„Ganja Law“. Gespräch über Cannabis-Pflanzen, Macht und Wahrnehmung mit Ariana Binzer

Stefan: In meiner Jugend gab es eine „Legalize-It“-Bewegung, die sich vor allem popkulturell artikuliert hat. Nummern dieses Titels sind unzählig im Reggae und Dance Hall. Bei Peter Tosh, Ward21, Ninja Man. Teilweise ist es auch in die Hip-Hop-Culture übergeschwappt. Cypress Hill hat in den 1990ern daraus ein Geschäft gemacht, mit unzähligen auf Cannabiskonsum bezogenen Titeln. Hits From the Bong, I Wanna Get High, Stoned is the Way of the Walk, Spark Another Owl, Legalize It, Dr. Greenthumb, Something for the Blunted, Roll It Up, Light It Up, Smoke It Up. Für mich war das ein Teil der Popkultur, ein Erlebnis, das ich mir gönnen konnte. Das Kiffen auch. In meiner Wahrnehmung hatte es etwas mit Widerstand zu tun und damit die Eltern zu schockieren. Es war aber auch entspannend und anregend. Ich habe mich aber damals nie weiter damit beschäftigt, was die kulturellen Wurzeln des Cannabis-Rauchens sind. Wie würdest du die „europäische Wahrnehmung“ von Cannabis-Konsum beschreiben?

Ariana: Ich fühle mich nicht in der Lage, die gesamte europäische Wahrnehmung von irgendetwas — geschweige denn von Cannabis — zu definieren. Ich kann allerdings sagen, dass die Forschungsliteratur, die ich für meine Arbeit herangezogen habe, eine gewisse Einseitigkeit aufweist. Es fällt eine deutliche Diskrepanz auf zwischen Werken, die aus kulturellen Kontexten mit anderen Weltvorstellungen und Erfahrungsräumen im Umgang mit pflanzlichen Wirkstoffen stammen, und denen, die aus christlich geprägten, unter anderem europäischen, Perspektiven argumentieren. Der größte Unterschied, der mir dabei aufgefallen ist, liegt im oft sehr absoluten Bezug auf Wissenschaft — teilweise so, als wäre sie unfehlbar oder die einzige legitime Form von Wahrheit — als auch in der Orientierung an (westlich-)medizinischen Normen, ohne diese grundlegend zu hinterfragen. Cannabis wird im Großteil der nicht nischenspezifischen Literatur durch die Linse von Normsystemen betrachtet, die vor allem im europäischen Kontext als selbstverständlich erscheinen. Andere Perspektiven werden dabei häufig ausgeblendet oder implizit abgewertet, was sich natürlich unter anderem historisch und kulturell erklären lässt. Gleichzeitig wird Cannabis aber in popkulturellen Zusammenhängen auch mit Widerstand, Gegenkultur und bestimmten Freiheitsvorstellungen verbunden. Dieses Nebeneinander finde ich interessant — das ist aber natürlich keine allgemeingültige Definition, sondern eher eine Beobachtung auf Grundlage der Literatur, mit der ich gearbeitet habe.

Stefan: Du machst in deiner Arbeit einen Zusammenhang von Cannabis, Kolonialismus und politischer Ökonomie auf. Kannst du das erläutern?

Ariana: Ja, diesen Zusammenhang stelle ich in meiner Arbeit her. Zusammengefasst argumentiere ich, dass Cannabis nicht isoliert als Substanz betrachtet werden kann (und sollte), sondern historisch wie gegenwärtig eng mit kolonialen und neokolonialen Macht- und Wirtschaftsstrukturen zusammenhängt. Die Pflanze war über lange Zeit in lokale ökonomische, ökologische und soziale Systeme eingebettet, besonders auf dem afrikanischen Kontinent. Mit der kolonialen Expansion im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden diese Strukturen gezielt unterbrochen und umgelenkt: Der Cannabisanbau wurde vielerorts verboten, besteuert oder kriminalisiert, während koloniale Regierungen gleichzeitig Exportpflanzen wie Kaffee, Tee oder Tabak förderten. Die Nachwirkungen davon zeigen sich zum Teil bis heute, etwa in Rastafari-Lebensgrundsätzen wie ital living. Damit veränderte sich auch der Status der Pflanze: von einer lokal integrierten Ressource zu einer kriminalisierten Substanz. Gleichzeitig blieb Cannabis für marginalisierte Bevölkerungsgruppen relevant, wodurch eine Spannung zwischen staatlicher Kontrolle und sozialer Praxis entstand, die bis heute fortwirkt. In den letzten Jahrzehnten bekommt das durch Legalisierungsprozesse noch einmal neue Bedeutung. Wie insbesondere Duvall zeigt, entstehen im globalen Norden dadurch neue Märkte, von denen vor allem große internationale Unternehmen profitieren, während Produzent:innen im globalen Süden oft schwerer Zugang zu diesen Strukturen haben. Cannabis ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, wie koloniale Muster von Extraktion, Abhängigkeit und Ungleichheit in veränderter Form bis heute fortbestehen.

Stefan: Kannst du kurz erläutern, was ital living-Konzepte sind?

Ariana: Meiner Recherche zufolge, bezeichnet in der Rastafari-Bewegung ital livity, oder auch ital living, einen ganzheitlichen Lebensstil, der natürliches Leben bedeutet: Körper, Geist und Umwelt sollen möglichst natürlich, unverfälscht und im Einklang mit göttlichen bzw. ökologischen Prinzipien gelebt werden. Typischerweise geht es um natürliche, unverarbeitete Lebensmittel, den Verzicht auf Konservierungsstoffe, Raffinierzucker, stark verarbeitete Produkte sowie um den verstärkten Gebrauch von Kräutern. Innerhalb dieses Rahmens wird Cannabis für viele als heilsame, spirituelle Pflanze verstanden, die bewusst und respektvoll verwendet wird und im Gegensatz steht zu industriellen oder künstlich hergestellten Drogen. [1]

Stefan: 1913 wurde Cannabis mittels „Ganja Law“ auf Jamaica verboten. Das Verbot war von den Evangelikalen Kirchen mit dem Segen der herrschenden weißen Oberschicht durchgesetzt worden. Welche Rolle spielen Stigmatisierung und Kriminalisierung des Cannabis-Konsums für die politische Ökonomie?

Ariana: Für die politische Ökonomie spielen Stigmatisierung und Kriminalisierung von Cannabiskonsum eine zentrale Rolle, weil sie die Bedingungen schaffen, unter denen bestimmte Formen von Kontrolle, Ausschluss und wirtschaftlicher Ungleichheit entstehen können. Historisch betrachtet war die Kriminalisierung von Cannabis kein neutraler oder rein gesundheitspolitischer Prozess, sondern eng mit kolonialen Machtverhältnissen verknüpft. Sie traf insbesondere marginalisierte Gruppen — darunter auch Rastafari —, deren Praktiken dadurch delegitimiert und kriminalisiert wurden. Diese Stigmatisierung wirkt bis in die Gegenwart fort, indem sie bestimmte Akteure systematisch aus legalen Märkten ausschließt. Im neokolonialen Kontext zeigt sich aktuell eine Verschiebung: Während Cannabis in vielen Staaten des globalen Nordens legalisiert und ökonomisch nutzbar gemacht wird, bleiben jene Gruppen, die historisch kriminalisiert wurden, häufig weiterhin marginalisiert. Wie Duvall verdeutlicht, entstehen neue Märkte, die vor allem für kapitalstarke Unternehmen zugänglich sind, während frühere Produzent:innen und Nutzer:innen durch regulatorische Hürden ausgeschlossen werden. Das ist eine Entwicklung, die schon in den 1980er-Jahren von eben diesen Gruppen befürchtet und vorausgesagt wurde (z. B. Hickling). Kriminalisierung und Stigmatisierung sind somit nicht nur Begleiterscheinungen, sondern aktive Mechanismen innerhalb der politischen Ökonomie von Cannabis. Sie bestimmen, wer als legitim gilt, wer Zugang zu Märkten erhält und wessen Wissen und Praktiken anerkannt oder abgewertet werden. Dadurch tragen sie maßgeblich dazu bei, dass sich historische Ungleichheiten — in veränderter Form — weiter reproduzieren.

Stefan: Die Ungleichheit zwischen Norden und Süden im Zugang zu den Drogen macht sich auch auf den Kryptomärkten bemerkbar. Mit dem Bezug von illegalen Drogen von Kryptomärkten, steigt die Sicherheit der Konsumenten im globalen Norden. Im globalen Süden bleibt das Risiko für die Mehrheit weiterhin hoch. Weil sie erschwerten Zugang zum Internet und der Infrastruktur des Darknets haben und weil es sich immer noch oft um die Regionen handelt in denen Rohstoffe für den Verkauf angebaut werden. Die repressive Gewalt des „War on Drugs“ trifft den Süden weiterhin besonders hart, auch wenn im Norden mittels Onlinebestellung „Harm Reduction“ und „Social Supply“ diskutiert werden.

Es geht in deinem Text um Macht. Kannst du den Begriff im Kontext der Drogenökonomie genauer definieren? Welchem Machtkonzept folgst du bei deiner Definition und was hat das mit Definitionsmacht und Agency zu tun?

Ariana: In meiner Arbeit wird Macht nicht als etwas rein Repressives verstanden, sondern als eine produktive und strukturierende Kraft, die darüber entscheidet, wie Wissen, Kategorien und Realitäten entstehen. Konkret zeigt sich das am Begriff der Droge selbst: Ich argumentiere, dass die Klassifikation von Cannabis als „Droge“ kein objektiver, naturwissenschaftlicher Fakt ist, sondern das Ergebnis historischer, politischer und epistemologischer Prozesse. Damit folge ich einem Machtverständnis, das an diskursive und epistemische Machtkonzepte erinnert — etwa im Sinne Foucaults —, auch wenn das in der Arbeit nicht ausdrücklich erwähnt wird. Es geht also um eine Form von Macht, die durch Definitionen, Diskurse und Wissensproduktion wirkt und bestimmt, was als „wahr“, „gefährlich“ oder „legitim“ gilt. Definitionsmacht meint in diesem Sinne die Fähigkeit, zu bestimmen, was als „Droge“ eingestuft wird, welche Formen von Konsum als legitim gelten und welches Wissen als wissenschaftlich, rational oder „irrational“ anerkannt wird. Der Begriff der Agency wird in meiner Arbeit besonders interessant, weil er zeigt, dass westliche Perspektiven Cannabis meist als passives Objekt betrachten, während es im Rastafari‑Kontext als aktiver Akteur verstanden wird — als „plant teacher“ oder Medium von Erkenntnis. Das verschiebt das Verständnis von Agency, weil nicht nur Menschen als handelnde Subjekte gedacht werden, sondern auch Pflanzen als bedeutungstragende, wirkmächtige Akteure gelten können (was in vielen historischen und kulturellen Kontexten keineswegs ungewöhnlich ist). Diese unterschiedlichen Konzepte von Agency stehen in direktem Zusammenhang mit Macht, weil westliche Wissenssysteme Agency häufig auf (für sie) Messbares und Rationalisierbares begrenzen, während die Rastafari‑Weltanschauung (wie auch andere Traditionen) Agency auf relationale und spirituelle Dimensionen ausdehnt. Die Arbeit soll also durch die Rastafari‑Perspektive verdeutlichen, dass alternative Verständnisse von Agency und Wissen existieren, die bestehende Machtverhältnisse infrage stellen, und die kontinuierliche Präsenz anderer Perspektiven sichtbar machen können.

Stefan: Der Produktive Machtbegriff ist maßgeblich von Michel Foucault geprägt worden. Bei Stuart Hall findet sich eine Erweiterung des Machtbegriffs von Foucault in Richtung auf Identität und Race. Macht wird ausgeübt, indem Bedeutung in Medien und Sprache fixiert wird. Identitäten entstehen durch die Art und Weise, wie Gruppen repräsentiert (oder ausgeschlossen) werden. Es kann zur „Rassisierung des Anderen‘“ kommen. Zu einem aus dem Empire heraus entstehenden „Waren Rassismus“, der zu Stereotypisierung, Fetischismus und Verleugnung führt, wie Hall in seiner Studie über „Das Spektakel des ‚Anderen‘“ schreibt. Ich denke es kann in dem Zusammenhang auch auf Cecil J. Robinsons „Black Marxism“ Konzept verwiesen werden. Ein Konzept der Kritik des „racial capitalism“ bei dem der Prozess rekonstruiert wird, aus der rassistisch geframten Identität einer Gruppe von Individuen sozialen und wirtschaftlichen (Mehr-) Wert zu gewinnen. Dieser Prozess basiert auf der Verdinglichung bestimmter phänotypischer Merkmale des Menschen – der „Blackness“ – als Marker für die Kommerzialisierung innerhalb der Matrix der im Kapitalverhältnis fortgesetzten Sklaverei.

Du hast vorher ein epistemisches Verständnis der Verhältnisse eingefordert. Wie wichtig ist die Geschichtsforschung für die Kritik der aktuellen Verhältnisse in Bezug auf das vorliegende Problem? Welche Quellen kannst du empfehlen?

Ariana: Geschichtsforschung ist insofern wichtig, als dass sie hilft, eigene Annahmen und Vorurteile sichtbar zu machen. Durch historische Perspektiven erkennt man, welche Normen und Bilder einem vertraut sind — und kann sie hinterfragen. Das ist praktisch— man fängt bei sich an, ändert im Kleinen Dinge im Denken und Handeln und wird dadurch sensibler für strukturelle Zusammenhänge. Seit den 60er-/70er-Jahren, aber merklich verstärkt ab den 90ern, hat die Forschung begonnen, kritische Perspektiven — etwa postkoloniale und rassismuskritische — ernst zu nehmen. Das verschiebt langsam, aber spürbar, was in den Kanon aufgenommen wird und welche Stimmen gehört werden. Das beinhaltet unter anderem die Einsicht, dass Archive und Geschichten nicht neutral sind. Der Blick in die Geschichte lohnt sich also, um heutige Machtverhältnisse zu verstehen. Meine Empfehlung in diesem Zusammenhang wäre also alles von Klassikern wie Frantz Fanons Werken, über Ngũgĩ wa Thiong’os „Decolonising the Mind“ (1986) und Homi K. Bhabhas „The Location of Culture“ (1994), zu neueren Publikationen, die mehr mit meiner Arbeit in Zusammenhang stehen, wie beispielsweise „Cannabis: Global Histories“ (2021, Hrsg. Lucas Richert and Jim Mills) oder Ferraras „Sacred Bliss: A Spiritual History of Cannabis“ (2021). Ich muss aber auch hier betonen, dass das rein persönliche Vorlieben und Leseempfehlungen sind, kein Expertenanspruch. Ich habe gelesen, aber nicht dasselbe gelebt. Ich kann wichtige Zusammenhänge benennen, aber nicht die Erfahrungen ersetzen. Deshalb ist Zurückhaltung und das aktive Einbeziehen betroffener Stimmen für mich zentral.

Stefan: Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts haben napoleonische Generäle ein Verbot für ihre Soldaten ausgesprochen Cannabis zu konsumieren. Die in Ägypten als Genussmittel konsumierte Pflanze zerrüttete angeblich die Disziplin der Truppe, die ausgezogen war, Nordafrika zu erobern. Es klingt fast so, als wären Kiffer keine brauchbaren Krieger. Polen kriminalisiert erst 1997 den Besitz von Cannabis und ist damit der Zeit sichtbar hinterher, denn seit 2000 wird der Cannabiskonsum in vielen Regionen der Welt schrittweise legalisiert. Luxemburg, Belgien, Russland, Chile, Brasilien und viele andere dekriminalisieren den Besitz. Ab den 2010er-Jahren beginnen viele Länder mit der Legalisierung, darunter Kanada als Vorreiter bereits 2001. In Österreich ist Cannabis seit 2008 für medizinische Zwecke legalisiert. Die Österreichische Gesellschaft für Strafrecht und Kriminologie hat 2014 zu einem „Legalize it?“ Kongress[2] eingeladen. Herausgekommen ist die wissenschaftlich belegte Einschätzung, dass Cannabis keine Einstiegsdroge ist, Alkohol und Nikotin dagegen schon als Einstiegsdrogen bezeichnet werden können. Weiters ist evident, dass die Strafbarkeit des Konsums nicht nur der Stigmatisierung der Konsumenten dient, sondern darüber hinaus zahlreiche negative Folgen mit sich bringt. Man kann also sagen, es gibt sicherlich in irgendeiner Form ein Bewusstsein dafür, dass es keine permanente Lösung sein kann, Cannabis zu kriminalisieren. Welche Möglichkeiten siehst du, diese Entwicklung positiv zu gestalten? Oder anders gesagt, welche Formen der Kritik würdest du dir an den Verhältnissen wünschen?

Ariana: Ich fühle mich mit dieser Frage an einem sehr sensiblen Punkt: Einerseits erscheint mir klar, dass Kriminalisierung von Cannabis viele negative Folgen hat und dass es Sinn macht, die Debatte möglichst nah an den Erfahrungen der Betroffenen zu führen. Andererseits möchte ich mich hier nicht politisch positionieren, weil ich mich weder mit der österreichischen Drogenpolitik auskenne noch mich als Expertin für dieses Feld verstehe. Deshalb kann ich nur aus meiner eigenen Forschungsperspektive sprechen: Mir erscheint wichtig, dass Debatten über Cannabis weniger auf pauschalen Bewertungen beruhen, sondern differenziert, offen und sensibel für unterschiedliche Lebenswelten geführt werden. Statt politische Lösungen vorzuschlagen, sehe ich mich eher dabei, nach kritischen Fragen zu suchen — etwa danach, wer


[1] vgl. Waldstein, A. (2020). Smoking as Communication in Rastafari: Reasonings with “Professional” Smokers and “Plant Teachers.” Ethnos, 85(5), S.904; und Edmonds, E. B. (2012). Rastafari : A very short Introduction. Oxford University Press, S.48.

[2] https://www.bmi.gv.at/magazinfiles/2015/01_02/files/strafrecht.pdf abgerufen am 01.05.2026.

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