Unter Gamerinnen: Zum aktuellen Stand des Immergleichen Teil 1

Stefan: Ich spiel heut einen alten Mann auf der Bank, der über die Jungen die vorbeigehen schimpft und mit seinem Stock wedelt. Ich bin 1981 geboren und ich hab ein Vorurteil gegenüber der aktuellen Gamerszene. Ich glaub, ihr könnts nicht mehr richtig spielen. Mir ist klar, dass im Gegensatz zu früher mittlerweile Gaming eine olympische Disziplin ist und Menschen Millionen damit verdienen können. Gleichzeitig seh ich so oft Reviews über „Spiele“, die eigentlich keine mehr sind. Es sind Filme und an drei Stellen kann man auf die X-Taste drücken.

Die andere Art von Spielen nennt sich Computer Rollenspiel, fast immer mit Open World, und besteht meistens darin, dass man herumläuft und Gegenstände einsammelt, die man dann verwendet um eher einfach gestrickten Gegnern eines auf die Nase zu geben. Spannung kommt dabei aus mehreren Gründen nicht auf: 1. Weil das Kampfsystem meistens nur das wiederholte Klicken mit der linken Maustaste als Strategie vorsieht. 2. Weil die KI der Gegner extrem lahm ist. 3. Weil man durch Auto- und Quicksave Funktionen de facto nicht sterben kann. 4. Weil man meistens jederzeit, auch während eines Kampfes, den Schwierigkeitsgrad angleichen kann und die ohnehin tumbe KI des Gegners noch weiter senken.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Aber selbst solche Spiele wie Bloodborne sind nicht halb so unfair und hinterlistig wie Castlevania I von 1986 auf dem NES. Man stelle sich vor, da konnte man nicht speichern und es kam auf Reflexe und schnelle Auffassungsgabe an um durchzukommen! Da fangen heutigen Spielern die Knie zu schlottern an.

Felix: Du sprichst von dem ersten Nintendo Entertainment System. Ich bin mit der Nintendo Wii in mein Gamerleben eingestiegen. Nicht, weil ich bis dato kein Interesse an Videogames (Vgames) hatte, vielmehr weil meine Eltern mir erst 2010 (2 Jahre nach erscheinen der Wii auf europäischen Märkten) zutrauten, Vgames zu spielen. Um jetzt meine Eltern nicht sofort in ein gamerfeindliches Shitstorm-Setting zu werfen: ich hatte einen GameBoy, auf dem ich zu abgemachten Zeiten spielen durfte und muss ehrlich gestehen, ich hab für mich nix verpasst.

Du sprichst mit dem Castlevania-Bloodbourne Vergleich da gerade etwas an, wo ich gleich mal einen massiven Einwand gegenüber deiner These (die man in der heutigen Gamerszene als Boomer-Rant bezeichnen würde) anspreche. Technologie verändert sich mit der Zeit. Die NES war die erste Konsole von Nintendo, die Switch ist die neueste. Lustigerweise kann man auf der Switch sowohl Castlevania als auch den ersten Teil der Dark Souls-Reihe (selbes Konzept und Entwicklerstudio wie Bloodborne) spielen.

Die NES war durch ihre technischen Kapazitäten limitiert, ich glaube nicht, dass die Entwickler von Castlevania in erster Linie ein Spiel im Sinn hatten, das keine Fehler zulässt oder den Spieler zu einem Reflexmonster erziehen sollte. Es gibt auch heute noch Spieler, die genau diese Herausforderungen schätzen. Ich gehöre definitiv nicht dazu.

Mit dem technologischem Fortschritt erkläre ich mir auch, dass sich das komplette Konzept von Vgames gewandelt hat. Die Grafik wurde besser, die technologischen Möglichkeiten breiter. Ich glaub schon, dass eine gute Grundidee eines Spieles überleben kann, da ist die Grafik scheißegal, ABER in letzter Zeit werden Vgames meistens nur mehr daran gemessen, wie flüssig sie rennen oder wie sehr die Elemente einer UltraHD Auflösung standhalten.

Was du auch kritisierst, ist die Möglichkeit, die KI der Gegner anzupassen. Ich persönlich sehe darin für mich eher ein Benefit. Ich hab kein Interesse daran ein Spiel wie das vorsintflutliche Castlevania zu spielen, teils weil meine (zugegeben wenig bis gar nicht vorhandene) Frustrationstoleranz das nicht zulässt, teils weil ich mich ganz gern in die Fantasiewelt eines Vgames flüchte. Mit Strapazen, Stress und unangenehmen Konfrontationen habe ich bereits im RealLife genug zu kämpfen, da erscheint es mir ganz angenehm, einfach mal im Spielmenü auf „leicht“ zu stellen und für mich zu beschließen, dass es ein gutes Gefühl ist, der depperten KI überlegen zu sein.

Stefan: Ich hab mir gestern beim Zuschauen von einem Streamer gedacht, das viele Spiele von früher heute nur mehr als „Rage Games“ durchgehen würden. Also durch die verhunzte Sprungmechanik hat Castlevania von 1986 durchaus etwas mit Pogostuck von 2019 gemeinsam.

Aber ich finde es interessant, wenn du sagst, du brauchst den Eskapismus, um dich entspannen zu können. Vielleicht waren in den 1980er Jahren die Bedingungen noch nicht so harsch, wie sie heute sind. Oder das Spielen war einfach anders angesehen. Nicht so sehr als Entspannung und Weltflucht, sondern mehr als Herausforderung. Zur Entspannung war man dann spazieren, oder hat ein Buch gelesen. Jetzt kommt wieder was boomeriges: Zoomers lesen ja nicht mehr so viele Bücher. Ihr macht die Bucherfahrung aus zweiter Hand. Was ich sehr oft höre, ist, dass sich ein Roman so anhört, wie dieses oder jenes Vgame, oder dass es da einen Artikel auf dem blabla-blog gegeben hat, oder jemand auf dem V-log drüber geredet hat. „Werwölfe? Kenn ich von The Order 1886.“

Vielleicht braucht ihr ja diese Entspannung beim Spiel, weil ihr eh unentwegt in die digitale Röhre schaut und euch durch irgendein Zeugs durchklickt. Früher war ja das Konsolenspielen wirklich eine Abwechslung zur Arbeitswelt. Das ist heute nicht mehr so.

Was ist eigentlich bei The Order 1886 aus Sicht der Fans schief gelaufen?

Felix: The Order 1886 ist fehlgeschlagen, weil das Spiel zu kurz, zu unausgereift und in erster Linie zu groß angekündigt war. Mythologie verbreitet sich heute eher über Vgames als über Bücher, da geb ich dir Recht. Auch Filmklassiker verlieren gegenüber Vgames immer mehr an semantischer Bedeutung, bedenkt man, dass Kratos (einer der PS1- Posterboys, God of War) jetzt als Fortnite-Skin herhalten muss, oder dass Medusa eher als Boss in Assassin’s Creed Odyssey bekannt ist, statt der tragisch verfluchten Gestalt die sie in der klassischen griechischen Mythologie ist.

Was ich allerdings schon in diesem Kontext ansprechen muss, ist das sich Vgames, wohl auch durch das Internet, wesentlich weiterentwickelt haben. Online Gaming war ein zentraler Faktor für eine sich weiterentwickelnde Spiel- und Spielerszene.

Die Gamer heute schätzen kompetitives Spielen sehr. Spiele wie Counterstrike Global Offensive lassen einen recht schnell merken, dass die Zukunft der Vgames sich im anonymisierten Cyberspace abspielt. PuSsYdEsTr0yEr69 teabagt über deiner virtuellen Leiche, man wird an der K/D gemessen, also nein, ich glaube nicht, dass die Gen Z Spaß daran hat, hirnlos was anzuklicken, es steht immer eine gewisse Leistung dahinter.  Gamer machen alles mit viel System, die kennen die Abläufe genau. Sie spielen taktisch. Genauso wie du damals Castlevania als Spieler analysiert hast, genau die Sprungmechanik gekannt hast, gewusst hast, wo und woran man sich anhalten kann, genauso gut wissen Gamer über mehr oder weniger ähnliche Spielmechaniken Bescheid. Es gibt immer Experten und es gibt immer Noobs. 

Stefan: Das Nintendo Entertainment System ist in Europa 1986 auf den Markt gekommen und drei/ vier Jahre danach hab ich angefangen damit zu spielen. Übrigens gabs 1983 bereits den ersten Video Game Crash, also den Zusammenbruch der ersten Videospielindustrie. Atari und ein Haufen anderer Anbieter hat zusehends billigen Schrott herausgebracht und die Übertragung von den Arcade-Spielen auf die Heimstationen hat meistens auch nicht geklappt. Nintendo hat die aus dem Tief wieder rausgeholt.

2000 ist dann die Dotcom Blase geplatzt. Daran sind nicht so sehr die schlechten Videogames schuld gewesen, sondern die Wetten auf Gewinne und Verluste. Aber die New Economy, hauptsächlich webbasierte Dienstleistungen, war betroffen und darauf baut ja das neue System der Spielindustrie weitgehend auf. Watchpartys von Playthroughs, Livestreams usw. Die haben sich trotz dieses Rückschlags gut erholt. Kleinanleger sind halt massiv geschädigt worden dabei.

Felix: Webbasierte Dienstleistungen. Eine schon fast kryptisch klingende Bezeichnung für Medien, die heute jeder kennt und konsumiert. Youtube (YT) und Twitch sind wahrscheinlich auch außerhalb der Szene vielen Menschen bekannt. Ich hab den Eindruck man kann keine 2 Videos auf YT schauen, ohne dass einem eine Werbung für ein Videospiel, oder noch schlimmer, irgendeine Cashgrab-Smartphone-App angezeigt wird, selbst wenn man sich Videos ansieht, die mit Gaming gar nichts zu tun haben. Kannst du dich noch dran erinnern, wie grausliche D-Promis wie Pietro Lombardi „Coin Master“ beworben haben? Das war sowas von cringey und außerdem Promotion von Glücksspiel, das allerdings sehr kinderfreundlich verpackt war. Was das Ganze noch widerlicher macht.

Auf Twitch tummeln sich vermehrt Streamer, die Geld damit verdienen, dass ihnen Andere beim Spielen zuschauen. Man kann heute tatsächlich gut mit dem Voyeurismus anderer Menschen Geld verdienen, kommt mir vor. Ich denke da besonders an eine ganz besonders toxisch veranlagte Streamerin, die ihre Audience beleidigt hat, sie würden ihr nicht genug Geld spenden. Besagte Streamerin spielt keine Vgames, sie schaut auf Youtube mit aktiviertem Adblock Videos, die andere Leute gepostet haben und kommentiert die. Adblock bedeutet in dieser Situation, dass die ursprünglichen Contentkreatoren, die die Videos selbst aufnehmen, schneiden und hochladen, durch ihren Aufruf keinen einzigen Cent sehen, da sich die meisten Youtuber (YTer) über Werbungen finanzieren.

Einige Streamer verdienen sich auch etwas dazu, indem sie absolut absurde Nischenprodukte promoten. Alles unter der Prämisse, es sei für „richtige Gamer“. Eiweißshake für Gamer, dann muss man nicht mehr vom Rechner weg, weil man sich die 2000 Kalorien einfach flüssig einehaut, wer braucht feste Nahrung?

Oder auch ein Pulver, das sich mit Wasser zu einem Energydrink a la Red Bull vermengt. Gonna need those Reflexes for Counterstrike. Ich glaub fest dran, dass sowas zumindest potentiell gesundheitsschädlich ist. Und mir läuft ein Schauer über den Rücken, wenn ich dran denk, dass Gaming immer öfter ein jüngeres Publikum anspricht. Auch geil find ich Gaming-Socken. Einfach nochmal langsam drüber lesen. GAMING- SOCKEN.

Stefan: Es kann prinzipiell nicht gesund sein, so lange zu spielen, dass man Mahlzeiten auslassen muss. Andererseits findet auch niemand was dabei, wenn man 8 Stunden lang wegen der Arbeit vorm PC sitzt. Also da gibt es schon eine Schieflage in der Betrachtung, die was mit dem weitverbreiteten Arbeitsfetischismus in unserer Gesellschaft zu tun hat. Oscar Wilde kritisiert das auf wunderbare Art. Er bezeichnet Lohnarbeit als unwürdigen Zwang für andere zu leben. Die Frage die sich da stellt, ist, ob nicht diese vernetzte digitale Gaming-World neue Zwänge auftürmt? Viele Spiele haben ja kostenpflichtige Anteile oder machen bestimmte Erfolge davon abhängig, dass man das richtige Equipment hat für das man wochenlang grinden muss, oder für das man eben ein paar Euro ausgeben soll. Für die Euro muss man dann wieder einige Zeit arbeiten.

Felix: Die Pay-to-win- Mechanik, die du hier ansprichst ist für mich eine der Entwicklungen die Vgames in den letzten Jahren kaputt gemacht haben. Es kommen immer wieder Spiele heraus, in denen man als Spieler, der nicht bereit ist Geld auszugeben vor allem im Multiplayer keine Chance hat gegen Spieler die in die digitale Währung innerhalb eines Vgames investieren. Mikrotransaktionen sind mittlerweile fast überall angekommen, vom Triple A-Game bis hin (und ich glaub sogar vor allem) in mobile Games, also Spielen die am Smartphone gespielt werden. Eine gefährliche Entwicklung, sieht man sich zum Beispiel Spiele wie Fortnite an, die eine sehr junge Spielerbasis anziehen, die meistens abgesehen von ihrem Taschengeld null eigenes Einkommen haben. Aber ich glaube genau dieses Geschäftsmodell haben die Leute bei Epic Games, dem Entwickler Studio hinter Fortnite angestrebt, bzw sie haben bis dato absolut nichts unternommen, um diese Entwicklung zu unterbinden. Mamis Kreditkarte hält dann halt für die Vbucks her, dann kann man sich auch endlich den Skin leisten, mit dem man ausschaut wie ein Kratos aus God of War, einem FSK 18- Spiel das an Brutalität eventuell von Mortal Kombat, aber nicht vielen anderen Vgames überboten wird.

Was ich auch besonders geil finde, ist das Konzept der Season Passes. Entwickler bringen ein Spiel heraus, verkaufen es zum Vollpreis, und veröffentlichen nach dem Release, meistens ein paar Monate später einen Season Pass, der quasi als Erweiterung nochmal Geld kostet. Es ist wie damals das „Horse Armor Package“ in The Elder Scrolls 4- Oblivion eine absolut unverschämte Abzocke.

Stefan: Günther Anders schreibt mal irgendwo, die Mode sei der Trick der Industrie um die Nachfrage aufrecht zu erhalten. Aber dazu braucht es auch eine Bereitschaft mit der Mode mitzugehen. Woher wissen die Spieler denn was gerade Mode ist? Nintendo hatte bereits 1988 einen Podcast. Den „Nintendo Power“ ein News und Strategie Podcast, der aus dem Printmagazin hervorgegangen ist.

Gamingjournalismus hat sich auch ein wenig verändert. Früher war es ein Begleittext zu den Spielen, der von den Firmen selber gekommen ist. Die haben das als Forum benutzt, um Neuigkeiten anzukündigen und Tricks zu verraten wie man Gegner, die unschaffbar waren, fertig macht. Es war Corporate Business. Jetzt ist das demokratischer. Wobei, der „Journalismus“ der auf Youtube stattfindet, ist ja eher eine Form von freiwilliger Corporate Mentality. Man merkt sehr schnell, dass es bei vielen wenig um Inhalt und mehr um Klicks oder das Reviewer Package vom großen Produzenten geht.

Felix: Nicht nur um die Klicks. Mir kommt vor es ist mittlerweile Usus, dass man Gamer mit einer bestimmten medialen Reichweite, neue Spiele „testen“ lässt. Entwicklerstudios stellen die Spiele oft vor dem offiziellen Release YouTubern zur Verfügung, natürlich unter der Abmachung, sie dürfen über das Spiel nichts Negatives sagen.

Was mir hierfür als Beispiel einfällt, ist das Anfang Dezember 2020 erschienene Spiel Immortals- Fenyx Rising. Das von Ubisoft entwickelte Spiel ist der purste, unverschämteste Abklatsch von Nintendos Legend of Zelda – Breath of the Wild (BotW). Ich habe bei einem Yter, den ich regelmäßiger schaue, ein verfrühtes Gameplay von Immortals gesehen und er hat relativ beiläufig fallen gelassen, dass er es vor dem Aufnehmen des für seine Zuschauer gedachten Videos erst in einem „abgesicherten Rahmen“, in einer Spielsitzung im Beisein eines der Ubisoft-Entwickler gespielt hat. Lustigerweise hat er die absolut unbestreitbare Ähnlichkeit zu BotW nicht einmal erwähnt.

Irgendwie kotzt es mich an, dass Nintendo, ein sonst so protektives Entwicklerstudio, es zulässt, dass Content so schamlos abgekupfert wird. Ich erinnere mich an ein Pokemon Fanwork – Project, Pokemon Prism, das sich rein das Konzept von Pokemon abgekupfert hat, oder viel mehr hätte. Alle Sprites, alle Charaktere und alle Pokemon waren vom Entwicklerteam komplett selbst designt und auch die Möglichkeit selbst als Pokemon zu spielen, waren absolut original und neu. Über acht Jahre hat das Entwicklerteam reingesteckt. Noch während des Entstehungsprozesses kam eine Beschwerde von Nintendo und das Projekt erschien nie.

Wenn jetzt Ubisoft daherkommt und abkupfert ist es anscheinend ok.

Stefan: Das Maskottchen der Nintendo-Welt ist ja Super Mario. Da gab es sogar mal einen Film mit Bob Hoskins. Großartiger Trash von Ed Solomon, der später Men in Black gemacht hat. Sega hat Sonic the Hedgehog. Auch wenn ich sagen muss den habe ich viel weniger verstanden. Mario und Luigi und das Märchenland in den Abwasserkanälen kann ich verstehen. Ich bin mit Spielzeug von Mattel und Hasbro und MB und solchen Produzenten aufgewachsen. Die haben in den 80er und 90ern einfach alles rausgebracht, was man aus Plastik und schlechtem Geschmack herstellen kann, was Kinderherzen höherschlagen lässt. Masters of the Universe, Turtles, Dino Riders, Hero Quest. Unglaublicher wundervoller, zauberhafter Trash.

Die Zeichentrickserien, die es dazu gab, waren als Werbung für die Figuren gedacht. Also nicht wie beim Star Wars Universe, oder den meisten heutigen Franchise Produktionen, wo zuerst ein Film da ist und dann unendliches Merchandise, sondern anders herum. Die hatten Gussformen für seltsame Mutanten und haben sich überlegt, wie sie die an die Kinder kriegen. Und haben dann Serien und Comics gemacht, drum herum.

Bei Masters gab es später ja sogar einen Film mit Dolph Lundgren als He-Man. Dass es eine Kinderserie gibt deren Hauptcharakter auf Deutsch „Er-Mann“ heißen darf, finde ich an sich schon faszinierend. Das ist auch deshalb, weil der He-Man ja eine durch Magie erzeugte Figur ist. Der Typ, der zu He-Man wird, mit der Macht von Greyskull, ist der Prinz Adam, der eher ein Hasenfuß ist und immer in einem rosafarbenen Jogginganzug herumläuft. Ich habe ihn geliebt als Kind. Ich wollte immer eine Adam Figur haben. Meine Mutter war aber völlig gegen die Masters. Was ich heute total verstehe. Aber meine Oma hat mir dann heimlich die grauslichsten Masters gekauft, wenn ich bei ihr zu Besuch war übers Wochenende. Ich sag nur Snake Face.

Das Highlight in dem Film ist Frank Langella als Superbösewicht Skeletor. Er spielt den Erzfeind von He-Man fast so übertrieben wie später Jeremy Irons in dem Dungeons and Dragons Film den Nekromanten Profion. Nur wo Irons Charakter total auf Wahnsinn setzt, ist Langella mit viel Würde und Pathos am Werk. Er hasst He-Man richtig. Das spürt man. Es ist toll.

Lustigerweise sind die epigonalen Charaktere der aktuellen PC Welt keine Erfindungen der Konzerne mehr, sondern literarische Figuren. Also bereits vorhandene Charaktere. Angefangen beim berühmten Geralt von Riva, dem Witcher, bis zu den ganzen endlosen Star Wars Epigonen und sonstigen Franchise-Vermarktungen aktueller Spiele.

Felix: Ich muss jetzt ehrlich gestehen, ich hätte vorgehabt mir im Rahmen der Recherche für diesen Text den neuen Sonic the Hedgehog Film anzuschaun, aber der war mir schon nach dem Teaser auf Netflix zu blöd.

Ich glaub schon, dass es auch heute noch genug Franchises gibt, die zuerst auf die Produktion des Produktes und dann auf die Vermarktung setzten, denk mal an die ganzen neuen Lego-Sets die rauskommen, Ninjago und ähnlicher Schmarrn. Aber ich sehe auch, dass heute immer noch 80er Erscheinungen, höchstwahrscheinlich wegen ihres Kultcharakters finanziell bis zum Letzten ausgeschlachtet werden. Star Wars Figuren und Pokemon Karten erfreuen sich bei Volksschülern auch heute noch allergrößter Beliebtheit. Vielleicht liegt es dran, dass es sehr schwer ist, etwas wirklich Neues zu etablieren, da schon so ein großes Angebot da ist. Ein Negativbeispiel dafür ist Minecraft. Das schlug ein wie eine Bombe, ist auch zugegebenerweise ein cooles, erfrischendes Spielkonzept gewesen. Alle coolen Kids hatten auf einmal Minecraft-T-Shirts, -Plüschtiere, -Lego und fast alles erdenkliche andere.

Und Gerald von Riva verdankt seinem Ruhm in erster Linie dem damals noch hoch angesehen Entwicklerstudio CD Project Red, weniger den Romanen, die eigentlich kein Schwein gekannt hat vorm 3. Teil der Spielreihe. Ich glaube, dass sich die Burschen und Mädels bei Project Red mit dem absoluten Flop von Cyberpunk so dermaßen ins Knie geschossen haben, dass wir keinen 4. Witcher-Teil mehr sehen werden.

Stefan: Das Genre der Spielentwicklung nimmt ja Formen an wie der Film. Die Spieleproduktion nähert sich dem Filmemachen an. Interessanterweise zu einem Zeitpunkt, in dem das klassische Kino sich anschickt unterzugehen. Die erfolgreichsten Filme laufen zurzeit in China, wie zb. der Film The 800 von Guan Hu. Die großen Hollywood Produktionen finden pandemiebedingt nicht statt, oder floppen so wie Tenet von Christopher Nolan.

Wobei Nolans Film so ein abstraktes Ungetüm ist, dass trotz der Ambitionen wenig politisch und dafür sehr metaphysisch daherkommt. Während Guan Hu ein berührender Film gelungen ist, in dem er den Kampf der Kuomintang gegen japanische Invasoren in Shanghai darstellt. Und dass, trotz chinesischer Zensur.

Jedenfalls gibt es diese Hinwendung zum Auteur Produzenten wie im Film auch im Spielebereich. Aber eh schon länger. Ich denk jetzt an Final Fantasy von Hironobu Sakaguchi. Da ist dieses Element schon vorhanden.

Aber richtig geknallt hat es erst bei Death Stranding von Hideo Kojima. Bei Final Fantasy steht ja noch der epische Konflikt von Gut und Böse im Vordergrund und man kann mit Training und guter Ausrüstung dem Bösen, von dem man recht bald Bescheid weiß, tapfer entgegentreten und es besiegen. Die Welt retten.

Bei Death Stranding ist die Welt eigentlich nicht mehr zu retten. Es sind nur mehr Pakete auszuliefern. Und irgendwie erinnert das an die aktuelle Pandemie. Wo alles von Zustelldiensten übernommen wird. Alles wird geschickt und die Kommunikation ist nur mehr digital. Wer weiß, ob die Menschen überhaupt noch alle da sind. Vielleicht sind manche nur mehr Signaturen?

Felix: Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen, ich hab die ersten 2 Spielstunden von Death Stranding tatsächlich hinter mir. Es spielt sich wie ein Fiebertraum. Norman Reedus liefert in einer postapokalyptischen Welt Pakete aus, wobei er einen durch Technologie am Leben gehaltenen Fötus in einer Art Mechanischem Kängurubeutel mit sich herumschleppt, trinkt ausschließlich Monster Energy, uriniert auf schemenhafte Wesen, um sie zum verschwinden zu bringen, vorausgesetzt er duscht nicht gerade, oder funktioniert seinen scheinbar sehr wirksamen Urin zu Granaten um.

Mich hat selten etwas mit so vielen Fragezeichen stehen gelassen, aber ich muss sagen nach verfassen dieses Absatzes, wäre ich doch an einer Aufklärung sehr interessiert, glaub ich hol das demnächst mal wieder aus dem Regal.

Der Film-Vgame Vergleich erinnert mich auch noch an ein anderes Spiel, das ich erst vor kurzem angespielt hab. Rockstar Games Red Dead Redemption 2, das hab ich aber nach gefühlt 4 Stunden dann auch wieder aufgehört, weil es sich einfach anfühlt wie ein Film. Es werden einem am Anfang keine Auswahlmöglichkeiten gelassen, es ist ein spielbarer Film. Fair enough, nach 6 Stunden kann man dann wahrscheinlich schon die Welt erkunden, aber bis dahin ist es ur zach. Mich schreckt sowas ab. Sorry, an alle Red-Dead-2 Liebhaber da draußen, ich glaube euch gerne, dass es ein tolles Spiel ist, aber mich nervt schon das Skyrim-Einstiegsszenario und da ist man nach 45 Minuten durch, da hab ich auf ein Spiel, bei dem ich nach 4 Stunden das erste Mal eine Entscheidung treffe, absolut keinen Bock.

Stefan: Das finde ich interessant, weil davon sind wir ja am Anfang losgegangen: Das einige Spiele heute sehr wenig Raum zum „Spielen“ lassen, sondern die Spieler an der Hand nehmen und betreuen. Bei Johann Huizinga gibt’s den Gedanken, dass der Mensch im Spiel Kultur erzeugt. Manche Philosophen fürchten die zunehmende Medienabhängigkeit des Menschen, andere finden die Fähigkeit des Menschen Zeit im Internet zu verschwenden ganz wunderbar. Vielleicht hängt es ja davon ab, was man mit der verschwendeten Zeit macht?

Wir könnten ja weiter darüber reden und dazu anregen die Zeit im Internet damit zu verschwenden aktiv drüber nachzudenken was man da tut.

… to be continued …

Art by Timon Tiefling!

Der Tiroler Subtyp

Gehst du gern Skifahren? Lieber als ins Theater? Ich frag nur, weil offensichtlich muss man sich momentan entscheiden.

Kann man in Österreich leben und gegen Skifahren sein? Kann man das überleben? Oder anders gefragt: Überleben wir das Skifahren?

Skifahren ist in Österreich ein Menschenrecht und zeigt auch symbolisch, was Menschen in der Freizeit gerne haben wollen: Ein Ringelspiel. Alle gemeinsam in die Gondel, möglichst eng. Dann in den Sessellift. Oben dann die absolute Freiheit! Gemeinsam mit den 60  Menschen aus der Gondel und den 20.000 Menschen die schon da sind. Mit allen gemeinsam die Piste runter bis zum nächsten Lift und alle gemeinsam wieder hinauf. Und dann zu weichgekochten Spaghetti auf die Bergstation, als Nachspeise ein Schokosnack und Skiwasser dazu nicht vergessen. Die Wagemutigen beginnen da schon mit dem Bier und legen sich in der langen Unterhose auf die Sonnenstühle. Aber runter fahren alle wieder dieselbe Piste. Und so geht’s immer im Kreis, bis es Abend wird, oder die Jägertees ihre Wirkung tun und dann geht’s erstmal zum Aprés Ski im Tal. In der „Bar zur gequetschten Brust“ oder „Zum luftigen Ski Overall“ oder eben ins Kitzloch. Wo dann wieder alle gemeinsam saufen und sich im Kreis drehen. Zur Musik von den Ursprung Buam, aber nicht im Original! Originale kennt die Hüttengaudi nicht, alles wird im stromlinienförmigen Universaltechno Remix von DJ Hüttenprinz oder so immer mit dem selben Beat zusammengesteckt. Wenn man Glück hat, kommt man noch in die Pension Biberzahn gewankt und kann im Foyer das ausgestopfte Murmeltier umarmen. Und dann die quietschende Holztreppe hinaufkriechen, ohne über den Spannteppich zu stolpern. Wer´s bis dahin schafft, der kann beruhigt schlafen, denn der nächste Tag kommt bestimmt und das Murmeltier wartet schon um die Ecke vom Frühstücksbuffet.

Und weil uns das Skifahren so wichtig ist, haben wir vor einem Jahr eine europaweite Pandemie in Kauf genommen. So, wie das Skilift-Karussell hat sich das Pandemie-Karussell einmal herumgedreht und jetzt kann sich alles wiederholen.

Letztes Jahr waren an den fatalen Fehlentscheidungen, die uns das Schlamassel eingebrockt haben, maßgeblich die subtypischen Tiroler Herren verantwortlich, die dort dank Wirtschaftspartei („Österreich erleidet stärksten Wirtschaftseinbruch in der EU.“) schalten und walten können, wie sie wollen.

Aber weil diese Subtypen halt eine Untertype des gesamtösterreichischen Haupttypen sind, sind sie dann nicht zurückgetreten. Weil besonders die Typen, die richtig grauslich danebengreifen mit ihren politischen Entscheidungen, treten im gesamtösterreichischen Fall nicht zurück. Typisch. Die sind also alle noch da und dürfen dieselben auf Gier, unreifem Egoismus und Ignoranz basierenden Entscheidungen wieder treffen. Und so kommt auf uns eine weitere Fahrt mit dem Ringelspiel der österreichischen Gesamtblödheit zu, nur dass sie diesmal wahrscheinlich ungleich tödlicher ausgehen wird, als letztes Mal.

Aber etwas ist doch anders in diesem Jahr: der Seilbahnchef im Pongau ist bereits vorgeimpft worden.

Niklas Luhmann ermöglicht Nichtpolitik zur Unzeit

Die Luhmann Homestory zeigt einige Aufnahmen mit ungewöhnlichem Inhalt. Man sieht Niklas Luhmann seinen Zettelkasten streicheln und mit ihm flüsternd konversieren. Man sieht ihn über den Gang trotten und mit einer Kollegin interagieren: „Die autopoietische Struktur deines Fingernägelwachstums fasziniert mich, Sieglinde.

Man kann ihn dabei beobachten, wie er in der Institutsbibliothek Titel von den Buchrücken abliest und jedem der Titel den Zusatz „der Gesellschaft“ hinzufügt. Dabei entstehen Klassiker mit einem Hauch von Understatement: Die feinen Unterschiede der Gesellschaft. Verfall und Ende des öffentlichen Lebens der Gesellschaft. Risikogesellschaft der Gesellschaft. Die moderne Industriegesellschaft der Gesellschaft. Wirtschaft und Gesellschaft der Gesellschaft. Aber auch neue Soziologische Meisterwerke wie diese: Aphorismen zur Lebensweisheit der Gesellschaft. Vom Ewigen im Menschen der Gesellschaft. Oder: Philosophie des Abendlandes der Gesellschaft.

Wer das zwänglerisch findet, hat keinen Humor und von Soziologie sowieso keine Ahnung. Die Luhmann-Originale machen es vor. Da gibt es etwa „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ ein Buch in dem sinnfällige Sätze stehen, wie: „Der Anschluß von Kommunikation an Kommunikation [kann] nicht willkürlich, nicht zufällig geschehen, denn sonst wäre Kommunikation für Kommunikation nicht als Kommunikation erkennbar.“ Und auch wenn dieser Satz doch bei weitem mehr Sinn ergibt, als Martin Heideggers berühmteste Posse über die Sprache: „Die Sprache ist: Sprache.“ (Martin Heidegger: Die Sprache), so erinnert er doch an die magische Anrufung eines Begriffs zu dem einem ansonsten nicht allzuviel eingefallen ist. Oder sollte die Häufung des Wortes Kommunikation der Tatsache geschuldet sein, dass „Die Sprache spricht.“, wie Heidegger vermutet?

Der kleine Niklas war bereits 1943 Luftwaffenhelfer bei der Wehrmacht obwohl er erst 1944 eingezogen worden ist. Dafür trat er dann auch gleich der NSDAP bei. Dass er dann als Konsequenz einige Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft verbringen musste hat er den Amerikanern wohl nie verziehen. Vor allem weil deren Behandlung der Gefangenen, wie er noch in den 1990ern verlautbarte „gelinde gesagt nicht nach den Regeln der internationalen Konventionen“ gewesen ist.

Wie dem auch sei. Die Systemtheorie, laut Luhmanns Selbstbeschreibung „eine besonders eindrucksvolle Supertheorie“ (Soziale Systeme, ab hier SS) kennzeichnet sich durch das Ressentiment ihres Autors „gegenüber Systemkritikern“ wie Bernd Ternes schreibt. Es handelt sich also um eine Theorie des Systems, die das System richtig geil findet, oder jedenfalls nicht kritikwürdig.

Die Systemtheorie ist das akademische Eingeständnis, dass die Politik jeden Gestaltungswillen aufgegeben hat. Zugunsten einer Verwaltung der Misstände, einer Lobbyarbeit für wenige Privilegierte und einer Vertretung persönlicher Interessen.

Niklas Luhmann ist Michel Foucaults deutsches Äquivalent, ein Meister der humanistischen Unverbindlichkeit und der menschlichen Abgründe, der sein Denken in einen Zettelkasten ausgelagert hat. (Um den seine Kinder übrigens jahrelang vor Gericht gestritten haben.) Gemeinsam mit Foucault ist er Repräsentant einer Theorie, die Nichtpolitik zur Unzeit betreibt. Einer Theorie, die lieber fröhlich und provokant ist als kritisch oder lösungsorientiert.

Zwei Herren namens Narr und Runze kritisieren die Systemtheologie bereits 1974, als Luhmann noch nicht durch die neoliberale Totalunterwerfung aller akademischen Bereiche in seiner zynischen Theorie vollkommen belegt und damit sakrosankt war.

Bei der Systemtheorie handle es sich laut Narr und Runze um ein begrifflich-begriffloses Strudeln, eine Auseinandersetzung mit ihr droht daher stets im positiven oder negativen Faszinosum unterzugehen. Luhmann verwende scheinbar szientifische Termini zur Feier eines ekstatischen Commonsense gegenwärtiger „überkomplexer“ Gesellschaft.

Soweit ich verstanden habe, bedeutet das folgendes:

Der Hausverstand wird systemtheoretisch angereichert und in die deutsche Küche geschickt, um die leere Schüssel begrifflich fertig zu backen. Auf geistige Nahrungsmittel, den Inhalt der Schüssel, ein Rezept, oder gar die Kritik eines misslungenen Rezepts wird großzügig verzichtet. Selbst die Systemanalyse wird, nachdem die Theorieluft ausreichend erhitzt wurde, sofort mit Sagrotan abgewaschen und hinterlässt deshalb bei Fertigstellung nicht einmal im bakteriellen Bereich kritische Spuren.

Aber nicht nur so genannte Linke finden Luhmann peinlich. Auch Klaus von Beyme nennt ihn sehr treffend einen wohlgemuten Nihilisten. Nicht, oder gerade doch, zu verwechseln mit dem fröhlichen Positivisten Foucault. Die bloße relativ unreflektierte Übernahme von Worthülsen aus den Naturwissenschaften in die Sozialwissenschaften führt dazu, so von Beyme, dass Individuen nur mehr als Teile von Systemen, oder besser noch, deren Anhängsel, erscheinen. In seinem Werk wird dementsprechend eine immer stärkere Entfernung von konkreten Analysen sichtbar. Wer vom Menschen absieht, braucht auch das System nur mehr ungefähr zu beschreiben. Das Begriffssystem der Systemtheorie wird parallel dazu auf Selbstgenügsamkeit programmiert. Empirisch erfassbares wird zusehends weggeschoben. Handlungsorientierung ist in der späten Systemtheorie ohnehin nicht mehr angedacht.

Die vollständige Umstellung von Subjekt auf System tut der Kritik des Systems jedenfalls nicht gut. Denn auch wenn man nicht genau sagen kann was gesellschaftlich vernünftig wäre, könnte man doch im Hinblick auf Individuen und deren Leiden zumindest noch sagen, was unvernünftig ist. Wenn es Individuen im System noch gäbe. Aber der Mensch gehört laut Luhmann zur Umwelt des Systems. (Die Gesellschaft der Gesellschaft, ab hier DGdG) Die eindrucksvolle Supertheorie ersetzt Individuen und deren Leiden durch den Begriff der Komplexität („Gegen Komplexität kann man nicht Protestieren.“ (DGdG)), der funktionalen Differenzierung und der Kontingenz. Eine Kritik an schlechten Verhältnissen ist an diesem Punkt nicht mehr notwendig. Auch Zwangskollektive sind nur Systeme neben anderen und religiöse Zwangskollektive können gleichberechtigt neben dem Bildungssystem zum Stehen kommen, wenn die Evolution das so will. Denn Gesellschaft ist das Resultat von Evolution (DGdG) und nicht, wie naive Philosophen bisher angenommen haben, ein Ergebnis politischer Kämpfe oder historischer Entwicklungen. System neben System, feinsäuberlich wie im Zettelkasten, der für Luhmann das Denken übernommen hat. Die Evolutionstheorie der Gesellschaft nimmt „Emergenz und Destruktion von Systemen mit Gleichmut hin“ (DGdG). Sie ist also in Bezug auf gesellschaftliche (Selbst-)Zerstörungsprozesse voll Zen.

In dem Zusammenhang verblüfft der Status menschlicher Existenz innerhalb der Systemtheorie nicht mehr allzu sehr. Denn es geht nicht darum menschliches Individuum (mit allen möglichen Freiheiten) in einer Gesellschaft (mit allen notwendigen Restriktionen) zu sein, sondern vielmehr ums „Personsein“ (SS) an sich. Person ist im Zettelkastensprech eine Personalausweis-Persönlichkeit. Sie generiert ihre Komplexität, das was die Romantiker hintersinnig „Tiefe“ genannt haben, aus Eigen- und Fremderwartungen. Erwartungen zu entsprechen, ist also ihre vorzüglichste Übung und komplex zu sein bedeutet in diesem Fall Erwartungen zu haben oder zu erfüllen. Dementsprechend ist auch nicht das Individuum und seine Fähigkeit selbständig urteilen zu können Grundlage einer funktionierenden Zivilgesellschaft, sondern das Rechtssystem, das deshalb „Immunsystem“ (SS) des Gesellschaftssystems sein kann, weil es den Umgang mit Erwartungen regelt. Als habe es den Verfall rechtlicher Mindeststandards und die Aushebelung des Rechtsstaats nie gegeben. Das historische Faktum der möglichen Immunschwäche wird, gelinde gesagt, auf die leichte Schulter genommen. Die historisch mögliche Trennung von Normen- und Maßnahmenstaat, die Selbstausschaltung des Rechtsstaats durch Verordnungen und Antizipation des Führerwillens sollte aber die Frage dringend machen: Wo bleibt denn das Immunsystem, wenn die Menschen die es anwenden sollen kein Rückgrat haben?

Rückgrat brauchen die Menschen als Beiwohner des Systems nämlich nicht. Sie erscheinen bei Luhmann ohnehin nur unter dem systemischen Urteil ihrer „sozialen Justierung“ (SS). Gefühle werden demgemäß in einer Sprache beschrieben, die auf eine völlige Abwesenheit derselben schließen lässt: „zwischenmenschliche Interpenetration“ schreibt Luhmann über die Begegnung von zwei Menschen, die sich zu schätzen lernen. Gefühle sind nichts anderes als wiederum „Immunsysteme“ (SS) die der Aufrechterhaltung des Bewusstseinssystems dienen, also psychischer Stabilität.

Diese Stabilität ist wichtig, denn Abweichungen mag sich das System nicht leisten. Wo bei Foucault der Gegensatz von normal/annormal, gesund/ungesund aus der Warte der Anormalen problematisiert wird, findet bei Luhmann eine Kranzlegung für den (psychisch) gesunden, funktionstüchtigen und sozial justierbaren Menschen statt. Wie gut das zusammengeht mit den neuen Diskursen von höchster Flexibilität und (Orts-)Ungebundenheit, bei gleichzeitiger ständiger Abruf- und Einsatzbereitschaft für den Markt, den Staat und die Pandemiegesetzgebung! Aufrechterhaltung, Bestandswahrung, Weiterwursteln. Alles Begriffe die wir aus den aktuellen Zeitungsschlagzeilen zur Genüge kennen. Das entspricht der Verwaltung der völligen Verausgabung der individuellen Ressourcen zum Wohle der kollektiven Interessen und zum Reichtum derjenigen die es sich leisten können. Das System hat eine diabolische Funktion: Die Aufrechterhaltung aller Verhältnisse und damit auch der Ausbeutungs-, Missbrauchs- und Gewaltverhältnisse. Das Gewaltmonopol und die Corona-Maßnahmen haben natürlich eine Schutzfunktion, ein friedensschaffende und eine Pandemie-brechende Wirkung. Aber sie hebeln die Ignoranz der politischen Kaste, die ökonomischen Ungleichheiten und die strukturellen Ungerechtigkeiten nicht aus. Sie schaffen Ruhe und störungsfreien Betrieb, ohne Leiden zu lindern. Der Kapitalismus wird momentan auf Arbeit und Einsamkeit reduziert. Das Ausharren im System ist demnach eine Kampagne zur langsamen Zerstörung der individuellen Resistenzkräfte in einem Zermürbungskrieg, der die Lücken für jeglichen Eskapismus langsam versiegelt. Die Systemtheorie spielt dabei die Rolle eines akademisierten Nebelwerfers dieser Haupt- und Staatsaktion der Kritikzensur durch Fantasieblockade.

Luhmanns Hauptbotschaft ist ja, um noch einmal Klaus von Beyme zu zitieren: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ Das ist, auf Deutschland bezogen, Luhmannpolitik in Reinkultur. Also auch diesbezüglich war er ein Prophet. Und Angela Merkel ist die aktuelle spirituelle Anführerin (im Sinn einer Charaktermaske) dieser Nichtpolitik.

Die Bürger sollen ihre spärliche Freizeit zugunsten der Volksgesundheit aufgeben, damit das Geschäft weiterlaufen kann. Denn Tote zählen nicht, wenn sie aus wirtschaftlichen Gründen in Kauf genommen werden müssen. Also volle U-Bahnen, Großraumbüros, Fertigungshallen und Schilifte und die damit verbundenen Toten sind der Preis, den man halt zahlen muss für die Fortsetzung der wirtschaftlichen Ausbeutung weiter Teile der Bevölkerung. Aber Museen, Gastgärten, Mittelalterfeste oder Schulsport im Freien sind verboten. Das Risiko sich bei einem Vergnügen zu infizieren ist gegen das Risiko sich bei seiner Pflicht zu infizieren als unstatthaft festgelegt worden. Sich ruhig verhalten, ruhig bleiben, nicht in die Öffentlichkeit, außer zur Arbeit. Alles muss weiterlaufen, aber ruhig, unaufgeregt. Egal wie schlecht die Verwaltung des ganzen läuft. Egal wie sehr die Ungerechtigkeiten durch die Krise wachsen. Konzerne die bisher kaum Steuern zahlen, kassieren jetzt auch noch Corona-Hilfen vom Staat und die Regierung in Österreich fühlt sich nicht verpflichtet aufzudecken, an wen die großzügigen Hilfen konkret gehen und wie hoch sie ausfallen.

Die Systemtheorie hat sich, auch über den Umweg ihres einstigen Kontrahenten Jürgen Habermas, in die Gefühlsmitte der Deutsch-Europäischen Gesellschaft geschlichen. Ergänzt durch juristische und naturwissenschaftliche Expertise hat sie sich in der politischen Bürokratie als alternativloses Entscheidungs- und Gestaltungssystem etabliert und ist mit allen akademischen Meriten zur objektiven Gestalt der gesellschaftlichen Gesamtvernunft erkoren worden. Und das so subtil und stillschweigend, wie es die Evolution der Gesellschaft eben vorsieht. Der reaktionäre Stillstand ist also naturgegeben und es erübrigt sich ihn zu analysieren, alles was zu tun bleibt, ist ihn zu beschreiben und ab und an in moralistischen Appellen Durchhalten zu verordnen.

Wir schaffen das.

Das ist der aktuelle Stand der deutschen Befindlichkeitsideologie. Merkel kennt sie auswendig. Nicht umsonst liefert Deutschland weiterhin Waffen an beinahe alle Faschisten dieser Welt, und mit wenigen Staaten ist Merkels Regierung nachsichtiger als mit denen die wirklich auf jegliche Menschenrechte pfeifen. Griechenland hatte dieses Glück nicht. Tolerant ist die neue Deutsche Ideologie vor allem mit den Mörderregimen dieser Welt, denn die will man nicht allzusehr verärgern, das würde nur Unruhe in den Betrieb bringen.

Denn in der Praxis hat dieselbe konservative Merkelregierung das System, das jetzt etwas schaffen soll, über Jahrzehnte kaputtgespart. Krankenhäuser, Landesverteidigung, Katastrophenschutz, Sozialsystem, Wirtschaftsstandort, Innovation. Alles röchelt dahin. Begonnen bei der Agenda 2010, vom „Sozialdemokraten“ Schröder, bis heute, zieht sich ein konservativer Kontrollverlust durch alle Instanzen. Und in der Corona Pandemie wird auch noch der sogenannte Mittelstand durch Blödheitspolitik vernichtet. In Österreich übrigens von der so genannten Wirtschaftspartei. Mit Systemtheorie geht das. Der Mensch ist die Umwelt des Systems. Und ob kleine Unternehmer im digitalen Business heutzutage außer einem Laptop gar keine Arbeitsmittel brauchen und daher aus der Corona-Hilfe diese eben nicht geltend machen können, sondern ihre Lebenserhaltungskosten bestreiten müssen, das muss eine Wirtschaftspartei ja nicht wissen. Der Mensch ist eine moralische Variable, die Theorie und auch das System kennt aber keine Moral. Nur den Begriff davon.

Aktuelle Politik besteht aus dem Dauerappell weiterzumachen ohne die Ressourcen zum Weitermachen zur Verfügung zu stellen. Es herrscht Unplanbarkeit und Verunsicherung. Die Politik drückt sich vor kollektiv bindenden Entscheidungen, drückt sich vor Verantwortung, drückt sich vor Solidarität. Die Politik verlangt gleichzeitig vollen Einsatz von allen und diskreditiert diejenigen, die davon frustriert sind. Die Politik stellt zwar keinen Plan zur Verfügung, aber es sollen sich gefälligst alle daran halten.

Wenn man diese Begriffsmoral konkret ausbuchstabiert, fällt man auf einen Scherbenhaufen. Denn das theoretische „Wir schaffen das!“ hat ja praktische Konsequenzen gehabt. Menschen die auf der Suche nach Schutz vor Krieg und besseren Lebensbedingungen aufgebrochen sind, sind dem System in die Falle gelaufen. Denn die Merkelsche Begriffsmoral hat nicht vorgesehen der Theorie auch eine Praxis anzuschließen. Es gab und gibt keine ausreichende Infrastruktur für die Aufnahme und menschenwürdige Unterbringung geflüchteter Menschen. Menschen die vor islamistischer Gewalt Schutz gesucht haben, sind in Europa auf dieselben islamistischen Strukturen gestoßen, vor denen sie geflohen sind. Opfer sind in Lagern mit Tätern eingeschlossen und zugleich Familien voneinander getrennt. Das auch, weil zwar zur Flucht aufgefordert wurde, aber niemand sich verpflichtet gefühlt hat für sichere Fluchtrouten zu sorgen. Das deshalb, weil es beim Personsein eben nicht um Humanität geht, sondern um einen Amtstitel, den man durch Geburt erwirbt. Die europäische Politik insgesamt ist zynisch und unbedarft zugleich und hat doch ein System.

Die Kaltschnäuzigkeit der Systemtheorie ermöglicht den Zynismus und die Nichtpolitik der Elite, die den Ausgebeuteten auch noch feixend und moralisierend die Arschkarte der Eigenverantwortung und des Anstands zuschiebt, die sie selbst (während sie auf gut bezahlten und gut gesicherten Posten sitzt) schon längst nicht mehr vorlebt.

Es wird ja in Österreich schon deshalb nicht von einem politischen Posten zurückgetreten, weil man ja von vornherein keine Verantwortung für irgendetwas übernimmt. Niemand ist zuständig. Ob auf Moria Kinder von Ratten angenagt werden, geht niemanden etwas an und wenn zwischendurch doch eine Grüne Politikerin ein paar empörte Zeilen darüber schreibt, dann tut sie das in dem Wissen, dass sie mit dem Thema gar nicht zur Abstimmung kommen wird in der teilweise Grünen Regierung. Am Ende wird sie einfach sang und klanglos von ihrem Posten entfernt.

Da fresst und fühlt euch moralisch erhoben. Aber wisst auch, dass dieses Leiden naturgegeben ist und wir da nichts machen können.“ So flüstert es aus dem Zettelkasten, im Einklang mit Hayek und Mises und allen so genannten Marktliberalen, die doch in Wahrheit Marktfetischisten, Marktextremisten und Marktterroristen sind. Das System (die Natur der der Mensch beiwohnen darf) wird’s schon richten. Und hats ja schon gerichtet, sonst wären ja die oben nicht da wo sie sind und die unten nicht da wo sie nicht sein wollen.

Dass die politischen Verwaltungen Österreichs in den letzten 30 oder mehr Jahren zerstört worden sind, sieht man an dem durchgängigen Versagen in der Krise. Sei es in der Terrorismusbekämpfung, in der Aufnahme von Schutzbedürftigen, oder in der Bekämpfung einer Pandemie. Es dauert Wochen bis auch nur brauchbare Informationen veröffentlicht werden von einem längerfristigen Plan oder konsistenten Maßnahmen ganz zu schweigen. Es ist ein kopfloses, haltloses, machttrunkenes Herumstolpern aller Verantwortlichen, das sich bis in die Verästelungen mancher Verwaltung hineinzieht. Noch scheint es weniger um Korruption und mehr um wirkliche Unfähigkeit angesichts von Aufgaben, die man eigentlich nie bewältigen wollte, zu gehen. Das System ist auf Unfähigkeit codiert. Verantwortliche gibt es laut Systemtheorie nicht. Das Projekt lautet: Theorie der Gesellschaft. Laufzeit: Mehr als 30 Jahre. Kosten: Sehr hoch. Denn Menschen gehen zugrunde.

Die Systemtheorie beginnt mit Luhmanns Traum, den Humanismus seiner Bigotterie zu überführen. Zu zeigen, dass, solange moralische Ansprüche Druck auf das Denken ausüben, diese Ansprüche nicht eingelöst werden können. Dazu wird der Mensch vermittels Theorie all seiner intrinsischen Ansprüche und Fähigkeiten entkleidet und er wird aus dem Zentrum der Verantwortung an die Peripherie des Systems verbannt, damit er ja keinen Schaden mehr anrichten kann. Zurecht stellt Luhmann fest, dass menschliches Eingreifen im Namen des Humanismus oft Leid erzeugt hat. Aber diese Verantwortung an das System abzutreten verlagert die Problematik nur dorthin, wo sie von Menschen nicht mehr gelöst werden kann. Luhmann nimmt dem geschichtlichen Verlauf das einzige autonome Korrektiv das er hatte. Ermutigt von der postulierten systematischen Überlegenheit wird diesem ohnmächtig gehaltenen Korrektiv dann auch noch von den profitierenden Agentur-Eliten die volle Verantwortung zugeschoben, sodass letztlich niemand verantwortlich und doch alle Schuld sind an dem Unglück, das sich vor aller Augen ereignet.

Wir schaffen das!“ bedeutet, „Löst es selbst.“, denn überall sonst herrschen Sparzwänge und das Diktat der Wirtschaft. Der Moralismus der Herrschenden, die sich nach unten abputzen, belehrt dann, aus der gepanzerten Limousine heraus auch noch die, die ohnehin am Boden liegen, weil sie in der U6 zerquetscht worden sind: „Seid untereinander tolerant und teilt das bisschen was wir euch lassen.

Insofern ist diese Systemtheorie eine konsequente Fortsetzung des typischen deutschen Geschwurbels und Gemurmels, das stets verlässlich davon ablenkt, dass gerade alles schiefläuft. Nur dass es in der aktuellen Situation nicht mehr zur (stets nationalsozialistisch brauchbaren) Seinsphilosophie, sondern nur mehr zur Speibphilosophie gereicht hat, die das wiederholte Versagen des Systems über den Mittagstisch wieder hereingeholt hat in den engsten Familienbereich. Wo wir jetzt mit Corona und Wirtschaftskrise alleine sitzen und uns fragen: Wie konnte das passieren?

Foucault ging gern ins Gefängnis

Foucault war Historiker. Die Geschichte von Wahnsinn, Sexualität und Strafvollzug sind Foucaults Folien für die Beurteilung der aktuellen Gesellschaft. Die Betrachtung der Vergangenheit liefert ihm Alibis für seine persönliche, biographisch bestimmte Sichtweise auf die ihm gegenwärtige Situation und speist seine Urteile darüber. So erblickt er überall wo er seinen Blick hinwendet das immergleiche Muster. Eine Struktur der Disziplinarinstitutionen. Die Welt besteht aus Gefängnissen. Schule, Nervenheilanstalt, Internat, Kaserne, Club Med und Big Brother Container sowieso. Alles das gleiche, wenn es nach Foucault geht. Und stimmt ja auch. Irgendwie sind alle bissl eingesperrt hier und werden von der panoptischen Regierung beobachtet. Ich sage nur Lockdown.

Aber jetzt Scherz beiseite, denn hier beginnt ja der Zynismus schon. Wir sind ja keineswegs alle gleich eingesperrt. Denn auch im Lockdown gilt, dass es sich in einem Palast leichter aushalten lässt, als in einer Wohnung mit einem Zimmer. Und wenn in den Zeitungen etwas über die häusliche Gewalt steht, die ansteigt, wegen der unangenehmen Situation im Lockdown, dann sind auch nicht alle gleich davon betroffen, sondern in erster Linie Frauen und Kinder. Machen wir uns nichts vor. Große Theorien sind immer großer Unsinn, wenns um die Wirklichkeit geht.

Im Grunde geht es Foucault doch darum, dass es ihm zu fad war nur Historiker zu sein. Sein Shtick besteht darin, Geltung als Gesellschaftskritiker einzuheimsen. Daher wird seine philosophisch angehauchte Großtheorie von ihm ständig erweitert und umgebaut. Daher verändern sich Begriffe von einem Text zum nächsten, darum sind dieselben Begriffe unzureichend definiert, unscharf abgegrenzt und unsauber verwendet. Was interessiert Foucault seine Theorie von vor drei Jahren?

Was ihn aber in seinem gesamten Werk beschäftigt, ist der große Zaubertrick (Ra-wu-rick) aus einem Historiker einen Gesellschaftskritiker zu machen. Und dafür geht Foucault in theoretischer Hinsicht über Leichen. Er entzieht mit jedem neuen Werk dem Begriff der Individualität mehr und mehr seine politische Dimension. Er drängt das Individuum so weit ins Subjekt der Macht zurück, dass man an manchen Stellen glauben könnte er habe sich heimlich an Niklas Luhmanns Zettelkasten bedient. Denn für den gehört der Mensch ohnehin nur zur Umwelt des Systems und soll froh sein, dass es in dem Irrenhaus der Systemtheorie, das Luhmann für ihn vorgesehen hat, zumindest nicht zieht. Denn die binäre Logik Luhmanns ist luftdicht und vor allem macht sie ihre evolutionäre Entwicklung unabhängig von menschlicher Gestaltung. Bei Foucault gibt es zwar noch Menschen, aber sie sind auch Anhängsel der Macht durch die sie erzeugt werden. Was natürlich für wirksame Gesellschaftkritik bissl hinderlich ist.

Weshalb Foucault so oft er kann sein persönliches politisches Engagement unter einem zur Schau gestellten fröhlichen Positivismus zum Verschwinden bringt. Nur nicht anecken in der Revolutionsbubble. Konsequenterweise hat ihn daher auch die iranische Revolution von 1978 zutiefst positiv beeindruckt.

Dieser Lapsus resultiert keineswegs aus einer mangelhaften Analyse heraus, sondern ist dem Werk Foucaults durchaus immanent. In bestimmten akademischen Zirkeln jedenfalls dankt man ihm die Behauptung, das moderne staatliche Gewaltmonopol sei eine Fiktion, so sehr, dass man die misogynen Anteile seines Denkens bewusst ignoriert. Obwohl sogar offen bekundet wird, dass Geschlechterverhältnisse in seinem Werk systematisch vernachlässigt werden, wird an seinem Denken festgehalten.

Individualität hat bei Foucault ihre Konnotationen von Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung verloren. Zurück bleibt ein sich selbst verdinglichendes von Außenreizen produziertes Subjekt, das im System nur die Funktion eines Platzhalters für die Machtverhältnisse hat. Daher fühlt Foucault sich auch nicht verpflichtet der Entwicklung des Strafrechts in der Moderne seine Aufmerksamkeit zu schenken. Die Zugewinne an Liberalität und Rechtssicherheit interessieren ihn ebensowenig, wie die Ausweitung des Adressatenkreises der durch sie teilweise wirkungsvollen Schutz und Anerkennung erlangt.

Das liegt auch daran, dass er sich nur die Institutionen des Strafrechts ansieht, die ins Spiel kommen, wenn der zivile Rechtsrahmen ausgeschöpft ist. Er unterscheidet nicht zwischen sozialen Organisationen deren Mitgliedschaft auf der Basis rechtlich freier Verträge geregelt ist, und totalen Institutionen in denen die Mitgliedschaft durch rechtliche Verfügung erzwungen wird.

Nicht zwischen Gottesstaat und rechtstaatlicher Demokratie unterscheiden zu müssen, bietet natürlich den Vorteil mit Ideologien solidarisch sein zu können, die gesellschaftliche Unterdrückung vermehren, anstatt sie aufzuheben. Was wiederum bestimmte Teile der organisierten so genannten „Linken“ erheblich schätzen, die sich lieber mit reaktionären religiösen Vereinen solidarisieren, als mit von religiösem Terror verfolgten Dissidenten.

Foucault ging gern ins Gefängnis, hat sich mit Eingesperrten überall auf der Welt solidarisch gefühlt. Dabei hat er sich hauptsächlich auf die Konsistenz der Disziplinarsysteme konzentriert und nicht auf die Konflikte die darum bis heute ausgetragen werden. Dazu passt, dass er vor Studentendemos, an denen er öffentlichkeitswirksam teilgenommen hat, seinen Assistenten vorgeschickt hat, damit der Foucaults Porsche abseits der Krawalle in Sicherheit bringen konnte.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es zynisch ist und von überbordender Ignoranz zeugt, sich mehr mit den Tätern zu identifizieren, als mit den Opfern von Gewalt. Denn in rechtsstaatlichen Demokratien sitzen – im Gegensatz zu Diktaturen, Gottesstaaten oder Erbmonarchien – noch immer bei weitem mehr Täter ein, als Opfer. Fragt die Frauen, die in Foucaults Werk so gut wie nicht vorkommen, was sie mehr fürchten, das angebliche „Kerkersystem“ oder die reale Gewalt der Dunkelziffer.

Memesophie

Memesophie ist die Fortführung des Aphorismus im Internet. Ein Aphorismus wird verstanden als ein selbständiger Gedanke oder ein markantes Urteil, das in möglichst kurzer Form präsentiert wird. Das Meme ist eine spezialisierte Form des Aphorismus, die ihn um eine bildliche Darstellung ergänzt. Text und Bild schaffen eine Wirkung, die als Witz funktioniert. Die Pointe ist meist tagesaktuell und nach kurzer Zeit nur mehr schwer verständlich. Die Memesophie dagegen versucht nachhaltigere Pointen zu liefern und nimmt sich auf ostentativ übertriebene und verkürzte Weise dem Witz der Philosophie und den blinden Flecken der Philosophen an. Sie kann somit als ceterum censeo für sowohl die Meme-Kultur als auch die Philosophie verstanden werden.

Das Wahre, Schöne, Gute und der Donner in der luftigen Höhe

Dein Richter ist nur der eine Gerechtigkeitsgott in der luftigen Höhe des goldenen Vanillegebirges, weit oben im Staubzuckerschneesturm, wo die Wahrheit haust, neben der Schönheit und der Gutheit und wo nur du und Platon und ich raufkommen an manchen nebligen Freitagen. Und dann runter schauen auf den verlogenen Pöbel.

Kurz hats gestern geregnet während ich unterwegs war. Nur ganz kurz. Kleine Regentränen sind herumgekullert auf dem kalten Beton und weil mir das nicht gefallen hat, hab ich in den Himmel geschaut, wie ich es das letzte Mal vielleicht vor 30 Jahren gemacht hab. Vor 30 Jahren an der Straßenbahnhaltestelle vom 21er, den es jetzt nicht mehr gibt, neben der feucht glänzenden Litfaßsäule, die jetzt auch nicht mehr da ist. Und ich hatte dieses Gefühl wie damals. Vom Himmelsmeer, aus dem die Gischt aufspritzt, hinauf auf die Erde. Und während dieser Gedanke gewachsen ist in mir, bin ich an einem Haus vorbeigegangen, das wie ein Fels in der Brandung dort vom Himmel gehangen ist und mir ist ganz schwindlig geworden. Weil die Erde sich dreht und das ganze Weltall eigentlich eine Explosion ist. Von so einem Weltschwindel, wie er nur kommt, wenn man dieses Explodieren des Universums in sich selber spürt. Das Leben ist eine ständige nicht ausdenkbare Explosion und wenn sie aufhört, wird es kalt und dunkel.

Das Schlagen der Wellen, das Leben aus dem Weltraum, der Schwindel, alles war gleichzeitig da und ich hab das Gefühl verloren für das Wahre, Schöne, Gute. Und hab den Staubzuckernebel zu schnell eingeatmet und mich verschluckt. Und bin plötzlich am Hang vom goldenen Vanilleberg gelegen, wie Douglas Quaid und Melina auf dem Mars mit schwellenden Lungen. Aber dann hab ich den Donner gehört. Und der Regenwind hat mich wieder wach gemacht und empfindsam für unseren sanften Verschleiß. Und wie ich in die Schiffamtsgasse eingebogen bin, war da nur mehr das Himmelsmeeresgefühl von damals. Und es ist ganz still geworden in mir und ich hab die Brandung gespürt und das Beben der abebbenden Explosion, wie sie langsam ausläuft und wir atmen können, trotz Platon. Und mein Mund war ganz aufmerksam gefüllt mit dem Geschmack vom blutigen Donner.