Social Witchcraft ein Gespräch über Hexen auf TikTok mit Lisa Dorner

Stefan: Du hast für deine Masterarbeit Hexen und die von ihnen auf TikTok präsentierten Inhalte erforscht. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Lisa: Ich bin durch zwei Faktoren auf das Thema gestoßen: Einerseits habe ich selbst immer wieder in meiner „privaten“ Social-Media-Nutzung die spirituelle Seite von TikTok kennengelernt und fand sie schon damals sehr faszinierend. Andererseits habe ich ein Seminar besucht mit dem Namen „Verfluchte Ökonomien“, das sich mit okkulten Vorstellungen in einem globalen Entwicklungsdiskurs auseinandergesetzt hat. Im Zuge meiner Abschlussarbeit für das Seminar, habe ich beschlossen diese Dinge zu verknüpfen, und weil ich das Gefühl hatte, es gibt noch mehr dazu zu forschen, habe ich schließlich auch meine Masterarbeit diesem Thema gewidmet.

Stefan: Wie kann TikTok am besten erforscht werden?

Lisa: TikTok ist ein digitaler Raum, in dem verschiedene Menschen und Unternehmen, die alle unterschiedliche Zwecke verfolgen, aufeinandertreffen. Um die Dynamiken die sich auf so einer komplexen Plattform zu verstehen, habe ich mich für eine qualitative Forschung entschieden, die mir erlaubt, möglichst tief in die Materie einzudringen. Für meine Arbeit habe ich mich für die digitale Ethnographie entschieden. Das ist eine Forschungsmethode, die das Verhalten und die Interaktionen von Online-Communitys untersucht. Besonders bei Social-Media-Phänomenen wie WitchTok erlaubt sie, digitale Rituale und Identitätskonstruktionen zu analysieren. Teilnehmende Beobachtung und Plattformanalysen sind zentrale Methoden, um in meiner Arbeit digitale Hexenpraktiken nachzuvollziehen. Die Methode umfasst verschiedene Techniken zur Datensammlung, darunter Inhaltsanalysen von Postings, Kommentare und Hashtags, sowie visuelle Analysen von Bild- und Videomaterial, um digitale Gemeinschaften und ihre Dynamiken zu verstehen. Plattformen wie TikTok stellen hierbei besondere Herausforderungen dar, da Algorithmen Inhalte nicht chronologisch, sondern personalisiert ausspielen. Dadurch kann sich die Rezeption von Daten je nach Nutzer:in stark unterscheiden.

In der digitalen Ethnographie wurde gezieltes Sampling von TikToks bzw. TikTok-Accounts angewendet, das sich an relevanten Hashtags, Algorithmen und Community-Strukturen orientiert. Im Falle dieser Arbeit wurden Accounts untersucht, die unter dem Hashtag #WitchTok aktiv sind und von Menschen geführt werden, die sich selbst als Hexen bezeichnen. Diese Methode ermöglicht es, digitale Subkulturen zu erfassen und Trends innerhalb der Community zu dokumentieren​.

Die Ergebnisse der digital-ethnographischen Forschung werden durch Screenshots und analytische Reflexionen dokumentiert. Dies ermöglicht eine Verknüpfung zwischen theoretischen Konzepten und beobachteten Online-Praktiken​.

Stefan: Von welchen theoretischen Prämissen bist du ausgegangen?

Lisa: Silvia Federici analysiert in ihrer Arbeit die historische Rolle der Hexenverfolgung im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Sie argumentiert, dass die Hexenjagden nicht nur Ausdruck patriarchaler Unterdrückung waren, sondern gezielt zur Disziplinierung und Kontrolle weiblicher Arbeitskraft eingesetzt wurden. In der frühen Neuzeit, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert, dienten die Hexenprozesse dazu, Frauen in traditionelle, untergeordnete Rollen zu drängen und ihre wirtschaftliche sowie soziale Unabhängigkeit zu unterbinden​. Die Auswirkungen dieses gewaltvollen Prozesses sind bis heute bemerkbar.

Federici beschreibt die Hexenjagden als eine Methode der ursprünglichen Akkumulation, die Karl Marx als Voraussetzung für das Entstehen des Kapitalismus definierte. Während Marx sich auf die Enteignung der Bauern und die koloniale Ausbeutung konzentrierte, zeigt Federici, dass Frauen durch die Hexenverfolgung ihrer reproduktiven Arbeit und ihres Wissens beraubt wurden. Besonders betroffen waren Frauen, die außerhalb patriarchaler Strukturen lebten – Heilerinnen, Hebammen und unverheiratete Frauen. Die Verfolgungen dienten dazu, Frauen in das kapitalistische Wirtschaftssystem zu zwingen, indem sie in abhängige, unbezahlte Reproduktionsarbeit gedrängt wurden​.

Stefan: Wie kommst du von der ursprünglichen Akkumulation zu TikTok?

Lisa: Soziale Netzwerke sind kapitalistische Plattformen, die von Unternehmen gesteuert werden, deren Ziel Kapitalakkumulation ist. Das bedeutet, sie sind das direkte Produkt kapitalistischer Strukturen und eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Akkumulation. Social-Media-Plattformen sind keine luftleeren Räume, sondern reproduzieren gesellschaftliche Strukturen und gehören dementsprechend zu einer modernen entwicklungspolitischen Forschung.

Inhaltlich habe ich mich auf die Ansätze von Donna Haraway gestützt. Sie entwickelte das Bild des Cyborgs als eine postmoderne Identität, die die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Natur und Technik, auflöst. Technofeministische Ansätze heben hervor, dass Technologie nicht neutral ist, sondern geschlechtsspezifische Machtverhältnisse reproduziert. Gleichzeitig argumentiert Haraway, dass Technologie nicht zwangsläufig ein Instrument patriarchaler Unterdrückung sein muss, sondern auch emanzipatorisches Potenzial besitzt, wenn sie nach technofeministischem Verständnis genutzt wird. Kritisch wird angemerkt, dass Haraways Theorie eine westlich geprägte Fortschrittsvision verfolgt und dabei koloniale und kapitalistische Strukturen oft ausklammert. Ihre Vorstellung, dass Technologie die Befreiung von Geschlechterkategorien ermöglichen kann, blendet aus, dass digitale Plattformen selbst tief in kapitalistische und patriarchale Strukturen eingebettet sind.

Technopaganismus bezeichnet die Verschmelzung moderner Technologien mit spirituellen Praktiken. Während einige Hexen den Fokus auf Naturverbundenheit legen, sehen andere digitale Medien als legitimes Mittel zur spirituellen Erfahrung. Soziale Netzwerke dienen in diesem Zusammenhang als Orte der Identitätsbildung und ermöglichen den Austausch über Rituale und Glaubenssysteme in und außerhalb der Community. Dies zeigt sich beispielsweise in magischen TikTok-Trends, die digitale Tools für rituelle Zwecke nutzen​. Social Media spielt demnach eine entscheidende Rolle in der Identitätsbildung der modernen Hexe.

Stefan: Social Media ist Teil des Kulturindustriellen Produktionszusammenhangs, Teil der fortgeschrittenen Akkumulation, Teil der Ausbeutungsmaschinerie unterm Kapitalverhältnis. Was kann eine feministische Bewegung sich von der Teilnahme an so einer Struktur erwarten?

Lisa: Christian Fuchs beschreibt soziale Medien als kapitalistisch geprägte Plattformen, die eine neue Form der Kulturindustrie darstellen („techno-soziales System“).

Stefan: In Anknüpfung an Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Lisa: Genau, sie basieren laut Fuchs auf einem Geschäftsmodell, das durch Nutzer:inneninteraktionen Daten generiert, die dann monetarisiert werden. Soziale Medien sind demnach Unternehmen, die auf die Maximierung von Profiten durch algorithmisch gesteuerte Aufmerksamkeit ausgerichtet sind​. Fuchs zeigt, dass Social-Media-Plattformen nicht nur passiv Inhalte hosten, sondern aktiv in die Informationsverbreitung eingreifen. Algorithmen priorisieren Inhalte, die hohe Engagement-Raten erzielen, da diese die Verweildauer der Nutzer:innen erhöhen und damit die Werbeeinnahmen maximieren. Diese Mechanismen führen dazu, dass emotionale, kontroverse oder konsumfördernde Inhalte bevorzugt werden – ein zentrales Element der Kulturindustrie im digitalen Zeitalter.

Hierbei ist der Warencharakter von Kultur besonders offensichtlich, da Inhalte monetarisiert und für Werbezwecke optimiert werden. Influencer:innen sind Teil eines Systems, in dem Konsum gefördert und als natürliche Form der Selbstinszenierung dargestellt wird. Diese Mechanismen führen zu einer auch verstärkten Kommerzialisierung spiritueller Inhalte, auf die sich die Masterarbeit konzentriert.

Fuchs betont, dass die wirtschaftlichen Strukturen von Social-Media-Plattformen nicht nur die Kommunikation beeinflussen, sondern auch gesellschaftliche Diskurse prägen und politische Machtverhältnisse reflektieren​.

Stefan: In diesem Zusammenhang taucht in deiner Arbeit der Begriff der algorithmischen Divination auf. Kannst du erläutern was das ist, geht es wirklich um Magie?

Lisa: Es handelt sich nicht um Magie, obwohl es sich teilweise so anfühlen kann. Lazaro beschreibt algorithmische Divination als moderne Form der Wahrsagerei, bei der Algorithmen Muster erkennen und interpretieren. Diese Praxis wird von Hexen auf Social Media genutzt, um magische Praktiken mit digitalen Technologien zu verbinden. Beispielsweise wird über den Algorithmus auf TikTok versucht, göttliche Botschaften zu empfangen oder magische Muster in digitalen Daten zu erkennen​.

Ein Beispiel dafür sind TikToks, in denen Personen Karten legen oder mit übernatürlichen Kräften kommunizieren, um Voraussagen zu tätigen. Das passiert nicht im direkten Austausch, sondern wird auf eine größere Ebene umgelegt und dennoch versucht zu personalisieren: Die Personen in den Videos beginnen diese dann mit Sätzen wie „Wenn du auf einem Bildschirm die Zahl 3 siehst, dann ist dieses Video für dich“ und vermitteln so das Gefühl, eine magische Instanz schwingt mit der Botschaft mit.

Stefan: Spannend. Magie ist ja ein uraltes Phänomen, das die Menschen schon beinahe seit ihrer Menschwerdung begleitet. Leander Petzold weist auf die überzeitliche Unveränderlichkeit von Magie hin und bezieht sich damit auf Ludwig Wittgenstein, der nach der Lektüre des magischen Buches „The Golden Bough“ rezipiert: „So einfach es klingt: der Unterschied zwischen Magie und Wissenschaft kann dahin ausgedrückt werden, dass es in der Wissenschaft einen Fortschritt gibt, aber nicht in der Magie. Die Magie hat keine Richtung der Entwicklung, die in ihr selbst liegt.“ Man müsste ergänzen, sie hat sogar etwas antiwissenschaftliches, indem sie nicht auf Öffentlichkeit zielt. In der modernen Forschung hat sich die Praxis etabliert Forschungsergebnisse durch eine Öffentlichkeit validieren zu lassen. Alles muss ans Licht, es muss publiziert werden. Magie wirkt im Verborgenen. Sie bezieht ihre Wirkkraft laut Petzold aus der „Exklusivität eines in sich geschlossenen Systems bzw. einer Gruppe“. Ich frage mich also, was wollen die Hexen auf TikTok? Das ist ja eine Form der Öffentlichkeit?

Lisa: Meiner Einschätzung nach lässt sich das bei den Hexen auf TikTok nicht klar feststellen. Denn Authentizität in der digitalen Hexerei wird, meiner Beobachtung nach, durch eine Mischung aus persönlicher Inszenierung und Community-Anerkennung definiert. Hexen auf TikTok gestalten ihre Inhalte so, dass sie sowohl individuelle Spiritualität als auch Trends der Plattform bedienen. Dies führt zu einem Spannungsfeld zwischen echter Überzeugung und Anpassung​ für den Algorithmus. Die Beobachtung hat gezeigt, dass viele Hexen betonen „echt“ oder „authentisch“ zu sein – dies zeigt ein Bedürfnis sich abzugrenzen. Wer allerdings bestimmt oder definiert, was im Kontext der modernen Hexerei eine echte Hexe ausmacht, ist unklar.

Stefan: Claude Lévi-Strauss meint, die magischen Glaubensinhalte könnten auch als „Ausdrucksformen eines Glaubens an eine künftige Wissenschaft“ angesehen werden. Ich interpretiere das so, dass es durchaus legitim sein kann, das Medium, in dem Magie praktiziert wird, einem Update zu unterziehen. Aber ob das dann noch dieselbe Wirkkraft entfalten kann, ist eine andere Frage, oder?

Lisa: Die Vermarktung von Hexerei in sozialen Medien zeigt sich in verschiedenen Formen: von kostenpflichtigen Tarot-Lesungen, über den Verkauf magischer Produkte, bis hin zur Ästhetisierung von Hexenpraktiken. Dies führt dazu, dass spirituelle Inhalte zunehmend in kapitalistische Strukturen eingebettet werden, wodurch die Grenze zwischen Glauben und Konsum verschwimmt​. Durch die Aufbereitung und Darstellung einer gewissen „Hexenästhetik“ wird das Gesamtbild gestärkt und der Konsum ansprechender gestaltet. Das Versprechen, Teil der Gemeinschaft zu werden, indem gewisse Produkte und Dienstleistungen gekauft werden, geht in vielen Fällen mit der Bewerbung einher.

Moderne Hexen fungieren in diesem Sinne ähnlich wie herkömmliche Influencer:innen, außer, dass sie nur durch ihren exklusiven Zugang zu Wissen und Praktiken (Magie) ihre Käufer:innen anlocken, anstatt mit Nahbarkeit und einem großen Following.

Stefan: Eine Profanisierung der Hexerei. Was macht das mit der Identität der modernen Hexen?

Lisa: Die Identität der modernen Hexe ist stark von digitalen Netzwerken geprägt. Während traditionelle Hexenpraktiken oft durch persönliche Weitergabe vermittelt wurden, ermöglichen soziale Medien eine offene und zugängliche Form der Identitätsbildung. Plattformen wie TikTok und Instagram spielen eine zentrale Rolle in der Definition dessen, was es heute bedeutet, eine Hexe zu sein.

Hexen nutzen soziale Netzwerke, um ihre Identität öffentlich darzustellen. Sie zeigen ihrer Routinen, magischen Praktiken und tauschen sich untereinander aus. Gleichzeitig gewähren sie Außenstehenden einen scheinbar exklusiven Einblick in ihre Welt. In vielen Fällen ist diese Exklusivität kaufbar, und Teil der Gemeinschaft zu werden eine finanzielle Sache: Wer die richtigen, „echten“ Kerzen, Kristalle, Zaubersprüche kauft, kann Teil der Community werden.

Dennoch ist Gemeinschaft für moderne Hexen, den Ergebnissen dieser Untersuchung nach, ein essenzieller Bestandteil ihrer Identität. Der Austausch mit anderen und das gemeinsame Lernen wird hier stark in den Fokus gestellt.

Unter Herausgeberinnen 3. Männer + Hoden + YouTube + Gewalt – Teil 2

Link zu Teil 1

Link zu Teil 3

Stefan: Der Weininger überrascht mich nicht. Aber das mit dem Schopenhauer hat mich jetzt doch verblüfft. Ist der dumm?

Ela: Inzwischen ist er tot. Sonst hätt ich ihn gefragt. Der Weininger hat aber den Schopenhauer in seinem Buch gern zitiert.

Stefan: Der Weininger ist auch schon tot. Der hat sein Leben selbst beendet, wie ihm bewusst geworden ist, dass er als theoretischer Antisemit ja praktisch selber Jude ist.

Ela: Dem Weininger war besonders wichtig herauszuarbeiten, dass es „Rassen“ gibt, bei deren Männern man „selten eine Annäherung an die Idee der Männlichkeit findet“. Natürlich ist das für ihn kein Anreiz seine Idee der Männlichkeit zu hinterfragen. Das Judentum war für Weininger besonders gefährlich, insofern, als seine Existenz Weiningers Theoriekartenhäusl als solches zu bedrohen schien. Aber, wie er beteuert, spricht er nicht über einzelne Menschen oder gar die Gruppe, sondern lediglich die „platonische() Idee des Judentums“. Denn dieses ist ihm zufolge „durchtränkt“ von „Weiblichkeit“. Weininger legt nun dar, worin die Frauen und die Juden sich ähneln. Ihnen fehlt es an der Kant’schen Vernunft, es mangelt ihnen an Persönlichkeit. Beide haben kein Ich und „keinen Eigenwert“. Die geringere Kriminalitätsrate schafft Weininger so zu deuten, dass beide relativ amoralisch seien, weder besonders gut, noch besonders böse. Es fehlt ihnen an Größe, sie leben beide nicht als Individuen, sondern stets „in der Gattung“, in ihrer Familie und auf ihre Sexualität reduziert, sind gleichzeitig aber nicht zu richtiger Liebe oder erfüllender Sexualität fähig. „Juden und Weiber sind humorlos, aber spottlustig.“ Darum ist es nur konsequent, dass beide der Satire zugeneigt sind, die bekanntlich intolerant ist und damit „der eigentlichen Natur des Juden wie der des Weibes“ entspricht. Juden und Frauen „sind nichts, und können eben darum alles werden“. Hier liegt aber der Unterschied, denn „Die Frau ist die Materie, die passiv jede Form annimmt.“ Im Gegensatz dazu passt sich der Jude an, er „assimiliert sich allem und assimiliert es so sich“. Zwar glauben beide nicht an sich selbst, aber die Frau glaubt zumindest an den Mann, der Jude an nichts. „Innerliche Vieldeutigkeit (…) ist das absolut Jüdische (…)“.

Hitler bezeichnete später die Emanzipation der Frau als „vom jüdischen Intellekt erfundenes Wort“, dessen Inhalt „von demselben Geist geprägt“ war. Die Frauenbefreiung, neben Kommunismus, Kapitalismus, Intellektualismus, und eigentlich eh allem, ist damit wieder das Werk der intriganten Juden.

Stefan: Die Argumentation kenne ich mit entschärftem Vokabular auch von heutigen Reaktionären. Der Begriff „Kulturmarxismus“ muss da auch für alles was einem Ungustl, schwul, dekadent, verdorben, überemanzipiert erscheint, herhalten.

Ela: Delphine Horvilleur zeigt in ihrem Essay „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ diese Verknüpfungen zwischen Antisemitismus und Misogynie auf. Das Stereotyp des Juden ist ein effeminierter, weibischer Mann, schwach, hysterisch und manipulativ, mit ausgeprägtem Interesse am Geld. Bereits im Mittelalter behauptete man jüdische Männer bluteten monatlich aus Nase oder After, menstruierten um das „Blut Christi zu sühnen“. Horvilleur zufolge entspricht die Fähigkeit, mit dem Mangel und der Unvollständigkeit zu leben im jüdischen Denken dem Weiblichen. In den Schriften beschränkt sich die politische Macht von Juden und Frauen auf das Wort. Sie können nur durch Gewitztheit und Wortgewandtheit Einfluss nehmen. Dieser (Ein)schnitt „sorgt für Diskontinuität“. Sigmund Freud hat die Kastrationsangst als „tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus“ bezeichnet. Der Mangel, die Unvollständigkeit bedroht eine imaginierte „intakte Identität“ des Antisemiten.

Stefan: Frauenhass und Judenhass dürften sich gut ergänzen. Der Attentäter von Halle war bekanntermaßen für beides zu haben. Es muss ein eigenartiges Lebensgefühl sein, wenn man einer Ideologie anhängt, die besagt, dass man selber allen anderen überlegen ist. Und dann wohnt man aber als Mitte 30-jähriger noch im Kinderzimmer und Mami macht den Haushalt. Gerhard Scheit schreibt in seiner Analyse der Dramaturgie des Antisemitismus, dass mit dem Christentum die Heuchelei in die Welt kommt. Als „Systematik von Weltanschauung und Lebensführung“. Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel. Die müssen seither so tun, als würden sie nicht Handel treiben. Die Reichen müssen seit dem Spruch mit dem Nadelöhr so tun, als wären sie nicht reich. Aber auch die Frau als der „Inbegriff des gehandelten Reichtums“ soll im Christentum behandelt werden als gäbe es sie nicht. Wir sind nicht nur Erben der Griechen, sondern auch des Christentums.

Ela: Das hat sich ja auch nicht mit Ruhm angepatzt, was Misogynie betrifft. Juden und Frauen (Hexen) wurden zum Beispiel im Mittelalter abwechselnd für Brunnenvergiftungen, Ernteschäden, Fehlgeburten, etc. verantwortlich gemacht. Das mittelalterliche Hexenstereotyp basiert tatsächlich auch auf antisemitischen Vorurteilen, auch begrifflich (zb. Sabbat) wird das deutlich. Von allein sind die Hexen zum Zauber aber natürlich nicht fähig, sie sind vielmehr Werkzeug von Dämonen, mit dem sie einen Pakt eingegangen sind, wie der „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum) klarstellt. Und um wirksam werden zu können, bedarf es natürlich auch der „göttlichen Zulassung“. Den freien Willen aber kann der Teufel nicht umgehen, die Entscheidung liegt damit noch immer bei den Menschen, bzw. in ihrer Disposition begründet. Hierin liegt auch der Grund, warum Frauen eher Hexen werden, als Männer. Denn: „Zwei Arten von Tränen werden in den Augen der Frau [bereit] gehalten, die des wahren Schmerzes und die der Hinterlist. Sinnt eine Frau allein, dann sinnt sie auf Böses“. Frauen neigen eher zum Unglauben, da es ihnen an Verstand fehlt. Sie neigen eher zu Lüge, Zorn, Unduldsamkeit, Habsucht, sexueller Zügellosigkeit und verführen zur Sünde.

In „Caliban und die Hexe“ befasst sich Silvia Federici mit der Bedeutung der Hexenverfolgung für die Entwicklung kapitalistischer Verhältnisse. Im Prozess der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise kam es zur Privatisierung des Allgemeingutes, Enteignung von Bauern und Zerstörung bäuerlicher Dorfgemeinschaften. Mit Hilfe der dadurch vefügbar gewordenen Billigarbeitskräfte konnte man die Macht der städtischen Zünfte brechen. Viele Arbeiten konnten nun in Heimarbeit verrichtet werden. Es kam zur Polarisierung von Produktion und Reproduktion auf geschlechtlicher Grundlage. Hausarbeit wurde synonym mit (abwertend) Frauenarbeit, diese wurde zunehmend entwertet und unsichtbar gemacht. Da die kapitalistische Produktionsweise eines ständigen Nachschubs an Arbeiterinnen bedurfte, wurde politisch auf Bevölkerungswachstum gesetzt. Das versuchte man mit pro-natalistischer Politik zu erreichen. Dies bedeutete die vermehrte Kontrolle und Disziplinierung der weiblichen Sexualität. Als Höhepunkt dieser Kontrolle gilt für Federici die Hexenverfolgung, die zwar kirchlich sanktioniert und ideologisch unterfüttert, aber eine staatliche Initiative war. Sie führten zur Polarisierung des Proletariats auf geschlechtlicher Basis und Zerstörung von Glaubensvorstellungen die sich nicht mit der kapitalistischen Arbeitsdisziplin vereinbaren ließen. Mehrheitlich handelte sich bei den Angeklagten um ärmliche Frauen. Ihre Verfolger waren ranghohe Mitglieder der Gemeinschaft. 80% der Getöteten waren Frauen, viele davon Hebammen und Heilerinnen. Die gesellschaftliche Macht von Frauen sollte gebrochen, die Widerspenstigen gezähmt werden.

Aber der Vorwurf der Hexerei war auch keine Neuerfindung des Mittelalters. Wenn wir an das Byzantinische Reich denken: In Alexandria hat die Philosophin Hypatia gelebt, die übrigens einen tadellosen Ruf hatte, was ihre Tugendhaftigkeit anging. Sie war aber eine Freundin vom ägyptischen Statthalter Orestes. Leider ist dann Kyrill Bischof von Alexandria geworden und sein Hobby war die Jagd nach Ketzern. Nachdem Kyrill mithilfe eines Mobs die Juden aus der Stadt vertrieben hat, hat Orestes dagegen Einspruch erhoben. Die Anhänger von Kyrill hatten dann natürlich gleich eine Erklärung parat, weshalb Orestes sich gegen Kyrill gestellt haben könnte. Hypatia musste Orestes wohl verhext haben. Sie war eine Hexe und ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen. Darauf hat ein Mob die Akademie Hypatias attackiert, sie in die Kirche Kaisarion gezerrt, ausgezogen, man häutete sie mit Austernschalen und riss sie in Stücke um sie dann zu verbrennen.

Stefan: Furchtbar. Wer denkt sich sowas aus? Gibt es da nicht auch in der Bibel so eine Situation die paradox ist, weil Eva als Frau ja dem Mann per Schöpfung aus der Rippe untergeordnet ist und nur seinen Willen auszuführen hat, aber dann schuld ist, dass er den Apfel isst? Also wie kann sie schuld sein, wenn sie nichts zu entscheiden hat?

Ela: In der Bibel wird der Frau (Eva) ja nach dem Sündenfall von Gott auch die schmerzhafte Geburt auferlegt, als Strafe für den Regelverstoß. Noch dazu hat sie Adam überredet die verbotene Frucht zu essen, die deppate Sau. Die Menstruation ist ebenfalls Teil dieser Strafe. Aber das ist ja wieder nur eine Abwandlung vom Mythos der Pandora. Musst du dir mal vorstellen, die erste menschliche Frau wird von Hephaistos aus Lehm geformt als „schönes Übel“ und auf die Erde geschickt um die Menschheit zu quälen, als Strafe dafür dass sie zuerst von Prometheus erschaffen wurde, der im Anschluss dann noch den Göttern das Feuer stielt um es seinen Schützlingen zu geben. Pandora bekommt eine Büchse mitgeschickt, vor der man sie warnt sie zu öffnen, und ist dann natürlich so neugierig, dass sie sie doch öffnet und damit das Unheil über die Menschheit bringt.

Stefan: Bei Hans Blumenberg gibt es einmal diesen interessanten Satz, dass zwischen den Büchern und der Wirklichkeit eine alte Feindschaft besteht. Das Geschriebene der heiligen Texte dient zur Schwächung der Authentizität der Erfahrung. Dabei gibt es auch Stellen in der Bibel, die mittlerweile nach „Kill Bill“ klingen. Judith ist jedenfalls ein ziemliches bad girl, wenn sie Holofernes den Kopf abtrennt und damit die Hebräer rettet. Aber das wird sie dann in unzähligen Werken der Populärkultur büßen müssen, wie Alfred Pfabigan in seiner Edition der Apokryphen ergänzt. Das klingt als hätt sichs ein Wiener ausgedacht. Der Weininger war jedenfalls Wiener. In Österreich geht’s aber schon länger nicht mehr um Theorie, sondern auch wieder vermehrt um die Praxis, wenn‘s um Gewalt gegen Frauen geht.

Ela: Ich kann mich erinnern, ich glaube 2020 hat in Österreich so angefangen, dass gleich zu Jahresbeginn ein paar Frauen von ihren (Ex-)Partnern ermordet wurden und man begonnen hat medial die Frauenmorde zu zählen. Jeden Tag stand eine neue Frau in der Zeitung, begleitet von Zeilen wie „Schon der …. Frauenmord 2020…“ Dieses Jahr war ja eher coronalastig, aber da hat man sich auch so ein wenig Sorgen um die häusliche Situation gemacht und überlegt ob das im Lockdown nicht problematisch werden könnte, wenn da alle auf kleinem Raum zusammen gepfercht herumsitzen. Aber jetzt sind wir eh wieder beim Zählen angelangt. Nummer 12 haben wir, denk ich, inzwischen.

Stefan: Ich hatte den ersten Lockdown auch auf 38 Quadratmetern. Das war zu dritt und mit Homeoffice nicht leiwand. Und da hat die feine Christenpartei ja auch noch die Bundesgärten gesperrt. Wo man mittlerweile genau weiß, dass es pure Schikane war. Das sollte ihnen ganz Wien niemals verzeihen. Aber ich war noch nicht so weit, dass ich auf Mord zurückgegriffen hätte. … Bei ein paar Nachbarn vielleicht.

Ela: Jetzt hat ja in den letzten Wochen wieder ein Wiener seine Freundin umgebracht. Die hat zuerst die Polizei gerufen, weil er gewalttätig war. Sie wurde im Krankenhaus versorgt und ist dann wieder nachhause gegangen. Er war abgängig, die Polizei konnte ihn aber nicht finden. Inzwischen hat er sie zuhause erstochen. Auf Facebook konnte man dann Kommentare lesen wie „Sicher schlimm. Aber wenn man von der Regierung fast ein Jahr in eine enge Wohnung gesperrt wird, der Arbeit und Zukunft beraubt wird ohne Lichtblick auf Besserung. Das ganze ohne jegliche Hilfe und Unterstützung darf es einen nicht wundern, wenn solche Gräueltaten geschehen müssen.“ Ja, schicksalhafte Gräueltat Frauenmord. Weil wo soll man sonst seine Aggressionen auslassen? Wozu hat man eine Frau, oder? Ein anderer hat wiederum in Wien seine Exfreundin angezündet. Zuerst hat er sie geschlagen, versucht sie zu erdrosseln, sie mit Benzin übergossen und angezündet und sie dann in ihrer Trafik eingesperrt, weil er eifersüchtig war.

Stefan: Ja der hat das Versprechen das der Metzger macht eingelöst. In den Geschichten aus dem Wienerwald sagt er ja: „Du wirst meiner Liebe nicht entkommen.“ Und das kann man als Drohung verstehen. Der Begriff des Femizids bezieht das mit ein, dass der Mord an Frauen ein gesellschaftliches Phänomen ist. Er hat System und ist kein Schicksal. Der Begriff der Beziehungstat und der Tragödie dient ja nur dazu davon abzulenken. Die Motive des Täters sollten für die Beurteilung von so einem Frauenmord gar keine Rolle spielen. Da fühl ich mich doch papierlt, wenn einer so brutal und gezielt eine Frau umbringt und dann wird lang und breit ermittelt ob er vielleicht nicht zurechnungsfähig gewesen sein könnte. Ich mein, seids ihr deppad?

Aus der Sicht solcher Täter gehört die Frau ihnen und deshalb zerstören sie sie physisch, wenn sie von ihr verlassen werden. Die sind nie unzurechnungsfähig, sondern immer Oaschlöcher.

Ela: Zuletzt jetzt wieder die Bierwirt-Geschichte, wer hätte denn das gedacht, dass der ein Problem mit Frauen hat, nach der Maurer-Geschichte, wo er ihr mit Vergewaltigung gedroht hat? Aber zum Glück hat die Sigi Maurer sich dazu auch zu Wort gemeldet, jetzt muss man sich nicht mehr mit dem Mord auseinandersetzen, sondern es reicht schon, sich drüber aufzuregen, dass sie das Wort Femizid verwendet hat. Die andere Hälfte der Kommentatoren beschäftigt sich damit drauf hinzuweisen, dass jeder Mord schlimm ist, nicht nur Frauenmorde. Und der Dönmez redet lieber von der Macht der Mütter, wenn es um die Obsorge geht. Der Petzner hat übrigens gemeint die Sigi Maurer sollte „ein schlechtes Gefühl von einer gewissen Mitschuld“ haben, weil sie ihn in die Öffentlichkeit gezerrt hat.

Die Sigi wurde ja wegen übler Nachrede angeklagt, weil sie vom Bierwirt Vergewaltigungsdrohungen bekommen hat und die veröffentlicht hat. Der Fellner verklagt inzwischen seine ehemalige Angestellte, weil sie ihm sexuelle Belästigung vorwirft. Vor Gericht mokiert sich eine ehemalige Kollegin nicht etwa darüber, sondern wundert sich, dass man einen Popoklaps bei der Arbeit gar so ernst nimmt. Die Richterin fragt die Journalistin, die Fellner sexuelle Belästigung vorwirft, ob sie „von warmen Eislutschgern träumt“, weil sie weiterhin in dem Job arbeiten wollte, nur eben ohne sexuelle Belästigung, weil man weiß ja wie es in der Brache zugeht und Fellner selbst wundert sich warum die Bezeichnung der ehemaligen Angestellten als „Nutte“ ein Problem sein sollte.

Kürzlich hat ein Gericht in Österreich über die Belästigung eines 12-jährigen Mädchens entschieden, dass es sich zwar um Nötigung handelte, als der Angeklagte das Kind verfolgte, es als seine Frau bezeichnete und von hinten umarmte. Eine sexuelle Belästigung ist es aber anscheinend nicht, wenn man eine fremde und noch dazu nicht einverstandene Person von hinten umarmt, und dieser dabei zufällig seine Genitalien in den Rücken drückt.

Da kommen wir dann wieder auf das Thema zurück, ab wann eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung ist. Das hat sich ja in Deutschland bei Gina-Lisa Lohfink ganz klar gezeigt. Die hat sich leider (nicht nur) ihre Brüste operieren lassen und steht besonders gern im Rampenlicht, weshalb sie schon mal einen schlechten Stand hatte. Sie hat bereits davor Aufmerksamkeit mit privaten Sexvideos erregt. Jetzt gab es ein neues Video von ihr, das sie beim „Sex“ mit zwei Männern zeigte. Das Video wurde von den beiden online geteilt. Sie konnte sich an den Abend nicht erinnern. Zunächst machte sie eine Anzeige wegen der Weiterverbreitung des Videos ohne ihrer Zustimmung. Später erstattete sie Anzeige wegen Vergewaltigung. Auf dem Video ist übrigens mehrmals klar und deutlich zu hören, dass sie „Hör auf!“ sagt. Leider konnte das Gericht nicht feststellen, dass es sich um eine Vergewaltigung handelte und Gina-Lisa wurde wegen falscher Anschuldigung zu einer Geldstrafe von 24.000 Euro verurteilt. Denn das „Hör auf!“ hätte ja auch dem Umstand gelten können, dass sie beim Sex gefilmt wurde. Interessant ist jetzt übrigens, dass einer der beiden Männer inzwischen wieder vor Gericht stand. Wegen „Stealthing“ einer Prostituierten, was als sexueller Übergriff gilt. Er hatte während des Sex, bei dem sie auf ein Kondom bestand, dieses heimlich entfernt. Zudem hatte er die Frau geschlagen. Auch in diesem Fall wurde der Prozess wegen Vergewaltigung und Nötigung eingestellt und er bekam lediglich 500 Euro Strafe für Drogenbesitz und den Schlag auf den Hinterkopf der Frau.

Aber auch gut, in Wien ist ein Typ vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden, weil es bei der Aussage des 16-jährigen Mädchens, das die Anzeige gemacht hatte, zu Widersprüchen kam. Zwar konnte es Fotos von Würgemahlen und Biss- sowie Kratzspuren vorweisen, doch, wie der Verteidiger anmerkte, hätte es ja die „Chance“ gehabt, „schon früher zu gehen“. Ein Argument übrigens, das nicht zum ersten Mal in einem Vergewaltigungsprozess fällt. Die Wohnung eines Mannes zu betreten, scheint damit juristisch einer Einwilligung zum darauffolgenden Sex zu entsprechen. Die Vergewaltigung als Sportveranstaltung (Passend dazu: Mithu Sanyal, die Vergewaltigungsopfer zu „Erlebenden“ euphemisiert), von der man sich nur abzumelden braucht. Aber so lernt man als Frau einer Vergewaltigung dadurch zu entgehen, dass man vor der Vergewaltigung geht, sich also nicht vergewaltigen lässt. Dies entspricht in etwa dem Argumentationsniveau der Person auf dem Steg, die dem Ertrinkenden zuruft, er hätte halt schwimmen lernen sollen.

Stefan: Da schwingen zwei Begriffe mit „Eigenverantwortung“ und „Natur“. Es ist die Natur des Mannes, einer Frau, die sich nicht (ausreichend) wehrt, Gewalt anzutun und es liegt in ihrer Eigenverantwortung, sich nicht in eine Situation zu bringen, dass ein Mann ihr das antun kann. Das ist ein naturrechtliches Denken, das den Rechtsstaat partiell außer Kraft setzt. Das aber immer noch von Richtern geteilt wird.

Ela: Susan Brownmiller schrieb in „Gegen unseren Willen“ schon in den 70ern: „Das Gesetz hält es für höchst unwahrscheinlich, daß ein Mensch freiwillig sein Geld einem Räuber gibt oder sich bereitwillig prügeln, mißhandeln und verletzen läßt. Von den Opfern einer Vergewaltigung und anderer sexueller Übergriffe werden all diese Beweise verlangt, weil das Gesetz bisher noch nicht in der Lage war, zwischen einem Akt gemeinsam gewünschter sexueller Vereinigung und krimineller sexueller Aggression zu unterscheiden. (…) Der Hauptgrund für die fortdauernde Unsicherheit über den Unterschied (…) besteht in der kulturell geprägten Vorstellung, daß es die natürliche Rolle des Mannes sei, sich der Frau auf aggressive Weise zu nähern, und die natürliche Rolle des Weibes, sich zu „sträuben“ und zu „fügen“. Und so schützt das Gesetz männliche Interessen, indem es in dem Glauben, daß Gewalt oder Gewaltandrohung nicht entscheidend seien, die Verurteilung des Täters vom Verhalten des Opfers während des Verbrechens abhängig macht.“

Vergewaltigung war ja früher nur eine Art Eigentumsdelikt zwischen Männern. Da hat ein Mann dem andren Mann die Tochter gestohlen, die dadurch ihren Besitzer wechselte. Bei einer „klassischen“ Vergewaltigung wurde dem Täter oft angeboten den Brautpreis zu zahlen und die Frau zu heiraten um der Strafe zu entgehen. Das galt natürlich nur, wenn die Frau noch nicht verlobt war.

Da fällt mir jetzt wieder Artemisia Gentileschi ein, das passt auch gut zu Judith und Holofernes und zur Behauptung, dass Frauen nicht zur Kunst fähig sind. Die Gentileschi hat bereits im 17. Jahrundert gelebt, in Italien. Sie war Vertreterin des Caravaggismus. Ihr Vater war selbst Künstler und hat es begrüßt, dass seine Tochter gemalt hat. Damit sie ihre Talente entfalten kann, dachte er, engagiert er ihr einen Lehrer, Agostino Tassi. Leider war Gentileschi hübsch, wollte aber von Tassi nichts wissen, ein schwerer Fehler. Tassi vergewaltigte sie. Sie hat sich zwar gewehrt, das hat ihr aber im Endeffekt nicht viel geholfen. Der Vater war besonders empört, dass Tassi seine Tochter nicht nur entjungfert hatte, sondern noch dazu nicht heiraten wollte und erstattete daher Anzeige. Artemisia musste sich darauf mehreren gynäkologischen Untersuchungen unterziehen – das ist auch schön, erinnert an Jungfräulichkeitstests wie man sie heute noch aus verschiedenen Weltgegenden kennt – ihr wurden Daumenschrauben angelegt, ihrem Vergewaltiger nicht. Der hat ganz einfach behauptet, dass er nichts getan hat. Der Prozess wurde Monate später eingestellt. Tassis Karriere ging weiter wie bisher und Gentileschis Vater hat ihm auch verziehen. Artemisia heiratete und ging nach Florenz. An Tassi rächte sie sich indem Sie ihn zumindest künstlerisch, in Gestalt des Holofernes, köpfte. Diese Szene malte sie in sechs unterschiedlichen Versionen. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie als Künstlerin wiederentdeckt und fand Anerkennung.

Stefan: Eine berühmte italienische Ehebrecherin ist Francesca da Rimini. Ihr begegnet man in Dantes Komödie in der Hölle. Witzigerweise ist ihr Mörder dort nicht anzutreffen, wenn ich mich richtig erinnere. Bros before hoes in der Renaissance.

Ela: Das ist sowieso ein beliebtes Motto, wenn man sich zb. Gruppenvergewaltigungen und Vergewaltigungen in Kriegszeiten ansieht. Brownmiller meint, dass die Ideologie der männlichen Überlegenheit, des Machismo, die in den großteils männlichen Armeen verbreitet ist, hier ihren Höhepunkt erreicht. Und wo die Geschichte nichts von vergewaltigten Frauen in Kriegen zu erzählen weiß, tauchen auf einmal Zwangsprostituierte auf. Von Armeen, in denen auch Frauen dienen, sind dagegen kaum Vergewaltigungsfälle bekannt, siehe das Beispiel Israel.

Vergewaltigung ist laut Brownmiller oft eine Art „Bonding-Möglichkeit“ für Männergruppen, die die beteiligten Männer auf Kosten der vergewaltigten Frauen näher zueinander bringt und Allianzen stärkt. Brownmiller geht davon aus, dass (das Damoklesschwert der) Vergewaltigung für die Aufrechterhaltung männlicher Herrschaft von großer Bedeutung ist. Sie schreibt dazu: „Eine Welt ohne Vergewaltiger wäre eine Welt, in der Frauen sich frei, ohne Angst vor Männern, bewegen könnten. Daß einige Männer vergewaltigen, reicht als Bedrohung aus, um die Frauen im Zustand fortwährender Einschüchterung zu halten, (…) Vergewaltigende Männer sind nicht Außenseiter der Gesellschaft oder „Besudeler der Reinheit“, sondern vielmehr männliche Stoßtrupps, terroristische Guerillas im längsten Krieg, den die Welt jemals gesehen hat.“

Besonders Gruppenvergewaltigung dient oft als Mittel sozialer Kontrolle. Federici schreibt etwa über die Entkriminalisierung der Vergewaltigung von Frauen aus den niederen Klassen im Mittelalter in Teilen Europas zur Bändigung der revolutionären Energien männlicher Arbeiter. Damit einher ging auch die Etablierung staatlicher Bordelle.

Hunter S. Thompson hat eine Zeit lang die Hell’s Angels in Kalifornien begleitet und sie geradezu romantisiert. Da beschreibt er zum Beispiel wie Frauen, die es wagten einen Angel zu verlassen oder zu verraten, zur Disziplinierung von mehreren Angels vergewaltigt wurden. Diese Strafmaßnahme beschreibt er als „Zeremonie“ und „Hexenaustreibung“. Die Verherrlichung der Täter ist keine Seltenheit.

Stefan: Analog dazu gibt es eine digitale Männlichkeit, die sich auch im Rudel zeigt. Es gibt eine männliche Online-Kultur, die Frauen im digitalen Raum erniedrigt und damit Gewalt gegen Frauen in der analogen Welt verstärkt. Da gibt es die Männer die jahrelang auf allen möglichen sozialen Medien öffentlich ihre Frauenverachtung zum Ausdruck bringen und weil sie da nicht gestoppt werden, dann irgendwann so viel Selbstsicherheit aufbringen und auch in der analogen Welt zur Tat schreiten.

Und das ist definitiv ein gesamtgesellschaftliches Problem. Da steht ein Oberösterreichischer Bürgermeister wegen sexueller Belästigung und Vergewaltigung in Wels vor Gericht und die Krone titelt „Abgeordneter wegen Sex angeklagt“. Da reckts mich schon. Aber die Liste solcher Sachen lässt sich ja unendlich fortführen.

Aber dann gibt es Sachen, die sind trotzdem nochmal schockierender. Der russische Youtuber ReeFlay hat sich damit eine Marktnische erkämpft, dass er seiner Freundin immer wieder Gewalt antut. Er hat Zuschauer abstimmen lassen und von ihnen Geld dafür kassiert, dass er sie live quält. Jetzt ist sie während einer seiner Übertragungen am Balkon erfroren, auf den er sie stundenlang gesperrt hatte. Sie war schwanger, und er hat damit 900 Euro verdient.

Ela: Also ja, es gibt da diese historisch gewachsenen Vorurteile und Annahmen, die sich über die Jahrhunderte summiert haben und bis heute nachwirken, auf die eine oder andere Weise immer wieder auftauchen, auch um, nach Bourdieu, die männliche Herrschaft zu legitimieren und zu bestätigen. Eine „Vergesellschaftlichung des Biologischen und (…) Biologisierung des Gesellschaftlichen in den Körpern und in den Köpfen“ die eine „Verkehrung der Beziehung von Ursachen und Wirkungen zur Folge“ hat. Auf Grundlage der biologischen Unterschiede wurden die gesellschaftlichen Unterschiede konstruiert und naturalisiert. Am Ende sieht es dann so aus, als wären die sozialen Unterschiede Produkt der biologischen Unterschiede. Man spricht vom „ewig Weiblichen“.

Der „supreme Gentleman“ Elliot Rodger, der 2014 sechs Menschen in Isla Vista getötet hat, und 14 verletzte, um sich an Frauen allgemein zu rächen, weil er keine Chance bei ihnen hatte, gilt in Incel-Foren als Vorbild. Der hat auch online angefangen. In seinem „Manifesto“ schreibt er, dass Frauen sich zu den „falschen“ Männern hingezogen fühlten, nicht zu ihm. Um diese Ungerechtigkeit zu beseitigen und zugleich der Welt zu beweisen, dass er der RICHTIGE Mann gewesen wäre, begab er sich auf einen Amoklauf in der Nähe der Universität von Kalifornien, um dort das Haus der „hottest Sorority“ zu betreten und „jede einzelne verzogene, hochnäsige, blonde Schlampe“ dort zu „schlachten“.

Er schreibt Frauen seien Bestien, und da spielen dann wieder die ganzen schönen Sachen rein, die schon die großen Philosophen so gern verbreitet haben, „Frauen sind nicht fähig, moralisch und rational zu denken, sie werden vollständig von ihren verdorbenen Emotionen und abscheulichen sexuellen Impulsen gesteuert“. Zum Glück hatte Rodger auch gleich eine Lösung für die Probleme der Menschheit. „Frauen sollten nicht das Recht haben zu wählen, mit wem sie sich paaren und fortpflanzen wollen. Diese Entscheidung sollte von rationalen, intelligenten Männern für sie getroffen werden. (…) Wenn Frauen weiterhin Rechte haben, werden sie nur den Fortschritt der menschlichen Rasse behindern, indem sie sich mit degenerierten Männern fortpflanzen und dumme, degenerierte Nachkommen erzeugen.“

Und dann passieren Sachen wie in Atlanta, wo ein Typ acht asiatische Frauen ermordet und die Medien tun sich richtig schwer, das als Misogynie zu erkennen. Laut Selbstaussage handelte es sich um keine rassistische Tat. Er sei sexsüchtig und habe die „Versuchung“ eliminieren wollen, sagt er von sich.

Stefan: Mann tötet 8 Frauen. Presse: Rassismus!

Ela: Also ja, es spielen sicher auch stereotype Darstellungen von Asiatinnen da rein und die Assoziationen dieser Massagesalons mit Prostitution.

Stefan: Vor allem haben ja meistens „Yellow Riders“, wie sie sich selbst nennen, deshalb ein Faible für asiatische Frauen, weil sie glauben die sind dankbar für einen kleinen Penis, somit ist das wieder etwas das zwar rassistisch konnotiert ist, aber letztlich mit Frauenverachtung zu tun hat.

Ela: Im Endeffekt war Frauenhass doch immer mit rassistischen Klischees durchsetzt oder? Sartre hat über die Fetischisierung von jüdischen Frauen gesagt, dass gerade in diesem Zusammenhang den besonderen Reiz der „Geruch von Vergewaltigung und Massaker“ ausmacht. „Die schöne Jüdin ist die, welche die Kosaken des Zaren an den Haaren durch ihr brennendes Dorf schleifen (…)“

Die Pickup-Leute bewerten Frauen auch nach Herkunft, nach dem Motto: Welche Nationalität gilt als besonders unterwürfig, zb., oder sonst irgendein Porno-Fetisch.

Stefan: Und es hat meistens mit Merkmalen zu tun, die man vom Machoverhalten der Männer ableitet, die in der Gegend wohnen.

Ela: Und man wünscht sich eigentlich den Platz mit diesen Männern zu tauschen.

Stefan: Man wünscht sich den eigenen Penis riesig und die Vagina der Frauen möglichst eng. Das ist auch im Wunsch nach Jungfräulichkeit versinnbildlicht.

Ela: Unangenehm.

Stefan: Sex ist offenbar wie Moral, es muss die Frauen recken dabei.

Link zu Teil 3

„The mother and the weeping child“ by Shambhavi Pataskar
2021, gouache and ink on paper
https://instagram.com/shyamanist
„There’s a mother in every one of us that’s not made for taking care of another life. This mother is made for our internal self, and it nourishes the child within us that suffers from things we’re oblivious to. Some call it God, while others call it a „voice in their head“, but time and time again I realized that not listening to this mother leaves me as a weeping child; because for once – it is good to let go and take care of ourselves without putting ourselves through unnecessary atonement.“