Die Habsburgergsichter und die EU

Der Böhlau Verlag war so freundlich mir ein Buch zur Rezension zuzusenden, das ich wirklich nur wegen seines Titels ausgewählt habe. „Das Habsburgerreich – Inspiration für Europa?“ von Caroline de Gruyter ist aber über den Titel hinaus auch beim Lesen ein Machwerk besonderer Art.

Das Buch beginnt mit dem Mann, über den das Habsburgerreich und Europa „miteinander verbunden“ sind. Otto Habsburg, dem „echten Europäer“ der am Ende „vier Staatsbürgerschaften besaß“ und acht Sprachen sprach – von denen de Gruyter ausschließlich Ungarisch und Latein erwähnenswert scheinen. Ja wer denkt nicht bei Ungarisch an die demokratischen und rechtstaatlichen Stärken der europäischen Union? Wer lässt sich nicht gern die Artikel der europäischen Menschenrechtskonvention auf Lateinisch vorlesen, wie in einer guten katholischen Messe? Bekanntermaßen ist ja nicht nur der Papst katholisch, sondern auch das Haus Habsburg und wen wundert es da noch, dass sich Otto Habsburg, dieser Europäer von Sonderformat, gerade nach 1945, also nachdem die Nazis gerade einmal mühsam niedergerungen worden sind, der Mission verschrieben hat Mittel- und Osteuropa von den Kommunisten zu befreien. Habsburger oder nicht, Otto war sichtbar gelernter Österreicher.

„Bis heute gibt es Österreicher, die Angst davor haben, dass die Russen zurückkommen.“ Natürlich, vor der Rückkehr der Nazis braucht man sich nicht mehr zu fürchten, die sitzen ja bis heute im Parlament. Dementsprechend sind auch dem Nachfolger Ottos, Albrecht Hohenberg, bis heute eher die Sozialisten unheimlich, denen er als einzige Partei „immer noch nicht traut“.

Wohl deshalb, weil sie gemeinsam mit ihrer bösartigen Republik „den österreichischen Habsburgern fast alles genommen haben.“ Ein trauriges Schicksal von dem der arme Mann da in seinem „bescheidenen weißen Haus“ zu berichten weiß. Zuerst wurde die Familie enteignet und jetzt werden die ganzen schönen Paläste, die weitgehend durch Sisi und Franz noch persönlich im Schweiße ihres Angesichts und jedenfalls nicht auf Steuerkosten durch Leibeigene erbaut worden sind, als Attraktionen genutzt. Bitter könnte man werden, aber als königliche Hoheit fügt man nur leise flüsternd hinzu: „Aber das gehört denen ja nicht.“ Hihi. Eh nicht. Aber euch auch nicht.

Da die „Geschichte von den Gewinnern geschrieben“ wird, ist den Habsburgern im Geschichtsunterricht natürlich viel Unrecht widerfahren. Dabei war der Kaiser ein guter Arbeitgeber. In einer Zeit da „Wohnraum knapp war“ und sich kaum jemand eine Wohnung leisten konnte, stellte der Kaiser bereitwillig Wohnraum zur Verfügung. Er war zwar ein „altmodischer Patriarch“, der sich auf „die blinde Ergebenheit“ seiner Untergebenen verließ. Beinahe so, als wäre er nicht nur ein liebevoller Arbeit- und Wohnraumgeber, sondern ein absolutistischer Monarch gewesen. Aber er sorgte auch für „finanzielle und soziale Sicherheit“. Einen Kollektivvertrag gab es dafür natürlich nicht. Also eine Sicherheit bis auf Widerruf. Dementsprechend ist für den Diplomaten Eduard Habsburg auch der größte Unterschied zwischen EU und Habsburgerreich, „(d)ass die EU keinen Kaiser hat.“ Also niemanden der auch nur für das Nötigste sorgt, was blind ergebene Untergebenen eigentlich zustehen würde.

Scherz beiseite, natürlich haben Habsburgerreich und EU auch etwas gemeinsam. Einen „Binnenmarkt, eine Zollunion und eine einheitliche Währung“. Aber de Gruyter kennt ihr Publikum und ändert, unmittelbar nachdem es zum ersten Mal interessant hätte werden können, das Thema.

In diesem Fall offenbart sich eine weitere Eigenheit des Umkreises, in dem sich die Autorin auf der Suche nach dem Zauber des Habsburgerreiches bewegt. Der nächste Gesprächspartner begrüßt sie mit „einem eleganten mitteleuropäischen Handkuss, der hierzulande durchaus noch sehr verbreitet ist.“ Echt? Dort wo ich essen geh, bin ich meistens froh, wenn die Kellner den Suppenteller nicht mit dem Daumen in der Suppe am Tablett halten.

Neben diesem nostalgisch romantisierenden Blick auf Österreich und seine wenig glorreiche Vergangenheit stehen auch einige sehr treffende Beobachtungen. Dass Maria Theresia durch ihre Reformen einen „Sozialstaat avant la lettre“ einführen wollte. Dass sie dafür, wie auch ihre Nachfolger „eine seltsame Mischung aus Autoritarismus und Wohlwollen“ einsetzte und dass Österreich seitdem und immerdar durch Beamte zusammengehalten wurde.

Beim Gespräch mit dem Habsburg-Experten Richard Bassett kommt die These von den Gemeinsamkeiten von EU und Habsburgerreich zum ersten Mal richtig ins Straucheln. Vielleicht weil Bassett Historiker ist und weiß, wovon er spricht. „Sie schreiben das falsche Buch.“ „Aha.“

Peinliche Stille. Daraufhin eine genaue Beschreibung, wie sie bei den bisherigen Gesprächspartnern ausgelassen wurde. Bassett küsst nicht die Hand, hat kein gewinnendes Lächeln, oder eine sympathische Ausstrahlung, die ihn trotz absurder Aussagen noch sympathisch wirken lässt. Bassett ist Mitglied im „Männerclub“ und während er spricht, laufen ihm „regelmäßig kleine Schweißtröpfchen“ übers Gesicht.

Was nicht heißt, dass Bassett nur durch brillante Aussagen glänzt. „Unser Krieg ist der Brexit.“ Ok. Aber am Ende des Gesprächs gibt es wenigstens ein kleines Indiz dazu in welchen Kreisen sich die handküssenden Welteuropäer bewegen. „Wir verlangen die Rechnung. Wir haben vier große Flaschen Sprudelwasser getrunken. Aber der Kellner will kein Geld annehmen. Er entschuldigt sich für die Hitze …“. Ja, also, nicht in Wien.

Darauf folgen wieder einige interessante Einsichten und sogar ein witziges Gespräch mit einem selbstreflektierten Späthabsburger. Und als Krönung (vastehst?) die launige Beschreibung des Empfangsbereichs der EU-Kommission: ein „Ikea-Tisch auf einem abgetretenen Teppich und eine Haufen Stromkabeln“ über die man stolpern konnte. Das Einrichtungs-Äquivalent einer Macht „die nicht an sich selbst glaubt.“ EU und Habsburgerreich beide auf ihre Art Soft-Powers, „die nicht wirklich aggressiv und kriegslustig“ sein durften und dürfen. Der Unterschied vielleicht, dass das Habsburgerreich „liebenswerter“ erscheint. Zumindest in der Rückschau.

Es gibt einige gute Gedanken in diesem Buch. Sie verschwinden allerdings hinter dem Wulst an Habsburgernostalgie und Österreichvernarrtheit, der aus der Entwicklung der Ideen der Autorin an vielen Stellen ein „Fortfretten und Fortwurschteln“ werden lässt. Zumal ja die Idee nicht neu ist.

Novalis Vortrag „Europa“ stammt aus dem Jahr 1799. Darin bezieht er sich positiv auf das so genannte Mittelalter, Heiligenverehrung, priesterliche Gelehrte. Auf die Herrschaft christlicher Könige im Rahmen eines goldenen Zeitalters, das noch nicht durch Rationalismus und Materialismus befleckt war. Er setzt die Liebe zur Kirche als Wahrung der Einheit der europäischen Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Novalis will eine europäische Friedensgemeinschaft, die eine Vorstufe zur Weltgemeinschaft sein könnte. Für ihn ist sie verbunden mit dem Christentum, das als poetische Weltreligion die Idee des Friedens in die ganze Welt verbreiten soll. Was dann ja auch geschehen ist. Nur halt nicht mit Liebe und nicht zum Zweck des Friedens.

Aber vielleicht sagt das Buch ja weniger über die Qualität der Monarchie aus, als über die Mängel der EU?

Demokratie findet heutzutage im Spannungsfeld von sich radikalisierenden demokratischen und nichtdemokratischen Normen statt. Demokratische Verhältnisse müssen mehr und mehr diskursiv inszeniert werden. Die EU ist noch weiter, sie simuliert Politik nicht einmal mehr. Die demokratische Existenz wird hier nicht durch eine im breiten Rahmen partizipierende Masse, sondern einer Elite bestimmt. Ergebnis davon ist, dass weite Teile der Bevölkerung von den demokratischen Institutionen nicht, oder bestenfalls zufällig, vertreten werden.

Vielleicht meint die Autorin ja, dass wir es bei der EU mit einem Elitenprojekt zu tun haben, das im Gegensatz zum Haus Habsburg den Makel hat, gesichtslos und unsympathisch zu sein? Dann stellt sich nur die Frage wie gut die Habsburgergsichter heutzutage noch aussehen? Davon kann sich jeder selbst ein Bild machen.

Herr Kocher denkt um

Wenn etwas umgeht, dann ist es meistens ein Gespenst. Beim aktuellen Arbeitsminister geht das Denken um, wie ein Gespenst. Es ist gruselig, was er denkt, und das liegt an ihm.

Es gibt Berufe, die sind so erfreulich und so wenig anstrengend, dass man sie bequem bis ins hohe Alter machen kann. Interessanterweise sind es nicht unbedingt die qualifiziertesten Berufe. Oft sind es solche, die damit verbunden sind, dass man mit einem bestimmten sozialen und ökonomischen Kapital ausgestattet ist.

Um es konkret zu machen. Es gibt viele handwerkliche oder technische Berufe, die ein hohes Qualifikationsniveau erfordern. Es braucht aber auch eine anspruchsvolle Ausbildung und ein hohes Maß an persönlicher Kompetenz um Kinderpädagoge, Sozialarbeiter oder Lehrer für Jugendliche zu sein.

Als Ziviltechniker trägt man Verantwortung für die Gebäude, die man errichtet und ist für Jahrzehnte haftbar, wenn sie aufgrund statischer Mängel defekt werden oder gar zusammenbrechen. Als Pädagoge, Pfleger oder Sozialarbeiter trägt man Verantwortung für viele Menschen. Man trifft jeden Tag lebenswichtige Entscheidungen.

Diese Berufe sind aber bei weitem nicht so gut bezahlt und so angesehen, wie solche die mit der Grundausstattung des sozialen und ökonomischen Kapitals verbunden sind. Dazu gehören vor allem Berufe, die gewohnheitsmäßig von einer Elite geteilt werden. Es geht um Universitätsprofessoren, hohe Beamte, höheres Management und Politik. Sie alle haben gemeinsam, dass sie familiär vererbt werden können. Zwar nicht die identische Anstellung und Beschäftigung, aber der Status und die damit verbundenen privilegierten Zugänge zu weiterer Anstellung. Die Kinder von Professoren werden oft selbst welche. Aber auch Bankchefs vererben ihre Stellen indirekt. Der in Österreich weltberühmte Bankmanager Andreas Treichl ist der Sohn des Bankiers Heinrich Treichl.

Alle diese Berufe haben folgende Charakteristika gemeinsam: Es geht nicht um körperlich oder psychisch anstrengende, sich ständig wiederholende Tätigkeiten. Es sind keine Tätigkeiten, bei denen es zu starken Abnutzungserscheinungen kommen kann. Es sind keine Tätigkeiten, die perspektivlos, ermüdend, erschöpfend sind. Es sind Tätigkeiten, in denen es Abwechslung gibt. In denen unangenehme Bereiche an Untergebene delegiert werden können. Es sind Tätigkeiten mit hohen Gehältern, hohem Prestige und viel Selbstbestimmung. Es sind Jobs bei denen ein nettes Gespräch bei gutem Essen in einer sehenswerten Location als Arbeitszeit geschrieben werden kann.

Herr Kocher ist aus einer klassischen akademischen Karriere direkt in die Politik gewechselt. Er hat sich sein Leben lang akademisch mit dem Leben der Menschen auseinandergesetzt. Er hat Drittmittel eingeworben und Anträge verfasst. Er hat sich intellektuell mit der Welt auseinandergesetzt. Was er sehr wahrscheinlich nicht getan hat, ist eine eintönige unerfreuliche Arbeit abzuleisten, um sich mit einem Mindestlohn gerade mal das Nötigste leisten zu können.

Aber er hat Expertise und daher denkt er Gedanken, die akademisch im schlechtesten Sinn, nämlich artifiziell sind, wie Frankensteins Monster, und Menschen mit realer Arbeitserfahrung kommt das Gruseln. Der Gedanke etwa, dass Teilzeitbeschäftigte noch weniger Sozialleistungen erhalten sollen, ist ein Schlag ins Gesicht aller Frauen – 80% von ihnen sind aufgrund der unhinterfragten patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen Teilzeitbeschäftigte –, Alleinerziehenden, aller chronisch Kranken, aller pflegenden Menschen, aller Menschen die mehr vom Leben wollen als nur einen Job. Die Frauenarmut scheint in seiner wirtschaftswissenschaftlichen Karriere bisher keine Rolle gespielt zu haben.

Kocher warnt vor „langfristigen Folgen“ der Teilzeitarbeit. Die langfristigen Folgen von körperlich und psychisch stark belastenden Vollzeitarbeiten scheint er nicht sehen zu können. Weiß Herr Kocher wovon er da redet? Was wird auf den Wirtschaftsuniversitäten geforscht? Es klingt fast so als wäre die akademische Ökonomie weitgehend auf den Hund gekommen, als würde irgendein ideologischer Mist erforscht um die antisozialen Aussagen reaktionärer Politiker zu bestätigen. Oder spricht hier jemand im Namen der Parteiräson wider besseres Wissen?

Kocher, der ja vor einiger Zeit schon das Arbeitslosengeld als zu hoch kritisiert hat, findet jedenfalls der Druck auf die durch schlechte gesellschaftliche Bedingungen, niedrige Einkommen und patriarchalische Ignoranzstrukturen ohnehin Deklassierten reicht noch nicht aus. Er will offenbar auch den Druck durch die Arbeitsbedingungen selber noch weiter erhöhen, indem er langfristig weniger dafür bezahlen will. Oder worauf soll die Aussage hinauslaufen, dass bei den Sozialpartnern ein Umdenken stattfinden wird müssen, „weil ältere Arbeitnehmer am Ende ihrer Erwerbstätigkeit kollektivvertraglich oft mehr verdienen und damit teurer sind“?

Sein rein theoretischer Zugang zu echter Arbeit zeigt sich vor allem in einer Aussage wie dieser: „Aus wirtschaftlicher Betrachtung zahlt es sich jedenfalls aus, länger zu arbeiten.“ Ja schon, aber aus gesundheitlichen Gründen geht sich in vielen Berufen Arbeit ab einem gewissen Alter nicht mehr aus. Es ist eine der Grausamkeiten der Geschichte, dass in dieser Misere diejenigen für die allgemein bindenden Entscheidungen zuständig sind, die aufgrund ihrer Position gar nicht verstehen wollen, worum es eigentlich geht. Arbeit adelt eben nur, wenn man schon adelig ist.

Kocher hat mittlerweile zurückgerudert, aber er landet wieder in einer Denksackgasse. Sozialleistungen kürzen als Druckmittel um mehr Menschen in die Vollzeitarbeit zu zwingen ist immer noch seiner Weisheit letzter Schluss. Aber er will als der paternalistische Vordenker gesehen werden der er wirklich ist und ergänzt so unbeholfen wie es einem Mann seines Kalibers eben möglich ist: „Mütter und Frauen sind tabu“.

Die Welt vom Kopp auf die Füße

Wozu verwendet man einen taktischen Kugelschreiber? Was ist ein Nessmuk? Und weshalb wird der intergalaktische Sklavenhandel von der Antarktis aus abgewickelt?

Wenn diese oder ähnliche Fragen dich noch nie beschäftigt haben, dann liegt das vielleicht daran, dass du noch nie einen Katalog des Kopp Verlages in Händen gehalten hast. Naja, bei mir ist es jedenfalls jetzt so weit, und ich komme aus dem Staunen nicht heraus.

Der Verlags-Katalog ist seit je her eine Enzyklopädie der Aufklärung als Massenbetrug. Der Donauland-Versand-Katalog ist mir aus der Kindheit bekannt. Dort gab es alles und nichts zugleich. Seiten voller Bücher, bunt fotografiert und markig beschrieben, und doch sind letztlich beinahe alle Bücher, die dort einmal bestellt worden sind, irgendwann in die Tonne gewandert. Wo im freien Bücherschrank durchaus Überraschendes entdeckt werden kann – erst gestern eine umfassende Churchill Biographie direkt vor meiner Haustür – herrscht in den großen Versandkatalogen seit Beginn meiner persönlichen Aufzeichnungen vor 35 Jahren planvolle Langeweile.  So wird beim aktuellen Online-Auftritt des Donauland-Katalogs auch nicht mit der Vielfalt an Büchern, oder der Qualität der versammelten Angebote, geworben, sondern mit dem Satz: „Ihre Welt der Vorteile“. Der Donauland-Katalog ist nicht besser sortiert als der Buchhandel, sondern im eigenen Selbstverständnis günstiger und mit mehr Premieren ausgestattet. Was auch immer das genau bedeuten soll.

Auf der Startseite stapeln sich Krimis mit vielsagenden Titeln wie „Die Nacht – Wirst du morgen noch leben?“, „aktuelle“ Biographien („Reserve“ von dem einen Prinzen) und knackige Titel wie „Das inoffizielle Quiz für Potterheads“ – was wohl bedeuten soll, dass es für die Rechte am Harry-Potter-Universe nicht gereicht hat – und „Die 1%-Methode – Das Erfolgsjournal“.

Mit anderen Worten, es ist fad in der Donauland-Welt. Es herrscht gepflegte einlullende Langeweile und eine planvoll eingesetzte Spießigkeit, die einer möglichst breiten Kundschaft gefällig sein soll. Alles klar. Ist ja Kapitalismus. Zielgruppenorientierung ist keine Schande und ein Katalog ist kein Kunstwerk – auch wenn im Hintergrund wahrscheinlich daran gefeilt wird, wie an der Kuppel von Santa Maria del Fiore von Filippo Brunelleschi. Allerdings würde man diese Kuppel heute wohl nicht mehr so bauen wie damals.

Die Theorie Adornos über die Halbbildung besagt, dass Bildung sich mit dem Fortschreiten des Standes der Wissenschaft mitverändert und akkumuliert. Die Mittel zur Naturbeherrschung wachsen an und mit ihnen sowohl die potenziellen Annehmlichkeiten als auch die Anforderungen an die Individuen sich diesen Annehmlichkeiten anzuschmiegen und in ihnen weiterhin der kapitalistischen Verwertung zur Verfügung zu stehen. Durch die Intensivierung kapitalistischer Ausbeutungsprozesse in Begleitung der Digitalisierung werden die objektiven Grenzen des Bildungserwerbs – mittels unzähliger akademischer Titel und sonstiger Lehrgänge – ausgeweitet und zugleich, die dafür zur Verfügung stehende Zeit verkürzt und die Bedeutung der Auseinandersetzung mit Wissen abgewertet. Die Masterminds des Silicon Valley brillieren als Studienabbrecher und verheimlichen in ihren Autobiographien bewusst ihre Herkunft aus den obersten Schichten, ihre Grundausstattung mit ökonomischem und sozialem Kapital.

Bildung erstarrt angesichts dessen zu einem abstrakten Ideal mit totalitärem Potential. Den Individuen wird die Pflicht angetragen über vieles informiert zu sein, ohne ihnen die Möglichkeit einzuräumen dieser nachzukommen. Gesellschaftliche Autonomie erleben nur mehr diejenigen, die es sich ökonomisch leisten können. Bildung ist mittlerweile ökonomisch prekär. Das dazugehörige Mindset ist eines der Halbbildung.

Während der Konsum des Donauland-Katalogs auf eine moderierte Aneignung kanonischer Halbbildung abzielt und damit auf eine gemütliche Anpassung der Individuen an das schal gewordene Bildungsideal, kündigt der Kopp-Katalog Größeres an. Hier gibt es „Bücher, die Ihnen die Augen öffnen“.

Und die gehen schon beim ersten Produkt, das am Titel angepriesen wird, weit auf. Dort ist er nämlich zu bewundern, der Nessmuk. Mit bürgerlichem Namen George Washington Sears, war Nessmuk ein früher Umweltschützer, Kanufahrer und Outdoorfan, der ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben hat. Zurück zur Natur – mit dem Namen eines amerikanischen Ureinwohners. Ironie der Geschichte, dass die letzte des Nipmuc-Stammes amerikanischer Ureinwohner – Miss Mary Jaha – die in ihm als Kind die Faszination für die Wildnis geweckt hatte, im selben Jahr starb, wie er: 1890, am Höhepunkt des sogenannten Ghost Dance War, in dem die Sioux beinahe ausgerottet wurden.

Auf den ersten Seiten des Katalogs geht es dann nicht um die genozidale Romantik des alten nordamerikanischen Westens, sondern um das Überleben in der heutigen Zeit. Es gibt Raketenöfen, Super Pots, Allesbrenner, Petroleumheizungen und Selbstverteidigungsschirme.  Den Sonderpreis von 70 Euro – statt 120 – für einen Regenschirm(!), kann der Koppverlag dadurch rechtfertigen, dass dieser das „Gewicht eines Menschen“ aushält und „Schläge gegen eine Betonwand klaglos weg(steckt), ohne zu splittern oder zu brechen“. Ein Schirm mit dem man Zombies die Schädel einschlagen kann.

Auf derselben Seite befindet sich aber auch der taktische Kugelschreiber. Dieser „macht sich jeden Tag nützlich“. Wodurch? Natürlich durch LED-Leuchte, Glasbrecher und einer Spitze aus vergütetem Stahl, als „Druckverstärker“ für den „Verteidigungsfall“. Wenn dir also das Ausstechen von gegnerischen Augen mit einem herkömmlichen Kugelschreiber nicht ausreicht.

Dann erst geht es mit den Büchern los. Und, wie vermutet, beginnt es mit der Homöopathie. Selbstheilungsbücher mit Titeln wie „Heile dein Gehirn“ und „Mediale Medizin“ füllen dutzende Seiten. Ihre Grundaussage: Jeder Körper hat ein Immunsystem. Wer trotzdem krank wird, soll sich gefälligst selber heilen, denn die Mittel der modernen Medizin sind Teil des Systems, das uns krank macht. Das geht so weit, dass sogar die Optiker ihr Fett wegkriegen, mit den Büchern „Vergiss deine Brille“ und „Wieder lesen ohne Brille“. Mach eine „Neustart für die Augen“ und spar dir das Sehgerät des Kulturfeindes. Brillen tragen nur Marxisten, das weiß jeder. Außer unter Maos Kulturrevolution, da war die Brille Zeichen des Klassenfeindes. Ein echter bäuerlicher Proletarier kam gar nicht dazu schlecht zu sehen, er hatte zu viele Kleinvögel auszurotten – was zu einer Insektenplage führte – und Schmelzöfen in seinem Hinterhof zu betreiben – was zu einer Hungersnot führte.

Vitaminpräparate und Nahrungsergänzungsmittel, Tropfen und Gelee, Pulver und Cremen, Kapseln und Kräuter, ergänzt durch Heilkerzen und das eine oder andere Buch über heilendes Metall – „Heilen mit Gold“ – oder Stein runden dann das Gesundheitsselbstbild der Kopp-Verleger ganz gut ab. Pillen schlucken wollen sie nur, wenn sie erwiesenermaßen keine medizinische Wirkung haben.

Aber wieder zurück zu den Büchern und in die Abteilung Urgeschichte. Kelten und Höhepunkte der prähistorischen Bau- und Ingenieurskunst – Stonehenge – stehen neben neuen Beweisen „für die historische Richtigkeit des Buches der Bücher“ – die Bibel. Die Frage: „Schafft der Papst die Kirche ab?“ ist sicher jedem wichtig, der sich nebenbei noch für nordische Götter, mysteriöse Schamanen und „Das letzte Geheimnis von Mirin Dajo“ interessiert – einem Mann, der nicht blutete, keinen Schmerz empfand und immun gegen Infektionen war, obwohl „er seinen Körper mit Waffen aller Art durchstechen ließ. Quer durch alle Organe.“ Letztlich bezahlte dieser „unverletzbare Prophet“ seinen Versuch „den Dritten Weltkrieg“ zu verhindern, aber doch mit dem Leben. Wahrscheinlich per Säurebad. Sonst fallen mir keine Möglichkeiten mehr ein.

Wenn wir von Geheimnissen sprechen, darf natürlich das Geheimnis der Matrix nicht fehlen. „Der neue Mystery Report“ befasst sich mit weltbewegenden und vor allem ungeklärten Fragen wie: „Wussten Sie, dass immer mehr Sterne an unserem Himmel spurlos verschwinden?“; „Weshalb blickt uns auf einem historischen Gemälde der Matrix-Schauspieler Keanu Reeves entgegen?“; „Wusste Walt Disney mehr über UFOs und die Zukunft als wir?“; „Und was hatten geheimnisvolle Winzlinge in der Alpenwelt verloren, die just dann aus unserer Realität verschwanden, als wir ihnen auf die Schliche kamen?“

Alles – natürlich – berechtigte Fragen. Es gibt ja auch keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Und die gibt es dann in dem Buch über die Geheimnisse der Matrix.

Eindeutig wichtiger als die Geheimnisse der Matrix zu ergründen, ist aber, dass die Antarktis „seit 65 Jahren“ ein „politisches Ränkespiel hinter den Kulissen!“ betreibt. Wer es noch nicht wusste: Die Eisenhower Regierung hat mit einer deutschen Exilantengruppe in der Antarktis eine Vereinbarung getroffen. Von dort starten seit Jahrzehnten regelmäßig Raketen ins All und seit 1961 wird von dort aus der intergalaktische Sklavenhandel abgewickelt. Wem davon nicht die Augen aufgehen, der hat sein Leben nicht verstanden. Oder?

Zuletzt noch ein paar Worte zu einem Mann „der immer recht behalten hat“, einem „abtrünnigen Denker“, der „eine der wichtigsten Stimmen unserer Zeit“ ist. Er hat mehrere Bücher geschrieben, in denen er seine „Wahrnehmungen“ und „Vorhersagen“ darlegt. Aber eines dieser Bücher ist besonders wichtig, denn darin wirst du erfahren, „wer die menschliche Gesellschaft wirklich steuert“. „In diesem Buch finden Sie den Beweis, dass die Menschheit in einem Ausmaß getäuscht wurde, das kaum zu glauben ist.“ Aber nicht etwa darüber, dass wir nicht für die Befriedigung unserer Bedürfnisse, sondern zur Verwertung des Werts zum ewigen Arbeitszwang verdonnert sind. Sondern über viel tiefergehendere Probleme wie Transgenderhysterie und Covid-19 Betrug. Hier geht es nicht um Kritik der bestehenden Verhältnisse, sondern um einen „Augenöffner“ der zeigen soll, wie die Welt wirklich ist. Zumindest in der Vorstellungswelt von jemandem, der immer recht behalten hat.

Zwei Muster ziehen sich bei dieser Literatur durch. Die Autoren inszenieren sich als unverstandene, missverstandene, unterschätzte Genies, die ihrer unweigerlichen Entdeckung harren. Spätestens dann, wenn ihre – meist schwer überprüfbaren – Behauptungen irgendwann einmal verifiziert sein werden.

Und das zweite Muster: Egal welche Probleme es in der Welt gab oder gibt – vom Ersten Weltkrieg über den intergalaktischen Sklavenhandel, Krebs und Klimawandel, bis hin zum Ukrainekrieg – Deutschland und Russland sind daran nicht schuld! Wie wir aus „Hunter Bidens Laptop from hell“ erfahren können, sind es vielmehr die USA und sonstige heimliche Herren der Welt. Deshalb hat Oskar Lafontaine auch völlig recht, wenn er feststellt „Ami, it’s time to go!“. Denn wie wir alle wissen, ist es nicht Putin der mittels der russischen Armee Krieg in der Ukraine führt, sondern es sind „Amerikas Hardliner (die) den Ukraine-Krieg anheizen“. Da versteht sich der Kopp-Verlag plötzlich sehr gut mit manchen der sogenannten Linken in Europa.

Abgesehen davon ist natürlich auch die Geschichtsschreibung einer Revision durch den Kopp Verlag bedürftig. Vor allem die Geschichte der beiden Weltkriege. Denn wohlgemerkt: „Die offizielle Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg ist eine vorsätzliche Lüge.“ In Wahrheit strebte ein einflussreicher Zirkel in Großbritannien schon lange vor Beginn des Krieges die „Niederwerfung Deutschlands an“. Ob es wohl einflussreiche Zirkel in Deutschland gab, die schon lange vor dem Krieg die Niederwerfung Frankreichs anstrebten? Wir werden es nie erfahren, denn dafür interessieren sich die Historiker des Kopp-Verlages nicht. Was sie aber sehr wohl wissen, ist, dass auch der Zweite Weltkrieg nicht die Schuld der Deutschen war. Hitler war ja Österreicher. Haha, Scherz. Nein das wär ja zu einfach. Aber eine Reihe „überraschender Dokumente“ belegen, dass „eine ganze Anzahl von Staaten“ den Zweiten Weltkrieg „angezettelt haben“. Tja, wer immer nur der „Version der Siegermächte“ folgt, der bleibt halt blöd und kriegt die Geschichte dann nicht „ganz einfach so erzählt, wie sie nach heutiger Quellenlage abgelaufen ist“. Nämlich, einem „konsekutiven Zwang des Krieges folgend“,also sozusagen von allen Beteiligten ausgelöst und verantwortet. Jeder Schuld und – vor allem – Hitler und die Nazis nicht ganz so schuldig. Dementsprechend lobt auch der O-Ton „der Autor erzählt auf eine Weise, als hätten wir diese Geschichte noch nie gekannt“.

Das zur autonomen Lebensführung notwendige Wissen wächst an, die Zeit es sich anzueignen wird weniger. Mit der wieder anwachsenden Arbeitsbelastung steigen aber die Gehälter nicht mit. Was bleibt denn anderes als – wenn schon nicht mehr an Gott – so zumindest an die preismäßig günstigste Verschwörungstheorie zu glauben, die verspricht alles zu erklären was uns seltsam vorkommt und wofür ein Haufen an Informationen notwendig wären, um es begreifen zu können?

Im Bewusstsein, dass es bei wirklich harmlosen Meinungen selten bleibt, wenn es um Politik geht, verabschiede ich mich an dieser Stelle vorläufig und versuche erst mal meine Augen aufzumachen. Ich glaube nämlich ich hatte einen schlechten Traum und würde sie jetzt gerne mit Lauge auswaschen.

Krieg. Oder: Das Schwingen der Eier in ohrenbetäubender Dummheit

Es gibt grad genug Anlass dazu über Krieg zu sprechen. Zum Beispiel darüber, dass Krieg was Männliches ist. Das Männliche am Krieg ist die Dummheit, die Sinnlosigkeit die Verschwendung von Energie. Verstehts mich nicht falsch. Es gibt Situationen in denen muss man Krieg führen. Zb gegen die Nazis. Und ich glaub wirklich nicht an die blöden Sprüche von den Altlinken wo es darum geht, dass Krieg ist und keiner geht hin. Diese Sprüche sind auch sehr männlich.

Putin ist auch sehr männlich. Er reitet auf einem Grizzlybären durch einen Wasserfall, das Maschinengewehr im Anschlag über seiner nackten Brust. Also im Grunde die Urdefintion von Energieverschwendung. Krieg und Dummheit sind Brüder. Putin ist auch ein Bruder.

Der Militärhistorikern John Keegan beginnt sein Buch „Die Kultur des Krieges“ mit dem Satz: „Das Schicksal hat nicht gewollt, dass ich Soldat wurde.“ Ja eh. Irgendwer musste ja das Buch schreiben. Und in diesem Buch steht, dass der Krieg „das einzige Gebiet“ ist „aus dem sich die Frauen stets und überall herausgehalten haben“. (Keegan 123)

Herfried Münkler sieht in der Ausschaltung des Staates als Monopolist des Krieges eine neue Kultur des Krieges. Für ihn haben reguläre Armeen die Kontrolle über das Kriegsgeschehen verloren. Es liegt zunehmend in den Händen von Gewaltakteuren „denen der Krieg als Auseinandersetzung zwischen Gleichartigen fremd ist“. Der Blick des Krieges ist männlich, der Blick der Männer kriegerisch bis in den Alltag hinein. Sieger reiten auf Bären und Verlierer sind Frauen.

Mary Kaldor findet einige Jahre vor Münkler eine Definition die für mich in diesem Zusammenhang besonders interessant klingt. Die neuen Kriege erscheinen als ein „Gefüge raubtierhafter Sozialbeziehungen“ das sich von den Kriegsgebieten auch auf die angrenzenden Regionen ausbreitet. Raubtierhaft ist die Sozialbeziehung zwischen Männern und Frauen. Männer profitieren davon. Und wenn die Frauen sich dagegen wehren, werden sie oft genug Opfer von Gewaltakteuren denen eine Auseinandersetzung zwischen Gleichartigen fremd ist. Sie gehen gern auf schwächere los.

Diese Privatisierung des Krieges zu Gefügen konkurrierender Gewaltakteure hat ein Vorbild in der Struktur männlicher Herrschaft, wie Bourdieu sie herausgearbeitet hat: Männliche Konkurrenz die Frauen nur als Trophäen und reproduktive Arbeitskräfte wahrnimmt. Das dazugehörige Wirtschaftsregime bevollmächtigt das Kapital dazu Staaten und Öffentlichkeit im unmittelbaren Interesse von Privatinvestoren gefügig zu machen wie Rahel Jaeggi und Nancy Fraser schreiben. Wir werden in Konkurrenz zueinander organisiert und wie der Soldat im Krieg ist jeder unterm Kapitalverhältnis austauschbar und jederzeit ersetzbar. Wenn der eine überarbeitete Sozialarbeiter wegen Burnout ausfällt kommt halt der nächste. Und der freut sich am Anfang sogar noch drauf.

Unterm Kapitalverhältnis zu leben ist nicht mit Krieg gleichzusetzen. Aber es bedeutet auch nicht, dass wir außerhalb des Krieges wirklich in Frieden leben können. Femizide, die Kakophonie des Job-Alltags und die Auswüchse der Pandemiepolitik sind Zeugen dafür, dass es uns als Gesellschaft schwer fällt uns auch nur vorzustellen was Frieden sein könnte.

Um ein aktuelles Beispiel aufzugreifen: Wissenschaftsminister Polaschek denkt es ist eine gute Idee den Schuldirektoren 500 Euro Bonus zu zahlen, „für ihren außergewöhnlichen Einsatz in der intensiven Zeit“.

Also abgesehen von der Formulierung. Wenn ich mir das Schulsystem anschaue und wie furchtbar schlecht der Heimunterricht organisiert war. Wie wenig Ideen und Geld darin investiert wurde, dass die Kinder während der Corona-Jahre ausreichend Sport machen usw. Dann kann man nur sagen das ist zutiefst zynisch.

Man kann aber auch Vermutungen anstellend darüber was die Intention von dieser eher kruden Entscheidung ist.

Sie zielt jedenfalls nicht darauf ab Probleme zu lösen oder betroffenen Menschen gute Bedingungen zu ermöglichen unter denen sie Probleme lösen können. Es wirkt eher wie ein routinierter Spaltungsversuch. Bissl Unfrieden reinbringen. Bissl die eigene Klientel bedienen. Bissl zeigen, wo die Prioritäten liegen. Die Schuldirektor_innen dieses Landes waren jedenfalls eher nicht die hauptsächlich von den Auswirkungen der Pandemie betroffenen.

Charles Bukowski hat 1962 einen unterhaltsamen Essay darüber geschrieben, dass wir den Krieg zwar abstrakt verdammen, aber nicht einmal konkret wissen was Frieden ist.

„Peace, Baby, Is a Hard Sell“.

Auch wenn wir uns einigen dort auffindbaren Bonmots sicher nicht anschließen werde ich ihn hier vorlesen. Versehen mit der Bitte den literarischen Charakter des Textes ernst zu nehmen und nicht jedes Argument politisch zu lesen.

Ich lese diesen Text auch in Ankündigung eines neuen Gesprächs in dem wir uns mit Arbeitszwang und Arbeitsfetischismus auseinandersetzen. Kommt bald.

Viel Spaß!

„Die Natur ist Teile ohne Ganzes.“ (Alberto Caeiro / Fernando Pessoa). Gespräch mit Sabine von Vetsera über Umweltschutz und gesellschaftliche Irrationalität

Stefan: Mir hat die Beschreibung der Grünen Austauschgruppe, die du gegründet hast, sehr gut gefallen. Du verbindest die Erkenntnis, dass wir in Verhältnissen leben, die politisch und kollektiv gemacht werden, mit dem Ansatz, dass wir die Verhältnisse durch individuelles Handeln zumindest beeinflussen können. Kannst du etwas dazu sagen, wie das funktionieren kann?

Sabine: Zunächst möchte ich mich bei dir für die Einladung zu diesem Interview bedanken. Ich freue mich, dass Themen zu Umwelt und vor allem zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit – kurz gesagt: grüne Themen – ein Interesse finden und ich mich dazu für Halbwertszeit äußern darf.

Zu meinen Grundannahmen zählt, dass wir als Konsumenten (und bei mir sind alle Menschen jeden Geschlechts in weiterer Folge immer miteinbezogen) wesentlich mehr Macht besitzen als wir glauben. Denn mit unseren Konsumentscheidungen bestimmen wir, ob z. B. der Bauer im regionalen Umfeld, der seine Mitarbeiter fair bezahlt und umweltschonend anbaut, überlebt oder Lebensmittel quer über den Globus verschifft werden. Ein Beweis für diese Macht ist ja paradoxerweise das sogenannte Green Washing. Denn kein Unternehmen würde sich darüber Gedanken machen und noch dazu Geld fürs Marketing investieren, würden sie wissen, dass es den Konsumenten egal ist.

Das bedeutet nicht, dass ich die gesamte Verantwortung beim Konsumenten verorte und vollkommen von den Konzernen und der Politik nehmen möchte, aber ich sehe im Konsumenten auch kein unmündiges Kind, das sich seiner Entscheidungen nicht bewusst ist. Die Frage nach den finanziellen Möglichkeiten ist eine andere, doch man kann sich heutzutage immer leichter über Produkte informieren.

Diese Aufklärung ist ein großer Teil meiner Motivation. Und ich wollte mit meiner Gruppe zumindest im kleinen Kreis zum Umdenken anstoßen sowie inspirieren. Letztlich entscheidet jedes einzelne Mitglied in welche Richtung sich die Gruppe entwickelt.

Stefan: Das finde ich einen wichtigen Punkt. Also sich auch abzugrenzen von einer rein aktivistischen Einstellung, die so tut, als könnte man alles dadurch lösen, dass man den Individuen alles aufbürdet, was eigentlich strukturelle Gründe hat. Du denkst aber viel mehr praktisch als aktivistisch. Du hast bei den Infos auch eine Liste von Dingen, die man in der Gruppe machen kann. Das gefällt mir. Über einige davon hatte ich davor noch gar nicht nachgedacht.

Sabine: Sieht so aus, als konnte ich mit dir schon einen kleinen Erfolg verbuchen. Dafür ist die grüne Öko-Austauschgruppe da: um neue Impulse zu setzen und Ideen zu liefern. Und nachdem die Themen breit gefächert sind, ist für jeden etwas dabei und jeder kann sich einbringen.

Seit meiner intensiven Beschäftigung mit Umweltthemen habe ich auch für mich enorm viel neues Wissen aufbauen können. Und das möchte ich Posting für Posting weitergeben.

Stefan: Der Dichter Ralph Waldo Emerson hat einige sehr berührende Sätze über die Natur niedergeschrieben. Einer der mir am besten gefällt, entstammt seinem Essay „Natur“: „Um die Wahrheit zu sagen, wenige Erwachsene können die Natur sehen. Die meisten sehen die Sonne nicht. Zumindest ist ihr Sehen sehr oberflächlich. Die Sonne bescheint nur das Auge des Mannes, aber in das Auge und das Herz des Kindes scheint sie hinein.“

Sabine: Bei diesem Satz kann ich an meine eigene Kindheit denken. Ich bin in einem 600 Seelen Kaff aufgewachsen. Eine der schönsten Erinnerungen war, wie ich in dem kleinen Bach, der unser Dorf durchfloss, Molche als Haustiere halten wollte. (Mein Vorhaben war kein Erfolg.) Ich habe versucht mit Steinen in dem seichten Gewässer ein Gehege zu bauen, um diese wunderschönen Tiere dort zu halten. Ich habe sie wirklich geliebt und immer gerne in meinen Händen gehalten. Das war bestimmt nicht richtig, aber als Kind wusste ich das noch nicht und habe sie einfach nur lieb gehabt. So eine Faszination zu damals eher unpopulären Tieren entwickeln Kinder wohl eher als Erwachsene.

Vielleicht sind daher auch jüngere Generationen durch ihre Empathie eher empfänglich für Umweltschutzgedanken als Erwachsene.

Stefan: Molche sind ja trotz ihres Namens sehr hübsche Amphibien. Kinder sehen die Schönheit der Natur viel deutlicher. Erwachsene freuen sich dann mehr über die Annehmlichkeiten einer gezähmten Natur. Meine Mutter war eine begeisterte Hobby-Gärtnerin. Sie ist stundenlang im Garten gewesen. Als Kind ist der Garten ein Spielplatz, für Erwachsene ist er Arbeit.

Die deutschen Romantiker haben die Natur auch mit Kinderaugen betrachtet. Ein später Zeitgenosse von Goethe, der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (oben sieht man ein Foto! von ihm) schreibt in seiner Naturphilosophie, dass der Mensch selbst gar nicht denkt, sondern die Natur denkt in ihm. Er hat da 1806 bereits über etwas gesprochen, das die moderne Wissenschaft beschäftigen wird. Er denkt darüber nach, dass die bis dahin blinde Natur im Menschen die Augen aufschlägt und versucht sich selbst zu erkennen. Das Ziel der Schöpfung ist also zu einem klaren Gedanken ihrer selbst zu kommen und zu verstehen was da eigentlich los ist. Die Rolle des Menschen beschränkt sich aber nicht darauf zu erkennen, sondern er versucht die Natur zu beherrschen, zu gestalten und lenken. Das kann mitunter sehr gefährlich sein.

In einem Aphorismus schreibt Schelling, dass der Naturforscher durch seine Tätigkeit zum Priester der Natur geweiht wird und diese bei der Erforschung andächtig pflegen soll. Das klingt nicht nach dem Ideal des modernen Naturwissenschaftlers, der eher experimentell vorgeht und mehr auf Falsifizierbarkeit und Effizienz seiner Ergebnisse achtet, als auf andächtige Pflege. Ich habe das Gefühl unser Zugang zur Natur ist nicht sehr bewusst und daraus entstehen viele Probleme.

Manchen Leuten scheint es schwer zu fallen sich über die Natur-Produkte, die sie konsumieren, ausreichend zu informieren.

Sabine: Du beschreibst hier ein Phänomen, das es in der Geschichte schon öfter gab. Die Romantisierung der Natur durch jene Menschen, denen sie fern liegt. Man denke an die Rosa-Zimmer in Schönbrunn. Der Adel, der keine Ahnung vom Leben der Bauern hatte, ließ sich dort berieseln von den Darstellungen von Bauernkindern, die in der idyllischen Landschaft rumlagen und scheinbar den ganzen Tag Zeit hatten, diese zu genießen …

Stefan: … während die armen Adeligen ihre Zeit in betreuten Parks mit kühlen Getränken verbringen mussten. Sie hatten kein existentielles Naturerlebnis und haben daher das Leben der Bauern verklärt. Dabei war das oft ein sehr kurzes und hartes Leben.


Sabine: Das passiert heute meiner Meinung nach wieder. Die Romantisierung lieblicher und idyllischer Landwirtschaft angefangen vom Ja-natürlich-Ferkel, bis hin zu freilaufenden Milchkühen auf blühenden Almen. Der Kunde will Produkte aus Bio-Anbau und regionaler Herkunft, aber er weiß noch nicht, dass deren makellose Erscheinung aus der Werbung ebenso bloß ein Produkt des Photoshop ist wie ein Top-Model auf dem Cover der Vogue.

Konsumenten, die sich dann in dem ganzen Gütesiegel-Dschungel gar nicht mehr auskennen oder denen die Beschäftigung mit Anbaubedingungen, der Herkunft und den Transportwegen von Produkten zu mühsam ist, fordern letztlich die Verantwortung von ihrer Kaufentscheidung hin zur Politik und dem Handel zu verschieben. Dabei ist gerade in Zeiten des Internets eine kritische Auseinandersetzung mit Lebensmitteln einfacher denn je. In der Regel kauft man doch eh meist die gleichen Produkte immer wieder. Man kann sich also im Laufe der Zeit auf eine gewisse Produktliste einigen, die den persönlichen Ansprüchen in Bezug auf Umweltschonung und Budget entsprechen. Gerade mit meiner grünen Öko-Austauschgruppe möchte ich hier noch eine Hilfestellung für Interessierte bieten.

Stefan: Henry David Thoreau, ein Schüler von Emerson ist mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Er hat sich geweigert seine Steuern in Massachusetts zu zahlen, angeblich weil er gegen die Sklaverei und gegen den Mexiko-Krieg der USA protestieren wollte. Er wurde nach einem Tag aus dem Gefängnis ausgelöst. Seine Steuerschulden waren aus der Zeit vor dem Mexiko Krieg.

Er ist aber darüber hinaus ein interessanter Zeitgenosse gewesen. Er hat zwei Jahre auf Emersons Grundstück in einer Waldhütte gelebt und für ein solches Leben in den Wäldern plädiert. Seiner Überlegung zufolge würden jedem Menschen, der sich auf so ein Leben besinnt, nur 6 Wochen Lohnarbeit im Jahr überbleiben. Die übrige Zeit könnte jeder dann nutzen zu lesen und die Natur zu erforschen. Es scheint beim Gedanken an den Schutz der Natur immer darum zu gehen kleinere Gruppen zu bilden.

Sabine: Ah, Thoreau! … Das Buch liegt bei mir im Bücherschrank und will auch mal gelesen werden. Es gibt aber auch jemanden, der Henry David Thoreau getoppt hat, und zwar Chris Knight. Er hat 27 Jahre vollkommen allein in Wäldern in den USA gelebt. Er sagte übrigens über Thoreau, dass dieser ja bloß ein Angeber war und der Welt nur sagen wollte, wie toll er ist. Denn er hat schließlich nur zwei Jahre in einer Hütte gewohnt und seine Mutter hat ihm sogar die Wäsche gewaschen.

Stefan: Interessant. Also auch das hehre Leben im Wald kommt nicht ohne weibliche Reproduktionsarbeit aus, die dann vom Philosophen verschwiegen wird.

Im Prinzip versuchst du ja mit deiner Gruppe auch eine kleine Dorfgemeinschaft zu erzeugen, in der Menschen gemeinsam versuchen ihr Verhalten in Bezug auf Nachhaltigkeit zu verändern. So ein kleines digitales Walden.

Hast du noch weitere Leseempfehlungen?

Sabine: Mein Wissen besteht aus über die Jahre angesammelte Infos aus Artikeln, Dokus und Reportagen. Als Expertin würde ich mich auch niemals bezeichnen, sondern bloß als stark an Umweltthemen interessierte Person. Ich bin dadurch versucht dieses Wissen darüber zusammen zu tragen und zu ergänzen und so in komprimierten Infoblöcken weiterzugeben. Das ist nur nicht immer einfach, denn man muss wirklich viel recherchieren und es kommen einem bei der Beschäftigung damit immer mehr neue Fragen auf als man Antworten darauf findet. Natürlich macht mir das auch Spaß und es ist eine gute Möglichkeit mein geisteswissenschaftliches Studium sinnvoll einzusetzen, aber es ist zeitintensiv und manchmal belasten mich die Fakten zu sehr. Ich möchte mich aktuell dem Thema Bodenversiegelung widmen, aber weil ich mich dabei der Ärger so überkommen hat, musste ich eine Pause davon einlegen. Dabei wäre es gerade jetzt so aktuell, wenn wir nur an die Hochwasserkatastrophe in Deutschland denken, die über 100 Tote gefordert hatte.

Stefan: Ja das ist ganz schrecklich, was da zur Zeit passiert. Das liegt aber auch am politischen Versagen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es ein europäisches Hochwasserwarnsystem namens Efas gibt. Eine Mitentwicklerin namens Hannah Cloke klagt jetzt die Behörden an, sie hätten Warnungen ignoriert und keine Maßnahmen ergriffen. Darüber hinaus sind manchmal auch wirklich die Gemeinden schuld, wenn Menschen im Hochwassergebiet bauen. Angeblich wird massenweise Schutzgebiet in Baugrund umgewidmet. Also handelt es sich bei diesen Katastrophen auch um ein Versagen der Politik.

Was gäbe es aktuell für Gründe die Grünen in Österreich zu wählen?

Sabine: Da ich überzeugt bin, dass ein umweltfreundlicher Wandel in unserer Lebensrealität direkt mit sozialer Gleichberechtigung verknüpft ist, haben sozial benachteiligte Menschen wenig Gründe die Grünen zu wählen. Ihre derzeitigen Ideen beziehen sich auf eine finanziell gut gestellte Klientel und grenzen sozial Schwache aus. Die CO2-Steuer wäre hier zu nennen, die von Armut direkt betroffenen oder bedrohten Personen schwer zur Last fallen kann und somit zu einer Ablehnung klimapolitischer Maßnahmen führen wird.

Stefan: Die erste Vorsitzende der Grünen in Österreich war Freda Meissner-Blau. Ihr Vater musste mit ihr 1939 nach Großbritannien fliehen, weil er als Nationalökonom gegen das Naziregime geschrieben hatte. Sie ist erst 1962 wieder nach Wien zurückgekehrt und 1972 ist sie der SPÖ beigetreten, die sie bald danach wegen Zwentendorf und der Hainburger Au wieder verlassen hat. Diese Frau war direkt an den gesellschaftlichen Kämpfen um die Umwelt beteiligt. Bei der heutigen Grünen Führung ist dieser direkte Zugang zur Politik interessanterweise hinter einer Kulisse der Professionalität verschwunden.

Früher hießen die Grünen in Österreich „Die Grüne Alternative“. Mittlerweile gibt es Alternativen zur Alternative und Gruppen, die die Grünen sehr stark kritisieren. Fridays for Future ist eine davon.

Sabine: Die Grünen täten wohl gut daran sich wieder mehr an Frau Meissner-Blau zu erinnern, denn sie ist elitär aufgewachsen, war aber, sicher auch aufgrund ihrer politischen Erfahrungen, dazu in der Lage ihre Position zu hinterfragen. Ich frage mich was sie wohl heute über ihre Nachfolger sagen würde. Über Frau Glawischnig, die nach jahrelangem Wettern gegen das Glücksspiel bei der Novomatic einstieg …

Stefan: Das hatte über den persönlichen Zynismus hinaus eine politische Komponente. Weil das so genannte kleine Glücksspiel besonders für arme Menschen verheerende Auswirkungen haben kann. Und diese Spielhallen werden ja bewusst in bestimmten Gretzln aufgestellt.

Sabine: … über das permanente Verleugnen der eigenen Überzeugungen für die Koalition mit der ÖVP oder über einen Pop-Up-Pool am Gürtel. Ihre Werte werden doch von der aktuellen Regierungstätigkeit der Grünen in den Dreck gezogen. Gerne würde ich auch hören, was sie unserem ehemaligen, gurkigen Bundeskanzlerbuberl gesagt hätte.

Und soweit ich weiß, haben Fridays for Future die Grünen in Deutschland massiv kritisiert, denn dort verdanken die Grünen ihren politischen Aufstieg der Tatsache, dass sie ihre Umweltforderungen zugunsten der Wirtschaft abgeschwächt haben. So eine Kritik wäre nun auch in Österreich angebracht.

Man muss aber auch sagen, dass die Fridays for Future Bewegung derzeit gerade selbst dabei ist zu einem reinen Prestigeprojekt für rich kids zu werden, die sich ihren Lebenslauf mit ihrem Engagement darin aufpeppen wollen. Sie haben keine aktuellen Forderungen und Überlegungen, sie wollen die Verantwortung auf eine Politik abtreten, die ihre eigenen Eltern gewählt haben, aber sind zu feige es ihren Eltern ins Gesicht zu sagen. Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sie wüten gerne gegen die älteren Generationen, anstatt in ihrer eigenen Generation nach alternativen Lebensstilen zu suchen. Sie machen es sich bequem, so wie alle anderen Generationen vor ihnen es taten.

Stefan: Ist diese Bequemlichkeit vielleicht auch ein Resultat dessen, dass die Grünen zu einem gewissen Grad am Ziel angekommen sind ihre Politik zu normalisieren? (Recycling, Nachhaltigkeit, Bio …)

Sabine: Beim Ziel angekommen? Mitnichten. Es gibt zwar mehr Interesse in der Bevölkerung für Themen wie Nachhaltigkeit oder Bio-Lebensmittel (dieses Interesse möchte ich auch in meiner Gruppe befeuern), aber wenn man dann den Blick auf Themen wie Fast Fashion lenkt, wenn man einen Blick in Mülltonnen wirft, oder alleine schon an die 3. Piste beim Flughafen Wien denkt, dann sind wir weit von ihrem Ziel entfernt.

Zusätzlich glaube ich nicht, dass die bisherige Entwicklung einer Partei zuzuschreiben ist. Es waren doch eher Tierschutzaktivisten, Organisationen wie PETA oder der WWF, Kampagnen von Prominenten und mutiger Journalismus, welche das Bewusstsein der Bevölkerung geprägt haben. Allerdings ist das meine subjektive Sicht als Millennial, denn ältere Generationen werden das Wirken der Grünen auf sie und ihre Mitmenschen vielleicht anders bewerten.

Bei vielen ökologischen Punkten, wie die genannte Fast Fashion, die Bodenversiegelung, die Erhöhung des Tierwohls etc. gibt es jedenfalls noch viel für die Politik der Grünen zu tun.

Stefan: Kannst du den Begriff der Fast Fashion kurz erläutern? Gibt es da nicht auch das Paradox, dass wir durch unsere Kleiderspenden etwa die Textilindustrie im globalen Süden zerstören?

Sabine: Fast Fashion bezeichnet eine Unternehmensstrategie, deren Ziel es ist, so viele neue Modekollektionen wie möglich, so günstig wie möglich zu produzieren, um mit billigsten Preisen so viele Konsument(inn)en wie möglich zu gewinnen. Es gibt nicht mehr nur Sommer- und Winterkollektionen, sondern bereits mindestens 12 Kollektionen pro Jahr. Seit den 1990ern hat sich das Phänomen Fast Fashion verstärkt und durchgesetzt.

So wie diese Kleidungsstücke hergestellt werden, finden sie ihren Weg in die Kleiderspende ohnehin kaum, da sie nicht für Langlebigkeit produziert werden. Das ist geplante Obsoleszenz. Und in den asiatischen Ländern, die diese Fetzen herstellen, werden eh nur Hungerlohnjobs generiert, auf welche die Bevölkerung leider oft trotzdem nicht verzichten kann. Dazu verursacht die dortige Produktion nicht nur lebensgefährdende Arbeitsplätze in maroden Fabrikgebäuden, die kurz vor dem Zusammenbruch stehen, sondern vergiftet die Umwelt vor Ort auf massivste Art und Weise.

Diese Argumentation mit den Jobs in der dritten Welt stellt sich auf den zweiten Blick als billige Ausrede für westliche Kapitalisten heraus, bei der man Ausbeutung noch als Wohltätigkeit hinstellen möchte. Diese Produktionskette gehört durchbrochen, denn es kann nicht sein, dass Familien in Dritte-Welt-Ländern nur überleben können, indem ihre Frauen und Kinder ihre Gesundheit aufs Spiel setzen damit der reiche Westen Kleider in beschissener Qualität geliefert bekommt, damit sich auch hier die Ärmsten unter uns für Instagram mehr oder weniger tauglich präsentieren können. Das Lieferkettengesetz könnte solche Zustände womöglich verbessern.

Stefan: Es wirkt manchmal so als wäre das Grüne Ticket ein Franchise. Also eine Möglichkeit sich ein reines Umweltgewissen zu kaufen. Menschen ändern nicht ihr Konsumverhalten, sondern konsumieren einfach alles in Bio. Ist das jetzt besser?

Sabine: Nein. „Grüne“ Produkte zu kaufen ist erst mal ein guter Anfang und eine Voraussetzung für eine nachhaltige Produktion. Parallel dazu müssen sich aber auch die Rahmenbedingungen für die Produktherstellung ändern. Produkte sollten langlebig sein, um den Energie- und Rohstoffverbrauch zu reduzieren. Gelingen wird das allerdings nicht in einem wirtschaftlichen System, das auf endloses Wachstum, ergo ständigen Konsum, ausgerichtet ist. Hier könnten Konzepte wie die Gemeinwohlökonomie die Rahmenbedingungen verbessern.

Stefan: Die Grünen in Österreich sind ja sehr stark durch die Auseinandersetzung mit der Atomindustrie geprägt. Der Wiener Philosoph Günther Anders verwendet bereits in den 1960er Jahren den Begriff der Apokalypseblindheit und spricht von der Zerstörung der Zukunft durch die Atomenergie.

Sabine: Die Atomenergie und hier vor allem die ungelöste Frage des Atommülls, den sie hervorbringt, sind tatsächlich eine Gefahr, die man niemals kleinreden darf. Allerdings wird der Ruf danach wieder laut, weil durch die zunehmende Digitalisierung unser Stromverbrauch explodiert.

Es ist sehr fraglich, ob wir diesen Verbrauch jemals mit Strom aus erneuerbaren Quellen decken können werden. Besonders die Digitalisierung des Geldes, also Kryptowährungen, benötigen riesige Mengen an Strom, wie nun auch Elon Musk alle Welt wissen ließ. Die Digitalisierung verschärft also nicht nur die soziale Frage, da durch sie viele Jobs verlorengehen, sondern stellt uns auch bei der Energiegewinnung vor entscheidende Fragen.

Auch vor der Tatsache immer stärker werdender Wetterextreme gilt die Atomkraft als Gefahr. Man denke an den Tornado vom Juni 2021, durch den sogar ein Block des AKW Temelin abgedreht werden musste. Nicht auszudenken was passieren könnte, wenn sich die Verantwortlichen zu spät für eine Notabschaltung entscheiden würden, weil man auf die Energie des AKW aus wirtschaftlichen Gründen angewiesen ist.

Stefan: Atomenergie ist sehr effizient und solange kein Unglück passiert auch theoretisch sauberer als viele andere Formen Energie zu gewinnen. Aber dennoch hat sie etwas sehr Bedrohliches an sich. Günther Anders sagt, die Gefahr des atomaren Fallout wird unterschätzt, weil sie universal ist und ohne Kontrast, also trotz allgemeiner Präsenz unsichtbar bleibt. Weil Sie zu groß ist, überschreitet ihre Wirkung die Vorstellungskraft, gibt uns ein Gefühl der Ohnmacht und wird daher von uns als Angelegenheit anderer Instanzen wahrgenommen.

Wir schützen uns davor ständig unter der Angst davor zu leiden, indem wir so tun, als würde uns diese Gefahr nichts angehen. Zusätzlich wird sie von Zuständigen oft aktiv verbal bagatellisiert. Wenn man sich den Umgang japanischer Verantwortlicher mit Fukushima ansieht, trifft das ja auch zu. Wir sind blind gegenüber den Gefahren, die wir selbst erzeugen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass uns eines Tages einfach die Luft ausgeht.

Sabine: Zur Frage von Macht und Ohnmacht sage ich nur: Zwentendorf! Hier hat sich die Bevölkerung nicht mit Ohnmacht abfertigen lassen und sich gegen ein Atomkraftwerk gewehrt. Genau deswegen sind Info-Kampagnen dazu so wichtig, weil dann ein Bewusstsein in der Bevölkerung darüber entstehen kann.

So unsichtbar die Gefahr einer Atomkatastrophe ist, so real wirkt sie sich aber auch auf unser Leben aus, wie COVID-19. Wenn wir unsere Eltern fragen, wie sie die ersten Jahre nach Tschernobyl erlebt haben, zeigt sich ein sehr eindeutiges Bild. Verbote in der Wiese zu spielen, Milch zu trinken oder Schwammerl zu suchen werden sehr häufig genannt. Es wundert mich allerdings sehr, dass diese jungen Erfahrungen nicht mehr Beachtung im allgemeinen Diskurs erhalten. Stellen wir uns das mal bei einem Unglück in Temelin vor.

Stefan: Ich durfte eine Weile nicht in der Sandkiste spielen damals. Und es gab ein Kinderbuch in dem das thematisiert wurde. Vor allem der atomar verseuchte Regen wurde dort als Gefahr dargestellt. Saurer Regen war damals auch ein Thema in Bezug auf das Waldsterben. Das hat mir Angst gemacht. Aber es hat unseren Alltag nicht grundsätzlich verändert und obwohl unter dem stählernen Sarg in Tschernobyl ja immer noch eine große Gefahr lauert geht das Leben halt weiter. Österreich ist übrigens umgeben von Kernkraftwerken von teilweise ziemlich alter Bauart. Mochovce, Bohunice, Krsko, Dukovany, Temelin, Isar, Grundremmingen, Mühleberg. Gleichzeitig gab es seit 1957 „nur“ acht große Unfälle in verschiedenen Kraftwerken auf der ganzen Welt. Das klingt aufs Ganze bezogen nach einer relativ geringen Risiko-Quote.

Sabine: Ich habe in den letzten Jahren gelesen, dass Sicherheitsprüfungen in einem deutschen AKW nicht ordentlich durchgeführt wurden. Man wiegt sich hier in einem falschen Sicherheitsgefühl. Und vor allem unterschätzt man die Schäden, falls es doch zu so einem Unglück kommt. Ein Sperrgebiet mit einem Radius von ca. 30 km rund um Tschernobyl ist bis heute eine unbewohnbare Zone. Stellen wir uns das doch einmal vor was wäre, wenn das 40 km entfernte AKW Dukovany in Tschechien einen Unfall hätte. Wien mit seinen knapp 2 Millionen Bewohnern wäre betroffen. Was glauben die Leute, wie sie dann leben werden?

Stefan: Das klingt nach einer Dystopie. Vielleicht sind wir ja doch auch mental so sehr Teil der Natur, dass wir uns eine menschengemachte Katastrophe mit so furchtbaren Auswirkungen gar nicht vorstellen können. Die Schweizer haben gerade zwei Umweltschutzinitiativen mit 61% Mehrheit abgelehnt. Bauern sollten Subventionen gestrichen werden, wenn sie künstlich hergestellte Mittel zur Bekämpfung von Schädlingen einsetzen und synthetischen Pestizide sollten ganz verboten und die Schweiz zu 100 Prozent zu einem Bio-Produzenten gemacht werden.

Warum verträgt sich die industrielle Landwirtschaft eigentlich so schlecht mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit? Elisabeth Köstinger, die zuständige Bundesministerin für Landwirtschaft, ist ja in Personalunion auch Tourismusministerin. Dem Tourismus könnte Nachhaltigkeit auch nicht schaden. Was haben die Regionen, in denen Massentourismus stattfindet, eigentlich vom Tourismus als Schaffer von billigen Arbeitsplätzen, von denen niemand so richtig leben kann (will)?

Sabine: Die konservative Bauernlobby in der Schweiz dürfte noch besser als in Österreich funktionieren…

Die industrielle Landwirtschaft ist auf Ertragsmaximierung ausgelegt, um dadurch auch den Gewinn zu maximieren. Die Auswirkungen auf die Umwelt, also das Sterben von Insekten oder Singvögeln, den Wasserverbrauch, die Minderung der Bodenqualität, etc. nimmt man in diesem Denken einfach in Kauf. Zum Glück gibt es vermehrt ein Umdenken bei den Bauern; ich hoffe sie können zeigen, dass man vom industriellen Weg wegkommen und trotzdem Gewinne erzielen kann. Hierfür müssen sie allerdings fair vom Handel entlohnt werden und dies wir auch nur mit der Rückendeckung der Konsumenten funktionieren.

Die Regionen des Massentourismus bringen wenige, aber dafür erfolgreiche, Profiteure hervor. Das Argument der Arbeitsplätze ist doch ein scheinheiliges, denn nicht umsonst wurden Köche und sonstige Gastroberufe 2021 auf die Liste der Mangelberufe gesetzt, obwohl so viele von ihnen derzeit arbeitslos gemeldet sind. Man möchte hier doch nur günstigere Arbeitskräfte aus dem Ausland importieren! Dafür bauen wir dann neue Skilifte, luxuriöse Chalets oder denken laut über Gletschersprengungen nach. Alles Maßnahmen, welche den Boden versiegeln, die natürliche landschaftliche Vielfalt zerstören und Tieren noch weitere Lebensräume rauben.

Stefan: Beim Thema der Klimagerechtigkeit schwingt immer ein gewisser Elitismus mit. Gerade erst hat Ministerin Köstinger gemeint, wir würden auf unseren 800 Euro Grills Fleisch für 80 Cent grillen und das wäre pervers. Ich als Normalsterblicher finde pervers, dass sie davon ausgeht, dass ich einen 800 Euro Grill haben könnte.

Sabine: Den 800 Euro Grill haben wohl sehr viele Österreicher bei sich zu Hause gesucht. Auch ich habe keinen gefunden. Man muss dazu auch sagen, dass knapp 1,5 Millionen Menschen in Ö von Armut gefährdet oder direkt betroffen sind. Diese Zahl stammt allerdings aus 2019, durch die Pandemie sind es sicher noch mehr geworden. Da stellen sich einige Fragen: Wieviel Geld haben diese Menschen für Grillfleisch zur Verfügung? Wollen wir, dass diese Menschen auf dieses Essensvergnügen verzichten sollen? Und vor allem: Profitieren der Handel oder die Bauern von höheren Preisen?

Der Diskurs übers Klima wird in jedem Bereich von elitären Schichten bestimmt. Schon alleine, weil sie sich die Muße leisten können über ihrem Bio-Steak über Veränderungen zu philosophieren. Wer den ganzen Tag anstrengende Arbeit leistet und trotzdem noch jeden Euro umdrehen muss, wird ganz andere Sorgen haben. Somit wird die Gesellschaft aber niemals gemeinsam an einem Strang ziehen können.

Stefan: Wie können einzelne Menschen im Alltag nachhaltig leben?

Sabine: Das ist für eine Einzelperson mit geringem Einkommen sehr schwierig und vor allem sehr individuell zu entscheiden. Daher möchte ich hier einfach 3 Beispiele anführen, die leicht umzusetzen sind, wobei sie alle voraussetzen, dass man sich bewusst für ein Umdenken entscheiden muss:

I) Es gibt bereits Apps wie togoodtogo, wo man als Konsument erfährt, wo gerade Restaurants oder Händler Lebensmittel kurz vor Ladenschluss noch zu günstigeren Preisen verkaufen möchten, um diese nicht in den Müll schmeißen zu müssen.

II) Man kann bei Geburtstags-, Weihnachts- oder sonstigen Geschenken, bei denen man ohnehin mehr Geld investieren würde, gezielt auf regional und fair hergestellte Schmankerl, Dekoartikel aus Recycling oder fair produzierte Mode sowie Kinderspielzeug setzen.

Ganz nach dem Motto: Qualität vor Quantität.

Der Hintergrund: Auch wenn man es sich nicht traut für sich selbst, sich z. B. den in Österreich hergestellten Bio-Honig zu leisten, so stellt er dann für Freunde ein wertschätzendes Geschenk dar.

Stefan: Diese spezifischen Feiertagsgeschenke sind mir meistens suspekt. Halloweenzeugs kann auch Spaß machen, vor allem wenn man Kinder hat. Wir haben Plastiktotenköpfe mit denen kann man nicht nur dekorieren. Aber vieles ist wirklich einfach nur Ramsch mit einem Feiertags-Logo darauf. Die Steigerungsform ist dann, wenn es deklarierte „Geschenkartikel“ gibt. Also Dinge, die man niemals schenken würde, außer, wenn man gerade ein „Geschenk“ sucht und nicht weiß, was man schenken soll. Dann wechseln Dinge die Besitzer, die gefühlsmäßig eh einfach nur weitergeschenkt werden.

Jedenfalls produzieren solche Feiertagsgeschenke einen Haufen Abfall, den man sich eventuell sparen könnte.

Sabine: Genau das meine ich eben mit meinem zweiten Punkt: Nicht einfach Ramsch schenken. Gerade zu Halloween kann es doch ein Körbchen mit Bio-Kürbissen sein, die der Beschenkte zu guten Speisen verarbeiten kann.

III) Der Natur etwas zurückgeben und wenn es nur ein Tag im Jahr ist. Das kann ein Tag sein, an dem man Müll einsammelt an öffentlichen Plätzen (hier gibt es Angebote der MA48); indem man im Winter Vogelfutter anbietet (Bitte kein Brot!); oder auf ein kleines Fleckchen im Garten Wiesenblumen anbaut, die eine Nahrungsquelle für Bienen und Schmetterlinge bieten.

Ich selbst habe vor Kurzem zwei Veränderungen in meinem Alltag eingebracht: Für das Wuzzeln meiner Zigaretten (das Rauchen ist immer noch meine Nemesis) verwende ich jetzt Papierfilter und ich kaufe vermehrt die Eier von Zurück zum Ursprung „Hahn im Glück“, da werden keine Brüderküken mehr getötet, sondern aufgezogen und erst als Erwachsene für Fleischprodukte geschlachtet. Das sind Beiträge zur Gesamtsituation, die sehr individuell gestaltet sind und auf einer Makroebene als Nichtigkeit betrachtet werden können, aber ich bin überzeugt, dass eine Vielzahl solcher kleiner Alltagsentscheidungen auf der Mikroebene das große Ganze bedeutend lenken können. Der Anbau einer einzelnen Blume kann einen Schmetterling herbeilocken und der Flügelschlag eines einzigen Schmetterlings soll ja bekanntlich die ganze Welt verändern können.

Stefan: Der Schmetterlingseffekt geht davon aus, dass auch die kleinsten Änderungen in der Formation eines Systems sich langfristig auf die Entwicklung des Systems auswirken können. In Wien kann man sagen, dass die frühe Sozialdemokratie mit der Errichtung von Gemeindebauten und der Durchmischung verschiedener Bevölkerungs- und Einkommensgruppen so einen Flügelschlag zur positiven Entwicklung des Systems Wien geleistet haben. Auch die ganzen Wiener Grünflächen und Parks sind wirksame Einsprüche gegen das Einerlei der normalen Städte. Beim Schrebergarten ist das wieder anders.

Dem wilden natürlichen Garten stehen im städtischen Bereich meist nur die Regeln der Schrebergartenvereine im Weg. Obwohl sie sich beinahe alle am naturnahen Gärtnern orientieren (Gießen mit Regenwasser usw.), sehen die Gärten oft sehr geordnet und homogen aus. 1903 wurde der „Erste Österreichische Naturheilverein“ gegründet. 1904 entstand die erste Schrebergartenkolonie im Süden von Purkersdorf. Sie wollten ein erschwingliches Naherholungserlebnis für Arbeiter. Sie sollten dort eine Gartenhütte haben und ihre Freizeit in der Natur verbringen können. Mittlerweile stehen auf den kleinen Parzellen oft mehrstöckige Einfamilienhäuser. Eine Verbürgerlichung des ursprünglichen Gedankens.

Sabine: Das ist doch typisch. Überall, wo eine Idylle geschaffen wird, die dem Zeitgeist entspricht, verdrängen die Bürgerlichen die Arbeiter. Die Preise schießen dann in die Höhe und der Ursprungsgedanke bleibt auf der Strecke.

Stefan: Du sprichst da das Phänomen der Gentrifizierung an. Henri Lefèbvre hat in den 1970er Jahren darüber nachgedacht, dass nach der Agrarrevolution die „Revolution der Städte“ noch ausstehen würde. Die Agrarrevolution hat im 18. Jahrhundert stattgefunden und dazu geführt, dass sich die Produktivität der europäischen Landwirtschaften durch Düngung und Züchtung drastisch erhöht hat. Lefèbvre plädiert für einen „Urbanismus“ der die Stadt als Kampffeld für die Interessen der Zukunft wahrnimmt. Nicht im Sinne der Produktivitätssteigerung, sondern der politischen Gestaltung. Der Stadt Wien wurde gerade in einem Zeitungsartikel bescheinigt zu wenig mutig an die Neugestaltung der Stadt heranzugehen. Autofahrerlobbys laufen gegen jegliche Veränderung Sturm. Werden wir die kommenden Hitzesommer in den Städten überstehen, wenn wir nicht radikal umdenken und eine Revolution der Städte einleiten?

Sabine: Wien will gerne mutig sein mit ihren Vorhaben den Autoverkehr zugunsten der Umwelt zu reduzieren und denkt über Fahrverbote in der Innenstadt nach, baut die U5 und will Radwege ausbauen. Ein extrem wichtiger Punkt wird dabei aber immer vergessen: Der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel in den Industrievierteln wie es sie im 22. oder 23. Bezirk, also in den Außenbezirken gibt. Durch das schlechte Angebot sind viele Arbeiter und Angestellte auf den PKW angewiesen, vor allem, wenn sie bei den angebotenen Anbindungen noch etwas von ihrer Freizeit haben wollen. Eine U-Bahn, welche die Außenbezirke miteinander verbindet, wäre bestimmt sinnvoller als eine U5.

Viel wichtiger wäre es allerdings Neubauten innerhalb der Stadt klimaneutral zu gestalten. Jüngste Betonschandflecken stellen der Hauptbahnhof, der Erste Campus, der neue Reumannplatz und vor allem die Station Altes Landgut am Verteilerkreis dar. Reden von Stadtplanungsräten über coole Streets und wasserverschwendende Sprühnebel, die in die Richtung der Straßen gerichtet sind, mögen vielleicht weniger nachdenkliche Wähler anlocken, aber definitiv nichts gegen die Hitzewellen in der Stadt unternehmen. Mehr Mut zu realen Aktionen und ein Verzicht auf heiße Luft aus Politikermäulern wären ein Anfang bei unserer weiten Reise hin zur CO2-Neutralität.

Stefan: Für das bürgerliche Selbstverständnis war zumindest die Goethesche Italienreise als Bildungsurlaub mehrere hundert Jahre lang Pflichtprogramm. Allerdings hatte Goethe auch Zeit sich nachhaltige Eindrücke anzueignen. Seine Reise hat fast 2 Jahre gedauert. Was darf/muss Fleisch kosten? Dürfen alle mit dem Flugzeug verreisen? Ist Reisen ein Privileg eventuell sogar eine Errungenschaft?

Sabine: Grundsätzlich ist meine Einstellung, dass der Konsum gewisser angesehener Produkte und Dienstleistungen nicht zum elitären Privileg erhoben werden darf, denn dann wird es ein stetiges Streben nach diesen prestigeträchtigen Statusgütern geben so wie es im 20. Jh. (und auch davor) passiert ist, was den Klimawandel ja erst befeuert hat. Da würde sich bloß die Geschichte wiederholen, was auch die Kontraproduktivität einer CO2-Steuer unterstreicht.

Ein Beispiel hierfür ist der laufend steigende Fleischkonsum in den Schwellenländern China und Indien. Dort gilt Fleisch als Prestigelebensmittel und wird genutzt, um den Status einer neu aufsteigenden Mittelschicht zu zeigen. Für diese Märkte wird also enorm viel Fleisch und dadurch CO2 erzeugt.

Auch beim Thema Reisen bin ich davon überzeugt, dass dies Menschen aller Vermögensschichten zustehen sollte. Vor allem, weil das Reisen die Persönlichkeitsbildung fördert, der Weiterbildung im Allgemeinen guttut und auch, weil es dazu beiträgt, dass künstlich gezogene Grenzen der Staaten geistig überwunden werden können. Das Reisen hilft den Menschen die Gesamtheit unserer Erde, die Gleichheit der Menschen und das grenzübergreifende Wirken der Natur zu begreifen.

Stefan: Der Wohlstand führt zu verändertem Konsumverhalten. Also einerseits gibt es Grund zur Freude, weil Menschen durch diese Globalisierungseffekte in die Lage versetzt werden sich aus der Armut zu befreien, andererseits entstehen dadurch ökologische Probleme. Ich stelle mir vor, wie die CO2-Bilanzen sich verändern werden, wenn die Menschen in Indien und China ebenso durchmotorisiert sind wie unsere hiesigen Automobilfetischisten. Die Geschichte von den Stadtbewohnern, die zur Trafik an der Ecke mit dem Auto fahren, ist im Kern ja wirklich wahr.

Sabine: Nun, hier muss man immer zwischen Wohlstand und unnötiger Verschwendung unterscheiden. Ein Auto zu besitzen, um damit den Arbeitsplatz oder ein Ausflugsziel im Grünen zu erreichen ist Wohlstand. Jeden 10 Minuten Fußweg mit dem Auto zu fahren ist verschwenderisch und dekadent. Aber es ist wahr, dass diese Dekadenz in der ersten Welt, vornehmlich den USA, geboren wurde. Gerade dort wird diese Lebensweise stolz aufrechterhalten, wohl auch, weil ihnen durch geographische Gegebenheiten eine Zersiedelung möglich ist, während man in Europa immer mehr auf den Ausbau der Bahnnetze setzt. Es bleibt fraglich auf welchen Star sich die chinesische und indische Bevölkerung als Vorbild einigen können werden: Auf den first-world-star westlich oder östlich des atlantischen Ozeans?

Stefan: Menschen gehören zur Natur. Zimmerpflanzen und Schoßhunde aber auch. Was ist eigentlich Natur? Oder was ist das, was wir daran schützen sollten?

Sabine: Das sind Fragen, die wir gesellschaftlich mehr zur Diskussion stellen müssen. Zimmerpflanzen können unser Wohlbefinden fördern (sofern wir nicht vergessen sie zu gießen) und Schoßhunde tun das auch, aber ihre fleischhaltige Ernährung ist wiederum negativ für die CO2-Bilanz. Hauskatzen sind als natürliche Jäger sogar für den bedrohten Status einiger Vögel verantwortlich. Wer solche Themen anspricht, macht sich leider sofort unbeliebt. Haustierbesitzer können sich sehr schnell angegriffen fühlen, denn Haustiere sind auch immer geliebte Familienmitglieder. Besser als die Natur in unsere unnatürlichen Lebensräume zu holen wäre es allerdings die Natur, die uns umgibt, so gut wie möglich zu schützen. Dieser Ansatz sollte Vorrang haben.

Stefan: Sind Hunde gute Haustiere für die Stadt?

Sabine: Da will ich mich jetzt nicht unbeliebt machen. Diese Frage sollte ein Stadthund beantworten.

Stefan: Menschen sind auch Teil von Staaten. Organisationen, die sich für die Umwelt engagieren geraten oft in Konflikt mit dem Staat. Wieso sind die Interessen der Allgemeinheit im Fall des Umweltschutzes so schwer mit den allgemeinen Interessen des Staates zu vereinbaren? Im Wiener Neustädter Tierschützer Prozess wurden aktionistische Tierschützer als kriminelle Vereinigung angeklagt, weil sie für über 200 Straftaten verantwortlich gemacht wurden.

Sabine: Es kann daran liegen, dass Umweltschützer ja doch Grenzen übertreten. Die Videos aus Tierfabriken sind manchmal so schockierend, dass die Menschen ihren Anblick nicht ertragen und sofort abschalten. Wenn es dann noch provokante Aktionen, Gesetzesübertretungen und schlechte Propaganda über sie gibt, wie dass sie dem Österreicher sein Schnitzel wegnehmen wollen, dann sinkt auch das öffentliche Verständnis für sie. Ich glaube aber genau dieses öffentliche Interesse würde es brauchen, damit auch die Politik ihren Umgang mit ihnen und den Themen, die sie an die Oberfläche tragen, verändert.

Stefan: In Rom erwarten sie gerade einen Müllsommer. Rom hat drei Millionen Einwohner und keine eigene Müllverbrennungsanlage. Das Amt, dass den Müllberg organisiert ist auch für die Friedhöfe zuständig. Während der Pandemie haben sich dort sprichwörtlich die Leichen gestapelt. Diesen Sommer werden es wohl die Müllsäcke sein. Manchmal scheitert es also auch an der Fähigkeit der Menschen sich rational zu organisieren.

Sabine: Wenn Produkte immer kurzlebiger gestaltet werden, sind wir zum stetigen Neukauf gezwungen. Das wirkt sich besonders bei Elektrogeräten und Kleidung im Alltag aus. Das ist gewollt, weil Unternehmen durch günstige Produkte Kunden anwerben wollen und sie gleichzeitig durch den schnellen Verschleiß der Produkte die Kunden zum raschen Neukauf zwingen wollen. Das fördert den Verbrauch von Rohstoffen und schafft Müllberge, die dann die Umwelt belasten. Nur langlebige Produkte und Mehrwegverpackungen können diese Müllansammlungen so klein wie möglich halten.

Stefan: Günther Anders hat das einmal so schön formuliert, dass die Mode der Trick der Industrie ist, die Nachfrage aufrecht zu erhalten.

Sabine: Ich glaube, mit diesem Gedanken hat er eine der umweltschädlichsten Manipulationen unserer Gesellschaft entlarvt.

Podcast: Vor Alkoholismus ist man nur auf dem Mond sicher

Ein Gespräch wie ein frozen conflict. Lachen das ohne Witze auskommt. Wenn wir uns unterhalten bleibt kein Sitzkissen trocken. Der ultimativ zache Podcast gegen die zarte Wirklichkeit.

Ela: Nachdem sich unser geschätztes Publikum ein Kochspecial gewünscht hat, möchten wir dieses Jahr – ein Jahr danach – dieses Special für unser geschätztes Publikum einlesen.

Stefan: Wir haben vor einem Jahr, oder vor eineinhalb Jahren, über Essen einen Beitrag für unseren Blog gemacht und wir wollen gerne wieder über Essen reden. Wir werden dazu Teile unseres Blogs verwenden, weil sich die gut anbieten. Wir werden sie mit gekünstelter Stimme vorlesen, weil wir Zitate daraus verwenden. Wir nennen es ein Mashup.

Hier der Text zum Podcast: Unter Genießerinnen

Meinung aus der Wahnvorstellungs- und Mordlust-Hölle

Aus aktuellem Anlass eine Meinung aus der Hölle.

Der Anlass ist der zunehmend stärker werdende (Massen-)Wahn von Menschen, die sich selbst für Freiheitskämpfer halten, aber in letzter Instanz offenbar nur narzisstisch verblendete ich-schwache Egomanen sind, die in ihrer Hysterie (die sie pikanterweise immer den anderen vorwerfen) bereit dazu sind zu Mördern zu werden.

Wenn es nicht zu zynisch wäre, wäre man versucht zu sagen: Peinlich des Todes. Aber gleichzeitig würde das die potentielle Gefährlichkeit dieser Menschen und ihrer Wahnvorstellungen herunterspielen.

Zu bedenken wäre, wenn schon Tankstellenverkäufer als „Büttel des Systems“ auf der Todesliste von diesen Wahnsinnigen stehen können, dann sollten sich alle Geimpften und Maskenträger die Frage stellen: Wer wird der nächste sein?