Gemeinsam über die Kunst von Bernhard Niegel. Teil 1: Ich stell mir was vor und Bernhard ordnet ein

Stefan: Bei deinem Bild „Stechpalme“ hatte ich auf den ersten Blick folgende Assoziationen: Die Farbgebung hat etwas Unheimliches. Das dunkelrot pulsierende Herz im Zentrum verspricht Wärme und ein fremdartiges Eigenleben. Dunkle Romantik, wie dargestellt in Disneys Fantasia, im Abschnitt mit dem Ave-Maria. Verschwimmende Umrisse, Motive von Leuchten und düsterer Wärme. Archetypisch: Urwald, Höhle, Geborgenheit, Gefahr, Mutter. Hohe Anziehungskraft. Überhaupt strahlen hier eine große Fruchtbarkeit und sexuelle Energie. Eine verbotene Frucht zur Weihnachtszeit?

Aus den ersten Gedanken hat sich dann folgende Miniatur entwickelt: Der letzte Satz von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ schließt die Abgründe auf, mit denen zu rechnen ist: „Über der Flußmündung hing eine schwarze Wolkenwand, und das träge Wasser, das die entferntesten Enden der Erde erreicht, floß dunkel unter einem bedeckten Himmel – schien ins Herz einer gewaltigen Finsternis hineinzufließen.“ Das gesunde Grün des Dschungels kann täuschen. Das reiche Leben dort ist tödlich. Die satte Blüte wächst im Zentrum des Überlebenskampfes als pulsierendes Wahnsinnsherz. Was auch den Assoziationen auf die Sprünge hilft: Was tut die „Stech“-Palme, wenn sie unbeobachtet ist? Zugleich wird die Erinnerung an den Weihnachtsstern geweckt, dem die Könige folgen. Eine Erfahrung mit „Stech“-Apfel, die als Himmelsphänomen interpretiert zur Wallfahrt anregt? Ein Bild mit vielen Schichten. Ohne Kitsch, aber mit dem nötigen Pathos der Heiligen Zeit, humoristisch gewendet.

Bernhard: Viele Farbschichten, wie das Weihnachtsfest selbst vielschichtig ist. Schnell gefragt hat jeder seine vorgefasste Meinung zu diesem Fest und dieser Zeit. Aber wenn man sich die Zeit nimmt, um über die Betrachtungswinkel nachzudenken, erkennt man schnell, dass es derer unglaublich viele gibt, und diese oft sehr gegensätzlich sind, sowie das Düster dieses Bildes nicht gleich alles enthüllt. Weihnachten ist alles, es ist warm oder kalt, festlich oder einsam, es gibt dabei Überfluss und Entbehrung, Menschen sind dabei gierig oder selbstlos … oft nur ein paar Meter voneinander entfernt.

Stefan: Helmut Qualtinger singt das Mundart-Lied „auxoffana r untan gristbam“ mit einem diabolischen Unterton. Darin liegt ein Betrunkener besinnungslos unter dem Weihnachtsbaum auf dem Kerzen brennen. Keine andere Seele ist daheim. Es wird bald brennen, die Zuhörer können das leicht vermuten. Es ist still und sieht bestimmt feierlich aus. Der schlafende Trinker, aufgebahrt auf einem zukünftigen Totenbett. Ich denke beim Hören an einen Gemeindebau. Nebenan ist vielleicht gerade Bescherung, mit glücklichen Kindern und großen Augen. Hoffentlich breitet sich das Feuer später nicht aus. Die Selbstmordraten steigen an hohen Feiertagen, besonders an Weihnachten und Silvester, an denen die Einsamkeit stärker spürbar ist Weihnachten hat auch immer etwas Tragisches, und beim Lied von Qualtinger auch einen Hauch von Wahnsinn.

Bernhard: Ja, auch das ist Weihnachten, und wenn dieser Teil uns besinnlicher, warmherziger und demütiger macht, ist es auch ein guter.

Stefan: Magst du das noch ausführen? Es wirkt ein wenig so, als würdest du sagen, Tragisches und Wahnsinn machen uns demütig. Oder ist das die Intention? 

Bernhard: Ich persönlich nehme zunehmend (bewusst oder weniger bewusst) die Gelegenheiten wahr, um Dinge zu hinterfragen, vor allem bei einem so stark ambivalenten Thema. Und Demut gehört für mich zu diesem Prozess vom sehr starren, eindimensionalen Blickwinkel zu einem offenen „Ich schaue mir das Ding von allen Seiten an“ einfach dazu.

Stefan: Bei Herbert Marcuse taucht die Vorstellung auf, dass die Kunst einmal eine eigene, „zweidimensionale“ Qualität oder Realität besessen hat, die als Gegenwelt zur realen, unfreien Gesellschaft fungierte und diese anklagte. Was Marcuse mit der Begrifflichkeit der Psychoanalyse „repressive Entsublimierung“ nennt ist die Absorption der Kunst durch die Konsumgesellschaft, in der Kunst ihre kritische Funktion verliert und nur mehr unter den Regeln der „Kommerzialisierung“ steht. Anstatt also ein Stachel in der Haut der Herrschenden zu sein, wird autonome Kunst zu einem harmlosen, konsumierbaren Bestandteil des Alltags, wodurch ihr subversiver (umstürzlerischer) Charakter verloren geht. Das wiederum führt zu einer „Eindimensionalität“ des Denkens: Da selbst Kultur und Ästhetik der Logik von Warenproduktion und Profitmaximierung untergeordnet werden, fehlt den Menschen der Raum ihre Fantasie und Vorstellungskraft anzuregen, um offen zu sein für eine andere, freie Gesellschaft. Ohne Kommerz und Zwang. Ich habe das Gefühl, die bildende Kunst insgesamt sträubt sich anhand ihres Materials gegen das Eindimensionale. Oder anders gesagt: Auch im Kommerz ist noch eine kritische Funktion der Kunst möglich, und zwar genauso wie du das beschreibst, durch die Veränderung des Blicks.

Bernhard: Ich möchte mich da jetzt nicht allzu weit aus dem Fester lehnen, was ja bei Interpretationen von Meinungen anderer immer recht leicht passiert, aber ich glaube, dass hier der Wunsch nach Kritik durch Kunst, also diesem Werkzeug mehr Potenz zuzuschreiben, größer war als die Realität, auf die er möglicherweise verklärt zurückgeblickt haben mochte. Man muss sich nur überlegen, in welcher Zeit Marcuse gelebt hat und welche unglaubliche Geschwindigkeit die Welt und auch die Kunst damals hatte (verglichen mit der Zeit davor), zwei Weltkriege mit all Ihren Ängsten und auch Hoffnungen, mehr Kunstepochen und Richtungen als in den Jahrhunderten davor.

Ich glaube man muss hier ein paar Dinge separiert voneinander betrachten.

Ist Kunst kritisch bzw. welcher Prozentsatz von Kunst ist kritisch? Ich denke, dass Kunst in den letzten 100 Jahren viel an Kritik dazugewonnen hat und es auch immer mehr Formen von kritischer „Kunst“ gibt, weil es heute nicht mehr so gefährlich ist, kritisch zu sein, zumindest regional betrachtet. Aber natürlich ist ein großer Teil wirtschaftlich geprägt, das war aber nie anders, wenn man sich so in der Kunstgeschichte umschaut.

Wie leicht ist es, Kunst zu konsumieren? Das hängt von einigen Faktoren ab, die es ganz ohne Bedauern zu betrachten gilt. Wie einfach drücke ich mich aus, wie viel Aufwand bereitet es der Konsumentin/dem Konsumenten mich zu verstehen, und drittens, eher kulturell bzw. soziologisch geprägt, wie gehe ich/die Konsumentin/der Konsument als Teil der Gesellschaft mit Dingen um die ich/sie/er nicht hören will.

Für mich als Künstler ist die Möglichkeit, Kritik oder tiefgründige Themen transportieren zu können extrem wichtig, aber das sind nur zwei von vielen möglichen Ebenen und keine Voraussetzung Kunst zu machen. Nicht alles, was ich mache, braucht eine konkrete Botschaft, manchmal sind es ästhetische oder technische Aspekte, die mich antreiben, oft Emotionen die eine Form, Farbe, Stimmung suchen. Bei diesen emotionalen, expressiven Werken ist interessanterweise oft die Interaktion mit der Betrachterin/dem Betrachter am stärksten, weil die Betrachterin/der Betrachter beim Anschauen und Sich-Einlassen auf das Bild oft Kontakt mit sich selbst und eigenen Gefühlen und Erinnerungen aufnimmt.

Stefan: Bei deinem Bild „Stil“ hatte ich auf den ersten Blick folgende Assoziationen: Eine üppige (barocke) Kirche in leerer Landschaft. Eine Karlskirche ohne Karlsplatz. Oder gerade der Karlsplatz als Wasserfläche? Jedenfalls eine goldene Dämmerung oder Morgenröte. Schweres Licht auf einer Ruinenlandschaft. Zugleich der freundliche Morgen nach einem Sturm. Die alte Kirche umstanden von schattigen Zypressen am Beginn eines Sommertags. Nein. Die Sorgen überwiegen. Das hoffnungsvolle Goldlicht ist schwarz gerahmt. Alles drückt zum Mittelpunkt. Die Kirche scheint Gast ihres eigenen Untergangs. Die Spiegelung auf der Wasseroberfläche zeigt ihre Zukunft. Eine Ruine. Stilistisch Anklänge an Kubin.

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Aus den ersten Gedanken hat sich dann folgende Miniatur entwickelt: Der Dichter Georg Trakl lässt die Seele in Form von weißen Vögeln aufflattern, über stürzenden Städten von Stahl. Ein landschaftlicher Kontrast wie im Mittelalter? Die allermeisten Menschen leben in Strohhütten mit ihrem Vieh unter einem Dach, die gotischen Kirchen wachsen daneben in den Himmel. Es sind Burgen des Glaubens und sie stehen in ihrer Pracht den Burgen der Lehensherren in nichts nach. Die Glaubensburg auf dem Bild steht allerdings kurz vor dem Fall. Konstantinopel wurde im Jahr 1453 von seinen christlichen Herrschern verzweifelt verteidigt. Kaiser Konstantin XI fiel mit vielleicht 10.000 Mann. An seiner Seite stand der Söldnerführer Giovanni Giustiniani Longo aus Genua, wo die Kirchen meist romanischen Stils sind. Aber auch der osmanische Thronanwärter Orhan, Enkel des 1409 getöteten Sultanssohnes Suleiman, schloss sich der vergeblichen Stadtverteidigung an. Die Hagia Sophia, spektakulärste Kirche des byzantinischen Christentums, ist heute eine Moschee. In der Wiener Karlskirche findet sie einen Nachahmer. Die goldene Kirche des Kunstwerks verrät ihre Herkunft nicht.

Bernhard: Barocke Kirchen, indische Paläste oder Moscheen: Immer wieder findet man in der Architektur die Kombination aus zentraler Kuppel und symmetrisch dazu angelegten Türmen oder Säulen. Besonders schön auf sich allein gestellt, ohne störendes Drum-Herum. Schön genug, um sich zu spiegeln, selbst wenn die beste Zeit längst vorbei ist. 

Stefan: Die Gemeinsamkeit der barocken Kirche, der Moschee und des Taj Mahal, errichtet durch die muslimischen Mogul-Herrscher, liegt eventuell an der Ausbreitung des Islam. Die eroberte Hagia Sophia, eine christliche Kirche, ist Vorbild für die Prachtmoscheen des, sich von Byzanz und dessen architektonischer Kultur aus konsolidierenden, osmanischen Imperiums. Es gibt also diese historisch-architektonische Schicht.

Bernhard: „Ausbreitung des Islam“, ich weiß nicht, ob ich das so bezeichnen würde. In der Architektur sowie in allen anderen Künsten bis hin zum Kochen, gibt es immer eine Verbreitung des Bemerkenswerten, solange es einen Austausch gibt. Es gibt keinen Bereich in dem nicht geklaut, kopiert, interpretiert oder weiterentwickelt wird. Wer der Überträger oder Transporteur ist, ist für das Prinzip schlussendlich unerheblich.

Stefan: Die „Verbreitung des Bemerkenswerten“ ist eine sehr schöne Formulierung. Es erinnert an den Kunstbegriff der frühen Romantik. Die Welt kann ästhetisch umgestaltet werden. Aber es gibt auch Kunstschichten darüber und darunter. Das Bauwerk zu exponieren, wie du es tust, eröffnet Deutungsmöglichkeiten abseits der historischen, vielleicht auch der religiösen Schichten.

Bernhard: Es sind die vielen Betrachtungswinkel, aus denen heraus man sich mit einem materiellen Objekt oder geistigem Gut beschäftigen kann, oder auch deren Einzelteile. Für mich geht es künstlerisch meistens um Teilaspekte, die dann oft um andere Aspekte erweitert werden.

Stefan: Ist in der Kunst selbst eine religiöse Erfahrung möglich? Oder geht es dir nur um den veränderten Blick(winkel)?

Bernhard: Religiöse Erfahrung, vor dieser Aussage würde ich mich scheuen. Spirituelle Erfahrung ist sicher möglich. Für mich spielt es aber kaum eine Rolle. Auf der anderen Seite boten die Religionen oder vielmehr die entsprechenden Institutionen von jeher einen großen Raum für künstlerische Tätigkeit und haben dadurch wohl auch sehr viel für die Entwicklung der Architektur und Kunst getan. Denn einer Sache muss man sich bewusst sein: Große Architektur beziehungsweise große Kunst zu machen, muss man sich leisten können und wollen.

Veränderter Blick trifft es wohl am besten. Es ist wie eine Parabel in der Literatur, nur mit mehr Interpretationsspielraum.

Stefan: Bei deinem Bild „Engel Dämon“ hatte ich auf den ersten Blick folgende Assoziationen:

Natürlich Blake und Milton. William Blakes „Visions of the Daughters of Albion“ drängt sich auf. Ich schlage sie nach: „To the abhorred birth of cherubs in the human form, That live a pestilence & die a meteor, & are no more;“. Aber auch Manichäisches: Engel und Dämon sind aufeinander bezogen, sie können nicht ohneeinander. Aber der Kampf zwischen Gut und Böse währt ewig. Vielleicht endet ja auch das Leben, wenn die beiden sich versöhnen? Mein Sohn kommt ins Zimmer, während die Bilddatei am PC-Bildschirm offen ist und fragt, was das für ein Bild ist. Ich erkläre es ihm und frage ihn, warum es ihm aufgefallen ist. Worauf er erwidert, es sei „schön, weil der Engel ruhig und konzentriert und der Dämon wütend ist und sich das reibt“.

Aus den ersten Gedanken hat sich dann folgende Miniatur entwickelt: Das Wort Dämon (Daimon) stammt aus der hellenistischen Kultur. Die Dämonen der griechischen Antike sind produktive geistige Kräfte, ob sie nun gut oder böse sind. Der Daimon denkt in uns. Er ist überall am Werk, wo wir unsere Gedanken hinwenden. Jedes Gedicht, Kunstwerk, jede Erfindung ist dämonisch. Der Engelsdaimon ruhig, konzentriert, geplant, in sich gekehrt, von seinem Ziel nicht abzubringen. Der Dämonendaimon erregt, emotional, spontan, schöpferisch, auf das Außen fixiert, ablenkbar.

Kurt Flasch hat in einer umfassenden Studie dargelegt: „Der Zusammenhang von Gott und Teufel ist eng, enger als gedacht. Vielleicht wurden deshalb selbst die reformeifrigsten Theologen den Teufel nicht recht los.“ Wir werden den Teufel nicht los, weil wir ihn brauchen, vielleicht sogar, weil wir ihn brauchen wollen. Aber das ist gar nicht das Gefühl, dass dieses Bild vermittelt. Hier stehen zwei Ebenbürtige nebeneinander, jeder auf seinem eigenen Bild. Wenn sie aufeinandertreffen, vielleicht passiert etwas Überraschendes.

Bernhard: Engel – Dämon; gut – böse; hell – dunkel; männlich – weiblich; … Es sind die Gegensätze oder richtiger die Gegenteile. Die Gegenteile, ohne die das Andere gar keinen Sinn ergibt; die Gegenteile, die nur miteinander etwas vollständig machen; die Gegenteile in uns … In der Kunst und Phantasie können eindimensionale, unwidersprüchliche, absolute Darstellungen reizvoll, ja sogar epischer Natur sein. In der Realität wirkt das eher platt und einfallslos.

Stefan: Es gibt von Karl Rosenkranz eine Ästhetik des Hässlichen. Die Hölle, schreibt er, ist nicht nur in ihren moralischen und religiösen Dimensionen begreifbar, sie hat auch eine ästhetische Qualität. In ihr findet sich das Hässliche zusammen. Er spricht von den „Schrecken der Unform und der Missform, der Gemeinheit und Scheußlichkeit“ von „Verzerrungen, aus denen die infernale Bosheit zähnefletschend uns angrinst“. Deine Dämonen sind grazil und sie grinsen nicht. Sie wirken nicht wie ein triumphierendes Böses, nicht so, als wären sie gemein. Die ich bisher gesehen habe, haben gar kein Gesicht. Sie brauchen es nicht, drücken sie ihre Gefühlsregungen doch durch die Haltung aus, die sie einnehmen. Dein Böses ist nicht hässlich und sehr ambivalent.

Bernhard: Sie brauchen kein Gesicht, weil es hinderlich wäre. Es sind Aspekte von uns. Sie stehen für unsere Schwächen und Stärken. Meine Wut hat ein anderes Gesicht als meine Missgunst, mein Mitgefühl ein anderes als meine Fürsorge. Ein menschlicher Aspekt hat in zehn Menschen zehn verschiedene Gesichter. Unterschiedlich groß, unterschiedlich stark, unterschiedlich laut. Himmel und Hölle sind für mich unsere Höhen und Abgründe, und ihre Bewohner die Aspekte, die uns zu dem machen, was wir sind. 

Stefan: Pablo Picasso hat einmal gesagt: „Wenn ich arbeite ruhe ich mich aus.“ Und „Ich male, wie ich atme.“

Bernhard: Das gefällt mir sehr gut. Und ja, ich denke oft nicht viel darüber nach, was ich gerade tue, während ich male. Ausruhen würde ich jetzt nicht gerade sagen, ich merke zwar dabei keinerlei Anstrengung, aber hinterher oft eine überdurchschnittliche Erschöpfung.

Stefan: Für ihn ist jeder in einem gewissen Maß ein Autodidakt. Er beschreibt sich selbst als jemanden der nicht sucht, sondern findet.

Bernhard: Ich finde mich da schon wieder. Viele Bilder suchen mich, nicht umgekehrt. Einige sind Wiederholungstaten, die einfach nicht fertig sind in mir. Wenn ein Thema nicht abgeschlossen werden kann, kommt es immer wieder.

Stefan: Nochmal Picasso: „Ein Bild ist nicht von vornherein fertig ausgedacht und festgelegt. Während man arbeitet, verändert es sich im gleichen Maße wie die Gedanken.“ Wie ist dein Zugang zum künstlerischen Produktionsprozess?

Bernhard: Das ist bei mir nicht ganz so. Es gibt Bilder, die sehen genau so aus in mir, und ich kann mir dann Gedanken machen, wie setze ich das um, um dieser Vorstellung zu entsprechen. Welcher Untergrund? Welcher Werkstoff? Welches Werkzeug? Dort hat dann die autodidaktische Herangehensweise seine Vorteile, wer keine Technik gelernt hat, hat auch wenig Angst mal was Neues auszuprobieren. Was auch immer wieder ein abschätziges „Das macht man so nicht“ mit sich bringt, was mich allerdings eher darin bestärkt es doch so zu tun.

Stefan: Theodor Adorno sagt, der Bürger will seine Kunst üppig und sein Leben bescheiden, umgekehrt wäre es besser. Was ist für dich „gute“ Kunst. Oder besser gefragt: Wie kann Kunst in deinen Augen gelingen?

Bernhard: … Ich weiß nicht einmal, ob ich in der Lage bin zu sagen, was Kunst ist oder was Kunst ausmacht. Natürlich findet man genügend Definitionen von Kunst, manche besser, manche totales Geschwurble. Wo ist die Grenze zwischen Kunst und Handwerk? Möglicherweise ist es das, was Picasso mit „nicht sucht, sondern findet“ meint. Ist es noch Kunst den zweihunderttausendsten Apfel zu malen? Oder ist es bloß Handwerk, egal wie perfekt es sein mag? Ich weiß es nicht.

Vielleicht braucht auch jede Zeit ihre eigene Definition von Kunst. Gerade in Zeiten, in denen sich durch den Einsatz von Technik vieles ändert, ist es schwierig hier Grenzen zu ziehen, oder alte Grenzen anzuwenden.

Für mich persönlich darf Kunst bewegen, emotional oder geistig, vielleicht mit einer Brise Subtext, wie ein kaum verständliches Flüstern im Wind.

Stefan: Aber in einem stimmst du mit Adorno überein: Deine Kunst ist nicht üppig. Sie hat nichts Barockes, nichts Überbordendes. Alles ist beinahe asketisch reduziert. Nur Wesentliches wird sichtbar.

Bernhard: Das liegt bei mir am Fokus auf dem, was mich zu einem Bild antreibt, aber ich würde das nicht verallgemeinern. 

Stefan: Stefan Heidenreich hat eine Theorie über die Kunst, die ich recht adäquat finde für die aktuelle Situation. Er meint, dass was wir als Kunst bezeichnen eine eng begrenzte Sparte institutionalisierter Hochkultur ist, die nur wenige Menschen erreicht. Was oft auch strukturelle Gründe hat. Gleichzeitig haben wir eine Kunstindustrie, die nicht auf Institutionen oder theoretische Rechtfertigungen angewiesen ist und das alltägliche kulturelle Leben viel stärker prägt. Diese paradoxe Situation führt dazu, dass in den großen Museen immer wieder dieselben weltbekannten Künstler ausgestellt werden, denn sie sind die Publikumsmagneten, die Kundschaft bringen, die sich die Tickets leisten kann/will. Oder sie können den Mainstreamgeschmack bedienen und sich an der Kunstindustrie ausrichten und populäre Massenkunst anbieten. (Wander-)Ausstellungen über berühmte Filme sind so ein Versuch. Star Wars oder ähnliches. Die unbekannten, neuen Künstler, Repräsentanten neuer Strömungen, werden in diesem System so gut wie nicht vertreten.

Bernhard: Natürlich nicht, hier geht es ums Geschäft, und selbst im Non-Profit Bereich müssen sich Systeme erhalten können, solange sie in ein wirtschaftsorientiertes System eingebettet sind. Das Objekt Kunst spielt hier nur eine untergeordnete Rolle.

Stefan: Worauf Heidenreich hinaus will, ist heruntergebrochen, dass Kunst es sich leisten können muss anspruchsvoll und innovativ zu sein. Wie siehst du das? Was sind da deine Erfahrungen?

Bernhard: Ich sehe das genauso, nur in unserem Gesellschafts-Konsum-System wird das nicht passieren, weil einfach die Grundlagen fehlen. Gute Kunst zu schaffen, geht ja noch so einigermaßen. Die dann auch zu beurteilen, wird dann schon deutlich schwieriger, weil halt im kuratorischen Mindset der wirtschaftliche Aspekt viel zu schwer wiegt. Dem Ganzen eine Bühne zu geben ist da eine ganz andere Hürde, denn die kostet halt wirklich Geld. Und dann kommt erst die große Herausforderung ein Publikum zu erreichen, das sich das auch ansehen will, und dort ist das Leicht-zu-Konsumierende deutlich magnetischer.

Stefan: Lieber Bernhard, vielen Dank für das spannende Gespräch.