Stefan: Der HC Artmann hat einst die Frage aufgeworfen: „wos an weana olas en s gmiad ged“. Die Aufzählung die dann folgt, enthält unter anderem: „a faschimpöde fuasbrotesn, a finga dea wos en fleischhoka en woef kuma is, drei wochleid und a drafik, a giatlkafee met dischbost“ Koks ist da noch nicht dabei. Der Tod muss a Wiener sein. Sagt man beim Heurigenlied. Ist der Wiener auch ein Kokser?
Lisa: Wenn es nach Falco geht, kann man sicher sagen, dass Wiener auch Kokser sind. Dabei singt er bereits 1981 in seinem Lied „Ganz Wien“: „Ganz Wien, ganz Wien / greift auch zu Kokain, / Überhaupt in der Ballsaison. / Man sieht ganz Wien / Is so herrlich hin, hin, hin, / Kokain und Kodein / Heroin und Mozambin“ Auch wenn man den aktuellen Abwassermessungen Glauben schenkt, kann man vermuten, dass zumindest einige Wiener und Wienerinnen Kokser sind. Wobei, was macht einen Menschen überhaupt zum Kokser? Ist man das bereits nach einmaligem Konsum oder braucht es dafür etwas mehr?
Stefan: Um zum umgangssprachlichen „Kokser“ zu werden, braucht es einen regelmäßigen Konsum und eventuell auch ein gewisses Maß an Abhängigkeit vom Konsum. Das entscheidet sich vielleicht auch am Habitus. Manchen sieht man vielleicht an, dass sie öfter mal was ziehen. Die Frage ist dann vielleicht, was genau ziehen sie? Was ist eigentlich Kokain? Bzw. warum nimmt jemand sowas?
Lisa: Kokain ist eine psychoaktive Substanz, welche aus der Cocapflanze bzw. aus den Blättern dieser Pflanze gewonnen werden kann. Dabei gibt es Kokain in verschiedenen Formen, wie Pulver, aber auch als Crack, was als feste kleine Klumpen beschrieben werden kann. Dadurch varriiert auch die Konsumweise und womit das Kokain kombiniert bzw. gestreckt ist. Psychoaktiv heißt hier, dass durch den Konsum eine erhöhte Dopaminaktivität auftritt, die ein intensives Glückgefühl bei der konsumierenden Person auslöst. Dabei aktiviert Kokain auch das symphatische Nervensystem, was zu Gefäßverengung, Bluthochdruck und Herzrasen führen kann, sowie zu erweiterten Pupillen. Beim Konsum über die Schleimhäute tritt eine betäubende Wirkung an der Stelle auf, wo es appliziert wird.
Die Gründe für den Konsum von Kokain sind vermutlich sehr unterschiedlich. Mögliche Beispiele wären: der Wunsch zur Leistungssteigerung durch erhöhte Wachheit, unterdrückte Müdigkeit und Hungergefühl sowie gesteigerter Antrieb oder der Wunsch nach erhöhter Euphorie und einem gesteigerten Selbstbewusstsein.
Stefan: Wie ist die Rechtslage in Österreich?
Lisa: Kokain ist nach dem österreichischem Suchtmittelgesetz ein verbotenes Suchtgift. Demnach ist der Konsum nicht verboten, aber der Besitz und Handel schon. Auch die Einfuhr und Ausfuhr sind illegal, sowie der Verkauf und die Herstellung. Kurz gesagt ist Kokain in Österreich illegal, Besitz und Erwerb sind strafbar und Konsum ist kein eigenständiger Strafbestand. Wie funktioniert eigentlich Konsum ohne Besitz? Da das eine ja strafbar ist und das andere nicht?
Stefan: Es klingt nach einem inneren Widerspruch. Und wenn man sich das Gesetz genauer ansieht, ist es das auch. Ich habe das in meinem Buch recht ausführlich dargestellt.[1] Aber es bedeutet nur, dass weil Erwerb und Besitz strafbar sind, der Konsum in der Praxis kaum möglich ist, ohne sich gleichzeitig wegen Besitzes oder Erwerbs strafbar zu machen.
Woher kommt das Kokain und an wen kann ich mich wenden, wenn ich das gute Zeug haben will?
Lisa: Das Kokain auf dem österreichischen Markt stammt laut dem österreichischen Bericht zur Drogensituation 2025 vor allem aus verschiedenen südamerikanischen Ländern wie Kolumbien, Peru und Bolivien. Die Routen von dort nach Österreich sind einerseits die Balkanroute, aber auch der Schiffsweg in großen Containern bis nach Rotterdam, Antwerpen oder Hamburg, von wo aus das Kokain dann über den Landweg bis nach Österreich gebracht wird. Der Handel wird heute von einer Vielzahl differenzierter Gruppen betrieben, darunter neben der italienischen Mafia auch albanische, marokkanische und niederländische Netzwerke. Dadurch hat man eine gewisse Wahlmöglichkeit an wen man sich wendet, wenn man Interesse daran hätte Drogen zu erwerben.
Drogenbeschaffung ist in Österreich zunehmend über den Onlinehandel möglich, wo man direkt einen Überblick über das Angebot bekommt, ohne dass man sich selbst außer Haus bewegen muss. Virtuelle Drogenmärkte werden immer relevanter und etablieren sich als dauerhafte Alternative zum traditionellen Markt. Dies gibt noch mehr Möglichkeiten für die konsumierenden Personen sich Drogen zu beschaffen.
Stefan: Woher kommt das meiste und woher kommt das beste Kokain?
Lisa: Das meiste Kokain auf dem österreichischen Markt kommt aus Südamerika. Geschmuggelt wird es durch verschiedene Wege und verschiedene Gruppen. Bei der Frage nach dem Besten kommt es drauf an, was man als „das Beste“ definiert. Das reinste? Oder das billigste? Das zugänglichste?
Die Reinheit steigt laut verschiedenen Berichten in den letzten Jahren stark an, was man als Verbesserung der Qualität sehen kann. Jedoch wird auch gewarnt, dass erhöhte und ungewohnte Reinheit eines Produktes dazu führen kann, dass die Konsument*innen es nicht gewohnt sind und dann der Umgang mit den Drogen falsch eingeschätzt wird, was wiederum zu einer lebensgefährlichen Überdosis führen kann. Der österreichische Bericht warnt vor einer Reinheit von bis zu 80% auf dem Straßenmarkt.
Stefan: Wer sind die durchschnittlichen Konsument:innen? Sieht man jemandem den Kokain-Konsum an?
Lisa: Die aktuellen Medienberichte in Österreich könnten ein Bild erzeugen, dass Kokain in Pulverform eine Droge der besser gestellten Schichten in Österreich ist bzw. war, wobei sich eben diese Konsument*innengruppe in den letzten Jahren gewandelt und weiter geöffnet hat, da Kokain zugänglicher und billiger ist und in erhöhten Mengen den österreichischen Markt erreicht. Ich persönlich würde nicht davon ausgehen, dass man jemandem Kokain-Konsum ansieht, außer man beobachtet womöglich aktiven Konsum oder achtet auf erweiterte Pupillen. Besonders bei Kokain wird das Bild der Alltagsdroge, um im System zu funktionieren, verbreitet, wobei ich keine Einsicht habe, inwiefern dieses Bild der Wirklichkeit entspricht, oder ob es nicht doch eine durchschnittliche Konsument*innengruppe gibt, der man den Konsum ansehen kann.
Stefan: Ist der Anstieg des Konsums so stark, dass sich die medial verbreitete Panik mit Titelreport bei Profil usw. damit begründen lässt, oder haben wir es mit einer typischen Drogenpanik zu tun?
Lisa: Die verschiedenen Berichte zeigen klar einen Anstieg des Kokainkonsums in Österreich an. Dieser Anstieg stütz sich dabei auf mehrere Indikatoren, wie Anstieg der Messwerte im Abwasser, steigende Inanspruchnahme von Hilfssystemen, die Veränderung bzw. den Anstieg der Lebenszeitprävalenz und auch ökonomische Indikatoren, wie den erhöhten Anbau und die darauffolgende „Kokainschwemme“ in Europa.
Ob man anhand dieser Indikatoren von einer „Drogenpanik“ sprechen kann, oder ob es sich um eine begründete Sorge handelt, ist eine Frage der Interpretation. Trotzdem kann man anerkennen, dass es sich um einen kontinuierlichen Anstieg handelt. Zur Einordnung ist es jedoch wichtig anzumerken, dass Österreich hierbei kein isoliertes Phänomen ist, sondern im europäischen Mittelfeld im Dorgenkonsum liegt und einem allgemeinem Trend folgt. Auch wichtig ist, dass Abwasseranalysen zwar erhöhte Rückstände belegen, aber nicht direkt auf den Konsum schließen lassen bzw. auf die exakte Anzahl an konsumierenden Personen, oder ihre sozialen Hintergründe. Nichtsdestrotrotz zeigen die Berichte auch die Zunahme an drogenbedingten Notfällen bei Jugendlichen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Anstieg ist real und durch Daten aus dem Gesundheits- und Sicherheitssystem untermauert. Die mediale Aufmerksamkeit spiegelt diesen Trend wider, wobei die Einordnung als „Panik“ vernachlässigt, dass die gesundheitlichen und sozialen Kosten tatsächlich messbar steigen. Trotzdem sollte man die Zahlen differenziert betrachten und nicht sofort von einer bedrohlichen Situation ausgehen, so wie die Medien die Situation in mancherlei Hinsicht präsentieren. Siehst du eine „Drogenpanik“ in der Berichterstattung?
Stefan: Ich habe mir angewöhnt solche Schlagzeilen zu hinterfragen. Die Menschen die Drogen konsumieren, haben mannigfache Gründe, aber meist ist es auch ein Anzeichen, dass etwas in der Gesellschaft nicht stimmt, wenn Menschen mehr (und) stärkere Drogen konsumieren. Ich finde die Fragen, die durch die meisten Journalisten gestellt werden, völlig falsch. Drogenkonsumenten werden als öffentliches Ärgernis dargestellt, als Nestbeschmutzer und Versager. Diejenigen aber, die für die gesellschaftlichen Zustände verantwortlich sind, die zum übermäßigen Konsum verleiten, wie verantwortliche Politiker:innen, werden meist nicht erwähnt.
Man kann das etwa an der Erforschung des Crack-Konsums in Deutschland sichtbar machen. Dabei ist herausgekommen, dass es meist viel weniger spannend zugeht, und vor allem viel weniger kriminell, als man sich das in Anbetracht der Medienberichte erwarten würde. Ist das in Österreich auch so?
Lisa: Etwas als kriminell zu beschreiben, wirft die Frage auf, was denn überhaupt als kriminell zu definieren ist. Illegal ist das Handeln mit Kokain in Österreich schon, aber ob das Konsumieren als kriminell gilt/gelten sollte oder als kriminell von der Gesellschaft aufgenommen wird, ist eine andere Sache. Der Konsum ist dabei in Österreich kein eigener Tatbestand und somit auch nicht unbedingt als kriminell anzusehen.
Auch zu unterscheiden ist hier Crack-Konsum vom Konsum des Kokainpulvers. In Österreich fallen die meisten einschlägigen Anzeigen auf Kokain in Pulverform. Crack wird dabei mehr als „Nischenerscheinung“ in den Berichten gehandelt. Trotzdem ist der Besitz und Handel von Kokain in beiden Formen in Österreich illegal. Da sich die meisten einschlägigen Delikte in Österreich auf Pulver beziehen, taucht Crack in der allgemeinen Kriminalstatistik seltener explizit auf. Die Quellen verknüpfen die „Drogenkriminalität“, wie Gewalt, Einschüchterung und Korruption, eher mit dem Wettbewerb auf dem allgemeinen Kokainmarkt und den Schmuggelrouten als mit der spezifischen Konsumform Crack, wobei der Konsum hier nicht das „kriminelle“ ist, da dieser nicht verboten ist. Somit würde ich auch sagen, dass es hier ähnlich wie in Deutschland ist, und der Crack-Konsum auch in Österreich wenig spannend und wenig kriminell abläuft. Beim Handel und Schmuggel der Substanz könnte dies jedoch wieder anders interpretiert werden. Warum sollte sich die Situation in Österreich zu der deutschen Situation stark unterscheiden?
Stefan: Ich frage, weil man Österreich nachsagt internationalen Entwicklungen immer etwas hinterherzuhinken. Inwiefern hat sich der Kokain-Konsum verändert? Was ist das Neue?
Lisa: Ich würde sagen, dass das Neue einfach die Auswahl für die konsumierende Person ist. Dabei können als Gründe für die ansteigenden Mengen an Kokain in Österreich die erhöhten Mengen im Handel und die größere Konkurrenz am Markt genannt werden. Ob das zwangsläufig die konsumierende Gruppe verändert oder die Menge an überhaupt konsumierenden Personen erhöht, kann ich nicht beantworten. Eine logische Konsequenz wäre jedoch vermutlich erhöhte Verfügbarkeit von Kokain und auch verbesserte Qualität, was womöglich andere Gruppen ansprechen könnte zu konsumieren. Die erhöhte Konkurrenz unter den mit Kokain handelten Gruppen führt auch zu geringeren Kokainpreisen, wodurch die Droge zugänglicher werden könnte.
Auch gesellschaftlicher Wandel der Droge Kokain in Österreich könnte als etwas Neues betrachtet werden. Dabei wird in den Medien von einem Wandel des Kokains von einer „Luxusdroge“ hin zu einer „Alltagsdroge“ gesprochen. Inwiefern dies der Wirklichkeit entspricht, kann ich jedoch nicht überprüfen. [2]
[1] Das Buch ist hier erhältlich: https://www.mandelbaum.at/buecher/stefan-a-marx/drogen-und-kapital
[2] Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (3. Juli 2024) Suchtmittel/NPS/Drogenausgangsstoffe: Rechtliche Informationen und Rechtstexte. Rechtliche Informationen (aufgerufen am 01.06.2026)
Der Standard (30. April 2025) Was es mit der aktuellen Kokainschwemme auf sich hat. Was es mit der aktuellen Kokainschwemme auf sich hat – Panorama – derStandard.at › Panorama (aufgerufen am 01.06.2026)
European Union Drugs Agency (2025) Cocaine – the current situation in Europe (European Drug Report 2025). Cocaine – the current situation in Europe (European Drug Report 2025) | The European Union Drugs Agency (EUDA) (aufgerufen am 01.06.2026)
European Union Drugs Agency (2026) Wastewater analysis and drugs – a European multi-city study. Wastewater analysis and drugs — a European multi-city study | The European Union Drugs Agency (EUDA) (aufgerufen am 01.06.2026)
Gesundheit Österreich GmbH (2025) ESPAD Österreich 2024 – Ergebnisbericht. Bundesministerium für Soziales, Pflege und Konsumentenschutz.
Müllender, M. (2025) Warum Koksen in Wien derzeit so günstig ist. In: Der Standard, 4.November 2025. Warum Koksen in Wien derzeit so günstig ist – Panorama – derStandard.at › Panorama (aufgerufen am 01.06.2026)