Dschihadismus mit Krawatte

(Content-Warning: Diese Polemik enthält keine Klassenanalyse)

Dieselben Menschen, die sich 2021 gefragt hatten, ob die Taliban plötzlich moderat geworden waren – weil sie nicht einen Tag nach Machtwiederübernahme den Frauen gleich das Sprechen in der Öffentlichkeit verboten hatten und ominöse Aussagen über „Frauenrechte innerhalb islamischer Normen“ getätigt hatten – stellten wahrscheinlich 2024 die Frage, ob der ehemalige al-Qaida und al-Nusra Dschihadist Ahmed al-Sharaa plötzlich moderat geworden war, weil er seinen Rasierer gefunden und sich in Schale geworfen hatte. Wer Maßanzug und Krawatte trägt, kann doch schwerlich extremistische An- und Absichten haben. Kleider machen schließlich Leute.

Dementsprechend setzte man nach Assads Sturz große Hoffnungen in die syrische Übergangsregierung mit dem freundlichen Ex-Dschihadisten an der Spitze, der – wie er glaubhaft beteuerte – nun endlich bereit war, das Land zu demokratisieren – oder vielleicht gar „nach islamischen Normen“ zu demokratisieren?

Al-Sharaa war unter seinem Nom de Guerre Mohammed al-Jolani ab 2000 Mitglied bei al-Qaida im Irak und gründete 2011 seinen Ableger, die Al-Nusra-Front in Syrien. Ab 2013 wurde Jolani von den USA als „Specially Designated Global Terrorist“ bezeichnet und ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. 2016 spaltete er die Al-Nusra-Front von al-Quaida schließlich ganz ab und organisierte später seine Gruppe unter dem Namen Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) neu. Neu allerdings nicht im Sinne eines Abschwörens des Islamismus.

Ende 2024 führte eine von HTS und Rebellen groß angelegte Offensive zur Eroberung von Aleppo, Hama, Homs und der Hauptstadt Damaskus, infolge derer Bashar al-Assad im Dezember floh. Seither steht al-Sharaa an der Spitze des neuen Syriens und hat den Kampfanzug durch die Krawatte ausgetauscht. Zu seinen Hobbys zählen offiziell nun nicht mehr Massaker an den christlichen, alawitischen, schiitischen, jesidischen und drusischen Minderheiten in Syrien. Er ist ein geläuterter Mann.

Als es im Frühjahr 2025 im Nordwesten Syriens dennoch zu Massakern an Alawiten durch Islamisten kam, war man nur zu gern bereit an einen Irrtum zu glauben. Der neue syrische Übergangspräsident würde doch nicht …? Meldungen sprachen von mehreren hunderten bis tausenden Toten, vorwiegend Zivilisten (einschließlich Frauen und Kindern), nach Kämpfen zwischen Regierungskräften und Assad-Anhängern. Schnell war man mit dem Abwiegeln. Man müsse das schon verstehen. Alawiten seien nun einmal im Assad-Syrien eine bevorzugte Minderheit gewesen und nun hätte man sich eben verdient der Verräter entledigt. Man müsse Verständnis haben dafür, dass sunnitische Kämpfer und Teile der Bevölkerung starke Ressentiments gegenüber Alawiten hegten, weil diese als „Klientel des Regimes“ und „privilegierte Minderheit in Militär und Sicherheitsapparat“ galten. Gewalt in Form von Racheakten sei nun einmal eine Form des Ausdrucks solcher Ressentiments.

Im Frühjahr und Sommer 2025 kam es auch zu Angriffen auf die drusische Minderheit im Süden Syriens. Auch hier waren die Relativierungen schnell bei der Hand. Kämpfe zwischen Drusen und Beduinen wären eskaliert. Gewalt sei nun einmal Teil eines entstandenen Machtvakuums, das sich nun entladenden habe, nicht unbedingt Ausdruck ethnischer Säuberungen. Soziale Medien seien zudem Auslöser für die Eskalation gewesen, u. a. wurde verbreitet, religiöse Führer der Drusen hätten sich der Prophetenbeleidigung schuldig gemacht. Auch hier war wichtig, zu betonen, dass man doch „verstehen“ müsse, dass die Drusen zwischen verschiedenen Machtblöcken gespalten waren. Die Gewalt sei durch tiefes Misstrauen und vergangene Verletzungserfahrungen zu erklären.

Die Autorin und Journalistin Ronya Othmann, die al-Sharaa weiterhin bei seinem Dschihadistennamen nennt, da sich dieser nie „glaubhaft von seiner jihadistischen Vergangenheit distanziert“ habe, spricht von einer Mitverantwortlichkeit „ehemalige(r) HTS-Kommandeure“ an den Massakern sowohl an den Alawiten wie auch an den Drusen. Für Minderheiten, so ist sie sicher, gibt es in einem islamistisch regierten Syrien „keine Zukunft“ – Rojava sei das einzige Gebiet in Syrien, in dem Jesiden noch „relativ sicher“ und frei leben könnten.

Die Verteidigungsstrategie der neuen Übergangsregierung für die eigene Untätigkeit und/oder Teilnahme von staatlichen Kräften an den Massakern und Kämpfen in beiden Fällen, war es schließlich, zu behaupten, dass der Staat nicht direkt verantwortlich sei, weil er keine vollständige Kontrolle über alle bewaffneten Gruppen habe. Die Übergangsregierung beanspruchte also einerseits staatliche Souveränität, internationale Anerkennung und das Gewaltmonopol für sich, wies aber die Verantwortung, wenn es drauf ankam, von sich.

Seit kurzem sind nun die Kurden und ihr Selbstverwaltungsgebiet Rojava in Nord- und Ostsyrien an der Reihe. Die kurdischen Kräfte und ihre Verbündeten (SDF: Syrian Democratic Forces) waren im Kampf gegen den IS in Syrien und Irak wichtige Alliierte des Westens. Nun scheinen sie ihre Schuldigkeit getan zu haben. Vor einigen Wochen kam es zum Angriff auf die selbstverwalteten Gebiete durch die syrische Armee und von der Türkei gestützte islamistische Gruppen. Von Seiten der Türkei heißt es, es handle sich um eine „Aktion gegen Terrorismus“, denn YPG und SDF seien nichts anderes als die PKK. Am 17. Jänner kündigte einer der wichtigsten arabischen Verbündeten der YPG/YPJ (kurdischen Volksverteidigungseinheiten) der demokratischen Administration seine Unterstützung auf und erkannte die syrische Übergangsregierung an.

Kurz darauf wurde in Kobanê eine Statue der im Kampf getöteten kurdischen Kämpferin der Frauenverteidigungseinheit (YPJ) Avesta Xabur gestürzt, was bereits einen Einblick darin gewährte, welche Kräfte hier am Werk sind. In einem neueren Video hält einer der Milizen den geflechteten Zopf einer vermeintlich in Raqqa getöteten YPJ-Kämpferin in die Kamera. Für Kurdinnen und Frauenrechtsaktivistinnen, die in Rojava leben, hat der Zopf eine besondere symbolische Bedeutung: Er steht für die kurdische Identität, Würde und den revolutionären Geist der YPJ, sowie für die Frauenrechte im kurdischen Selbstverwaltungsgebiet. Das Abschneiden kann also getrost als Demütigung gesehen werden. Der Islamist – es handelt sich um einen Vater dreier Töchter – hält seine Trophäe stolz in die Kamera und lächelt dabei über seine großartige Tat. Kurdische Frauen flechten sich nun aus Solidarität ihre Zöpfe und posten Parolen wie „Frau, Leben, Freiheit“.

Man kann in diesem Zusammenhang nicht nur von einem Angriff auf die kurdischen Autonomiegebiete sprechen, sondern auch von einem Angriff auf Frauen- und Minderheitenrechte auf dem gesamten syrischen Gebiet, symbolisch und ganz konkret. Aus dem Gouvernement Latakia im Westen von Syrien erreichen uns beispielsweise inzwischen Nachrichten eines Verbots von Make-up für Frauen im Job.

Das syrische Ministerium für religiöse Stiftungen hat zudem eine Fatwa erlassen, in der Imame angewiesen werden, Gebete zur Unterstützung der Regierungstruppen zu rezitieren. Der Feldzug bekommt damit durch offizielle Stellen einen religiösen Anstrich, Gewalt wird indirekt „von Gott“ sanktioniert. Ein Dschihad gegen Kurden, staatlich legitimiert. Besonders wird auf einen Vers aus der Sure al-Anfal verwiesen, die sich mit „Kriegsbeute“ beschäftigt.

Was damit gemeint sein könnte, darauf weist beispielsweise ein Video hin, das einen Islamisten zeigt, der zwei kurdische Kämpferinnen als „die schönsten Geschenke“ bezeichnet. Implizit wird dabei auf die Möglichkeit angespielt, diese als Sexsklavinnen zu „nutzen“.

Für die Kurden ist mit der Sure auch ein historisches Trauma verbunden: 1988 wurde von Saddam Hussein im Irak die Anfal-Kampagne durchgeführt, bei der es zu Massenhinrichtungen, Zerstörung kurdischer Dörfer und zum Einsatz chemischer Waffen gegen die kurdische Minderheit kam. Ca. 150.000 Menschen kamen dabei ums Leben.

Jonathan Spyer schreibt im Wall Street Journal über ein Gespräch, das er vor einem Jahr mit einem kurdischen Kommandanten der SDF führte, der bereits zu jener Zeit davon sprach, dass die islamistische Führung die kurdischen Gebiete aufgrund ihrer Affiliation mit dem Westen und ihrer säkularen Ausrichtung und Progressivität „in ihrer Einstellung zu Frauen“, sowie die Befürwortung dezentralisierter Regierungsformen „niemals tolerieren“ würden. Dieser war der Meinung die Regierung würde innerhalb eines Jahres den Versuch unternehmen diese Kräfte zu zerstören.

In den kurdischen Gebieten befinden sich auch Gefängnisse und Lager für ca. 50.000 Anhänger des Islamischen Staates. Videos aus dem Al-Hol-Camp mit 23.000 Gefangenen zeigen Islamisten dabei, wie sie diese grüßen und ihnen dazu raten zu fliehen. Einige Angehörige der syrischen Gruppen tragen zudem IS-Symbole auf ihren Uniformen. Vor einigen Tagen wehte in Raqqa wieder die IS-Flagge.

Der Ring der Regierungsaffiliierten Milizen um die kurdischen Gebiete zieht sich immer weiter zusammen und die Kämpfe gehen trotz eines Waffenstillstandes weiter. Laut Aussage von kurdischen Kämpfern wurden bereits mehrere von ihnen „im Stil“ des IS enthauptet. Auch Zivilisten sollen hingerichtet worden sein, Leichen geschändet und Frauen vergewaltigt. Mit dem belagerten Kobanê wurde die Kommunikation gekappt, die Wasser- und Stromversorgung laut kurdischen Stimmen unterbrochen. Ein Vertreter für Rojava hat indes Kurden aus der Türkei und der autonomen Region Kurdistan im Irak dazu aufgerufen ihre Geschwister in Syrien zu unterstützen. Mit einem Angriff auf die kurdische Stadt Çil Axa wird nun versucht die Verbindung nach Kurdistan (Irak) zu unterbrechen.

Von offizieller Stelle wird vieles bestritten. Es handle sich nicht um einen Angriff auf eine Bevölkerungsgruppe, sondern lokale „Aktionen zur Herstellung der staatlichen Integrität“. Die kurdischen Autonomiegebiete hätten sich bisher der staatlichen „Integration“ entzogen – diese wolle man nun wohl militärisch erzwingen. Zudem könne es natürlich – wie bereits bei den Massakern gegen Alawiten und Drusen verlautbart – zu Übergriffen einiger „einzelner Akteure“ kommen. Nach dem Motto: Diese Argumente haben schon zweimal funktioniert, warum sie also nicht noch ein weiteres Mal recyclen?

Nun wird auch Kritik an den SDF laut. Man wirft ihnen unter anderem autoritäre Tendenzen vor, Rekrutierung von Kindersoldaten, sowie die Zerstörung arabischer Dörfer nach der Zerschlagung des IS. Man wirft ihnen vor, sie seien eine „Marionette“ der USA. Gleichzeitig steht der Vorwurf im Raum, dass Rojava keine liberale Demokratie darstelle, trotz teils progressiver Ideologie. Hinzu kommt der Vorwurf des „Separatismus“, der Staat müsse eben nun Stärke zeigen – und das, obwohl Rojava niemals den Anspruch auf Abspaltung oder Unabhängigkeit gestellt hat. Dann wird es schon gut so sein, wenn es in den syrischen Staat eingegliedert wird und damit gleich jeglicher Versuch von Progressivität zu Grabe getragen werden kann –Föderalismus ist eh pfui. Was man nämlich den SDF nicht vorwerfen kann, sind systematische ethnische Säuberungen, Terrorismus gegen Zivilisten, religiöser Extremismus und gezielte Angriffe auf Frauen und Minderheiten – was ja an sich schon eine Frechheit darstellt und weshalb ihre Integration in die sunnitische Einheit nun eine der vorrangigen Aufgaben darzustellen scheint.

Beruhigt lehnen wir uns zurück und lassen uns von Experten erklären, al-Scharaa habe kein Interesse an der Ausbreitung des Islamischen Staates auf syrischem Staatsgebiet. Wenn der syrische Staat mit ähnlichen Methoden arbeitet, wie der Islamische Staat und dabei noch auf dessen personellen Kader zurückgreift, ist endlich wieder Ordnung eingekehrt.

Social Witchcraft ein Gespräch über Hexen auf TikTok mit Lisa Dorner

Stefan: Du hast für deine Masterarbeit Hexen und die von ihnen auf TikTok präsentierten Inhalte erforscht. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Lisa: Ich bin durch zwei Faktoren auf das Thema gestoßen: Einerseits habe ich selbst immer wieder in meiner „privaten“ Social-Media-Nutzung die spirituelle Seite von TikTok kennengelernt und fand sie schon damals sehr faszinierend. Andererseits habe ich ein Seminar besucht mit dem Namen „Verfluchte Ökonomien“, das sich mit okkulten Vorstellungen in einem globalen Entwicklungsdiskurs auseinandergesetzt hat. Im Zuge meiner Abschlussarbeit für das Seminar, habe ich beschlossen diese Dinge zu verknüpfen, und weil ich das Gefühl hatte, es gibt noch mehr dazu zu forschen, habe ich schließlich auch meine Masterarbeit diesem Thema gewidmet.

Stefan: Wie kann TikTok am besten erforscht werden?

Lisa: TikTok ist ein digitaler Raum, in dem verschiedene Menschen und Unternehmen, die alle unterschiedliche Zwecke verfolgen, aufeinandertreffen. Um die Dynamiken die sich auf so einer komplexen Plattform zu verstehen, habe ich mich für eine qualitative Forschung entschieden, die mir erlaubt, möglichst tief in die Materie einzudringen. Für meine Arbeit habe ich mich für die digitale Ethnographie entschieden. Das ist eine Forschungsmethode, die das Verhalten und die Interaktionen von Online-Communitys untersucht. Besonders bei Social-Media-Phänomenen wie WitchTok erlaubt sie, digitale Rituale und Identitätskonstruktionen zu analysieren. Teilnehmende Beobachtung und Plattformanalysen sind zentrale Methoden, um in meiner Arbeit digitale Hexenpraktiken nachzuvollziehen. Die Methode umfasst verschiedene Techniken zur Datensammlung, darunter Inhaltsanalysen von Postings, Kommentare und Hashtags, sowie visuelle Analysen von Bild- und Videomaterial, um digitale Gemeinschaften und ihre Dynamiken zu verstehen. Plattformen wie TikTok stellen hierbei besondere Herausforderungen dar, da Algorithmen Inhalte nicht chronologisch, sondern personalisiert ausspielen. Dadurch kann sich die Rezeption von Daten je nach Nutzer:in stark unterscheiden.

In der digitalen Ethnographie wurde gezieltes Sampling von TikToks bzw. TikTok-Accounts angewendet, das sich an relevanten Hashtags, Algorithmen und Community-Strukturen orientiert. Im Falle dieser Arbeit wurden Accounts untersucht, die unter dem Hashtag #WitchTok aktiv sind und von Menschen geführt werden, die sich selbst als Hexen bezeichnen. Diese Methode ermöglicht es, digitale Subkulturen zu erfassen und Trends innerhalb der Community zu dokumentieren​.

Die Ergebnisse der digital-ethnographischen Forschung werden durch Screenshots und analytische Reflexionen dokumentiert. Dies ermöglicht eine Verknüpfung zwischen theoretischen Konzepten und beobachteten Online-Praktiken​.

Stefan: Von welchen theoretischen Prämissen bist du ausgegangen?

Lisa: Silvia Federici analysiert in ihrer Arbeit die historische Rolle der Hexenverfolgung im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Sie argumentiert, dass die Hexenjagden nicht nur Ausdruck patriarchaler Unterdrückung waren, sondern gezielt zur Disziplinierung und Kontrolle weiblicher Arbeitskraft eingesetzt wurden. In der frühen Neuzeit, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert, dienten die Hexenprozesse dazu, Frauen in traditionelle, untergeordnete Rollen zu drängen und ihre wirtschaftliche sowie soziale Unabhängigkeit zu unterbinden​. Die Auswirkungen dieses gewaltvollen Prozesses sind bis heute bemerkbar.

Federici beschreibt die Hexenjagden als eine Methode der ursprünglichen Akkumulation, die Karl Marx als Voraussetzung für das Entstehen des Kapitalismus definierte. Während Marx sich auf die Enteignung der Bauern und die koloniale Ausbeutung konzentrierte, zeigt Federici, dass Frauen durch die Hexenverfolgung ihrer reproduktiven Arbeit und ihres Wissens beraubt wurden. Besonders betroffen waren Frauen, die außerhalb patriarchaler Strukturen lebten – Heilerinnen, Hebammen und unverheiratete Frauen. Die Verfolgungen dienten dazu, Frauen in das kapitalistische Wirtschaftssystem zu zwingen, indem sie in abhängige, unbezahlte Reproduktionsarbeit gedrängt wurden​.

Stefan: Wie kommst du von der ursprünglichen Akkumulation zu TikTok?

Lisa: Soziale Netzwerke sind kapitalistische Plattformen, die von Unternehmen gesteuert werden, deren Ziel Kapitalakkumulation ist. Das bedeutet, sie sind das direkte Produkt kapitalistischer Strukturen und eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Akkumulation. Social-Media-Plattformen sind keine luftleeren Räume, sondern reproduzieren gesellschaftliche Strukturen und gehören dementsprechend zu einer modernen entwicklungspolitischen Forschung.

Inhaltlich habe ich mich auf die Ansätze von Donna Haraway gestützt. Sie entwickelte das Bild des Cyborgs als eine postmoderne Identität, die die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Natur und Technik, auflöst. Technofeministische Ansätze heben hervor, dass Technologie nicht neutral ist, sondern geschlechtsspezifische Machtverhältnisse reproduziert. Gleichzeitig argumentiert Haraway, dass Technologie nicht zwangsläufig ein Instrument patriarchaler Unterdrückung sein muss, sondern auch emanzipatorisches Potenzial besitzt, wenn sie nach technofeministischem Verständnis genutzt wird. Kritisch wird angemerkt, dass Haraways Theorie eine westlich geprägte Fortschrittsvision verfolgt und dabei koloniale und kapitalistische Strukturen oft ausklammert. Ihre Vorstellung, dass Technologie die Befreiung von Geschlechterkategorien ermöglichen kann, blendet aus, dass digitale Plattformen selbst tief in kapitalistische und patriarchale Strukturen eingebettet sind.

Technopaganismus bezeichnet die Verschmelzung moderner Technologien mit spirituellen Praktiken. Während einige Hexen den Fokus auf Naturverbundenheit legen, sehen andere digitale Medien als legitimes Mittel zur spirituellen Erfahrung. Soziale Netzwerke dienen in diesem Zusammenhang als Orte der Identitätsbildung und ermöglichen den Austausch über Rituale und Glaubenssysteme in und außerhalb der Community. Dies zeigt sich beispielsweise in magischen TikTok-Trends, die digitale Tools für rituelle Zwecke nutzen​. Social Media spielt demnach eine entscheidende Rolle in der Identitätsbildung der modernen Hexe.

Stefan: Social Media ist Teil des Kulturindustriellen Produktionszusammenhangs, Teil der fortgeschrittenen Akkumulation, Teil der Ausbeutungsmaschinerie unterm Kapitalverhältnis. Was kann eine feministische Bewegung sich von der Teilnahme an so einer Struktur erwarten?

Lisa: Christian Fuchs beschreibt soziale Medien als kapitalistisch geprägte Plattformen, die eine neue Form der Kulturindustrie darstellen („techno-soziales System“).

Stefan: In Anknüpfung an Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

Lisa: Genau, sie basieren laut Fuchs auf einem Geschäftsmodell, das durch Nutzer:inneninteraktionen Daten generiert, die dann monetarisiert werden. Soziale Medien sind demnach Unternehmen, die auf die Maximierung von Profiten durch algorithmisch gesteuerte Aufmerksamkeit ausgerichtet sind​. Fuchs zeigt, dass Social-Media-Plattformen nicht nur passiv Inhalte hosten, sondern aktiv in die Informationsverbreitung eingreifen. Algorithmen priorisieren Inhalte, die hohe Engagement-Raten erzielen, da diese die Verweildauer der Nutzer:innen erhöhen und damit die Werbeeinnahmen maximieren. Diese Mechanismen führen dazu, dass emotionale, kontroverse oder konsumfördernde Inhalte bevorzugt werden – ein zentrales Element der Kulturindustrie im digitalen Zeitalter.

Hierbei ist der Warencharakter von Kultur besonders offensichtlich, da Inhalte monetarisiert und für Werbezwecke optimiert werden. Influencer:innen sind Teil eines Systems, in dem Konsum gefördert und als natürliche Form der Selbstinszenierung dargestellt wird. Diese Mechanismen führen zu einer auch verstärkten Kommerzialisierung spiritueller Inhalte, auf die sich die Masterarbeit konzentriert.

Fuchs betont, dass die wirtschaftlichen Strukturen von Social-Media-Plattformen nicht nur die Kommunikation beeinflussen, sondern auch gesellschaftliche Diskurse prägen und politische Machtverhältnisse reflektieren​.

Stefan: In diesem Zusammenhang taucht in deiner Arbeit der Begriff der algorithmischen Divination auf. Kannst du erläutern was das ist, geht es wirklich um Magie?

Lisa: Es handelt sich nicht um Magie, obwohl es sich teilweise so anfühlen kann. Lazaro beschreibt algorithmische Divination als moderne Form der Wahrsagerei, bei der Algorithmen Muster erkennen und interpretieren. Diese Praxis wird von Hexen auf Social Media genutzt, um magische Praktiken mit digitalen Technologien zu verbinden. Beispielsweise wird über den Algorithmus auf TikTok versucht, göttliche Botschaften zu empfangen oder magische Muster in digitalen Daten zu erkennen​.

Ein Beispiel dafür sind TikToks, in denen Personen Karten legen oder mit übernatürlichen Kräften kommunizieren, um Voraussagen zu tätigen. Das passiert nicht im direkten Austausch, sondern wird auf eine größere Ebene umgelegt und dennoch versucht zu personalisieren: Die Personen in den Videos beginnen diese dann mit Sätzen wie „Wenn du auf einem Bildschirm die Zahl 3 siehst, dann ist dieses Video für dich“ und vermitteln so das Gefühl, eine magische Instanz schwingt mit der Botschaft mit.

Stefan: Spannend. Magie ist ja ein uraltes Phänomen, das die Menschen schon beinahe seit ihrer Menschwerdung begleitet. Leander Petzold weist auf die überzeitliche Unveränderlichkeit von Magie hin und bezieht sich damit auf Ludwig Wittgenstein, der nach der Lektüre des magischen Buches „The Golden Bough“ rezipiert: „So einfach es klingt: der Unterschied zwischen Magie und Wissenschaft kann dahin ausgedrückt werden, dass es in der Wissenschaft einen Fortschritt gibt, aber nicht in der Magie. Die Magie hat keine Richtung der Entwicklung, die in ihr selbst liegt.“ Man müsste ergänzen, sie hat sogar etwas antiwissenschaftliches, indem sie nicht auf Öffentlichkeit zielt. In der modernen Forschung hat sich die Praxis etabliert Forschungsergebnisse durch eine Öffentlichkeit validieren zu lassen. Alles muss ans Licht, es muss publiziert werden. Magie wirkt im Verborgenen. Sie bezieht ihre Wirkkraft laut Petzold aus der „Exklusivität eines in sich geschlossenen Systems bzw. einer Gruppe“. Ich frage mich also, was wollen die Hexen auf TikTok? Das ist ja eine Form der Öffentlichkeit?

Lisa: Meiner Einschätzung nach lässt sich das bei den Hexen auf TikTok nicht klar feststellen. Denn Authentizität in der digitalen Hexerei wird, meiner Beobachtung nach, durch eine Mischung aus persönlicher Inszenierung und Community-Anerkennung definiert. Hexen auf TikTok gestalten ihre Inhalte so, dass sie sowohl individuelle Spiritualität als auch Trends der Plattform bedienen. Dies führt zu einem Spannungsfeld zwischen echter Überzeugung und Anpassung​ für den Algorithmus. Die Beobachtung hat gezeigt, dass viele Hexen betonen „echt“ oder „authentisch“ zu sein – dies zeigt ein Bedürfnis sich abzugrenzen. Wer allerdings bestimmt oder definiert, was im Kontext der modernen Hexerei eine echte Hexe ausmacht, ist unklar.

Stefan: Claude Lévi-Strauss meint, die magischen Glaubensinhalte könnten auch als „Ausdrucksformen eines Glaubens an eine künftige Wissenschaft“ angesehen werden. Ich interpretiere das so, dass es durchaus legitim sein kann, das Medium, in dem Magie praktiziert wird, einem Update zu unterziehen. Aber ob das dann noch dieselbe Wirkkraft entfalten kann, ist eine andere Frage, oder?

Lisa: Die Vermarktung von Hexerei in sozialen Medien zeigt sich in verschiedenen Formen: von kostenpflichtigen Tarot-Lesungen, über den Verkauf magischer Produkte, bis hin zur Ästhetisierung von Hexenpraktiken. Dies führt dazu, dass spirituelle Inhalte zunehmend in kapitalistische Strukturen eingebettet werden, wodurch die Grenze zwischen Glauben und Konsum verschwimmt​. Durch die Aufbereitung und Darstellung einer gewissen „Hexenästhetik“ wird das Gesamtbild gestärkt und der Konsum ansprechender gestaltet. Das Versprechen, Teil der Gemeinschaft zu werden, indem gewisse Produkte und Dienstleistungen gekauft werden, geht in vielen Fällen mit der Bewerbung einher.

Moderne Hexen fungieren in diesem Sinne ähnlich wie herkömmliche Influencer:innen, außer, dass sie nur durch ihren exklusiven Zugang zu Wissen und Praktiken (Magie) ihre Käufer:innen anlocken, anstatt mit Nahbarkeit und einem großen Following.

Stefan: Eine Profanisierung der Hexerei. Was macht das mit der Identität der modernen Hexen?

Lisa: Die Identität der modernen Hexe ist stark von digitalen Netzwerken geprägt. Während traditionelle Hexenpraktiken oft durch persönliche Weitergabe vermittelt wurden, ermöglichen soziale Medien eine offene und zugängliche Form der Identitätsbildung. Plattformen wie TikTok und Instagram spielen eine zentrale Rolle in der Definition dessen, was es heute bedeutet, eine Hexe zu sein.

Hexen nutzen soziale Netzwerke, um ihre Identität öffentlich darzustellen. Sie zeigen ihrer Routinen, magischen Praktiken und tauschen sich untereinander aus. Gleichzeitig gewähren sie Außenstehenden einen scheinbar exklusiven Einblick in ihre Welt. In vielen Fällen ist diese Exklusivität kaufbar, und Teil der Gemeinschaft zu werden eine finanzielle Sache: Wer die richtigen, „echten“ Kerzen, Kristalle, Zaubersprüche kauft, kann Teil der Community werden.

Dennoch ist Gemeinschaft für moderne Hexen, den Ergebnissen dieser Untersuchung nach, ein essenzieller Bestandteil ihrer Identität. Der Austausch mit anderen und das gemeinsame Lernen wird hier stark in den Fokus gestellt.

Großelternkarenz: Die Antwort der ÖVP auf zu wenig Kinderbetreuung

Vergangene Woche kam die ÖVP mit einer neuen Idee, um dem Problem der Kinderbetreuung endlich ein Ende zu setzen. Nein es sind nicht mehr Kinderbetreuungsplätze oder bessere Arbeitsbedingungen für Kindergarten-Personal, es ist: Die Großelternkarenz.

Familienministerin Susanne Raab (ÖVP) und Seniorenbund-Chefin Ingrid Korosec lieferten dazu gleich einige Details. Im Standard-Interview (Ausgabe vom 3./4. August 2024, S.9) gefragt, ob sie als Großmutter in Karenz gehen wolle, antwortet Korosec: „Nein, weil ich in der Politik bin und das Gefühl habe, dass ich hier noch etwas gestalten und bewirken kann.“ – Na dann: Alle anderen Großeltern die nichts „gestalten und bewirken“ können, bitte kümmert´s euch gefälligst um eure Enkelkinder. Spart dem Staat Geld, welches er sonst in einen flächendeckenden Ausbau der Kinderbetreuung und bessere Gehälter investieren müsste und geht´s bitte einfach in Karenz.

Das Problem mit der Großelternkarenz

Das Problem mit der Großelternkarenz endet aber nicht dabei, dass man die Aufgaben des Staates auf Privatpersonen auslagert, sondern hat weitreichendere Folgen. Denn welches Großelternteil wird wohl am ehesten in Karenz gehen? Ja richtig – die Oma. Erstens birgt die Großelternkarenz die Gefahr, dass sich weniger Väter bemüßigt sehen, sich die Karenzzeit mit der Kindesmutter zu teilen. „Bei 45,9 % der Paare mit Kindern unter 15 Jahren im selben Haushalt war 2022 der Mann auf Vollzeitbasis und die Frau auf Teilzeitbasis erwerbstätig, bei 17,6 % war ausschließlich der Mann erwerbstätig. Bei 15,2 % der Paare mit Kindern unter 15 Jahren im selben Haushalt waren sowohl der Mann als auch die Frau vollzeiterwerbstätig. In 9,2 % der Fälle war eine Person, meistens jedoch die Frau, in Elternkarenz.“, heißt es im Infotext „Gender-Statistik“ der Statistik Austria. Sieben Prozent der Männer und rund 74 Prozent der Frauen haben Erwerbsunterbrechungen aufgrund von Kinderbetreuungspflichten, zeigt eine Statistik Austria-Studie aus dem Jahr 2018.

Frauen im Nachteil

Zweitens: Nicht nur, dass sich der Herr Vater nun zurücklehnen kann und die Kinderbetreuung der Oma überlassen kann, nun kommt auch dazu, dass die Großmutter schon als Mutter höchstwahrscheinlich in Karenz gegangen ist. Das heißt mehr Karenzzeit, weniger Arbeitszeit und das schlägt sich wieder auf das Pensionsgeld nieder. Frauen, die schon weniger verdienen, werden also nun doppelt verarscht. Denn zuerst dürfen sie alleine in Karenz gehen, dann landen sie oft in Teilzeit und danach kommen sie als Omi noch einmal an die Reihe.

Großelternkarenz: Die Lösung für alles?

Drittens: Nicht jeder hat eine fitte Omi, die sich um den Nachwuchs kümmern kann. Wenn wir gezwungen sind, für unser Geld und unseren Wohlstand zu Arbeiten, dann sollte wenigstens die Betreuung der Kinder (die ja in unserem System das künftige Humankapital sind) nicht auch noch auf Privatpersonen allein abgewälzt werden.

Femizide bekämpfen, aber nicht unbedingt für Frauen …

Der von uns hochgeschätzte Verbrecher Verlag bringt jedes Jahr ein Spektrum interessanter und lesenswerter Bücher heraus und macht mit der darin aufgefundenen Bandbreite an kritischer Literatur immer wieder Lust darauf mehr aus dem Sortiment zu lesen. Wir haben uns für einen Titel entschieden, der, nach unserer intensiven Beschäftigung mit dem Thema der gesellschaftlichen Gewalt gegen Frauen, hier nachzulesen, klang wie die ins Buch gebrachte Synopsis unserer Arbeit. Spoiler: Es geht um Femizide.

Der Begriff des Femizids

„Femi[ni]zide. Kollektiv patriarchale Gewalt bekämpfen“ ist das Werk eines „Autor*innenkollektivs“, das sich BIWI KEFEMPOM nennt. Diese Abkürzung bedeutet „Bis wir keinen einzigen Femi(ni)zid mehr politisieren müssen“. Die Autorinnen, die sich im Buch dann trotz kollektiven Umschlagsnamens, namentlich und mit Biographie vorstellen, befassen sich intensiv mit dem Begriff des Femi(ni)zids und zeichnen die Entstehung einer Bewegung nach, die sich gegen die durch ihn zum Ausdruck gebrachte Gewalt gegen Frauen in Stellung bringt. Dabei werden besonders die politischen Strategien zur Politisierung von Femi(ni)ziden ins Auge gefasst und die politische Praxis der Protestformen, die darin zur Anwendung kommen, dargestellt. An diesen Stellen glänzt das Buch durch detailreiche zeithistorische Abbildung und die genaue Erfassung politischer Zusammenhänge, die zugleich als Inspirationsquelle für neue Bewegungen verstanden werden können. Hier entsteht die Möglichkeit aus einem Text heraus eine Praxis zu imaginieren, in der politische Organisation und Widerstand möglich sind. Es geht um die Anleitung zu feministischen Raumnahmen die zur Begegnung, Vernetzung und Politisierung genutzt werden können, die die Trennung von privat und öffentlich durchkreuzen und Vereinzelung und Ohnmacht entgegenwirken können. (vgl. 127f.) Der Kampf gegen die patriarchalischen Gewaltstrukturen soll bewusst zwischen aktiver Verteidigung „Frauenpatrouille“ und künstlerischer Aneignung „Straßentheater“ stattfinden. (vgl. 136) Zur Erforschung der Grundlagen der herrschenden Gewaltverhältnisse sollen feministische Genealogien entwickelt werden, die die historischen Verläufe der Gewaltentwicklung explizit machen und die Erarbeitung einer feministischen Geschichtsschreibung ermöglichen. (vgl. 23f) Diese soll eine Identifizierung und Infragestellung von rechtfertigenden Narrativen misogyner Gewalt durch patriarchale Institutionen ermöglichen. (vgl. 27)

Wir sind mit dem Ziel dieses Buches solidarisch. Besonders die letzten Sätze im vorigen Absatz könnten das Motto unseres momentanen Projekts einer feministischen Geschichte Österreichs sein. Die Aufklärung über patriarchale Gewaltverhältnisse und die Erarbeitung von Begriffen zu ihrer Kritik steht auch im Zentrum unserer publizistischen Tätigkeit. Darüber hinaus sehen wir auch den Sinn einer interventionistischen Textproduktion, die einen Anspruch über das Erteilen von guten Ratschlägen hinaus erhebt. Brauchbare Interventionen wecken Gefühle, indem sie den Gewaltverhältnissen durch die explizite Darstellung der konkreten Gewalt die Maske herunterreißen. Die Sprache der Verhältnisse ist die Sprache der Gewalt. An diesem Faktum kommt kein interventionistischer Text vorbei. Es ist daher nahezu unmöglich einen interventionistischen Text zu verfassen, der gleichzeitig nach akademischen Maßgaben und mit Rücksicht auf individuelle Befindlichkeiten operiert. An dieser Stelle beginnen unsere Probleme mit diesem Text.

Gesellschaftliche Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Femiziden

Für die Autorinnen soll es konsequenterweise „kein akademisches Privileg, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit“ (21) sein, sich mit Femi(ni)ziden auseinanderzusetzen. Gleichzeitig geht es in dem Buch merkbar von Anfang an nicht in erster Linie um patriarchale Gewalt gegen Frauen, sondern um ein allgemeines und in seiner Beschreibung oft diffuses Gewaltproblem gegen, durch akademisches Vokabular erfasste, Opfergruppen. Zusammengefasst unter dem sperrigen Begriff FLINTA erweitert sich der Bedrohungshorizont von „Frauen“ etwa auch auf „Lesben“. Und es stellt sich zum ersten und nicht zum letzten Mal in diesem Buch die Frage, ob das ganz ernst gemeint sein kann? Sind Lesben keine Frauen? Aber gleich danach wird klar, worum es wirklich geht. Und zwar um die akademischen Privilegien von „inter, nicht-binären, trans oder agender Personen“ (ebda.).

Der, im ersten Halbsatz des ersten Kapitels dankenswerterweise kritisierte akademische Jargon wird im zweiten Halbsatz zur Hilfe genommen, um die Position der Frauen in dem Buch über Gewalt gegen Frauen zu relativieren. Denn nun geht es nicht mehr um das Faktum, dass Frauen unter männlicher Gewalt zu leiden haben, sondern um „die traurige Tatsache, dass FLINTAs tagtäglich ermordet werden“. Es geht also um ein ganzes Spektrum an von Gewalt betroffenen Gruppen, von denen einige auch männlich gelesen werden können und es geht auch nicht mehr eindeutig um männliche Gewaltstrukturen und das Patriarchat, sondern um „die strukturellen und kontextspezifischen Bedingungen, die Femi(ni)zide ermöglichen“. Und wir dachten das zumindest wäre schon geklärt. Aber die akademischen Peergroups fordern ihre Opfer an Klarheit und deshalb wird selbst dieser akademisch verklausulierte Minimalkompromiss noch einmal aufgeweicht zugunsten der Relativierung im dritten Satz, dass es um „feminisierte und/oder rassifizierte Menschen“ gehen soll. Drei Sätze, die das Programm des Buches gut beschreiben. Wo es im Titel um den Kampf gegen patriarchale Gewalt geht, geht es ab dem Einbezug des Begriffs FLINTA, der bewusst „kein abgeschlossener Begriff“ (13) ist, nicht mehr um Feminismus, sondern um ein allgemeines Kritikprojekt mit „dekolonialer“ Perspektive, in der also auch die Rechte von Männern und die Opfer von Rassismus eine wichtige Rolle spielen.

Feminismus vs. Antirassismus?

Die Ungerechtigkeit des europäischen Asylrechtsregimes ist evident. Wir haben uns an anderer Stelle damit befasst. Feminismus und Antirassismus gehen für uns selbstverständlich Hand in Hand, weil wir ALLE Verhältnisse umgeworfen wissen wollen, in denen Menschen erniedrigte und geknechtete Wesen sind. Also nicht nur die Verhältnisse, die unserem persönlichen akademischen Racket unangenehm sind, sondern wirklich alle. Also auch die rassistischen! Was dabei für uns daher keinerlei Sinn macht, ist das Ausspielen des einen Anliegens gegen das andere. Wenn die Autorinnen etwa gegen Ende des Buches auf die Ambivalenzen von Schutzräumen innerhalb westlicher rechtsstaatlicher Demokratien hinweisen und das ausgerechnet mit dem Hinweis auf häusliche Gewalt gegen Frauen zu illustrieren versuchen. Denn für sie besteht ein Widerspruch zwischen Feminismus und Antirassismus bereits dort, wo „eine Anzeige wegen partnerschaftlicher Gewalt mit der Androhung einer potentiellen Abschiebung des Täters verbunden ist“ (263). Dem schließt sich die Behauptung an, dass sich diese Widersprüche „nicht auflösen“ lassen, sondern nur benenn- und angreifbar seien. Aber wäre nicht eher dafür zu kämpfen, dass auch diejenigen, die potentiell von rassistischer Gewalt betroffen sind, trotzdem nicht mehr Gewalt gegen ihre Frauen ausüben? Eine für Feministinnen wahrscheinlich recht leicht zu beantwortende Frage. Diese Art der aus dem Abstrakten schöpfenden Theoretisierung erweckt den Eindruck, Frauenrechte seien nur relevant, wenn sie nicht mit anderen Rechten oder Ansprüchen kollidieren.

Die Analyse des Rassismus ist ein wertvoller Beitrag zur Kritik von Herrschaftsverhältnissen. Eric Williams bahnbrechende Studie aus den 1940er Jahren „Capitalism and Slavery“ hat den Blick auf den Zusammenhang von rassistischer Gewalt und Kapitalverhältnis erweitert. Cedric J. Robinsons „Black Marxism“, hat die Rolle des Kampfes gegen die rassistischen Tendenzen des Kapitalismus im Rahmen einer Aneignung durch die politische Bewegung eines „Schwarzen Radikalismus“ wirkungsvoll thematisiert. Beides sind Konzepte der Politisierung der Kritik an Rassismus im Kapitalismus. Beide gibt es seit Jahrzehnten, sie müssten nicht begrifflich neu ausgepackt werden. Aber für die Kritik an der Gewalt gegen Frauen braucht man sie am aktuellen Stand der Diskurskräfte eventuell gar nicht. Denn so weit, dass Frauen den Luxus haben durchzuatmen und mal den Nöten von Männern Platz zu machen, sind wir noch nicht.

Darüber hinaus muss man konstatieren, dass nicht alle dekolonialen Perspektiven sich gleichermaßen intensiv mit dem Wohl von Frauen auseinandersetzen. Damit soll nicht gesagt werden, es gäbe keinen antirassistischen Feminismus. Unserer Überzeugung nach ist Feminismus immer auch antirassistisch, oder er ist eben keiner. Aber der Widerstand gegen postkoloniale (westliche) Gewaltstrukturen geht leider oft genug eher mit der Rechtfertigung nicht-westlicher patriarchaler Strukturen einher, als mit deren Kritik. Und so verwundert es dann doch ein wenig, wenn in einem Buch, in dem es doch in allererster Linie um Frauen gehen sollte, diese eigentlich beinahe nur eine Nebenrolle einnehmen.

Frauenmorde und davongekommene Täter

Begrifflich problematisch wird es aber, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass es um „feminisierte und/oder rassifizierte Menschen“ gehen soll. Was im akademischen Jargon zweierlei bedeuten kann: Menschen, die von äußeren Zuschreibungen zu Opfern gemacht werden, oder Menschen, die sich selbst aufgrund bestimmter äußerer Zuschreibungen als Opfer definieren. Der Verdacht, dass es zumindest teilweise auch um zweiteres gehen soll, bestätigt sich auf der nächsten Seite. Hier wird der Begriff „Protokolle der Angst“ erklärt, der im vierten Satz des ersten Kapitels eingeführt wird. Wir erinnern uns auch an den ersten Satz des ersten Kapitels, in dem ablehnend von akademischem Privileg die Rede war und machen uns bewusst, wie umfangreich und diffus dagegen der in den ersten paar Sätzen etablierte akademische Apparat bereits ist. Jedenfalls soll der Begriff der Protokolle der Angst zum Ausdruck bringen, dass „tägliche Erfahrung“ „das Erlernen sozialer Mechanismen“ mit sich bringt und diese dazu führen, dass sich feminisiert wahrnehmende Menschen, also FLINTAs, im Alltag oft Angst empfinden.

Moralisierung von Verhalten und Körpern“

Und wir teilen die Kritik an der „Moralisierung von Verhalten und Körpern“ (22), die hier vorgestellt wird, die in allen Teilen der Welt in großer Hauptsache Frauen betrifft, aber wir müssen dennoch auf die unfreiwillige Komik verweisen, die entsteht, wenn die Autorinnen versuchen aus ihrer Perspektive zu beschreiben, wie (ihnen) „bei jeder unglücklichen Verkettung von Ereignissen […] das Unaussprechliche geschehen [kann]“. Wer durch das Vorwort aufmerksam durchgekommen ist, rechnet hier mit dem Schlimmsten, sicherlich ist das Unaussprechliche, darauf bezogen, dass weltweite massenhaft Frauenmorde geschehen und die Täter viel zu oft damit durchkommen. Dass Frauen entführt und zur Prostitution gezwungen, zwangsverheiratet, genital verstümmelt, zur Zwangsarbeit benutzt, als gratis Haus- und Pflegehilfe milliardenfach ausgebeutet werden, als Kriegstaktik massenvergewaltigt und weibliche Föten wegen Erbregelungen zu hunderttausenden zugunsten eines Sohnes abgetrieben werden. Aber darum geht es an dieser Stelle nicht, unaussprechlich ist vielmehr ein viel niedrigschwelligeres Erleben, das, in der Art wie es hier vorgetragen ist, in Teilen, jedem passieren kann, nicht nur Frauen.

Das Gefühl vermittelt zu bekommen, nichts wert zu sein

„Unsere Körper werden ungewollt berührt; Autoritätspersonen überschreiten ihre Kompetenzen und Grenzen; Äußerungen zwingen uns zur Rechtfertigung; Freund*innen und Bekannte unterstellen etwas, womit wir nicht gerechnet hätten; ein ungutes Gefühl beim Nachhausekommen; das Gefühl vermittelt zu bekommen, nichts wert zu sein; nach der Arbeit; am Ende einer Party oder auf der Straße spricht uns eine Person an; die Blicke bringen uns in unangenehme Situationen – Erfahrungen die unser Leben gefährden können.“ (22)

Es stimmt, was die Autorinnen danach schreiben, die Angst kann zur Gewohnheit werden und ist für Frauen im Alltag immer vorhanden, und sie immer wieder auf unterschiedliche Arten zu thematisieren, ist Teil des publizistischen feministischen Kampfes. Aber wenn es schon ein Übergriff ist, wenn man sich durch Äußerungen anderer zur Rechtfertigung angehalten sieht, dann geht es nicht um Feminismus, sondern um Befindlichkeit.

Aufarbeitung der historischen Gewalt

Trotzdem interessant zu lesen, ist das Buch immer dort, wo es um die Aufarbeitung der historischen Gewalt geht, wo konkret an der Problematik gearbeitet wird. Das Kapitel „Die Politisierung von Femi(ni)ziden von Mexiko bis Argentinien“ beginnt mit der akademischen Klammer, dass die zehntausenden verschwundenen, in die Sklaverei verkauften und wahrscheinlich letztendlich ermordeten Frauen in Mexiko als „als Frauen gelesene Personen“ (35) angesehen werden müssen, was angesichts der sehr wahrscheinlichen prozentuellen absoluten Mehrheit von schlicht Frauen, die dieses Schicksal erleiden müssen, einen unangenehmen Beigeschmack der akademischen Relativierung mit sich bringt. Es ist aber ansonsten informativ und on point.

Das darauffolgende Kapitel über die analytische Perspektive auf das Thema zeigt aber wieder, wie schwer sich die Autorinnen von den rein akademischen Gefolgschaftsdebatten lösen können, die wohl ihre Lebenswelt in erster Linie bestimmen. Denn kaum ist die genealogische Kritik, die Identifizierung von Gewaltverhältnissen und die Infragestellung rechtfertigender misogyner Narrative ein wenig in Schwung gekommen, muss gleich wieder das queere akademische Racket mit theoretischen Relativierungen ruhiggestellt werden. So ist den Autorinnen die Kritik am Patriarchat, die auf den vorigen Seiten beinahe begonnen hätte, so unheimlich, dass sie klarstellen müssen auch eine Kritik an „feministischen Theorien, die ‚Frausein‘ als universell und homogen darstellen“ (54) vornehmen zu wollen. Wobei sie mit der Behauptung arbeiten, solche Theorien würden „unterschiedliche verkörperte Erfahrungen als unterlegen oder unbedeutend präsentieren und unsichtbar machen“ (54). Welche Theorien das genau sind, wird nicht an Primär-Quellen belegt, das wäre auch schwer, sondern nur an der Literatur, die diese imaginierten rein binären feministischen Theorien kritisieren.

„Abgrenzung“ von „der ersten Generation der Kritischen Theorie“

Dem entspricht die, in den Rängen des Postfeminismus Beifall heischende, ansonsten eher dunkel bleibende „Abgrenzung“ von „der ersten Generation der Kritischen Theorie“ (55), die damit, wie schon zu Weiland Heideggers Zeiten, als uncool verfemt wird, ohne, dass dies inhaltlich in irgendeiner Form belegt wird. Denn der Bezug auf die Originalquellen bleibt auf ein zustimmend verwendetes Zitat von Max Horkheimer beschränkt. Der Aufweis des, feministisch betrachtet, unkritischen Charakters der sogenannten Kritischen Theorie wird durch ein indirektes Zitat aus einem Aufsatz von Barbara Umrath von 2018 erledigt, dem zu entnehmen ist, dass „in den älteren Texten […] eine systematische Beschäftigung mit patriarchalen Strukturen und Geschlechterverhältnissen aus[bleibt], oder […] zumeist affirmativ oder abwertend auf ‚Weiblichkeit‘ oder ‚Familie‘ Bezug genommen“ (59) wird. Was mindestens beim Studium der Schlüsselwerke Kritischer Theorie, wie der „Dialektik der Aufklärung“, als überzogen bezeichnet werden kann. Denn gerade dort wird die Gesellschaftskritik auch als Kritik der Geschlechterverhältnisse vorgetragen, in Opposition zum Nationalsozialismus und lange bevor es akademische Mode wurde.

Kritische Theorie und Feminismus

Diesem Vorurteil hätte man durchaus am Stand der Forschung begegnen können und sich mit Karin Stögners und Alexandra Colligs, ein Jahr vor dem Femi(ni)zide-Band erschienenen, Buch „Kritische Theorie und Feminismus“ (Suhrkamp) auseinandersetzen, um zu dem Ergebnis zu kommen: „Wenngleich also Kritische Theorie nicht explizit feministisch genannt werden kann, ist sie doch Impulsgeberin für feministische  Theorien, seien es materialistische, dekonstruktivistischer, normative oder queere und intersektionale Richtungen.“ (Stögner/Colligs 2022: 13)

Das ficht die Autorinnen jedoch nicht an, sie sind auf S. 60 beinahe völlig weggekommen von der Kritik patriarchaler Gewalt, wenden sich der Kritik eines „weißen, bürgerlichen, heteronormativen und cis-orientierten Feminismus“ (60f.) zu und fordern „Feminist*innen“ zur „stets neuen Reflexion“ (61) auf. Was sollten Feminist*innen angesichts patriarchaler Gewaltstrukturen auch Besseres zu tun haben?

Warum diese scheinbar rein akademischen Plänkeleien nicht nur Theoriedünkel und persönliche Präferenzsysteme zum Ausdruck bringen, wird dann auf den nächsten Seiten sichtbar, wenn es um feministische Kampfmöglichkeiten geht. Feministischer Streik liegt in der Luft und „bewegt sich im Spannungsfeld von konkreter verkörperter Erfahrung und struktureller Kritik“ (64). Das Ziel soll aber offenbar nicht in erster Linie das kämpferische Niederringen männlicher Vorherrschaft über die Einteilung von Hausarbeit für Frauen sein, sondern „Begriffe und Konzepte, die innerhalb einer gesellschaftlichen Ordnung als Normen gelten und so diese Gewalt ermöglichen und herstellen“ (65) zu hinterfragen. So weit, so abstrakt.

Normen die Gewalt gegen Frauen ermöglichen

Aber der Clou kommt noch, denn wenn man fragt, was diese Normen sind, die diese Gewalt gegen Frauen ermöglichen, dann erhält man eine Antwort, die ein wenig unbefriedigend ist, wenn man sich auf die zuvor angekündigte „dialektische Einheit von Theorie und Praxis, die sich gegenseitig bedingt, aber nur ‚als Konflikt‘ bestehen kann“ (59) verlassen hat. Denn die Gewaltverhältnisse basieren auf der bürgerlich heteronormativen Familie, dem rassistischen Nationalstaat und der binären Geschlechterordnung (65). Also allem, was bereits den Hippies verhasst war und mithin die klassische Leier von der Autorität. Dass aber die Familie, auch aus sozialarbeiterischer Perspektive, eine wichtige Quelle von Stabilität für die Individuen sein kann, der demokratische Rechtsstaat besonders gegenüber Individualrechten im Allgemeinen und Frauenrechten im Speziellen historisch und aktuell einfach essentiell ist und dass die binäre Geschlechterordnung selbst noch nicht zu Gewalt führen muss, wird hier fern von jeder Dialektik einfach mal unter den Tisch fallen gelassen. Das geht so weit, dass gewaltvoller gesellschaftlicher „Ausnahmezustand“ als „Normalzustand“ imaginiert wird.

Auf der Seite der Gewalt der Kollektive

Das verwundert aber nicht, wird doch bereits im Untertitel des Buches ein Kategorienfehler angekündigt, der sich durch das gesamte Buch zieht: „Kollektiv patriarchale Gewalt bekämpfen“ bedeutet ja, als Kollektiv kämpfen. Aber gesellschaftliche Gewalt, zumal die der Verhältnisse gegen die Individuen, entsteht ja erst durch kollektive Zwänge. Nur im Kollektiv kann ein binäres Geschlechterverhältnis überhaupt existieren und nur durch die Macht kollektiver Verbrüderung, unter Einbezug einiger Frauen, kann die Unterdrückung der Frauen aufrechterhalten werden. Aufgrund dieses Kategorienfehlers sind die Autorinnen immer ein wenig auf der Seite der Gewalt der Kollektive, denen sie die Frauen ja eigentlich entziehen müssten, um deren individuelle Unversehrtheit garantieren zu können. Daher thematisieren sie die Religion, einen der zentralen Faktoren der Unterdrückung und Verfolgung von Frauen und Homosexuellen weltweit, eben nicht an der Stelle ihrer analytischen Perspektive auf die gesellschaftlichen Gewaltstrukturen, sondern an zwei anderen Stellen, wo es weniger um die Rolle der religiösen Zwangskollektive, als um staatlichen und mehrheitsgesellschaftlichen Rassismus geht. (117ff. und 226ff.)

Niemand braucht noch mehr Gewalt gegen Frauen

Darin liegt wiederum eine eigene Wahrheit. Denn natürlich ist die Vorstellung, dass Gewalt gegen Frauen durch den Zuzug von Menschen aus als rückschrittlich geframten Ländern erst importiert wird, sowohl rassistisch als auch blind den Tatsachen männlicher Gewalt gegenüber. Denn natürlich hat auch Österreich eine Jahrtausende andauernde Kultur des Frauenmords, die ungebrochen weiterbesteht und bräuchte diesbezüglich gar keine Importe. Aber das ist dann auch der Punkt: Niemand braucht noch mehr Gewalt gegen Frauen. Und deshalb sollte diese auch nicht indirekt dadurch gerechtfertigt werden, dass man sie aus politischer Korrektheit heraus nicht bespricht.

Abgesehen davon bleibt auch die organisierte kirchliche Gewalt gegen Kinder außen vor. Als wären nicht gerade religiöse Zwangskollektive mittels der Instrumentalisierung des binären Geschlechterverhältnisses zu den mächtigsten Akteuren der Moralisierung des Körpers aufgestiegen. Aber wahrscheinlich würde das zu weit führen …

Verwendung des Begriffs Feminizid

Diese Linie zieht sich im weiteren Verlauf des Buches durch. Es wird Begriffskritik vor die Kritik der Verhältnisse gesetzt. (71) Wir schließen uns der Aussage an, dass das „Spektrum patriarchaler Gewalt […] breit“ (74) ist und eine „zentrale Dimension patriarchaler Gewalt [darin besteht], dass sie nicht beim Namen genannt wird“ (76). Aber uns würde nicht einfallen, daraus die Frage zu basteln, ob durch die Verwendung des Begriffs Feminizid „‚das Feminine‘ essentialisiert und essentialistisch reproduziert wird“ (77). Auch deshalb, weil sich diese Frage nur stellt, wenn sie gegen das Interesse des expliziten Schutzes von Frauen gestellt wird. Denn worauf die Frage am Ende des Abschnitts abzielt, ist natürlich nicht, die Herabwürdigung von Weiblichkeit im Diskurs über Gewalt gegen Frauen anzuklagen, sondern darauf nicht nur patriarchale und misogyne Muster der gesellschaftlichen Gewalt gegen Frauen zu thematisieren (die religiösen Muster bleiben auch hier draußen), sondern um „transfeindliche Muster“ (78) an deren Seite zu stellen. Dieses Muster wird in Form einer mäandernden Sprachübung durch die folgenden Kapitel fortgesetzt. Der Text scheint nicht vom Fleck zu kommen, immer wenn es konkret zu werden scheint, folgt ein neuer Exkurs zur Begriffskritik, bleibt die Präsentation der Materie selbstreferentiell und auf den akademischen Spezialdiskurs bezogen oder hält sich bei Allgemeinplätzen auf, wie dem, dass es bei der Aufrechterhaltung der Gewaltverhältnisse um Macht und Kontrolle geht. (107)

Mit dem Kapitel Protestformen erreicht das Buch, trotz der Umwege, eine sehr lesenswerte Form, in der es endlich um das sprichwörtliche Eingemachte geht. Eine schnörkellose Geschichte politischer Proteste, ihrer Wege und Wirkungen, die in dem Kapitel „Überlegungen zu Zählungen, Begriffen und Benennungen“ mündet, das gefüllt ist mit nützlichen Definitionen und Erläuterungen zum Thema. Also das, was man sich von dem Buch erwartet: Mittel zur Aufklärung und Politisierung der schlechten Verhältnisse, anstatt akademischem Sonderdiskurs mit relativistischen Tendenzen.

Fazit zum Buch

Das Buch ist lesenswert und wird hier ausdrücklich empfohlen. Es gibt nützliche Perspektiven im Umgang mit dem Begriff des Femi(ni)zids und eine Darstellung politischer Aktionsformen, die vermehrt zur Nachahmung anregen sollten.

Aber es bleibt dennoch die bittere Erkenntnis, dass wir im feministischen Kampf, trotz aller erkämpfter gesellschaftlicher Akzeptanz, zusehends allein dastehen. Denn, obwohl es die Intention des Buches ist aufzuklären, wird darin mittels akademisch anschlussfähiger postfeministischer Rhetorik mindestens ebenso viel verdunkelt.

Der Skandal an dieser Rhetorik ist, dass sich Frauen, wenn es um den Mord an ihnen geht, als Betroffene gerade noch mitgemeint fühlen dürfen. Es geht nicht um sie, es geht um alles andere und dann irgendwann auch noch vielleicht um sie. Wenn, so wie die postfeministische Theorie das gerne hätte, davon ausgegangen wird, dass Sprache Realität erzeugt, dann ist das ein unverzeihlicher Lapsus für ein Buch, das sich gegen den Mord an Frauen einsetzen will. Wenn Sprache politisch ist, dann ist die Marginalisierung von Frauen, in einem Text in dem es um die Kritik an der ständigen gesellschaftlich sanktionierten Ermordung von Frauen gehen sollte, ein antifeministisches Projekt.

Johnny Depp, Jack Unterweger und die ganz normalen Psychopathen im Leben von Frauen

Große und kleine Skandale in Promi-Kreisen, wie der Verleumdungsprozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard oder metoo sind nur die Spitze des Eisbergs. In Österreich ist jede dritte Frau von Gewalt betroffen.

Das hat eine Studie der Statistik Austria gezeigt, die man hier nachlesen kann. Wir – drei Frauen – Ela, L. und Nele diskutieren im Podcast über Gewalt an Frauen, ihre Formen (psychische, körperliche, sexuelle Gewalt und Stalking) und darüber, wie sich Täter als Opfer darstellen.

Unser verspätetes Valentins-Special für euch liebe LeserInnen und HörerInnen. Enjoy!

Iran-Proteste: Ein Gespräch über ein Regime im Untergang

Wir präsentieren unseren Podcast mit der Iranerin Banoo. Wir reden über die Proteste, Feminismus und ihr erfahrt wie das iranische Regime selbst im Ausland lebenden Frauen das Leben schwer macht.

Chomeinis Haus brennt. Wortwörtlich. Nicht nur das Haus des verstorbenen Gründers der Islamischen Republik, Ajatollah Ruhollah Chomeini, steht in Flammen, das ganze Land scheint zu brennen. Das iranische Mullah-Regime bekommt, trotz unfassbarer Gewalt und hunderten toten Demonstrierenden, die Protestwelle nicht in den Griff.

Ein Gespräch über ein Regime im Untergang

Warum der Tod der jungen Kurdin Jina Mahsa Amini bei der Verhaftung durch die Sittenpolizei das ganze Land so erfassen konnte und warum die Proteste im Iran 2022 anders sind als die „Grüne Bewegung“ 2009, darüber sprechen wir mit der in Österreich lebenden Iranerin Banoo. Was Iranerinnen das Leben auch im Ausland schwer macht und warum die Proteste im Iran, Frauen weltweit betreffen, erfahrt ihr auch hier.

Wo ist eigentlich „unterm Schirm“? – Ein Gespräch gegen Ladybrains und Schminkischminki


Dieser Text ist der Anfang eines langen und ausführlichen Gesprächs, das in seinem vollen Umfang in unserem nächsten Buch (im Print und als E-Book) beim Luftschacht Verlag erscheinen wird. Hier ein kurzer Teaser:


Gespräche gegen die Wirklichkeit

Von Sokrates haben wir gelernt, dass Selbsterkenntnis kein einsamer Akt ist, sondern nur im Gespräch mit anderen stattfinden kann. Sokrates war oft in Einigkeit mit der Wirklichkeit und hat an der Seite seiner Mitbürger so manche Schlacht für die Aufrechterhaltung seiner Polis gefochten. Einer Polis, die Sklaven und Leibeigene als Basis ihrer Ökonomie ausgebeutet, und die Frauenrechte mit Füßen getreten hat.

Im Gespräch lässt sich gleichzeitig Recht und Unrecht haben. Auch abwechselnd. Wir wollen beweisen, dass es längst überfällig ist, die Welt zu verändern. Wir wissen eigentlich, wie Freiheit geht. Aber mit Sokrates werden wir sie nicht erreichen. Die Welt ist falsch eingerichtet, dass sie aber gar so falsch eingerichtet ist, wäre noch dazu nicht einmal nötig. Sprechen wir darüber.


Stefan: Ich mach jetzt etwas, was wir sonst nicht tun und was eigentlich eh klar sein sollte. Aber ich stell jetzt erst mal was klar. Wir freuen uns natürlich auch bei diesem Text wieder auf sehr viele Zuschriften von wütenden Männern. Aber da wir möglichst wenige Zuschriften von wütenden Frauen haben wollen, soll trotzdem gesagt sein, dass dieser Text sich nicht gegen transsexuelle Menschen richtet. Es soll auf die Nöte von Frauen hingewiesen werden, die sich aus den vielen gesellschaftlichen und politischen Unklarheiten ergeben, die das Thema der Transsexualität begleiten.

Wir sind dafür, dass jeder Mensch seine sexuelle Identität auch in der Öffentlichkeit so ausleben kann, wie er/sie das gerne möchte. Wir fühlen uns solidarisch mit Menschen, die ihre sexuelle Identität offen leben oder wandeln wollen. Wir werten nicht die sexuellen Vorlieben oder Identitäten, die Menschen präferieren. Wir sprechen hier über ganz andere Dinge. Wir sprechen über Gewalt von Männern gegen Frauen. Über das Eindringen von Männern in absolut notwendige Schutzbereiche für Frauen und über Gewalt gegen Kinder. Wer Transrechte gegen die Rechte von Frauen und Kindern anwendet, ist selbst ein Täter und hat daher weder politische Toleranz und schon gar nicht den Schutz vor Polemik verdient.

Ich illustrier das mal mit einem Beispiel: Stell dir vor, du bist eine Frau, die sich ihr Leben lang für den Feminismus eingesetzt hat, mit allem was sie hat. 70 Jahre purer Feminismus in Wort und Schrift. Und dann kommt ein Mann, der, nachdem er sein Leben lang alle Vorteile eines heterosexuellen Mannes genossen hat, mit Ende seiner Karriere beschlossen hat, er ist jetzt auch eine Frau und lässt sich mit Lippenstift abbilden und kommt natürlich sofort aufs Cover der postfeministischen Nobelpreisjuryzeitschrift als „Frau des Jahres“. Und der Mann lässt dir dann über die Medien ausrichten, dass du eine alte weiße Frau bist und ab jetzt die Schnauze halten sollst.

Das ist übrigens wirklich passiert. Georgine Kellermann hat verdiente Feministinnen sehr undifferenziert als TERFs (Trans-Exclusionary Radical Feminist) bezeichnet und in den Kommentaren persönlich beschimpft. Da hat also ein Mann den Karriereschutzraum für Männer genutzt, um sein Leben lang eine schnelle Schiene nach oben zu haben und hat sich dann, als das alles vorbei war, entschieden, er ist jetzt auch eine Frau und will sozusagen sein Ruhestandsprivileg auch noch einfahren. Das ist prinzipiell nicht verwerflich. Was mich ankotzt daran ist, dass er es auf Kosten von Frauen tut, wenn er seine Selbstdefinition dann dazu nutzt feministische Frauen öffentlich anzupatzen. Und das ist genau, worum es hier geht. Nicht dass er eine Frau sein will, sondern, dass er seinen Status dazu benutzt Frauen runterzuziehen. Wie das ein klassischer Cis-Mann ebenso gemacht hätte.

Ela: Historisch betrachtet wurden Frauen immer durch Männer definiert. Wundert man sich da tatsächlich, dass sich Feministinnen (die sogenannte TERF-Fraktion) nun nicht schon wieder von Männern erklären lassen will, was jetzt eigentlich eine Frau ist? TERF ist man ja eigentlich schon, wenn man weiterhin als Feministin davon überzeugt ist, dass Gender ein – nicht nur für Frauen – schädliches Konstrukt von Stereotypen ist, das sie in der Entwicklung einschränkt; mit dessen Hilfe ihre Unterwerfung als natürlich legitimiert wurde und wird.

Stella: Kellermann sagte ja auch, er sei eine Frau, weil er zum Kaffee einen Eierlikör trinkt, hihi. Er mag denken, er hätte es scherzhaft gemeint, aber es lässt auf sein Frauenbild schließen, das im Grunde eine sexistische Karikatur ist. Ein Blick auf sein Twitterprofil bestätigt das: keine 63-jährige Journalistin, und schon gar keine, die es auf einen vergleichbar hohen Posten wie den des WDR-Studioleiters gebracht hat, würde in einer Tour Herzchen- oder Flamencotänzerinnenemojis und kesse Selfievideomontagen posten.

In einem Artikel für die ZEIT schreibt er: „Ich bin eine Frau, weil ich es schon immer war. Ich kann das auch nicht anders erklären. […] Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. Das ist keine Frage äußerlicher Geschlechtsmerkmale. Da bin ich mir ganz sicher.“ Was bleibt also übrig von der Kategorie „Frau“, wenn man die Definition nicht anhand „äußerlicher Geschlechtsmerkmale“ festmacht? Klischees: die Vorstellung von einem Ladybrain, das auf Schminkischminki, Eierlikör und Stöckelschuhe steht – das sind die „inneren Geschlechtsmerkmale“, auf die er hinauswill. In Publikationen wie der ZEIT kann man das allerdings nur mehr implizieren, deswegen bleibt er beim beliebten Zirkelschluss „Frau ist, wer sich als Frau fühlt“. Umgekehrt heißt das dann, dass Frauen und Mädchen, die sich nicht mit stereotyper Femininität identifizieren wollen oder können, keine „echten“ Frauen sind (daher kommt meiner Meinung nach auch der plötzliche Anstieg an jungen Frauen, die sich als nicht-binär oder trans bezeichnen). Diese Denkweise steht Feminismus und Frauensolidarität diametral entgegen. Deswegen finde ich es mehr als bedenklich, dass besagter ZEIT-Artikel laut Kellermann in ein Schulbuch für Philosophie aufgenommen werden soll.

Stefan: Ich versuche gerade angestrengt nachzudenken, was Philosophie in dem Zusammenhang bedeuten könnte? Um welche Disziplin geht es da? Wenn ich Schulbuch höre, dann denk ich an Ethik. Aber Kellermann denkt doch sicher auch an die Anthropologie. Dort steht ja, neben der Abstammung und dem Wesen des Menschen, auch seine Fähigkeit zur Selbstbestimmung unter Beobachtung. Der Mensch sollte als Subjekt untersucht werden. Und in der Hand der einschlägigen Philosophen ist dieses Subjekt gleich zu etwas Unangenehmem geworden.

Bei Althusser findet sich in seinen „Notizen zur Ideologie“ der Gedanke, dass die Ideologie die Individuen als Subjekte „anruft“. Er meint wir nehmen uns selbst als Subjekte nur wahr, weil wir „in den praktischen Ritualen des allereinfachsten Alltagslebens funktionieren“. Also beim Händedruck, bei der Nennung unseres Namens usw. Ein faszinierender Satz, wenn man ihn ernst nimmt. Es klingt als könnten sich alle durch Sprache definieren. Aber zugleich ist diese Anrufung auch ein Ritual. Diese Formulierung: „Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau.“, ist ja eine Anrufung. Also im Grunde ein magischer Satz, der eine Wirklichkeit erzeugen oder bestätigen soll, die eben nicht wirklich ist. Und darin kommt das ganze Tragische dieser Situation zum Ausdruck. Weil hier nicht unterschieden wird zwischen dem Anspruch alles durch Sprache erzeugen zu können, und der Möglichkeit Wirklichkeit durch Sprache zu erschaffen. Nicht die Wirklichkeit soll verändert werden, sondern die Sprache darüber.

Stella: Der mantraartig wiederholte Satz „Trans women are women“ funktioniert genauso. Es ist ein Glaubenssatz. Einerseits sollen damit Tatsachen geschaffen werden, die nicht diskutiert werden dürfen, andererseits sehe ich hier auch eine Art „Credo quia absurdum“, etwas, das man als Transaktivist, als guter Ally, als guter Mensch schlechthin glauben muss, auch wenn es offensichtlich der Realität, der eigenen Wahrnehmung widerspricht. Gewissermaßen eine Ermahnung, an sich selbst und die anderen in der Gemeinschaft der Guten: Don’t believe your lying eyes. Seht her, ich bin so tolerant, so un-transphob, so sophisticated, so gut, ich glaube etwas, das für den gemeinen Pöbel, der das alles nicht ist, augenscheinlich falsch ist.

Das Perfide an dem Satz ist außerdem, dass er für Menschen, die nett und höflich sein wollen, und sich nicht näher mit der Thematik auseinandergesetzt haben, als Falle fungiert. Wenn man glaubt, es geht hier nur um eine winzige, diskriminierte, harmlose Minderheit, die mit Geschlechtsdysphorie zu kämpfen hat und deshalb einfach ~Anerkennung~ und eine medizinische Behandlung haben möchte, fällt es leicht, diesen Satz als nicht wörtlich gemeinte Höflichkeitsfloskel zu wiederholen. Wer möchte schon jemanden, der darunter leidet, als „das falsche Geschlecht“ geboren worden zu sein, deswegen möglicherweise schon schwere Operationen und viele mühsame Amtswege hinter sich gebracht hat, mit (vermeintlicher) Pedanterie à la „Du bist aber keine richtige Frau!“ verletzen oder vor den Kopf stoßen? Niemand, es sei denn, man legt es darauf an, als unsensibles Arschloch aufzutreten. Sobald einem dann auffällt, dass Transrechtsaktivisten diese Floskel zu 100% wortwörtlich verstanden sehen wollen, in allen Lebensbereichen, also auch bei aus guten Gründen geschlechtergetrennten Schutzräumen wie Umkleiden und Frauenhäusern oder im Sport, und dass mit „trans Frauen“ auch solche gemeint sind, die sich keinerlei medizinischer oder kosmetischer Transition unterzogen haben (da Geschlechtsdysphorie für das Label „trans“ nicht mehr als Grundvoraussetzung gilt), sie sich von „cis“ Männern also nur durch eine subjektive Selbstidentifikation als Frau unterscheiden, ist es zu spät, um zurück zu rudern. Man hat zudem etwa an dem Backlash gegen J.K. Rowling gesehen, was einem bei Widerspruch droht, und möchte sich dem nicht aussetzen.

Ela: Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie hat vor Jahren schon einmal mit der ihr wenig kontrovers erscheinenden Aussage einen Shitstorm ausgelöst, für sie seien Transfrauen Transfrauen und man solle nicht so tun als erlebten Frauen dieselben Probleme wie Transfrauen, da diese oftmals eine Sozialisierung als Mann erfahren hätten.

Den Begriff Transsexualität hat man ja inzwischen durch den Unsinnsbegriff Transgender ersetzt, unter dem sich inzwischen so ziemlich alle versammeln können, denen danach ist. Gender-Bender, Crossdresser, Transvestiten, Transsexuelle und auch Autogynephile. Und als Feigenblatt streut man eine Prise Intersex drüber und hofft, dass niemand bemerkt, dass man die genitale Verstümmelung von 0,001 % der Weltbevölkerung („assigned at birth“) dazu nutzt, allen anderen unter diesem Schirmbegriff zusammengewürfelten Gruppen, ob verdient oder nicht, zu mehr Legitimität zu verhelfen, selbst wenn dies auf Kosten von Frauen geschieht.

Stella: Es gibt zum „Transgender Umbrella“ auch dutzende schöne Grafiken, die illustrieren, dass quasi jeder trans ist, der als Frau keine personifizierte Barbiepuppe oder als Mann keine GI-Joe Actionfigur ist. Der Wunsch, möglichst inklusiv sein zu wollen, führt zu einer Begriffsaufweichung, niemand weiß mehr genau, wovon bei „trans(gender)“ oder „gender“ generell überhaupt die Rede ist, Debatten werden durch die schwammigen Begriffe verunmöglicht und sie heißen je nach argumentativem Bedarf etwas anderes. Gleichzeitig schaffen sich Transrechtsaktivisten so einen viel größeren Zuständigkeitsbereich, indem sie die Identifikation mit dem Begriff erleichtern – denn wer will schon so eine fade, konformistische „cis“ Person sein – , inkludieren Menschen, die nicht inkludiert werden wollen, erklären retrospektiv historische Persönlichkeiten (hauptsächlich gegen gesellschaftliche Restriktionen rebellierende Frauen, wie etwa Jeanne d’Arc oder Frauen, die sich als Mann ausgeben mussten, um arbeiten oder selbstbestimmt leben zu können) zu Transmenschen, und können so sagen, Transmenschen habe es immer schon gegeben.

Ela: Lustigerweise hab ich kürzlich erst auf Facebook das Posting eines Bildes von Salvador Dalí gesehen, in dem er sich selbst als Mädchen gemalt hat, da er sich im Alter von sechs Jahren für ein Mädchen hielt, was einen Kommentierenden dazu inspiriert hat, sich zu fragen ob Salvador Dalí transgender war.

Stefan: Dalí ist faszinierend. Ein Verwandlungskünstler, der Uneindeutigkeiten geliebt hat. So sehr, dass er sie zum zentralen Erkenntnismittel erhoben hat. Mit seiner paranoisch-kritischen Methode fordert er Wahnbilder als Wirklichkeitsbilder zu betrachten. Im Text „Der Eselskadaver“ schreibt er, dass der Paranoiker über „unfaßbaren Scharfsinn“ verfügt und mit seiner Methode „zum Ruin der Wirklichkeit“ beitragen kann, um begleitet von surrealistischer Aktivität „zu den klaren Quellen der Onanie, des Exhibitionismus, des Verbrechens und der Liebe“ zurückzuführen. Ein Wahn-Projekt, in dem diese letzte Aufzählung im Zusammenhang mit der Möglichkeit von sexueller Gewalt einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt. Von Sigmund Freud war er bei ihrem Treffen in London jedenfalls enttäuscht. Vielleicht war er ihm nicht paranoisch genug.

Michel „IchbinkeinStrukturalist“ Foucault hat ja auch in seinem Urteil über Freud geschwankt. Freud ist für ihn, je nach Schaffensphase, der Schöpfer einer kritischen Gegenwissenschaft (Wahnsinn und Gesellschaft) oder im Spätwerk Diktator einer Disziplinarwissenschaft. Aber Foucault teilt mit Dalí die Liebe für das Uneindeutige, bis hinein in seine Methode. Und einige seiner gesellschaftstheoretischen Denkmodelle sind eindeutig paranoisch, wie z.B. der Panoptismus.

Foucault hat von dem Strukturalisten Claude Lévi-Strauss so viel gelernt, dass er eine ganze in sich widersprüchliche Methodenlehre entwickelt hat, in der sich die Systematik der Analyse des „wilden Denkens“, die Lévi-Strauss begonnen hat, wiederfindet. Das magische Denken, so Lèvi-Strauss „bildet ein genau artikuliertes System“, das zwar nicht die gleichen Ergebnisse wie das Wissenschaftssystem erbringt, aber ihm „bezüglich der Art der geistigen Prozesse“ gleicht, die sie jeweils voraussetzen. Magisches Denken erscheint als „Ausdrucksform eines Glaubens an eine zukünftige Wissenschaft“.

Die Erforschung von Dispositiven entstammt einem ähnlich magischen Denken. Nur, dass es sich hierbei um den Glauben an die Macht der Schrift über die Natur handelt. In dem Buch von Foucault über Hermaphrodismus befindet sich im Nachwort eine selten klare Darstellung von dieser Gedankenwelt. Hier wird im Grunde die Auffassung vertreten, dass die juristische moralische psychologische Sprache die Sexualität der Moderne erschaffen hat. Sie erzeuge einen Diskurs, der in „endlosen Oszillationen zwischen biologischen und kulturellen Determinanten den Ort und die Ontologie der Geschlechter vorantreibt“. Der moderne Körper ist „konstruiert“. Das bemerkenswerte an diesem magischen Glauben ist aber das Frankenstein-Grundelement. Denn so fährt der Verfasser fort: Der Körper der modernen Menschen wächst um das „Implantat seines Geschlechts“ herum. Das Geschlecht ist also nicht nur diskursiv konstruiert und durch Sprachmagie wirklichkeitsmächtig gemacht, sondern auch implantiert und somit nicht biologisch gewachsen, sondern von vornherein künstlich erzeugt und damit natürlich auch im Nachhinein beliebig amputierbar.

Ela: Judith Butler hat sich beim „Unbehagen der Geschlechter“ ja eh auf Foucault berufen. Wenn die Subjekte durch die Macht erst konstituiert werden, ist das feministische Subjekt – die Frau – auch durch das politische System – das auf Geschlechterbinarität aufbaut – diskursiv geschaffen. Sowohl Sex, wie auch Gender seien kulturell konstruiert, in den Begriff Sex sei bereits der politische Zweck hinter der Kategorisierung und Differenzierung, die Reproduktion, eingeschrieben, denn das System basiere auf Zwangsheterosexualität. Geschlecht (sowohl Sex als auch Gender) sei ein endloser performativer Prozess. Dem biologischen Geschlecht seien die Geschlechterrollen eingeschrieben und würden unablässig reproduziert und imitiert.

Butler schlägt vor, sich aus feministischer Perspektive darüber Gedanken zu machen, warum es überhaupt eines feministischen Subjektes – Frau – bedürfe, ob man sich nicht einfach gleich mit Geschlechtsidentität an sich und deren Repräsentation befassen sollte – da der Feminismus von einem Fundamentalismus geprägt sei, der die Subjekte einschränke, die er eigentlich befreien wolle – oder – in letztes Konsequenz – das feministische Subjekt einfach fallen lassen, und sich von jeder Einschränkung befreien.

Aber ist ein Feminismus ohne Frauen als politisches Subjekt, der situationselastisch heute diese, morgen jene Identität vertritt, ein Feminismus der Individuen, überhaupt ein Feminismus? Hat er Potenzial politische Veränderung zu erzielen? Und warum ist Butler der Meinung, dass man dieses Ziel nur unter Aneignung des Feminismusbegriffs erreichen kann? Und ist es Zufall, dass so ein Vorschlag gerade beim Feminismus gemacht wird, und beispielsweise nicht bei anderen Befreiungsbewegungen? Daraus ist meiner Meinung nach dann auch der Irrtum entstanden, dem der Liberale Feminismus aufsitzt, dass man nämlich jede unterdrückte Identität vertreten muss, wenn man eine richtige Feministin sein will.

Butler und andere Aktivisten zitieren dann auch gern Beauvoirs „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu (gemacht)“, und manche meinen darin bestätigt zu sehen, Beauvoir habe behauptet, dass eine Frau sei, was auch immer eine Frau sagt, dass sie ist. Self-Identification. So behauptet Butler, dass in Beauvoirs Formulierung von einem „Handlungsträger“ ausgegangen wird, der sich eine „Geschlechtsidentität“ aneignet und prinzipiell „auch eine andere Geschlechtsidentität annehmen könnte“. Doch Beauvoir befasst sich schon im ersten Kapitel von „Das andere Geschlecht“, „Schicksal“ mit der weiblichen Biologie:

„Die biologischen Gegebenheiten sind außerordentlich wichtig: sie spielen in der Geschichte der Frau eine herausragende Rolle und sind ein wesentliches Element ihrer Situation (…) Denn da der Körper das Instrument für unseren Zugriff auf die Welt ist, stellt sich diese, je nachdem, ob sie auf die eine oder auf die andere Weise erfaßt wird, ganz anders dar. (…) Was wir aber ablehnen, ist die Vorstellung, daß sie für die Frau ein festgelegtes Schicksal bedeuten. Sie reichen nicht aus, eine Hierarchie der Geschlechter zu bestimmen; sie erklären nicht, weshalb die Frau das Andere ist, und sie verurteilen sie nicht dazu, diese untergeordnete Rolle für immer beizubehalten.“

Für Beauvoir „entsteht“ Weiblichkeit im Zusammenspiel von biologischen und kulturellen Faktoren, die für die „weibliche Erfahrung“ konstitutiv sind. Der Entstehung der Ideen und Mythen rund um die Weiblichkeit geht aber die Existenz eines weiblichen Körpers voraus.

Andererseits haben wir ja dann auch auf der anderen Seite Feministinnen die dem „Transfrauen sind Frauen“ nichts als „Eine Frau ist ein erwachsener weiblicher Mensch“ entgegenzusetzen haben. Was ja dann auch nicht mehr als eine Phrase ist. Ich meine, dass die beiden Positionen schon alleine deswegen keine gemeinsame Basis finden können, weil sie aus zwei komplett unterschiedlichen Annahmen hervorgehen und aneinander vorbeiargumentieren.

Die eine Seite geht davon aus, dass die Geschlechtsidentität inhärent ist. Ein Mensch weiß demnach instinktiv welchem Geschlecht er sich zugehörig fühlt, mit welchem sozialen Geschlecht er sich identifiziert. Wie ein Mann weiß, dass er ein Mann ist, und eine Frau weiß, dass sie eine Frau ist, kann es der Annahme nach manchmal passieren, dass das Selbstkonzept eines biologischen Mannes abweicht und er sich den Frauen zugehörig fühlt. Er „weiß“ es sozusagen. Nur was genau dieses Gefühl ausmacht, ist oft ein diffuses Schweigen, unterspickt mit grellen Klischees.

Auf der anderen Seite hat man eben verstanden, dass es die Biologie ist und die Annahme, dass aus dieser Biologie heraus sich quasi „natürliche“ zugehörige Rollenkonzepte ergeben – das Konstrukt Gender – die den Frauen jahrhundertelang in einer unheiligen Liaison des Todes ihr Leben zur Hölle gemacht haben, ihnen Möglichkeiten verwehrt, ihr Leben in die Hand zu nehmen, und ökonomische und soziale Nachteile nach sich zogen. Und all das soll nun nebensächlich sein und einer willkürlichen Selbstdefinition Platz machen, basierend auf dem vermeintlichen innerlichen Gefühl einer Gruppe von vorwiegend MtF—Transitionern. Eine Frau wird aber nicht dadurch weniger Frau, dass sie gerne „Stirb langsam“ schaut, denn das macht sie nicht immun gegen sexistische Kommentare und sexuelle Übergriffe.

Stella: Ich denke, dass der Satz „Eine Frau ist ein erwachsener weiblicher Mensch“ (die Übersetzung der Definition „Woman: adult human female“) eher eine Erwiderung auf den unsinnigen Zirkelschluss „Frau ist, wer sich als Frau definiert“ ist, und als solche legitim ist, wobei diese Definition natürlich nur der Ausgangspunkt ist, von dem aus weitere Auseinandersetzungen möglich sind, und nicht zu einer hohlen für sich selbst stehenden Phrase wie „Trans women are women“ verkommen sollte.

Ela: Ja du hast Recht, als Erwiderung ist es sinnvoll.

Stefan: Mir kommt vor, die Debatte, die von manchen Transaktivisten geführt wird, klammert bewusst das Problem der Gewalt aus. Also viele Aspekte der Kritik am Feminismus die durch Transaktivisten vorgenommen wird, kann nur unter Absehung der wirklichen Verhältnisse passieren. Dass man einfach nicht erwähnt, dass Frauen überproportional oft Gewalt von Männern ausgesetzt sind, während es umgekehrt eine verschwindend geringe Anzahl an Männern gibt, die unter Gewalt von Frauen leiden müssen. Das verbindet diese Positionen übrigens mit denen von so genannten Männerrechtlern. Die sich ja auch weniger für die Rechte von Männern, als gegen die Rechte von Frauen einsetzen.

Ela: Da muss man ein bisschen ausholen.


Die Fortsetzung dieses Textes findet sich in unserem nächsten Buch „Gespräche gegen die Wirklichkeit“.


Unter Herausgeberinnen 3. Männer + Hoden + YouTube + Gewalt – Teil 3

Link zu Teil 1

Link zu Teil 2

Stefan: Die Gewalt in den Foren gehört als Vorbereitungsritual zum Mord mittlerweile dazu. Viele Medien spielen dabei mit. Nach dem Tod von Modell Kasia Lenhardt, die nach ihrer Trennung von einem Fußballer stark unter Onlinehetze gelitten hat, titelt ein online Schmierblatt „Ex-Freundin von Jérome Boateng“ um dann erst damit rauszurücken, dass die 25 jährige gerade unter schlimmen Umständen verstorben ist. 

Ela: Das ist ja auch interessant. Sie macht öffentlich, dass er sie verdroschen hat, darauf patzt er sie an und liefert sie dem Mob aus. Sie begeht Selbstmord. Jetzt findet man auf ihrem Körper Spuren von Misshandlung und leitet ein Verfahren gegen ihn ein. Das Beste ist aber, das war nicht der erste Vorwurf gegen ihn wegen Körperverletzung. Es gab schon einmal ein Verfahren, da ging es aber um eine andere Frau. Jedenfalls: Wie läuft die Diskussion? Man möchte die Vorwürfe mit Geldmacherei abtun. Man soll doch den armen Boateng endlich in Ruhe lassen, das Goldkind. Aber was bei ihr falsch lief, darf man sich schon fragen, weil schließlich hat sie sich am Geburtstag ihres Sohnes umgebracht.

Stefan: Die Frau als Anhängsel des Mannes. Ihr Tod dargestellt wie ein in Kauf zu nehmendes (natürliches) Ergebnis der Trennung. Mir ist bewusst, dass diese Analogie sehr subtil ist und manchen nicht überzeugen wird. Aber es ist ein Faktum, dass der Onlinehetze gegen Frauen massenweise Gewalt im echten Leben folgt. Und es ist ein Faktum, dass Behörden dieses Problem ignorieren. Ich kenne persönlich mehrere Fälle in denen Frauen gestalked, bedroht und verfolgt wurden und die Polizei sie mit der Auskunft alleine gelassen hat, dass sie erst handeln kann, wenn etwas passiert ist. 

Ela: Es ist ja nicht so, dass dann, wenn was passiert, die Polizei sich ermittlungstechnisch besonders positiv hervortut. 

Stefan: Das fängt damit an, dass die Gewalt im digitalen Raum und die analogen Taten zwar oft zusammen gehören, aber von polizeilicher Ermittlung jeweils getrennt analysiert und ermittelt werden. Dabei sind bereits sehr viele Fälle dokumentiert in denen Frauen zuerst jahrelang gestalked und bloßgestellt werden, bevor ihr Verfolger dann zur Tat schreitet. Diese Stalker nützen die digitale Technik und die sozialen Medien um ihren Opfern möglichst nahe zu kommen, sie auszuspionieren, zu manipulieren und letztendlich um sie jederzeit ausfindig zu machen. In Hannover war jetzt ein H&M Mitarbeiter zwei Jahre hinter einer jüngeren Kollegin her mit Trackern und Spyware, bevor er letztlich eine Nacht unter ihrem Bett verbracht hat um sie am nächsten Tag zu ermorden. Das ist eigentlich Stoff für einen Horrorfilm, aber passiert in unterschiedlichen Ausmaßen wahrscheinlich öfter als man glaubt. 

Es gibt jedenfalls gesellschaftliche Hintergründe für die Morde an Frauen und diese kann man teilweise ungefiltert auf sozialen Medien mitlesen. Leider nimmt die Gesellschaft sie meistens nicht ernst. Aber auch weil viele der frauenfeindlichen Aussagen die da getätigt werden auf eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz stoßen. Auch bei Frauen. 

Ich nehm aus unserem Gespräch mit, dass Männer nicht so blöd geboren werden, wie sie sich durch Nachdenken dann freiwillig machen. Und da fällt mir dann eine besondere Spezies Mann ein, die vor allem online eine gewisse Rolle spielt beim Nachdenken über und Zudecken von Gewaltverhältnissen. Ich nenne sie die linken Kulturmänner. Den Begriff habe ich mir gerade ausgedacht. Aber er basiert schon auf konkreten Beobachtungen. Es geht jetzt nicht um die ur Entdeckung. Es ist vielmehr der Hinweis auf ein Randphänomen des Hodenschaukelns, das viel zu oft unbeachtet bleibt, weils als nicht so wichtig erscheint. 

Die linken Kulturmänner sind große Jungs, manche Ende 50 oder älter, die aus unterschiedlichen Gründen seit Jahrzehnten in der Kulturbranche drinnen sind und sich auf ihre Leistungen sehr viel einbilden. Auch wenns nicht immer ganz so berühmt war, was sie gemacht haben. Aber sie haben irgendwie immer am Rand der High Society verbracht. Am Rand des politischen Geschehens. Am Rand der großen Partys. Und in ihrer Neuerzählung mit Ende 50 sind sie plötzlich im Mittelpunkt. Darum sind sie umgeben von Bewunderern und stellen sich den freiwilligen Adoranten als richtig dicke Fische dar. Sie haben alles schon einmal erlebt und teilen ihre Lebenserfahrung mit allen. Sie erklären die Welt und zeigen gerne wen sie alles kennengelernt haben auf ihrem langen Weg. Vor allem belehren sie gerne darüber, wie die Welt wirklich ist und was sie immer schon so gesagt haben in ihrem langen erfüllten beneidenswerten Leben. Am Ende läuft aber jede Statusmeldung darauf hinaus die eigene Wichtigkeit zu unterstreichen und der Welt zu offenbaren: „Ich habe es schon 1986 gewusst.“ 

Ela: Lustig, dass du das erwähnst. Ich hatte so einen in meiner Inbox, Künstler, der anscheinend nur schwer damit umgehen konnte, dass ich seinem ständigen Bedürfnis von mir unterhalten zu werden, nicht nachgekommen bin. Das war einer, der wahrscheinlich nur Leute um sich hat, die seine Genialität niemals hinterfragen würden. Seine Frustration darüber, dass er dachte man könne „Menschen konsumieren, wie guten Wein“, doch das sei nur ein „temporärer Genuss“, hat er mir dann natürlich sogleich mitgeteilt. Auf meine Erklärung, dass ich momentan aus persönlichen Gründen kein Interesse an längeren Gesprächen habe, warf er mir Narzissmus vor. Das ist das „Warum antwortest du nicht, du hässliche Fotze?“ der linken Kulturmänner. Ab und zu bekomme ich noch gehässige Nachrichten, ich denk das ist zyklusabhängig.

Das sind halt die Leute die mit 17 schon besoffen Schas geredet haben und das „philosophieren“ genannt haben, und leider hat ihnen nie jemand gesagt, dass es Schas ist, sondern alle sind auf ihren Schas immer total ernsthaft eingegangen und haben sie dadurch erst so richtig bestätigt in ihrem Schas, weil dann waren sie erst recht davon überzeugt, dass sie außergewöhnlich intelligent sein mussten. So haben sie sich in ihre eigenen Gedanken verliebt, dass sie inzwischen gar nicht mehr hinterfragen, ob es Schas sein könnte, weil sie immer bestätigt bekamen, was sie eh schon immer vermutet haben: Dass sie Genies sind. Und dann sagen sie: „Es werde Licht!“ und die Mutter dreht das Licht auf für den Burli.

Da gibt’s diesen Französischen Bildteppich aus dem 16. Jahrhundert, wo eine Frau mit genervten Gesichtsaudruck einen Spiegel für ein Einhorn hält, das sich begeistert betrachtet.

Stefan: Das Einhorn ist Jesus und die Frau ist die Jungfrau Maria.

Ela: Ich glaub das ist eine Referenz auf die Ehe, aber ja vielleicht eh Jesus und Maria, Mutter-Sohn-Beziehung. Die Frau hält den Spiegel für den Mann, der sich begeistert darin betrachtet. Sie bestätigt ihm seine Großartigkeit. Er ist tatsächlich ein Einhorn, ein ganz besonderer Junge.

Stefan: Selbstbewusstsein bedeutet im Kulturmännerjargon, dass sie wild und frei sein wollen. Auch beim Denken. Sie sind Verteidiger der Meinungsfreiheit, der Libertinage, der Gerechtigkeit, des guten Lebens. Über all das wissen sie persönlich Bescheid. Sie haben es ja erlebt. Und dieses lehrreiche Denken erledigen sie daher am liebsten öffentlich und in Form eines lehrreichen Vortrags bei dem alle Felder des Wissens von ihnen so expertenmäßig abgedeckt werden, dass die Stimmen von echten Experten für die jeweiligen Themenbereiche schon eher nur mehr Störgeräusche für sie sind. 

Sie machen diese öffentlichen Belehrungen ja für das Wohl aller Menschen. Der ganzen Hascherln für die sie alles durchdenken um ihr Leben nach ihrem Vorbild zu ordnen. Dieses Sendungsbewusstsein steht natürlich dann konträr zum Anspruch des freien Denkens, des antiautoritären Führers der sie so gern sein wollen. Daher sind sie dann dementsprechend auch peinlich berührt und schlagen wild um sich, wenn man sie ebenso öffentlich auf die kleinen Fehler aufmerksam macht, die beim großen Denken so passieren können und in aller Öffentlichkeit schnell sichtbar werden. Da entstehen narzisstische Kränkungen. Daher kontrollieren sie die Zusammensetzung ihres Publikums wie die kleinen Diktatoren die sie eigentlich gerne wären.

Ela: Der Otto Mühl, den du im ersten Teil erwähnt hast, hat das in den 60ern ganz konkret ausgesprochen: „Das Schlachten von Menschen darf nicht Staatsmonopol sein.

Stefan: Ja sie Konkurrieren eigentlich nur mit Gott und dem Staat in ihrem Anspruch. Manchem großen Verteidiger der Meinungsfreiheit ist die Meinung der anderen plötzlich nichts mehr wert, wenn sie der eigenen entgegensteht. Manchem großen Kritiker des Mainstreams ist die eine Gegenmeinung in seinem persönlichen Mainstream so sehr ein Dorn im Auge, dass er diese sofort und ohne weitere Diskussion aus diesem entfernen muss. 

Und oft genug wird beim öffentlichen Hodenschaukeln dann auch noch die Vernunft zugunsten des eigenen Egos ad acta gelegt. Denn wenn man so lebenserfahren, links und männlich ist wie diese Kulturmänner, dann kann man schon mal antifeministische, antisemitische und antiintellektuell Einstellungen pflegen ohne sich dadurch selbst in einem schlechten Licht betrachten zu müssen.

So gibt es Exemplare dieses Kulturmannes die Prostitution ganz super finden, weil Sexarbeit ist Arbeit, eine sehr wertvolle und wichtige Arbeit. Das älteste Gewerbe. Weil Sex darf nicht nur in der Ehe stattfinden. Und wo sollen denn die Männer hingehen, wenn sie Druck haben? Das führt ja sonst nur zur Gewalt, wenn man Frauen nicht mehr für Geld vergewaltigen darf. Und es gibt ja auch diese und jene Prostituierte die sie mal im Kulturmännerfernsehen gesehen haben und die hat persönlich versichert, dass Prostitution vollkommen selbstbestimmt und frei ist und alle Frauen das in Wahrheit gerne machen. Deshalb finden sie es auch Hetze, wenn Freier juristisch belangt werden sollen.

Ela: Brownmiller beschreibt ganz gut: „Mir graut vor reglementierter Prostitution nicht deshalb, weil sie kein Mittel gegen Vergewaltigung ist, sondern weil damit das finanzielle, wenn nicht gar gottgegebene Recht des Mannes auf den Körper einer Frau institutionalisiert und damit die Vorstellung nur fester verankert würde, daß Sex eine Dienstleistung der Frau sei, die keinem zivilisierten Mann verweigert werden sollte.“

Dieses Selbstbild, Libertines, Bohemiens, frei und wild, das kommt ja auch im Pro-Prostitutions-Diskurs nicht zu kurz, das ist eventuell ein Grund, warum das bei der Klientel so beliebt ist. Wie Kajsa Ekis Ekman zeigt in „Being and Being Bought“: Offenheit gegen Zensur, Liberalismus gegen Moralismus, alles mit etwas Gossenromantik, Hurenfetischismus und sexueller Revolution garniert. Antiporno- bzw. Anti-Prostitution werden nicht zufällig mit religiösem Lobbyismus vermischt. Die liberale Marktökonomie macht sich im Zusammenhang mit Prostitution den kartesianischen Dualismus zunutze. Die Trennung von Körper und Geist erfüllt sich in der Sexarbeit. Dissoziation als Business-Modell. 

Wichtig ist, zu wissen, dass man eine Prostituierte natürlich nicht vergewaltigen kann. 2005 stellte ein wegen Vergewaltigungen an Prostituierten angeklagter „Gürtel-König“ vor Gericht die Frage „Seit wann kann man a Hur‘ vergewaltigen?“ und der Richter überzeugte durch besondere Kenntnis der Küchenpsychologie, als er davon sprach, dass Prostituierte „wahrscheinlich“ eine „Vergewaltigung (…) leichter weg(stecken)“. Der Staatsanwalt unterbot dieses Theater noch, indem er als mildernden Umstand zugunsten des Angeklagten anführte „Prostituierte werden nicht besonders erniedrigt, wenn sie vergewaltigt werden“. Dass Studien zufolge ca. 60% der Prostituierten an Posttraumatischer Belastungsstörung leiden, tut natürlich nichts zur Sache, denn Justitia ist stets neutral, besonders bei Vergewaltigung. Der Angeklagte bekam übrigens 3 Jahre.

Der Weininger hat die Frauen in zwei Typen eingeteilt: Die Mutter und die Dirne. Seiner Meinung nach ist die Anlage zum „Dirnentum“ bei Frauen von Geburt an fix, ähnlich wie die Eignung zur Mutterschaft. „Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet werden, wohin erst der Mann die Frau gedrängt hat. Oft genug wird sicherlich ein Mann die Schuld tragen, wenn ein Mädchen ihren Dienst verlassen mußte und sich brotlos fand. Daß aber in solchem Falle zu etwas gegriffen werden kann, wie es die Prostitution ist, muß in der Natur des menschlichen Weibes selbst liegen.“

Aber die Einteilung ist auch ein alter Hut. Ebenfalls unter Solon wurden staatliche Bordelle in Athen legalisiert. Man musste ja zwischen guten und schlechten Frauen unterscheiden können. Die guten Frauen waren natürlich Mütter. Ich fand das schon immer ein wenig neurotisch, dieser Wunsch dass eine Frau bestenfalls geschlechtslos zu sein hat, während sie gleichzeitig aber die Mutterrolle zu verkörpern hat. Denn, wie kommt sie denn zu ihren Kindern? Das hat die Kirche ganz gut hingekriegt, die hat die Maria ja zur Heiligen erhoben, die eine ewige Jungfrau war und Fleischeslust nicht einmal vom Hörensagen kannte. Damit hat sie den Frauen ganz gut aufgezeigt, dass sie diese Stufe an Tugendhaftigkeit nie erreichen werden. Die perfekte Frau hat geschlechtslos zu sein und gleichzeitig eine sorgende Mutter. Daraus entsteht dann diese kognitive Dissonanz, die bis heute nicht überwunden ist. 

Das haben sie in der Republik Gilead (Handmaid’s Tale) praktisch gelöst. Die Weltbevölkerung muss mit einer nie dagewesenen Unfruchtbarkeit umgehen und an der Ostküste der USA hat eine Junta bestehend aus Mitgliedern der Verschwörungsgruppe „Söhne Jakobs“ nach einem Putsch einen theokratischen Staat gegründet. Dort gibt es Frauen, die nur für die Reproduktion zuständig sind, die Handmaids. In der Bibel blieb Jakobs Ehe mit Rahel kinderlos, daher befahl Rahel Jakob ihr mit der Magd Bilha ein Kind zu zeugen. In einer monatlich stattfindenden Zeremonie, die durch die fruchtbaren Tage der Handmaids festgelegt wird, wohnen die Ehefrauen der Vergewaltigung der Handmaids durch die Commanders (Ehemänner) bei. Während der Commander die Magd vergewaltigt, liegt deren Kopf im Schoß der Ehefrau, die ihr die Hände festhält. Nach der Geburt des Kindes wird dieses von der Mutter getrennt, da es ihr nie „gehörte“. Die Kinder gehen an die Ehefrauen (Wives), unter Obhut des Commanders. Dann gibt’s natürlich noch andere Frauenrollen, Marthas, Tanten (Aunts), etc. und Prostituierte (eine Option für Unfrauen/gefallene Frauen die im Bordell „Jezebel’s“ arbeiten). In Athen hatte man halt Hetären, Konkubinen und Ehefrauen. Aber die Einteilung hat immer noch Wirkmacht. Kajsa Ekis Ekman beschreibt wie diese Einteilung heute durch Prostitution und Leihmutterschaft, in der Kommerzialisierung von Sexualität und Reproduktion, weiterwirkt.

In den 70ern hat es in Yorkshire, England, eine Mordserie gegeben. Frauenmorde. Die ersten Opfer waren Frauen aus der Arbeiterklasse, Alleinstehende, Mütter von Kindern, die mehr schlecht als recht über die Runden kamen. Dass sich der Fundort der ersten Leichen in der Nähe des Rotlichtviertels befand, hat sofort zur Annahme der Polizei geführt, dass es sich bei den Opfern um Prostituierte handeln muss, eine Behauptung, die die Presse nur zu gerne übernahm. Dass einige Opfer sich aus finanziellen Nöten heraus prostituiert haben, hat sich dann bestätigt. Deswegen hat man geglaubt, dass Frauen aus anderen Gesellschaftsschichten nichts zu befürchten haben. Das wurde ja auch von der Polizei bestätigt, die öffentlich aussagte, dass der Mörder Prostituierte hasst. Die Presse hat dann den passenden Namen gefunden. Jack The Ripper, der Prostituiertenmörder aus dem viktorianischen London, wurde zum Patron. Man einigte sich auf den Yorkshire Ripper. Vom dritten Opfer wusste die Polizei, dass es „bis 10 Tage vor dem Mord“ ein „respektables Leben“ geführt hatte. Dann hat es „einen Statusverlust“ durchgemacht und war auf der „Straße unterwegs“. Dann fand man das fünfte Opfer, ein 16-jähriges „unschuldiges“ Mädchen und hätte feststellen können, dass der Täter wohl doch Frauen im Allgemeinen hasste. Die Dichotomie zwischen „gefallener“ und „unschuldiger“ Frau zu verwerfen, schien aber keine Option zu sein. Stattdessen unterstellte man dem Ripper das Mädchen für ein Prostituierte gehalten zu haben. Es musste sich um ein Missverständnis handeln. Um dem Mörder seinen Irrtum zu erklären, hat man sich via Brief in der Zeitung direkt an ihn gewandt. „Wie hast du dich gestern gefühlt, als bekannt wurde, dass dein blutiger Feldzug gegen Strichmädchen so schrecklich missglückt ist, dass dein rachgieriges Messer solch ein unschuldiges Opfer fand? Geisteskrank, wie du sicher bist, musst du doch einen Funken Reue gefühlt haben, als du dich von Jaynes Blutflecken befreit hast.“ Später tötet er, zum Schrecken der Polizei, auch Frauen aus der Mittelschicht, was die Polizei zunächst aber noch immer nicht von ihrer Prostituiertenmörder-Theorie abbringen kann. Als der Groschen dann endlich fällt, spricht die Polizei die Empfehlung aus, dass Frauen halt einfach das Haus in der Nacht nicht mehr verlassen sollen. 

Das erinnert stark an die Entführung und den anschließenden Mord an Sarah Everard kürzlich in London. Diese Empfehlung ist immer schnell ausgesprochen, wenn dann aber eine Politikerin der Grünen Partei scherzhaft vorgeschlägt, dass man doch anstatt über eine Ausgangssperre für Frauen nachzudenken, eine Ausgangssperre für Männer überlegen könnte, kriechen die Empörten aus ihren Löchern. Man könne ja nicht ein gesamtes Geschlecht dafür bestrafen, was Einzelne machen. Dass umgekehrt diese einfache Lösung aber immer wieder als legitim zu gelten scheint, dafür hat die Empörung leider nicht mehr gereicht.

Stefan: Es ist in dem Zusammenhang auch interessant zu beobachten, wie schnell Politiker Personenschutz erhalten und wie lange es bei Künstler_innen, und eben bei Frauen, dauern kann bis sie wirksam geschützt werden. Ich würde gern mal sehen, wie diese Debatte laufen würde, wenn es einen Stadiongassen Ripper gäbe, der es nur auf Parlamentarier abgesehen hätte. Der wäre wahrscheinlich in Nullkommanichts gefasst bzw. die Schutzmaßnahmen für die Parlamentarier würden Unsummen verschlingen.

Ela: Aber lustig, dass der Yorkshire Ripper der Polizei quasi so offensichtlich unter die Nase gerieben hat, dass sie ihm eigentlich egal ist, diese Unterscheidung zwischen guter und schlechter Frau. In seinen Augen waren alle Frauen gleich schlecht. Sutcliffe, der Ripper,  ist übrigens 2020 an Corona gestorben. Die Presse hat jedenfalls eine große Rolle gespielt, gemeinsam mit der Polizei, weil sie sich so an die Dichotomie geklammert haben und dadurch dieses Bild medial verbreitet, bis sie letztendlich den Trugschluss zugeben mussten. 

Stefan: Im Umkehrschluss dürften ja Prostituierte für die Yorkshire Polizei keine Frauen bzw. schützenswerte Bürgerinnen gewesen sein.

Ela: Das kommt auch bei „The Fall“ vor.  Bei der Vorbereitung auf eine Pressekonferenz über die Frauenmorde legt Stella Gibson dar was problematisch ist an dieser Darstellung. „Bezeichnen wir sie nicht als unschuldig.“ Auf den Einwand ihres Kollegen „Sie waren unschuldig.“, antwortet Gibson: „Was ist, wenn er als nächstes eine Prostituierte tötet, oder eine Frau die spätnachts betrunken und in einem kurzen Rock nachhause geht? Wird sie auf irgendeine Art weniger unschuldig sein (…), schuldhafter? Die Medien lieben es Frauen in Jungfrauen und Vamps zu unterteilen, Engel oder Huren, ermuntern wir sie nicht dazu.“

Also wie über Frauen berichtet wird in solchen Fällen, das hat sicher einen großen Einfluss auf die Ereignisse. Und wie man über Prostituierte spricht sicher auch. Damit meine ich aber nicht diesen „Job wie jeder andere“ Schwachsinn.  Ja bitte, bei welchem anderen normalen Job hast du denn eine 18-fach höhere Wahrscheinlichkeit ermordet zu werden, eine 12-fach höhere Sterberate als die Durchschnittsbevölkerung und eine überdurschnittliche  Chance eine Posttraumatische Belastungsstörung davonzutragen? Aber bei dem ganzen „individuelle Entscheidung“ Gedöns, kann man schon mal Anti Sex Work mit Anti Sex Worker verwechseln. Wenn nämlich alles eine individuelle Entscheidung ist, die man zweifellos nicht anzweifeln darf, weil das wäre Hass, sind auch alle negativen Aspekte nur individuelle Probleme. Und Körper verkommen zur „Ressource in der Sexindustrie“. So einfach ist das. Wenn die Selbstaussage der gesellschaftlichen Zuschreibung Platz macht und zum bestimmenden Argument des sogenannten Feminismus wird, kommt es zur Dekonstruktion der Frau als politisches Subjekt. Dann kann es vorkommen, dass die Minderheit der selbstbestimmten Prostituierten für Personen wie Sibel Schick zur schützenswerten Minderheit wird, für die man dann die 90% nicht selbstbestimmte Mehrheit mit dem Verweis auf Minderheitenrechte opfern kann. Freiwilligkeit ist einfach kein Argument für die Bewertung reaktionärer, frauenfeindlicher Praktiken. Ob eine Frau sich für eine Rolle oder Tätigkeit entscheidet, ist kein Kriterium für die Beurteilung dieser Rolle bzw. Tätigkeit, sondern ob die Ausübung dieser Rolle/Tätigkeit für ein Gros der Frauen den negativen Effekt hat Frauen als Gruppe unterzuordnen und auszubeuten. Aber sicher wird den Leuten wieder ein zynischer Schwachsinn zur Lösung des Problems einfallen, wie der sarkastische Vorschlag eines Facebook-Kommentators, ein Biosiegel für Bordelle einzuführen, mit Kontrollbesuchen von Staatsbeamten, die die Jochbeine der Damen kontrollieren.  Blau sei schlecht, grün-gelb gehe gerade noch durch, wenn es keine Flecken gäbe, sei das ein Indiz für die Freiwilligkeit. Ich schlage als Draufgabe eine ähnliche Lösung wie CO2-Zertifikate auch für Freier vor. Beim Eingang ins Bordell könnte man Scheine kaufen, moderne Ablassbriefe, mit dem Geld werden Frauenhäuser erhalten, als Ausgleich für die Posttraumatische Belastungsstörung, die die Prostituierten davontragen. Die könnte man dann stolz sogar der Ehefrau zeigen. Übrigens, wie ich finde, eine bessere Idee als der Schutzbrief gegen Weibliche Genitalverstümmelung der Stadt Hamburg, den betroffene Mädchen bei einer Reise ins Heimatland vorweisen sollen, um einer Genitalverstümmelung durch die Familie zu entgehen.

In Deutschland hat ein Ermittler, der Undercover im Rotlichtmilieu arbeitete, eine Prostituierte erwischt, die während des Corona-Lockdown arbeitete. Die Frau musste 1.500 Euro Bußgeld bezahlen. Insgesamt wären es fast 8.100 Euro gewesen, dagegen hat sie aber Einspruch erhoben. Sie hat bestimmt illegal gearbeitet, weil es ihr so Spaß machte sich gegen Bezahlung von fremden Männern ficken zu lassen, die sich über ihre Grenzen hinwegsetzen. Das Bußgeld zahlt sie sicher ab, indem sie in Zukunft nicht gegen die Lockdown-Regelungen verstößt. Besonders schön an der Geschichte finde ich auch, dass der Ermittler, als Kunde getarnt, nicht nur einmal, sondern mehrmals „ihre Dienste in Anspruch genommen hat“, ehe er sie auffliegen ließ. Der hat seine Arbeit wahrscheinlich besonders ernst genommen. 

Eine andere Prostituierte wurde mit (vorbestraftem) Zuhälter an der Grenze zu Österreich festgenommen. Gegen ihn lief ein Verfahren wegen Zwangsprostitution. Trotzdem wurde er frei gelassen, die Frau haben sie wegen illegaler Prostitution in die Münchner Justizvollzugsanstalt gesperrt. Der Zuhälter hat zwar behauptet, dass er sie auslösen wird, hat das dann aber überraschenderweise nicht gemacht.

Das liberale Prostitutionsgesetz in Deutschland produziert aber nicht nur Polizisten, die sich einen Orden verdient hätten, sondern auch Menschenhandel, denn das Angebot hat sich nach der Nachfrage zu richten, wie wir wissen, und da überraschenderweise nur die wenigsten Frauen, obwohl es sich um „einen Job wie jeden anderen“ handelt, sich selbst oder ihren Töchtern wünschen, diesem normalen Job nachzugehen, besteht meist ein Ungleichgewicht zwischen der Nachfrage und dem tatsächlichen Angebot. Andrea K., eine junge Frau aus Hannover, wurde 2020 für 2.000 Euro von ihren bisherigen „Besitzern“ weiterverkauft und von den folgenden bald darauf in der Weser ertränkt da sie, aufgrund einer psychischen Krankheit, nicht mehr an Freier vermittelbar war und damit nichts mehr wert. Zur Sicherheit hat man sie mit einer Waschbetonplatte beschwert, nicht dass sie nochmal auftaucht! 

Dass Prostitution und Sklaverei nicht weit voneinander entfernt liegen, zeigt sich klar auch, wenn wir uns anschauen wie zb. der IS das heute handhabt. Übrigens auch wieder ein Beispiel dafür, dass Dschihadisten auch nur Konsumenten sind. So beschwert sich ein neuseeländischer Dschihadist in einem Zeitungsinterview, dass er zu arm war sich eine ezidische Sklavin zu leisten. Für eine ältere Frau hätte er 4.000 Dollar ausgeben müssen, für eine „ordentliche“ Sklavin mindestens 10.000-20.000 Dollar. In Christina Lambs „Our Bodies their Battlefield“ berichtet eine ehemalige ezidische Sklavin, dass im Online-Forum „Caliphate Market“ neben Playstations und Gebrauchtwägen Frauen angeboten wurden.

Stefan: Wie du oben eh schon geschrieben hast. Das was Freud als Kastrationskomplex beschreibt, ist Resultat der durchaus mangelhaften sexuellen Entwicklung vieler Männer. Kastrationsangst ist im Wortsinn das Ergebnis eines narzisstischen Interesses für die eigenen Genitalien. Die dann in der Alltagskultur im ständigen Schwanzvergleich zwanghaft hervorgehoben werden müssen. Es ist kein Zufall, dass darin auch, Weininger schau oba, ein Grundstein für den Judenhass gelegt ist. Denn mit derselben Intensität, mit der diese Männlichkeit das Weibliche bekämpft, dass es nur als kastriert, als weniger, wahrnehmen kann, mit dieser Intensität trennt es auch das Jüdische vom eigenen narzisstisch männlichen ab. Das Weibliche ist das Gegenmännliche, das Jüdische das Gegenvolk. Das steht so auch schon bei Hitler. Aber wenn die Juden das Gegenvolk sind, dann kann der Israelische Staat nur eine absolute narzisstische Kränkung sein, ein Unding, dass die Genitalnarzissten immer wieder zu neuen intellektuellen Tiefstleistungen anspornt. 

Apropos Djihadismus und Dummheit. Es gibt auch Exemplare von linken Kulturmännern, die waren mal in Iran und haben seither Ahnung vom Volk der Iraner und finden – das wird man ja wohl noch sagen dürfen – die Israelis haben den Iranern übel mitgespielt und das sollte auch in jeder Dokumentation über die Region eine Rolle spielen. Also wenn ein Dokumentarfilmer darauf besteht, dass die Vernichtungsdrohungen des Irans gegen Israel auf einer Spirale aus gegenseitiger Intoleranz basiert, das die iranische Revolution die Menschen befreit hat, oder versucht die Verwicklung des Iran in den Hisbollah Anschlag auf das Quartier der US-Marines in Beirut 1983 mit dem Satz die Wahrnehmung bestimme die Realität und die USA neigen ja prinzipiell zur Lüge zu relativieren, dann ist das für den Kulturmann natürlich legitim.  

Abgesehen davon kann man mit demselben linken Kulturmann-Furor dann auch noch die Kritiker der Doku als Nazibüttel beschimpfen, weil wenn der Macher von einer mit antiisraelischen Klischees spielenden Doku Jude ist, dann darf man die antiisraelischen Klischees darin keinesfalls kritisieren. Und als selbstbewusster Kulturmann kann man dem noch hinterherschicken man denke tatsächlich, dass nur Juden diesen Diskurs über diese Doku führen sollten. Weil man selber ist zwar auch kein Jude, aber jedenfalls ehrbar in den antisemitischen Klischees die man benutzt. Also aufgemerkt, der linke Kulturmann, der selber kein Jude ist, hat zwar gegen eine nachweisbar falsche Kritik am jüdischen Staat nichts einzuwenden, solange sie von Juden kommt, aber sieht kein Problem darin selbst den jüdischen Staat genau auf der Basis dieser nachweisbar falschen Kritik zu diskreditieren. 

Die Nazis sind jedenfalls beim linken Kulturmann immer die anderen. So wie ja auch die Frauen immer die anderen sind und jedenfalls aufgrund ihres Mangels an Penis nicht gleichwertig.

Damit ist nicht gesagt, dass diese Kulturmänner Gewalt gegen Frauen befürworten, es ist damit nur gesagt, dass wir mit reichweitenstarken öffentlichen Meinungen konfrontiert sind, die unsere politische Urteilskraft immer wieder neu auf die Probe stellen.

Die Frau ist auch im linken Männerdiskurs über männliche Gewalt oft nur Unterpfand. Sie wird als Projektionsfläche verwendet um die eigene Gesinnung in die Öffentlichkeit zu tragen. 

Ein Mädchen wurde vergewaltigt und ermordet. Den Rechten fallen dazu nur rassistische Kommentare ein. „Alle Ausländer sind Frauenmörder, sie gehören alle abgeschoben. Eine genaue Aufklärung der Tat ist nicht nötig.“ Der Tathergang wird in der Phantasie rekonstruiert und ausgeschmückt. 

Und den Linken?

Den Männern unter ihnen fällt auffallend wenig anderes ein. „Ein möglicher Tathergang könnte gewesen sein …“, so beginnen Sätze, die die Welt nicht braucht. „Das was dem Mädchen passiert ist, ist furchtbar, aber …“, erinnert an „Ich bin nicht gegen Ausländer, aber …“. Gewalt gegen Frauen und Mädchen vorbehaltlos zu verdammen, fällt denselben Männern, die sich jegliche rassistische Gewalt vollkommen selbstverständlich verbieten, oft sehr schwer. Wo im Fall eines rassistischen Anschlages vollkommen zu Recht unmissverständlich protestiert wird, wo ohne Wenn und Aber Stellung bezogen wird, ist das beim Mord an einem kleinen Mädchen nicht ganz so einfach. „Man muss diese Sache differenziert betrachten.“ „Der Mörder kommt aus einem Kriegsgebiet.“ „Er war selber noch ein Kind als er nach Österreich kam.“ „Was hat der Österreichische Staat ihm nicht ausreichend gegeben, dass er zum Mörder werden musste?“

Solche und ähnliche Fragen sind perfide. Nicht nur, weil sie die Gewalt, bevor der Fall noch aufgeklärt ist, relativieren und die Schuld überall, nur nicht beim voll strafmündigen Tatverdächtigen suchen. Sondern auch, weil sie den möglichen Täter zum Pawlowschen Hund erniedrigen. „Der konnte nicht anders.“ Das ist es, was sie sagen. Das ist es, was sie bei rassistischer Gewalt niemals gelten lassen würden. Bei Gewalt gegen Frauen und Mädchen offenbar teilweise schon.

Da werden Szenarien entworfen, wie der mögliche Tathergang gewesen sein könnte. „Sie ist von zu Hause weggelaufen, hat sich Drogen kaufen wollen, hat mit Sex für diese Drogen bezahlt. Ist dann eventuell einfach von selbst erstickt, hat sich womöglich die Hämatome alle selbst zugefügt.“ Jedenfalls hat sie womöglich „überreagiert“und „Atemprobleme bekommen“, 13 ist ja bekanntermaßen „für sowas ein schwieriges Alter“. „Vor allem bei Mädchen.“

Ela: Vergiss bitte nicht zu erwähnen, dass sie wie 18 bis 25 ausgesehen hat, das ist besonders wichtig für die Relativierung. Und die Frage ob das Mädchen einen Freund hatte, zu dem der Altersunterschied weniger als drei Jahre betrug. Am liebsten wäre es diesen Leuten jedenfalls, wenn das Mädchen einfach spontan selbst gestorben wäre, sich selbst unter Drogen gesetzt, sich sowohl selbst sexuell missbraucht und Hämatome zugezogen hätte, ein Verbrechen ohne Täter. Jedenfalls ist es wahrscheinlicher, dass sie sich für Drogen prostituierte, als dass die mehrfach vorbestraften Verdächtigen sie vergewaltigten, zu einem Baum in der Nähe schleppten und dagegen lehnten, weil warum sollten sie den Verdacht auf sich selbst lenken? Wahrscheinlich hat der Pürstl höchstpersönlich sie dort drapiert. 

Stefan: Naja man steht ja wirklich zwischen Skylla und Charybdis, wenn man wählen muss zwischen dem rechten Rassismus und dem linken Frauenhass. Aber das hat auch theoretische Grundlagen. Die linken Männer haben es nicht leicht. Hatten sie noch nie. Nach Marx ist ja der Hauptwiderspruch, den es zu bearbeiten gilt, der zwischen Kapital und Arbeit. Manchem linken Mann ist das mittlerweile zu wenig. Er hat neben dem Klassenkampf auch den Rassismus für sich entdeckt. Aber die Frauen, die waren immer eine Marginalie in diesem Denken. Ein Nebenwiderspruch, der mit der Reproduktionsarbeit irgendwo im unpolitischen Eck herumgelegen ist, bis ihn die Feministinnen in den Mittelpunkt gerückt haben. Kurz hats gedauert. Der Postfeminismus hat den Fokus auf die männliche Gewalt gegen Frauen durch endlose intersektionelle Ergänzungen wieder in den Hintergrund gedrängt. Geblieben ist das wichtige Gespür für Rassismus und die vielen strukturellen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaften. 

Verschwunden ist aber das Bedürfnis die strukturelle männliche Gewalt aus einer weiblichen Perspektive anzugreifen. Unter den tödlichen gesellschaftlichen Widersprüchen ist die Gewalt von Männern gegen Frauen nur eine von vielen und wie man sieht nicht die wichtigste, sobald sie mit einer anderen konkurrieren muss.

Das wäre für sich noch nicht das Schlimmste. Aber der Antirassismus der linken Kulturmänner geht im Wortsinn diskursiv über Frauenleichen. Und sie merken es oft nicht einmal. Anstatt, dass sie beides gleich wichtig nehmen, den Kampf für die Rechte der Frauen und den Kampf gegen den Rassismus, wägen sie immer ab und entscheiden sich im Zweifelsfall gegen die Frauen. 

Wie steht es mit der in Österreich weltberühmten Internet-Schriftstellerin, die vor Jahren in einem FB Posting über ihre Vergewaltigung in einem Park geschrieben hat? Die überraschende Pointe war, dass sie ihren Vergewaltiger nicht angezeigt hat, weil sie fürchtete er würde abgeschoben werden.  Wenn sogar manche Frauen so unsicher über ihren Wert sind, dass sie lieber als Faktotum einer antirassistischen Attitüde herhalten wollen, als ihre Rechte zu verteidigen. Ist dann dieser Kulturmänner-Antifeminismus daran nicht mitbeteiligt? Was sagen die Frauen dazu die potentiell wieder Opfer dieses Mannes werden konnten? War es ihnen gegenüber solidarisch dieses Verbrechen nicht anzuzeigen?

Wieso ist es nicht möglich eine antirassistische Position zu beziehen, ohne ein kleines Mädchen dafür diskursiv opfern zu müssen? Wieso lässt sich Rassismus in den Augen diese Männer nur wirksam verurteilen, wenn ein vergewaltigtes und ermordetes Mädchen an seinem Leiden und Tod selber schuld ist? Was hilft das den 99% anständigen Afghanen, dass dieses Mädchen jetzt nach ihrem Tod öffentlich erniedrigt wird, nur um sagen zu können: der Staat oder die ÖVP ist schuld, dass ein junger Mann zu einem Gewalttäter wurde? Nicht, dass das keine Rolle spielen würde. Es ist wichtig, dass immer wieder zu erwähnen und strukturellen Rassismus sichtbar zu machen. Aber muss es wirklich auf den Schultern eines ermordeten Mädchens, auf den Körpern der unzähligen geschlagenen, vergewaltigten, missbrauchten Frauen geschehen, für die ein männlicher Täter halt immer noch in erster Linie ein männlicher Täter und nicht entweder ein armes afghanisches Hascherl oder ein authochtoner Nazi-Brutalomörder ist. 

Die Antwort der Männer auf solche Bedenken fällt bezeichnend aus. Von allen habe ich gegenüber ihrer in der absoluten Mehrzahl weiblichen Kritikern den Vorwurf gehört sie seien zu emotional. Die „hochkochenden Emotionen“ versperrten ihnen die Sicht auf die wahre Problematik und auch wenn die Sätze brutal klängen, so wären sie ja doch objektiv richtig und notwendig. Eine andere Strategie war Unverständnis zu unterstellen oder absichtliches Missverstehen.

Ela: Evan Stark spricht (im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt zwar, aber es passt auch hier ganz gut) von der Gleichsetzung der Maskulinität mit der Humanität, der unreflektierten Annahme, dass das „universelle Maskuline“ legitimer Standard dafür ist, was in menschlichen Beziehungen rational, räsonable und richtig ist, während das Feminine als irrational, emotional und unmoralisch gilt.

Stefan: Frauen, die Gewalt erfahren haben, verstehen auch die Sprache dieser strukturellen Gewalt. Sie kennen die Relativierungen von Polizisten, Ämtern und teilweise der eigenen Familie zur Genüge. Jeder Satz eine Re-Traumatisierung. „Warum sind sie nicht früher nach Hause gegangen?“ „Haben sie aufreizende Kleidung getragen?“ „Warum haben sie sich nicht gewehrt?“ „Vielleicht erinnern sie sich falsch.“ „Vielleicht haben sie sich einen Vorteil erhofft.“ „Vielleicht hat sich das 13 jährige Mädchen ja freiwillig für Drogen stundenlang misshandeln lassen.

Diese Sprache hinterlässt Narben. Sie wird von allen verstanden, außer von den Männern, die sie immer wieder verwenden um zu zeigen, dass ihnen ihre politische Agenda wichtiger ist als das Leben von Frauen und Mädchen.

Ela: Um Frauen geht es wahrscheinlich bei diesen Gesprächen aber gar nicht, die sind nur argumentative Verhandlungsmasse im Diskurs, die man bei Bedarf in Stellung bringt. Ob die von Afghanen oder autochthonen Österreichern vergewaltigt werden, spielt für sie aber keine Rolle. 

Stefan: Es ist ihnen egal, welche Männer ihnen Gewalt antun, es sind halt immer Männer. Und immer Männer, die es relativieren.

Ela: Je nach politischer Fasson. Die einen mokieren sich, dass Vergewaltigung nur bei afghanischen (migrantischen) Tätern öffentlich gemacht und (OH NO!) häufiger angezeigt wird, die anderen behaupten, dass Afghanen (bzw. Migranten) besonders zur Vergewaltigung neigen und drücken die Augen zu, wenn es um Fälle von vergewaltigenden Österreichern geht. Während sich aber die linken Kulturmänner darüber echauffieren, dass man sich rechts nur für Vergewaltigung interessiere, wenn es sich um afghanische Täter handle, sind für sie selbst doch auch allein die afghanischen Täter der Aufmacher, warum sie sich plötzlich für das Thema Vergewaltigung interessieren. Die einen beweinen die vergewaltigenden Afghanen, die anderen die vorverurteilten Afghanen. Um das eigentliche Problem (die Vergewaltigung von Frauen) geht es beiden nicht. 

Leichtherzig kommentiert es sich dann, als nicht Betroffener (Mann) über die philosophische Frage, ob es eine gute Lösung sei, wenn nach einer Abschiebung die afghanischen Männer eben die afghanischen Frauen vergewaltigten. Da kann man dann noch ein halblustiges „Unsere Frauen für unsere Leute!“ hinterherschieben, ein Schenkelklopfer, den sich ein österreichischer Journalist auf Facebook nicht entgehen lassen konnte. Dass in Österreich die Verurteilungsquote bei Vergewaltigung für die ca. 9% angezeigten Delikte zwischen 2012 und 2016 bei ungefähr 17 % lag und 2019 gar nur um die 10% herumgrundelte, kann ja dann das Problem der betroffenen Personen sein. Ebenso wie die Tatsache, dass sich durch Zuwanderung von gewaltbereiten Männern die Anzahl der bereits im Land ansässigen gewaltbereiten Männer nicht etwa proportional verringert. 

Besonders gut finde ich es auch immer, wenn sie dann kommentieren, dass man sich nach irgendwelchen US-Kriegen – sie schreiben allgemein von der „westlichen Welt“ – „nicht wundern“ braucht, wenn „sowas passiert“. Dass die sich des Zynismus der Aussage nicht bewusst sind! Sie bestehen darauf die Humanität von Flüchtlingen anzuerkennen, ihre Traumata einzubeziehen, wenn sie einem 13-jährigen Mädchen 10 Ecstasy-Tabletten verabreichen, es vergewaltigen und damit ihren Tod riskieren. Die Humanität der Frauen aber, die es tatsächlich betrifft, wenn Staatsanwaltschaften das Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten“ vorwegnehmen, so dass es gar nicht zur Gerichtsverhandlung kommen kann, wenn dadurch Vergewaltiger mit einem Fingerklopfen davonkommen, für die also eine steigende Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen tatsächlich eine Rolle spielt, die nehmen sie nicht einmal wahr. Das erinnert mich auch wieder an den Van der Bellen Kopftuchsager: „dann wird man halt alle Frauen bitten müssen…“.  Frauen sollen sich den Ideologien von Männern unterwerfen – wir erinnern uns an Kant – denn sie selbst sind gar nicht zu Prinzipien fähig, also muss man sie eben drum bitten, die Funzen. 

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Unter Herausgeberinnen 3. Männer + Hoden + YouTube + Gewalt – Teil 2

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Stefan: Der Weininger überrascht mich nicht. Aber das mit dem Schopenhauer hat mich jetzt doch verblüfft. Ist der dumm?

Ela: Inzwischen ist er tot. Sonst hätt ich ihn gefragt. Der Weininger hat aber den Schopenhauer in seinem Buch gern zitiert.

Stefan: Der Weininger ist auch schon tot. Der hat sein Leben selbst beendet, wie ihm bewusst geworden ist, dass er als theoretischer Antisemit ja praktisch selber Jude ist.

Ela: Dem Weininger war besonders wichtig herauszuarbeiten, dass es „Rassen“ gibt, bei deren Männern man „selten eine Annäherung an die Idee der Männlichkeit findet“. Natürlich ist das für ihn kein Anreiz seine Idee der Männlichkeit zu hinterfragen. Das Judentum war für Weininger besonders gefährlich, insofern, als seine Existenz Weiningers Theoriekartenhäusl als solches zu bedrohen schien. Aber, wie er beteuert, spricht er nicht über einzelne Menschen oder gar die Gruppe, sondern lediglich die „platonische() Idee des Judentums“. Denn dieses ist ihm zufolge „durchtränkt“ von „Weiblichkeit“. Weininger legt nun dar, worin die Frauen und die Juden sich ähneln. Ihnen fehlt es an der Kant’schen Vernunft, es mangelt ihnen an Persönlichkeit. Beide haben kein Ich und „keinen Eigenwert“. Die geringere Kriminalitätsrate schafft Weininger so zu deuten, dass beide relativ amoralisch seien, weder besonders gut, noch besonders böse. Es fehlt ihnen an Größe, sie leben beide nicht als Individuen, sondern stets „in der Gattung“, in ihrer Familie und auf ihre Sexualität reduziert, sind gleichzeitig aber nicht zu richtiger Liebe oder erfüllender Sexualität fähig. „Juden und Weiber sind humorlos, aber spottlustig.“ Darum ist es nur konsequent, dass beide der Satire zugeneigt sind, die bekanntlich intolerant ist und damit „der eigentlichen Natur des Juden wie der des Weibes“ entspricht. Juden und Frauen „sind nichts, und können eben darum alles werden“. Hier liegt aber der Unterschied, denn „Die Frau ist die Materie, die passiv jede Form annimmt.“ Im Gegensatz dazu passt sich der Jude an, er „assimiliert sich allem und assimiliert es so sich“. Zwar glauben beide nicht an sich selbst, aber die Frau glaubt zumindest an den Mann, der Jude an nichts. „Innerliche Vieldeutigkeit (…) ist das absolut Jüdische (…)“.

Hitler bezeichnete später die Emanzipation der Frau als „vom jüdischen Intellekt erfundenes Wort“, dessen Inhalt „von demselben Geist geprägt“ war. Die Frauenbefreiung, neben Kommunismus, Kapitalismus, Intellektualismus, und eigentlich eh allem, ist damit wieder das Werk der intriganten Juden.

Stefan: Die Argumentation kenne ich mit entschärftem Vokabular auch von heutigen Reaktionären. Der Begriff „Kulturmarxismus“ muss da auch für alles was einem Ungustl, schwul, dekadent, verdorben, überemanzipiert erscheint, herhalten.

Ela: Delphine Horvilleur zeigt in ihrem Essay „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ diese Verknüpfungen zwischen Antisemitismus und Misogynie auf. Das Stereotyp des Juden ist ein effeminierter, weibischer Mann, schwach, hysterisch und manipulativ, mit ausgeprägtem Interesse am Geld. Bereits im Mittelalter behauptete man jüdische Männer bluteten monatlich aus Nase oder After, menstruierten um das „Blut Christi zu sühnen“. Horvilleur zufolge entspricht die Fähigkeit, mit dem Mangel und der Unvollständigkeit zu leben im jüdischen Denken dem Weiblichen. In den Schriften beschränkt sich die politische Macht von Juden und Frauen auf das Wort. Sie können nur durch Gewitztheit und Wortgewandtheit Einfluss nehmen. Dieser (Ein)schnitt „sorgt für Diskontinuität“. Sigmund Freud hat die Kastrationsangst als „tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus“ bezeichnet. Der Mangel, die Unvollständigkeit bedroht eine imaginierte „intakte Identität“ des Antisemiten.

Stefan: Frauenhass und Judenhass dürften sich gut ergänzen. Der Attentäter von Halle war bekanntermaßen für beides zu haben. Es muss ein eigenartiges Lebensgefühl sein, wenn man einer Ideologie anhängt, die besagt, dass man selber allen anderen überlegen ist. Und dann wohnt man aber als Mitte 30-jähriger noch im Kinderzimmer und Mami macht den Haushalt. Gerhard Scheit schreibt in seiner Analyse der Dramaturgie des Antisemitismus, dass mit dem Christentum die Heuchelei in die Welt kommt. Als „Systematik von Weltanschauung und Lebensführung“. Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel. Die müssen seither so tun, als würden sie nicht Handel treiben. Die Reichen müssen seit dem Spruch mit dem Nadelöhr so tun, als wären sie nicht reich. Aber auch die Frau als der „Inbegriff des gehandelten Reichtums“ soll im Christentum behandelt werden als gäbe es sie nicht. Wir sind nicht nur Erben der Griechen, sondern auch des Christentums.

Ela: Das hat sich ja auch nicht mit Ruhm angepatzt, was Misogynie betrifft. Juden und Frauen (Hexen) wurden zum Beispiel im Mittelalter abwechselnd für Brunnenvergiftungen, Ernteschäden, Fehlgeburten, etc. verantwortlich gemacht. Das mittelalterliche Hexenstereotyp basiert tatsächlich auch auf antisemitischen Vorurteilen, auch begrifflich (zb. Sabbat) wird das deutlich. Von allein sind die Hexen zum Zauber aber natürlich nicht fähig, sie sind vielmehr Werkzeug von Dämonen, mit dem sie einen Pakt eingegangen sind, wie der „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum) klarstellt. Und um wirksam werden zu können, bedarf es natürlich auch der „göttlichen Zulassung“. Den freien Willen aber kann der Teufel nicht umgehen, die Entscheidung liegt damit noch immer bei den Menschen, bzw. in ihrer Disposition begründet. Hierin liegt auch der Grund, warum Frauen eher Hexen werden, als Männer. Denn: „Zwei Arten von Tränen werden in den Augen der Frau [bereit] gehalten, die des wahren Schmerzes und die der Hinterlist. Sinnt eine Frau allein, dann sinnt sie auf Böses“. Frauen neigen eher zum Unglauben, da es ihnen an Verstand fehlt. Sie neigen eher zu Lüge, Zorn, Unduldsamkeit, Habsucht, sexueller Zügellosigkeit und verführen zur Sünde.

In „Caliban und die Hexe“ befasst sich Silvia Federici mit der Bedeutung der Hexenverfolgung für die Entwicklung kapitalistischer Verhältnisse. Im Prozess der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise kam es zur Privatisierung des Allgemeingutes, Enteignung von Bauern und Zerstörung bäuerlicher Dorfgemeinschaften. Mit Hilfe der dadurch vefügbar gewordenen Billigarbeitskräfte konnte man die Macht der städtischen Zünfte brechen. Viele Arbeiten konnten nun in Heimarbeit verrichtet werden. Es kam zur Polarisierung von Produktion und Reproduktion auf geschlechtlicher Grundlage. Hausarbeit wurde synonym mit (abwertend) Frauenarbeit, diese wurde zunehmend entwertet und unsichtbar gemacht. Da die kapitalistische Produktionsweise eines ständigen Nachschubs an Arbeiterinnen bedurfte, wurde politisch auf Bevölkerungswachstum gesetzt. Das versuchte man mit pro-natalistischer Politik zu erreichen. Dies bedeutete die vermehrte Kontrolle und Disziplinierung der weiblichen Sexualität. Als Höhepunkt dieser Kontrolle gilt für Federici die Hexenverfolgung, die zwar kirchlich sanktioniert und ideologisch unterfüttert, aber eine staatliche Initiative war. Sie führten zur Polarisierung des Proletariats auf geschlechtlicher Basis und Zerstörung von Glaubensvorstellungen die sich nicht mit der kapitalistischen Arbeitsdisziplin vereinbaren ließen. Mehrheitlich handelte sich bei den Angeklagten um ärmliche Frauen. Ihre Verfolger waren ranghohe Mitglieder der Gemeinschaft. 80% der Getöteten waren Frauen, viele davon Hebammen und Heilerinnen. Die gesellschaftliche Macht von Frauen sollte gebrochen, die Widerspenstigen gezähmt werden.

Aber der Vorwurf der Hexerei war auch keine Neuerfindung des Mittelalters. Wenn wir an das Byzantinische Reich denken: In Alexandria hat die Philosophin Hypatia gelebt, die übrigens einen tadellosen Ruf hatte, was ihre Tugendhaftigkeit anging. Sie war aber eine Freundin vom ägyptischen Statthalter Orestes. Leider ist dann Kyrill Bischof von Alexandria geworden und sein Hobby war die Jagd nach Ketzern. Nachdem Kyrill mithilfe eines Mobs die Juden aus der Stadt vertrieben hat, hat Orestes dagegen Einspruch erhoben. Die Anhänger von Kyrill hatten dann natürlich gleich eine Erklärung parat, weshalb Orestes sich gegen Kyrill gestellt haben könnte. Hypatia musste Orestes wohl verhext haben. Sie war eine Hexe und ist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen. Darauf hat ein Mob die Akademie Hypatias attackiert, sie in die Kirche Kaisarion gezerrt, ausgezogen, man häutete sie mit Austernschalen und riss sie in Stücke um sie dann zu verbrennen.

Stefan: Furchtbar. Wer denkt sich sowas aus? Gibt es da nicht auch in der Bibel so eine Situation die paradox ist, weil Eva als Frau ja dem Mann per Schöpfung aus der Rippe untergeordnet ist und nur seinen Willen auszuführen hat, aber dann schuld ist, dass er den Apfel isst? Also wie kann sie schuld sein, wenn sie nichts zu entscheiden hat?

Ela: In der Bibel wird der Frau (Eva) ja nach dem Sündenfall von Gott auch die schmerzhafte Geburt auferlegt, als Strafe für den Regelverstoß. Noch dazu hat sie Adam überredet die verbotene Frucht zu essen, die deppate Sau. Die Menstruation ist ebenfalls Teil dieser Strafe. Aber das ist ja wieder nur eine Abwandlung vom Mythos der Pandora. Musst du dir mal vorstellen, die erste menschliche Frau wird von Hephaistos aus Lehm geformt als „schönes Übel“ und auf die Erde geschickt um die Menschheit zu quälen, als Strafe dafür dass sie zuerst von Prometheus erschaffen wurde, der im Anschluss dann noch den Göttern das Feuer stielt um es seinen Schützlingen zu geben. Pandora bekommt eine Büchse mitgeschickt, vor der man sie warnt sie zu öffnen, und ist dann natürlich so neugierig, dass sie sie doch öffnet und damit das Unheil über die Menschheit bringt.

Stefan: Bei Hans Blumenberg gibt es einmal diesen interessanten Satz, dass zwischen den Büchern und der Wirklichkeit eine alte Feindschaft besteht. Das Geschriebene der heiligen Texte dient zur Schwächung der Authentizität der Erfahrung. Dabei gibt es auch Stellen in der Bibel, die mittlerweile nach „Kill Bill“ klingen. Judith ist jedenfalls ein ziemliches bad girl, wenn sie Holofernes den Kopf abtrennt und damit die Hebräer rettet. Aber das wird sie dann in unzähligen Werken der Populärkultur büßen müssen, wie Alfred Pfabigan in seiner Edition der Apokryphen ergänzt. Das klingt als hätt sichs ein Wiener ausgedacht. Der Weininger war jedenfalls Wiener. In Österreich geht’s aber schon länger nicht mehr um Theorie, sondern auch wieder vermehrt um die Praxis, wenn‘s um Gewalt gegen Frauen geht.

Ela: Ich kann mich erinnern, ich glaube 2020 hat in Österreich so angefangen, dass gleich zu Jahresbeginn ein paar Frauen von ihren (Ex-)Partnern ermordet wurden und man begonnen hat medial die Frauenmorde zu zählen. Jeden Tag stand eine neue Frau in der Zeitung, begleitet von Zeilen wie „Schon der …. Frauenmord 2020…“ Dieses Jahr war ja eher coronalastig, aber da hat man sich auch so ein wenig Sorgen um die häusliche Situation gemacht und überlegt ob das im Lockdown nicht problematisch werden könnte, wenn da alle auf kleinem Raum zusammen gepfercht herumsitzen. Aber jetzt sind wir eh wieder beim Zählen angelangt. Nummer 12 haben wir, denk ich, inzwischen.

Stefan: Ich hatte den ersten Lockdown auch auf 38 Quadratmetern. Das war zu dritt und mit Homeoffice nicht leiwand. Und da hat die feine Christenpartei ja auch noch die Bundesgärten gesperrt. Wo man mittlerweile genau weiß, dass es pure Schikane war. Das sollte ihnen ganz Wien niemals verzeihen. Aber ich war noch nicht so weit, dass ich auf Mord zurückgegriffen hätte. … Bei ein paar Nachbarn vielleicht.

Ela: Jetzt hat ja in den letzten Wochen wieder ein Wiener seine Freundin umgebracht. Die hat zuerst die Polizei gerufen, weil er gewalttätig war. Sie wurde im Krankenhaus versorgt und ist dann wieder nachhause gegangen. Er war abgängig, die Polizei konnte ihn aber nicht finden. Inzwischen hat er sie zuhause erstochen. Auf Facebook konnte man dann Kommentare lesen wie „Sicher schlimm. Aber wenn man von der Regierung fast ein Jahr in eine enge Wohnung gesperrt wird, der Arbeit und Zukunft beraubt wird ohne Lichtblick auf Besserung. Das ganze ohne jegliche Hilfe und Unterstützung darf es einen nicht wundern, wenn solche Gräueltaten geschehen müssen.“ Ja, schicksalhafte Gräueltat Frauenmord. Weil wo soll man sonst seine Aggressionen auslassen? Wozu hat man eine Frau, oder? Ein anderer hat wiederum in Wien seine Exfreundin angezündet. Zuerst hat er sie geschlagen, versucht sie zu erdrosseln, sie mit Benzin übergossen und angezündet und sie dann in ihrer Trafik eingesperrt, weil er eifersüchtig war.

Stefan: Ja der hat das Versprechen das der Metzger macht eingelöst. In den Geschichten aus dem Wienerwald sagt er ja: „Du wirst meiner Liebe nicht entkommen.“ Und das kann man als Drohung verstehen. Der Begriff des Femizids bezieht das mit ein, dass der Mord an Frauen ein gesellschaftliches Phänomen ist. Er hat System und ist kein Schicksal. Der Begriff der Beziehungstat und der Tragödie dient ja nur dazu davon abzulenken. Die Motive des Täters sollten für die Beurteilung von so einem Frauenmord gar keine Rolle spielen. Da fühl ich mich doch papierlt, wenn einer so brutal und gezielt eine Frau umbringt und dann wird lang und breit ermittelt ob er vielleicht nicht zurechnungsfähig gewesen sein könnte. Ich mein, seids ihr deppad?

Aus der Sicht solcher Täter gehört die Frau ihnen und deshalb zerstören sie sie physisch, wenn sie von ihr verlassen werden. Die sind nie unzurechnungsfähig, sondern immer Oaschlöcher.

Ela: Zuletzt jetzt wieder die Bierwirt-Geschichte, wer hätte denn das gedacht, dass der ein Problem mit Frauen hat, nach der Maurer-Geschichte, wo er ihr mit Vergewaltigung gedroht hat? Aber zum Glück hat die Sigi Maurer sich dazu auch zu Wort gemeldet, jetzt muss man sich nicht mehr mit dem Mord auseinandersetzen, sondern es reicht schon, sich drüber aufzuregen, dass sie das Wort Femizid verwendet hat. Die andere Hälfte der Kommentatoren beschäftigt sich damit drauf hinzuweisen, dass jeder Mord schlimm ist, nicht nur Frauenmorde. Und der Dönmez redet lieber von der Macht der Mütter, wenn es um die Obsorge geht. Der Petzner hat übrigens gemeint die Sigi Maurer sollte „ein schlechtes Gefühl von einer gewissen Mitschuld“ haben, weil sie ihn in die Öffentlichkeit gezerrt hat.

Die Sigi wurde ja wegen übler Nachrede angeklagt, weil sie vom Bierwirt Vergewaltigungsdrohungen bekommen hat und die veröffentlicht hat. Der Fellner verklagt inzwischen seine ehemalige Angestellte, weil sie ihm sexuelle Belästigung vorwirft. Vor Gericht mokiert sich eine ehemalige Kollegin nicht etwa darüber, sondern wundert sich, dass man einen Popoklaps bei der Arbeit gar so ernst nimmt. Die Richterin fragt die Journalistin, die Fellner sexuelle Belästigung vorwirft, ob sie „von warmen Eislutschgern träumt“, weil sie weiterhin in dem Job arbeiten wollte, nur eben ohne sexuelle Belästigung, weil man weiß ja wie es in der Brache zugeht und Fellner selbst wundert sich warum die Bezeichnung der ehemaligen Angestellten als „Nutte“ ein Problem sein sollte.

Kürzlich hat ein Gericht in Österreich über die Belästigung eines 12-jährigen Mädchens entschieden, dass es sich zwar um Nötigung handelte, als der Angeklagte das Kind verfolgte, es als seine Frau bezeichnete und von hinten umarmte. Eine sexuelle Belästigung ist es aber anscheinend nicht, wenn man eine fremde und noch dazu nicht einverstandene Person von hinten umarmt, und dieser dabei zufällig seine Genitalien in den Rücken drückt.

Da kommen wir dann wieder auf das Thema zurück, ab wann eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung ist. Das hat sich ja in Deutschland bei Gina-Lisa Lohfink ganz klar gezeigt. Die hat sich leider (nicht nur) ihre Brüste operieren lassen und steht besonders gern im Rampenlicht, weshalb sie schon mal einen schlechten Stand hatte. Sie hat bereits davor Aufmerksamkeit mit privaten Sexvideos erregt. Jetzt gab es ein neues Video von ihr, das sie beim „Sex“ mit zwei Männern zeigte. Das Video wurde von den beiden online geteilt. Sie konnte sich an den Abend nicht erinnern. Zunächst machte sie eine Anzeige wegen der Weiterverbreitung des Videos ohne ihrer Zustimmung. Später erstattete sie Anzeige wegen Vergewaltigung. Auf dem Video ist übrigens mehrmals klar und deutlich zu hören, dass sie „Hör auf!“ sagt. Leider konnte das Gericht nicht feststellen, dass es sich um eine Vergewaltigung handelte und Gina-Lisa wurde wegen falscher Anschuldigung zu einer Geldstrafe von 24.000 Euro verurteilt. Denn das „Hör auf!“ hätte ja auch dem Umstand gelten können, dass sie beim Sex gefilmt wurde. Interessant ist jetzt übrigens, dass einer der beiden Männer inzwischen wieder vor Gericht stand. Wegen „Stealthing“ einer Prostituierten, was als sexueller Übergriff gilt. Er hatte während des Sex, bei dem sie auf ein Kondom bestand, dieses heimlich entfernt. Zudem hatte er die Frau geschlagen. Auch in diesem Fall wurde der Prozess wegen Vergewaltigung und Nötigung eingestellt und er bekam lediglich 500 Euro Strafe für Drogenbesitz und den Schlag auf den Hinterkopf der Frau.

Aber auch gut, in Wien ist ein Typ vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden, weil es bei der Aussage des 16-jährigen Mädchens, das die Anzeige gemacht hatte, zu Widersprüchen kam. Zwar konnte es Fotos von Würgemahlen und Biss- sowie Kratzspuren vorweisen, doch, wie der Verteidiger anmerkte, hätte es ja die „Chance“ gehabt, „schon früher zu gehen“. Ein Argument übrigens, das nicht zum ersten Mal in einem Vergewaltigungsprozess fällt. Die Wohnung eines Mannes zu betreten, scheint damit juristisch einer Einwilligung zum darauffolgenden Sex zu entsprechen. Die Vergewaltigung als Sportveranstaltung (Passend dazu: Mithu Sanyal, die Vergewaltigungsopfer zu „Erlebenden“ euphemisiert), von der man sich nur abzumelden braucht. Aber so lernt man als Frau einer Vergewaltigung dadurch zu entgehen, dass man vor der Vergewaltigung geht, sich also nicht vergewaltigen lässt. Dies entspricht in etwa dem Argumentationsniveau der Person auf dem Steg, die dem Ertrinkenden zuruft, er hätte halt schwimmen lernen sollen.

Stefan: Da schwingen zwei Begriffe mit „Eigenverantwortung“ und „Natur“. Es ist die Natur des Mannes, einer Frau, die sich nicht (ausreichend) wehrt, Gewalt anzutun und es liegt in ihrer Eigenverantwortung, sich nicht in eine Situation zu bringen, dass ein Mann ihr das antun kann. Das ist ein naturrechtliches Denken, das den Rechtsstaat partiell außer Kraft setzt. Das aber immer noch von Richtern geteilt wird.

Ela: Susan Brownmiller schrieb in „Gegen unseren Willen“ schon in den 70ern: „Das Gesetz hält es für höchst unwahrscheinlich, daß ein Mensch freiwillig sein Geld einem Räuber gibt oder sich bereitwillig prügeln, mißhandeln und verletzen läßt. Von den Opfern einer Vergewaltigung und anderer sexueller Übergriffe werden all diese Beweise verlangt, weil das Gesetz bisher noch nicht in der Lage war, zwischen einem Akt gemeinsam gewünschter sexueller Vereinigung und krimineller sexueller Aggression zu unterscheiden. (…) Der Hauptgrund für die fortdauernde Unsicherheit über den Unterschied (…) besteht in der kulturell geprägten Vorstellung, daß es die natürliche Rolle des Mannes sei, sich der Frau auf aggressive Weise zu nähern, und die natürliche Rolle des Weibes, sich zu „sträuben“ und zu „fügen“. Und so schützt das Gesetz männliche Interessen, indem es in dem Glauben, daß Gewalt oder Gewaltandrohung nicht entscheidend seien, die Verurteilung des Täters vom Verhalten des Opfers während des Verbrechens abhängig macht.“

Vergewaltigung war ja früher nur eine Art Eigentumsdelikt zwischen Männern. Da hat ein Mann dem andren Mann die Tochter gestohlen, die dadurch ihren Besitzer wechselte. Bei einer „klassischen“ Vergewaltigung wurde dem Täter oft angeboten den Brautpreis zu zahlen und die Frau zu heiraten um der Strafe zu entgehen. Das galt natürlich nur, wenn die Frau noch nicht verlobt war.

Da fällt mir jetzt wieder Artemisia Gentileschi ein, das passt auch gut zu Judith und Holofernes und zur Behauptung, dass Frauen nicht zur Kunst fähig sind. Die Gentileschi hat bereits im 17. Jahrundert gelebt, in Italien. Sie war Vertreterin des Caravaggismus. Ihr Vater war selbst Künstler und hat es begrüßt, dass seine Tochter gemalt hat. Damit sie ihre Talente entfalten kann, dachte er, engagiert er ihr einen Lehrer, Agostino Tassi. Leider war Gentileschi hübsch, wollte aber von Tassi nichts wissen, ein schwerer Fehler. Tassi vergewaltigte sie. Sie hat sich zwar gewehrt, das hat ihr aber im Endeffekt nicht viel geholfen. Der Vater war besonders empört, dass Tassi seine Tochter nicht nur entjungfert hatte, sondern noch dazu nicht heiraten wollte und erstattete daher Anzeige. Artemisia musste sich darauf mehreren gynäkologischen Untersuchungen unterziehen – das ist auch schön, erinnert an Jungfräulichkeitstests wie man sie heute noch aus verschiedenen Weltgegenden kennt – ihr wurden Daumenschrauben angelegt, ihrem Vergewaltiger nicht. Der hat ganz einfach behauptet, dass er nichts getan hat. Der Prozess wurde Monate später eingestellt. Tassis Karriere ging weiter wie bisher und Gentileschis Vater hat ihm auch verziehen. Artemisia heiratete und ging nach Florenz. An Tassi rächte sie sich indem Sie ihn zumindest künstlerisch, in Gestalt des Holofernes, köpfte. Diese Szene malte sie in sechs unterschiedlichen Versionen. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie als Künstlerin wiederentdeckt und fand Anerkennung.

Stefan: Eine berühmte italienische Ehebrecherin ist Francesca da Rimini. Ihr begegnet man in Dantes Komödie in der Hölle. Witzigerweise ist ihr Mörder dort nicht anzutreffen, wenn ich mich richtig erinnere. Bros before hoes in der Renaissance.

Ela: Das ist sowieso ein beliebtes Motto, wenn man sich zb. Gruppenvergewaltigungen und Vergewaltigungen in Kriegszeiten ansieht. Brownmiller meint, dass die Ideologie der männlichen Überlegenheit, des Machismo, die in den großteils männlichen Armeen verbreitet ist, hier ihren Höhepunkt erreicht. Und wo die Geschichte nichts von vergewaltigten Frauen in Kriegen zu erzählen weiß, tauchen auf einmal Zwangsprostituierte auf. Von Armeen, in denen auch Frauen dienen, sind dagegen kaum Vergewaltigungsfälle bekannt, siehe das Beispiel Israel.

Vergewaltigung ist laut Brownmiller oft eine Art „Bonding-Möglichkeit“ für Männergruppen, die die beteiligten Männer auf Kosten der vergewaltigten Frauen näher zueinander bringt und Allianzen stärkt. Brownmiller geht davon aus, dass (das Damoklesschwert der) Vergewaltigung für die Aufrechterhaltung männlicher Herrschaft von großer Bedeutung ist. Sie schreibt dazu: „Eine Welt ohne Vergewaltiger wäre eine Welt, in der Frauen sich frei, ohne Angst vor Männern, bewegen könnten. Daß einige Männer vergewaltigen, reicht als Bedrohung aus, um die Frauen im Zustand fortwährender Einschüchterung zu halten, (…) Vergewaltigende Männer sind nicht Außenseiter der Gesellschaft oder „Besudeler der Reinheit“, sondern vielmehr männliche Stoßtrupps, terroristische Guerillas im längsten Krieg, den die Welt jemals gesehen hat.“

Besonders Gruppenvergewaltigung dient oft als Mittel sozialer Kontrolle. Federici schreibt etwa über die Entkriminalisierung der Vergewaltigung von Frauen aus den niederen Klassen im Mittelalter in Teilen Europas zur Bändigung der revolutionären Energien männlicher Arbeiter. Damit einher ging auch die Etablierung staatlicher Bordelle.

Hunter S. Thompson hat eine Zeit lang die Hell’s Angels in Kalifornien begleitet und sie geradezu romantisiert. Da beschreibt er zum Beispiel wie Frauen, die es wagten einen Angel zu verlassen oder zu verraten, zur Disziplinierung von mehreren Angels vergewaltigt wurden. Diese Strafmaßnahme beschreibt er als „Zeremonie“ und „Hexenaustreibung“. Die Verherrlichung der Täter ist keine Seltenheit.

Stefan: Analog dazu gibt es eine digitale Männlichkeit, die sich auch im Rudel zeigt. Es gibt eine männliche Online-Kultur, die Frauen im digitalen Raum erniedrigt und damit Gewalt gegen Frauen in der analogen Welt verstärkt. Da gibt es die Männer die jahrelang auf allen möglichen sozialen Medien öffentlich ihre Frauenverachtung zum Ausdruck bringen und weil sie da nicht gestoppt werden, dann irgendwann so viel Selbstsicherheit aufbringen und auch in der analogen Welt zur Tat schreiten.

Und das ist definitiv ein gesamtgesellschaftliches Problem. Da steht ein Oberösterreichischer Bürgermeister wegen sexueller Belästigung und Vergewaltigung in Wels vor Gericht und die Krone titelt „Abgeordneter wegen Sex angeklagt“. Da reckts mich schon. Aber die Liste solcher Sachen lässt sich ja unendlich fortführen.

Aber dann gibt es Sachen, die sind trotzdem nochmal schockierender. Der russische Youtuber ReeFlay hat sich damit eine Marktnische erkämpft, dass er seiner Freundin immer wieder Gewalt antut. Er hat Zuschauer abstimmen lassen und von ihnen Geld dafür kassiert, dass er sie live quält. Jetzt ist sie während einer seiner Übertragungen am Balkon erfroren, auf den er sie stundenlang gesperrt hatte. Sie war schwanger, und er hat damit 900 Euro verdient.

Ela: Also ja, es gibt da diese historisch gewachsenen Vorurteile und Annahmen, die sich über die Jahrhunderte summiert haben und bis heute nachwirken, auf die eine oder andere Weise immer wieder auftauchen, auch um, nach Bourdieu, die männliche Herrschaft zu legitimieren und zu bestätigen. Eine „Vergesellschaftlichung des Biologischen und (…) Biologisierung des Gesellschaftlichen in den Körpern und in den Köpfen“ die eine „Verkehrung der Beziehung von Ursachen und Wirkungen zur Folge“ hat. Auf Grundlage der biologischen Unterschiede wurden die gesellschaftlichen Unterschiede konstruiert und naturalisiert. Am Ende sieht es dann so aus, als wären die sozialen Unterschiede Produkt der biologischen Unterschiede. Man spricht vom „ewig Weiblichen“.

Der „supreme Gentleman“ Elliot Rodger, der 2014 sechs Menschen in Isla Vista getötet hat, und 14 verletzte, um sich an Frauen allgemein zu rächen, weil er keine Chance bei ihnen hatte, gilt in Incel-Foren als Vorbild. Der hat auch online angefangen. In seinem „Manifesto“ schreibt er, dass Frauen sich zu den „falschen“ Männern hingezogen fühlten, nicht zu ihm. Um diese Ungerechtigkeit zu beseitigen und zugleich der Welt zu beweisen, dass er der RICHTIGE Mann gewesen wäre, begab er sich auf einen Amoklauf in der Nähe der Universität von Kalifornien, um dort das Haus der „hottest Sorority“ zu betreten und „jede einzelne verzogene, hochnäsige, blonde Schlampe“ dort zu „schlachten“.

Er schreibt Frauen seien Bestien, und da spielen dann wieder die ganzen schönen Sachen rein, die schon die großen Philosophen so gern verbreitet haben, „Frauen sind nicht fähig, moralisch und rational zu denken, sie werden vollständig von ihren verdorbenen Emotionen und abscheulichen sexuellen Impulsen gesteuert“. Zum Glück hatte Rodger auch gleich eine Lösung für die Probleme der Menschheit. „Frauen sollten nicht das Recht haben zu wählen, mit wem sie sich paaren und fortpflanzen wollen. Diese Entscheidung sollte von rationalen, intelligenten Männern für sie getroffen werden. (…) Wenn Frauen weiterhin Rechte haben, werden sie nur den Fortschritt der menschlichen Rasse behindern, indem sie sich mit degenerierten Männern fortpflanzen und dumme, degenerierte Nachkommen erzeugen.“

Und dann passieren Sachen wie in Atlanta, wo ein Typ acht asiatische Frauen ermordet und die Medien tun sich richtig schwer, das als Misogynie zu erkennen. Laut Selbstaussage handelte es sich um keine rassistische Tat. Er sei sexsüchtig und habe die „Versuchung“ eliminieren wollen, sagt er von sich.

Stefan: Mann tötet 8 Frauen. Presse: Rassismus!

Ela: Also ja, es spielen sicher auch stereotype Darstellungen von Asiatinnen da rein und die Assoziationen dieser Massagesalons mit Prostitution.

Stefan: Vor allem haben ja meistens „Yellow Riders“, wie sie sich selbst nennen, deshalb ein Faible für asiatische Frauen, weil sie glauben die sind dankbar für einen kleinen Penis, somit ist das wieder etwas das zwar rassistisch konnotiert ist, aber letztlich mit Frauenverachtung zu tun hat.

Ela: Im Endeffekt war Frauenhass doch immer mit rassistischen Klischees durchsetzt oder? Sartre hat über die Fetischisierung von jüdischen Frauen gesagt, dass gerade in diesem Zusammenhang den besonderen Reiz der „Geruch von Vergewaltigung und Massaker“ ausmacht. „Die schöne Jüdin ist die, welche die Kosaken des Zaren an den Haaren durch ihr brennendes Dorf schleifen (…)“

Die Pickup-Leute bewerten Frauen auch nach Herkunft, nach dem Motto: Welche Nationalität gilt als besonders unterwürfig, zb., oder sonst irgendein Porno-Fetisch.

Stefan: Und es hat meistens mit Merkmalen zu tun, die man vom Machoverhalten der Männer ableitet, die in der Gegend wohnen.

Ela: Und man wünscht sich eigentlich den Platz mit diesen Männern zu tauschen.

Stefan: Man wünscht sich den eigenen Penis riesig und die Vagina der Frauen möglichst eng. Das ist auch im Wunsch nach Jungfräulichkeit versinnbildlicht.

Ela: Unangenehm.

Stefan: Sex ist offenbar wie Moral, es muss die Frauen recken dabei.

Link zu Teil 3

„The mother and the weeping child“ by Shambhavi Pataskar
2021, gouache and ink on paper
https://instagram.com/shyamanist
„There’s a mother in every one of us that’s not made for taking care of another life. This mother is made for our internal self, and it nourishes the child within us that suffers from things we’re oblivious to. Some call it God, while others call it a „voice in their head“, but time and time again I realized that not listening to this mother leaves me as a weeping child; because for once – it is good to let go and take care of ourselves without putting ourselves through unnecessary atonement.“