Stefan: Was hat die Atombombe mit dem Wunsch, schlank zu sein, zu tun?
Antonia: Der Gedanke lässt sich auf Susan Bordo’s Argumentation zur Körperfixierung der späteren 1980er/1990er zurückführen. Ihre These beschreibt den menschlichen Drang, die Gegebenheiten zu kontrollieren, die kontrollierbar sind, vor allem wenn externe Umstände unkontrollierbar erscheinen. Bordo zieht also eine Verbindung von externer Unsicherheit, durch den Kalten Krieg und die nukleare Bedrohung in den 90ern, zu internen Sicherheitsbedürfnissen. Diese Sicherheitsbedürfnisse haben sich im Umkehrschluss im Schlankheitswahn der 90er manifestiert. Der eigene Körper wird zum Objekt der Kontrolle, wie Bordo argumentiert. Dabei stellen der Diätenwahn und die Körperunzufriedenheit der Frauen zu der Zeit die gesellschaftliche Grundlage des Heroin Chic dar. Primär die geschlechterspezifische Dimension der Körperkontrolle, wie Lauren R. Tucker und Bordo beschreiben, nimmt da eine fundamentale Rolle ein. In den 90ern wurden männliche Körper oft homoerotisch wahrgenommen, während weibliche Körper in ihrer verletzlichen Darstellung völlig normalisiert erschienen. Körperkontrolle, geäußert als Wunsch, schlank zu sein, epochen-unabhängig, ist demnach zusätzlich eine Frage der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern.
Ich denke aber, dass die Korrelation aus externer Unsicherheit und internem Sicherheitsbedürfnis verallgemeinert werden kann. Als Studentin der Internationalen Entwicklung sieht man den Zusammenhang ja im kontemporären politischen Geschehen. Durch externe globale Unterscheidungen, ausgelöst durch Kriege, asymmetrische Machtverteilungen etc., steigt der nationalistische Drang innerhalb der Länder. Unsicherheiten produzieren neue Formen von Identität und Kontrollmechanismen, die sich körperlich sowie politisch manifestieren können. Der momentane Ozempic-& Longevity-Wahn, welcher sich durch die Hollywood-Industrie verbreitet, fällt ebenfalls in die Kategorie der Körperkontrolle. Zeitgeschehnisse ändern sich, menschliche Bedürfnisse und Reaktionen nicht fundamental.
Stefan: Du setzt bei der Forschung zum Heroin Chic an und möchtest ihr eine neue Richtung geben, indem du sie als Kombination aus kultureller Analyse und psychoanalytischer Erklärung von Begehren, Abstoßung und Selbstauflösung betreibst. Kannst du deine Überlegungen zu diesem Ansatz erläutern?
Antonia: Genau! Was mich im Laufe der Recherche zum Heroin Chic und der Drogenkultur interessiert hat, war nicht die pharmakologische Substanz selbst, sondern vielmehr ihre kulturelle Symbolik. Ich würde argumentieren, dass sich kulturelle Narrative durch gesellschaftliches Denken und Wissen formen. Dadurch der Übergang zur Psychoanalyse. Aus meinem Abschluss der Kulturwissenschaften habe ich gelernt, kulturelle Narrative, wie die Verherrlichung des Heroin in den 90ern, als Produkt der menschlichen Psyche zu sehen. Warum waren die Menschen von Fragilität und Selbstzerstörung damals so fasziniert? Die andauernde Aktualität des Themas ist nicht wegzudenken. Dazu habe ich mich auf Freud (Lustprinzip, Wiederholungszwang) und Sabina Spielrein (Destruktion als Ursache des Werdens) bezogen und versucht, das Menschliche hinter der Faszination von Heroin zu entziffern. Das Interessante am Lustprinzip ist erstens die Anziehung durch Unlust bei der Betrachtung medialer Repräsentationen des Heroin Chic. Zweitens wird, durch mediales Wiederkehren (Zeitschriften, MTV, Modefotografien etc.) ein Wiederholungszwang des Trends ersichtlich. Die Menschen wurden in den 90ern permanent mit der Dichotomie aus Markenartikeln und Zerbrechlichkeit konfrontiert. Drogenkonsum entwickelte sich von einer Armuts-Assoziation zu einem kulturellen Statussymbol, vor allem für wohlhabendere Menschen. Besonders interessant ist Spielreins Erläuterung der Faszination für Selbstauflösung als einen menschlichen Wunsch nach Wiedergeburt und Erneuerung. Gerade in der politischen Abschluss- und Umbruchszeit der neoliberalen 90er — fokussiert auf die westliche Hemisphäre — spielt dieser Wunsch nach einem Neuanfang eine plausible Rolle. Mein interdisziplinärer Ansatz will dabei bezwecken, Heroin Chic als kulturelles Symbol von Fantasie, Neuanfang und Fragilität zu verstehen, weit über seine Drogenverherrlichung und den Modetrend hinaus.
Stefan: Du hast den historischen Kontext des Heroin Chics sehr schön rekonstruiert. Kannst du das ein bisschen ausführen?
Antonia: Der Heroin Chic als Trend entstand ursprünglich als Gegenbewegung in den 1990er, gegen die glamouröse Modekultur und Ästhetik der 1980er. Deconstruction, Minimalismus etc. haben sich durch Designer, wie Yohji Yamamoto, Rei Kawakubo, Helmut Lang oder Calvin Klein zu der Zeit entwickelt. Dieser Umschwung ging mit einem neuen Körperbild von Verfall, Anorexie und Drogenkonsum einher, nicht zuletzt durch eine popularisierte Romantisierung von Ikonen wie Kate Moss und Kurt Cobain. Diese Ästhetik sieht man z. B. in den Modekanpmagnen von Calvin Klein in den 90ern, wo sehr dünne Frauenkörper, in kargen, unverputzten Räumen dargestellt werden. So wurde deren Parfumlinie Obsession beispielsweise vermarktet. Die Ironie steckt hier im Namen selbst. Rebecca Arnold beschreibt die 1990er darum als ein Zeitalter der ‚emaciated, dazed models‘ – sprich ausgemergelter, benommen wirkender Models. Heroinsucht selbst, wie Timothy Hickman argumentiert, sowie etliche andere Theoretiker, lässt sich durch authentische Begleiterscheinungen, wie blasse Haut und Gewichtsverlust, im Trend verdeutlichen. Allerdings zeigt sich in der Modefotografie die romantisierte Seite dieser Sucht. Was demnach romantisiert wird, ist nicht die demographische Korrelation der Droge mit armutsbetroffenen Schichten, sondern ihre hochromantisierten Begleiterscheinungen. Jede Person hat ein Bild vor Augen, wenn sie an einen Drogensüchtigen denkt. Dieses kulturelle Narrativ wurde damals aktiv eingesetzt, kommerzialisiert und als begehrenswert verkauft. Ich denke, dass sich die Menschen in den 90ern auch einfach in das verliebt haben, was anders und abwechslungsreich war für die Zeit.
Stefan: Gerade ist ein Biopic über Kate Moss herausgekommen. Kate & Freud. Mit Fokus auf die Phase ihres Lebens, als sie als 28-jähriges Supermodel dem 80-jährigen Künstler Lucian Freud in London Modell saß. In dem Film entsteht aus einer künstlerischen Zusammenarbeit eine Art Heldenreise in die Seele von Moss. Das Ergebnis der Kooperation ist das Bild „Naked Portrait 2002“. Kate Moss spielt auch in deiner Arbeit eine wichtige Rolle.
Antonia: Kate Moss ist eine Ikone oder vielmehr die Repräsentation des Heroin Chics. Ich habe mir gedacht, dass sie sich als Schlüsselfigur perfekt zur Analyse der Ästhetik von Zerbrechlichkeit und Anorexie analysieren lässt, aufgrund ihres Körpers und der Kampagnen, für die sie gemodelt hat. Ich denke, dass ihre Verbundenheit zu Lucian Freud sie dabei nicht als weniger ikonisch darstellen lässt, im Gegenteil. Mir ging es allerdings viel weniger um Kate Moss im biografischen Sinne als vielmehr ihr körperbetontes Versinnbildlichen des Heroin Chic selbst.
Stefan: Da ist auch ein bewusstes Spiel mit der Hässlichkeit dabei, oder?
Der Hegelschüler Karl Rosenkranz verfasst 1853 eine Ästhetik des Hässlichen. Er definiert darin Schönheit durch harmonische Maße und organische Fülle. Extreme Dünnheit gilt als Abweichung von diesem Ideal. Als Asymmetrie. Ausgemergelte Körper ordnet er dem „Naturhässlichen“ zu. Für ihn zeigen sie den Verfall des Lebens und die Annäherung an das Skelett oder den Tod. Die Hässlichkeit entsteht hier durch das Fehlen lebensnotwendiger Substanz. Der Körper verliert seine lebendige Form und wird zur „Defiguration“.
Weiters beschreibt er Süchte und Laster als Ausdruck moralischer und geistiger Unfreiheit. Ein Mensch, der von einer Substanz beherrscht wird, verliert seine geistige Würde, erlebt eine Verzerrung der Physiognomie: Die innere Abhängigkeit und der moralische Verfall spiegeln sich im Gesicht wider. Gehören Augenringe zum Heroin Chic? Der Missbrauch von Substanzen deformiert die Züge und erzeugt das visuell Hässliche. Darüber hinaus verliert der Mensch wegen dem Suchtverhalten die bewusste Kontrolle. Er sinkt auf eine rein triebhafte, formlose Stufe herab.
Das ist ein starkes, hartes Urteil. Findest du Ansätze dieser diffamierenden Beschreibungen im Heroin Chic?
Antonia: Hässlichkeit ist ein mächtiges Wort im Kontext und hat meines Erachtens in Körperdebatten/Analysen kontemporär nicht mehr viel verloren. Es ist vielmehr die menschliche Faszination mit dem Morbiden, dem Grotesken und dem Tod, die sich wie ein roter Faden durch Diskussionen von Ästhetik im 21. Jahrhundert zieht. Körperideale verändern sich kulturell und somit auch Beschreibungen des gesunden und ungesunden Körpers, wie erwähnt. Deshalb würde ich Rosenkranz Urteil 1853 nur distanziert mit dem 1990er Jahre Trend Heroin Chic in Verbindung setzen.
Dennoch verstehe ich deinen Gedankengang. Das Interessante ist genau der Widerspruch im Heroin Chic, wie auch Christine Harold (auf die ich in meiner Arbeit verwiesen habe) argumentiert. Der Trend entzieht sich einer rationalen, annehmbaren Logik der Korrelation aus Ästhetik und Schönheit. Verfall, Sucht etc. machen aber genau die spannende Wirkmacht des Trends aus. Autoren wie Sigmund Freud, Sabine Spielrein etc., unterstreichen diese scheinbar irrationale Logik der Korrelation. Lust kann durch Unlust entstehen. Und der Trend fasziniert Generationen ja gerade durch seine Nähe zum Tod und zu dem, was mit Hässlichkeit logischerweise in Verbindung gebracht wird.
Stefan: Wie sieht die psychoanalytische Interpretation dieser Bilder von Moss aus?
Psychoanalytisch habe ich die Bilder als sehr interessant und akademisch relevant wahrgenommen, weil sie die Dichotomie aus Unbehagen und Behagen visualisieren. Hier lässt sich auf die Anfangsfrage Bezug nehmen, in der ich mithilfe von Bordo die zeitgebundene Faszination vom Schlankheitswahn der 90er geschildert habe. Damit schließt sich der Kreis auch meiner theoretischen Gedanken zur Auseinandersetzung. Die Faszination an den Modebildern von Kate Moss lag in ihrer Irrationalität selbst. Kulturelle Symbolik funktioniert dabei nicht rational, sondern prägt durch unterbewusstes Verlangen, Kontrollmechanismen und Wünsche ganze Generationen. Diese Faszination der Anorexie, der Körperkontrolle bei Diäten oder wie man es nennen mag, läuft immer wieder auf den zutiefst menschlichen, psychologischen Drang nach Kontrolle hinaus. Trends, wie der Heroin Chic, sind lediglich Fallbeispiele dessen, was uns auf sozialwissenschaftlicher Ebene als Menschen ausmacht.
Stefan: In der freudschen Psychoanalyse deutet Anorexie auf einen unbewussten Triebkonflikt hin. Das Essen steht in der Psychoanalyse an einer entwicklungspsychologischen relevanten Stelle, symbolisch für die früheste Form der Beziehungsaufnahme (orale Phase). Die Verweigerung von Nahrung signalisiert somit die Abwehr von Triebwünschen. Das kann entweder die Ablehnung der weiblichen Geschlechtsrolle beinhalten oder eine Depression.
Kate Moss war die Twiggy der 90er, wurde in den Medien oft als „Kindfrau“ beschrieben und bewusst so inszeniert. Die britische Fotografin Corinne Day gilt als die Entdeckerin des Looks. Sie fotografierte die damals 16-jährige Kate Moss 1990 für das Kultmagazin The Face. Day inszenierte sie bewusst ungeschminkt, schlaksig, Schlupflider zeigend und in kindlicher, teils ungelenker Pose, um sich radikal vom perfekten Glamour der damaligen Supermodels zu distanzieren.
Das People Magazine fragte 1993 in einer Coverstory, ob der „ultraslim symbol of the underfed waif look“ nicht eine gefährliche Botschaft an Teenager senden würde. Und auch Bill Clinton verurteilte den mit Kate Moss verbundenen „Heroin Chic“ scharf und kritisierte, dass die Modeindustrie den Eindruck erwecke, zerstörerische Sucht und extreme Abmagerung seien glamourös.
Kann man das analog zu Drogenpaniken interpretieren, oder ist da etwas Wahres daran? Wie hat sich die „Heroin Chic“ auf die Jugendlichen der 90er und 2000er ausgewirkt?
Antonia: Ich denke, dass deine Erklärung durchaus einen wahren Kern hat. Grabe, Hyde & Ward, die ich mehrfach in meiner Arbeit zitiert habe, zeigen, wie Medien Körperwahrnehmung von Frauen signifikant beeinflussen. Das Interessante am Drogen Chic liegt in ihrer Rolle als Fallstudie bezüglich weiblicher Schönheitsideale und der Psychologie dahinter. Zugrundeliegende Mechanismen, wie die Glamourisierung von Trends, haben sich seit den 1990er nicht fundamental gewandelt.
Gestern erst habe ich eine Doku über den Zusammenhang aus objektiver Attraktivität und Erfolg bei weiblichen Sängerinnen wie Taylor Swift, Olivia Rodrigo oder Sabrina Carpenter gesehen. Frauen hätten argumentativ mehr Erfolg und somit Macht, wenn sie objektiv schön sind. Ich denke, dass Jugendliche so in den 90ern und 2000er eine Bildsprache von Macht und Schönheit übernommen haben, die sich anschließend durch Trends und Apps, wie Tumblr, oder Size Zero gezogen hat. Heutzutage sieht man eine ähnliche Bildsprache in Trends wie Ozempic oder der Clean-Girl Ästhetik. Interessant ist dabei das kulturelle Muster. Am Ende geht es um die Anpassung an das, was dich als schön und machtvoll kategorisieren lässt.