Mehr Broschüren braucht das Land

Das Bundeskanzleramt hat vor ein paar Tagen eine Broschüre offline genommen, die auf ihrer Homepage seit 2016 in der einen oder anderen Version zu finden war. Als bis vor kurzem sogenannte Ein-Eltern-Familie fühle ich mich natürlich prädestiniert auch noch meinen Senf zum Thema abzugeben.

Die besagte Broschüre enthält unter anderem drei Vorschläge, worauf Alleinerziehende nicht hoffen sollten, wenn sie sich wieder einmal im Selbstmitleid suhlen: dass der Ex zurückkommt, dass ein neuer Partner kommt oder dass sie mehr Geld bekommen. Für Alleinerziehende gilt also nicht einmal der universale Spruch: Pech im Spiel, Glück in der Liebe. Bleibt eigentlich nur noch die Broschüre.

In der Broschüre lernen wir auch Reinhard kennen, der als Alleinerzieher das Bügeln einfach an seine Mutter abgibt und erklärt: „Man muss nicht alles selber machen. Vor allem Dinge, die jemand anderer besser kann.“ Das Bügeln liegt den Müttern eben im Blut. Auch wenn die Kinder selbst bereits Väter sind.

Seit 2023 enthält die Broschüre außerdem den Hinweis auf geschlechtsspezifisch passende Serien über Alleinerzieher, die vom Selbstmitleid ablenken sollen. Den Männern legt man beispielsweise King of Queens nahe: Eine Serie über ein Ehepaar ohne Kinder. Vielleicht damit sie sehen, was mit Verhütung möglich gewesen wäre. Den Frauen legt man Big Little Lies ans Herz: Bei dem sich Frauen für den Todschlag an gewalttätigen Ehemännern gegenseitig decken. Eine weitere grandiose Idee für die mediale Darstellung von alleinerziehenden Männern: Shameless. Den Frauen schlägt man zudem Gilmore Girls vor.

Ich stelle mir dazu folgende Szene im BKA vor:

2023 sagt Karl Nehammer zu Susanne Raab: „Suchens mir für die Broschüre noch Serien für Mandal und Weibal. Irgendwas mit einem lässigen Vater, der seinen Kindern alle Freiheiten lässt, und einer überfürsorglichen Mutter, die sich um alles kümmert. Möglichst realistisch.“

Und die Raab kommt zurück mit Shameless und Gilmore Girls.

In Shameless geht es um den Alkoholiker Frank Gallagher, der seine sechs Kinder sich selbst überlässt, während er das Familieneinkommen versäuft und in illegale Drogen investiert.

In Gilmore Girls weigert sich Lorelai Gilmore das Geld ihrer reichen Eltern anzunehmen. Die Tochter zieht in Folge bei den Großeltern ein und besucht eine Eliteuniversität.

Man könnte sich jetzt natürlich fragen, was genau das BKA uns mit diesen Vorschlägen sagen will? Frauen suchen nach Lösungen, Männer ignorieren das Problem? Frauen machen sich das Leben selbst schwer, Männer lassen ihren Kindern ihre Freiheit?

Manchmal muss man auch über seinen Schatten springen und sich einen Sponsor suchen, aber Geld allein löst natürlich dennoch nicht alle Probleme. Denn man darf sich auch Sorgen um Nahrung, ein Dach über dem Kopf und Strom machen. Und das hat bekanntlich nichts mit Geld zu tun. Immerhin sind nur 48% der österreichischen Alleinerziehenden armuts- und ausgrenzungsgefährdet. 83% davon sind Frauen.

Nun fragt sich die eine oder andere Ein-Eltern-Familie vielleicht: Was kostet es den Staat, eine Broschüre zu produzieren, die Alleinerziehenden erklärt, dass mehr Geld nicht zwingend all ihre Probleme löst? Und was könnte man stattdessen für Alleinerziehende verbessern?

Als jemand der über weitaus weniger politische Erfahrung, als beispielsweise der Meme-Kanzler Christian Stocker verfügt – man bedenke nur sein großartiges Instagram-Posting über die 12 Cent Spritpreisbremse, Stichwort: Was bedeutet finanzielle Entlastung für Familien? –, fallen mir spontan nur ein paar Sachen ein, die man sich überlegen könnte, wenn man zu viel Geld hätte und BKA hieße:

Man könnte den Alleinerzieherabsetzbetrag nicht etwa erhöhen oder gar die Leistungen für Alleinerziehende ausbauen. Stattdessen wäre ich für eine konsequente Umbenennung des Alleinerzieherabsetzbetrags in Ein-Eltern-Familien-Absetzbetrag. Das könnte dann dahingehend ausbauen, dass wir in Zukunft nicht mehr von Menschen sprechen, die armutsgefährdet sind, sondern von Ein-Eltern-Familien-Absetzbetragempfängern.

Nicht, dass ihr glaubt, ich würde vorschlagen die kostenlose Kinderbetreuung in Österreich auszubauen – oder noch unrealistischer: die Kinderbetreuungsmöglichkeiten an sich zu erweitern. Stattdessen würde ich mir eine Broschüre wünschen, die Alleinerziehenden erklärt, dass sie sich doch einfach in größere WG-Verbände zusammenschließen können und sich die Schichtarbeit im Bergwerk so einteilen, dass immer jemand beim Kind zuhause ist.

Und wenn das alles nicht hilft, könnte man den Alleinerziehenden immer noch empfehlen, sich einen neuen Partner zu suchen. Oder zum alten zurückzugehen. Oder einfach mehr Geld zu verdienen, statt in der Teilzeit zu faulenzen. Aber natürlich nicht in der Hoffnung, dass dadurch alle Probleme gelöst werden. Für den Rest eignet sich die Broschüre zumindest zum Tränentrocknen.