Krieg. Oder: Das Schwingen der Eier in ohrenbetäubender Dummheit

Es gibt grad genug Anlass dazu über Krieg zu sprechen. Zum Beispiel darüber, dass Krieg was Männliches ist. Das Männliche am Krieg ist die Dummheit, die Sinnlosigkeit die Verschwendung von Energie. Verstehts mich nicht falsch. Es gibt Situationen in denen muss man Krieg führen. Zb gegen die Nazis. Und ich glaub wirklich nicht an die blöden Sprüche von den Altlinken wo es darum geht, dass Krieg ist und keiner geht hin. Diese Sprüche sind auch sehr männlich.

Putin ist auch sehr männlich. Er reitet auf einem Grizzlybären durch einen Wasserfall, das Maschinengewehr im Anschlag über seiner nackten Brust. Also im Grunde die Urdefintion von Energieverschwendung. Krieg und Dummheit sind Brüder. Putin ist auch ein Bruder.

Der Militärhistorikern John Keegan beginnt sein Buch „Die Kultur des Krieges“ mit dem Satz: „Das Schicksal hat nicht gewollt, dass ich Soldat wurde.“ Ja eh. Irgendwer musste ja das Buch schreiben. Und in diesem Buch steht, dass der Krieg „das einzige Gebiet“ ist „aus dem sich die Frauen stets und überall herausgehalten haben“. (Keegan 123)

Herfried Münkler sieht in der Ausschaltung des Staates als Monopolist des Krieges eine neue Kultur des Krieges. Für ihn haben reguläre Armeen die Kontrolle über das Kriegsgeschehen verloren. Es liegt zunehmend in den Händen von Gewaltakteuren „denen der Krieg als Auseinandersetzung zwischen Gleichartigen fremd ist“. Der Blick des Krieges ist männlich, der Blick der Männer kriegerisch bis in den Alltag hinein. Sieger reiten auf Bären und Verlierer sind Frauen.

Mary Kaldor findet einige Jahre vor Münkler eine Definition die für mich in diesem Zusammenhang besonders interessant klingt. Die neuen Kriege erscheinen als ein „Gefüge raubtierhafter Sozialbeziehungen“ das sich von den Kriegsgebieten auch auf die angrenzenden Regionen ausbreitet. Raubtierhaft ist die Sozialbeziehung zwischen Männern und Frauen. Männer profitieren davon. Und wenn die Frauen sich dagegen wehren, werden sie oft genug Opfer von Gewaltakteuren denen eine Auseinandersetzung zwischen Gleichartigen fremd ist. Sie gehen gern auf schwächere los.

Diese Privatisierung des Krieges zu Gefügen konkurrierender Gewaltakteure hat ein Vorbild in der Struktur männlicher Herrschaft, wie Bourdieu sie herausgearbeitet hat: Männliche Konkurrenz die Frauen nur als Trophäen und reproduktive Arbeitskräfte wahrnimmt. Das dazugehörige Wirtschaftsregime bevollmächtigt das Kapital dazu Staaten und Öffentlichkeit im unmittelbaren Interesse von Privatinvestoren gefügig zu machen wie Rahel Jaeggi und Nancy Fraser schreiben. Wir werden in Konkurrenz zueinander organisiert und wie der Soldat im Krieg ist jeder unterm Kapitalverhältnis austauschbar und jederzeit ersetzbar. Wenn der eine überarbeitete Sozialarbeiter wegen Burnout ausfällt kommt halt der nächste. Und der freut sich am Anfang sogar noch drauf.

Unterm Kapitalverhältnis zu leben ist nicht mit Krieg gleichzusetzen. Aber es bedeutet auch nicht, dass wir außerhalb des Krieges wirklich in Frieden leben können. Femizide, die Kakophonie des Job-Alltags und die Auswüchse der Pandemiepolitik sind Zeugen dafür, dass es uns als Gesellschaft schwer fällt uns auch nur vorzustellen was Frieden sein könnte.

Um ein aktuelles Beispiel aufzugreifen: Wissenschaftsminister Polaschek denkt es ist eine gute Idee den Schuldirektoren 500 Euro Bonus zu zahlen, „für ihren außergewöhnlichen Einsatz in der intensiven Zeit“.

Also abgesehen von der Formulierung. Wenn ich mir das Schulsystem anschaue und wie furchtbar schlecht der Heimunterricht organisiert war. Wie wenig Ideen und Geld darin investiert wurde, dass die Kinder während der Corona-Jahre ausreichend Sport machen usw. Dann kann man nur sagen das ist zutiefst zynisch.

Man kann aber auch Vermutungen anstellend darüber was die Intention von dieser eher kruden Entscheidung ist.

Sie zielt jedenfalls nicht darauf ab Probleme zu lösen oder betroffenen Menschen gute Bedingungen zu ermöglichen unter denen sie Probleme lösen können. Es wirkt eher wie ein routinierter Spaltungsversuch. Bissl Unfrieden reinbringen. Bissl die eigene Klientel bedienen. Bissl zeigen, wo die Prioritäten liegen. Die Schuldirektor_innen dieses Landes waren jedenfalls eher nicht die hauptsächlich von den Auswirkungen der Pandemie betroffenen.

Charles Bukowski hat 1962 einen unterhaltsamen Essay darüber geschrieben, dass wir den Krieg zwar abstrakt verdammen, aber nicht einmal konkret wissen was Frieden ist.

„Peace, Baby, Is a Hard Sell“.

Auch wenn wir uns einigen dort auffindbaren Bonmots sicher nicht anschließen werde ich ihn hier vorlesen. Versehen mit der Bitte den literarischen Charakter des Textes ernst zu nehmen und nicht jedes Argument politisch zu lesen.

Ich lese diesen Text auch in Ankündigung eines neuen Gesprächs in dem wir uns mit Arbeitszwang und Arbeitsfetischismus auseinandersetzen. Kommt bald.

Viel Spaß!

„Die Natur ist Teile ohne Ganzes.“ (Alberto Caeiro / Fernando Pessoa). Gespräch mit Sabine von Vetsera über Umweltschutz und gesellschaftliche Irrationalität

Stefan: Mir hat die Beschreibung der Grünen Austauschgruppe, die du gegründet hast, sehr gut gefallen. Du verbindest die Erkenntnis, dass wir in Verhältnissen leben, die politisch und kollektiv gemacht werden, mit dem Ansatz, dass wir die Verhältnisse durch individuelles Handeln zumindest beeinflussen können. Kannst du etwas dazu sagen, wie das funktionieren kann?

Sabine: Zunächst möchte ich mich bei dir für die Einladung zu diesem Interview bedanken. Ich freue mich, dass Themen zu Umwelt und vor allem zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit – kurz gesagt: grüne Themen – ein Interesse finden und ich mich dazu für Halbwertszeit äußern darf.

Zu meinen Grundannahmen zählt, dass wir als Konsumenten (und bei mir sind alle Menschen jeden Geschlechts in weiterer Folge immer miteinbezogen) wesentlich mehr Macht besitzen als wir glauben. Denn mit unseren Konsumentscheidungen bestimmen wir, ob z. B. der Bauer im regionalen Umfeld, der seine Mitarbeiter fair bezahlt und umweltschonend anbaut, überlebt oder Lebensmittel quer über den Globus verschifft werden. Ein Beweis für diese Macht ist ja paradoxerweise das sogenannte Green Washing. Denn kein Unternehmen würde sich darüber Gedanken machen und noch dazu Geld fürs Marketing investieren, würden sie wissen, dass es den Konsumenten egal ist.

Das bedeutet nicht, dass ich die gesamte Verantwortung beim Konsumenten verorte und vollkommen von den Konzernen und der Politik nehmen möchte, aber ich sehe im Konsumenten auch kein unmündiges Kind, das sich seiner Entscheidungen nicht bewusst ist. Die Frage nach den finanziellen Möglichkeiten ist eine andere, doch man kann sich heutzutage immer leichter über Produkte informieren.

Diese Aufklärung ist ein großer Teil meiner Motivation. Und ich wollte mit meiner Gruppe zumindest im kleinen Kreis zum Umdenken anstoßen sowie inspirieren. Letztlich entscheidet jedes einzelne Mitglied in welche Richtung sich die Gruppe entwickelt.

Stefan: Das finde ich einen wichtigen Punkt. Also sich auch abzugrenzen von einer rein aktivistischen Einstellung, die so tut, als könnte man alles dadurch lösen, dass man den Individuen alles aufbürdet, was eigentlich strukturelle Gründe hat. Du denkst aber viel mehr praktisch als aktivistisch. Du hast bei den Infos auch eine Liste von Dingen, die man in der Gruppe machen kann. Das gefällt mir. Über einige davon hatte ich davor noch gar nicht nachgedacht.

Sabine: Sieht so aus, als konnte ich mit dir schon einen kleinen Erfolg verbuchen. Dafür ist die grüne Öko-Austauschgruppe da: um neue Impulse zu setzen und Ideen zu liefern. Und nachdem die Themen breit gefächert sind, ist für jeden etwas dabei und jeder kann sich einbringen.

Seit meiner intensiven Beschäftigung mit Umweltthemen habe ich auch für mich enorm viel neues Wissen aufbauen können. Und das möchte ich Posting für Posting weitergeben.

Stefan: Der Dichter Ralph Waldo Emerson hat einige sehr berührende Sätze über die Natur niedergeschrieben. Einer der mir am besten gefällt, entstammt seinem Essay „Natur“: „Um die Wahrheit zu sagen, wenige Erwachsene können die Natur sehen. Die meisten sehen die Sonne nicht. Zumindest ist ihr Sehen sehr oberflächlich. Die Sonne bescheint nur das Auge des Mannes, aber in das Auge und das Herz des Kindes scheint sie hinein.“

Sabine: Bei diesem Satz kann ich an meine eigene Kindheit denken. Ich bin in einem 600 Seelen Kaff aufgewachsen. Eine der schönsten Erinnerungen war, wie ich in dem kleinen Bach, der unser Dorf durchfloss, Molche als Haustiere halten wollte. (Mein Vorhaben war kein Erfolg.) Ich habe versucht mit Steinen in dem seichten Gewässer ein Gehege zu bauen, um diese wunderschönen Tiere dort zu halten. Ich habe sie wirklich geliebt und immer gerne in meinen Händen gehalten. Das war bestimmt nicht richtig, aber als Kind wusste ich das noch nicht und habe sie einfach nur lieb gehabt. So eine Faszination zu damals eher unpopulären Tieren entwickeln Kinder wohl eher als Erwachsene.

Vielleicht sind daher auch jüngere Generationen durch ihre Empathie eher empfänglich für Umweltschutzgedanken als Erwachsene.

Stefan: Molche sind ja trotz ihres Namens sehr hübsche Amphibien. Kinder sehen die Schönheit der Natur viel deutlicher. Erwachsene freuen sich dann mehr über die Annehmlichkeiten einer gezähmten Natur. Meine Mutter war eine begeisterte Hobby-Gärtnerin. Sie ist stundenlang im Garten gewesen. Als Kind ist der Garten ein Spielplatz, für Erwachsene ist er Arbeit.

Die deutschen Romantiker haben die Natur auch mit Kinderaugen betrachtet. Ein später Zeitgenosse von Goethe, der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (oben sieht man ein Foto! von ihm) schreibt in seiner Naturphilosophie, dass der Mensch selbst gar nicht denkt, sondern die Natur denkt in ihm. Er hat da 1806 bereits über etwas gesprochen, das die moderne Wissenschaft beschäftigen wird. Er denkt darüber nach, dass die bis dahin blinde Natur im Menschen die Augen aufschlägt und versucht sich selbst zu erkennen. Das Ziel der Schöpfung ist also zu einem klaren Gedanken ihrer selbst zu kommen und zu verstehen was da eigentlich los ist. Die Rolle des Menschen beschränkt sich aber nicht darauf zu erkennen, sondern er versucht die Natur zu beherrschen, zu gestalten und lenken. Das kann mitunter sehr gefährlich sein.

In einem Aphorismus schreibt Schelling, dass der Naturforscher durch seine Tätigkeit zum Priester der Natur geweiht wird und diese bei der Erforschung andächtig pflegen soll. Das klingt nicht nach dem Ideal des modernen Naturwissenschaftlers, der eher experimentell vorgeht und mehr auf Falsifizierbarkeit und Effizienz seiner Ergebnisse achtet, als auf andächtige Pflege. Ich habe das Gefühl unser Zugang zur Natur ist nicht sehr bewusst und daraus entstehen viele Probleme.

Manchen Leuten scheint es schwer zu fallen sich über die Natur-Produkte, die sie konsumieren, ausreichend zu informieren.

Sabine: Du beschreibst hier ein Phänomen, das es in der Geschichte schon öfter gab. Die Romantisierung der Natur durch jene Menschen, denen sie fern liegt. Man denke an die Rosa-Zimmer in Schönbrunn. Der Adel, der keine Ahnung vom Leben der Bauern hatte, ließ sich dort berieseln von den Darstellungen von Bauernkindern, die in der idyllischen Landschaft rumlagen und scheinbar den ganzen Tag Zeit hatten, diese zu genießen …

Stefan: … während die armen Adeligen ihre Zeit in betreuten Parks mit kühlen Getränken verbringen mussten. Sie hatten kein existentielles Naturerlebnis und haben daher das Leben der Bauern verklärt. Dabei war das oft ein sehr kurzes und hartes Leben.


Sabine: Das passiert heute meiner Meinung nach wieder. Die Romantisierung lieblicher und idyllischer Landwirtschaft angefangen vom Ja-natürlich-Ferkel, bis hin zu freilaufenden Milchkühen auf blühenden Almen. Der Kunde will Produkte aus Bio-Anbau und regionaler Herkunft, aber er weiß noch nicht, dass deren makellose Erscheinung aus der Werbung ebenso bloß ein Produkt des Photoshop ist wie ein Top-Model auf dem Cover der Vogue.

Konsumenten, die sich dann in dem ganzen Gütesiegel-Dschungel gar nicht mehr auskennen oder denen die Beschäftigung mit Anbaubedingungen, der Herkunft und den Transportwegen von Produkten zu mühsam ist, fordern letztlich die Verantwortung von ihrer Kaufentscheidung hin zur Politik und dem Handel zu verschieben. Dabei ist gerade in Zeiten des Internets eine kritische Auseinandersetzung mit Lebensmitteln einfacher denn je. In der Regel kauft man doch eh meist die gleichen Produkte immer wieder. Man kann sich also im Laufe der Zeit auf eine gewisse Produktliste einigen, die den persönlichen Ansprüchen in Bezug auf Umweltschonung und Budget entsprechen. Gerade mit meiner grünen Öko-Austauschgruppe möchte ich hier noch eine Hilfestellung für Interessierte bieten.

Stefan: Henry David Thoreau, ein Schüler von Emerson ist mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Er hat sich geweigert seine Steuern in Massachusetts zu zahlen, angeblich weil er gegen die Sklaverei und gegen den Mexiko-Krieg der USA protestieren wollte. Er wurde nach einem Tag aus dem Gefängnis ausgelöst. Seine Steuerschulden waren aus der Zeit vor dem Mexiko Krieg.

Er ist aber darüber hinaus ein interessanter Zeitgenosse gewesen. Er hat zwei Jahre auf Emersons Grundstück in einer Waldhütte gelebt und für ein solches Leben in den Wäldern plädiert. Seiner Überlegung zufolge würden jedem Menschen, der sich auf so ein Leben besinnt, nur 6 Wochen Lohnarbeit im Jahr überbleiben. Die übrige Zeit könnte jeder dann nutzen zu lesen und die Natur zu erforschen. Es scheint beim Gedanken an den Schutz der Natur immer darum zu gehen kleinere Gruppen zu bilden.

Sabine: Ah, Thoreau! … Das Buch liegt bei mir im Bücherschrank und will auch mal gelesen werden. Es gibt aber auch jemanden, der Henry David Thoreau getoppt hat, und zwar Chris Knight. Er hat 27 Jahre vollkommen allein in Wäldern in den USA gelebt. Er sagte übrigens über Thoreau, dass dieser ja bloß ein Angeber war und der Welt nur sagen wollte, wie toll er ist. Denn er hat schließlich nur zwei Jahre in einer Hütte gewohnt und seine Mutter hat ihm sogar die Wäsche gewaschen.

Stefan: Interessant. Also auch das hehre Leben im Wald kommt nicht ohne weibliche Reproduktionsarbeit aus, die dann vom Philosophen verschwiegen wird.

Im Prinzip versuchst du ja mit deiner Gruppe auch eine kleine Dorfgemeinschaft zu erzeugen, in der Menschen gemeinsam versuchen ihr Verhalten in Bezug auf Nachhaltigkeit zu verändern. So ein kleines digitales Walden.

Hast du noch weitere Leseempfehlungen?

Sabine: Mein Wissen besteht aus über die Jahre angesammelte Infos aus Artikeln, Dokus und Reportagen. Als Expertin würde ich mich auch niemals bezeichnen, sondern bloß als stark an Umweltthemen interessierte Person. Ich bin dadurch versucht dieses Wissen darüber zusammen zu tragen und zu ergänzen und so in komprimierten Infoblöcken weiterzugeben. Das ist nur nicht immer einfach, denn man muss wirklich viel recherchieren und es kommen einem bei der Beschäftigung damit immer mehr neue Fragen auf als man Antworten darauf findet. Natürlich macht mir das auch Spaß und es ist eine gute Möglichkeit mein geisteswissenschaftliches Studium sinnvoll einzusetzen, aber es ist zeitintensiv und manchmal belasten mich die Fakten zu sehr. Ich möchte mich aktuell dem Thema Bodenversiegelung widmen, aber weil ich mich dabei der Ärger so überkommen hat, musste ich eine Pause davon einlegen. Dabei wäre es gerade jetzt so aktuell, wenn wir nur an die Hochwasserkatastrophe in Deutschland denken, die über 100 Tote gefordert hatte.

Stefan: Ja das ist ganz schrecklich, was da zur Zeit passiert. Das liegt aber auch am politischen Versagen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es ein europäisches Hochwasserwarnsystem namens Efas gibt. Eine Mitentwicklerin namens Hannah Cloke klagt jetzt die Behörden an, sie hätten Warnungen ignoriert und keine Maßnahmen ergriffen. Darüber hinaus sind manchmal auch wirklich die Gemeinden schuld, wenn Menschen im Hochwassergebiet bauen. Angeblich wird massenweise Schutzgebiet in Baugrund umgewidmet. Also handelt es sich bei diesen Katastrophen auch um ein Versagen der Politik.

Was gäbe es aktuell für Gründe die Grünen in Österreich zu wählen?

Sabine: Da ich überzeugt bin, dass ein umweltfreundlicher Wandel in unserer Lebensrealität direkt mit sozialer Gleichberechtigung verknüpft ist, haben sozial benachteiligte Menschen wenig Gründe die Grünen zu wählen. Ihre derzeitigen Ideen beziehen sich auf eine finanziell gut gestellte Klientel und grenzen sozial Schwache aus. Die CO2-Steuer wäre hier zu nennen, die von Armut direkt betroffenen oder bedrohten Personen schwer zur Last fallen kann und somit zu einer Ablehnung klimapolitischer Maßnahmen führen wird.

Stefan: Die erste Vorsitzende der Grünen in Österreich war Freda Meissner-Blau. Ihr Vater musste mit ihr 1939 nach Großbritannien fliehen, weil er als Nationalökonom gegen das Naziregime geschrieben hatte. Sie ist erst 1962 wieder nach Wien zurückgekehrt und 1972 ist sie der SPÖ beigetreten, die sie bald danach wegen Zwentendorf und der Hainburger Au wieder verlassen hat. Diese Frau war direkt an den gesellschaftlichen Kämpfen um die Umwelt beteiligt. Bei der heutigen Grünen Führung ist dieser direkte Zugang zur Politik interessanterweise hinter einer Kulisse der Professionalität verschwunden.

Früher hießen die Grünen in Österreich „Die Grüne Alternative“. Mittlerweile gibt es Alternativen zur Alternative und Gruppen, die die Grünen sehr stark kritisieren. Fridays for Future ist eine davon.

Sabine: Die Grünen täten wohl gut daran sich wieder mehr an Frau Meissner-Blau zu erinnern, denn sie ist elitär aufgewachsen, war aber, sicher auch aufgrund ihrer politischen Erfahrungen, dazu in der Lage ihre Position zu hinterfragen. Ich frage mich was sie wohl heute über ihre Nachfolger sagen würde. Über Frau Glawischnig, die nach jahrelangem Wettern gegen das Glücksspiel bei der Novomatic einstieg …

Stefan: Das hatte über den persönlichen Zynismus hinaus eine politische Komponente. Weil das so genannte kleine Glücksspiel besonders für arme Menschen verheerende Auswirkungen haben kann. Und diese Spielhallen werden ja bewusst in bestimmten Gretzln aufgestellt.

Sabine: … über das permanente Verleugnen der eigenen Überzeugungen für die Koalition mit der ÖVP oder über einen Pop-Up-Pool am Gürtel. Ihre Werte werden doch von der aktuellen Regierungstätigkeit der Grünen in den Dreck gezogen. Gerne würde ich auch hören, was sie unserem ehemaligen, gurkigen Bundeskanzlerbuberl gesagt hätte.

Und soweit ich weiß, haben Fridays for Future die Grünen in Deutschland massiv kritisiert, denn dort verdanken die Grünen ihren politischen Aufstieg der Tatsache, dass sie ihre Umweltforderungen zugunsten der Wirtschaft abgeschwächt haben. So eine Kritik wäre nun auch in Österreich angebracht.

Man muss aber auch sagen, dass die Fridays for Future Bewegung derzeit gerade selbst dabei ist zu einem reinen Prestigeprojekt für rich kids zu werden, die sich ihren Lebenslauf mit ihrem Engagement darin aufpeppen wollen. Sie haben keine aktuellen Forderungen und Überlegungen, sie wollen die Verantwortung auf eine Politik abtreten, die ihre eigenen Eltern gewählt haben, aber sind zu feige es ihren Eltern ins Gesicht zu sagen. Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sie wüten gerne gegen die älteren Generationen, anstatt in ihrer eigenen Generation nach alternativen Lebensstilen zu suchen. Sie machen es sich bequem, so wie alle anderen Generationen vor ihnen es taten.

Stefan: Ist diese Bequemlichkeit vielleicht auch ein Resultat dessen, dass die Grünen zu einem gewissen Grad am Ziel angekommen sind ihre Politik zu normalisieren? (Recycling, Nachhaltigkeit, Bio …)

Sabine: Beim Ziel angekommen? Mitnichten. Es gibt zwar mehr Interesse in der Bevölkerung für Themen wie Nachhaltigkeit oder Bio-Lebensmittel (dieses Interesse möchte ich auch in meiner Gruppe befeuern), aber wenn man dann den Blick auf Themen wie Fast Fashion lenkt, wenn man einen Blick in Mülltonnen wirft, oder alleine schon an die 3. Piste beim Flughafen Wien denkt, dann sind wir weit von ihrem Ziel entfernt.

Zusätzlich glaube ich nicht, dass die bisherige Entwicklung einer Partei zuzuschreiben ist. Es waren doch eher Tierschutzaktivisten, Organisationen wie PETA oder der WWF, Kampagnen von Prominenten und mutiger Journalismus, welche das Bewusstsein der Bevölkerung geprägt haben. Allerdings ist das meine subjektive Sicht als Millennial, denn ältere Generationen werden das Wirken der Grünen auf sie und ihre Mitmenschen vielleicht anders bewerten.

Bei vielen ökologischen Punkten, wie die genannte Fast Fashion, die Bodenversiegelung, die Erhöhung des Tierwohls etc. gibt es jedenfalls noch viel für die Politik der Grünen zu tun.

Stefan: Kannst du den Begriff der Fast Fashion kurz erläutern? Gibt es da nicht auch das Paradox, dass wir durch unsere Kleiderspenden etwa die Textilindustrie im globalen Süden zerstören?

Sabine: Fast Fashion bezeichnet eine Unternehmensstrategie, deren Ziel es ist, so viele neue Modekollektionen wie möglich, so günstig wie möglich zu produzieren, um mit billigsten Preisen so viele Konsument(inn)en wie möglich zu gewinnen. Es gibt nicht mehr nur Sommer- und Winterkollektionen, sondern bereits mindestens 12 Kollektionen pro Jahr. Seit den 1990ern hat sich das Phänomen Fast Fashion verstärkt und durchgesetzt.

So wie diese Kleidungsstücke hergestellt werden, finden sie ihren Weg in die Kleiderspende ohnehin kaum, da sie nicht für Langlebigkeit produziert werden. Das ist geplante Obsoleszenz. Und in den asiatischen Ländern, die diese Fetzen herstellen, werden eh nur Hungerlohnjobs generiert, auf welche die Bevölkerung leider oft trotzdem nicht verzichten kann. Dazu verursacht die dortige Produktion nicht nur lebensgefährdende Arbeitsplätze in maroden Fabrikgebäuden, die kurz vor dem Zusammenbruch stehen, sondern vergiftet die Umwelt vor Ort auf massivste Art und Weise.

Diese Argumentation mit den Jobs in der dritten Welt stellt sich auf den zweiten Blick als billige Ausrede für westliche Kapitalisten heraus, bei der man Ausbeutung noch als Wohltätigkeit hinstellen möchte. Diese Produktionskette gehört durchbrochen, denn es kann nicht sein, dass Familien in Dritte-Welt-Ländern nur überleben können, indem ihre Frauen und Kinder ihre Gesundheit aufs Spiel setzen damit der reiche Westen Kleider in beschissener Qualität geliefert bekommt, damit sich auch hier die Ärmsten unter uns für Instagram mehr oder weniger tauglich präsentieren können. Das Lieferkettengesetz könnte solche Zustände womöglich verbessern.

Stefan: Es wirkt manchmal so als wäre das Grüne Ticket ein Franchise. Also eine Möglichkeit sich ein reines Umweltgewissen zu kaufen. Menschen ändern nicht ihr Konsumverhalten, sondern konsumieren einfach alles in Bio. Ist das jetzt besser?

Sabine: Nein. „Grüne“ Produkte zu kaufen ist erst mal ein guter Anfang und eine Voraussetzung für eine nachhaltige Produktion. Parallel dazu müssen sich aber auch die Rahmenbedingungen für die Produktherstellung ändern. Produkte sollten langlebig sein, um den Energie- und Rohstoffverbrauch zu reduzieren. Gelingen wird das allerdings nicht in einem wirtschaftlichen System, das auf endloses Wachstum, ergo ständigen Konsum, ausgerichtet ist. Hier könnten Konzepte wie die Gemeinwohlökonomie die Rahmenbedingungen verbessern.

Stefan: Die Grünen in Österreich sind ja sehr stark durch die Auseinandersetzung mit der Atomindustrie geprägt. Der Wiener Philosoph Günther Anders verwendet bereits in den 1960er Jahren den Begriff der Apokalypseblindheit und spricht von der Zerstörung der Zukunft durch die Atomenergie.

Sabine: Die Atomenergie und hier vor allem die ungelöste Frage des Atommülls, den sie hervorbringt, sind tatsächlich eine Gefahr, die man niemals kleinreden darf. Allerdings wird der Ruf danach wieder laut, weil durch die zunehmende Digitalisierung unser Stromverbrauch explodiert.

Es ist sehr fraglich, ob wir diesen Verbrauch jemals mit Strom aus erneuerbaren Quellen decken können werden. Besonders die Digitalisierung des Geldes, also Kryptowährungen, benötigen riesige Mengen an Strom, wie nun auch Elon Musk alle Welt wissen ließ. Die Digitalisierung verschärft also nicht nur die soziale Frage, da durch sie viele Jobs verlorengehen, sondern stellt uns auch bei der Energiegewinnung vor entscheidende Fragen.

Auch vor der Tatsache immer stärker werdender Wetterextreme gilt die Atomkraft als Gefahr. Man denke an den Tornado vom Juni 2021, durch den sogar ein Block des AKW Temelin abgedreht werden musste. Nicht auszudenken was passieren könnte, wenn sich die Verantwortlichen zu spät für eine Notabschaltung entscheiden würden, weil man auf die Energie des AKW aus wirtschaftlichen Gründen angewiesen ist.

Stefan: Atomenergie ist sehr effizient und solange kein Unglück passiert auch theoretisch sauberer als viele andere Formen Energie zu gewinnen. Aber dennoch hat sie etwas sehr Bedrohliches an sich. Günther Anders sagt, die Gefahr des atomaren Fallout wird unterschätzt, weil sie universal ist und ohne Kontrast, also trotz allgemeiner Präsenz unsichtbar bleibt. Weil Sie zu groß ist, überschreitet ihre Wirkung die Vorstellungskraft, gibt uns ein Gefühl der Ohnmacht und wird daher von uns als Angelegenheit anderer Instanzen wahrgenommen.

Wir schützen uns davor ständig unter der Angst davor zu leiden, indem wir so tun, als würde uns diese Gefahr nichts angehen. Zusätzlich wird sie von Zuständigen oft aktiv verbal bagatellisiert. Wenn man sich den Umgang japanischer Verantwortlicher mit Fukushima ansieht, trifft das ja auch zu. Wir sind blind gegenüber den Gefahren, die wir selbst erzeugen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass uns eines Tages einfach die Luft ausgeht.

Sabine: Zur Frage von Macht und Ohnmacht sage ich nur: Zwentendorf! Hier hat sich die Bevölkerung nicht mit Ohnmacht abfertigen lassen und sich gegen ein Atomkraftwerk gewehrt. Genau deswegen sind Info-Kampagnen dazu so wichtig, weil dann ein Bewusstsein in der Bevölkerung darüber entstehen kann.

So unsichtbar die Gefahr einer Atomkatastrophe ist, so real wirkt sie sich aber auch auf unser Leben aus, wie COVID-19. Wenn wir unsere Eltern fragen, wie sie die ersten Jahre nach Tschernobyl erlebt haben, zeigt sich ein sehr eindeutiges Bild. Verbote in der Wiese zu spielen, Milch zu trinken oder Schwammerl zu suchen werden sehr häufig genannt. Es wundert mich allerdings sehr, dass diese jungen Erfahrungen nicht mehr Beachtung im allgemeinen Diskurs erhalten. Stellen wir uns das mal bei einem Unglück in Temelin vor.

Stefan: Ich durfte eine Weile nicht in der Sandkiste spielen damals. Und es gab ein Kinderbuch in dem das thematisiert wurde. Vor allem der atomar verseuchte Regen wurde dort als Gefahr dargestellt. Saurer Regen war damals auch ein Thema in Bezug auf das Waldsterben. Das hat mir Angst gemacht. Aber es hat unseren Alltag nicht grundsätzlich verändert und obwohl unter dem stählernen Sarg in Tschernobyl ja immer noch eine große Gefahr lauert geht das Leben halt weiter. Österreich ist übrigens umgeben von Kernkraftwerken von teilweise ziemlich alter Bauart. Mochovce, Bohunice, Krsko, Dukovany, Temelin, Isar, Grundremmingen, Mühleberg. Gleichzeitig gab es seit 1957 „nur“ acht große Unfälle in verschiedenen Kraftwerken auf der ganzen Welt. Das klingt aufs Ganze bezogen nach einer relativ geringen Risiko-Quote.

Sabine: Ich habe in den letzten Jahren gelesen, dass Sicherheitsprüfungen in einem deutschen AKW nicht ordentlich durchgeführt wurden. Man wiegt sich hier in einem falschen Sicherheitsgefühl. Und vor allem unterschätzt man die Schäden, falls es doch zu so einem Unglück kommt. Ein Sperrgebiet mit einem Radius von ca. 30 km rund um Tschernobyl ist bis heute eine unbewohnbare Zone. Stellen wir uns das doch einmal vor was wäre, wenn das 40 km entfernte AKW Dukovany in Tschechien einen Unfall hätte. Wien mit seinen knapp 2 Millionen Bewohnern wäre betroffen. Was glauben die Leute, wie sie dann leben werden?

Stefan: Das klingt nach einer Dystopie. Vielleicht sind wir ja doch auch mental so sehr Teil der Natur, dass wir uns eine menschengemachte Katastrophe mit so furchtbaren Auswirkungen gar nicht vorstellen können. Die Schweizer haben gerade zwei Umweltschutzinitiativen mit 61% Mehrheit abgelehnt. Bauern sollten Subventionen gestrichen werden, wenn sie künstlich hergestellte Mittel zur Bekämpfung von Schädlingen einsetzen und synthetischen Pestizide sollten ganz verboten und die Schweiz zu 100 Prozent zu einem Bio-Produzenten gemacht werden.

Warum verträgt sich die industrielle Landwirtschaft eigentlich so schlecht mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit? Elisabeth Köstinger, die zuständige Bundesministerin für Landwirtschaft, ist ja in Personalunion auch Tourismusministerin. Dem Tourismus könnte Nachhaltigkeit auch nicht schaden. Was haben die Regionen, in denen Massentourismus stattfindet, eigentlich vom Tourismus als Schaffer von billigen Arbeitsplätzen, von denen niemand so richtig leben kann (will)?

Sabine: Die konservative Bauernlobby in der Schweiz dürfte noch besser als in Österreich funktionieren…

Die industrielle Landwirtschaft ist auf Ertragsmaximierung ausgelegt, um dadurch auch den Gewinn zu maximieren. Die Auswirkungen auf die Umwelt, also das Sterben von Insekten oder Singvögeln, den Wasserverbrauch, die Minderung der Bodenqualität, etc. nimmt man in diesem Denken einfach in Kauf. Zum Glück gibt es vermehrt ein Umdenken bei den Bauern; ich hoffe sie können zeigen, dass man vom industriellen Weg wegkommen und trotzdem Gewinne erzielen kann. Hierfür müssen sie allerdings fair vom Handel entlohnt werden und dies wir auch nur mit der Rückendeckung der Konsumenten funktionieren.

Die Regionen des Massentourismus bringen wenige, aber dafür erfolgreiche, Profiteure hervor. Das Argument der Arbeitsplätze ist doch ein scheinheiliges, denn nicht umsonst wurden Köche und sonstige Gastroberufe 2021 auf die Liste der Mangelberufe gesetzt, obwohl so viele von ihnen derzeit arbeitslos gemeldet sind. Man möchte hier doch nur günstigere Arbeitskräfte aus dem Ausland importieren! Dafür bauen wir dann neue Skilifte, luxuriöse Chalets oder denken laut über Gletschersprengungen nach. Alles Maßnahmen, welche den Boden versiegeln, die natürliche landschaftliche Vielfalt zerstören und Tieren noch weitere Lebensräume rauben.

Stefan: Beim Thema der Klimagerechtigkeit schwingt immer ein gewisser Elitismus mit. Gerade erst hat Ministerin Köstinger gemeint, wir würden auf unseren 800 Euro Grills Fleisch für 80 Cent grillen und das wäre pervers. Ich als Normalsterblicher finde pervers, dass sie davon ausgeht, dass ich einen 800 Euro Grill haben könnte.

Sabine: Den 800 Euro Grill haben wohl sehr viele Österreicher bei sich zu Hause gesucht. Auch ich habe keinen gefunden. Man muss dazu auch sagen, dass knapp 1,5 Millionen Menschen in Ö von Armut gefährdet oder direkt betroffen sind. Diese Zahl stammt allerdings aus 2019, durch die Pandemie sind es sicher noch mehr geworden. Da stellen sich einige Fragen: Wieviel Geld haben diese Menschen für Grillfleisch zur Verfügung? Wollen wir, dass diese Menschen auf dieses Essensvergnügen verzichten sollen? Und vor allem: Profitieren der Handel oder die Bauern von höheren Preisen?

Der Diskurs übers Klima wird in jedem Bereich von elitären Schichten bestimmt. Schon alleine, weil sie sich die Muße leisten können über ihrem Bio-Steak über Veränderungen zu philosophieren. Wer den ganzen Tag anstrengende Arbeit leistet und trotzdem noch jeden Euro umdrehen muss, wird ganz andere Sorgen haben. Somit wird die Gesellschaft aber niemals gemeinsam an einem Strang ziehen können.

Stefan: Wie können einzelne Menschen im Alltag nachhaltig leben?

Sabine: Das ist für eine Einzelperson mit geringem Einkommen sehr schwierig und vor allem sehr individuell zu entscheiden. Daher möchte ich hier einfach 3 Beispiele anführen, die leicht umzusetzen sind, wobei sie alle voraussetzen, dass man sich bewusst für ein Umdenken entscheiden muss:

I) Es gibt bereits Apps wie togoodtogo, wo man als Konsument erfährt, wo gerade Restaurants oder Händler Lebensmittel kurz vor Ladenschluss noch zu günstigeren Preisen verkaufen möchten, um diese nicht in den Müll schmeißen zu müssen.

II) Man kann bei Geburtstags-, Weihnachts- oder sonstigen Geschenken, bei denen man ohnehin mehr Geld investieren würde, gezielt auf regional und fair hergestellte Schmankerl, Dekoartikel aus Recycling oder fair produzierte Mode sowie Kinderspielzeug setzen.

Ganz nach dem Motto: Qualität vor Quantität.

Der Hintergrund: Auch wenn man es sich nicht traut für sich selbst, sich z. B. den in Österreich hergestellten Bio-Honig zu leisten, so stellt er dann für Freunde ein wertschätzendes Geschenk dar.

Stefan: Diese spezifischen Feiertagsgeschenke sind mir meistens suspekt. Halloweenzeugs kann auch Spaß machen, vor allem wenn man Kinder hat. Wir haben Plastiktotenköpfe mit denen kann man nicht nur dekorieren. Aber vieles ist wirklich einfach nur Ramsch mit einem Feiertags-Logo darauf. Die Steigerungsform ist dann, wenn es deklarierte „Geschenkartikel“ gibt. Also Dinge, die man niemals schenken würde, außer, wenn man gerade ein „Geschenk“ sucht und nicht weiß, was man schenken soll. Dann wechseln Dinge die Besitzer, die gefühlsmäßig eh einfach nur weitergeschenkt werden.

Jedenfalls produzieren solche Feiertagsgeschenke einen Haufen Abfall, den man sich eventuell sparen könnte.

Sabine: Genau das meine ich eben mit meinem zweiten Punkt: Nicht einfach Ramsch schenken. Gerade zu Halloween kann es doch ein Körbchen mit Bio-Kürbissen sein, die der Beschenkte zu guten Speisen verarbeiten kann.

III) Der Natur etwas zurückgeben und wenn es nur ein Tag im Jahr ist. Das kann ein Tag sein, an dem man Müll einsammelt an öffentlichen Plätzen (hier gibt es Angebote der MA48); indem man im Winter Vogelfutter anbietet (Bitte kein Brot!); oder auf ein kleines Fleckchen im Garten Wiesenblumen anbaut, die eine Nahrungsquelle für Bienen und Schmetterlinge bieten.

Ich selbst habe vor Kurzem zwei Veränderungen in meinem Alltag eingebracht: Für das Wuzzeln meiner Zigaretten (das Rauchen ist immer noch meine Nemesis) verwende ich jetzt Papierfilter und ich kaufe vermehrt die Eier von Zurück zum Ursprung „Hahn im Glück“, da werden keine Brüderküken mehr getötet, sondern aufgezogen und erst als Erwachsene für Fleischprodukte geschlachtet. Das sind Beiträge zur Gesamtsituation, die sehr individuell gestaltet sind und auf einer Makroebene als Nichtigkeit betrachtet werden können, aber ich bin überzeugt, dass eine Vielzahl solcher kleiner Alltagsentscheidungen auf der Mikroebene das große Ganze bedeutend lenken können. Der Anbau einer einzelnen Blume kann einen Schmetterling herbeilocken und der Flügelschlag eines einzigen Schmetterlings soll ja bekanntlich die ganze Welt verändern können.

Stefan: Der Schmetterlingseffekt geht davon aus, dass auch die kleinsten Änderungen in der Formation eines Systems sich langfristig auf die Entwicklung des Systems auswirken können. In Wien kann man sagen, dass die frühe Sozialdemokratie mit der Errichtung von Gemeindebauten und der Durchmischung verschiedener Bevölkerungs- und Einkommensgruppen so einen Flügelschlag zur positiven Entwicklung des Systems Wien geleistet haben. Auch die ganzen Wiener Grünflächen und Parks sind wirksame Einsprüche gegen das Einerlei der normalen Städte. Beim Schrebergarten ist das wieder anders.

Dem wilden natürlichen Garten stehen im städtischen Bereich meist nur die Regeln der Schrebergartenvereine im Weg. Obwohl sie sich beinahe alle am naturnahen Gärtnern orientieren (Gießen mit Regenwasser usw.), sehen die Gärten oft sehr geordnet und homogen aus. 1903 wurde der „Erste Österreichische Naturheilverein“ gegründet. 1904 entstand die erste Schrebergartenkolonie im Süden von Purkersdorf. Sie wollten ein erschwingliches Naherholungserlebnis für Arbeiter. Sie sollten dort eine Gartenhütte haben und ihre Freizeit in der Natur verbringen können. Mittlerweile stehen auf den kleinen Parzellen oft mehrstöckige Einfamilienhäuser. Eine Verbürgerlichung des ursprünglichen Gedankens.

Sabine: Das ist doch typisch. Überall, wo eine Idylle geschaffen wird, die dem Zeitgeist entspricht, verdrängen die Bürgerlichen die Arbeiter. Die Preise schießen dann in die Höhe und der Ursprungsgedanke bleibt auf der Strecke.

Stefan: Du sprichst da das Phänomen der Gentrifizierung an. Henri Lefèbvre hat in den 1970er Jahren darüber nachgedacht, dass nach der Agrarrevolution die „Revolution der Städte“ noch ausstehen würde. Die Agrarrevolution hat im 18. Jahrhundert stattgefunden und dazu geführt, dass sich die Produktivität der europäischen Landwirtschaften durch Düngung und Züchtung drastisch erhöht hat. Lefèbvre plädiert für einen „Urbanismus“ der die Stadt als Kampffeld für die Interessen der Zukunft wahrnimmt. Nicht im Sinne der Produktivitätssteigerung, sondern der politischen Gestaltung. Der Stadt Wien wurde gerade in einem Zeitungsartikel bescheinigt zu wenig mutig an die Neugestaltung der Stadt heranzugehen. Autofahrerlobbys laufen gegen jegliche Veränderung Sturm. Werden wir die kommenden Hitzesommer in den Städten überstehen, wenn wir nicht radikal umdenken und eine Revolution der Städte einleiten?

Sabine: Wien will gerne mutig sein mit ihren Vorhaben den Autoverkehr zugunsten der Umwelt zu reduzieren und denkt über Fahrverbote in der Innenstadt nach, baut die U5 und will Radwege ausbauen. Ein extrem wichtiger Punkt wird dabei aber immer vergessen: Der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel in den Industrievierteln wie es sie im 22. oder 23. Bezirk, also in den Außenbezirken gibt. Durch das schlechte Angebot sind viele Arbeiter und Angestellte auf den PKW angewiesen, vor allem, wenn sie bei den angebotenen Anbindungen noch etwas von ihrer Freizeit haben wollen. Eine U-Bahn, welche die Außenbezirke miteinander verbindet, wäre bestimmt sinnvoller als eine U5.

Viel wichtiger wäre es allerdings Neubauten innerhalb der Stadt klimaneutral zu gestalten. Jüngste Betonschandflecken stellen der Hauptbahnhof, der Erste Campus, der neue Reumannplatz und vor allem die Station Altes Landgut am Verteilerkreis dar. Reden von Stadtplanungsräten über coole Streets und wasserverschwendende Sprühnebel, die in die Richtung der Straßen gerichtet sind, mögen vielleicht weniger nachdenkliche Wähler anlocken, aber definitiv nichts gegen die Hitzewellen in der Stadt unternehmen. Mehr Mut zu realen Aktionen und ein Verzicht auf heiße Luft aus Politikermäulern wären ein Anfang bei unserer weiten Reise hin zur CO2-Neutralität.

Stefan: Für das bürgerliche Selbstverständnis war zumindest die Goethesche Italienreise als Bildungsurlaub mehrere hundert Jahre lang Pflichtprogramm. Allerdings hatte Goethe auch Zeit sich nachhaltige Eindrücke anzueignen. Seine Reise hat fast 2 Jahre gedauert. Was darf/muss Fleisch kosten? Dürfen alle mit dem Flugzeug verreisen? Ist Reisen ein Privileg eventuell sogar eine Errungenschaft?

Sabine: Grundsätzlich ist meine Einstellung, dass der Konsum gewisser angesehener Produkte und Dienstleistungen nicht zum elitären Privileg erhoben werden darf, denn dann wird es ein stetiges Streben nach diesen prestigeträchtigen Statusgütern geben so wie es im 20. Jh. (und auch davor) passiert ist, was den Klimawandel ja erst befeuert hat. Da würde sich bloß die Geschichte wiederholen, was auch die Kontraproduktivität einer CO2-Steuer unterstreicht.

Ein Beispiel hierfür ist der laufend steigende Fleischkonsum in den Schwellenländern China und Indien. Dort gilt Fleisch als Prestigelebensmittel und wird genutzt, um den Status einer neu aufsteigenden Mittelschicht zu zeigen. Für diese Märkte wird also enorm viel Fleisch und dadurch CO2 erzeugt.

Auch beim Thema Reisen bin ich davon überzeugt, dass dies Menschen aller Vermögensschichten zustehen sollte. Vor allem, weil das Reisen die Persönlichkeitsbildung fördert, der Weiterbildung im Allgemeinen guttut und auch, weil es dazu beiträgt, dass künstlich gezogene Grenzen der Staaten geistig überwunden werden können. Das Reisen hilft den Menschen die Gesamtheit unserer Erde, die Gleichheit der Menschen und das grenzübergreifende Wirken der Natur zu begreifen.

Stefan: Der Wohlstand führt zu verändertem Konsumverhalten. Also einerseits gibt es Grund zur Freude, weil Menschen durch diese Globalisierungseffekte in die Lage versetzt werden sich aus der Armut zu befreien, andererseits entstehen dadurch ökologische Probleme. Ich stelle mir vor, wie die CO2-Bilanzen sich verändern werden, wenn die Menschen in Indien und China ebenso durchmotorisiert sind wie unsere hiesigen Automobilfetischisten. Die Geschichte von den Stadtbewohnern, die zur Trafik an der Ecke mit dem Auto fahren, ist im Kern ja wirklich wahr.

Sabine: Nun, hier muss man immer zwischen Wohlstand und unnötiger Verschwendung unterscheiden. Ein Auto zu besitzen, um damit den Arbeitsplatz oder ein Ausflugsziel im Grünen zu erreichen ist Wohlstand. Jeden 10 Minuten Fußweg mit dem Auto zu fahren ist verschwenderisch und dekadent. Aber es ist wahr, dass diese Dekadenz in der ersten Welt, vornehmlich den USA, geboren wurde. Gerade dort wird diese Lebensweise stolz aufrechterhalten, wohl auch, weil ihnen durch geographische Gegebenheiten eine Zersiedelung möglich ist, während man in Europa immer mehr auf den Ausbau der Bahnnetze setzt. Es bleibt fraglich auf welchen Star sich die chinesische und indische Bevölkerung als Vorbild einigen können werden: Auf den first-world-star westlich oder östlich des atlantischen Ozeans?

Stefan: Menschen gehören zur Natur. Zimmerpflanzen und Schoßhunde aber auch. Was ist eigentlich Natur? Oder was ist das, was wir daran schützen sollten?

Sabine: Das sind Fragen, die wir gesellschaftlich mehr zur Diskussion stellen müssen. Zimmerpflanzen können unser Wohlbefinden fördern (sofern wir nicht vergessen sie zu gießen) und Schoßhunde tun das auch, aber ihre fleischhaltige Ernährung ist wiederum negativ für die CO2-Bilanz. Hauskatzen sind als natürliche Jäger sogar für den bedrohten Status einiger Vögel verantwortlich. Wer solche Themen anspricht, macht sich leider sofort unbeliebt. Haustierbesitzer können sich sehr schnell angegriffen fühlen, denn Haustiere sind auch immer geliebte Familienmitglieder. Besser als die Natur in unsere unnatürlichen Lebensräume zu holen wäre es allerdings die Natur, die uns umgibt, so gut wie möglich zu schützen. Dieser Ansatz sollte Vorrang haben.

Stefan: Sind Hunde gute Haustiere für die Stadt?

Sabine: Da will ich mich jetzt nicht unbeliebt machen. Diese Frage sollte ein Stadthund beantworten.

Stefan: Menschen sind auch Teil von Staaten. Organisationen, die sich für die Umwelt engagieren geraten oft in Konflikt mit dem Staat. Wieso sind die Interessen der Allgemeinheit im Fall des Umweltschutzes so schwer mit den allgemeinen Interessen des Staates zu vereinbaren? Im Wiener Neustädter Tierschützer Prozess wurden aktionistische Tierschützer als kriminelle Vereinigung angeklagt, weil sie für über 200 Straftaten verantwortlich gemacht wurden.

Sabine: Es kann daran liegen, dass Umweltschützer ja doch Grenzen übertreten. Die Videos aus Tierfabriken sind manchmal so schockierend, dass die Menschen ihren Anblick nicht ertragen und sofort abschalten. Wenn es dann noch provokante Aktionen, Gesetzesübertretungen und schlechte Propaganda über sie gibt, wie dass sie dem Österreicher sein Schnitzel wegnehmen wollen, dann sinkt auch das öffentliche Verständnis für sie. Ich glaube aber genau dieses öffentliche Interesse würde es brauchen, damit auch die Politik ihren Umgang mit ihnen und den Themen, die sie an die Oberfläche tragen, verändert.

Stefan: In Rom erwarten sie gerade einen Müllsommer. Rom hat drei Millionen Einwohner und keine eigene Müllverbrennungsanlage. Das Amt, dass den Müllberg organisiert ist auch für die Friedhöfe zuständig. Während der Pandemie haben sich dort sprichwörtlich die Leichen gestapelt. Diesen Sommer werden es wohl die Müllsäcke sein. Manchmal scheitert es also auch an der Fähigkeit der Menschen sich rational zu organisieren.

Sabine: Wenn Produkte immer kurzlebiger gestaltet werden, sind wir zum stetigen Neukauf gezwungen. Das wirkt sich besonders bei Elektrogeräten und Kleidung im Alltag aus. Das ist gewollt, weil Unternehmen durch günstige Produkte Kunden anwerben wollen und sie gleichzeitig durch den schnellen Verschleiß der Produkte die Kunden zum raschen Neukauf zwingen wollen. Das fördert den Verbrauch von Rohstoffen und schafft Müllberge, die dann die Umwelt belasten. Nur langlebige Produkte und Mehrwegverpackungen können diese Müllansammlungen so klein wie möglich halten.

Stefan: Günther Anders hat das einmal so schön formuliert, dass die Mode der Trick der Industrie ist, die Nachfrage aufrecht zu erhalten.

Sabine: Ich glaube, mit diesem Gedanken hat er eine der umweltschädlichsten Manipulationen unserer Gesellschaft entlarvt.

Podcast: Vor Alkoholismus ist man nur auf dem Mond sicher

Ein Gespräch wie ein frozen conflict. Lachen das ohne Witze auskommt. Wenn wir uns unterhalten bleibt kein Sitzkissen trocken. Der ultimativ zache Podcast gegen die zarte Wirklichkeit.

Ela: Nachdem sich unser geschätztes Publikum ein Kochspecial gewünscht hat, möchten wir dieses Jahr – ein Jahr danach – dieses Special für unser geschätztes Publikum einlesen.

Stefan: Wir haben vor einem Jahr, oder vor eineinhalb Jahren, über Essen einen Beitrag für unseren Blog gemacht und wir wollen gerne wieder über Essen reden. Wir werden dazu Teile unseres Blogs verwenden, weil sich die gut anbieten. Wir werden sie mit gekünstelter Stimme vorlesen, weil wir Zitate daraus verwenden. Wir nennen es ein Mashup.

Hier der Text zum Podcast: Unter Genießerinnen

Meinung aus der Wahnvorstellungs- und Mordlust-Hölle

Aus aktuellem Anlass eine Meinung aus der Hölle.

Der Anlass ist der zunehmend stärker werdende (Massen-)Wahn von Menschen, die sich selbst für Freiheitskämpfer halten, aber in letzter Instanz offenbar nur narzisstisch verblendete ich-schwache Egomanen sind, die in ihrer Hysterie (die sie pikanterweise immer den anderen vorwerfen) bereit dazu sind zu Mördern zu werden.

Wenn es nicht zu zynisch wäre, wäre man versucht zu sagen: Peinlich des Todes. Aber gleichzeitig würde das die potentielle Gefährlichkeit dieser Menschen und ihrer Wahnvorstellungen herunterspielen.

Zu bedenken wäre, wenn schon Tankstellenverkäufer als „Büttel des Systems“ auf der Todesliste von diesen Wahnsinnigen stehen können, dann sollten sich alle Geimpften und Maskenträger die Frage stellen: Wer wird der nächste sein?

Unter Gamerinnen: Zum aktuellen Stand des Immergleichen Teil 1

Stefan: Ich spiel heut einen alten Mann auf der Bank, der über die Jungen die vorbeigehen schimpft und mit seinem Stock wedelt. Ich bin 1981 geboren und ich hab ein Vorurteil gegenüber der aktuellen Gamerszene. Ich glaub, ihr könnts nicht mehr richtig spielen. Mir ist klar, dass im Gegensatz zu früher mittlerweile Gaming eine olympische Disziplin ist und Menschen Millionen damit verdienen können. Gleichzeitig seh ich so oft Reviews über „Spiele“, die eigentlich keine mehr sind. Es sind Filme und an drei Stellen kann man auf die X-Taste drücken.

Die andere Art von Spielen nennt sich Computer Rollenspiel, fast immer mit Open World, und besteht meistens darin, dass man herumläuft und Gegenstände einsammelt, die man dann verwendet um eher einfach gestrickten Gegnern eines auf die Nase zu geben. Spannung kommt dabei aus mehreren Gründen nicht auf: 1. Weil das Kampfsystem meistens nur das wiederholte Klicken mit der linken Maustaste als Strategie vorsieht. 2. Weil die KI der Gegner extrem lahm ist. 3. Weil man durch Auto- und Quicksave Funktionen de facto nicht sterben kann. 4. Weil man meistens jederzeit, auch während eines Kampfes, den Schwierigkeitsgrad angleichen kann und die ohnehin tumbe KI des Gegners noch weiter senken.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Aber selbst solche Spiele wie Bloodborne sind nicht halb so unfair und hinterlistig wie Castlevania I von 1986 auf dem NES. Man stelle sich vor, da konnte man nicht speichern und es kam auf Reflexe und schnelle Auffassungsgabe an um durchzukommen! Da fangen heutigen Spielern die Knie zu schlottern an.

Felix: Du sprichst von dem ersten Nintendo Entertainment System. Ich bin mit der Nintendo Wii in mein Gamerleben eingestiegen. Nicht, weil ich bis dato kein Interesse an Videogames (Vgames) hatte, vielmehr weil meine Eltern mir erst 2010 (2 Jahre nach erscheinen der Wii auf europäischen Märkten) zutrauten, Vgames zu spielen. Um jetzt meine Eltern nicht sofort in ein gamerfeindliches Shitstorm-Setting zu werfen: ich hatte einen GameBoy, auf dem ich zu abgemachten Zeiten spielen durfte und muss ehrlich gestehen, ich hab für mich nix verpasst.

Du sprichst mit dem Castlevania-Bloodbourne Vergleich da gerade etwas an, wo ich gleich mal einen massiven Einwand gegenüber deiner These (die man in der heutigen Gamerszene als Boomer-Rant bezeichnen würde) anspreche. Technologie verändert sich mit der Zeit. Die NES war die erste Konsole von Nintendo, die Switch ist die neueste. Lustigerweise kann man auf der Switch sowohl Castlevania als auch den ersten Teil der Dark Souls-Reihe (selbes Konzept und Entwicklerstudio wie Bloodborne) spielen.

Die NES war durch ihre technischen Kapazitäten limitiert, ich glaube nicht, dass die Entwickler von Castlevania in erster Linie ein Spiel im Sinn hatten, das keine Fehler zulässt oder den Spieler zu einem Reflexmonster erziehen sollte. Es gibt auch heute noch Spieler, die genau diese Herausforderungen schätzen. Ich gehöre definitiv nicht dazu.

Mit dem technologischem Fortschritt erkläre ich mir auch, dass sich das komplette Konzept von Vgames gewandelt hat. Die Grafik wurde besser, die technologischen Möglichkeiten breiter. Ich glaub schon, dass eine gute Grundidee eines Spieles überleben kann, da ist die Grafik scheißegal, ABER in letzter Zeit werden Vgames meistens nur mehr daran gemessen, wie flüssig sie rennen oder wie sehr die Elemente einer UltraHD Auflösung standhalten.

Was du auch kritisierst, ist die Möglichkeit, die KI der Gegner anzupassen. Ich persönlich sehe darin für mich eher ein Benefit. Ich hab kein Interesse daran ein Spiel wie das vorsintflutliche Castlevania zu spielen, teils weil meine (zugegeben wenig bis gar nicht vorhandene) Frustrationstoleranz das nicht zulässt, teils weil ich mich ganz gern in die Fantasiewelt eines Vgames flüchte. Mit Strapazen, Stress und unangenehmen Konfrontationen habe ich bereits im RealLife genug zu kämpfen, da erscheint es mir ganz angenehm, einfach mal im Spielmenü auf „leicht“ zu stellen und für mich zu beschließen, dass es ein gutes Gefühl ist, der depperten KI überlegen zu sein.

Stefan: Ich hab mir gestern beim Zuschauen von einem Streamer gedacht, das viele Spiele von früher heute nur mehr als „Rage Games“ durchgehen würden. Also durch die verhunzte Sprungmechanik hat Castlevania von 1986 durchaus etwas mit Pogostuck von 2019 gemeinsam.

Aber ich finde es interessant, wenn du sagst, du brauchst den Eskapismus, um dich entspannen zu können. Vielleicht waren in den 1980er Jahren die Bedingungen noch nicht so harsch, wie sie heute sind. Oder das Spielen war einfach anders angesehen. Nicht so sehr als Entspannung und Weltflucht, sondern mehr als Herausforderung. Zur Entspannung war man dann spazieren, oder hat ein Buch gelesen. Jetzt kommt wieder was boomeriges: Zoomers lesen ja nicht mehr so viele Bücher. Ihr macht die Bucherfahrung aus zweiter Hand. Was ich sehr oft höre, ist, dass sich ein Roman so anhört, wie dieses oder jenes Vgame, oder dass es da einen Artikel auf dem blabla-blog gegeben hat, oder jemand auf dem V-log drüber geredet hat. „Werwölfe? Kenn ich von The Order 1886.“

Vielleicht braucht ihr ja diese Entspannung beim Spiel, weil ihr eh unentwegt in die digitale Röhre schaut und euch durch irgendein Zeugs durchklickt. Früher war ja das Konsolenspielen wirklich eine Abwechslung zur Arbeitswelt. Das ist heute nicht mehr so.

Was ist eigentlich bei The Order 1886 aus Sicht der Fans schief gelaufen?

Felix: The Order 1886 ist fehlgeschlagen, weil das Spiel zu kurz, zu unausgereift und in erster Linie zu groß angekündigt war. Mythologie verbreitet sich heute eher über Vgames als über Bücher, da geb ich dir Recht. Auch Filmklassiker verlieren gegenüber Vgames immer mehr an semantischer Bedeutung, bedenkt man, dass Kratos (einer der PS1- Posterboys, God of War) jetzt als Fortnite-Skin herhalten muss, oder dass Medusa eher als Boss in Assassin’s Creed Odyssey bekannt ist, statt der tragisch verfluchten Gestalt die sie in der klassischen griechischen Mythologie ist.

Was ich allerdings schon in diesem Kontext ansprechen muss, ist das sich Vgames, wohl auch durch das Internet, wesentlich weiterentwickelt haben. Online Gaming war ein zentraler Faktor für eine sich weiterentwickelnde Spiel- und Spielerszene.

Die Gamer heute schätzen kompetitives Spielen sehr. Spiele wie Counterstrike Global Offensive lassen einen recht schnell merken, dass die Zukunft der Vgames sich im anonymisierten Cyberspace abspielt. PuSsYdEsTr0yEr69 teabagt über deiner virtuellen Leiche, man wird an der K/D gemessen, also nein, ich glaube nicht, dass die Gen Z Spaß daran hat, hirnlos was anzuklicken, es steht immer eine gewisse Leistung dahinter.  Gamer machen alles mit viel System, die kennen die Abläufe genau. Sie spielen taktisch. Genauso wie du damals Castlevania als Spieler analysiert hast, genau die Sprungmechanik gekannt hast, gewusst hast, wo und woran man sich anhalten kann, genauso gut wissen Gamer über mehr oder weniger ähnliche Spielmechaniken Bescheid. Es gibt immer Experten und es gibt immer Noobs. 

Stefan: Das Nintendo Entertainment System ist in Europa 1986 auf den Markt gekommen und drei/ vier Jahre danach hab ich angefangen damit zu spielen. Übrigens gabs 1983 bereits den ersten Video Game Crash, also den Zusammenbruch der ersten Videospielindustrie. Atari und ein Haufen anderer Anbieter hat zusehends billigen Schrott herausgebracht und die Übertragung von den Arcade-Spielen auf die Heimstationen hat meistens auch nicht geklappt. Nintendo hat die aus dem Tief wieder rausgeholt.

2000 ist dann die Dotcom Blase geplatzt. Daran sind nicht so sehr die schlechten Videogames schuld gewesen, sondern die Wetten auf Gewinne und Verluste. Aber die New Economy, hauptsächlich webbasierte Dienstleistungen, war betroffen und darauf baut ja das neue System der Spielindustrie weitgehend auf. Watchpartys von Playthroughs, Livestreams usw. Die haben sich trotz dieses Rückschlags gut erholt. Kleinanleger sind halt massiv geschädigt worden dabei.

Felix: Webbasierte Dienstleistungen. Eine schon fast kryptisch klingende Bezeichnung für Medien, die heute jeder kennt und konsumiert. Youtube (YT) und Twitch sind wahrscheinlich auch außerhalb der Szene vielen Menschen bekannt. Ich hab den Eindruck man kann keine 2 Videos auf YT schauen, ohne dass einem eine Werbung für ein Videospiel, oder noch schlimmer, irgendeine Cashgrab-Smartphone-App angezeigt wird, selbst wenn man sich Videos ansieht, die mit Gaming gar nichts zu tun haben. Kannst du dich noch dran erinnern, wie grausliche D-Promis wie Pietro Lombardi „Coin Master“ beworben haben? Das war sowas von cringey und außerdem Promotion von Glücksspiel, das allerdings sehr kinderfreundlich verpackt war. Was das Ganze noch widerlicher macht.

Auf Twitch tummeln sich vermehrt Streamer, die Geld damit verdienen, dass ihnen Andere beim Spielen zuschauen. Man kann heute tatsächlich gut mit dem Voyeurismus anderer Menschen Geld verdienen, kommt mir vor. Ich denke da besonders an eine ganz besonders toxisch veranlagte Streamerin, die ihre Audience beleidigt hat, sie würden ihr nicht genug Geld spenden. Besagte Streamerin spielt keine Vgames, sie schaut auf Youtube mit aktiviertem Adblock Videos, die andere Leute gepostet haben und kommentiert die. Adblock bedeutet in dieser Situation, dass die ursprünglichen Contentkreatoren, die die Videos selbst aufnehmen, schneiden und hochladen, durch ihren Aufruf keinen einzigen Cent sehen, da sich die meisten Youtuber (YTer) über Werbungen finanzieren.

Einige Streamer verdienen sich auch etwas dazu, indem sie absolut absurde Nischenprodukte promoten. Alles unter der Prämisse, es sei für „richtige Gamer“. Eiweißshake für Gamer, dann muss man nicht mehr vom Rechner weg, weil man sich die 2000 Kalorien einfach flüssig einehaut, wer braucht feste Nahrung?

Oder auch ein Pulver, das sich mit Wasser zu einem Energydrink a la Red Bull vermengt. Gonna need those Reflexes for Counterstrike. Ich glaub fest dran, dass sowas zumindest potentiell gesundheitsschädlich ist. Und mir läuft ein Schauer über den Rücken, wenn ich dran denk, dass Gaming immer öfter ein jüngeres Publikum anspricht. Auch geil find ich Gaming-Socken. Einfach nochmal langsam drüber lesen. GAMING- SOCKEN.

Stefan: Es kann prinzipiell nicht gesund sein, so lange zu spielen, dass man Mahlzeiten auslassen muss. Andererseits findet auch niemand was dabei, wenn man 8 Stunden lang wegen der Arbeit vorm PC sitzt. Also da gibt es schon eine Schieflage in der Betrachtung, die was mit dem weitverbreiteten Arbeitsfetischismus in unserer Gesellschaft zu tun hat. Oscar Wilde kritisiert das auf wunderbare Art. Er bezeichnet Lohnarbeit als unwürdigen Zwang für andere zu leben. Die Frage die sich da stellt, ist, ob nicht diese vernetzte digitale Gaming-World neue Zwänge auftürmt? Viele Spiele haben ja kostenpflichtige Anteile oder machen bestimmte Erfolge davon abhängig, dass man das richtige Equipment hat für das man wochenlang grinden muss, oder für das man eben ein paar Euro ausgeben soll. Für die Euro muss man dann wieder einige Zeit arbeiten.

Felix: Die Pay-to-win- Mechanik, die du hier ansprichst ist für mich eine der Entwicklungen die Vgames in den letzten Jahren kaputt gemacht haben. Es kommen immer wieder Spiele heraus, in denen man als Spieler, der nicht bereit ist Geld auszugeben vor allem im Multiplayer keine Chance hat gegen Spieler die in die digitale Währung innerhalb eines Vgames investieren. Mikrotransaktionen sind mittlerweile fast überall angekommen, vom Triple A-Game bis hin (und ich glaub sogar vor allem) in mobile Games, also Spielen die am Smartphone gespielt werden. Eine gefährliche Entwicklung, sieht man sich zum Beispiel Spiele wie Fortnite an, die eine sehr junge Spielerbasis anziehen, die meistens abgesehen von ihrem Taschengeld null eigenes Einkommen haben. Aber ich glaube genau dieses Geschäftsmodell haben die Leute bei Epic Games, dem Entwickler Studio hinter Fortnite angestrebt, bzw sie haben bis dato absolut nichts unternommen, um diese Entwicklung zu unterbinden. Mamis Kreditkarte hält dann halt für die Vbucks her, dann kann man sich auch endlich den Skin leisten, mit dem man ausschaut wie ein Kratos aus God of War, einem FSK 18- Spiel das an Brutalität eventuell von Mortal Kombat, aber nicht vielen anderen Vgames überboten wird.

Was ich auch besonders geil finde, ist das Konzept der Season Passes. Entwickler bringen ein Spiel heraus, verkaufen es zum Vollpreis, und veröffentlichen nach dem Release, meistens ein paar Monate später einen Season Pass, der quasi als Erweiterung nochmal Geld kostet. Es ist wie damals das „Horse Armor Package“ in The Elder Scrolls 4- Oblivion eine absolut unverschämte Abzocke.

Stefan: Günther Anders schreibt mal irgendwo, die Mode sei der Trick der Industrie um die Nachfrage aufrecht zu erhalten. Aber dazu braucht es auch eine Bereitschaft mit der Mode mitzugehen. Woher wissen die Spieler denn was gerade Mode ist? Nintendo hatte bereits 1988 einen Podcast. Den „Nintendo Power“ ein News und Strategie Podcast, der aus dem Printmagazin hervorgegangen ist.

Gamingjournalismus hat sich auch ein wenig verändert. Früher war es ein Begleittext zu den Spielen, der von den Firmen selber gekommen ist. Die haben das als Forum benutzt, um Neuigkeiten anzukündigen und Tricks zu verraten wie man Gegner, die unschaffbar waren, fertig macht. Es war Corporate Business. Jetzt ist das demokratischer. Wobei, der „Journalismus“ der auf Youtube stattfindet, ist ja eher eine Form von freiwilliger Corporate Mentality. Man merkt sehr schnell, dass es bei vielen wenig um Inhalt und mehr um Klicks oder das Reviewer Package vom großen Produzenten geht.

Felix: Nicht nur um die Klicks. Mir kommt vor es ist mittlerweile Usus, dass man Gamer mit einer bestimmten medialen Reichweite, neue Spiele „testen“ lässt. Entwicklerstudios stellen die Spiele oft vor dem offiziellen Release YouTubern zur Verfügung, natürlich unter der Abmachung, sie dürfen über das Spiel nichts Negatives sagen.

Was mir hierfür als Beispiel einfällt, ist das Anfang Dezember 2020 erschienene Spiel Immortals- Fenyx Rising. Das von Ubisoft entwickelte Spiel ist der purste, unverschämteste Abklatsch von Nintendos Legend of Zelda – Breath of the Wild (BotW). Ich habe bei einem Yter, den ich regelmäßiger schaue, ein verfrühtes Gameplay von Immortals gesehen und er hat relativ beiläufig fallen gelassen, dass er es vor dem Aufnehmen des für seine Zuschauer gedachten Videos erst in einem „abgesicherten Rahmen“, in einer Spielsitzung im Beisein eines der Ubisoft-Entwickler gespielt hat. Lustigerweise hat er die absolut unbestreitbare Ähnlichkeit zu BotW nicht einmal erwähnt.

Irgendwie kotzt es mich an, dass Nintendo, ein sonst so protektives Entwicklerstudio, es zulässt, dass Content so schamlos abgekupfert wird. Ich erinnere mich an ein Pokemon Fanwork – Project, Pokemon Prism, das sich rein das Konzept von Pokemon abgekupfert hat, oder viel mehr hätte. Alle Sprites, alle Charaktere und alle Pokemon waren vom Entwicklerteam komplett selbst designt und auch die Möglichkeit selbst als Pokemon zu spielen, waren absolut original und neu. Über acht Jahre hat das Entwicklerteam reingesteckt. Noch während des Entstehungsprozesses kam eine Beschwerde von Nintendo und das Projekt erschien nie.

Wenn jetzt Ubisoft daherkommt und abkupfert ist es anscheinend ok.

Stefan: Das Maskottchen der Nintendo-Welt ist ja Super Mario. Da gab es sogar mal einen Film mit Bob Hoskins. Großartiger Trash von Ed Solomon, der später Men in Black gemacht hat. Sega hat Sonic the Hedgehog. Auch wenn ich sagen muss den habe ich viel weniger verstanden. Mario und Luigi und das Märchenland in den Abwasserkanälen kann ich verstehen. Ich bin mit Spielzeug von Mattel und Hasbro und MB und solchen Produzenten aufgewachsen. Die haben in den 80er und 90ern einfach alles rausgebracht, was man aus Plastik und schlechtem Geschmack herstellen kann, was Kinderherzen höherschlagen lässt. Masters of the Universe, Turtles, Dino Riders, Hero Quest. Unglaublicher wundervoller, zauberhafter Trash.

Die Zeichentrickserien, die es dazu gab, waren als Werbung für die Figuren gedacht. Also nicht wie beim Star Wars Universe, oder den meisten heutigen Franchise Produktionen, wo zuerst ein Film da ist und dann unendliches Merchandise, sondern anders herum. Die hatten Gussformen für seltsame Mutanten und haben sich überlegt, wie sie die an die Kinder kriegen. Und haben dann Serien und Comics gemacht, drum herum.

Bei Masters gab es später ja sogar einen Film mit Dolph Lundgren als He-Man. Dass es eine Kinderserie gibt deren Hauptcharakter auf Deutsch „Er-Mann“ heißen darf, finde ich an sich schon faszinierend. Das ist auch deshalb, weil der He-Man ja eine durch Magie erzeugte Figur ist. Der Typ, der zu He-Man wird, mit der Macht von Greyskull, ist der Prinz Adam, der eher ein Hasenfuß ist und immer in einem rosafarbenen Jogginganzug herumläuft. Ich habe ihn geliebt als Kind. Ich wollte immer eine Adam Figur haben. Meine Mutter war aber völlig gegen die Masters. Was ich heute total verstehe. Aber meine Oma hat mir dann heimlich die grauslichsten Masters gekauft, wenn ich bei ihr zu Besuch war übers Wochenende. Ich sag nur Snake Face.

Das Highlight in dem Film ist Frank Langella als Superbösewicht Skeletor. Er spielt den Erzfeind von He-Man fast so übertrieben wie später Jeremy Irons in dem Dungeons and Dragons Film den Nekromanten Profion. Nur wo Irons Charakter total auf Wahnsinn setzt, ist Langella mit viel Würde und Pathos am Werk. Er hasst He-Man richtig. Das spürt man. Es ist toll.

Lustigerweise sind die epigonalen Charaktere der aktuellen PC Welt keine Erfindungen der Konzerne mehr, sondern literarische Figuren. Also bereits vorhandene Charaktere. Angefangen beim berühmten Geralt von Riva, dem Witcher, bis zu den ganzen endlosen Star Wars Epigonen und sonstigen Franchise-Vermarktungen aktueller Spiele.

Felix: Ich muss jetzt ehrlich gestehen, ich hätte vorgehabt mir im Rahmen der Recherche für diesen Text den neuen Sonic the Hedgehog Film anzuschaun, aber der war mir schon nach dem Teaser auf Netflix zu blöd.

Ich glaub schon, dass es auch heute noch genug Franchises gibt, die zuerst auf die Produktion des Produktes und dann auf die Vermarktung setzten, denk mal an die ganzen neuen Lego-Sets die rauskommen, Ninjago und ähnlicher Schmarrn. Aber ich sehe auch, dass heute immer noch 80er Erscheinungen, höchstwahrscheinlich wegen ihres Kultcharakters finanziell bis zum Letzten ausgeschlachtet werden. Star Wars Figuren und Pokemon Karten erfreuen sich bei Volksschülern auch heute noch allergrößter Beliebtheit. Vielleicht liegt es dran, dass es sehr schwer ist, etwas wirklich Neues zu etablieren, da schon so ein großes Angebot da ist. Ein Negativbeispiel dafür ist Minecraft. Das schlug ein wie eine Bombe, ist auch zugegebenerweise ein cooles, erfrischendes Spielkonzept gewesen. Alle coolen Kids hatten auf einmal Minecraft-T-Shirts, -Plüschtiere, -Lego und fast alles erdenkliche andere.

Und Gerald von Riva verdankt seinem Ruhm in erster Linie dem damals noch hoch angesehen Entwicklerstudio CD Project Red, weniger den Romanen, die eigentlich kein Schwein gekannt hat vorm 3. Teil der Spielreihe. Ich glaube, dass sich die Burschen und Mädels bei Project Red mit dem absoluten Flop von Cyberpunk so dermaßen ins Knie geschossen haben, dass wir keinen 4. Witcher-Teil mehr sehen werden.

Stefan: Das Genre der Spielentwicklung nimmt ja Formen an wie der Film. Die Spieleproduktion nähert sich dem Filmemachen an. Interessanterweise zu einem Zeitpunkt, in dem das klassische Kino sich anschickt unterzugehen. Die erfolgreichsten Filme laufen zurzeit in China, wie zb. der Film The 800 von Guan Hu. Die großen Hollywood Produktionen finden pandemiebedingt nicht statt, oder floppen so wie Tenet von Christopher Nolan.

Wobei Nolans Film so ein abstraktes Ungetüm ist, dass trotz der Ambitionen wenig politisch und dafür sehr metaphysisch daherkommt. Während Guan Hu ein berührender Film gelungen ist, in dem er den Kampf der Kuomintang gegen japanische Invasoren in Shanghai darstellt. Und dass, trotz chinesischer Zensur.

Jedenfalls gibt es diese Hinwendung zum Auteur Produzenten wie im Film auch im Spielebereich. Aber eh schon länger. Ich denk jetzt an Final Fantasy von Hironobu Sakaguchi. Da ist dieses Element schon vorhanden.

Aber richtig geknallt hat es erst bei Death Stranding von Hideo Kojima. Bei Final Fantasy steht ja noch der epische Konflikt von Gut und Böse im Vordergrund und man kann mit Training und guter Ausrüstung dem Bösen, von dem man recht bald Bescheid weiß, tapfer entgegentreten und es besiegen. Die Welt retten.

Bei Death Stranding ist die Welt eigentlich nicht mehr zu retten. Es sind nur mehr Pakete auszuliefern. Und irgendwie erinnert das an die aktuelle Pandemie. Wo alles von Zustelldiensten übernommen wird. Alles wird geschickt und die Kommunikation ist nur mehr digital. Wer weiß, ob die Menschen überhaupt noch alle da sind. Vielleicht sind manche nur mehr Signaturen?

Felix: Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen, ich hab die ersten 2 Spielstunden von Death Stranding tatsächlich hinter mir. Es spielt sich wie ein Fiebertraum. Norman Reedus liefert in einer postapokalyptischen Welt Pakete aus, wobei er einen durch Technologie am Leben gehaltenen Fötus in einer Art Mechanischem Kängurubeutel mit sich herumschleppt, trinkt ausschließlich Monster Energy, uriniert auf schemenhafte Wesen, um sie zum verschwinden zu bringen, vorausgesetzt er duscht nicht gerade, oder funktioniert seinen scheinbar sehr wirksamen Urin zu Granaten um.

Mich hat selten etwas mit so vielen Fragezeichen stehen gelassen, aber ich muss sagen nach verfassen dieses Absatzes, wäre ich doch an einer Aufklärung sehr interessiert, glaub ich hol das demnächst mal wieder aus dem Regal.

Der Film-Vgame Vergleich erinnert mich auch noch an ein anderes Spiel, das ich erst vor kurzem angespielt hab. Rockstar Games Red Dead Redemption 2, das hab ich aber nach gefühlt 4 Stunden dann auch wieder aufgehört, weil es sich einfach anfühlt wie ein Film. Es werden einem am Anfang keine Auswahlmöglichkeiten gelassen, es ist ein spielbarer Film. Fair enough, nach 6 Stunden kann man dann wahrscheinlich schon die Welt erkunden, aber bis dahin ist es ur zach. Mich schreckt sowas ab. Sorry, an alle Red-Dead-2 Liebhaber da draußen, ich glaube euch gerne, dass es ein tolles Spiel ist, aber mich nervt schon das Skyrim-Einstiegsszenario und da ist man nach 45 Minuten durch, da hab ich auf ein Spiel, bei dem ich nach 4 Stunden das erste Mal eine Entscheidung treffe, absolut keinen Bock.

Stefan: Das finde ich interessant, weil davon sind wir ja am Anfang losgegangen: Das einige Spiele heute sehr wenig Raum zum „Spielen“ lassen, sondern die Spieler an der Hand nehmen und betreuen. Bei Johann Huizinga gibt’s den Gedanken, dass der Mensch im Spiel Kultur erzeugt. Manche Philosophen fürchten die zunehmende Medienabhängigkeit des Menschen, andere finden die Fähigkeit des Menschen Zeit im Internet zu verschwenden ganz wunderbar. Vielleicht hängt es ja davon ab, was man mit der verschwendeten Zeit macht?

Wir könnten ja weiter darüber reden und dazu anregen die Zeit im Internet damit zu verschwenden aktiv drüber nachzudenken was man da tut.

… to be continued …

Art by Timon Tiefling!

Der Tiroler Subtyp

Gehst du gern Skifahren? Lieber als ins Theater? Ich frag nur, weil offensichtlich muss man sich momentan entscheiden.

Kann man in Österreich leben und gegen Skifahren sein? Kann man das überleben? Oder anders gefragt: Überleben wir das Skifahren?

Skifahren ist in Österreich ein Menschenrecht und zeigt auch symbolisch, was Menschen in der Freizeit gerne haben wollen: Ein Ringelspiel. Alle gemeinsam in die Gondel, möglichst eng. Dann in den Sessellift. Oben dann die absolute Freiheit! Gemeinsam mit den 60  Menschen aus der Gondel und den 20.000 Menschen die schon da sind. Mit allen gemeinsam die Piste runter bis zum nächsten Lift und alle gemeinsam wieder hinauf. Und dann zu weichgekochten Spaghetti auf die Bergstation, als Nachspeise ein Schokosnack und Skiwasser dazu nicht vergessen. Die Wagemutigen beginnen da schon mit dem Bier und legen sich in der langen Unterhose auf die Sonnenstühle. Aber runter fahren alle wieder dieselbe Piste. Und so geht’s immer im Kreis, bis es Abend wird, oder die Jägertees ihre Wirkung tun und dann geht’s erstmal zum Aprés Ski im Tal. In der „Bar zur gequetschten Brust“ oder „Zum luftigen Ski Overall“ oder eben ins Kitzloch. Wo dann wieder alle gemeinsam saufen und sich im Kreis drehen. Zur Musik von den Ursprung Buam, aber nicht im Original! Originale kennt die Hüttengaudi nicht, alles wird im stromlinienförmigen Universaltechno Remix von DJ Hüttenprinz oder so immer mit dem selben Beat zusammengesteckt. Wenn man Glück hat, kommt man noch in die Pension Biberzahn gewankt und kann im Foyer das ausgestopfte Murmeltier umarmen. Und dann die quietschende Holztreppe hinaufkriechen, ohne über den Spannteppich zu stolpern. Wer´s bis dahin schafft, der kann beruhigt schlafen, denn der nächste Tag kommt bestimmt und das Murmeltier wartet schon um die Ecke vom Frühstücksbuffet.

Und weil uns das Skifahren so wichtig ist, haben wir vor einem Jahr eine europaweite Pandemie in Kauf genommen. So, wie das Skilift-Karussell hat sich das Pandemie-Karussell einmal herumgedreht und jetzt kann sich alles wiederholen.

Letztes Jahr waren an den fatalen Fehlentscheidungen, die uns das Schlamassel eingebrockt haben, maßgeblich die subtypischen Tiroler Herren verantwortlich, die dort dank Wirtschaftspartei („Österreich erleidet stärksten Wirtschaftseinbruch in der EU.“) schalten und walten können, wie sie wollen.

Aber weil diese Subtypen halt eine Untertype des gesamtösterreichischen Haupttypen sind, sind sie dann nicht zurückgetreten. Weil besonders die Typen, die richtig grauslich danebengreifen mit ihren politischen Entscheidungen, treten im gesamtösterreichischen Fall nicht zurück. Typisch. Die sind also alle noch da und dürfen dieselben auf Gier, unreifem Egoismus und Ignoranz basierenden Entscheidungen wieder treffen. Und so kommt auf uns eine weitere Fahrt mit dem Ringelspiel der österreichischen Gesamtblödheit zu, nur dass sie diesmal wahrscheinlich ungleich tödlicher ausgehen wird, als letztes Mal.

Aber etwas ist doch anders in diesem Jahr: der Seilbahnchef im Pongau ist bereits vorgeimpft worden.

Niklas Luhmann ermöglicht Nichtpolitik zur Unzeit

Die Luhmann Homestory zeigt einige Aufnahmen mit ungewöhnlichem Inhalt. Man sieht Niklas Luhmann seinen Zettelkasten streicheln und mit ihm flüsternd konversieren. Man sieht ihn über den Gang trotten und mit einer Kollegin interagieren: „Die autopoietische Struktur deines Fingernägelwachstums fasziniert mich, Sieglinde.

Man kann ihn dabei beobachten, wie er in der Institutsbibliothek Titel von den Buchrücken abliest und jedem der Titel den Zusatz „der Gesellschaft“ hinzufügt. Dabei entstehen Klassiker mit einem Hauch von Understatement: Die feinen Unterschiede der Gesellschaft. Verfall und Ende des öffentlichen Lebens der Gesellschaft. Risikogesellschaft der Gesellschaft. Die moderne Industriegesellschaft der Gesellschaft. Wirtschaft und Gesellschaft der Gesellschaft. Aber auch neue Soziologische Meisterwerke wie diese: Aphorismen zur Lebensweisheit der Gesellschaft. Vom Ewigen im Menschen der Gesellschaft. Oder: Philosophie des Abendlandes der Gesellschaft.

Wer das zwänglerisch findet, hat keinen Humor und von Soziologie sowieso keine Ahnung. Die Luhmann-Originale machen es vor. Da gibt es etwa „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ ein Buch in dem sinnfällige Sätze stehen, wie: „Der Anschluß von Kommunikation an Kommunikation [kann] nicht willkürlich, nicht zufällig geschehen, denn sonst wäre Kommunikation für Kommunikation nicht als Kommunikation erkennbar.“ Und auch wenn dieser Satz doch bei weitem mehr Sinn ergibt, als Martin Heideggers berühmteste Posse über die Sprache: „Die Sprache ist: Sprache.“ (Martin Heidegger: Die Sprache), so erinnert er doch an die magische Anrufung eines Begriffs zu dem einem ansonsten nicht allzuviel eingefallen ist. Oder sollte die Häufung des Wortes Kommunikation der Tatsache geschuldet sein, dass „Die Sprache spricht.“, wie Heidegger vermutet?

Der kleine Niklas war bereits 1943 Luftwaffenhelfer bei der Wehrmacht obwohl er erst 1944 eingezogen worden ist. Dafür trat er dann auch gleich der NSDAP bei. Dass er dann als Konsequenz einige Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft verbringen musste hat er den Amerikanern wohl nie verziehen. Vor allem weil deren Behandlung der Gefangenen, wie er noch in den 1990ern verlautbarte „gelinde gesagt nicht nach den Regeln der internationalen Konventionen“ gewesen ist.

Wie dem auch sei. Die Systemtheorie, laut Luhmanns Selbstbeschreibung „eine besonders eindrucksvolle Supertheorie“ (Soziale Systeme, ab hier SS) kennzeichnet sich durch das Ressentiment ihres Autors „gegenüber Systemkritikern“ wie Bernd Ternes schreibt. Es handelt sich also um eine Theorie des Systems, die das System richtig geil findet, oder jedenfalls nicht kritikwürdig.

Die Systemtheorie ist das akademische Eingeständnis, dass die Politik jeden Gestaltungswillen aufgegeben hat. Zugunsten einer Verwaltung der Misstände, einer Lobbyarbeit für wenige Privilegierte und einer Vertretung persönlicher Interessen.

Niklas Luhmann ist Michel Foucaults deutsches Äquivalent, ein Meister der humanistischen Unverbindlichkeit und der menschlichen Abgründe, der sein Denken in einen Zettelkasten ausgelagert hat. (Um den seine Kinder übrigens jahrelang vor Gericht gestritten haben.) Gemeinsam mit Foucault ist er Repräsentant einer Theorie, die Nichtpolitik zur Unzeit betreibt. Einer Theorie, die lieber fröhlich und provokant ist als kritisch oder lösungsorientiert.

Zwei Herren namens Narr und Runze kritisieren die Systemtheologie bereits 1974, als Luhmann noch nicht durch die neoliberale Totalunterwerfung aller akademischen Bereiche in seiner zynischen Theorie vollkommen belegt und damit sakrosankt war.

Bei der Systemtheorie handle es sich laut Narr und Runze um ein begrifflich-begriffloses Strudeln, eine Auseinandersetzung mit ihr droht daher stets im positiven oder negativen Faszinosum unterzugehen. Luhmann verwende scheinbar szientifische Termini zur Feier eines ekstatischen Commonsense gegenwärtiger „überkomplexer“ Gesellschaft.

Soweit ich verstanden habe, bedeutet das folgendes:

Der Hausverstand wird systemtheoretisch angereichert und in die deutsche Küche geschickt, um die leere Schüssel begrifflich fertig zu backen. Auf geistige Nahrungsmittel, den Inhalt der Schüssel, ein Rezept, oder gar die Kritik eines misslungenen Rezepts wird großzügig verzichtet. Selbst die Systemanalyse wird, nachdem die Theorieluft ausreichend erhitzt wurde, sofort mit Sagrotan abgewaschen und hinterlässt deshalb bei Fertigstellung nicht einmal im bakteriellen Bereich kritische Spuren.

Aber nicht nur so genannte Linke finden Luhmann peinlich. Auch Klaus von Beyme nennt ihn sehr treffend einen wohlgemuten Nihilisten. Nicht, oder gerade doch, zu verwechseln mit dem fröhlichen Positivisten Foucault. Die bloße relativ unreflektierte Übernahme von Worthülsen aus den Naturwissenschaften in die Sozialwissenschaften führt dazu, so von Beyme, dass Individuen nur mehr als Teile von Systemen, oder besser noch, deren Anhängsel, erscheinen. In seinem Werk wird dementsprechend eine immer stärkere Entfernung von konkreten Analysen sichtbar. Wer vom Menschen absieht, braucht auch das System nur mehr ungefähr zu beschreiben. Das Begriffssystem der Systemtheorie wird parallel dazu auf Selbstgenügsamkeit programmiert. Empirisch erfassbares wird zusehends weggeschoben. Handlungsorientierung ist in der späten Systemtheorie ohnehin nicht mehr angedacht.

Die vollständige Umstellung von Subjekt auf System tut der Kritik des Systems jedenfalls nicht gut. Denn auch wenn man nicht genau sagen kann was gesellschaftlich vernünftig wäre, könnte man doch im Hinblick auf Individuen und deren Leiden zumindest noch sagen, was unvernünftig ist. Wenn es Individuen im System noch gäbe. Aber der Mensch gehört laut Luhmann zur Umwelt des Systems. (Die Gesellschaft der Gesellschaft, ab hier DGdG) Die eindrucksvolle Supertheorie ersetzt Individuen und deren Leiden durch den Begriff der Komplexität („Gegen Komplexität kann man nicht Protestieren.“ (DGdG)), der funktionalen Differenzierung und der Kontingenz. Eine Kritik an schlechten Verhältnissen ist an diesem Punkt nicht mehr notwendig. Auch Zwangskollektive sind nur Systeme neben anderen und religiöse Zwangskollektive können gleichberechtigt neben dem Bildungssystem zum Stehen kommen, wenn die Evolution das so will. Denn Gesellschaft ist das Resultat von Evolution (DGdG) und nicht, wie naive Philosophen bisher angenommen haben, ein Ergebnis politischer Kämpfe oder historischer Entwicklungen. System neben System, feinsäuberlich wie im Zettelkasten, der für Luhmann das Denken übernommen hat. Die Evolutionstheorie der Gesellschaft nimmt „Emergenz und Destruktion von Systemen mit Gleichmut hin“ (DGdG). Sie ist also in Bezug auf gesellschaftliche (Selbst-)Zerstörungsprozesse voll Zen.

In dem Zusammenhang verblüfft der Status menschlicher Existenz innerhalb der Systemtheorie nicht mehr allzu sehr. Denn es geht nicht darum menschliches Individuum (mit allen möglichen Freiheiten) in einer Gesellschaft (mit allen notwendigen Restriktionen) zu sein, sondern vielmehr ums „Personsein“ (SS) an sich. Person ist im Zettelkastensprech eine Personalausweis-Persönlichkeit. Sie generiert ihre Komplexität, das was die Romantiker hintersinnig „Tiefe“ genannt haben, aus Eigen- und Fremderwartungen. Erwartungen zu entsprechen, ist also ihre vorzüglichste Übung und komplex zu sein bedeutet in diesem Fall Erwartungen zu haben oder zu erfüllen. Dementsprechend ist auch nicht das Individuum und seine Fähigkeit selbständig urteilen zu können Grundlage einer funktionierenden Zivilgesellschaft, sondern das Rechtssystem, das deshalb „Immunsystem“ (SS) des Gesellschaftssystems sein kann, weil es den Umgang mit Erwartungen regelt. Als habe es den Verfall rechtlicher Mindeststandards und die Aushebelung des Rechtsstaats nie gegeben. Das historische Faktum der möglichen Immunschwäche wird, gelinde gesagt, auf die leichte Schulter genommen. Die historisch mögliche Trennung von Normen- und Maßnahmenstaat, die Selbstausschaltung des Rechtsstaats durch Verordnungen und Antizipation des Führerwillens sollte aber die Frage dringend machen: Wo bleibt denn das Immunsystem, wenn die Menschen die es anwenden sollen kein Rückgrat haben?

Rückgrat brauchen die Menschen als Beiwohner des Systems nämlich nicht. Sie erscheinen bei Luhmann ohnehin nur unter dem systemischen Urteil ihrer „sozialen Justierung“ (SS). Gefühle werden demgemäß in einer Sprache beschrieben, die auf eine völlige Abwesenheit derselben schließen lässt: „zwischenmenschliche Interpenetration“ schreibt Luhmann über die Begegnung von zwei Menschen, die sich zu schätzen lernen. Gefühle sind nichts anderes als wiederum „Immunsysteme“ (SS) die der Aufrechterhaltung des Bewusstseinssystems dienen, also psychischer Stabilität.

Diese Stabilität ist wichtig, denn Abweichungen mag sich das System nicht leisten. Wo bei Foucault der Gegensatz von normal/annormal, gesund/ungesund aus der Warte der Anormalen problematisiert wird, findet bei Luhmann eine Kranzlegung für den (psychisch) gesunden, funktionstüchtigen und sozial justierbaren Menschen statt. Wie gut das zusammengeht mit den neuen Diskursen von höchster Flexibilität und (Orts-)Ungebundenheit, bei gleichzeitiger ständiger Abruf- und Einsatzbereitschaft für den Markt, den Staat und die Pandemiegesetzgebung! Aufrechterhaltung, Bestandswahrung, Weiterwursteln. Alles Begriffe die wir aus den aktuellen Zeitungsschlagzeilen zur Genüge kennen. Das entspricht der Verwaltung der völligen Verausgabung der individuellen Ressourcen zum Wohle der kollektiven Interessen und zum Reichtum derjenigen die es sich leisten können. Das System hat eine diabolische Funktion: Die Aufrechterhaltung aller Verhältnisse und damit auch der Ausbeutungs-, Missbrauchs- und Gewaltverhältnisse. Das Gewaltmonopol und die Corona-Maßnahmen haben natürlich eine Schutzfunktion, ein friedensschaffende und eine Pandemie-brechende Wirkung. Aber sie hebeln die Ignoranz der politischen Kaste, die ökonomischen Ungleichheiten und die strukturellen Ungerechtigkeiten nicht aus. Sie schaffen Ruhe und störungsfreien Betrieb, ohne Leiden zu lindern. Der Kapitalismus wird momentan auf Arbeit und Einsamkeit reduziert. Das Ausharren im System ist demnach eine Kampagne zur langsamen Zerstörung der individuellen Resistenzkräfte in einem Zermürbungskrieg, der die Lücken für jeglichen Eskapismus langsam versiegelt. Die Systemtheorie spielt dabei die Rolle eines akademisierten Nebelwerfers dieser Haupt- und Staatsaktion der Kritikzensur durch Fantasieblockade.

Luhmanns Hauptbotschaft ist ja, um noch einmal Klaus von Beyme zu zitieren: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ Das ist, auf Deutschland bezogen, Luhmannpolitik in Reinkultur. Also auch diesbezüglich war er ein Prophet. Und Angela Merkel ist die aktuelle spirituelle Anführerin (im Sinn einer Charaktermaske) dieser Nichtpolitik.

Die Bürger sollen ihre spärliche Freizeit zugunsten der Volksgesundheit aufgeben, damit das Geschäft weiterlaufen kann. Denn Tote zählen nicht, wenn sie aus wirtschaftlichen Gründen in Kauf genommen werden müssen. Also volle U-Bahnen, Großraumbüros, Fertigungshallen und Schilifte und die damit verbundenen Toten sind der Preis, den man halt zahlen muss für die Fortsetzung der wirtschaftlichen Ausbeutung weiter Teile der Bevölkerung. Aber Museen, Gastgärten, Mittelalterfeste oder Schulsport im Freien sind verboten. Das Risiko sich bei einem Vergnügen zu infizieren ist gegen das Risiko sich bei seiner Pflicht zu infizieren als unstatthaft festgelegt worden. Sich ruhig verhalten, ruhig bleiben, nicht in die Öffentlichkeit, außer zur Arbeit. Alles muss weiterlaufen, aber ruhig, unaufgeregt. Egal wie schlecht die Verwaltung des ganzen läuft. Egal wie sehr die Ungerechtigkeiten durch die Krise wachsen. Konzerne die bisher kaum Steuern zahlen, kassieren jetzt auch noch Corona-Hilfen vom Staat und die Regierung in Österreich fühlt sich nicht verpflichtet aufzudecken, an wen die großzügigen Hilfen konkret gehen und wie hoch sie ausfallen.

Die Systemtheorie hat sich, auch über den Umweg ihres einstigen Kontrahenten Jürgen Habermas, in die Gefühlsmitte der Deutsch-Europäischen Gesellschaft geschlichen. Ergänzt durch juristische und naturwissenschaftliche Expertise hat sie sich in der politischen Bürokratie als alternativloses Entscheidungs- und Gestaltungssystem etabliert und ist mit allen akademischen Meriten zur objektiven Gestalt der gesellschaftlichen Gesamtvernunft erkoren worden. Und das so subtil und stillschweigend, wie es die Evolution der Gesellschaft eben vorsieht. Der reaktionäre Stillstand ist also naturgegeben und es erübrigt sich ihn zu analysieren, alles was zu tun bleibt, ist ihn zu beschreiben und ab und an in moralistischen Appellen Durchhalten zu verordnen.

Wir schaffen das.

Das ist der aktuelle Stand der deutschen Befindlichkeitsideologie. Merkel kennt sie auswendig. Nicht umsonst liefert Deutschland weiterhin Waffen an beinahe alle Faschisten dieser Welt, und mit wenigen Staaten ist Merkels Regierung nachsichtiger als mit denen die wirklich auf jegliche Menschenrechte pfeifen. Griechenland hatte dieses Glück nicht. Tolerant ist die neue Deutsche Ideologie vor allem mit den Mörderregimen dieser Welt, denn die will man nicht allzusehr verärgern, das würde nur Unruhe in den Betrieb bringen.

Denn in der Praxis hat dieselbe konservative Merkelregierung das System, das jetzt etwas schaffen soll, über Jahrzehnte kaputtgespart. Krankenhäuser, Landesverteidigung, Katastrophenschutz, Sozialsystem, Wirtschaftsstandort, Innovation. Alles röchelt dahin. Begonnen bei der Agenda 2010, vom „Sozialdemokraten“ Schröder, bis heute, zieht sich ein konservativer Kontrollverlust durch alle Instanzen. Und in der Corona Pandemie wird auch noch der sogenannte Mittelstand durch Blödheitspolitik vernichtet. In Österreich übrigens von der so genannten Wirtschaftspartei. Mit Systemtheorie geht das. Der Mensch ist die Umwelt des Systems. Und ob kleine Unternehmer im digitalen Business heutzutage außer einem Laptop gar keine Arbeitsmittel brauchen und daher aus der Corona-Hilfe diese eben nicht geltend machen können, sondern ihre Lebenserhaltungskosten bestreiten müssen, das muss eine Wirtschaftspartei ja nicht wissen. Der Mensch ist eine moralische Variable, die Theorie und auch das System kennt aber keine Moral. Nur den Begriff davon.

Aktuelle Politik besteht aus dem Dauerappell weiterzumachen ohne die Ressourcen zum Weitermachen zur Verfügung zu stellen. Es herrscht Unplanbarkeit und Verunsicherung. Die Politik drückt sich vor kollektiv bindenden Entscheidungen, drückt sich vor Verantwortung, drückt sich vor Solidarität. Die Politik verlangt gleichzeitig vollen Einsatz von allen und diskreditiert diejenigen, die davon frustriert sind. Die Politik stellt zwar keinen Plan zur Verfügung, aber es sollen sich gefälligst alle daran halten.

Wenn man diese Begriffsmoral konkret ausbuchstabiert, fällt man auf einen Scherbenhaufen. Denn das theoretische „Wir schaffen das!“ hat ja praktische Konsequenzen gehabt. Menschen die auf der Suche nach Schutz vor Krieg und besseren Lebensbedingungen aufgebrochen sind, sind dem System in die Falle gelaufen. Denn die Merkelsche Begriffsmoral hat nicht vorgesehen der Theorie auch eine Praxis anzuschließen. Es gab und gibt keine ausreichende Infrastruktur für die Aufnahme und menschenwürdige Unterbringung geflüchteter Menschen. Menschen die vor islamistischer Gewalt Schutz gesucht haben, sind in Europa auf dieselben islamistischen Strukturen gestoßen, vor denen sie geflohen sind. Opfer sind in Lagern mit Tätern eingeschlossen und zugleich Familien voneinander getrennt. Das auch, weil zwar zur Flucht aufgefordert wurde, aber niemand sich verpflichtet gefühlt hat für sichere Fluchtrouten zu sorgen. Das deshalb, weil es beim Personsein eben nicht um Humanität geht, sondern um einen Amtstitel, den man durch Geburt erwirbt. Die europäische Politik insgesamt ist zynisch und unbedarft zugleich und hat doch ein System.

Die Kaltschnäuzigkeit der Systemtheorie ermöglicht den Zynismus und die Nichtpolitik der Elite, die den Ausgebeuteten auch noch feixend und moralisierend die Arschkarte der Eigenverantwortung und des Anstands zuschiebt, die sie selbst (während sie auf gut bezahlten und gut gesicherten Posten sitzt) schon längst nicht mehr vorlebt.

Es wird ja in Österreich schon deshalb nicht von einem politischen Posten zurückgetreten, weil man ja von vornherein keine Verantwortung für irgendetwas übernimmt. Niemand ist zuständig. Ob auf Moria Kinder von Ratten angenagt werden, geht niemanden etwas an und wenn zwischendurch doch eine Grüne Politikerin ein paar empörte Zeilen darüber schreibt, dann tut sie das in dem Wissen, dass sie mit dem Thema gar nicht zur Abstimmung kommen wird in der teilweise Grünen Regierung. Am Ende wird sie einfach sang und klanglos von ihrem Posten entfernt.

Da fresst und fühlt euch moralisch erhoben. Aber wisst auch, dass dieses Leiden naturgegeben ist und wir da nichts machen können.“ So flüstert es aus dem Zettelkasten, im Einklang mit Hayek und Mises und allen so genannten Marktliberalen, die doch in Wahrheit Marktfetischisten, Marktextremisten und Marktterroristen sind. Das System (die Natur der der Mensch beiwohnen darf) wird’s schon richten. Und hats ja schon gerichtet, sonst wären ja die oben nicht da wo sie sind und die unten nicht da wo sie nicht sein wollen.

Dass die politischen Verwaltungen Österreichs in den letzten 30 oder mehr Jahren zerstört worden sind, sieht man an dem durchgängigen Versagen in der Krise. Sei es in der Terrorismusbekämpfung, in der Aufnahme von Schutzbedürftigen, oder in der Bekämpfung einer Pandemie. Es dauert Wochen bis auch nur brauchbare Informationen veröffentlicht werden von einem längerfristigen Plan oder konsistenten Maßnahmen ganz zu schweigen. Es ist ein kopfloses, haltloses, machttrunkenes Herumstolpern aller Verantwortlichen, das sich bis in die Verästelungen mancher Verwaltung hineinzieht. Noch scheint es weniger um Korruption und mehr um wirkliche Unfähigkeit angesichts von Aufgaben, die man eigentlich nie bewältigen wollte, zu gehen. Das System ist auf Unfähigkeit codiert. Verantwortliche gibt es laut Systemtheorie nicht. Das Projekt lautet: Theorie der Gesellschaft. Laufzeit: Mehr als 30 Jahre. Kosten: Sehr hoch. Denn Menschen gehen zugrunde.

Die Systemtheorie beginnt mit Luhmanns Traum, den Humanismus seiner Bigotterie zu überführen. Zu zeigen, dass, solange moralische Ansprüche Druck auf das Denken ausüben, diese Ansprüche nicht eingelöst werden können. Dazu wird der Mensch vermittels Theorie all seiner intrinsischen Ansprüche und Fähigkeiten entkleidet und er wird aus dem Zentrum der Verantwortung an die Peripherie des Systems verbannt, damit er ja keinen Schaden mehr anrichten kann. Zurecht stellt Luhmann fest, dass menschliches Eingreifen im Namen des Humanismus oft Leid erzeugt hat. Aber diese Verantwortung an das System abzutreten verlagert die Problematik nur dorthin, wo sie von Menschen nicht mehr gelöst werden kann. Luhmann nimmt dem geschichtlichen Verlauf das einzige autonome Korrektiv das er hatte. Ermutigt von der postulierten systematischen Überlegenheit wird diesem ohnmächtig gehaltenen Korrektiv dann auch noch von den profitierenden Agentur-Eliten die volle Verantwortung zugeschoben, sodass letztlich niemand verantwortlich und doch alle Schuld sind an dem Unglück, das sich vor aller Augen ereignet.

Wir schaffen das!“ bedeutet, „Löst es selbst.“, denn überall sonst herrschen Sparzwänge und das Diktat der Wirtschaft. Der Moralismus der Herrschenden, die sich nach unten abputzen, belehrt dann, aus der gepanzerten Limousine heraus auch noch die, die ohnehin am Boden liegen, weil sie in der U6 zerquetscht worden sind: „Seid untereinander tolerant und teilt das bisschen was wir euch lassen.

Insofern ist diese Systemtheorie eine konsequente Fortsetzung des typischen deutschen Geschwurbels und Gemurmels, das stets verlässlich davon ablenkt, dass gerade alles schiefläuft. Nur dass es in der aktuellen Situation nicht mehr zur (stets nationalsozialistisch brauchbaren) Seinsphilosophie, sondern nur mehr zur Speibphilosophie gereicht hat, die das wiederholte Versagen des Systems über den Mittagstisch wieder hereingeholt hat in den engsten Familienbereich. Wo wir jetzt mit Corona und Wirtschaftskrise alleine sitzen und uns fragen: Wie konnte das passieren?