Wo ist eigentlich „unterm Schirm“? – Ein Gespräch gegen Ladybrains und Schminkischminki


Dieser Text ist der Anfang eines langen und ausführlichen Gesprächs, das in seinem vollen Umfang in unserem nächsten Buch (im Print und als E-Book) beim Luftschacht Verlag erscheinen wird. Hier ein kurzer Teaser:


Gespräche gegen die Wirklichkeit

Von Sokrates haben wir gelernt, dass Selbsterkenntnis kein einsamer Akt ist, sondern nur im Gespräch mit anderen stattfinden kann. Sokrates war oft in Einigkeit mit der Wirklichkeit und hat an der Seite seiner Mitbürger so manche Schlacht für die Aufrechterhaltung seiner Polis gefochten. Einer Polis, die Sklaven und Leibeigene als Basis ihrer Ökonomie ausgebeutet, und die Frauenrechte mit Füßen getreten hat.

Im Gespräch lässt sich gleichzeitig Recht und Unrecht haben. Auch abwechselnd. Wir wollen beweisen, dass es längst überfällig ist, die Welt zu verändern. Wir wissen eigentlich, wie Freiheit geht. Aber mit Sokrates werden wir sie nicht erreichen. Die Welt ist falsch eingerichtet, dass sie aber gar so falsch eingerichtet ist, wäre noch dazu nicht einmal nötig. Sprechen wir darüber.


Stefan: Ich mach jetzt etwas, was wir sonst nicht tun und was eigentlich eh klar sein sollte. Aber ich stell jetzt erst mal was klar. Wir freuen uns natürlich auch bei diesem Text wieder auf sehr viele Zuschriften von wütenden Männern. Aber da wir möglichst wenige Zuschriften von wütenden Frauen haben wollen, soll trotzdem gesagt sein, dass dieser Text sich nicht gegen transsexuelle Menschen richtet. Es soll auf die Nöte von Frauen hingewiesen werden, die sich aus den vielen gesellschaftlichen und politischen Unklarheiten ergeben, die das Thema der Transsexualität begleiten.

Wir sind dafür, dass jeder Mensch seine sexuelle Identität auch in der Öffentlichkeit so ausleben kann, wie er/sie das gerne möchte. Wir fühlen uns solidarisch mit Menschen, die ihre sexuelle Identität offen leben oder wandeln wollen. Wir werten nicht die sexuellen Vorlieben oder Identitäten, die Menschen präferieren. Wir sprechen hier über ganz andere Dinge. Wir sprechen über Gewalt von Männern gegen Frauen. Über das Eindringen von Männern in absolut notwendige Schutzbereiche für Frauen und über Gewalt gegen Kinder. Wer Transrechte gegen die Rechte von Frauen und Kindern anwendet, ist selbst ein Täter und hat daher weder politische Toleranz und schon gar nicht den Schutz vor Polemik verdient.

Ich illustrier das mal mit einem Beispiel: Stell dir vor, du bist eine Frau, die sich ihr Leben lang für den Feminismus eingesetzt hat, mit allem was sie hat. 70 Jahre purer Feminismus in Wort und Schrift. Und dann kommt ein Mann, der, nachdem er sein Leben lang alle Vorteile eines heterosexuellen Mannes genossen hat, mit Ende seiner Karriere beschlossen hat, er ist jetzt auch eine Frau und lässt sich mit Lippenstift abbilden und kommt natürlich sofort aufs Cover der postfeministischen Nobelpreisjuryzeitschrift als „Frau des Jahres“. Und der Mann lässt dir dann über die Medien ausrichten, dass du eine alte weiße Frau bist und ab jetzt die Schnauze halten sollst.

Das ist übrigens wirklich passiert. Georgine Kellermann hat verdiente Feministinnen sehr undifferenziert als TERFs (Trans-Exclusionary Radical Feminist) bezeichnet und in den Kommentaren persönlich beschimpft. Da hat also ein Mann den Karriereschutzraum für Männer genutzt, um sein Leben lang eine schnelle Schiene nach oben zu haben und hat sich dann, als das alles vorbei war, entschieden, er ist jetzt auch eine Frau und will sozusagen sein Ruhestandsprivileg auch noch einfahren. Das ist prinzipiell nicht verwerflich. Was mich ankotzt daran ist, dass er es auf Kosten von Frauen tut, wenn er seine Selbstdefinition dann dazu nutzt feministische Frauen öffentlich anzupatzen. Und das ist genau, worum es hier geht. Nicht dass er eine Frau sein will, sondern, dass er seinen Status dazu benutzt Frauen runterzuziehen. Wie das ein klassischer Cis-Mann ebenso gemacht hätte.

Ela: Historisch betrachtet wurden Frauen immer durch Männer definiert. Wundert man sich da tatsächlich, dass sich Feministinnen (die sogenannte TERF-Fraktion) nun nicht schon wieder von Männern erklären lassen will, was jetzt eigentlich eine Frau ist? TERF ist man ja eigentlich schon, wenn man weiterhin als Feministin davon überzeugt ist, dass Gender ein – nicht nur für Frauen – schädliches Konstrukt von Stereotypen ist, das sie in der Entwicklung einschränkt; mit dessen Hilfe ihre Unterwerfung als natürlich legitimiert wurde und wird.

Stella: Kellermann sagte ja auch, er sei eine Frau, weil er zum Kaffee einen Eierlikör trinkt, hihi. Er mag denken, er hätte es scherzhaft gemeint, aber es lässt auf sein Frauenbild schließen, das im Grunde eine sexistische Karikatur ist. Ein Blick auf sein Twitterprofil bestätigt das: keine 63-jährige Journalistin, und schon gar keine, die es auf einen vergleichbar hohen Posten wie den des WDR-Studioleiters gebracht hat, würde in einer Tour Herzchen- oder Flamencotänzerinnenemojis und kesse Selfievideomontagen posten.

In einem Artikel für die ZEIT schreibt er: „Ich bin eine Frau, weil ich es schon immer war. Ich kann das auch nicht anders erklären. […] Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. Das ist keine Frage äußerlicher Geschlechtsmerkmale. Da bin ich mir ganz sicher.“ Was bleibt also übrig von der Kategorie „Frau“, wenn man die Definition nicht anhand „äußerlicher Geschlechtsmerkmale“ festmacht? Klischees: die Vorstellung von einem Ladybrain, das auf Schminkischminki, Eierlikör und Stöckelschuhe steht – das sind die „inneren Geschlechtsmerkmale“, auf die er hinauswill. In Publikationen wie der ZEIT kann man das allerdings nur mehr implizieren, deswegen bleibt er beim beliebten Zirkelschluss „Frau ist, wer sich als Frau fühlt“. Umgekehrt heißt das dann, dass Frauen und Mädchen, die sich nicht mit stereotyper Femininität identifizieren wollen oder können, keine „echten“ Frauen sind (daher kommt meiner Meinung nach auch der plötzliche Anstieg an jungen Frauen, die sich als nicht-binär oder trans bezeichnen). Diese Denkweise steht Feminismus und Frauensolidarität diametral entgegen. Deswegen finde ich es mehr als bedenklich, dass besagter ZEIT-Artikel laut Kellermann in ein Schulbuch für Philosophie aufgenommen werden soll.

Stefan: Ich versuche gerade angestrengt nachzudenken, was Philosophie in dem Zusammenhang bedeuten könnte? Um welche Disziplin geht es da? Wenn ich Schulbuch höre, dann denk ich an Ethik. Aber Kellermann denkt doch sicher auch an die Anthropologie. Dort steht ja, neben der Abstammung und dem Wesen des Menschen, auch seine Fähigkeit zur Selbstbestimmung unter Beobachtung. Der Mensch sollte als Subjekt untersucht werden. Und in der Hand der einschlägigen Philosophen ist dieses Subjekt gleich zu etwas Unangenehmem geworden.

Bei Althusser findet sich in seinen „Notizen zur Ideologie“ der Gedanke, dass die Ideologie die Individuen als Subjekte „anruft“. Er meint wir nehmen uns selbst als Subjekte nur wahr, weil wir „in den praktischen Ritualen des allereinfachsten Alltagslebens funktionieren“. Also beim Händedruck, bei der Nennung unseres Namens usw. Ein faszinierender Satz, wenn man ihn ernst nimmt. Es klingt als könnten sich alle durch Sprache definieren. Aber zugleich ist diese Anrufung auch ein Ritual. Diese Formulierung: „Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau.“, ist ja eine Anrufung. Also im Grunde ein magischer Satz, der eine Wirklichkeit erzeugen oder bestätigen soll, die eben nicht wirklich ist. Und darin kommt das ganze Tragische dieser Situation zum Ausdruck. Weil hier nicht unterschieden wird zwischen dem Anspruch alles durch Sprache erzeugen zu können, und der Möglichkeit Wirklichkeit durch Sprache zu erschaffen. Nicht die Wirklichkeit soll verändert werden, sondern die Sprache darüber.

Stella: Der mantraartig wiederholte Satz „Trans women are women“ funktioniert genauso. Es ist ein Glaubenssatz. Einerseits sollen damit Tatsachen geschaffen werden, die nicht diskutiert werden dürfen, andererseits sehe ich hier auch eine Art „Credo quia absurdum“, etwas, das man als Transaktivist, als guter Ally, als guter Mensch schlechthin glauben muss, auch wenn es offensichtlich der Realität, der eigenen Wahrnehmung widerspricht. Gewissermaßen eine Ermahnung, an sich selbst und die anderen in der Gemeinschaft der Guten: Don’t believe your lying eyes. Seht her, ich bin so tolerant, so un-transphob, so sophisticated, so gut, ich glaube etwas, das für den gemeinen Pöbel, der das alles nicht ist, augenscheinlich falsch ist.

Das Perfide an dem Satz ist außerdem, dass er für Menschen, die nett und höflich sein wollen, und sich nicht näher mit der Thematik auseinandergesetzt haben, als Falle fungiert. Wenn man glaubt, es geht hier nur um eine winzige, diskriminierte, harmlose Minderheit, die mit Geschlechtsdysphorie zu kämpfen hat und deshalb einfach ~Anerkennung~ und eine medizinische Behandlung haben möchte, fällt es leicht, diesen Satz als nicht wörtlich gemeinte Höflichkeitsfloskel zu wiederholen. Wer möchte schon jemanden, der darunter leidet, als „das falsche Geschlecht“ geboren worden zu sein, deswegen möglicherweise schon schwere Operationen und viele mühsame Amtswege hinter sich gebracht hat, mit (vermeintlicher) Pedanterie à la „Du bist aber keine richtige Frau!“ verletzen oder vor den Kopf stoßen? Niemand, es sei denn, man legt es darauf an, als unsensibles Arschloch aufzutreten. Sobald einem dann auffällt, dass Transrechtsaktivisten diese Floskel zu 100% wortwörtlich verstanden sehen wollen, in allen Lebensbereichen, also auch bei aus guten Gründen geschlechtergetrennten Schutzräumen wie Umkleiden und Frauenhäusern oder im Sport, und dass mit „trans Frauen“ auch solche gemeint sind, die sich keinerlei medizinischer oder kosmetischer Transition unterzogen haben (da Geschlechtsdysphorie für das Label „trans“ nicht mehr als Grundvoraussetzung gilt), sie sich von „cis“ Männern also nur durch eine subjektive Selbstidentifikation als Frau unterscheiden, ist es zu spät, um zurück zu rudern. Man hat zudem etwa an dem Backlash gegen J.K. Rowling gesehen, was einem bei Widerspruch droht, und möchte sich dem nicht aussetzen.

Ela: Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie hat vor Jahren schon einmal mit der ihr wenig kontrovers erscheinenden Aussage einen Shitstorm ausgelöst, für sie seien Transfrauen Transfrauen und man solle nicht so tun als erlebten Frauen dieselben Probleme wie Transfrauen, da diese oftmals eine Sozialisierung als Mann erfahren hätten.

Den Begriff Transsexualität hat man ja inzwischen durch den Unsinnsbegriff Transgender ersetzt, unter dem sich inzwischen so ziemlich alle versammeln können, denen danach ist. Gender-Bender, Crossdresser, Transvestiten, Transsexuelle und auch Autogynephile. Und als Feigenblatt streut man eine Prise Intersex drüber und hofft, dass niemand bemerkt, dass man die genitale Verstümmelung von 0,001 % der Weltbevölkerung („assigned at birth“) dazu nutzt, allen anderen unter diesem Schirmbegriff zusammengewürfelten Gruppen, ob verdient oder nicht, zu mehr Legitimität zu verhelfen, selbst wenn dies auf Kosten von Frauen geschieht.

Stella: Es gibt zum „Transgender Umbrella“ auch dutzende schöne Grafiken, die illustrieren, dass quasi jeder trans ist, der als Frau keine personifizierte Barbiepuppe oder als Mann keine GI-Joe Actionfigur ist. Der Wunsch, möglichst inklusiv sein zu wollen, führt zu einer Begriffsaufweichung, niemand weiß mehr genau, wovon bei „trans(gender)“ oder „gender“ generell überhaupt die Rede ist, Debatten werden durch die schwammigen Begriffe verunmöglicht und sie heißen je nach argumentativem Bedarf etwas anderes. Gleichzeitig schaffen sich Transrechtsaktivisten so einen viel größeren Zuständigkeitsbereich, indem sie die Identifikation mit dem Begriff erleichtern – denn wer will schon so eine fade, konformistische „cis“ Person sein – , inkludieren Menschen, die nicht inkludiert werden wollen, erklären retrospektiv historische Persönlichkeiten (hauptsächlich gegen gesellschaftliche Restriktionen rebellierende Frauen, wie etwa Jeanne d’Arc oder Frauen, die sich als Mann ausgeben mussten, um arbeiten oder selbstbestimmt leben zu können) zu Transmenschen, und können so sagen, Transmenschen habe es immer schon gegeben.

Ela: Lustigerweise hab ich kürzlich erst auf Facebook das Posting eines Bildes von Salvador Dalí gesehen, in dem er sich selbst als Mädchen gemalt hat, da er sich im Alter von sechs Jahren für ein Mädchen hielt, was einen Kommentierenden dazu inspiriert hat, sich zu fragen ob Salvador Dalí transgender war.

Stefan: Dalí ist faszinierend. Ein Verwandlungskünstler, der Uneindeutigkeiten geliebt hat. So sehr, dass er sie zum zentralen Erkenntnismittel erhoben hat. Mit seiner paranoisch-kritischen Methode fordert er Wahnbilder als Wirklichkeitsbilder zu betrachten. Im Text „Der Eselskadaver“ schreibt er, dass der Paranoiker über „unfaßbaren Scharfsinn“ verfügt und mit seiner Methode „zum Ruin der Wirklichkeit“ beitragen kann, um begleitet von surrealistischer Aktivität „zu den klaren Quellen der Onanie, des Exhibitionismus, des Verbrechens und der Liebe“ zurückzuführen. Ein Wahn-Projekt, in dem diese letzte Aufzählung im Zusammenhang mit der Möglichkeit von sexueller Gewalt einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt. Von Sigmund Freud war er bei ihrem Treffen in London jedenfalls enttäuscht. Vielleicht war er ihm nicht paranoisch genug.

Michel „IchbinkeinStrukturalist“ Foucault hat ja auch in seinem Urteil über Freud geschwankt. Freud ist für ihn, je nach Schaffensphase, der Schöpfer einer kritischen Gegenwissenschaft (Wahnsinn und Gesellschaft) oder im Spätwerk Diktator einer Disziplinarwissenschaft. Aber Foucault teilt mit Dalí die Liebe für das Uneindeutige, bis hinein in seine Methode. Und einige seiner gesellschaftstheoretischen Denkmodelle sind eindeutig paranoisch, wie z.B. der Panoptismus.

Foucault hat von dem Strukturalisten Claude Lévi-Strauss so viel gelernt, dass er eine ganze in sich widersprüchliche Methodenlehre entwickelt hat, in der sich die Systematik der Analyse des „wilden Denkens“, die Lévi-Strauss begonnen hat, wiederfindet. Das magische Denken, so Lèvi-Strauss „bildet ein genau artikuliertes System“, das zwar nicht die gleichen Ergebnisse wie das Wissenschaftssystem erbringt, aber ihm „bezüglich der Art der geistigen Prozesse“ gleicht, die sie jeweils voraussetzen. Magisches Denken erscheint als „Ausdrucksform eines Glaubens an eine zukünftige Wissenschaft“.

Die Erforschung von Dispositiven entstammt einem ähnlich magischen Denken. Nur, dass es sich hierbei um den Glauben an die Macht der Schrift über die Natur handelt. In dem Buch von Foucault über Hermaphrodismus befindet sich im Nachwort eine selten klare Darstellung von dieser Gedankenwelt. Hier wird im Grunde die Auffassung vertreten, dass die juristische moralische psychologische Sprache die Sexualität der Moderne erschaffen hat. Sie erzeuge einen Diskurs, der in „endlosen Oszillationen zwischen biologischen und kulturellen Determinanten den Ort und die Ontologie der Geschlechter vorantreibt“. Der moderne Körper ist „konstruiert“. Das bemerkenswerte an diesem magischen Glauben ist aber das Frankenstein-Grundelement. Denn so fährt der Verfasser fort: Der Körper der modernen Menschen wächst um das „Implantat seines Geschlechts“ herum. Das Geschlecht ist also nicht nur diskursiv konstruiert und durch Sprachmagie wirklichkeitsmächtig gemacht, sondern auch implantiert und somit nicht biologisch gewachsen, sondern von vornherein künstlich erzeugt und damit natürlich auch im Nachhinein beliebig amputierbar.

Ela: Judith Butler hat sich beim „Unbehagen der Geschlechter“ ja eh auf Foucault berufen. Wenn die Subjekte durch die Macht erst konstituiert werden, ist das feministische Subjekt – die Frau – auch durch das politische System – das auf Geschlechterbinarität aufbaut – diskursiv geschaffen. Sowohl Sex, wie auch Gender seien kulturell konstruiert, in den Begriff Sex sei bereits der politische Zweck hinter der Kategorisierung und Differenzierung, die Reproduktion, eingeschrieben, denn das System basiere auf Zwangsheterosexualität. Geschlecht (sowohl Sex als auch Gender) sei ein endloser performativer Prozess. Dem biologischen Geschlecht seien die Geschlechterrollen eingeschrieben und würden unablässig reproduziert und imitiert.

Butler schlägt vor, sich aus feministischer Perspektive darüber Gedanken zu machen, warum es überhaupt eines feministischen Subjektes – Frau – bedürfe, ob man sich nicht einfach gleich mit Geschlechtsidentität an sich und deren Repräsentation befassen sollte – da der Feminismus von einem Fundamentalismus geprägt sei, der die Subjekte einschränke, die er eigentlich befreien wolle – oder – in letztes Konsequenz – das feministische Subjekt einfach fallen lassen, und sich von jeder Einschränkung befreien.

Aber ist ein Feminismus ohne Frauen als politisches Subjekt, der situationselastisch heute diese, morgen jene Identität vertritt, ein Feminismus der Individuen, überhaupt ein Feminismus? Hat er Potenzial politische Veränderung zu erzielen? Und warum ist Butler der Meinung, dass man dieses Ziel nur unter Aneignung des Feminismusbegriffs erreichen kann? Und ist es Zufall, dass so ein Vorschlag gerade beim Feminismus gemacht wird, und beispielsweise nicht bei anderen Befreiungsbewegungen? Daraus ist meiner Meinung nach dann auch der Irrtum entstanden, dem der Liberale Feminismus aufsitzt, dass man nämlich jede unterdrückte Identität vertreten muss, wenn man eine richtige Feministin sein will.

Butler und andere Aktivisten zitieren dann auch gern Beauvoirs „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu (gemacht)“, und manche meinen darin bestätigt zu sehen, Beauvoir habe behauptet, dass eine Frau sei, was auch immer eine Frau sagt, dass sie ist. Self-Identification. So behauptet Butler, dass in Beauvoirs Formulierung von einem „Handlungsträger“ ausgegangen wird, der sich eine „Geschlechtsidentität“ aneignet und prinzipiell „auch eine andere Geschlechtsidentität annehmen könnte“. Doch Beauvoir befasst sich schon im ersten Kapitel von „Das andere Geschlecht“, „Schicksal“ mit der weiblichen Biologie:

„Die biologischen Gegebenheiten sind außerordentlich wichtig: sie spielen in der Geschichte der Frau eine herausragende Rolle und sind ein wesentliches Element ihrer Situation (…) Denn da der Körper das Instrument für unseren Zugriff auf die Welt ist, stellt sich diese, je nachdem, ob sie auf die eine oder auf die andere Weise erfaßt wird, ganz anders dar. (…) Was wir aber ablehnen, ist die Vorstellung, daß sie für die Frau ein festgelegtes Schicksal bedeuten. Sie reichen nicht aus, eine Hierarchie der Geschlechter zu bestimmen; sie erklären nicht, weshalb die Frau das Andere ist, und sie verurteilen sie nicht dazu, diese untergeordnete Rolle für immer beizubehalten.“

Für Beauvoir „entsteht“ Weiblichkeit im Zusammenspiel von biologischen und kulturellen Faktoren, die für die „weibliche Erfahrung“ konstitutiv sind. Der Entstehung der Ideen und Mythen rund um die Weiblichkeit geht aber die Existenz eines weiblichen Körpers voraus.

Andererseits haben wir ja dann auch auf der anderen Seite Feministinnen die dem „Transfrauen sind Frauen“ nichts als „Eine Frau ist ein erwachsener weiblicher Mensch“ entgegenzusetzen haben. Was ja dann auch nicht mehr als eine Phrase ist. Ich meine, dass die beiden Positionen schon alleine deswegen keine gemeinsame Basis finden können, weil sie aus zwei komplett unterschiedlichen Annahmen hervorgehen und aneinander vorbeiargumentieren.

Die eine Seite geht davon aus, dass die Geschlechtsidentität inhärent ist. Ein Mensch weiß demnach instinktiv welchem Geschlecht er sich zugehörig fühlt, mit welchem sozialen Geschlecht er sich identifiziert. Wie ein Mann weiß, dass er ein Mann ist, und eine Frau weiß, dass sie eine Frau ist, kann es der Annahme nach manchmal passieren, dass das Selbstkonzept eines biologischen Mannes abweicht und er sich den Frauen zugehörig fühlt. Er „weiß“ es sozusagen. Nur was genau dieses Gefühl ausmacht, ist oft ein diffuses Schweigen, unterspickt mit grellen Klischees.

Auf der anderen Seite hat man eben verstanden, dass es die Biologie ist und die Annahme, dass aus dieser Biologie heraus sich quasi „natürliche“ zugehörige Rollenkonzepte ergeben – das Konstrukt Gender – die den Frauen jahrhundertelang in einer unheiligen Liaison des Todes ihr Leben zur Hölle gemacht haben, ihnen Möglichkeiten verwehrt, ihr Leben in die Hand zu nehmen, und ökonomische und soziale Nachteile nach sich zogen. Und all das soll nun nebensächlich sein und einer willkürlichen Selbstdefinition Platz machen, basierend auf dem vermeintlichen innerlichen Gefühl einer Gruppe von vorwiegend MtF—Transitionern. Eine Frau wird aber nicht dadurch weniger Frau, dass sie gerne „Stirb langsam“ schaut, denn das macht sie nicht immun gegen sexistische Kommentare und sexuelle Übergriffe.

Stella: Ich denke, dass der Satz „Eine Frau ist ein erwachsener weiblicher Mensch“ (die Übersetzung der Definition „Woman: adult human female“) eher eine Erwiderung auf den unsinnigen Zirkelschluss „Frau ist, wer sich als Frau definiert“ ist, und als solche legitim ist, wobei diese Definition natürlich nur der Ausgangspunkt ist, von dem aus weitere Auseinandersetzungen möglich sind, und nicht zu einer hohlen für sich selbst stehenden Phrase wie „Trans women are women“ verkommen sollte.

Ela: Ja du hast Recht, als Erwiderung ist es sinnvoll.

Stefan: Mir kommt vor, die Debatte, die von manchen Transaktivisten geführt wird, klammert bewusst das Problem der Gewalt aus. Also viele Aspekte der Kritik am Feminismus die durch Transaktivisten vorgenommen wird, kann nur unter Absehung der wirklichen Verhältnisse passieren. Dass man einfach nicht erwähnt, dass Frauen überproportional oft Gewalt von Männern ausgesetzt sind, während es umgekehrt eine verschwindend geringe Anzahl an Männern gibt, die unter Gewalt von Frauen leiden müssen. Das verbindet diese Positionen übrigens mit denen von so genannten Männerrechtlern. Die sich ja auch weniger für die Rechte von Männern, als gegen die Rechte von Frauen einsetzen.

Ela: Da muss man ein bisschen ausholen.


Die Fortsetzung dieses Textes findet sich in unserem nächsten Buch „Gespräche gegen die Wirklichkeit“.


Krieg. Oder: Das Schwingen der Eier in ohrenbetäubender Dummheit

Es gibt grad genug Anlass dazu über Krieg zu sprechen. Zum Beispiel darüber, dass Krieg was Männliches ist. Das Männliche am Krieg ist die Dummheit, die Sinnlosigkeit die Verschwendung von Energie. Verstehts mich nicht falsch. Es gibt Situationen in denen muss man Krieg führen. Zb gegen die Nazis. Und ich glaub wirklich nicht an die blöden Sprüche von den Altlinken wo es darum geht, dass Krieg ist und keiner geht hin. Diese Sprüche sind auch sehr männlich.

Putin ist auch sehr männlich. Er reitet auf einem Grizzlybären durch einen Wasserfall, das Maschinengewehr im Anschlag über seiner nackten Brust. Also im Grunde die Urdefintion von Energieverschwendung. Krieg und Dummheit sind Brüder. Putin ist auch ein Bruder.

Der Militärhistorikern John Keegan beginnt sein Buch „Die Kultur des Krieges“ mit dem Satz: „Das Schicksal hat nicht gewollt, dass ich Soldat wurde.“ Ja eh. Irgendwer musste ja das Buch schreiben. Und in diesem Buch steht, dass der Krieg „das einzige Gebiet“ ist „aus dem sich die Frauen stets und überall herausgehalten haben“. (Keegan 123)

Herfried Münkler sieht in der Ausschaltung des Staates als Monopolist des Krieges eine neue Kultur des Krieges. Für ihn haben reguläre Armeen die Kontrolle über das Kriegsgeschehen verloren. Es liegt zunehmend in den Händen von Gewaltakteuren „denen der Krieg als Auseinandersetzung zwischen Gleichartigen fremd ist“. Der Blick des Krieges ist männlich, der Blick der Männer kriegerisch bis in den Alltag hinein. Sieger reiten auf Bären und Verlierer sind Frauen.

Mary Kaldor findet einige Jahre vor Münkler eine Definition die für mich in diesem Zusammenhang besonders interessant klingt. Die neuen Kriege erscheinen als ein „Gefüge raubtierhafter Sozialbeziehungen“ das sich von den Kriegsgebieten auch auf die angrenzenden Regionen ausbreitet. Raubtierhaft ist die Sozialbeziehung zwischen Männern und Frauen. Männer profitieren davon. Und wenn die Frauen sich dagegen wehren, werden sie oft genug Opfer von Gewaltakteuren denen eine Auseinandersetzung zwischen Gleichartigen fremd ist. Sie gehen gern auf schwächere los.

Diese Privatisierung des Krieges zu Gefügen konkurrierender Gewaltakteure hat ein Vorbild in der Struktur männlicher Herrschaft, wie Bourdieu sie herausgearbeitet hat: Männliche Konkurrenz die Frauen nur als Trophäen und reproduktive Arbeitskräfte wahrnimmt. Das dazugehörige Wirtschaftsregime bevollmächtigt das Kapital dazu Staaten und Öffentlichkeit im unmittelbaren Interesse von Privatinvestoren gefügig zu machen wie Rahel Jaeggi und Nancy Fraser schreiben. Wir werden in Konkurrenz zueinander organisiert und wie der Soldat im Krieg ist jeder unterm Kapitalverhältnis austauschbar und jederzeit ersetzbar. Wenn der eine überarbeitete Sozialarbeiter wegen Burnout ausfällt kommt halt der nächste. Und der freut sich am Anfang sogar noch drauf.

Unterm Kapitalverhältnis zu leben ist nicht mit Krieg gleichzusetzen. Aber es bedeutet auch nicht, dass wir außerhalb des Krieges wirklich in Frieden leben können. Femizide, die Kakophonie des Job-Alltags und die Auswüchse der Pandemiepolitik sind Zeugen dafür, dass es uns als Gesellschaft schwer fällt uns auch nur vorzustellen was Frieden sein könnte.

Um ein aktuelles Beispiel aufzugreifen: Wissenschaftsminister Polaschek denkt es ist eine gute Idee den Schuldirektoren 500 Euro Bonus zu zahlen, „für ihren außergewöhnlichen Einsatz in der intensiven Zeit“.

Also abgesehen von der Formulierung. Wenn ich mir das Schulsystem anschaue und wie furchtbar schlecht der Heimunterricht organisiert war. Wie wenig Ideen und Geld darin investiert wurde, dass die Kinder während der Corona-Jahre ausreichend Sport machen usw. Dann kann man nur sagen das ist zutiefst zynisch.

Man kann aber auch Vermutungen anstellend darüber was die Intention von dieser eher kruden Entscheidung ist.

Sie zielt jedenfalls nicht darauf ab Probleme zu lösen oder betroffenen Menschen gute Bedingungen zu ermöglichen unter denen sie Probleme lösen können. Es wirkt eher wie ein routinierter Spaltungsversuch. Bissl Unfrieden reinbringen. Bissl die eigene Klientel bedienen. Bissl zeigen, wo die Prioritäten liegen. Die Schuldirektor_innen dieses Landes waren jedenfalls eher nicht die hauptsächlich von den Auswirkungen der Pandemie betroffenen.

Charles Bukowski hat 1962 einen unterhaltsamen Essay darüber geschrieben, dass wir den Krieg zwar abstrakt verdammen, aber nicht einmal konkret wissen was Frieden ist.

„Peace, Baby, Is a Hard Sell“.

Auch wenn wir uns einigen dort auffindbaren Bonmots sicher nicht anschließen werde ich ihn hier vorlesen. Versehen mit der Bitte den literarischen Charakter des Textes ernst zu nehmen und nicht jedes Argument politisch zu lesen.

Ich lese diesen Text auch in Ankündigung eines neuen Gesprächs in dem wir uns mit Arbeitszwang und Arbeitsfetischismus auseinandersetzen. Kommt bald.

Viel Spaß!

„Die Natur ist Teile ohne Ganzes.“ (Alberto Caeiro / Fernando Pessoa). Gespräch mit Sabine von Vetsera über Umweltschutz und gesellschaftliche Irrationalität

Stefan: Mir hat die Beschreibung der Grünen Austauschgruppe, die du gegründet hast, sehr gut gefallen. Du verbindest die Erkenntnis, dass wir in Verhältnissen leben, die politisch und kollektiv gemacht werden, mit dem Ansatz, dass wir die Verhältnisse durch individuelles Handeln zumindest beeinflussen können. Kannst du etwas dazu sagen, wie das funktionieren kann?

Sabine: Zunächst möchte ich mich bei dir für die Einladung zu diesem Interview bedanken. Ich freue mich, dass Themen zu Umwelt und vor allem zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit – kurz gesagt: grüne Themen – ein Interesse finden und ich mich dazu für Halbwertszeit äußern darf.

Zu meinen Grundannahmen zählt, dass wir als Konsumenten (und bei mir sind alle Menschen jeden Geschlechts in weiterer Folge immer miteinbezogen) wesentlich mehr Macht besitzen als wir glauben. Denn mit unseren Konsumentscheidungen bestimmen wir, ob z. B. der Bauer im regionalen Umfeld, der seine Mitarbeiter fair bezahlt und umweltschonend anbaut, überlebt oder Lebensmittel quer über den Globus verschifft werden. Ein Beweis für diese Macht ist ja paradoxerweise das sogenannte Green Washing. Denn kein Unternehmen würde sich darüber Gedanken machen und noch dazu Geld fürs Marketing investieren, würden sie wissen, dass es den Konsumenten egal ist.

Das bedeutet nicht, dass ich die gesamte Verantwortung beim Konsumenten verorte und vollkommen von den Konzernen und der Politik nehmen möchte, aber ich sehe im Konsumenten auch kein unmündiges Kind, das sich seiner Entscheidungen nicht bewusst ist. Die Frage nach den finanziellen Möglichkeiten ist eine andere, doch man kann sich heutzutage immer leichter über Produkte informieren.

Diese Aufklärung ist ein großer Teil meiner Motivation. Und ich wollte mit meiner Gruppe zumindest im kleinen Kreis zum Umdenken anstoßen sowie inspirieren. Letztlich entscheidet jedes einzelne Mitglied in welche Richtung sich die Gruppe entwickelt.

Stefan: Das finde ich einen wichtigen Punkt. Also sich auch abzugrenzen von einer rein aktivistischen Einstellung, die so tut, als könnte man alles dadurch lösen, dass man den Individuen alles aufbürdet, was eigentlich strukturelle Gründe hat. Du denkst aber viel mehr praktisch als aktivistisch. Du hast bei den Infos auch eine Liste von Dingen, die man in der Gruppe machen kann. Das gefällt mir. Über einige davon hatte ich davor noch gar nicht nachgedacht.

Sabine: Sieht so aus, als konnte ich mit dir schon einen kleinen Erfolg verbuchen. Dafür ist die grüne Öko-Austauschgruppe da: um neue Impulse zu setzen und Ideen zu liefern. Und nachdem die Themen breit gefächert sind, ist für jeden etwas dabei und jeder kann sich einbringen.

Seit meiner intensiven Beschäftigung mit Umweltthemen habe ich auch für mich enorm viel neues Wissen aufbauen können. Und das möchte ich Posting für Posting weitergeben.

Stefan: Der Dichter Ralph Waldo Emerson hat einige sehr berührende Sätze über die Natur niedergeschrieben. Einer der mir am besten gefällt, entstammt seinem Essay „Natur“: „Um die Wahrheit zu sagen, wenige Erwachsene können die Natur sehen. Die meisten sehen die Sonne nicht. Zumindest ist ihr Sehen sehr oberflächlich. Die Sonne bescheint nur das Auge des Mannes, aber in das Auge und das Herz des Kindes scheint sie hinein.“

Sabine: Bei diesem Satz kann ich an meine eigene Kindheit denken. Ich bin in einem 600 Seelen Kaff aufgewachsen. Eine der schönsten Erinnerungen war, wie ich in dem kleinen Bach, der unser Dorf durchfloss, Molche als Haustiere halten wollte. (Mein Vorhaben war kein Erfolg.) Ich habe versucht mit Steinen in dem seichten Gewässer ein Gehege zu bauen, um diese wunderschönen Tiere dort zu halten. Ich habe sie wirklich geliebt und immer gerne in meinen Händen gehalten. Das war bestimmt nicht richtig, aber als Kind wusste ich das noch nicht und habe sie einfach nur lieb gehabt. So eine Faszination zu damals eher unpopulären Tieren entwickeln Kinder wohl eher als Erwachsene.

Vielleicht sind daher auch jüngere Generationen durch ihre Empathie eher empfänglich für Umweltschutzgedanken als Erwachsene.

Stefan: Molche sind ja trotz ihres Namens sehr hübsche Amphibien. Kinder sehen die Schönheit der Natur viel deutlicher. Erwachsene freuen sich dann mehr über die Annehmlichkeiten einer gezähmten Natur. Meine Mutter war eine begeisterte Hobby-Gärtnerin. Sie ist stundenlang im Garten gewesen. Als Kind ist der Garten ein Spielplatz, für Erwachsene ist er Arbeit.

Die deutschen Romantiker haben die Natur auch mit Kinderaugen betrachtet. Ein später Zeitgenosse von Goethe, der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (oben sieht man ein Foto! von ihm) schreibt in seiner Naturphilosophie, dass der Mensch selbst gar nicht denkt, sondern die Natur denkt in ihm. Er hat da 1806 bereits über etwas gesprochen, das die moderne Wissenschaft beschäftigen wird. Er denkt darüber nach, dass die bis dahin blinde Natur im Menschen die Augen aufschlägt und versucht sich selbst zu erkennen. Das Ziel der Schöpfung ist also zu einem klaren Gedanken ihrer selbst zu kommen und zu verstehen was da eigentlich los ist. Die Rolle des Menschen beschränkt sich aber nicht darauf zu erkennen, sondern er versucht die Natur zu beherrschen, zu gestalten und lenken. Das kann mitunter sehr gefährlich sein.

In einem Aphorismus schreibt Schelling, dass der Naturforscher durch seine Tätigkeit zum Priester der Natur geweiht wird und diese bei der Erforschung andächtig pflegen soll. Das klingt nicht nach dem Ideal des modernen Naturwissenschaftlers, der eher experimentell vorgeht und mehr auf Falsifizierbarkeit und Effizienz seiner Ergebnisse achtet, als auf andächtige Pflege. Ich habe das Gefühl unser Zugang zur Natur ist nicht sehr bewusst und daraus entstehen viele Probleme.

Manchen Leuten scheint es schwer zu fallen sich über die Natur-Produkte, die sie konsumieren, ausreichend zu informieren.

Sabine: Du beschreibst hier ein Phänomen, das es in der Geschichte schon öfter gab. Die Romantisierung der Natur durch jene Menschen, denen sie fern liegt. Man denke an die Rosa-Zimmer in Schönbrunn. Der Adel, der keine Ahnung vom Leben der Bauern hatte, ließ sich dort berieseln von den Darstellungen von Bauernkindern, die in der idyllischen Landschaft rumlagen und scheinbar den ganzen Tag Zeit hatten, diese zu genießen …

Stefan: … während die armen Adeligen ihre Zeit in betreuten Parks mit kühlen Getränken verbringen mussten. Sie hatten kein existentielles Naturerlebnis und haben daher das Leben der Bauern verklärt. Dabei war das oft ein sehr kurzes und hartes Leben.


Sabine: Das passiert heute meiner Meinung nach wieder. Die Romantisierung lieblicher und idyllischer Landwirtschaft angefangen vom Ja-natürlich-Ferkel, bis hin zu freilaufenden Milchkühen auf blühenden Almen. Der Kunde will Produkte aus Bio-Anbau und regionaler Herkunft, aber er weiß noch nicht, dass deren makellose Erscheinung aus der Werbung ebenso bloß ein Produkt des Photoshop ist wie ein Top-Model auf dem Cover der Vogue.

Konsumenten, die sich dann in dem ganzen Gütesiegel-Dschungel gar nicht mehr auskennen oder denen die Beschäftigung mit Anbaubedingungen, der Herkunft und den Transportwegen von Produkten zu mühsam ist, fordern letztlich die Verantwortung von ihrer Kaufentscheidung hin zur Politik und dem Handel zu verschieben. Dabei ist gerade in Zeiten des Internets eine kritische Auseinandersetzung mit Lebensmitteln einfacher denn je. In der Regel kauft man doch eh meist die gleichen Produkte immer wieder. Man kann sich also im Laufe der Zeit auf eine gewisse Produktliste einigen, die den persönlichen Ansprüchen in Bezug auf Umweltschonung und Budget entsprechen. Gerade mit meiner grünen Öko-Austauschgruppe möchte ich hier noch eine Hilfestellung für Interessierte bieten.

Stefan: Henry David Thoreau, ein Schüler von Emerson ist mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Er hat sich geweigert seine Steuern in Massachusetts zu zahlen, angeblich weil er gegen die Sklaverei und gegen den Mexiko-Krieg der USA protestieren wollte. Er wurde nach einem Tag aus dem Gefängnis ausgelöst. Seine Steuerschulden waren aus der Zeit vor dem Mexiko Krieg.

Er ist aber darüber hinaus ein interessanter Zeitgenosse gewesen. Er hat zwei Jahre auf Emersons Grundstück in einer Waldhütte gelebt und für ein solches Leben in den Wäldern plädiert. Seiner Überlegung zufolge würden jedem Menschen, der sich auf so ein Leben besinnt, nur 6 Wochen Lohnarbeit im Jahr überbleiben. Die übrige Zeit könnte jeder dann nutzen zu lesen und die Natur zu erforschen. Es scheint beim Gedanken an den Schutz der Natur immer darum zu gehen kleinere Gruppen zu bilden.

Sabine: Ah, Thoreau! … Das Buch liegt bei mir im Bücherschrank und will auch mal gelesen werden. Es gibt aber auch jemanden, der Henry David Thoreau getoppt hat, und zwar Chris Knight. Er hat 27 Jahre vollkommen allein in Wäldern in den USA gelebt. Er sagte übrigens über Thoreau, dass dieser ja bloß ein Angeber war und der Welt nur sagen wollte, wie toll er ist. Denn er hat schließlich nur zwei Jahre in einer Hütte gewohnt und seine Mutter hat ihm sogar die Wäsche gewaschen.

Stefan: Interessant. Also auch das hehre Leben im Wald kommt nicht ohne weibliche Reproduktionsarbeit aus, die dann vom Philosophen verschwiegen wird.

Im Prinzip versuchst du ja mit deiner Gruppe auch eine kleine Dorfgemeinschaft zu erzeugen, in der Menschen gemeinsam versuchen ihr Verhalten in Bezug auf Nachhaltigkeit zu verändern. So ein kleines digitales Walden.

Hast du noch weitere Leseempfehlungen?

Sabine: Mein Wissen besteht aus über die Jahre angesammelte Infos aus Artikeln, Dokus und Reportagen. Als Expertin würde ich mich auch niemals bezeichnen, sondern bloß als stark an Umweltthemen interessierte Person. Ich bin dadurch versucht dieses Wissen darüber zusammen zu tragen und zu ergänzen und so in komprimierten Infoblöcken weiterzugeben. Das ist nur nicht immer einfach, denn man muss wirklich viel recherchieren und es kommen einem bei der Beschäftigung damit immer mehr neue Fragen auf als man Antworten darauf findet. Natürlich macht mir das auch Spaß und es ist eine gute Möglichkeit mein geisteswissenschaftliches Studium sinnvoll einzusetzen, aber es ist zeitintensiv und manchmal belasten mich die Fakten zu sehr. Ich möchte mich aktuell dem Thema Bodenversiegelung widmen, aber weil ich mich dabei der Ärger so überkommen hat, musste ich eine Pause davon einlegen. Dabei wäre es gerade jetzt so aktuell, wenn wir nur an die Hochwasserkatastrophe in Deutschland denken, die über 100 Tote gefordert hatte.

Stefan: Ja das ist ganz schrecklich, was da zur Zeit passiert. Das liegt aber auch am politischen Versagen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es ein europäisches Hochwasserwarnsystem namens Efas gibt. Eine Mitentwicklerin namens Hannah Cloke klagt jetzt die Behörden an, sie hätten Warnungen ignoriert und keine Maßnahmen ergriffen. Darüber hinaus sind manchmal auch wirklich die Gemeinden schuld, wenn Menschen im Hochwassergebiet bauen. Angeblich wird massenweise Schutzgebiet in Baugrund umgewidmet. Also handelt es sich bei diesen Katastrophen auch um ein Versagen der Politik.

Was gäbe es aktuell für Gründe die Grünen in Österreich zu wählen?

Sabine: Da ich überzeugt bin, dass ein umweltfreundlicher Wandel in unserer Lebensrealität direkt mit sozialer Gleichberechtigung verknüpft ist, haben sozial benachteiligte Menschen wenig Gründe die Grünen zu wählen. Ihre derzeitigen Ideen beziehen sich auf eine finanziell gut gestellte Klientel und grenzen sozial Schwache aus. Die CO2-Steuer wäre hier zu nennen, die von Armut direkt betroffenen oder bedrohten Personen schwer zur Last fallen kann und somit zu einer Ablehnung klimapolitischer Maßnahmen führen wird.

Stefan: Die erste Vorsitzende der Grünen in Österreich war Freda Meissner-Blau. Ihr Vater musste mit ihr 1939 nach Großbritannien fliehen, weil er als Nationalökonom gegen das Naziregime geschrieben hatte. Sie ist erst 1962 wieder nach Wien zurückgekehrt und 1972 ist sie der SPÖ beigetreten, die sie bald danach wegen Zwentendorf und der Hainburger Au wieder verlassen hat. Diese Frau war direkt an den gesellschaftlichen Kämpfen um die Umwelt beteiligt. Bei der heutigen Grünen Führung ist dieser direkte Zugang zur Politik interessanterweise hinter einer Kulisse der Professionalität verschwunden.

Früher hießen die Grünen in Österreich „Die Grüne Alternative“. Mittlerweile gibt es Alternativen zur Alternative und Gruppen, die die Grünen sehr stark kritisieren. Fridays for Future ist eine davon.

Sabine: Die Grünen täten wohl gut daran sich wieder mehr an Frau Meissner-Blau zu erinnern, denn sie ist elitär aufgewachsen, war aber, sicher auch aufgrund ihrer politischen Erfahrungen, dazu in der Lage ihre Position zu hinterfragen. Ich frage mich was sie wohl heute über ihre Nachfolger sagen würde. Über Frau Glawischnig, die nach jahrelangem Wettern gegen das Glücksspiel bei der Novomatic einstieg …

Stefan: Das hatte über den persönlichen Zynismus hinaus eine politische Komponente. Weil das so genannte kleine Glücksspiel besonders für arme Menschen verheerende Auswirkungen haben kann. Und diese Spielhallen werden ja bewusst in bestimmten Gretzln aufgestellt.

Sabine: … über das permanente Verleugnen der eigenen Überzeugungen für die Koalition mit der ÖVP oder über einen Pop-Up-Pool am Gürtel. Ihre Werte werden doch von der aktuellen Regierungstätigkeit der Grünen in den Dreck gezogen. Gerne würde ich auch hören, was sie unserem ehemaligen, gurkigen Bundeskanzlerbuberl gesagt hätte.

Und soweit ich weiß, haben Fridays for Future die Grünen in Deutschland massiv kritisiert, denn dort verdanken die Grünen ihren politischen Aufstieg der Tatsache, dass sie ihre Umweltforderungen zugunsten der Wirtschaft abgeschwächt haben. So eine Kritik wäre nun auch in Österreich angebracht.

Man muss aber auch sagen, dass die Fridays for Future Bewegung derzeit gerade selbst dabei ist zu einem reinen Prestigeprojekt für rich kids zu werden, die sich ihren Lebenslauf mit ihrem Engagement darin aufpeppen wollen. Sie haben keine aktuellen Forderungen und Überlegungen, sie wollen die Verantwortung auf eine Politik abtreten, die ihre eigenen Eltern gewählt haben, aber sind zu feige es ihren Eltern ins Gesicht zu sagen. Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sie wüten gerne gegen die älteren Generationen, anstatt in ihrer eigenen Generation nach alternativen Lebensstilen zu suchen. Sie machen es sich bequem, so wie alle anderen Generationen vor ihnen es taten.

Stefan: Ist diese Bequemlichkeit vielleicht auch ein Resultat dessen, dass die Grünen zu einem gewissen Grad am Ziel angekommen sind ihre Politik zu normalisieren? (Recycling, Nachhaltigkeit, Bio …)

Sabine: Beim Ziel angekommen? Mitnichten. Es gibt zwar mehr Interesse in der Bevölkerung für Themen wie Nachhaltigkeit oder Bio-Lebensmittel (dieses Interesse möchte ich auch in meiner Gruppe befeuern), aber wenn man dann den Blick auf Themen wie Fast Fashion lenkt, wenn man einen Blick in Mülltonnen wirft, oder alleine schon an die 3. Piste beim Flughafen Wien denkt, dann sind wir weit von ihrem Ziel entfernt.

Zusätzlich glaube ich nicht, dass die bisherige Entwicklung einer Partei zuzuschreiben ist. Es waren doch eher Tierschutzaktivisten, Organisationen wie PETA oder der WWF, Kampagnen von Prominenten und mutiger Journalismus, welche das Bewusstsein der Bevölkerung geprägt haben. Allerdings ist das meine subjektive Sicht als Millennial, denn ältere Generationen werden das Wirken der Grünen auf sie und ihre Mitmenschen vielleicht anders bewerten.

Bei vielen ökologischen Punkten, wie die genannte Fast Fashion, die Bodenversiegelung, die Erhöhung des Tierwohls etc. gibt es jedenfalls noch viel für die Politik der Grünen zu tun.

Stefan: Kannst du den Begriff der Fast Fashion kurz erläutern? Gibt es da nicht auch das Paradox, dass wir durch unsere Kleiderspenden etwa die Textilindustrie im globalen Süden zerstören?

Sabine: Fast Fashion bezeichnet eine Unternehmensstrategie, deren Ziel es ist, so viele neue Modekollektionen wie möglich, so günstig wie möglich zu produzieren, um mit billigsten Preisen so viele Konsument(inn)en wie möglich zu gewinnen. Es gibt nicht mehr nur Sommer- und Winterkollektionen, sondern bereits mindestens 12 Kollektionen pro Jahr. Seit den 1990ern hat sich das Phänomen Fast Fashion verstärkt und durchgesetzt.

So wie diese Kleidungsstücke hergestellt werden, finden sie ihren Weg in die Kleiderspende ohnehin kaum, da sie nicht für Langlebigkeit produziert werden. Das ist geplante Obsoleszenz. Und in den asiatischen Ländern, die diese Fetzen herstellen, werden eh nur Hungerlohnjobs generiert, auf welche die Bevölkerung leider oft trotzdem nicht verzichten kann. Dazu verursacht die dortige Produktion nicht nur lebensgefährdende Arbeitsplätze in maroden Fabrikgebäuden, die kurz vor dem Zusammenbruch stehen, sondern vergiftet die Umwelt vor Ort auf massivste Art und Weise.

Diese Argumentation mit den Jobs in der dritten Welt stellt sich auf den zweiten Blick als billige Ausrede für westliche Kapitalisten heraus, bei der man Ausbeutung noch als Wohltätigkeit hinstellen möchte. Diese Produktionskette gehört durchbrochen, denn es kann nicht sein, dass Familien in Dritte-Welt-Ländern nur überleben können, indem ihre Frauen und Kinder ihre Gesundheit aufs Spiel setzen damit der reiche Westen Kleider in beschissener Qualität geliefert bekommt, damit sich auch hier die Ärmsten unter uns für Instagram mehr oder weniger tauglich präsentieren können. Das Lieferkettengesetz könnte solche Zustände womöglich verbessern.

Stefan: Es wirkt manchmal so als wäre das Grüne Ticket ein Franchise. Also eine Möglichkeit sich ein reines Umweltgewissen zu kaufen. Menschen ändern nicht ihr Konsumverhalten, sondern konsumieren einfach alles in Bio. Ist das jetzt besser?

Sabine: Nein. „Grüne“ Produkte zu kaufen ist erst mal ein guter Anfang und eine Voraussetzung für eine nachhaltige Produktion. Parallel dazu müssen sich aber auch die Rahmenbedingungen für die Produktherstellung ändern. Produkte sollten langlebig sein, um den Energie- und Rohstoffverbrauch zu reduzieren. Gelingen wird das allerdings nicht in einem wirtschaftlichen System, das auf endloses Wachstum, ergo ständigen Konsum, ausgerichtet ist. Hier könnten Konzepte wie die Gemeinwohlökonomie die Rahmenbedingungen verbessern.

Stefan: Die Grünen in Österreich sind ja sehr stark durch die Auseinandersetzung mit der Atomindustrie geprägt. Der Wiener Philosoph Günther Anders verwendet bereits in den 1960er Jahren den Begriff der Apokalypseblindheit und spricht von der Zerstörung der Zukunft durch die Atomenergie.

Sabine: Die Atomenergie und hier vor allem die ungelöste Frage des Atommülls, den sie hervorbringt, sind tatsächlich eine Gefahr, die man niemals kleinreden darf. Allerdings wird der Ruf danach wieder laut, weil durch die zunehmende Digitalisierung unser Stromverbrauch explodiert.

Es ist sehr fraglich, ob wir diesen Verbrauch jemals mit Strom aus erneuerbaren Quellen decken können werden. Besonders die Digitalisierung des Geldes, also Kryptowährungen, benötigen riesige Mengen an Strom, wie nun auch Elon Musk alle Welt wissen ließ. Die Digitalisierung verschärft also nicht nur die soziale Frage, da durch sie viele Jobs verlorengehen, sondern stellt uns auch bei der Energiegewinnung vor entscheidende Fragen.

Auch vor der Tatsache immer stärker werdender Wetterextreme gilt die Atomkraft als Gefahr. Man denke an den Tornado vom Juni 2021, durch den sogar ein Block des AKW Temelin abgedreht werden musste. Nicht auszudenken was passieren könnte, wenn sich die Verantwortlichen zu spät für eine Notabschaltung entscheiden würden, weil man auf die Energie des AKW aus wirtschaftlichen Gründen angewiesen ist.

Stefan: Atomenergie ist sehr effizient und solange kein Unglück passiert auch theoretisch sauberer als viele andere Formen Energie zu gewinnen. Aber dennoch hat sie etwas sehr Bedrohliches an sich. Günther Anders sagt, die Gefahr des atomaren Fallout wird unterschätzt, weil sie universal ist und ohne Kontrast, also trotz allgemeiner Präsenz unsichtbar bleibt. Weil Sie zu groß ist, überschreitet ihre Wirkung die Vorstellungskraft, gibt uns ein Gefühl der Ohnmacht und wird daher von uns als Angelegenheit anderer Instanzen wahrgenommen.

Wir schützen uns davor ständig unter der Angst davor zu leiden, indem wir so tun, als würde uns diese Gefahr nichts angehen. Zusätzlich wird sie von Zuständigen oft aktiv verbal bagatellisiert. Wenn man sich den Umgang japanischer Verantwortlicher mit Fukushima ansieht, trifft das ja auch zu. Wir sind blind gegenüber den Gefahren, die wir selbst erzeugen, weil wir uns nicht vorstellen können, dass uns eines Tages einfach die Luft ausgeht.

Sabine: Zur Frage von Macht und Ohnmacht sage ich nur: Zwentendorf! Hier hat sich die Bevölkerung nicht mit Ohnmacht abfertigen lassen und sich gegen ein Atomkraftwerk gewehrt. Genau deswegen sind Info-Kampagnen dazu so wichtig, weil dann ein Bewusstsein in der Bevölkerung darüber entstehen kann.

So unsichtbar die Gefahr einer Atomkatastrophe ist, so real wirkt sie sich aber auch auf unser Leben aus, wie COVID-19. Wenn wir unsere Eltern fragen, wie sie die ersten Jahre nach Tschernobyl erlebt haben, zeigt sich ein sehr eindeutiges Bild. Verbote in der Wiese zu spielen, Milch zu trinken oder Schwammerl zu suchen werden sehr häufig genannt. Es wundert mich allerdings sehr, dass diese jungen Erfahrungen nicht mehr Beachtung im allgemeinen Diskurs erhalten. Stellen wir uns das mal bei einem Unglück in Temelin vor.

Stefan: Ich durfte eine Weile nicht in der Sandkiste spielen damals. Und es gab ein Kinderbuch in dem das thematisiert wurde. Vor allem der atomar verseuchte Regen wurde dort als Gefahr dargestellt. Saurer Regen war damals auch ein Thema in Bezug auf das Waldsterben. Das hat mir Angst gemacht. Aber es hat unseren Alltag nicht grundsätzlich verändert und obwohl unter dem stählernen Sarg in Tschernobyl ja immer noch eine große Gefahr lauert geht das Leben halt weiter. Österreich ist übrigens umgeben von Kernkraftwerken von teilweise ziemlich alter Bauart. Mochovce, Bohunice, Krsko, Dukovany, Temelin, Isar, Grundremmingen, Mühleberg. Gleichzeitig gab es seit 1957 „nur“ acht große Unfälle in verschiedenen Kraftwerken auf der ganzen Welt. Das klingt aufs Ganze bezogen nach einer relativ geringen Risiko-Quote.

Sabine: Ich habe in den letzten Jahren gelesen, dass Sicherheitsprüfungen in einem deutschen AKW nicht ordentlich durchgeführt wurden. Man wiegt sich hier in einem falschen Sicherheitsgefühl. Und vor allem unterschätzt man die Schäden, falls es doch zu so einem Unglück kommt. Ein Sperrgebiet mit einem Radius von ca. 30 km rund um Tschernobyl ist bis heute eine unbewohnbare Zone. Stellen wir uns das doch einmal vor was wäre, wenn das 40 km entfernte AKW Dukovany in Tschechien einen Unfall hätte. Wien mit seinen knapp 2 Millionen Bewohnern wäre betroffen. Was glauben die Leute, wie sie dann leben werden?

Stefan: Das klingt nach einer Dystopie. Vielleicht sind wir ja doch auch mental so sehr Teil der Natur, dass wir uns eine menschengemachte Katastrophe mit so furchtbaren Auswirkungen gar nicht vorstellen können. Die Schweizer haben gerade zwei Umweltschutzinitiativen mit 61% Mehrheit abgelehnt. Bauern sollten Subventionen gestrichen werden, wenn sie künstlich hergestellte Mittel zur Bekämpfung von Schädlingen einsetzen und synthetischen Pestizide sollten ganz verboten und die Schweiz zu 100 Prozent zu einem Bio-Produzenten gemacht werden.

Warum verträgt sich die industrielle Landwirtschaft eigentlich so schlecht mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit? Elisabeth Köstinger, die zuständige Bundesministerin für Landwirtschaft, ist ja in Personalunion auch Tourismusministerin. Dem Tourismus könnte Nachhaltigkeit auch nicht schaden. Was haben die Regionen, in denen Massentourismus stattfindet, eigentlich vom Tourismus als Schaffer von billigen Arbeitsplätzen, von denen niemand so richtig leben kann (will)?

Sabine: Die konservative Bauernlobby in der Schweiz dürfte noch besser als in Österreich funktionieren…

Die industrielle Landwirtschaft ist auf Ertragsmaximierung ausgelegt, um dadurch auch den Gewinn zu maximieren. Die Auswirkungen auf die Umwelt, also das Sterben von Insekten oder Singvögeln, den Wasserverbrauch, die Minderung der Bodenqualität, etc. nimmt man in diesem Denken einfach in Kauf. Zum Glück gibt es vermehrt ein Umdenken bei den Bauern; ich hoffe sie können zeigen, dass man vom industriellen Weg wegkommen und trotzdem Gewinne erzielen kann. Hierfür müssen sie allerdings fair vom Handel entlohnt werden und dies wir auch nur mit der Rückendeckung der Konsumenten funktionieren.

Die Regionen des Massentourismus bringen wenige, aber dafür erfolgreiche, Profiteure hervor. Das Argument der Arbeitsplätze ist doch ein scheinheiliges, denn nicht umsonst wurden Köche und sonstige Gastroberufe 2021 auf die Liste der Mangelberufe gesetzt, obwohl so viele von ihnen derzeit arbeitslos gemeldet sind. Man möchte hier doch nur günstigere Arbeitskräfte aus dem Ausland importieren! Dafür bauen wir dann neue Skilifte, luxuriöse Chalets oder denken laut über Gletschersprengungen nach. Alles Maßnahmen, welche den Boden versiegeln, die natürliche landschaftliche Vielfalt zerstören und Tieren noch weitere Lebensräume rauben.

Stefan: Beim Thema der Klimagerechtigkeit schwingt immer ein gewisser Elitismus mit. Gerade erst hat Ministerin Köstinger gemeint, wir würden auf unseren 800 Euro Grills Fleisch für 80 Cent grillen und das wäre pervers. Ich als Normalsterblicher finde pervers, dass sie davon ausgeht, dass ich einen 800 Euro Grill haben könnte.

Sabine: Den 800 Euro Grill haben wohl sehr viele Österreicher bei sich zu Hause gesucht. Auch ich habe keinen gefunden. Man muss dazu auch sagen, dass knapp 1,5 Millionen Menschen in Ö von Armut gefährdet oder direkt betroffen sind. Diese Zahl stammt allerdings aus 2019, durch die Pandemie sind es sicher noch mehr geworden. Da stellen sich einige Fragen: Wieviel Geld haben diese Menschen für Grillfleisch zur Verfügung? Wollen wir, dass diese Menschen auf dieses Essensvergnügen verzichten sollen? Und vor allem: Profitieren der Handel oder die Bauern von höheren Preisen?

Der Diskurs übers Klima wird in jedem Bereich von elitären Schichten bestimmt. Schon alleine, weil sie sich die Muße leisten können über ihrem Bio-Steak über Veränderungen zu philosophieren. Wer den ganzen Tag anstrengende Arbeit leistet und trotzdem noch jeden Euro umdrehen muss, wird ganz andere Sorgen haben. Somit wird die Gesellschaft aber niemals gemeinsam an einem Strang ziehen können.

Stefan: Wie können einzelne Menschen im Alltag nachhaltig leben?

Sabine: Das ist für eine Einzelperson mit geringem Einkommen sehr schwierig und vor allem sehr individuell zu entscheiden. Daher möchte ich hier einfach 3 Beispiele anführen, die leicht umzusetzen sind, wobei sie alle voraussetzen, dass man sich bewusst für ein Umdenken entscheiden muss:

I) Es gibt bereits Apps wie togoodtogo, wo man als Konsument erfährt, wo gerade Restaurants oder Händler Lebensmittel kurz vor Ladenschluss noch zu günstigeren Preisen verkaufen möchten, um diese nicht in den Müll schmeißen zu müssen.

II) Man kann bei Geburtstags-, Weihnachts- oder sonstigen Geschenken, bei denen man ohnehin mehr Geld investieren würde, gezielt auf regional und fair hergestellte Schmankerl, Dekoartikel aus Recycling oder fair produzierte Mode sowie Kinderspielzeug setzen.

Ganz nach dem Motto: Qualität vor Quantität.

Der Hintergrund: Auch wenn man es sich nicht traut für sich selbst, sich z. B. den in Österreich hergestellten Bio-Honig zu leisten, so stellt er dann für Freunde ein wertschätzendes Geschenk dar.

Stefan: Diese spezifischen Feiertagsgeschenke sind mir meistens suspekt. Halloweenzeugs kann auch Spaß machen, vor allem wenn man Kinder hat. Wir haben Plastiktotenköpfe mit denen kann man nicht nur dekorieren. Aber vieles ist wirklich einfach nur Ramsch mit einem Feiertags-Logo darauf. Die Steigerungsform ist dann, wenn es deklarierte „Geschenkartikel“ gibt. Also Dinge, die man niemals schenken würde, außer, wenn man gerade ein „Geschenk“ sucht und nicht weiß, was man schenken soll. Dann wechseln Dinge die Besitzer, die gefühlsmäßig eh einfach nur weitergeschenkt werden.

Jedenfalls produzieren solche Feiertagsgeschenke einen Haufen Abfall, den man sich eventuell sparen könnte.

Sabine: Genau das meine ich eben mit meinem zweiten Punkt: Nicht einfach Ramsch schenken. Gerade zu Halloween kann es doch ein Körbchen mit Bio-Kürbissen sein, die der Beschenkte zu guten Speisen verarbeiten kann.

III) Der Natur etwas zurückgeben und wenn es nur ein Tag im Jahr ist. Das kann ein Tag sein, an dem man Müll einsammelt an öffentlichen Plätzen (hier gibt es Angebote der MA48); indem man im Winter Vogelfutter anbietet (Bitte kein Brot!); oder auf ein kleines Fleckchen im Garten Wiesenblumen anbaut, die eine Nahrungsquelle für Bienen und Schmetterlinge bieten.

Ich selbst habe vor Kurzem zwei Veränderungen in meinem Alltag eingebracht: Für das Wuzzeln meiner Zigaretten (das Rauchen ist immer noch meine Nemesis) verwende ich jetzt Papierfilter und ich kaufe vermehrt die Eier von Zurück zum Ursprung „Hahn im Glück“, da werden keine Brüderküken mehr getötet, sondern aufgezogen und erst als Erwachsene für Fleischprodukte geschlachtet. Das sind Beiträge zur Gesamtsituation, die sehr individuell gestaltet sind und auf einer Makroebene als Nichtigkeit betrachtet werden können, aber ich bin überzeugt, dass eine Vielzahl solcher kleiner Alltagsentscheidungen auf der Mikroebene das große Ganze bedeutend lenken können. Der Anbau einer einzelnen Blume kann einen Schmetterling herbeilocken und der Flügelschlag eines einzigen Schmetterlings soll ja bekanntlich die ganze Welt verändern können.

Stefan: Der Schmetterlingseffekt geht davon aus, dass auch die kleinsten Änderungen in der Formation eines Systems sich langfristig auf die Entwicklung des Systems auswirken können. In Wien kann man sagen, dass die frühe Sozialdemokratie mit der Errichtung von Gemeindebauten und der Durchmischung verschiedener Bevölkerungs- und Einkommensgruppen so einen Flügelschlag zur positiven Entwicklung des Systems Wien geleistet haben. Auch die ganzen Wiener Grünflächen und Parks sind wirksame Einsprüche gegen das Einerlei der normalen Städte. Beim Schrebergarten ist das wieder anders.

Dem wilden natürlichen Garten stehen im städtischen Bereich meist nur die Regeln der Schrebergartenvereine im Weg. Obwohl sie sich beinahe alle am naturnahen Gärtnern orientieren (Gießen mit Regenwasser usw.), sehen die Gärten oft sehr geordnet und homogen aus. 1903 wurde der „Erste Österreichische Naturheilverein“ gegründet. 1904 entstand die erste Schrebergartenkolonie im Süden von Purkersdorf. Sie wollten ein erschwingliches Naherholungserlebnis für Arbeiter. Sie sollten dort eine Gartenhütte haben und ihre Freizeit in der Natur verbringen können. Mittlerweile stehen auf den kleinen Parzellen oft mehrstöckige Einfamilienhäuser. Eine Verbürgerlichung des ursprünglichen Gedankens.

Sabine: Das ist doch typisch. Überall, wo eine Idylle geschaffen wird, die dem Zeitgeist entspricht, verdrängen die Bürgerlichen die Arbeiter. Die Preise schießen dann in die Höhe und der Ursprungsgedanke bleibt auf der Strecke.

Stefan: Du sprichst da das Phänomen der Gentrifizierung an. Henri Lefèbvre hat in den 1970er Jahren darüber nachgedacht, dass nach der Agrarrevolution die „Revolution der Städte“ noch ausstehen würde. Die Agrarrevolution hat im 18. Jahrhundert stattgefunden und dazu geführt, dass sich die Produktivität der europäischen Landwirtschaften durch Düngung und Züchtung drastisch erhöht hat. Lefèbvre plädiert für einen „Urbanismus“ der die Stadt als Kampffeld für die Interessen der Zukunft wahrnimmt. Nicht im Sinne der Produktivitätssteigerung, sondern der politischen Gestaltung. Der Stadt Wien wurde gerade in einem Zeitungsartikel bescheinigt zu wenig mutig an die Neugestaltung der Stadt heranzugehen. Autofahrerlobbys laufen gegen jegliche Veränderung Sturm. Werden wir die kommenden Hitzesommer in den Städten überstehen, wenn wir nicht radikal umdenken und eine Revolution der Städte einleiten?

Sabine: Wien will gerne mutig sein mit ihren Vorhaben den Autoverkehr zugunsten der Umwelt zu reduzieren und denkt über Fahrverbote in der Innenstadt nach, baut die U5 und will Radwege ausbauen. Ein extrem wichtiger Punkt wird dabei aber immer vergessen: Der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel in den Industrievierteln wie es sie im 22. oder 23. Bezirk, also in den Außenbezirken gibt. Durch das schlechte Angebot sind viele Arbeiter und Angestellte auf den PKW angewiesen, vor allem, wenn sie bei den angebotenen Anbindungen noch etwas von ihrer Freizeit haben wollen. Eine U-Bahn, welche die Außenbezirke miteinander verbindet, wäre bestimmt sinnvoller als eine U5.

Viel wichtiger wäre es allerdings Neubauten innerhalb der Stadt klimaneutral zu gestalten. Jüngste Betonschandflecken stellen der Hauptbahnhof, der Erste Campus, der neue Reumannplatz und vor allem die Station Altes Landgut am Verteilerkreis dar. Reden von Stadtplanungsräten über coole Streets und wasserverschwendende Sprühnebel, die in die Richtung der Straßen gerichtet sind, mögen vielleicht weniger nachdenkliche Wähler anlocken, aber definitiv nichts gegen die Hitzewellen in der Stadt unternehmen. Mehr Mut zu realen Aktionen und ein Verzicht auf heiße Luft aus Politikermäulern wären ein Anfang bei unserer weiten Reise hin zur CO2-Neutralität.

Stefan: Für das bürgerliche Selbstverständnis war zumindest die Goethesche Italienreise als Bildungsurlaub mehrere hundert Jahre lang Pflichtprogramm. Allerdings hatte Goethe auch Zeit sich nachhaltige Eindrücke anzueignen. Seine Reise hat fast 2 Jahre gedauert. Was darf/muss Fleisch kosten? Dürfen alle mit dem Flugzeug verreisen? Ist Reisen ein Privileg eventuell sogar eine Errungenschaft?

Sabine: Grundsätzlich ist meine Einstellung, dass der Konsum gewisser angesehener Produkte und Dienstleistungen nicht zum elitären Privileg erhoben werden darf, denn dann wird es ein stetiges Streben nach diesen prestigeträchtigen Statusgütern geben so wie es im 20. Jh. (und auch davor) passiert ist, was den Klimawandel ja erst befeuert hat. Da würde sich bloß die Geschichte wiederholen, was auch die Kontraproduktivität einer CO2-Steuer unterstreicht.

Ein Beispiel hierfür ist der laufend steigende Fleischkonsum in den Schwellenländern China und Indien. Dort gilt Fleisch als Prestigelebensmittel und wird genutzt, um den Status einer neu aufsteigenden Mittelschicht zu zeigen. Für diese Märkte wird also enorm viel Fleisch und dadurch CO2 erzeugt.

Auch beim Thema Reisen bin ich davon überzeugt, dass dies Menschen aller Vermögensschichten zustehen sollte. Vor allem, weil das Reisen die Persönlichkeitsbildung fördert, der Weiterbildung im Allgemeinen guttut und auch, weil es dazu beiträgt, dass künstlich gezogene Grenzen der Staaten geistig überwunden werden können. Das Reisen hilft den Menschen die Gesamtheit unserer Erde, die Gleichheit der Menschen und das grenzübergreifende Wirken der Natur zu begreifen.

Stefan: Der Wohlstand führt zu verändertem Konsumverhalten. Also einerseits gibt es Grund zur Freude, weil Menschen durch diese Globalisierungseffekte in die Lage versetzt werden sich aus der Armut zu befreien, andererseits entstehen dadurch ökologische Probleme. Ich stelle mir vor, wie die CO2-Bilanzen sich verändern werden, wenn die Menschen in Indien und China ebenso durchmotorisiert sind wie unsere hiesigen Automobilfetischisten. Die Geschichte von den Stadtbewohnern, die zur Trafik an der Ecke mit dem Auto fahren, ist im Kern ja wirklich wahr.

Sabine: Nun, hier muss man immer zwischen Wohlstand und unnötiger Verschwendung unterscheiden. Ein Auto zu besitzen, um damit den Arbeitsplatz oder ein Ausflugsziel im Grünen zu erreichen ist Wohlstand. Jeden 10 Minuten Fußweg mit dem Auto zu fahren ist verschwenderisch und dekadent. Aber es ist wahr, dass diese Dekadenz in der ersten Welt, vornehmlich den USA, geboren wurde. Gerade dort wird diese Lebensweise stolz aufrechterhalten, wohl auch, weil ihnen durch geographische Gegebenheiten eine Zersiedelung möglich ist, während man in Europa immer mehr auf den Ausbau der Bahnnetze setzt. Es bleibt fraglich auf welchen Star sich die chinesische und indische Bevölkerung als Vorbild einigen können werden: Auf den first-world-star westlich oder östlich des atlantischen Ozeans?

Stefan: Menschen gehören zur Natur. Zimmerpflanzen und Schoßhunde aber auch. Was ist eigentlich Natur? Oder was ist das, was wir daran schützen sollten?

Sabine: Das sind Fragen, die wir gesellschaftlich mehr zur Diskussion stellen müssen. Zimmerpflanzen können unser Wohlbefinden fördern (sofern wir nicht vergessen sie zu gießen) und Schoßhunde tun das auch, aber ihre fleischhaltige Ernährung ist wiederum negativ für die CO2-Bilanz. Hauskatzen sind als natürliche Jäger sogar für den bedrohten Status einiger Vögel verantwortlich. Wer solche Themen anspricht, macht sich leider sofort unbeliebt. Haustierbesitzer können sich sehr schnell angegriffen fühlen, denn Haustiere sind auch immer geliebte Familienmitglieder. Besser als die Natur in unsere unnatürlichen Lebensräume zu holen wäre es allerdings die Natur, die uns umgibt, so gut wie möglich zu schützen. Dieser Ansatz sollte Vorrang haben.

Stefan: Sind Hunde gute Haustiere für die Stadt?

Sabine: Da will ich mich jetzt nicht unbeliebt machen. Diese Frage sollte ein Stadthund beantworten.

Stefan: Menschen sind auch Teil von Staaten. Organisationen, die sich für die Umwelt engagieren geraten oft in Konflikt mit dem Staat. Wieso sind die Interessen der Allgemeinheit im Fall des Umweltschutzes so schwer mit den allgemeinen Interessen des Staates zu vereinbaren? Im Wiener Neustädter Tierschützer Prozess wurden aktionistische Tierschützer als kriminelle Vereinigung angeklagt, weil sie für über 200 Straftaten verantwortlich gemacht wurden.

Sabine: Es kann daran liegen, dass Umweltschützer ja doch Grenzen übertreten. Die Videos aus Tierfabriken sind manchmal so schockierend, dass die Menschen ihren Anblick nicht ertragen und sofort abschalten. Wenn es dann noch provokante Aktionen, Gesetzesübertretungen und schlechte Propaganda über sie gibt, wie dass sie dem Österreicher sein Schnitzel wegnehmen wollen, dann sinkt auch das öffentliche Verständnis für sie. Ich glaube aber genau dieses öffentliche Interesse würde es brauchen, damit auch die Politik ihren Umgang mit ihnen und den Themen, die sie an die Oberfläche tragen, verändert.

Stefan: In Rom erwarten sie gerade einen Müllsommer. Rom hat drei Millionen Einwohner und keine eigene Müllverbrennungsanlage. Das Amt, dass den Müllberg organisiert ist auch für die Friedhöfe zuständig. Während der Pandemie haben sich dort sprichwörtlich die Leichen gestapelt. Diesen Sommer werden es wohl die Müllsäcke sein. Manchmal scheitert es also auch an der Fähigkeit der Menschen sich rational zu organisieren.

Sabine: Wenn Produkte immer kurzlebiger gestaltet werden, sind wir zum stetigen Neukauf gezwungen. Das wirkt sich besonders bei Elektrogeräten und Kleidung im Alltag aus. Das ist gewollt, weil Unternehmen durch günstige Produkte Kunden anwerben wollen und sie gleichzeitig durch den schnellen Verschleiß der Produkte die Kunden zum raschen Neukauf zwingen wollen. Das fördert den Verbrauch von Rohstoffen und schafft Müllberge, die dann die Umwelt belasten. Nur langlebige Produkte und Mehrwegverpackungen können diese Müllansammlungen so klein wie möglich halten.

Stefan: Günther Anders hat das einmal so schön formuliert, dass die Mode der Trick der Industrie ist, die Nachfrage aufrecht zu erhalten.

Sabine: Ich glaube, mit diesem Gedanken hat er eine der umweltschädlichsten Manipulationen unserer Gesellschaft entlarvt.

Zur Totaleskalation der Österreichischen Medienlandschaft nach dem Sieg der Grazer KPÖ

Ein Gespenst geht um in Österreich – das Gespenst des Kommunismus. Dieser Eindruck befällt einen zumindest beim genauen Studium der österreichischen Medien in der letzten Woche, seit dem Sieg der KPÖ-Vorsitzenden Elke Kahr bei der Gemeinderatswahl am 26.9.2021. Tage davor hatten die österreichischen Zeitungen noch einen klaren Sieg der ÖVP unter Nagl vorhergesagt.

Der Falter prognostizierte im Portrait über Elke Kahr „Die Wohlfühl-Marxistin“„Bei der Gemeinderatswahl am kommenden Sonntag wird Langzeitbürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) Platz eins halten. Die KPÖ, stabil zweitstärkste Kraft, dürfte zu ihren 20,3 Prozent aber dazugewinnen. Die ÖVP trommelt, weit übertrieben, gar schon einen „Zweikampf“.“

Der Standard verbreitete in einem Artikel mit dem klingenden Namen „Die rote Zelle in Graz“ auch das Red-Baiting diverser ÖVP-Politikerinnen, die warnend schon vor der Wahl aussprachen: „Graz ist kein marxistisches Versuchslabor für links-linke Träumereien, die dieser Stadt nachhaltig ihre Lebensqualität und ihre Attraktivität rauben.“ Weiter nahm man mahnend einen „Staatsbankrott“ und „Massenarbeitslosigkeit“ vorweg. Bezirksabteilungen der ÖVP Graz verbreiteten auf Facebook Bilder von aus der DDR fliehenden Soldaten. Man fühlte sich fast an die Wahlplakate der ÖVP zur Nationalratswahl 1949 erinnert: „Du wirst zum Knecht der Kolchose! Davor schützt Dich nur die ÖSTERREICHISCHE VOLKSPARTEI!

Mit der Fällung von 8.000 Bäumen für das „größte Klimaschutzprojekt der Stadt“, das Murkraftwerk, und der bahnbrechenden Idee in Graz – einer Stadt die man innerhalb von einer halben Stunde leicht zu Fuß durchquert – eine U-Bahn zu bauen, konnte die ÖVP dennoch viele Wählerinnen nicht davon überzeugen, ihre Politik werde die Lebensqualität vieler Grazerinnen steigern und der „Massenarbeitslosigkeit“ Einhalt gebieten. Der 18 Jahre amtierende Bürgermeister Nagl hatte sich besonders durch seine zukunftsweisenden, unverwirklichbaren und finanziell ruinösen Ideen einen Namen gemacht. Weder konnte er die Grazer Olympia-Kandidatur für 2026 durchsetzen, noch war die Idee des Baus einer Gondel auf den Plabutsch erfolgreich. Einen kleinen Erfolg erzielte man mit der Sanierung der vorsintflutlichen Murinsel, die es zumindest in die Verfilmung eines Brenner-Krimis geschafft hat. 

Nun aber hat Siegfried Nagl seine „helfende Hand von Graz“ zurückgezogen und es dem Untergang freigegeben, denn wider Erwarten konnte Elke Kahr die Wahl für sich entscheiden. Schon flackert die Angst vor der „roten Gefahr“ massenmedial auf. 

Armin Wolf ist es im ersten Interview nach Elke Kahrs Sieg besonders wichtig zu betonen, dass nur knappe 30% der zur Wahl erschienenen Wählerinnen Kahr tatsächlich gewählt hatten, um später draufzusetzen: „Jetzt präsentieren Sie sich im Alltag ja eher wie die Caritas und weniger wie eine KPÖ, aber Sie sagen ja auch ganz klar: Ich bin eine Marxistin, und Sie haben hier in der ZIB 2 mal gesagt: KPÖ ist ein guter Name für die Partei. Wieso ist Kommunistische Partei im Jahr 2021 noch ein guter Name, nach all den Verbrechen mit Abermillionen Toten die Kommunisten überall wo sie regiert haben in der Geschichte, begangen haben? (…) Ist vielleicht das das eigentliche Geheimnis Ihres Erfolges, dass Sie als Kommunistin in Graz eigentlich nichts anrichten können, weil ja niemand vermutet, dass Sie als Bürgermeisterin die Styria enteignen werden, oder die Villen in Rosenhain, oder eine Diktatur des Proletariats errichten, weil eh nicht so viel Kommunismus da sein wird an der kommunistischen Bürgermeisterin?“

Von „Leningraz“ ist wieder die Rede und von „Stalinismus“, der „noch in der Grazer KPÖ steckt“. Man postet Artikel über den niedrigen Lebensstandard und die kurze Lebenserwartung in den postsowjetischen Staaten Osteuropas und darüber, dass die KPÖ-Spitze 1947/48 „über eine Teilung Österreichs nachdachte“ und die sowjetische Besatzungszone in einen kommunistischen Staat umwandeln wollte. An anderer Stelle mahnt man die „dunklen Kapitel dieser Partei“ nicht zu vergessen, denn „Dort, wo die Kommunisten regierten, lief praktisch alles schlecht“. Christian Ortner bezeichnet den Wahlsieg Kahrs gar als „Die Schande von Graz“, denn mit der Wahl der Grazer KPÖ gebe man schließlich „ein Bekenntnis zu einer der verbrecherischsten Ideologien“ ab, „die je diesen Planeten geschunden haben“. „Kahrs Wähler haben kommunistisch gewählt“, zitiert er Thomas Eppinger „Ob sie geschichtsvergessen oder politisch ungebildet oder beides sind, spielt keine Rolle.“ Ortner mahnt abschließend: „(…) Angst kann man vor einem Souverän haben, der so wählt, wie das in Graz am letzten Sonntag der Fall war.

Elke Kahr führt das Erbe Ernest Kalteneggers fort. Dieser hatte mit Sprechstunden und Sozialberatungen für die Grazer Bürgerinnen begonnen. Realpolitik, die sich der Probleme der Einwohnerinnen konkret annimmt, konnte der KPÖ zu konstantem Zulauf verhelfen. Die KPÖ-Funktionäre treten 2/3 ihrer Politikergehälter ab, die in einem Sozialfonds landen und jenen zur Verfügung gestellt werden, die es brauchen. Mit Wohnungspolitik konnte man punkten. 

Im Standard spricht man angesichts dessen höhnisch vom „Caritasprinzip“ der Grazer KPÖ und weist darauf hin „Marx hätte es Almosen genannt“, in der Presse fantasiert man vom „Radical Chic am linken Mur-Ufer“ und davon “wie sich eine Marxistin als Sozialarbeiterin gibt“. Die Wahl der Kommunisten in Graz durch Bürgerliche könne nur dadurch erklärt werden, dass sie Bobos eine Möglichkeit „zur gepflegten Provokation“ biete. Denn: „Mit den alten leninistischen Hammer-und-Sichel-Kommunisten hat die Grazer KPÖ tatsächlich wenig zu tun.

Der Vorwurf des linken Populismus ändert aber nichts daran, dass solche Hilfsmaßnahmen für bedürftige Menschen akut mehr Unterschied machen, als das ideologische Beharren auf – zumindest theoretische – Veränderung des Systems – das der Grazer KPÖ auch von Seiten der Bundes-KPÖ immer wieder zum Vorwurf gemacht wird, denn es fehle der ideologische Überbau. Dass ein solcher Populismus wahrscheinlich mehr ausmacht, als die provokative Pose auf der Met-Gala im „Tax the Rich“-Fummel, darf man ja dann fast nicht mehr erwähnen. 

Da sich die weitgehend historisch ahnungslose „liberale“ Journalistenbubble in Österreich gerade derart neurotisch an einer Grazer Stadtregierung abarbeitet, eine kleine historische Erinnerung:

Nach den umfangreichen Wahlverlusten der Christlichsozialen Partei von 1927 […] setzten sich innerhalb der Christlichsozialen Partei immer deutlicher jene Kräfte durch, die auf eine Veränderung des parlamentarisch-demokratischen Systems in Richtung eines autoritären, „organisch-ständischen“ Aufbaues für Österreich hinarbeiteten.“ (Staudinger 2005)

Nun kann man sich mit Blick auf die politische Geschichte Österreichs hoffentlich einigen, dass die Austrofaschisten eine weit fatalere Rolle gespielt haben, als die Kommunisten, die in der Ersten Republik so gut wie einflusslos waren, da sie intern zerstritten waren und erst in Folge ihres Verbots durch die Austrofaschisten zur Massenpartei avancierten. Zur Zeit des Nationalsozialismus spielte die KPÖ – auch daran soll erinnert sein – eine wesentliche Rolle in der österreichischen Widerstandsbewegung. Man fragt sich, ob es das ist, was Liberale in Österreich besonders abstößt?

Was ist das besonders Erschreckende am Sieg der KPÖ in der Grazer Kommunalpolitik? Und sind ähnliche Reaktionen in Zukunft auch bei Wahlsiegen der Nachfolgepartei der Vaterländischen Front, ÖVP, zu erwarten? Werden wir mit massenweise Artikeln über Pinochet und Mussolini beglückt? 

Wird von besagten österreichischen Journalisten von nun an bei einem Wahlsieg der ÖVP ebenso reflexartig der Austrofaschismus und bei einem Wahlsieg der FPÖ, immerhin Nachfolgepartei des VdU – einem Zusammenschluss ehemaliger Nationalsozialisten – der Nationalsozialismus thematisiert? 

Im Sommer 2017 vermeldete die ÖVP nun bereit zu sein sich im Zuge eines Umbaus des Parlaments vom Dollfuß-Portrait in den Räumlichkeiten des Parlamentsklubs zu trennen. Das Bild wurde, neben anderen, dem Niederösterreichischen Landesmuseum zur Verfügung gestellt. Der damalige Clubchef Lopatka begründete dies damit, dass es im Übergangsquartier am Heldenplatz nicht genug Platz gäbe die Bilder aufzuhängen. Erst 2014 hatte man dem Portrait ein Taferl beigefügt, um zumindest daran zu erinnern, dass es einmal so etwas wie Austrofaschismus gegeben hat.

Unter Herausgeberinnen 3. Männer + Hoden + YouTube + Gewalt – Teil 3

Link zu Teil 1

Link zu Teil 2

Stefan: Die Gewalt in den Foren gehört als Vorbereitungsritual zum Mord mittlerweile dazu. Viele Medien spielen dabei mit. Nach dem Tod von Modell Kasia Lenhardt, die nach ihrer Trennung von einem Fußballer stark unter Onlinehetze gelitten hat, titelt ein online Schmierblatt „Ex-Freundin von Jérome Boateng“ um dann erst damit rauszurücken, dass die 25 jährige gerade unter schlimmen Umständen verstorben ist. 

Ela: Das ist ja auch interessant. Sie macht öffentlich, dass er sie verdroschen hat, darauf patzt er sie an und liefert sie dem Mob aus. Sie begeht Selbstmord. Jetzt findet man auf ihrem Körper Spuren von Misshandlung und leitet ein Verfahren gegen ihn ein. Das Beste ist aber, das war nicht der erste Vorwurf gegen ihn wegen Körperverletzung. Es gab schon einmal ein Verfahren, da ging es aber um eine andere Frau. Jedenfalls: Wie läuft die Diskussion? Man möchte die Vorwürfe mit Geldmacherei abtun. Man soll doch den armen Boateng endlich in Ruhe lassen, das Goldkind. Aber was bei ihr falsch lief, darf man sich schon fragen, weil schließlich hat sie sich am Geburtstag ihres Sohnes umgebracht.

Stefan: Die Frau als Anhängsel des Mannes. Ihr Tod dargestellt wie ein in Kauf zu nehmendes (natürliches) Ergebnis der Trennung. Mir ist bewusst, dass diese Analogie sehr subtil ist und manchen nicht überzeugen wird. Aber es ist ein Faktum, dass der Onlinehetze gegen Frauen massenweise Gewalt im echten Leben folgt. Und es ist ein Faktum, dass Behörden dieses Problem ignorieren. Ich kenne persönlich mehrere Fälle in denen Frauen gestalked, bedroht und verfolgt wurden und die Polizei sie mit der Auskunft alleine gelassen hat, dass sie erst handeln kann, wenn etwas passiert ist. 

Ela: Es ist ja nicht so, dass dann, wenn was passiert, die Polizei sich ermittlungstechnisch besonders positiv hervortut. 

Stefan: Das fängt damit an, dass die Gewalt im digitalen Raum und die analogen Taten zwar oft zusammen gehören, aber von polizeilicher Ermittlung jeweils getrennt analysiert und ermittelt werden. Dabei sind bereits sehr viele Fälle dokumentiert in denen Frauen zuerst jahrelang gestalked und bloßgestellt werden, bevor ihr Verfolger dann zur Tat schreitet. Diese Stalker nützen die digitale Technik und die sozialen Medien um ihren Opfern möglichst nahe zu kommen, sie auszuspionieren, zu manipulieren und letztendlich um sie jederzeit ausfindig zu machen. In Hannover war jetzt ein H&M Mitarbeiter zwei Jahre hinter einer jüngeren Kollegin her mit Trackern und Spyware, bevor er letztlich eine Nacht unter ihrem Bett verbracht hat um sie am nächsten Tag zu ermorden. Das ist eigentlich Stoff für einen Horrorfilm, aber passiert in unterschiedlichen Ausmaßen wahrscheinlich öfter als man glaubt. 

Es gibt jedenfalls gesellschaftliche Hintergründe für die Morde an Frauen und diese kann man teilweise ungefiltert auf sozialen Medien mitlesen. Leider nimmt die Gesellschaft sie meistens nicht ernst. Aber auch weil viele der frauenfeindlichen Aussagen die da getätigt werden auf eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz stoßen. Auch bei Frauen. 

Ich nehm aus unserem Gespräch mit, dass Männer nicht so blöd geboren werden, wie sie sich durch Nachdenken dann freiwillig machen. Und da fällt mir dann eine besondere Spezies Mann ein, die vor allem online eine gewisse Rolle spielt beim Nachdenken über und Zudecken von Gewaltverhältnissen. Ich nenne sie die linken Kulturmänner. Den Begriff habe ich mir gerade ausgedacht. Aber er basiert schon auf konkreten Beobachtungen. Es geht jetzt nicht um die ur Entdeckung. Es ist vielmehr der Hinweis auf ein Randphänomen des Hodenschaukelns, das viel zu oft unbeachtet bleibt, weils als nicht so wichtig erscheint. 

Die linken Kulturmänner sind große Jungs, manche Ende 50 oder älter, die aus unterschiedlichen Gründen seit Jahrzehnten in der Kulturbranche drinnen sind und sich auf ihre Leistungen sehr viel einbilden. Auch wenns nicht immer ganz so berühmt war, was sie gemacht haben. Aber sie haben irgendwie immer am Rand der High Society verbracht. Am Rand des politischen Geschehens. Am Rand der großen Partys. Und in ihrer Neuerzählung mit Ende 50 sind sie plötzlich im Mittelpunkt. Darum sind sie umgeben von Bewunderern und stellen sich den freiwilligen Adoranten als richtig dicke Fische dar. Sie haben alles schon einmal erlebt und teilen ihre Lebenserfahrung mit allen. Sie erklären die Welt und zeigen gerne wen sie alles kennengelernt haben auf ihrem langen Weg. Vor allem belehren sie gerne darüber, wie die Welt wirklich ist und was sie immer schon so gesagt haben in ihrem langen erfüllten beneidenswerten Leben. Am Ende läuft aber jede Statusmeldung darauf hinaus die eigene Wichtigkeit zu unterstreichen und der Welt zu offenbaren: „Ich habe es schon 1986 gewusst.“ 

Ela: Lustig, dass du das erwähnst. Ich hatte so einen in meiner Inbox, Künstler, der anscheinend nur schwer damit umgehen konnte, dass ich seinem ständigen Bedürfnis von mir unterhalten zu werden, nicht nachgekommen bin. Das war einer, der wahrscheinlich nur Leute um sich hat, die seine Genialität niemals hinterfragen würden. Seine Frustration darüber, dass er dachte man könne „Menschen konsumieren, wie guten Wein“, doch das sei nur ein „temporärer Genuss“, hat er mir dann natürlich sogleich mitgeteilt. Auf meine Erklärung, dass ich momentan aus persönlichen Gründen kein Interesse an längeren Gesprächen habe, warf er mir Narzissmus vor. Das ist das „Warum antwortest du nicht, du hässliche Fotze?“ der linken Kulturmänner. Ab und zu bekomme ich noch gehässige Nachrichten, ich denk das ist zyklusabhängig.

Das sind halt die Leute die mit 17 schon besoffen Schas geredet haben und das „philosophieren“ genannt haben, und leider hat ihnen nie jemand gesagt, dass es Schas ist, sondern alle sind auf ihren Schas immer total ernsthaft eingegangen und haben sie dadurch erst so richtig bestätigt in ihrem Schas, weil dann waren sie erst recht davon überzeugt, dass sie außergewöhnlich intelligent sein mussten. So haben sie sich in ihre eigenen Gedanken verliebt, dass sie inzwischen gar nicht mehr hinterfragen, ob es Schas sein könnte, weil sie immer bestätigt bekamen, was sie eh schon immer vermutet haben: Dass sie Genies sind. Und dann sagen sie: „Es werde Licht!“ und die Mutter dreht das Licht auf für den Burli.

Da gibt’s diesen Französischen Bildteppich aus dem 16. Jahrhundert, wo eine Frau mit genervten Gesichtsaudruck einen Spiegel für ein Einhorn hält, das sich begeistert betrachtet.

Stefan: Das Einhorn ist Jesus und die Frau ist die Jungfrau Maria.

Ela: Ich glaub das ist eine Referenz auf die Ehe, aber ja vielleicht eh Jesus und Maria, Mutter-Sohn-Beziehung. Die Frau hält den Spiegel für den Mann, der sich begeistert darin betrachtet. Sie bestätigt ihm seine Großartigkeit. Er ist tatsächlich ein Einhorn, ein ganz besonderer Junge.

Stefan: Selbstbewusstsein bedeutet im Kulturmännerjargon, dass sie wild und frei sein wollen. Auch beim Denken. Sie sind Verteidiger der Meinungsfreiheit, der Libertinage, der Gerechtigkeit, des guten Lebens. Über all das wissen sie persönlich Bescheid. Sie haben es ja erlebt. Und dieses lehrreiche Denken erledigen sie daher am liebsten öffentlich und in Form eines lehrreichen Vortrags bei dem alle Felder des Wissens von ihnen so expertenmäßig abgedeckt werden, dass die Stimmen von echten Experten für die jeweiligen Themenbereiche schon eher nur mehr Störgeräusche für sie sind. 

Sie machen diese öffentlichen Belehrungen ja für das Wohl aller Menschen. Der ganzen Hascherln für die sie alles durchdenken um ihr Leben nach ihrem Vorbild zu ordnen. Dieses Sendungsbewusstsein steht natürlich dann konträr zum Anspruch des freien Denkens, des antiautoritären Führers der sie so gern sein wollen. Daher sind sie dann dementsprechend auch peinlich berührt und schlagen wild um sich, wenn man sie ebenso öffentlich auf die kleinen Fehler aufmerksam macht, die beim großen Denken so passieren können und in aller Öffentlichkeit schnell sichtbar werden. Da entstehen narzisstische Kränkungen. Daher kontrollieren sie die Zusammensetzung ihres Publikums wie die kleinen Diktatoren die sie eigentlich gerne wären.

Ela: Der Otto Mühl, den du im ersten Teil erwähnt hast, hat das in den 60ern ganz konkret ausgesprochen: „Das Schlachten von Menschen darf nicht Staatsmonopol sein.

Stefan: Ja sie Konkurrieren eigentlich nur mit Gott und dem Staat in ihrem Anspruch. Manchem großen Verteidiger der Meinungsfreiheit ist die Meinung der anderen plötzlich nichts mehr wert, wenn sie der eigenen entgegensteht. Manchem großen Kritiker des Mainstreams ist die eine Gegenmeinung in seinem persönlichen Mainstream so sehr ein Dorn im Auge, dass er diese sofort und ohne weitere Diskussion aus diesem entfernen muss. 

Und oft genug wird beim öffentlichen Hodenschaukeln dann auch noch die Vernunft zugunsten des eigenen Egos ad acta gelegt. Denn wenn man so lebenserfahren, links und männlich ist wie diese Kulturmänner, dann kann man schon mal antifeministische, antisemitische und antiintellektuell Einstellungen pflegen ohne sich dadurch selbst in einem schlechten Licht betrachten zu müssen.

So gibt es Exemplare dieses Kulturmannes die Prostitution ganz super finden, weil Sexarbeit ist Arbeit, eine sehr wertvolle und wichtige Arbeit. Das älteste Gewerbe. Weil Sex darf nicht nur in der Ehe stattfinden. Und wo sollen denn die Männer hingehen, wenn sie Druck haben? Das führt ja sonst nur zur Gewalt, wenn man Frauen nicht mehr für Geld vergewaltigen darf. Und es gibt ja auch diese und jene Prostituierte die sie mal im Kulturmännerfernsehen gesehen haben und die hat persönlich versichert, dass Prostitution vollkommen selbstbestimmt und frei ist und alle Frauen das in Wahrheit gerne machen. Deshalb finden sie es auch Hetze, wenn Freier juristisch belangt werden sollen.

Ela: Brownmiller beschreibt ganz gut: „Mir graut vor reglementierter Prostitution nicht deshalb, weil sie kein Mittel gegen Vergewaltigung ist, sondern weil damit das finanzielle, wenn nicht gar gottgegebene Recht des Mannes auf den Körper einer Frau institutionalisiert und damit die Vorstellung nur fester verankert würde, daß Sex eine Dienstleistung der Frau sei, die keinem zivilisierten Mann verweigert werden sollte.“

Dieses Selbstbild, Libertines, Bohemiens, frei und wild, das kommt ja auch im Pro-Prostitutions-Diskurs nicht zu kurz, das ist eventuell ein Grund, warum das bei der Klientel so beliebt ist. Wie Kajsa Ekis Ekman zeigt in „Being and Being Bought“: Offenheit gegen Zensur, Liberalismus gegen Moralismus, alles mit etwas Gossenromantik, Hurenfetischismus und sexueller Revolution garniert. Antiporno- bzw. Anti-Prostitution werden nicht zufällig mit religiösem Lobbyismus vermischt. Die liberale Marktökonomie macht sich im Zusammenhang mit Prostitution den kartesianischen Dualismus zunutze. Die Trennung von Körper und Geist erfüllt sich in der Sexarbeit. Dissoziation als Business-Modell. 

Wichtig ist, zu wissen, dass man eine Prostituierte natürlich nicht vergewaltigen kann. 2005 stellte ein wegen Vergewaltigungen an Prostituierten angeklagter „Gürtel-König“ vor Gericht die Frage „Seit wann kann man a Hur‘ vergewaltigen?“ und der Richter überzeugte durch besondere Kenntnis der Küchenpsychologie, als er davon sprach, dass Prostituierte „wahrscheinlich“ eine „Vergewaltigung (…) leichter weg(stecken)“. Der Staatsanwalt unterbot dieses Theater noch, indem er als mildernden Umstand zugunsten des Angeklagten anführte „Prostituierte werden nicht besonders erniedrigt, wenn sie vergewaltigt werden“. Dass Studien zufolge ca. 60% der Prostituierten an Posttraumatischer Belastungsstörung leiden, tut natürlich nichts zur Sache, denn Justitia ist stets neutral, besonders bei Vergewaltigung. Der Angeklagte bekam übrigens 3 Jahre.

Der Weininger hat die Frauen in zwei Typen eingeteilt: Die Mutter und die Dirne. Seiner Meinung nach ist die Anlage zum „Dirnentum“ bei Frauen von Geburt an fix, ähnlich wie die Eignung zur Mutterschaft. „Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet werden, wohin erst der Mann die Frau gedrängt hat. Oft genug wird sicherlich ein Mann die Schuld tragen, wenn ein Mädchen ihren Dienst verlassen mußte und sich brotlos fand. Daß aber in solchem Falle zu etwas gegriffen werden kann, wie es die Prostitution ist, muß in der Natur des menschlichen Weibes selbst liegen.“

Aber die Einteilung ist auch ein alter Hut. Ebenfalls unter Solon wurden staatliche Bordelle in Athen legalisiert. Man musste ja zwischen guten und schlechten Frauen unterscheiden können. Die guten Frauen waren natürlich Mütter. Ich fand das schon immer ein wenig neurotisch, dieser Wunsch dass eine Frau bestenfalls geschlechtslos zu sein hat, während sie gleichzeitig aber die Mutterrolle zu verkörpern hat. Denn, wie kommt sie denn zu ihren Kindern? Das hat die Kirche ganz gut hingekriegt, die hat die Maria ja zur Heiligen erhoben, die eine ewige Jungfrau war und Fleischeslust nicht einmal vom Hörensagen kannte. Damit hat sie den Frauen ganz gut aufgezeigt, dass sie diese Stufe an Tugendhaftigkeit nie erreichen werden. Die perfekte Frau hat geschlechtslos zu sein und gleichzeitig eine sorgende Mutter. Daraus entsteht dann diese kognitive Dissonanz, die bis heute nicht überwunden ist. 

Das haben sie in der Republik Gilead (Handmaid’s Tale) praktisch gelöst. Die Weltbevölkerung muss mit einer nie dagewesenen Unfruchtbarkeit umgehen und an der Ostküste der USA hat eine Junta bestehend aus Mitgliedern der Verschwörungsgruppe „Söhne Jakobs“ nach einem Putsch einen theokratischen Staat gegründet. Dort gibt es Frauen, die nur für die Reproduktion zuständig sind, die Handmaids. In der Bibel blieb Jakobs Ehe mit Rahel kinderlos, daher befahl Rahel Jakob ihr mit der Magd Bilha ein Kind zu zeugen. In einer monatlich stattfindenden Zeremonie, die durch die fruchtbaren Tage der Handmaids festgelegt wird, wohnen die Ehefrauen der Vergewaltigung der Handmaids durch die Commanders (Ehemänner) bei. Während der Commander die Magd vergewaltigt, liegt deren Kopf im Schoß der Ehefrau, die ihr die Hände festhält. Nach der Geburt des Kindes wird dieses von der Mutter getrennt, da es ihr nie „gehörte“. Die Kinder gehen an die Ehefrauen (Wives), unter Obhut des Commanders. Dann gibt’s natürlich noch andere Frauenrollen, Marthas, Tanten (Aunts), etc. und Prostituierte (eine Option für Unfrauen/gefallene Frauen die im Bordell „Jezebel’s“ arbeiten). In Athen hatte man halt Hetären, Konkubinen und Ehefrauen. Aber die Einteilung hat immer noch Wirkmacht. Kajsa Ekis Ekman beschreibt wie diese Einteilung heute durch Prostitution und Leihmutterschaft, in der Kommerzialisierung von Sexualität und Reproduktion, weiterwirkt.

In den 70ern hat es in Yorkshire, England, eine Mordserie gegeben. Frauenmorde. Die ersten Opfer waren Frauen aus der Arbeiterklasse, Alleinstehende, Mütter von Kindern, die mehr schlecht als recht über die Runden kamen. Dass sich der Fundort der ersten Leichen in der Nähe des Rotlichtviertels befand, hat sofort zur Annahme der Polizei geführt, dass es sich bei den Opfern um Prostituierte handeln muss, eine Behauptung, die die Presse nur zu gerne übernahm. Dass einige Opfer sich aus finanziellen Nöten heraus prostituiert haben, hat sich dann bestätigt. Deswegen hat man geglaubt, dass Frauen aus anderen Gesellschaftsschichten nichts zu befürchten haben. Das wurde ja auch von der Polizei bestätigt, die öffentlich aussagte, dass der Mörder Prostituierte hasst. Die Presse hat dann den passenden Namen gefunden. Jack The Ripper, der Prostituiertenmörder aus dem viktorianischen London, wurde zum Patron. Man einigte sich auf den Yorkshire Ripper. Vom dritten Opfer wusste die Polizei, dass es „bis 10 Tage vor dem Mord“ ein „respektables Leben“ geführt hatte. Dann hat es „einen Statusverlust“ durchgemacht und war auf der „Straße unterwegs“. Dann fand man das fünfte Opfer, ein 16-jähriges „unschuldiges“ Mädchen und hätte feststellen können, dass der Täter wohl doch Frauen im Allgemeinen hasste. Die Dichotomie zwischen „gefallener“ und „unschuldiger“ Frau zu verwerfen, schien aber keine Option zu sein. Stattdessen unterstellte man dem Ripper das Mädchen für ein Prostituierte gehalten zu haben. Es musste sich um ein Missverständnis handeln. Um dem Mörder seinen Irrtum zu erklären, hat man sich via Brief in der Zeitung direkt an ihn gewandt. „Wie hast du dich gestern gefühlt, als bekannt wurde, dass dein blutiger Feldzug gegen Strichmädchen so schrecklich missglückt ist, dass dein rachgieriges Messer solch ein unschuldiges Opfer fand? Geisteskrank, wie du sicher bist, musst du doch einen Funken Reue gefühlt haben, als du dich von Jaynes Blutflecken befreit hast.“ Später tötet er, zum Schrecken der Polizei, auch Frauen aus der Mittelschicht, was die Polizei zunächst aber noch immer nicht von ihrer Prostituiertenmörder-Theorie abbringen kann. Als der Groschen dann endlich fällt, spricht die Polizei die Empfehlung aus, dass Frauen halt einfach das Haus in der Nacht nicht mehr verlassen sollen. 

Das erinnert stark an die Entführung und den anschließenden Mord an Sarah Everard kürzlich in London. Diese Empfehlung ist immer schnell ausgesprochen, wenn dann aber eine Politikerin der Grünen Partei scherzhaft vorgeschlägt, dass man doch anstatt über eine Ausgangssperre für Frauen nachzudenken, eine Ausgangssperre für Männer überlegen könnte, kriechen die Empörten aus ihren Löchern. Man könne ja nicht ein gesamtes Geschlecht dafür bestrafen, was Einzelne machen. Dass umgekehrt diese einfache Lösung aber immer wieder als legitim zu gelten scheint, dafür hat die Empörung leider nicht mehr gereicht.

Stefan: Es ist in dem Zusammenhang auch interessant zu beobachten, wie schnell Politiker Personenschutz erhalten und wie lange es bei Künstler_innen, und eben bei Frauen, dauern kann bis sie wirksam geschützt werden. Ich würde gern mal sehen, wie diese Debatte laufen würde, wenn es einen Stadiongassen Ripper gäbe, der es nur auf Parlamentarier abgesehen hätte. Der wäre wahrscheinlich in Nullkommanichts gefasst bzw. die Schutzmaßnahmen für die Parlamentarier würden Unsummen verschlingen.

Ela: Aber lustig, dass der Yorkshire Ripper der Polizei quasi so offensichtlich unter die Nase gerieben hat, dass sie ihm eigentlich egal ist, diese Unterscheidung zwischen guter und schlechter Frau. In seinen Augen waren alle Frauen gleich schlecht. Sutcliffe, der Ripper,  ist übrigens 2020 an Corona gestorben. Die Presse hat jedenfalls eine große Rolle gespielt, gemeinsam mit der Polizei, weil sie sich so an die Dichotomie geklammert haben und dadurch dieses Bild medial verbreitet, bis sie letztendlich den Trugschluss zugeben mussten. 

Stefan: Im Umkehrschluss dürften ja Prostituierte für die Yorkshire Polizei keine Frauen bzw. schützenswerte Bürgerinnen gewesen sein.

Ela: Das kommt auch bei „The Fall“ vor.  Bei der Vorbereitung auf eine Pressekonferenz über die Frauenmorde legt Stella Gibson dar was problematisch ist an dieser Darstellung. „Bezeichnen wir sie nicht als unschuldig.“ Auf den Einwand ihres Kollegen „Sie waren unschuldig.“, antwortet Gibson: „Was ist, wenn er als nächstes eine Prostituierte tötet, oder eine Frau die spätnachts betrunken und in einem kurzen Rock nachhause geht? Wird sie auf irgendeine Art weniger unschuldig sein (…), schuldhafter? Die Medien lieben es Frauen in Jungfrauen und Vamps zu unterteilen, Engel oder Huren, ermuntern wir sie nicht dazu.“

Also wie über Frauen berichtet wird in solchen Fällen, das hat sicher einen großen Einfluss auf die Ereignisse. Und wie man über Prostituierte spricht sicher auch. Damit meine ich aber nicht diesen „Job wie jeder andere“ Schwachsinn.  Ja bitte, bei welchem anderen normalen Job hast du denn eine 18-fach höhere Wahrscheinlichkeit ermordet zu werden, eine 12-fach höhere Sterberate als die Durchschnittsbevölkerung und eine überdurschnittliche  Chance eine Posttraumatische Belastungsstörung davonzutragen? Aber bei dem ganzen „individuelle Entscheidung“ Gedöns, kann man schon mal Anti Sex Work mit Anti Sex Worker verwechseln. Wenn nämlich alles eine individuelle Entscheidung ist, die man zweifellos nicht anzweifeln darf, weil das wäre Hass, sind auch alle negativen Aspekte nur individuelle Probleme. Und Körper verkommen zur „Ressource in der Sexindustrie“. So einfach ist das. Wenn die Selbstaussage der gesellschaftlichen Zuschreibung Platz macht und zum bestimmenden Argument des sogenannten Feminismus wird, kommt es zur Dekonstruktion der Frau als politisches Subjekt. Dann kann es vorkommen, dass die Minderheit der selbstbestimmten Prostituierten für Personen wie Sibel Schick zur schützenswerten Minderheit wird, für die man dann die 90% nicht selbstbestimmte Mehrheit mit dem Verweis auf Minderheitenrechte opfern kann. Freiwilligkeit ist einfach kein Argument für die Bewertung reaktionärer, frauenfeindlicher Praktiken. Ob eine Frau sich für eine Rolle oder Tätigkeit entscheidet, ist kein Kriterium für die Beurteilung dieser Rolle bzw. Tätigkeit, sondern ob die Ausübung dieser Rolle/Tätigkeit für ein Gros der Frauen den negativen Effekt hat Frauen als Gruppe unterzuordnen und auszubeuten. Aber sicher wird den Leuten wieder ein zynischer Schwachsinn zur Lösung des Problems einfallen, wie der sarkastische Vorschlag eines Facebook-Kommentators, ein Biosiegel für Bordelle einzuführen, mit Kontrollbesuchen von Staatsbeamten, die die Jochbeine der Damen kontrollieren.  Blau sei schlecht, grün-gelb gehe gerade noch durch, wenn es keine Flecken gäbe, sei das ein Indiz für die Freiwilligkeit. Ich schlage als Draufgabe eine ähnliche Lösung wie CO2-Zertifikate auch für Freier vor. Beim Eingang ins Bordell könnte man Scheine kaufen, moderne Ablassbriefe, mit dem Geld werden Frauenhäuser erhalten, als Ausgleich für die Posttraumatische Belastungsstörung, die die Prostituierten davontragen. Die könnte man dann stolz sogar der Ehefrau zeigen. Übrigens, wie ich finde, eine bessere Idee als der Schutzbrief gegen Weibliche Genitalverstümmelung der Stadt Hamburg, den betroffene Mädchen bei einer Reise ins Heimatland vorweisen sollen, um einer Genitalverstümmelung durch die Familie zu entgehen.

In Deutschland hat ein Ermittler, der Undercover im Rotlichtmilieu arbeitete, eine Prostituierte erwischt, die während des Corona-Lockdown arbeitete. Die Frau musste 1.500 Euro Bußgeld bezahlen. Insgesamt wären es fast 8.100 Euro gewesen, dagegen hat sie aber Einspruch erhoben. Sie hat bestimmt illegal gearbeitet, weil es ihr so Spaß machte sich gegen Bezahlung von fremden Männern ficken zu lassen, die sich über ihre Grenzen hinwegsetzen. Das Bußgeld zahlt sie sicher ab, indem sie in Zukunft nicht gegen die Lockdown-Regelungen verstößt. Besonders schön an der Geschichte finde ich auch, dass der Ermittler, als Kunde getarnt, nicht nur einmal, sondern mehrmals „ihre Dienste in Anspruch genommen hat“, ehe er sie auffliegen ließ. Der hat seine Arbeit wahrscheinlich besonders ernst genommen. 

Eine andere Prostituierte wurde mit (vorbestraftem) Zuhälter an der Grenze zu Österreich festgenommen. Gegen ihn lief ein Verfahren wegen Zwangsprostitution. Trotzdem wurde er frei gelassen, die Frau haben sie wegen illegaler Prostitution in die Münchner Justizvollzugsanstalt gesperrt. Der Zuhälter hat zwar behauptet, dass er sie auslösen wird, hat das dann aber überraschenderweise nicht gemacht.

Das liberale Prostitutionsgesetz in Deutschland produziert aber nicht nur Polizisten, die sich einen Orden verdient hätten, sondern auch Menschenhandel, denn das Angebot hat sich nach der Nachfrage zu richten, wie wir wissen, und da überraschenderweise nur die wenigsten Frauen, obwohl es sich um „einen Job wie jeden anderen“ handelt, sich selbst oder ihren Töchtern wünschen, diesem normalen Job nachzugehen, besteht meist ein Ungleichgewicht zwischen der Nachfrage und dem tatsächlichen Angebot. Andrea K., eine junge Frau aus Hannover, wurde 2020 für 2.000 Euro von ihren bisherigen „Besitzern“ weiterverkauft und von den folgenden bald darauf in der Weser ertränkt da sie, aufgrund einer psychischen Krankheit, nicht mehr an Freier vermittelbar war und damit nichts mehr wert. Zur Sicherheit hat man sie mit einer Waschbetonplatte beschwert, nicht dass sie nochmal auftaucht! 

Dass Prostitution und Sklaverei nicht weit voneinander entfernt liegen, zeigt sich klar auch, wenn wir uns anschauen wie zb. der IS das heute handhabt. Übrigens auch wieder ein Beispiel dafür, dass Dschihadisten auch nur Konsumenten sind. So beschwert sich ein neuseeländischer Dschihadist in einem Zeitungsinterview, dass er zu arm war sich eine ezidische Sklavin zu leisten. Für eine ältere Frau hätte er 4.000 Dollar ausgeben müssen, für eine „ordentliche“ Sklavin mindestens 10.000-20.000 Dollar. In Christina Lambs „Our Bodies their Battlefield“ berichtet eine ehemalige ezidische Sklavin, dass im Online-Forum „Caliphate Market“ neben Playstations und Gebrauchtwägen Frauen angeboten wurden.

Stefan: Wie du oben eh schon geschrieben hast. Das was Freud als Kastrationskomplex beschreibt, ist Resultat der durchaus mangelhaften sexuellen Entwicklung vieler Männer. Kastrationsangst ist im Wortsinn das Ergebnis eines narzisstischen Interesses für die eigenen Genitalien. Die dann in der Alltagskultur im ständigen Schwanzvergleich zwanghaft hervorgehoben werden müssen. Es ist kein Zufall, dass darin auch, Weininger schau oba, ein Grundstein für den Judenhass gelegt ist. Denn mit derselben Intensität, mit der diese Männlichkeit das Weibliche bekämpft, dass es nur als kastriert, als weniger, wahrnehmen kann, mit dieser Intensität trennt es auch das Jüdische vom eigenen narzisstisch männlichen ab. Das Weibliche ist das Gegenmännliche, das Jüdische das Gegenvolk. Das steht so auch schon bei Hitler. Aber wenn die Juden das Gegenvolk sind, dann kann der Israelische Staat nur eine absolute narzisstische Kränkung sein, ein Unding, dass die Genitalnarzissten immer wieder zu neuen intellektuellen Tiefstleistungen anspornt. 

Apropos Djihadismus und Dummheit. Es gibt auch Exemplare von linken Kulturmännern, die waren mal in Iran und haben seither Ahnung vom Volk der Iraner und finden – das wird man ja wohl noch sagen dürfen – die Israelis haben den Iranern übel mitgespielt und das sollte auch in jeder Dokumentation über die Region eine Rolle spielen. Also wenn ein Dokumentarfilmer darauf besteht, dass die Vernichtungsdrohungen des Irans gegen Israel auf einer Spirale aus gegenseitiger Intoleranz basiert, das die iranische Revolution die Menschen befreit hat, oder versucht die Verwicklung des Iran in den Hisbollah Anschlag auf das Quartier der US-Marines in Beirut 1983 mit dem Satz die Wahrnehmung bestimme die Realität und die USA neigen ja prinzipiell zur Lüge zu relativieren, dann ist das für den Kulturmann natürlich legitim.  

Abgesehen davon kann man mit demselben linken Kulturmann-Furor dann auch noch die Kritiker der Doku als Nazibüttel beschimpfen, weil wenn der Macher von einer mit antiisraelischen Klischees spielenden Doku Jude ist, dann darf man die antiisraelischen Klischees darin keinesfalls kritisieren. Und als selbstbewusster Kulturmann kann man dem noch hinterherschicken man denke tatsächlich, dass nur Juden diesen Diskurs über diese Doku führen sollten. Weil man selber ist zwar auch kein Jude, aber jedenfalls ehrbar in den antisemitischen Klischees die man benutzt. Also aufgemerkt, der linke Kulturmann, der selber kein Jude ist, hat zwar gegen eine nachweisbar falsche Kritik am jüdischen Staat nichts einzuwenden, solange sie von Juden kommt, aber sieht kein Problem darin selbst den jüdischen Staat genau auf der Basis dieser nachweisbar falschen Kritik zu diskreditieren. 

Die Nazis sind jedenfalls beim linken Kulturmann immer die anderen. So wie ja auch die Frauen immer die anderen sind und jedenfalls aufgrund ihres Mangels an Penis nicht gleichwertig.

Damit ist nicht gesagt, dass diese Kulturmänner Gewalt gegen Frauen befürworten, es ist damit nur gesagt, dass wir mit reichweitenstarken öffentlichen Meinungen konfrontiert sind, die unsere politische Urteilskraft immer wieder neu auf die Probe stellen.

Die Frau ist auch im linken Männerdiskurs über männliche Gewalt oft nur Unterpfand. Sie wird als Projektionsfläche verwendet um die eigene Gesinnung in die Öffentlichkeit zu tragen. 

Ein Mädchen wurde vergewaltigt und ermordet. Den Rechten fallen dazu nur rassistische Kommentare ein. „Alle Ausländer sind Frauenmörder, sie gehören alle abgeschoben. Eine genaue Aufklärung der Tat ist nicht nötig.“ Der Tathergang wird in der Phantasie rekonstruiert und ausgeschmückt. 

Und den Linken?

Den Männern unter ihnen fällt auffallend wenig anderes ein. „Ein möglicher Tathergang könnte gewesen sein …“, so beginnen Sätze, die die Welt nicht braucht. „Das was dem Mädchen passiert ist, ist furchtbar, aber …“, erinnert an „Ich bin nicht gegen Ausländer, aber …“. Gewalt gegen Frauen und Mädchen vorbehaltlos zu verdammen, fällt denselben Männern, die sich jegliche rassistische Gewalt vollkommen selbstverständlich verbieten, oft sehr schwer. Wo im Fall eines rassistischen Anschlages vollkommen zu Recht unmissverständlich protestiert wird, wo ohne Wenn und Aber Stellung bezogen wird, ist das beim Mord an einem kleinen Mädchen nicht ganz so einfach. „Man muss diese Sache differenziert betrachten.“ „Der Mörder kommt aus einem Kriegsgebiet.“ „Er war selber noch ein Kind als er nach Österreich kam.“ „Was hat der Österreichische Staat ihm nicht ausreichend gegeben, dass er zum Mörder werden musste?“

Solche und ähnliche Fragen sind perfide. Nicht nur, weil sie die Gewalt, bevor der Fall noch aufgeklärt ist, relativieren und die Schuld überall, nur nicht beim voll strafmündigen Tatverdächtigen suchen. Sondern auch, weil sie den möglichen Täter zum Pawlowschen Hund erniedrigen. „Der konnte nicht anders.“ Das ist es, was sie sagen. Das ist es, was sie bei rassistischer Gewalt niemals gelten lassen würden. Bei Gewalt gegen Frauen und Mädchen offenbar teilweise schon.

Da werden Szenarien entworfen, wie der mögliche Tathergang gewesen sein könnte. „Sie ist von zu Hause weggelaufen, hat sich Drogen kaufen wollen, hat mit Sex für diese Drogen bezahlt. Ist dann eventuell einfach von selbst erstickt, hat sich womöglich die Hämatome alle selbst zugefügt.“ Jedenfalls hat sie womöglich „überreagiert“und „Atemprobleme bekommen“, 13 ist ja bekanntermaßen „für sowas ein schwieriges Alter“. „Vor allem bei Mädchen.“

Ela: Vergiss bitte nicht zu erwähnen, dass sie wie 18 bis 25 ausgesehen hat, das ist besonders wichtig für die Relativierung. Und die Frage ob das Mädchen einen Freund hatte, zu dem der Altersunterschied weniger als drei Jahre betrug. Am liebsten wäre es diesen Leuten jedenfalls, wenn das Mädchen einfach spontan selbst gestorben wäre, sich selbst unter Drogen gesetzt, sich sowohl selbst sexuell missbraucht und Hämatome zugezogen hätte, ein Verbrechen ohne Täter. Jedenfalls ist es wahrscheinlicher, dass sie sich für Drogen prostituierte, als dass die mehrfach vorbestraften Verdächtigen sie vergewaltigten, zu einem Baum in der Nähe schleppten und dagegen lehnten, weil warum sollten sie den Verdacht auf sich selbst lenken? Wahrscheinlich hat der Pürstl höchstpersönlich sie dort drapiert. 

Stefan: Naja man steht ja wirklich zwischen Skylla und Charybdis, wenn man wählen muss zwischen dem rechten Rassismus und dem linken Frauenhass. Aber das hat auch theoretische Grundlagen. Die linken Männer haben es nicht leicht. Hatten sie noch nie. Nach Marx ist ja der Hauptwiderspruch, den es zu bearbeiten gilt, der zwischen Kapital und Arbeit. Manchem linken Mann ist das mittlerweile zu wenig. Er hat neben dem Klassenkampf auch den Rassismus für sich entdeckt. Aber die Frauen, die waren immer eine Marginalie in diesem Denken. Ein Nebenwiderspruch, der mit der Reproduktionsarbeit irgendwo im unpolitischen Eck herumgelegen ist, bis ihn die Feministinnen in den Mittelpunkt gerückt haben. Kurz hats gedauert. Der Postfeminismus hat den Fokus auf die männliche Gewalt gegen Frauen durch endlose intersektionelle Ergänzungen wieder in den Hintergrund gedrängt. Geblieben ist das wichtige Gespür für Rassismus und die vielen strukturellen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaften. 

Verschwunden ist aber das Bedürfnis die strukturelle männliche Gewalt aus einer weiblichen Perspektive anzugreifen. Unter den tödlichen gesellschaftlichen Widersprüchen ist die Gewalt von Männern gegen Frauen nur eine von vielen und wie man sieht nicht die wichtigste, sobald sie mit einer anderen konkurrieren muss.

Das wäre für sich noch nicht das Schlimmste. Aber der Antirassismus der linken Kulturmänner geht im Wortsinn diskursiv über Frauenleichen. Und sie merken es oft nicht einmal. Anstatt, dass sie beides gleich wichtig nehmen, den Kampf für die Rechte der Frauen und den Kampf gegen den Rassismus, wägen sie immer ab und entscheiden sich im Zweifelsfall gegen die Frauen. 

Wie steht es mit der in Österreich weltberühmten Internet-Schriftstellerin, die vor Jahren in einem FB Posting über ihre Vergewaltigung in einem Park geschrieben hat? Die überraschende Pointe war, dass sie ihren Vergewaltiger nicht angezeigt hat, weil sie fürchtete er würde abgeschoben werden.  Wenn sogar manche Frauen so unsicher über ihren Wert sind, dass sie lieber als Faktotum einer antirassistischen Attitüde herhalten wollen, als ihre Rechte zu verteidigen. Ist dann dieser Kulturmänner-Antifeminismus daran nicht mitbeteiligt? Was sagen die Frauen dazu die potentiell wieder Opfer dieses Mannes werden konnten? War es ihnen gegenüber solidarisch dieses Verbrechen nicht anzuzeigen?

Wieso ist es nicht möglich eine antirassistische Position zu beziehen, ohne ein kleines Mädchen dafür diskursiv opfern zu müssen? Wieso lässt sich Rassismus in den Augen diese Männer nur wirksam verurteilen, wenn ein vergewaltigtes und ermordetes Mädchen an seinem Leiden und Tod selber schuld ist? Was hilft das den 99% anständigen Afghanen, dass dieses Mädchen jetzt nach ihrem Tod öffentlich erniedrigt wird, nur um sagen zu können: der Staat oder die ÖVP ist schuld, dass ein junger Mann zu einem Gewalttäter wurde? Nicht, dass das keine Rolle spielen würde. Es ist wichtig, dass immer wieder zu erwähnen und strukturellen Rassismus sichtbar zu machen. Aber muss es wirklich auf den Schultern eines ermordeten Mädchens, auf den Körpern der unzähligen geschlagenen, vergewaltigten, missbrauchten Frauen geschehen, für die ein männlicher Täter halt immer noch in erster Linie ein männlicher Täter und nicht entweder ein armes afghanisches Hascherl oder ein authochtoner Nazi-Brutalomörder ist. 

Die Antwort der Männer auf solche Bedenken fällt bezeichnend aus. Von allen habe ich gegenüber ihrer in der absoluten Mehrzahl weiblichen Kritikern den Vorwurf gehört sie seien zu emotional. Die „hochkochenden Emotionen“ versperrten ihnen die Sicht auf die wahre Problematik und auch wenn die Sätze brutal klängen, so wären sie ja doch objektiv richtig und notwendig. Eine andere Strategie war Unverständnis zu unterstellen oder absichtliches Missverstehen.

Ela: Evan Stark spricht (im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt zwar, aber es passt auch hier ganz gut) von der Gleichsetzung der Maskulinität mit der Humanität, der unreflektierten Annahme, dass das „universelle Maskuline“ legitimer Standard dafür ist, was in menschlichen Beziehungen rational, räsonable und richtig ist, während das Feminine als irrational, emotional und unmoralisch gilt.

Stefan: Frauen, die Gewalt erfahren haben, verstehen auch die Sprache dieser strukturellen Gewalt. Sie kennen die Relativierungen von Polizisten, Ämtern und teilweise der eigenen Familie zur Genüge. Jeder Satz eine Re-Traumatisierung. „Warum sind sie nicht früher nach Hause gegangen?“ „Haben sie aufreizende Kleidung getragen?“ „Warum haben sie sich nicht gewehrt?“ „Vielleicht erinnern sie sich falsch.“ „Vielleicht haben sie sich einen Vorteil erhofft.“ „Vielleicht hat sich das 13 jährige Mädchen ja freiwillig für Drogen stundenlang misshandeln lassen.

Diese Sprache hinterlässt Narben. Sie wird von allen verstanden, außer von den Männern, die sie immer wieder verwenden um zu zeigen, dass ihnen ihre politische Agenda wichtiger ist als das Leben von Frauen und Mädchen.

Ela: Um Frauen geht es wahrscheinlich bei diesen Gesprächen aber gar nicht, die sind nur argumentative Verhandlungsmasse im Diskurs, die man bei Bedarf in Stellung bringt. Ob die von Afghanen oder autochthonen Österreichern vergewaltigt werden, spielt für sie aber keine Rolle. 

Stefan: Es ist ihnen egal, welche Männer ihnen Gewalt antun, es sind halt immer Männer. Und immer Männer, die es relativieren.

Ela: Je nach politischer Fasson. Die einen mokieren sich, dass Vergewaltigung nur bei afghanischen (migrantischen) Tätern öffentlich gemacht und (OH NO!) häufiger angezeigt wird, die anderen behaupten, dass Afghanen (bzw. Migranten) besonders zur Vergewaltigung neigen und drücken die Augen zu, wenn es um Fälle von vergewaltigenden Österreichern geht. Während sich aber die linken Kulturmänner darüber echauffieren, dass man sich rechts nur für Vergewaltigung interessiere, wenn es sich um afghanische Täter handle, sind für sie selbst doch auch allein die afghanischen Täter der Aufmacher, warum sie sich plötzlich für das Thema Vergewaltigung interessieren. Die einen beweinen die vergewaltigenden Afghanen, die anderen die vorverurteilten Afghanen. Um das eigentliche Problem (die Vergewaltigung von Frauen) geht es beiden nicht. 

Leichtherzig kommentiert es sich dann, als nicht Betroffener (Mann) über die philosophische Frage, ob es eine gute Lösung sei, wenn nach einer Abschiebung die afghanischen Männer eben die afghanischen Frauen vergewaltigten. Da kann man dann noch ein halblustiges „Unsere Frauen für unsere Leute!“ hinterherschieben, ein Schenkelklopfer, den sich ein österreichischer Journalist auf Facebook nicht entgehen lassen konnte. Dass in Österreich die Verurteilungsquote bei Vergewaltigung für die ca. 9% angezeigten Delikte zwischen 2012 und 2016 bei ungefähr 17 % lag und 2019 gar nur um die 10% herumgrundelte, kann ja dann das Problem der betroffenen Personen sein. Ebenso wie die Tatsache, dass sich durch Zuwanderung von gewaltbereiten Männern die Anzahl der bereits im Land ansässigen gewaltbereiten Männer nicht etwa proportional verringert. 

Besonders gut finde ich es auch immer, wenn sie dann kommentieren, dass man sich nach irgendwelchen US-Kriegen – sie schreiben allgemein von der „westlichen Welt“ – „nicht wundern“ braucht, wenn „sowas passiert“. Dass die sich des Zynismus der Aussage nicht bewusst sind! Sie bestehen darauf die Humanität von Flüchtlingen anzuerkennen, ihre Traumata einzubeziehen, wenn sie einem 13-jährigen Mädchen 10 Ecstasy-Tabletten verabreichen, es vergewaltigen und damit ihren Tod riskieren. Die Humanität der Frauen aber, die es tatsächlich betrifft, wenn Staatsanwaltschaften das Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“ vorwegnehmen, so dass es gar nicht zur Gerichtsverhandlung kommen kann, wenn dadurch Vergewaltiger mit einem Fingerklopfen davonkommen, für die also eine steigende Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen tatsächlich eine Rolle spielt, die nehmen sie nicht einmal wahr. Das erinnert mich auch wieder an den Van der Bellen Kopftuchsager: „dann wird man halt alle Frauen bitten müssen…“.  Frauen sollen sich den Ideologien von Männern unterwerfen – wir erinnern uns an Kant – denn sie selbst sind gar nicht zu Prinzipien fähig, also muss man sie eben drum bitten, die Funzen. 

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Der Tiroler Subtyp

Gehst du gern Skifahren? Lieber als ins Theater? Ich frag nur, weil offensichtlich muss man sich momentan entscheiden.

Kann man in Österreich leben und gegen Skifahren sein? Kann man das überleben? Oder anders gefragt: Überleben wir das Skifahren?

Skifahren ist in Österreich ein Menschenrecht und zeigt auch symbolisch, was Menschen in der Freizeit gerne haben wollen: Ein Ringelspiel. Alle gemeinsam in die Gondel, möglichst eng. Dann in den Sessellift. Oben dann die absolute Freiheit! Gemeinsam mit den 60  Menschen aus der Gondel und den 20.000 Menschen die schon da sind. Mit allen gemeinsam die Piste runter bis zum nächsten Lift und alle gemeinsam wieder hinauf. Und dann zu weichgekochten Spaghetti auf die Bergstation, als Nachspeise ein Schokosnack und Skiwasser dazu nicht vergessen. Die Wagemutigen beginnen da schon mit dem Bier und legen sich in der langen Unterhose auf die Sonnenstühle. Aber runter fahren alle wieder dieselbe Piste. Und so geht’s immer im Kreis, bis es Abend wird, oder die Jägertees ihre Wirkung tun und dann geht’s erstmal zum Aprés Ski im Tal. In der „Bar zur gequetschten Brust“ oder „Zum luftigen Ski Overall“ oder eben ins Kitzloch. Wo dann wieder alle gemeinsam saufen und sich im Kreis drehen. Zur Musik von den Ursprung Buam, aber nicht im Original! Originale kennt die Hüttengaudi nicht, alles wird im stromlinienförmigen Universaltechno Remix von DJ Hüttenprinz oder so immer mit dem selben Beat zusammengesteckt. Wenn man Glück hat, kommt man noch in die Pension Biberzahn gewankt und kann im Foyer das ausgestopfte Murmeltier umarmen. Und dann die quietschende Holztreppe hinaufkriechen, ohne über den Spannteppich zu stolpern. Wer´s bis dahin schafft, der kann beruhigt schlafen, denn der nächste Tag kommt bestimmt und das Murmeltier wartet schon um die Ecke vom Frühstücksbuffet.

Und weil uns das Skifahren so wichtig ist, haben wir vor einem Jahr eine europaweite Pandemie in Kauf genommen. So, wie das Skilift-Karussell hat sich das Pandemie-Karussell einmal herumgedreht und jetzt kann sich alles wiederholen.

Letztes Jahr waren an den fatalen Fehlentscheidungen, die uns das Schlamassel eingebrockt haben, maßgeblich die subtypischen Tiroler Herren verantwortlich, die dort dank Wirtschaftspartei („Österreich erleidet stärksten Wirtschaftseinbruch in der EU.“) schalten und walten können, wie sie wollen.

Aber weil diese Subtypen halt eine Untertype des gesamtösterreichischen Haupttypen sind, sind sie dann nicht zurückgetreten. Weil besonders die Typen, die richtig grauslich danebengreifen mit ihren politischen Entscheidungen, treten im gesamtösterreichischen Fall nicht zurück. Typisch. Die sind also alle noch da und dürfen dieselben auf Gier, unreifem Egoismus und Ignoranz basierenden Entscheidungen wieder treffen. Und so kommt auf uns eine weitere Fahrt mit dem Ringelspiel der österreichischen Gesamtblödheit zu, nur dass sie diesmal wahrscheinlich ungleich tödlicher ausgehen wird, als letztes Mal.

Aber etwas ist doch anders in diesem Jahr: der Seilbahnchef im Pongau ist bereits vorgeimpft worden.

Für Gottkaiser und Vaterland

Eines der bekanntesten Memes des 18. Jahrhunderts waren die Geschichten von Baron Münchhausen, von dem behauptet wurde, dass er von sich selbst behauptete, er sei beim Versuch auf dem Rücken seines Pferdes einen Sumpf zu überqueren, bis zum Hals im Morast versunken und habe anschließend sich und sein Pferd am eigenen Zopf wieder herausgezogen. Münchhausen kann man, wie einigen starken Männern der Gegenwartspolitik, keine Bescheidenheit vorwerfen. Sein Meme-Game war stark, sein Haupthaar voll, seine Finger lang und schön, er war bescheiden, hatte die besten Wörter seine Geschichten zu erzählen, war ein wahrer Chad und erkannte bereits früh, dass die Linke sich beim Memen schwer tut.

In „The Selfish Gene“ bezeichnet Richard Dawkins ein Mem(e) als „Grundeinheit kultureller Systeme“. Es handelt sich um Ideen, Texte, Erzählungen, Mythen, Bilder, Wörter, etc. die zwischen Menschen weitergegeben werden. Diese Memes sind stets Imitationen, Mutationen und Replikationen unterworfen. Dies gilt auch für jene Memes, die online im Umlauf sind und täglich zahlreicher werden. Memes folgen dabei bekannten Mustern, die aktualisiert und moduliert werden können, sich jedoch innerhalb von bestimmten Grenzen, Templates, Schablonen, bewegen. Kompliziertheit hat dabei nicht die höchste Priorität, weil die Verständlichkeit auf der Strecke bliebe. Ein Meme geht bestenfalls viral, darf dafür aber nicht zu komplex sein.

In „Kill all Normies“ spricht Angela Nagle davon, dass es im Laufe des US-Wahlkampfs 2016 gegen Hillary Clintons Kampagne zur Mobilisierung einer merkwürdigen „Spitze aus Teenage-Gamern, anonymen Swastika-Postenden Anime-Liebhabern, ironischen South Park Konservativen, antifeministischen Schelmen, nerdigen Störenfrieden und meme-produzierenden Trollen kam, deren schwarzer Humor und Liebe zur Transgression um der Transgression Willen es umso schwerer machte herauszuarbeiten, welche politische Meinung tatsächlich vertreten wurde, und welche nur zum Spaß“ (for the lols/lulz). Was sie alle zusammenhielt, so Nagle, war ihre Liebe zum Spott gegen die „Ernsthaftigkeit und moralische Selbstschmeichelei“ etablierter liberaler Politik und der Vollstrecker der neuen identitätspolitischen Empfindsamkeit. Man eignete sich eine Anti-Establishment-Attitüde an, die bisher vor allem aus linken Kreisen bekannt war. Die neue Rechte konnte dabei, nach Nagle, auf eine vormals als linke Tugend verklärte Ästhetik der Gegenkultur und des Nonkonformismus zurückgreifen.

Jener Zusammenschluss von Online-Trollen, Incels, Memern, Alt-Right-Aktivisten und anderen Randgestalten aus dem Online-Irrgarten, erklärt die Beliebtheit von Donald Trump, der selbst längst Troll, bzw. Meme ist. Sein Sieg war damit auch ein Sieg über den Mainstream und die etablierten Medien. Der Bienenstock hatte seine Königin gekürt: Den ehemaligen Gastgeber einer TV-Sendung, bei der die Berufsqualifikationen der Kandidaten auf die Probe gestellt werden, dem es selbst schon früh gelang Teile des erfolgreichen Immobilienunternehmens seines Vaters zumindest partiell in den Sand zu setzen.

Mit der Eleganz des politisch Unbedarften, der soeben über eines der mächtigsten politischen Ämter der Weltbühne gestolpert war, konnte er ein Konglomerat aus ebenso oftmals apolitischen Shitpostern um sich versammeln, die das Internet ans Gestade der Virtualität gespült hatte. Abkömmlinge eines sozialmedialen Milieus, das sogar noch die extremste Ideologie des vorigen Jahrhunderts zum ästhetisierten Cosplay und LARP erniedrigt und sich mit der hundertsten Referenz der Referenz nicht begnügt, einem Potpourri aus bunt gesträhnten Facebook-Kommunisten mit artsy Hammer-und-Sichel-Tattoo und My-Little-Pony-Profilrahmen, die Kim Yo Jong Toastbrot in den Mund photoshoppen, neben gesichtslosen edgy Animeprofilen mit Sonnenrad-und-Kanji-Frame, die Sayyid Qutb und Goebbels zitieren und Abigail Shapiros Brüste bewundern.

Die politische Unterfütterung bilden rechtsextreme Alt-Light und -Right-Aktivisten, deren reaktionäre Ansichten in der Menge aus (halb-)ironischen Shitposts zu verschwinden scheinen. An ihren Rändern sammeln sich Verschwörungstheoretiker und QAnon-Gläubige, deren Weltbild ohne zum tausendsten Mal aufgewärmte antisemitische Trope natürlich dennoch nicht auskommt, wenn auch auf Steroiden.

Dem nebulösen Siegestaumel von God Emperor Trump folgte nach dessen Abwahl 2020 wider Erwarten nicht der sofortige Rücktritt des Gottkaisers. Wer hätte das gedacht? Bereits vor seiner Briefwahl-Niederlage hatte er die Briefwahl – die in Ausnahmefällen übrigens bereits im Massachusetts des 17. Jahrhunderts möglich war – als Teufelszeug abgetan und bei seinen Anhängern dafür gesorgt, dass eine eventuelle Abwahl nicht etwa mit einem Wahlsieg seines Kontrahenten zu erklären wäre, und der eigenen Unterlegenheit geschuldet, sondern allein mit Wahlbetrug. Eine Präventivstrategie, die auch die FPÖ im Laufe ihrer Geschichte immer wieder mehr oder weniger erfolgreich zum Einsatz brachte.

Wider alle Erwartungen weigerte sich nicht nur Trump sich still und heimlich von der Bühne zu entfernen, auch seine Gefolgschaft löste sich überraschend nicht in Luft auf, sondern machte sich auf Zuruf ihres Idols auf zum Sturm auf die Bastille, der aber eher einem Schas im Wald gleichen sollte, dessen Neuheitswert leider nur der Tatsache geschuldet war, dass vier Menschen dabei ums Leben kamen, während der Rest damit beschäftigt schien Revolution zu spielen, wobei deren politischer Aktivismus sich wohl darin erschöpfen sollte die Fahne Georgiens zu schwenken, um sich später auf Youtube in den Aufnahmen selbst betrachten zu können, Memes davon auf Reddit zu posten, wie man mit Nancy Pelosis Rednerpult für Fotos posiert und sich damit seiner Partizipation am Offline-Raid zu vergewissern, was anscheinend voraussetzt, dass man sich ästhetisch an sämtlichen Jared-Hess-Filmen zu orientieren hat, um gleichzeitig dem ewigen und universellen Ideal des Wiener Tschocherloriginals zu folgen, dessen mühelose Flamboyanz sich auch kommod mit dem Besuch jedweder Querdenkerdemo von da bis Texas kombinieren ließe.

Am Ende muss man dennoch anerkennend sagen, wenn es auch politisch eine Enttäuschung war, so bleiben uns zumindest die Memes, und die bleiben uns auch nicht allzu lange.

Despacito!

Seit nunmehr fast einem Jahr ist das neuartige Corona-Virus, Covid-19, in aller Munde. Die mediale Berichterstattung ist bis heute nahezu gesättigt mit diesem Thema. So lange hat sich nicht einmal Despacito in den Billboard-Charts auf dem ersten Platz gehalten. Periodisch schafft es ein Terroranschlag kurzzeitig die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen. Enthauptungen haben Konjunktur und die Menschen schon immer fasziniert. Dagegen stinkt Organversagen als Todesursache ab.

Seit Corona sich unser aller Seelen und Herzen bemächtigt hat, können wir die Effizienz der Bürokratie, einer Kunst, die in Österreich sowohl geliebt wie auch gefürchtet wird, wieder leibhaftig bewundern. Die Maßnahmen sind stets klar und verständlich formuliert. Wenn dies nicht der Fall ist, so liegt es jedenfalls nicht an der Regierung. Später stellen sich einige als rechtlich nicht haltbar heraus, aber das macht nichts, wenn die Regierung sich im Nachhinein geschlossen einigt, diese hätten so sowieso nie gegolten. Anzeigen für Übertretungen hat die Polizei, die selbst ihre Kompetenzen nur erahnen konnte, im ersten Lockdown präventiv und affirmativ ausgestellt. Die Österreicherinnen haben sie ebenso präventiv nicht bezahlt und bekamen in den meisten Fällen Recht.

Bereits vor dem ersten Lockdown war die Kommunikationsstrategie der Regierung offensiv vage. Man setzte auf die Mitarbeit der Eltern bei der Betreuung der Kinder, die Schulen blieben zwar geschlossen, waren aber auch geöffnet, für jene die keine anderen Betreuungsmöglichkeiten hatten. Man appellierte an die Eltern ihre Kinder besser nicht in die Schule zu schicken, schuf aber kaum Möglichkeiten für diese, die es ihnen erlaubt hätten ohne gröbere Verluste – auf dem Spiel standen Gehalt sowie Jobs an sich – den Lockdown zu überstehen. Zudem ließ man verlautbaren, die Großeltern, die ansonsten die Kinderbetreuung übernehmen hätten können, gehörten nunmehr zur Risikogruppe, daher solle man die Kinder von diesen fernhalten.

Der Sommer war ein lauer, Corona verwandelte sich in Corönchen, das Virus sollte schließlich nicht die Tourismusbranche zu stark beeinträchtigen. Man hielt die Bürgerinnen aber an, dennoch Urlaub in Österreich zu machen, denn man hatte sich kein geringeres Ziel gesetzt als der Sommerfrische zu altem Glanz zu verhelfen. Die langsame Normalisierung (Despacito!) der Situation nutzte auch WKÖ-Chef Harald Mahrer für ein sympathisches Fotoshooting im Falstaff-Magazin, wo er frisch geföhnt und grinsend, eine Magnumflasche Wein in die Kamera hielt und die Österreicher bat sich einen Ruck zu geben und endlich wieder zu genießen. Erst gegen Ende der Saison erklärten die Regierungen Europas gegenseitig ihre Länder zu Risikogebieten. Für Österreich schien Kroatien besonders gefährlich, obwohl die Fallzahlen bei Weitem unter jenen in Österreich lagen. Ein besonders kompetentes Regierungsmitglied verkündete das Virus komme mit dem Auto über die Grenze. Dies führte dazu, dass am Wochenende vom 23. August 2020 für 15 Stunden gar niemand über die slowenische Grenze nach Österreich kam, weil viele Durchreisende die für Österreich benötigten, ausgefüllten und ausgedruckten, Formulare nicht vorweisen konnten.

Seit ungefähr einer Woche befinden wir uns nun wieder in einem Lockdown-Light, dessen Verkündung am 30. Oktober 2020 angekündigt und am 31. Oktober 2020 vollstreckt wurde, der am 4. November 2020 in Kraft trat. Nun kündigt sich ein zweiter harter Lockdown an, der, so munkelt man, am 14. November 2020 verkündet werden soll, damit er rechtzeitig vor dem Wochenende beschlossen ist und die Frage der Kinderbetreuung für arbeitende Eltern sich für die nächste Woche nicht zu einfach gestaltet.

Urlaubstage stehen den Wenigsten noch zur Verfügung. Da bleibt nur noch die Umstellung auf Home Office. Als Elternteil erhoffe ich mir, dass die glückliche Vermählung des Arbeitsministeriums mit dem Familienministerium weiter so erfolgreiche Früchte trägt, wie bisher. Allein diese Zusammenlegung, die es vor 2020 nie in der Geschichte der österreichischen Republik gab, wäre eine psychoanalytische Studie wert.

Die erste Bundesministerin für Arbeit, Familie und Jugend der zweiten Republik beweist mit ihrer jüngst veröffentlichten „Checkliste“ über die „Ergonomische Gestaltung von Telearbeitsplätzen“, dass sie schon jetzt ihre fünfstellige Politikerinnenpension wert ist. Das „Ziel einer jeden Arbeitnehmerin und eines jeden Arbeitnehmers“ solle sein „den eigenen Arbeitsbereich so ergonomisch wie möglich zu gestalten“. Der Raum solle dabei „über 8,0 m2  groß sein und die Raumhöhe mindesten 2,5m aufweisen“. Der Arbeitsplatz solle zudem nicht über „Leitern“ erreichbar sein. Der Arbeitsraum solle „mindestens ein Fenster mit Sicht nach außen haben, damit man ins Freie schauen und auch ausreichend Tageslicht in den Raum gelangen“ könne. „Der Geräuschpegel“ im Raum solle zudem „so leise sein, dass die Konzentration nicht gestört wird“. Vier von fünf der hier genannten Punkte treffen auf meinen tatsächlichen Arbeitsplatz nicht zu. Ich nehme aber gerne, zumindest fürs Home Office, Spenden der Regierung entgegen, um mir einen Zubau für einen ergonomischen Telearbeitsplatz leisten zu können. Um den Geräuschpegel leise zu halten, sperre ich meine Kinder vorsorglich, der Tradition entsprechend, in den Keller.

Das Wahre, Schöne, Gute und der Donner in der luftigen Höhe

Dein Richter ist nur der eine Gerechtigkeitsgott in der luftigen Höhe des goldenen Vanillegebirges, weit oben im Staubzuckerschneesturm, wo die Wahrheit haust, neben der Schönheit und der Gutheit und wo nur du und Platon und ich raufkommen an manchen nebligen Freitagen. Und dann runter schauen auf den verlogenen Pöbel.

Kurz hats gestern geregnet während ich unterwegs war. Nur ganz kurz. Kleine Regentränen sind herumgekullert auf dem kalten Beton und weil mir das nicht gefallen hat, hab ich in den Himmel geschaut, wie ich es das letzte Mal vielleicht vor 30 Jahren gemacht hab. Vor 30 Jahren an der Straßenbahnhaltestelle vom 21er, den es jetzt nicht mehr gibt, neben der feucht glänzenden Litfaßsäule, die jetzt auch nicht mehr da ist. Und ich hatte dieses Gefühl wie damals. Vom Himmelsmeer, aus dem die Gischt aufspritzt, hinauf auf die Erde. Und während dieser Gedanke gewachsen ist in mir, bin ich an einem Haus vorbeigegangen, das wie ein Fels in der Brandung dort vom Himmel gehangen ist und mir ist ganz schwindlig geworden. Weil die Erde sich dreht und das ganze Weltall eigentlich eine Explosion ist. Von so einem Weltschwindel, wie er nur kommt, wenn man dieses Explodieren des Universums in sich selber spürt. Das Leben ist eine ständige nicht ausdenkbare Explosion und wenn sie aufhört, wird es kalt und dunkel.

Das Schlagen der Wellen, das Leben aus dem Weltraum, der Schwindel, alles war gleichzeitig da und ich hab das Gefühl verloren für das Wahre, Schöne, Gute. Und hab den Staubzuckernebel zu schnell eingeatmet und mich verschluckt. Und bin plötzlich am Hang vom goldenen Vanilleberg gelegen, wie Douglas Quaid und Melina auf dem Mars mit schwellenden Lungen. Aber dann hab ich den Donner gehört. Und der Regenwind hat mich wieder wach gemacht und empfindsam für unseren sanften Verschleiß. Und wie ich in die Schiffamtsgasse eingebogen bin, war da nur mehr das Himmelsmeeresgefühl von damals. Und es ist ganz still geworden in mir und ich hab die Brandung gespürt und das Beben der abebbenden Explosion, wie sie langsam ausläuft und wir atmen können, trotz Platon. Und mein Mund war ganz aufmerksam gefüllt mit dem Geschmack vom blutigen Donner.