustizsystem, sondern gibt Betroffenen in manchen Fällen auch die Chance ihr Leben zu verändern. Aber – und das ist ein großes ABER – Zwangstherapie ist dabei kontraproduktiv weil dadurch die Stigmatisierung von Konsumierenden gefördert wird und Therapie nur dann wirklich gut funktioniert, wenn sie auf Freiwilligkeit basiert.

Stefan: Ich denke, es ist auch ein Zwang dahinter, wenn die Alternative zur Therapie das Absitzen einer Gefängnisstrafe ist. Mit allen Folgen die ein Aufenthalt im Gefängnis mit sich bringt und darüber hinaus das persönliche Ansehen, das Berufsleben. Dennoch werden Drogenvergehen sehr hart bestraft und führen sehr oft zu Verurteilungen und Gefängnisstrafen. Zwischen 1980 und 2000 wurden alleine in der Stadt New York 125.000 Menschen für kleinere Drogendelikte eingesperrt. Der überwältigende Großteil davon kleine Dealer. Anfang der 1970er Jahre waren in den gesamten USA 200.000 Menschen im Gefängnis, Stand 2009 sind es 1,8 Millionen. Mehr als die Hälfte der Gefängnisse und Verwahrungsanstalten in den USA sind, Stand 2009, in den letzten 20 Jahren errichtet worden und haben eine eigene wirtschaftliche Dynamik entwickelt indem es zu einem der größeren Arbeitgeber des Landes angewachsen ist. Die Errichtung eines Gefängnisses ermöglicht die Schaffung von hunderten Arbeitsplätzen in Regionen, in denen es nur schwer ist Arbeit zu erhalten. Das Problem dabei ist, dass empirische Belege darauf hinweisen, dass Gefängnisstrafen nicht davon abhalten Drogen zu konsumieren oder zu verkaufen. Darüber hinaus ist der soziale Faktor nicht zu unterschätzen. Der Entzug von einer Droge ist unter den richtigen Bedingungen durchaus möglich, aber von einer Gefängnisstrafe erholen sich die meisten, was ihre gesellschaftliche Stellung betrifft, nie wieder.

Dr. Peanuts: Die Gefängnisindustrie, die sich da in den USA herausgebildet hat, ist natürlich erschreckend und zeigt die drastischen Auswirkungen einer auf Strafen fokussierten Drogenpolitik auf. Es kann nicht sein, dass mit der Zunahme an Repression bei Drogenvergehen ein regelrechtes Businessmodell geschaffen wird, das von der Kriminalisierung und Inhaftierung, vor allem von Menschen aus marginalisierten Gruppen, profitiert. Wenn, wie in den USA, Gefängnisse teils von privaten Unternehmern geführt werden, die der Profitlogik des Kapitalismus folgen, ergibt sich daraus natürlich ein absurder Widerspruch: Mehr Insassen = mehr Geld und bessere Aktienkurse für die Betreiber, das heißt die Wiedereingliederung und Rehabitilation von Betroffenen oder aus ökonomischer Not dealenden Menschen, die eigentlich als Gesellschaft das Ziel sein sollte, steht der wirtschaftlichen Logik dieses Systems entgegen. Außerdem glaubt doch nicht ernsthaft jemand, dass Gefängnisse ein guter Ort sind, um eine Drogensucht zu überwinden, unterstützende Personenkreise zu finden, oder Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen, die dabei helfen, gesellschaftlich wieder Fuß zu fassen. Leiden tun darunter meist Menschen, die so oder so schon schlechte Startbedingungen für ein gutes Leben haben und damit auf ihren Platz am unteren Ende der sozialen Hierarchie verwiesen werden. Und so schließt sich auch wieder der Kreis des War on Drugs, der als Klassenkampf von oben geführt wird.

Der Grundsatz „Therapie statt Strafe“ soll in Österreich eigentlich genau das verhindern, dass Menschen wegen kleinerer Vergehen in ein System geraten, das sie dauerhaft stigmatisiert und ihre Chancen auf ein normales Leben erheblich einschränkt. Gefängnisstrafen, das zeigt die Empirie, wirken kaum abschreckend auf den Drogenkonsum oder -handel. Vielmehr tragen sie dazu bei, dass Menschen in einem Teufelskreis aus Kriminalisierung und sozialer Ausgrenzung gefangen bleiben. Die sozialen und beruflichen Konsequenzen einer Haftstrafe sind enorm und oft schwerer zu überwinden, als die eigentliche Abhängigkeit. Daher ist es wichtig, dass wir in Österreich weiterhin auf präventive und rehabilitative Maßnahmen setzen und dabei die Entkriminalisierung und die Freiwilligkeit der Therapie als zentrales Element einer menschlichen Drogenpolitik in den Vordergrund stellen. Denn der Zwangsaspekt der Therapie bleibt auch in Österreich problematisch. Wie du richtig anmerkst, steht die Wahl oft zwischen Therapie und Gefängnis, was tatsächlich eine Art von Nötigung bedeutet – selbst wenn die Therapie die „bessere“ Alternative darstellt.

Stefan: Kannst du ein paar Programme vorstellen, die von der Stadt Wien in diesem Zusammenhang initiiert worden sind?

Dr. Peanuts: Das Tageszentrum „Jedmayr“ habe ich ja bereits oben ein bisschen ausgeführt. Ebenfalls gibt es den Verein „Dialog“, der niederschwellige Beratung und Unterstützung anbietet. Das „Neunerhaus“ bietet ähnliche Angebote und ist speziell für obdach- und wohnungslose Konsument*innen wichtig.

In den letzten Jahren wurden zum Beispiel auch das Take-home-Nalaxon-Projekt initiiert, dabei werden im „Jedmayr“ Schulungen angeboten und Nalaxon-Kits zur Reduktion drogenbezogener Todesfälle durch Überdosierung ausgegeben. Ebenfalls sind kostenlose Hepatitis A/B-Impfungen ein wichtiger Bestandteil der Harm Reduction-Strategie Wiens. Positive Entwicklungen sieht man auch im Bereich der niederschwelligen psychotherapeutischen Angebote, wo die ersten Pilotprojekte 2019 starteten.

Stefan: Zum Begriff der Überdosierung eine Anmerkung, die nicht darauf abzielt Drogenkonsum zu verharmlosen! Carl Hart weist aber darauf hin, dass die Gefährlichkeit der Drogen aus den Lebensumständen resultieren und nicht nur aus ihrem Konsum. Es hängt von der Dosierung (Menge und Stärke der angewandten Droge), der „route of administration“ (die Art wie die Droge eingenommen wird und wie schnell sie das Gehirn erreicht), dem Set (den persönlichen Charakteristika und körperlichen Voraussetzungen der Drogen konsumierenden Person), sowie dem Setting (der Umgebung in der die Person die Drogen konsumiert) ab, wie gut die Droge vertragen wird. Nur ein Viertel der Tode, die durch Opioide ausgelöst werden, entsteht durch die Einnahme einer Überdosis. Die Hauptauslöser für tödlichen Drogenkonsum sind kontaminierte Drogen oder die Kombination mit anderen Drogen, von denen Alkohol die häufigste ist.

Dr. Peanuts: Ein besonders interessantes Beispiel ist das Projekt „Scanner“, eine internationale Kooperation zwischen „Checkit!“ und anderen Drug-Checking-Einrichtungen. Ziel dieses Projekts ist es, fundierte Erkenntnisse über die Dynamiken und Auswirkungen neuer psychotroper Substanzen zu gewinnen, insbesondere im Hinblick auf den Handel über Online-Drogenmärkte. Während die Wiener Drogenpolitik sehr effektiv auf die Herausforderungen reagiert hat, die beispielsweise mit dem intravenösen Konsum von Opiaten verbunden sind, scheint es, als würde sie den neuesten Entwicklungen noch hinterherhinken. Eine wichtige Frage ist, wie jüngere Drogenkonsument*innen besser erreicht werden können. Welche Substanzen konsumieren sie? Wie werden diese konsumiert und beschafft? Dies sind zentrale Punkte, die in der aktuellen Wiener Drogenpolitik stärker berücksichtigt werden sollten.

Stefan: Günter Amendt hat auf die Widersprüche des aktuellen Drogenrechtsregimes hingewiesen. Eine drogenfreie Gesellschaft ist nicht möglich, aber die Prohibition verursacht mehr Schaden als Nutzen. Zahlen der American Civil Liberties Union (ACLU) legen nahe, dass, obwohl Caucasians und African-Americans beinahe gleich oft Marihuana konsumieren, 3,73-mal so viele African-Americans dafür im Gefängnis landen. Paula Mallea leitet daraus ab, dass die Gesetze zur Drogenprohibition in den USA als Mittel der sozialen Kontrolle verwendet werden. 1995 war die Ratio der Bestrafung zwischen Kokain und Crack um ein Hundertfaches unausgeglichen, obwohl es sich bei den beiden Rauschmitteln, von ihrem Grundstoff (Kokain) her, um ein und dieselbe Droge handelt. Crackkonsumenten mussten mit einem hundertmal höheren Strafmaß rechnen als Kokainkonsumenten. Mit dem Fair Sentencing Act 2010 wurde diese Ratio auf 18:1 gesenkt, sie ist aber weiterhin ungerecht, vor allem, wenn man bedenkt, dass Kokain eine Droge der Wohlhabenden und Crack die Droge der Armen ist. Die überwiegende Mehrheit der Crack-Konsumenten in den USA besteht aus African-Americans mit niedrigem Einkommen, die bereits längere Zeit vom Arbeitsmarkt abgeschnitten sind.

Dr. Peanuts: Wer welche Substanzen konsumiert und/oder dealt und welche Konsequenzen das hat, ist eben auch in Wien kein Zufall, sondern Ergebnis von struktureller Diskriminierung und einer tief in der Gesellschaft verankerten Klassenjustiz. Es hätte uns wohl alle sehr gewundert, wenn es nach Ibiza ernstzunehmende Konsequenzen für Strache oder Gudenus im Zusammenhang mit Kokain gegeben hätte. Während Drogenvergehen bei Eliten oft als Kavaliersdelikte abgehandelt werden, werden sie bei Migrant*innen oder ärmeren Bevölkerungsschichten für rassistische und klassistische Politik missbraucht. Man kann Drogenprohibiton also auch aus der Perspektive betrachten, dass sie gezielt eingesetzt wird, um bestimmte Bevölkerungsgruppen zu überwachen, zu unterdrücken und zu marginalisieren – im Sinne von sozialer Kontrolle eben. Daher sollte es wohl eher „Keine Macht der Repression“ heißen, als „Keine Macht den Drogen“.

Stefan: Kann in Wien eine Legalisierung umgesetzt werden, und würde sie eine Verbesserung darstellen?

Dr. Peanuts: Eine Legalisierung könnte in Wien tatsächlich viele Probleme lösen. Die Prohibition hat enorme negative Folgen: verunreinigte Drogen, Stigmatisierung, Kriminalisierung der Konsumierenden und dadurch eine immense Belastung für das Justizsystem, mit hohen finanziellen Kosten – Geld, das in Prävention, Aufklärung und gesundheitlichen Maßnahmen besser aufgehoben wäre. Eine Legalisierung würde den Konsum nicht eliminieren, aber sie würde ihn sicherer machen. Dabei geht es nicht darum, Konsum zu fördern, sondern einen bewussten Umgang mit Drogen zu ermöglichen, Risiken zu minimieren und den Zugang zu Hilfe zu erleichtern. Allerdings bräuchte es dazu eine Gesetzesänderung und ein Umdenken auf Bundesebene – und da sind wir leider noch nicht.

Und apropos Legalisierung: Die Zahlen zeigen, dass die Sterberaten durch legale Drogen wie Alkohol und Tabak weit höher sind, als durch illegale Substanzen. Wir sollten also genau hinschauen, wo die wirklichen Probleme liegen. Und wer weiß – vielleicht muss ich mir mein Päckchen Nikotin ja irgendwann auch im Darknet kaufen – aber das wäre wohl eine eher traurige Zukunftsvision.

[Teile meiner Antworten sind meinem gerade entstehenden Buch „Konstellationen der Ungleichheit. Digitaler Kapitalismus und Drogenökonomie“ entnommen. Die Literatur-Nachweise werden dort nachzulesen sein.]