Despektierliche Bemerkungen über den heutigen Buchhandel

Ich bin ein Flaneur. Zielloses Spazieren ist eine Leidenschaft von mir. Eine meiner flanierenden Entdeckungen sind Antiquariate. Wunderbare Läden voller Geschichten und Plunder, aber oft auch voller interessanter Menschen und Bücher.

Die Bücher-Antiquariate in Wien sind vielfältig und manchmal an Orten, an denen man nicht mit ihnen rechnet. Ich entdecke immer wieder ein neues beim Flanieren und dann schau ich hinein und geb mir die Auswahl dort. Die Antiquare sind Büchermenschen, durch die Bank. Sie lesen selbst und sie kennen sich aus. Sie kennen den Kanon und oft auch noch Spezielleres und Aktuelleres. Und mein liebster Antiquar, Jürgen Fetzer in der Löwengasse im dritten Wiener Bezirk, kennt auch Abseitiges. Er liest auch Trash und empfiehlt Bücher. Und zwar nach dem fruchtbarsten Empfehlungsmotto, mit dem bisher kein Algorithmus mithalten kann, er weiß, wovon er spricht. Wenn er sagt: „Wenn Sie das interessiert hat, dann wird sie das auch interessieren.“ – dann ist das keine Vermutung aufgrund der Ähnlichkeit der Buchdeckel und eines Wortes in der Überschrift, sondern ist ein durch eigenes echtes Lesen begründeter starker Verdacht. Darüber hinaus lacht er still, wenn ich beim Durchstöbern immer mal daheim anrufe und frage, ob wir den einen oder den anderen Band von Fritz Leiber oder Michael Moorcock schon haben.

Beinahe immer kaufe ich etwas, wenn ich im Antiquariat bin. Manchmal so viel, dass der Rucksack fast platzt. Es gibt auch echte Buchhandlungen, wie „Hartliebs Bücher“, wo es sowohl was zum Lesen, als auch eine tolle Beratung gibt. Da kann man dann bei kompetenten Händlerinnen etwas Seltenes oder Vergriffenes bestellen und sie erklären einem auch, woran es liegt, wenn ein Buch mal nicht geliefert wird. Sehr interessant übrigens, die politische Ökonomie des Buchhandels.

Wo ich in letzter Zeit immer seltener einkaufe, ist im regulären Groß-Buchhandel. Ich gehe rein, aber ich kaufe nichts. Das hat etwas mit der Präsentation der Waren zu tun. Menschen, die Bücher lieben und aktiv lesen, mögen Bücherwände. Ein, für Laien, unübersichtliches Durcheinander von Buchrücken, Farben und Formen, das anziehend auf die wirkt, die etwas damit anfangen können. Ich entdecke gerne versteckte Schätze, komme wieder vorbei und finde noch beim ersten Mal Übersehenes. Stattdessen wird neuerdings alles ganz offen präsentiert. Es gibt keine Schätze mehr zu entdecken und weil die Sortimente sich zusehends auf Neuerscheinungen beschränken, weiß ich meist bereits aus der Zeitung was da liegt, und darüber hinaus wird das Angebot immer dünner.

Die neuen Buchhandlungen mögen Buchliebhaber nicht. Sie wollen Kunden anziehen. Nicht unbedingt solche Kunden, die aufgrund der Qualität des Angebots und der Vortrefflichkeit der Beratung 200 Euro dalassen, sondern stattdessen Kunden, die schnell wieder weg sind, wenig Fragen stellen oder nur wegen eines „Geschenkkartons“ vorbeikommen. Beim Morawa muss man sich durch eine Halle voller aktueller Zeitgeistliteratur kämpfen, dann kommt man zu den Comics und dann zur Motorrad- und Autofahrerzeitschrift. Lyrik gibt es, genau wie bei Thalia, in homöopathischen Dosierungen. Überall liegen dieselben Bände von Rilke und Bachmann, wobei Bachmann ja wirklich gut ist und also zurecht überall erhältlich ist. Rilke ja auch irgendwie, aber den müsst es nicht überall geben. Den schmeißen sie einem, wie den Hesse und den Brecht mit den drei bekannten Stücken, eh in jedem offenen Bücherschrank nach. Beim Thalia auf der Landstraße stehen alle möglichen Gebrauchsgüter zum Verkauf. Sie erhalten die Hauptaufmerksamkeit der Innendesigner des Shops. Die Bücher an der Wand wirken wie eine hübsche Nebensache. Wer liest schon Pierre Bourdieu? Der ist zwar unter „B“ angeschrieben, aber physisch vertreten ist er nicht. Sollen die Kunden doch eine neue Handy-Hülle kaufen und sich den Bourdieu bei Amazon bestellen. Der analoge Buchhandel hat in der Konkurrenz mit den digitalen Plattformen offenbar beschlossen, diese einfach physisch nachzubauen und zu hoffen, dass die Menschen den Unterschied irgendwann nicht mehr bemerken. Man hätte stattdessen auch das Service verbessern können. Aber was verstehe ich schon davon?

Im ersten Stock beim Morawa in der Abteilung nahe der Naturwissenschaft: Der Arbeitsplatz der zuständigen Händlerin ist zwischen Tarotkarten-, Wohlfühl- und Kochbüchern. Ich, völlig naiv und von Antiquariaten verwöhnt, frage, ob es ein Buch über die Geschichte der chemischen Industrie gibt. Sie, meine Naivität sofort erkennend, wirft den Kopf in den Nacken und lacht hellauf, bevor sie, kopfschüttelnd, aber verständnisvoll, wie wenn man mit einem kleinen Kind spricht, das gerade gefragt hat, wann der Nikolo kommt, zu mir sagt: „Nein natürlich haben wir so etwas nicht.“ – und sich wieder ihrer Lektüre des Online-Standard zuwendet. Es kommt ihr so abwegig vor, dass es so ein Buch geben könnte, dass sie nicht einmal die Flucht in die online-Recherche antritt, um mir dann zu sagen, dass sie mir ein so ungewöhnliches Buch nur bestellen kann, so wie ich das selbst wahrscheinlich hätte tun sollen. Ich nicke, weil mir bewusst wird, wie blauäugig ich an diese Situation herangegangen bin und wende mich zum Gehen, als sie sich doch dazu entscheidet heute zu arbeiten und mich darauf aufmerksam macht, dass es beim Regal über Naturwissenschaft (1 Regal Naturwissenschaft, 2 Regale Tarotkartenbücher) eine „Einführung in die Chemie für Dummies“ gibt. Ich bedanke mich und frage mich, ob es für die Buchhändler in der ehrwürdigen Buchhandlung mitten im 1. Bezirk eine Einführung in den Buchhandel für Dummies gibt. Ich lasse die Frage vorläufig unbeantwortet. Und es gibt dort auch wirklich sehr bemühte Menschen, die zumindest versuchen hilfreich zu sein. Auch wenn dabei, interessanterweise gerade beim Morawa, bisher noch selten etwas rausgekommen ist.

Ein anderes Mal beim Morawa suche ich nach einem Buch aus einer Serie, die auf einem Aufsteller angeboten wird. Da ich das spezielle Buch nicht finde, wende ich mich an eine Händlerin, die gerade im Gespräch mit einem Kollegen ist, und merke gleich, ich störe. Da ich wohlerzogen bin, signalisiere ich eine Wartehaltung und ziehe mich ein wenig zurück. Das Gespräch wird zu einem für die beiden akzeptablen Ende gebracht und die Dame wendet sich mir unter Aufbietung ihres gesamten Berufsethos zu und erwartet mit halb geschlossenen Augen, das Unvermeidliche. „Was kann ich für Sie tun?“ Freudig trage ich meine, wirklich herausfordernden, Kundenbedürfnisse vor: „Sie haben hier diese Buchserie mit verschiedenen Titeln. Ich habe online [Ich zeige ihr Titel auf meinem Handy Display] diesen spezifischen Titel gesehen und ihn beim Durchschauen jetzt aber nicht gefunden. Haben Sie den hier und ich habe ihn übersehen, oder können Sie ihn mir bestellen?“ Wir schlurfen zum Arbeitsplatz der Dame und es beginnt eine Google-Suche nach dem Buchtitel, wie sie wahrscheinlich seit Gründung des Unternehmens niemand mehr durchgeführt hat. Dementsprechend lange lässt das Ergebnis auf sich warten. „Meinen Sie das hier?“ Ich nicke und weise nochmal auf mein Handy-Display, auf dem das Ergebnis ihrer Recherche bereits vorweggenommen wurde, aber natürlich nicht professionell genug. Woraufhin sie die Bestelldatenbank öffnet und dort eine mittellange Suche startet, die zum Ergebnis hat, dass dieses Buch vergriffen ist. In meiner grenzenlosen Ahnungslosigkeit frage ich, ob man herausfinden kann, ob es einen Nachdruck geben wird, denn schließlich deckt der spezifische Titel ein Thema ab, das jetzt in dieser Buchreihe nicht mehr vorkommt. Worauf mir das Selbstverständliche erklärt wird, nämlich dass Bücher, nach denen es zu wenig Nachfrage gibt, aus dem Sortiment ausscheiden und dann halt nie wieder zurückkehren. Wieder was gelernt. Ich bin schockiert und möchte hier an alle appellieren, die das lesen: Hört nicht auf Thomas Brezina zu kaufen, sonst ist der weg! Dann gibt’s keine „Knickerbockerbande“ mehr und keine „99 heißen Spuren“ und keinen „Tom Turbo“! Ich bestell mir gleich die ganze Serie. Machts das auch, bitte.

Der ehemalige Kuppitsch ist ja jetzt ein Thalia. Das bedeutet, er ist halb ein Libro und Bastelgeschäft, und irgendwo dazwischen liegen, neben Geschenksverpackungen, Kalendern und Ansichtskarten, auch ein paar Bücher. Zur Weihnachtszeit wollte ich ein paar Klassiker kaufen zum Herschenken, aber ich hatte mich für obskure Werke aus der Vergangenheit entschieden, allesamt überflüssiger Plunder aus einer Welt von gestern, wie Tolkiens „Der Herr der Ringe“, irgendwas von Thomas Ligotti und egal welches von Philip K. Dick. Naja, also den „Herren der Ringe“ (die Hardcore Sadomaso Filmversion davon heißt übrigens „Der Herr der Inge“) gabs schon, aber nur in der deutschen Billigausgabe, wo der Karton zerbröselt, sobald man die Plastikhülle entfernt und ohne die schönen Karten. Egal, es gibt ja Alternativen. Thomas Ligotti habe ich mich nicht fragen getraut, weil ich, nach dem Erlebnis mit dem Chemiebuch beim Morawa eine Systemüberlastung befürchtet habe. Aber Philip K. Dick, dachte ich, kann ich wagen. „Haben sie Philip K. Dick?“ „Bitte was?“ „Philip K. Dick. A scanner darkly, Bladerunner, Total Recall, The Man in the High Castle, Minority Report.“ „Sagt mir nichts. Ich schau mal nach.“ … „Ahja, ja den gibt’s schon. Aber haben wir nicht da.“ „Ok danke.“ Ein schönes weihnachtliches Gespräch.

Aber egal. Ich hab dann zu Weihnachten was anders geschenkt. Jedenfalls war ich heute wieder unterwegs und in der Unterführung von der endlich wieder geöffneten U2 bei der Mariahilfer Straße ist ein Books, den ich mag, weil ich da Zufallsfunde machen kann, ähnlich wie im Antiquariat. Jedenfalls komme ich gut gelaunt wie immer herein und bin angetan von der freundlichen Zugewandtheit des sehr jungen Verkäufers, der auf einem lehnenlosen Drehsessel hinter der Kassa thront, wie ein schöner Kranich am See. Jedes Mal, wenn der Kranich sich erhebt, macht der Sessel langgezogene ächzende Geräusche, als wäre er traurig, dass der freundliche Hintern nicht mehr auf ihm sitzt. Guter Hoffnung, ob der bemerkenswerten Begrüßung, frage ich, „Habt ihr Philip K. Dick?“ Der Freundschaftskranich denkt kurz nach und teilt mir dann mit, er habe beim Einräumen der Bücher keinen Dick bemerkt, also hat er keinen. Ich denke mir: Gut, dann schaue ich einfach so durch, vielleicht findet sich ja spontan etwas anderes. Sage artig danke und beginne durchzuschauen. Nach 5 Minuten habe ich den auf dem Beitragsfoto abgebildeten Stapel an Dicks gefunden. A Scanner Darkly ist leider nicht dabei. Aber ich nehme sie trotzdem mit. Der Verkäufer meint beim Bezahlen nur: „Seltsam.“ Ich stimme ihm zu und denke mir, ich komme auf jeden Fall wieder. Ich werde ein Spiel daraus machen. Ich betrete den Laden, frage nach einer bestimmten Autorin und wenn ich die Auskunft erhalte, dass diese bestimmt nicht da ist, mache ich mich auf die Suche nach ihr. Ich freu mich schon drauf.

Gespräche gegen die Wirklichkeit

Liebe Leute,

unser drittes Buch der Reihe halbwertszeit ist fertig. „Gespräche gegen die Wirklichkeit“ kann ab jetzt beim Verlag oder in der Buchhandlung eures Vertrauens bestellt werden. Und diesmal würden wir euch auch darum bitten uns dadurch zu unterstützen, dass ihr ein Exemplar kauft. Auch wenn ihr uns bisher nur von unserem Blog https://halbwertszeit.at/ kennt.

Das aktuelle Buch beinhaltet über 200 Seiten Gespräche (für wohlfeile 12 Euro!) über Zeus und Soyboys, über den Wahnsinn der Leistungsgesellschaft und den Arbeitswahn, aber auch über romantische Computerspiele und den Ekel den die deutsche Kolonialliteratur bei uns hervorruft. Es wird über Arno Schmidts Karl May Interpretation ebenso gesprochen, wie über Autofahren in Wien. Und natürlich findet sich auch die Fortsetzung unseres Gesprächs „Gegen Ladybrains und Schminkischminki“ darin.

Der Link zum Verlag ist hier:

Es gibt auch noch einige Restposten von den ersten beiden Bänden.

Wir würden uns sehr über eure Unterstützung freuen!

Vielen Dank!

Ela und Stefan

Schnitzler und Kanzler. Wieder eine Rezension

1954 soll der eiserne Bühnenvorhang der neu errichteten Wiener Staatsoper neu gestaltet werden. Der damalige Künstlerhaus-Präsident Karl Maria May warnt vor den vorgeschlagenen Künstlern Oskar Kokoschka („ein ehemaliger Österreicher, der, als seine Heimat in Not war, in englische Staatsbürgerschaft untergeschlüpft ist“) und Marc Chagall („ein national-israelischer Künstler russischer Herkunft“) und empfiehlt seinen Vorgänger Rudolf Eisenmenger für den Auftrag. Rudolf war ab 1931 im nationalsozialistischen „Kampfbund für deutsche Kultur“ und malte mit Vorliebe junge Männer mit Braunhemden und Hakenkreuzfahnen. Da der „verordnete Geschmack der NS Zeit […] in Nachkriegsösterreich auch in der Bildenden Kunst dominiert“ (123), war er bereits 1947 wieder entnazifiziert und 1951 Professor. (126)

Eisenmengers Nazi-Vorhang wurde erst 43 Jahre später durch Staatsoperndirektor Ioan Holender verdeckt und seither gibt es jedes Jahr einen durch eine Jury ausgewählten Künstler, der eine Spielzeit lang den Vorhang mit seinem eigenen Kunstwerk überdecken darf. (127) Laut Auflagen des Bundesdenkmalamts muss der Vorhang aber trotzdem drei Monate im Jahr zu sehen sein. Eine Geschichte von markant österreichischen Dimensionen.

Der Carl Ueberreuter Verlag gibt Bücher zur österreichischen Zeitgeschichte heraus die laut Selbstauskunft „packend erzählt“ sind. Und der vorliegende Text des renommierten Journalisten Herbert Lackner ist wirklich packend, bis in die Organisation des Textes hinein. Oder vielmehr er ist journalistisch, denn die einzelnen Kapitel erhalten jeweils eine Zusammenfassung vorangestellt, wie sie in einem Zeitungsartikel üblich ist. Da stehen dann Absätze wie der folgende: „Kaum ist Arthur Schnitzler bezwungen und Hugo Bettauer tot, drohen neuen ‚Gefahren‘: Eine ‚Negeroper‘ und eine ‚Halbnegerin‘ namens Josephine Baker kommen nach Wien.“ (35)

Das, was nach den reißerischen Ankündigungen kommt ist dennoch gut erzählt, spannend zu lesen und, für das kompakte Format, gespickt mit wissenswerten Informationen. Dazu noch Porträt-Fotos von den wichtigen Protagonisten, durch die die eine oder andere Mörder-Visage ein Gesicht bekommt sowie Fotos von Ausschreitungen, die das Beschriebene lebendig werden lassen. Im Großen kann man sagen: Mission accomplished. Man kriegt richtig Lust die anderen Titel Lackners, aus dem Verlagssortiment, beworben am Ende des vorliegenden Buches, ebenfalls zu bestellen.

Spannende Literatur ist ja zu allen Zeiten etwas Tolles. Ich räume aber ein, dass ich von einer „politischen Kulturgeschichte“ Österreichs einen Text erwartet hatte, der mehr als 200 Seiten in großzügigem Druckformat umfasst. Aber bei Betrachtung der Seitenzahlen bei den anderen Bänden, der Reihe „Zeitgeschichte“, wird klar, das gehört zum Konzept. Packend erzählte Zeitgeschichte hat nicht mehr als ungefähr 200 Seiten. Und Papier ist ja teuer. Was sich auch darin bemerkbar macht, dass der Verlag auf Anfrage zur Rezension PDFs verschickt und keine Bücher. Verständlich aus Sicht des Verlags. Enttäuschend aus Sicht des Rezensenten, der dadurch um die ideelle Anerkennung umfällt für seine geleistete Arbeit zumindest das besprochene Buch ins Regal stellen zu können.

Aber vielleicht ist es ja auch ein Vermarktungstrick, dass die Bücher so kurzgehalten werden. Lackner hat 2017, 2019 und 2021 bereits Bücher zur österreichischen Geschichte vorgelegt, die thematisch miteinander in enger Beziehung stehen und vielleicht in der Gesamtschau diese politische Kulturgeschichte zu einer umfassenden Erzählung werden lassen. Der Verlag hat das Prinzip der Serie genutzt und dieses Projekt, vielleicht auch dem Produktionsprozess des Autors entgegenkommend, in mehrere Staffeln gegliedert. So konnte anstatt eines Riesenziegels mit 800 Seiten, der auch in der gebundenen Version, nicht viel mehr als 40 Euro kosten darf, wenn er außerhalb von Universitätsbibliotheken verkäuflich bleiben soll, eine Serie von Büchern erzeugt werden, die gemeinsam mehr als 80 Euro kosten dürfen.

Lackners Stil kommt dem Verlagsziel Papier zu sparen sehr entgegen. Er schreibt knapp und klar und erzählt dennoch brillant, weil er das Mäandern beherrscht, also das schnelle Durchstreifen von ganzen Regionen mittels kurvigem Wegverlauf. Die Geschichte wird als Ereignissammlung präsentiert. Die Ereignisse werden in guter journalistischer Machart zu Geschichten aufgebaut, die von Protagonisten und Antagonisten bespielt werden und über einen Spannungsbogen verfügen. Jedes Kapitel ein Eintrag in der Geschichte Österreichs, der beispielhaft für die verzwickten politischen Verhältnisse in diesem Land stehen kann. Alle Kapitel zusammen, in Lackners Selbstsicht, „eine durcherzählte fast romanartige Geschichte“ (8).

Bei der Lektüre wird schnell klar, die politische Kultur in Österreich ist eng verknüpft mit Skandalen. Kulturelle Skandale wohlgemerkt, durch die auf dem Feld der Kulturproduktion politische Kämpfe symbolisch ausgefochten werden. Es geht um Kulturkampf, den Lackner als Kampf der Künstler um „Existenz und Freiheit“ (7) gegen eine konservative rechtsorientierte Gesellschaft, in der zuerst die katholische Kirche, dann der Austrofaschismus und der Nationalsozialismus regieren. Das neue Österreich ab 1945 ist aber auch nicht besser, denn es stützt sich von Anfang an auf konservative Kulturtraditionen belohnt die faschistischen und reaktionären Dichter und schmäht ihre Kontrahenten mit aktiver Politik. (114) Das liegt auch am Personal. Die beiden ersten Unterrichts- und Kulturminister der Zweiten Republik, Felix Hurdes und Heinrich Drimmel (ÖVP)- waren Funktionäre in Kurt Schuschniggs Kanzlerdiktatur, Drimmel darüber hinaus noch Heimwehrmann. (116)

Konsequent wurde der 1934 eingeführte und ab 1950 wieder vergebene Große Österreichische Staatspreis für Literatur, „fast durchwegs“ an „die Stars des Ständestaats, die auch in der NS-Zeit hofierte Autoren blieben“ (116) verliehen. Ein besonderes Exemplar unter den vielen Autoren mit klingenden Namen, wie aus US-Amerikanischen Nazifilmen, Leitgeb, Braun, Henz, Mell, war Karl Heinrich Waggerl. 1938 der NSDAP beigetreten und Obmann der Salzburger Reichsschrifttumskammer, behauptete er nach Kriegsende nichts von seiner NS-Mitgliedschaft gewusst zu haben. (117) Dabei hatte er bezüglich der Preisverleihung gegenüber den durch die Nazis vertriebenen Autorinnen zwei große Vorteile: 1. Er hat den Preis bereits 1934 erhalten. 2. Die Satzung des Staatspreises sieht vor, dass nur, wer seinen Wohnsitz in Österreich hat, ausgezeichnet werden kann. Alfred Polgar, Hermann Broch, Max Brod, Elias Canetti, Vicki Baum und viele andere waren deshalb des Preises nicht würdig. Lackner schreibt sehr schön: „Österreich hat Waggerl. Und Elias Canetti kann sich 1981 mit dem Literaturnobelpreis trösten …“ (118).

Die Kontinuität der Nazis an den Hebeln der Macht in der Zweiten Republik macht betroffen. Das betrifft auch die Musik. Im Fall von Alban Bergs Oper Wozzek hat dessen Witwe Helene noch 1951 bei den Salzburger Festspielen Probleme die Oper aufführen zu lassen. Die Oper wird bei der Eröffnungsrede durch den damaligen Landeshauptmann Josef Klaus verschwiegen, „echte Kunst“ dagegen gelobt. Die Nazis bezeichneten das Gegenteil von echter Kunst als entartete Kunst und diese Einteilung ist in manchen Kulturdebatten bis heute bemerkbar. Das Tragen von Bikinis ist in Vorarlberg bis in die 1960er Jahre untersagt und mit Berufung auf ein Lichtspielgesetz von 1927 wird das letzte Filmverbot unter dem Siegel echt/entartet in Vorarlberg noch 1987 ausgesprochen. (135)

Lackner liefert eine Geschichtsreise, die augenöffnend für die Gegenwart wirkt. Kleidungsvorschriften für Frauen. Verbote von Filmaufführungen. FPÖ-Plakate die fragen: „Lieben sie Scholten, Jelinek, Peymann, Pasterk … oder Kunst und Kultur?“ Hetze gegen Minderheiten und hetzende Minderheiten. Die Kontinuitäten sind nur allzu sichtbar. Österreich ist weiterhin ein antisemitisches Land und wird davon auch nicht durch den Zuzug von Menschen aus aller Welt befreit werden. Denn nicht nur in Österreich ist der Antisemitismus ein Mittel zu Herrschaft und Triebabfuhr.

Österreich ist auch heute ein konservatives Land mit zutiefst reaktionären Sentimenten in der Mehrheitsgesellschaft. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass öffentliche Debatten über die Kulturindustrie nicht mehr von Rechten, sondern von Linken dominiert werden. Jetzt wird halt unter geänderter Flagge und neuen Mitteln verboten und zensuriert. Lackner greift das Thema Cancel Culture auf und meint, dass die alten Kulturkämpfe von neuen abgelöst werden. Aber am Ende hat wahrscheinlich der Verlag beim Autor über den Papiermangel geklagt, denn die letzten Kapitel sind, obwohl auch sehr lesenswert, hastiger formuliert. Der Abschluss wirkt unfertig.

Ein wunderbares Buch das leicht zugängliche Munition zur Kritik der Gegenwart aus ihrer Geschichte heraus liefert. Eine anekdotische Auseinandersetzung mit der österreichischen Misere und den Gründen dafür, die an einigen Stellen brillant ist und an manchen leider zu kurz, um ihre volle Wirkung zu entfalten.

Dem Elon seine Biographie und das seltsame Gespräch darüber im Spiegel

Walter Isaacson hat eine Biographie über Elon Musk (52) geschrieben. Im Spiegel-Interview spricht er darüber und man kann Erstaunliches erfahren. Isaacson ist, laut Der Spiegel 38, 2023, Geschichtsprofessor an der Tulane Universität in New Orleans und hat dort offenbar so geringe Verpflichtungen an seine Studentinnen, dass er Zeit hat seit Jahren permanent Biographien von berühmten Wirtschaftstreibenden zu verfassen. Dass er 1996 bis 2001 Chef vom Dienst der New York Times, bis 2018 CEO des Aspen Instituts und von 2009 bis 2012 von Präsident Obama als Vorsitzender des Broadcasting Board of Governors eingesetzt war, ist den fleißigen Redakteuren nicht erwähnenswert. Er war also auch 3 Jahre neben seiner Professur für alle internationalen nicht-militärischen Hörfunk- und Fernsehprogramme der Regierung verantwortlich. Eine stolze Leistung. Man möchte fast sagen, Walter Isaacson ist wahrscheinlich ein Genie.

Aber natürlich ist auch das Broadcasting Board eine spannende Angelegenheit: Die offizielle Aufgabe der USAGM ist, Freiheit und Demokratie auf der Welt zu fördern und zu erhalten. Dies soll durch die Verbreitung von korrekten und sachlichen Nachrichten und Informationen über die USA und die Welt an das internationale Publikum umgesetzt werden. Die Sender sind nur im Ausland zu empfangen, da in den USA staatsfinanzierte Inlandspropaganda laut einem Gesetz von 1948 verboten ist.

Also Propaganda für die Änderung der Welt unter der Aufsicht von staatlichen Behörden: Die Rechtsaufsicht über die USAGM liegt beim Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten des Repräsentantenhauses und beim Ausschuss für Auswärtige Beziehungen des Senats. Die Haushaltsausschüsse beider Häuser des Parlaments sind sowohl für die Mittelbewilligung als auch für die Programmaufsicht zuständig.

Isaacsons Oeuvre umfasst unter anderem Leonardo da Vinci, Henry Kissinger, Benjamin Franklin, Steve Jobs und jetzt Elon Musk. Er bezeichnet jeden einzelnen davon als Genie. Auch wenn ihm zu seinen Protagonisten unterschiedliche Erinnerungen erhalten geblieben sind. Zu Leonardo da Vinci, dem einzigen legitimen Genie in dieser Aufzählung, fällt ihm im Spiegel-Interview nur ein, dass er „schwul“ war. Da kann es schon passieren, dass er in der Biographie über da Vinci diesem Geniekult auf unpassende Weise fröhnt, wie die FAZ damals festhält. Sie schreibt unter anderem: „In dem ‚geradezu peinlich’ berührenden Abschnitt ‚Von Leonardo lernen’ mache er ‚aus Leonardo einen kalifornischen Yogalehrer. ’“ (FAZ 286, 2018)

Um Weisheiten, wie diese zu produzieren, hat er sich für Elon Musks Biographie zwei Jahre Zeit genommen, um sie „an der Seite von Elon Musk“ zu verbringen. Dafür erhielt er, laut devoter Spiegelformulierung „vom reichsten Mann der Welt, Boss von Tesla, SpaceX und Eigentümer von X […] seltene und ungewöhnliche Einblicke in sein Leben“.

Wer hier bereits das Gefühl hat, dass das folgende Gespräch peinlich des Todes wird, hat eine gute Intuition.

Gleich am Anfang erfährt man, wie ein Tag im Leben des Elon aussieht. Er „fängt nicht so früh an, meistens um zehn Uhr“. Das ist doch nett, die Frage brennt natürlich auf der Zunge, ob das für seine Angestellten in den diversen Techkonzernen auch gilt. Also mir. Den Spiegelredakteuren nicht.

Den Rest des Tages lebt Elon den Kommunismus. Nur, dass die berühmte Passage aus der Deutschen Ideologie von Marx und Engels [„in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“] weder dem Geschichtsprofessor, noch den Spiegel-Journalisten bekannt ist, weshalb dieses Pikanterie unkommentiert bleibt.

Jedenfalls steht Musk auf, wann es ihm passt, und dann fliegt er in die Tesla-Fabrik in Austin und widmet sich eine Stunde lang der Lackiererei und erklärt seinen Ingenieuren, wie sie diese beschleunigen können. Danach fliegt er mit dem wartenden Privatjet nach Südtexas zum SpaceX Werk und gibt den dortigen Arbeitern und Angestellten Tipps wie sie die Triebwerke verbessern können. Die Gesichtsausdrücke der professionellen Mitarbeiter während der Belehrung durch den Amateur kann man sich sicherlich vorstellen.

Aber fleißig ist er, das muss man ihm lassen. Den Millionen armen Schweinen gegenüber, die mit ihrem Fleiß diese individual-kommunistische Lebensweise ermöglichen, muss sich Elon nicht solidarisch fühlen. Sein Fleiß ist einfach besser, denn „er konnte sich schon als Kind so sehr auf eine Sache konzentrieren, dass er darin völlig versank. Seine Mitschüler standen dann direkt vor seinem Gesicht, klatschten in die Hände und kamen nicht an ihn ran.“ Was bei Normalsterblichen, aka ökonomisch nicht-privilegierten Menschen, wahrscheinlich zu einer psychiatrischen Diagnose und der damit verbundenen Positionierung am karrieristischen Abstellgleis geführt hätte, wird bei Elon als „extremer Fokus“ verherrlicht, der als Nebeneffekt halt mit sich bringt, dass er ihn „von jeglicher Emotion abschneidet“, „Was ihn oft zu einem ziemlichen Mistkerl macht.“

Wie das zu verstehen ist, klärt sich in der nächsten Antwort des Geniekult-Professors aus New Orleans: „Wenn er nachdenkt, ist es ein Fehler, die Stille zu füllen. […] Es ist sogar gefährlich, diese Stille zu unterbrechen.“ Das hat Isaacson schnell gelernt und sich sofort in die Rolle des Unterworfenen eingefühlt und Elon seinen Ego-Raum gelassen, in dem er oft minutenlang schweigend auf die Antworten des zum Genie verklärten gewartet hat. Eine Rolle, in der man ihn wahrscheinlich während einer Prüfung mit einer seiner Studentinnen an der Universität eher selten gesehen hat. In den Worten des Professors wird aber klar, dass hier nicht nur eine freiwillige Unterwerfung stattgefunden hat, sondern auch eine wahnhafte Übertragung, denn „Dann saß er drei, vier Minuten da und sagte nichts – wie ein Computer arbeitete er nach und nach eine Fülle an Daten ab.“ Hier wird eine vermutlich narzisstische Verhaltensweise als Indikator für Genialität dargestellt. Wo ökonomisch ausgebeuteten Menschen wohl Autismus oder Soziopathie attestiert würde, herrscht hier das Erschauern vor der Macht. Eine Meisterleistung, wie sie wohl nur einem mit allen Wassern der ökonomischen Elite gewaschenen Universitätsprofessor einfallen kann.

Dass Musk in seiner Kindheit durch einen gewalttätigen Vater und unangenehme Camp-Erfahrungen beschädigt wurde, ficht die Theorie, dass seine antisozialen Verhaltensweisen Ergebnis seiner Genialität und nicht einer schweren Traumatisierung sind, für seinen Biographen nicht an. Im Gegenteil es führt zu dem absurden Vergleich, die Beziehung von Elon und seinem Vater sei wie die von Luke Skywalker und Darth Vader. Worauf dann nicht einmal die, ansonsten zu allem bereiten, Journalistendarsteller des Der Spiegel bereit sind einzugehen.

Kurz darauf kommt das Gespräch auf die Twitter-Übernahme und plötzlich geht’s ums Eingemachte. Der Spätaufsteher mit der ADHS-Arbeitsweise ist nämlich dagegen, dass Mitarbeiter Krankenstände antreten können. Beim ersten Besuch in der Twitter-Zentraler störte ihn am meisten, dass es dort Kantinen und gesundheitsfördernde Maßnahmen gab. Vor allem Krankenstände bei psychischen Problemen schließt er für seine Mitarbeiter kategorisch aus. Wahrscheinlich, weil sie ihm selbst am besten täten. O-Ton des Professors: „Er mag es nicht, wenn sich Mitarbeiter psychologisch zu sicher fühlen. Sie sollen Getriebene sein, so wie er.“ Ohne besonderen Anlass hier die Grundmerkmale von Soziopathie: sprunghaftes, impulsives Verhalten, das oft egoistisch und rücksichtslos wirkt, sowie die Unfähigkeit sich in andere hinein zu versetzen.

Dem korrespondiert seine Beziehung zu seinen nächsten männlichen Verwandten: „Sie lieben sich, prügeln sich und treten sich manchmal in die Eier.“ Eine Formulierung, wie sie nur ein wahrer akademischer Forscher entwickeln kann. Und konsequent sagt dieser Erforscher des Musk: „Man kann den Mann, der sich ins Risiko stürzt, nicht von dem trennen, der rücksichtslos mit seinem Mitmenschen umgeht.“

Kollateralschäden sind beim Aufstieg eines genialen Soziopathen halt nicht zu vermeiden. Kann man nix machen. Das macht ihn aber nicht zu einem Genie, so Isaacson. Zum Genie wird er dadurch, dass er „mit 20 Ingenieuren zusammensitzen und visualisieren“ kann, „wie sich der Einsatz von Edelstahl in seiner Starship-Rakete auswirken wird.“ Glaubt der Professor wirklich daran? Wenn ja, handelt es sich dabei um magisches Denken. Also den zwanghaften Glauben einer Person, dass ihre Gedanken, Worte oder Handlungen auf magische Weise ein bestimmtes Ereignis hervorrufen oder verhindern können, wobei allgemeingültige Regeln von Ursache und Wirkung ignoriert werden. Was bei Kindern belächelt und bei ökonomisch nicht privilegierten Erwachsenen zu Kopfschütteln führen würde, führt bei Isaacson zum Urteil Musk sei ein Genie. Dass er nebenbei Autoritäten hinterfragt und an den Verhältnissen rüttelt, ist dabei nicht Ausweis seiner Unreife und Renitenz, wie es das bei einem normalen Arbeiter wohl wäre, sondern eine Heldentat. So wie folgende Heldentat: zu der Frage, ob sein Tesla Autopilot an einem Stoppschild halten soll, sagt Musk in der Erinnerung von Isaacson: „Das ist bescheuert. Menschen machen das auch nicht.“ „Er ignorierte also einfach die Verkehrsregeln. Für manche macht ihn das zum Helden.“ Ein Held der die Straßenverkehrsordnung ignoriert, kann auch zum Mörder werden, wenn daraus ein vermeidbarer Unfall entsteht.

Ein solcher Held kann sich mit Lappalien nicht abgegeben. Das 12.000 Dollar teure Full Self Driving System in seinen Autos ist etwa alles andere als selbstfahrend. Da bleibt sogar dem wohlmeinenden Reporter des Der Spiegel der Mund offen: „Das ist doch ein Bluff.“

Die verblüffende Antwort darauf zusammengefasst. Ja schon, aber er darf das und überhaupt ist es kleinlich einem Großdenker so eine Kleinigkeit vorzuwerfen. „Er ist fixiert auf große Zukunftsvisionen.“ Eine „Realitätsverzerrung“, wie auch der Professor zugibt, aber ohne sie, wie er gleich hinzufügt, wäre Musk nicht so erfolgreich.

Wie erfolgreich er im Privatleben ist, kann man der Schilderung des nächsten biographischen Sachverhalts entnehmen, bei dem von Seiten Isaacsons, mehrere politisch inkorrekte Invektive zum Einsatz kommen, die vom Spiegel unkommentiert stehen bleiben. Es geht darum, dass sich Elon in den letzten Jahren politisiert hat. Grund dafür scheint für den Biographen die „Transition seiner Tochter Jenna“ zu sein. „Mehr als die Geschlechtsangleichung traf ihn die Tatsache, dass Jenna in dieser Zeit auch Marxistin wurde. […] Er begann zu glauben, dass sie sich mit dem woken Gedankenvirus infiziert und ihre Schule sie linksradikal gemacht hatte.“ Marxismus, woker Gedankenvirus, Schule, Linksradikalität. Die Reizwörter der rechten Wutbürger. Strohmänner für die Spiegelgefechte der Reaktionären. Der Spiegel schweigt dazu.

Konsequent in seiner Widersprüchlichkeit unterstützt Elon natürlich politische Kandidaten „die gegen das Establishment sind“. Dass der Spiegel darauf ausnahmsweise gekonnt ironisch hinzufügt, dass Musk nicht nur „der reichste der Welt, sondern auch einer der mächtigsten“ ist, und somit, wenn man diesen Gedanken einfach mal ausspricht, zum Establishment gehört, erschüttert den genialen Biographen in keiner Weise.

Dass er nebenbei selbstherrlich Weltpolitik betreibt und etwa der ukrainischen Armee Zugang zu Satellitendaten gewährt oder verweigert, wie es ihm passt, dass er laut seiner Aussage mit Putin persönlich telefoniert und einen Friedensplan für Taiwan vorgelegt haben soll, zeigt nicht etwa Größenwahn, sondern, dass er sich selbst als „großen, weltgeschichtlichen Charakter“ sieht, der aber nach wenigen Jahren begriffen hat, „dass der globale Friedensstifter keine passende Rolle für ihn ist“. Wieder ein Hinweis auf die Aufmerksamkeitsspanne dieses Genies. Weltfrieden ist entweder in zwei Jahren zu erreichen oder einfach gar nicht. Und dann beschäftigt man sich halt mit etwas anderem. Mit was, diese Frage bleibt offen. Hoffentlich nicht mit dem Gegenteil von Weltfrieden, denn davon hatten wir im Interesse des großen Kapitals bereits genug.

Egal, wie das politische Abenteuer für Musk weitergeht, es bleibt jedenfalls spannend, denn er „hat eine düstere Weltsicht“ und „liebt Drama“, „er denkt ständig an den Weltuntergang“ genau was der menschlichen Geschichte noch gefehlt hat: Ein Mannbaby mit Weltuntergangsfantasien.

Fantasy. Ein launiger Kommentar

(Impulsvortrag anlässlich einer Nacht über Terry Pratchett)

Lyon Sprague de Camp schreibt über Fantasy, es sei die Literaturgattung, die eine Welt beschreibt, die es hätte geben müssen, damit eine gute Story entsteht. Ich schließe mich dem vollständig an. Weiter behauptet er, dass eine gute Story in einer Welt spielt in der alle Männer Helden, alle Frauen schön und alle Probleme einfach waren. Naja.

Fantasy stammt aus der Antike. Wir erinnern uns an Homer, den ersten schriftlichen Fantasy-Autor, dessen Geschichten alle so ablaufen: Männer tun männliche Dinge. Da wäre mal Zeus, der männlichste Mann, erster Fantasy Held und Serienvergewaltiger. Achilles, erster Halbgott, Sklavenhalter, Kriegsverbrecher. Odysseus, der weltreisende Raubmörder. Und die beiden etwas seltsamen Helden Theseus, dessen erstes Opfer der „Keulenträger“ Periphetes wird und dessen größter Triumph darin besteht, den von einer Kuh bewohnten Palastkeller zu durchqueren. Und dann Ödipus, der, naja …

Jedenfalls ist das Monsterkompendium seit der Antike gut gefüllt. Denn die männlichen Helden vermöbeln mit Vorliebe starke Frauen mit tragischen Geschichten. Sphinx, Medusa, Harpyie, die Gorgonen, Kirke und Hera, und manchmal Athene, sind die Endgegner der antiken Männerfantasie.

Fantasy stammt aber auch aus dem Mittelalter.

Thomas Malorys Epos über König Artus und die Ritter der Tafelrunde ist ein Prototyp der erzählenden Phantastik. Es ist in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden und das erklärt auch, warum Artus Ritter anstatt Römerhelmen Langschwerter tragen. Hier jedenfalls betritt der erste Gandalf, Elminster, Dumbledore der Literaturgeschichte die Bühne: Merlin. Kind von Dämonen und auch ansonsten eine zwielichtige Gestalt. Aber immerhin Magier des Königs.

Wobei der echte Merlin von Don Rosa in seinen Dagobert-Heften historisch sicher akkurater dargestellt ist. Ein heruntergekommener Bänkelsänger am Hof eines Dumnonischen Kleinfürsten. Der dann im Verlauf der Zeitreise-Geschichte auch noch das einzige scharfe Schwert (Excalibur: Keltisch Hartscharte) seines Fürstentums an die Ducks verliert.

Um einiges realistischer ist da schon die erste Comicserie der Welt von Harold Foster (geboren 1892) und Max Trell: Prinz Eisenherz. Darin erscheinen alle Komponenten des Ritterromans, aufgepeppt durch historisch relativ akkurate Kostüme, weniger akkurate amerikanische Ureinwohner und Plots, in denen es um das strategisch kluge Überlisten mächtiger Feinde geht. Darunter auch immer wieder die Enttarnung des einen oder anderen falschen Hexenmeisters. Harold Fosters Merlin ist ein Mann der Wissenschaft, der seine Erkenntnisse mit esoterischen Kalendersprüchen aufregender macht, um sie leichter an den Mann zu bringen. Prinz Eisenherz ist sein gelehriger Schüler.

Bis heute ist das beliebteste Fantasy-Setting eine feudale Gesellschaft. Deren Reiz liegt natürlich darin, dass die Protagonisten von Fantasy meistens entweder bereits aus dem Adelsstand stammen oder durch ihren Heldenmut dorthin gelangen. Also entweder reich geboren sind, oder Superkräfte haben, oder beides.

Dass die mittelalterliche Gesellschaft sich für den Heldenmut der Normalbürger nicht allzu sehr interessierte, ist historisch belegt. Oder kann sich von euch noch jemand an den tapferen Mann erinnern, der bei der Schlacht von Hastings 1066 die rechte Flanke von König Harolds Angel-Sachsen zu einem Sturm vom Hügel herunter motiviert, und damit den Normannen die Eroberung Englands und Wilhelm dem Eroberer seinen Titel ermöglicht hat?

Im Mittelalter dient die Literatur der Zuweisung von gesellschaftlichen Plätzen, der Bestätigung von Herrschaft. Erst Aufklärung und Säkularisierung bringen Fantasy in die Form, die wir heute kennen. Moderne Fantasy setzt die Trennung von Phantasie und Herrschaft voraus. Oder anders gesagt: Fantasy ist alles, was wir uns vorstellen können, ohne Zwang und religiösen Wahn, eine kleine Revolution.

Thomas Morus schreibt 1516 über „Utopia“, eine Insel, auf der Menschen mit Hilfe von Robotern und angeleitet von weisen Männern ein gutes Leben frei von feudalen Zwängen führen.

Der Roman „Gargantua und Pantagruel“ des Mönchs Rabelais ist ebenfalls ein früher Zeuge für die widerständige Kraft der Fantasy. Der Riese Gargantua und sein Sohn erleben allerhand wunderliche und definitiv nicht politisch korrekte Abenteuer und finden eines Tages das versteckte Kloster Thelema, auf dessen Tor geschrieben steht: Tu was du willst!

Rabelais macht bereits im 16. Jahrhundert mittels Phantastik Werbung für den Anarchismus. Denn für ihn sind Menschen, die in Freiheit und mit liebevoller Erziehung aufwachsen, von Natur aus dazu fähig miteinander ohne äußeren Zwang respektvoll und friedlich umzugehen.

Phantastik ist ein Erzählgenre das sich im Roman des 18. Jahrhunderts endgültig herausbildet. Gute Fantasy beinhaltet viel Phantasie, viele Wunder und wunderbare Wesen. Aber Phantastik braucht nicht unbedingt Phantasie, denn die Motive und Kreaturen, an denen sie sich abarbeitet, existieren seit Jahrtausenden. In schlechter Fantasy wird nur das wiedergekäut, was wir eh schon alle zur Genüge kennen.

Ich sage jetzt nicht Harry Potter, aber bei Harry Potter ist das so. Alles ist ein wiederaufgewärmter Strudel von vorgestern, der happengerecht zum Konsum präsentiert wird.

Etwa das Waisen- oder Findelkind Motiv: Ein Kind wird von seiner Geburt an zu einer Machtstellung in der Welt bestimmt. Der Antagonist bemüht sich erfolglos durch eine Reihe von Anschlägen die Entscheidung des Schicksals zu vereiteln. Das Schicksalskind gelangt zu seiner Bestimmung: sein Feind wird besiegt. Die ersten überlieferten Schicksalskinder sind Buddha und König Artus. Aber auch Elora Danan gehört zu ihnen.

Fantasy kann auch Ablenkung sein. Und Wirklichkeitsflucht ist den Herrschenden oft recht. Schlechte Fantasy ist genau das: ein Herrschaftsmittel. Die Aufklärung will das Licht der Vernunft dazu verwenden alle Schatten von der Erde zu verbannen. Alles soll eindeutig und klar werden. Für Kant ist jede Fantasy schlechte Fantasy. Aber von der Revolution hält er nach dem Erhalt seiner Professur auch nichts mehr.

Es stimmt: Mit dem richtigen Licht lässt sich gut sehen. Aber mit Wissenschaft alleine lässt sich keine Revolution machen. Die Romantiker erwidern: Wenn das Licht so auf eine Stelle konzentriert wird, dass die Schatten ganz verschwinden, bleibt alles rundherum im Dunkeln.

Vielleicht liegt das daran, dass Revolution und Phantasie doch etwas gemeinsam haben. Die Phantasie ist eine produktive Kraft. Wer sich vorstellen kann, dass es anders sein kann, der hat zumindest eine Ahnung davon, dass man das, was ist, ändern kann.

Die Romantiker erweitern die Phantastik in die Religion hinein, sie verwenden sie wie ein trojanisches Pferd . Friedrich Schleiermacher schreibt 1797, also kurz vor der französischen Revolution: „Ihr werdet es wissen daß Eure Phantasie es ist, welche für Euch die Welt erschafft, und daß Ihr keinen Gott haben könnt ohne Welt.“ (ÜdR: 72)

Die deutsche Romantik verwendet das Übernatürliche und Wunderbare als Ausdrucksmittel menschlicher Gefühle. Aber auch als Waffe gegen religiöse Fundamentalisten und staatliche Repression.

Die Phantastik dient dazu Phantasie in den Mainstream einzuschmuggeln. Das Phantastische bereitet den Weg für Science Fiction und Superhelden Comics. Es wird zum Mittel das randständige und seltsame, die Außenseiter, ins Zentrum zu rücken. Dass der Batman heute ein „Dark Knight“ ist, verdankt er der Romantisierung des mittelalterlichen Ritters. Dass er ursprünglich in Detective Comics auftrat, verdankt er Arthur Conan Doyle und seinem Sherlock Holmes.

Wir verdanken große Teile der Fantasy des 20. Jahrhunderts den Romantikern. Die Welt des Herrn der Ringe ist genau das: Eine romantische Gesamtschau der frühenglischen Ritternovelle, in Form eines epischen Reiseführers mit Sehenswürdigkeiten und Top-Wanderrouten.

Aber die Fantasy-Welten des 21. Jahrhunderts stammen aus der Feder unzähliger AutorInnen. Anne Rice (Vampire), Fritz Leiber (Schwerter von Lankhmar) und Michael Moorcock (Elric von Melniboné der Albino Elf) in den 1970ern, R. A. Salvatore ab 1988 „The Legend of Drizzt“ (der Dunkelelf). Aus ihren Ideen hat aber nicht nur Joanne K. Rowling ihre Ideen geklaut, sondern auch Andrzej Sapkowski mit seinem Geralt von Riva.

Alle zusammen stehen sie in der Schuld bei einem Bodybuilder namens Robert E. Howard, einem Zeitgenossen und Freund von Harry Hudini und H. P. Lovecraft.

Howard hat das Heldenepos ins 20. Jahrhundert geholt und mit Conan einen Helden erschaffen, der mit seiner pragmatischen Einstellung zu Abenteuern bis heute ein Vorbild für sämtliche Fantasy-Rollenspieler abgibt. Er ist ein Dieb, ein Frauenheld, ein Superspion und ein Schwertmeister, alles in einem. Und wenn er ein Kamel K.O. schlägt, dann hat er seine guten Gründe dafür.

Aber bereits bei Ludwig Tiecks Erzählung „Die Elfen“ von 1811 gibt es eine Vorschau auf Tolkiens Galadriel: Eine große Frau in glänzendem Kleid, warm lächelnd und voller tödlicher Macht. Tiecks Geschichte endet mit dem Tod.

Wir erinnern uns an den Film: „Anstelle eines dunklen Herrschers hättest du eine Königin; nicht dunkel, aber schön und entsetzlich wie der Morgen, tückisch wie die See, stärker als die Grundfesten der Erde. Alle werden mich lieben und verzweifeln!“

Bevor wir jetzt alle anfangen zu weinen: Es gibt auch Funny Fantasy. Also Fantasy, die sich über Fantasy lustig macht. Als würde sie das nicht eh von selbst erledigen.

Der Herr der Ringe ist nicht funny. Und an manchen Stellen fast lachhaft, wie ernst die Protagonisten ihre Ringe und Steine nehmen. Aber eigentlich gibt’s da nichts zu lachen. Und wenn die Protagonisten mal lachen, dann nur weil sie sich nach überstandenen Gefahren lebendig wiedersehen. Tolkien beschreibt, aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrend, eine Welt im Untergang. Und fragt man Winston Churchill, dann hat er damit recht. Großbritannien verliert im Ersten Weltkrieg sein Empire.

Aber niemals den Humor. Oder, um den Bauern Dennis aus „Die Ritter der Kokosnuss“ zu zitieren: „You can’t expect to wield supreme executive power just ‚cause some watery tart threw a sword at you!“ Das sagt er zu König Artur.

Puh!! Empire verloren, aber Humor gerettet. Einige Ritter gibt es also doch noch. Einer davon ist Terry Pratchett, bei dem schon die Ansammlung an Konsonanten in Vor- und Nachnamen einfach zum Spaßhaben anleiten. Diese Namen kann man kaum falsch schreiben. Jedenfalls war Pratchett vor seiner Karriere als Autor im Industriemanagement (Atomkraft) tätig. Und auch das merkt man seinen Büchern an. Er hatte übrigens ein „ausgeprägtes Interesse“ an Orang-Utans und wird von seinen Fans Pterry genannt. (Stummes P von Ptolemaios.)

Terry Pratchett ist das Aushängeschild der Funny Fantasy, ein absoluter Bestseller, dessen Bücher sich, wie Wikipedia sagt „durch die zum Teil überbordende Verwendung von Fußnoten auszeichnen“. Na, wenn etwas Phantasie und Humor in einem zum Ausdruck bringt, dann sind es Fußnoten!

Unter Gamerinnen: Zum aktuellen Stand des Immergleichen Teil 1

Stefan: Ich spiel heut einen alten Mann auf der Bank, der über die Jungen die vorbeigehen schimpft und mit seinem Stock wedelt. Ich bin 1981 geboren und ich hab ein Vorurteil gegenüber der aktuellen Gamerszene. Ich glaub, ihr könnts nicht mehr richtig spielen. Mir ist klar, dass im Gegensatz zu früher mittlerweile Gaming eine olympische Disziplin ist und Menschen Millionen damit verdienen können. Gleichzeitig seh ich so oft Reviews über „Spiele“, die eigentlich keine mehr sind. Es sind Filme und an drei Stellen kann man auf die X-Taste drücken.

Die andere Art von Spielen nennt sich Computer Rollenspiel, fast immer mit Open World, und besteht meistens darin, dass man herumläuft und Gegenstände einsammelt, die man dann verwendet um eher einfach gestrickten Gegnern eines auf die Nase zu geben. Spannung kommt dabei aus mehreren Gründen nicht auf: 1. Weil das Kampfsystem meistens nur das wiederholte Klicken mit der linken Maustaste als Strategie vorsieht. 2. Weil die KI der Gegner extrem lahm ist. 3. Weil man durch Auto- und Quicksave Funktionen de facto nicht sterben kann. 4. Weil man meistens jederzeit, auch während eines Kampfes, den Schwierigkeitsgrad angleichen kann und die ohnehin tumbe KI des Gegners noch weiter senken.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Aber selbst solche Spiele wie Bloodborne sind nicht halb so unfair und hinterlistig wie Castlevania I von 1986 auf dem NES. Man stelle sich vor, da konnte man nicht speichern und es kam auf Reflexe und schnelle Auffassungsgabe an um durchzukommen! Da fangen heutigen Spielern die Knie zu schlottern an.

Felix: Du sprichst von dem ersten Nintendo Entertainment System. Ich bin mit der Nintendo Wii in mein Gamerleben eingestiegen. Nicht, weil ich bis dato kein Interesse an Videogames (Vgames) hatte, vielmehr weil meine Eltern mir erst 2010 (2 Jahre nach erscheinen der Wii auf europäischen Märkten) zutrauten, Vgames zu spielen. Um jetzt meine Eltern nicht sofort in ein gamerfeindliches Shitstorm-Setting zu werfen: ich hatte einen GameBoy, auf dem ich zu abgemachten Zeiten spielen durfte und muss ehrlich gestehen, ich hab für mich nix verpasst.

Du sprichst mit dem Castlevania-Bloodbourne Vergleich da gerade etwas an, wo ich gleich mal einen massiven Einwand gegenüber deiner These (die man in der heutigen Gamerszene als Boomer-Rant bezeichnen würde) anspreche. Technologie verändert sich mit der Zeit. Die NES war die erste Konsole von Nintendo, die Switch ist die neueste. Lustigerweise kann man auf der Switch sowohl Castlevania als auch den ersten Teil der Dark Souls-Reihe (selbes Konzept und Entwicklerstudio wie Bloodborne) spielen.

Die NES war durch ihre technischen Kapazitäten limitiert, ich glaube nicht, dass die Entwickler von Castlevania in erster Linie ein Spiel im Sinn hatten, das keine Fehler zulässt oder den Spieler zu einem Reflexmonster erziehen sollte. Es gibt auch heute noch Spieler, die genau diese Herausforderungen schätzen. Ich gehöre definitiv nicht dazu.

Mit dem technologischem Fortschritt erkläre ich mir auch, dass sich das komplette Konzept von Vgames gewandelt hat. Die Grafik wurde besser, die technologischen Möglichkeiten breiter. Ich glaub schon, dass eine gute Grundidee eines Spieles überleben kann, da ist die Grafik scheißegal, ABER in letzter Zeit werden Vgames meistens nur mehr daran gemessen, wie flüssig sie rennen oder wie sehr die Elemente einer UltraHD Auflösung standhalten.

Was du auch kritisierst, ist die Möglichkeit, die KI der Gegner anzupassen. Ich persönlich sehe darin für mich eher ein Benefit. Ich hab kein Interesse daran ein Spiel wie das vorsintflutliche Castlevania zu spielen, teils weil meine (zugegeben wenig bis gar nicht vorhandene) Frustrationstoleranz das nicht zulässt, teils weil ich mich ganz gern in die Fantasiewelt eines Vgames flüchte. Mit Strapazen, Stress und unangenehmen Konfrontationen habe ich bereits im RealLife genug zu kämpfen, da erscheint es mir ganz angenehm, einfach mal im Spielmenü auf „leicht“ zu stellen und für mich zu beschließen, dass es ein gutes Gefühl ist, der depperten KI überlegen zu sein.

Stefan: Ich hab mir gestern beim Zuschauen von einem Streamer gedacht, das viele Spiele von früher heute nur mehr als „Rage Games“ durchgehen würden. Also durch die verhunzte Sprungmechanik hat Castlevania von 1986 durchaus etwas mit Pogostuck von 2019 gemeinsam.

Aber ich finde es interessant, wenn du sagst, du brauchst den Eskapismus, um dich entspannen zu können. Vielleicht waren in den 1980er Jahren die Bedingungen noch nicht so harsch, wie sie heute sind. Oder das Spielen war einfach anders angesehen. Nicht so sehr als Entspannung und Weltflucht, sondern mehr als Herausforderung. Zur Entspannung war man dann spazieren, oder hat ein Buch gelesen. Jetzt kommt wieder was boomeriges: Zoomers lesen ja nicht mehr so viele Bücher. Ihr macht die Bucherfahrung aus zweiter Hand. Was ich sehr oft höre, ist, dass sich ein Roman so anhört, wie dieses oder jenes Vgame, oder dass es da einen Artikel auf dem blabla-blog gegeben hat, oder jemand auf dem V-log drüber geredet hat. „Werwölfe? Kenn ich von The Order 1886.“

Vielleicht braucht ihr ja diese Entspannung beim Spiel, weil ihr eh unentwegt in die digitale Röhre schaut und euch durch irgendein Zeugs durchklickt. Früher war ja das Konsolenspielen wirklich eine Abwechslung zur Arbeitswelt. Das ist heute nicht mehr so.

Was ist eigentlich bei The Order 1886 aus Sicht der Fans schief gelaufen?

Felix: The Order 1886 ist fehlgeschlagen, weil das Spiel zu kurz, zu unausgereift und in erster Linie zu groß angekündigt war. Mythologie verbreitet sich heute eher über Vgames als über Bücher, da geb ich dir Recht. Auch Filmklassiker verlieren gegenüber Vgames immer mehr an semantischer Bedeutung, bedenkt man, dass Kratos (einer der PS1- Posterboys, God of War) jetzt als Fortnite-Skin herhalten muss, oder dass Medusa eher als Boss in Assassin’s Creed Odyssey bekannt ist, statt der tragisch verfluchten Gestalt die sie in der klassischen griechischen Mythologie ist.

Was ich allerdings schon in diesem Kontext ansprechen muss, ist das sich Vgames, wohl auch durch das Internet, wesentlich weiterentwickelt haben. Online Gaming war ein zentraler Faktor für eine sich weiterentwickelnde Spiel- und Spielerszene.

Die Gamer heute schätzen kompetitives Spielen sehr. Spiele wie Counterstrike Global Offensive lassen einen recht schnell merken, dass die Zukunft der Vgames sich im anonymisierten Cyberspace abspielt. PuSsYdEsTr0yEr69 teabagt über deiner virtuellen Leiche, man wird an der K/D gemessen, also nein, ich glaube nicht, dass die Gen Z Spaß daran hat, hirnlos was anzuklicken, es steht immer eine gewisse Leistung dahinter.  Gamer machen alles mit viel System, die kennen die Abläufe genau. Sie spielen taktisch. Genauso wie du damals Castlevania als Spieler analysiert hast, genau die Sprungmechanik gekannt hast, gewusst hast, wo und woran man sich anhalten kann, genauso gut wissen Gamer über mehr oder weniger ähnliche Spielmechaniken Bescheid. Es gibt immer Experten und es gibt immer Noobs. 

Stefan: Das Nintendo Entertainment System ist in Europa 1986 auf den Markt gekommen und drei/ vier Jahre danach hab ich angefangen damit zu spielen. Übrigens gabs 1983 bereits den ersten Video Game Crash, also den Zusammenbruch der ersten Videospielindustrie. Atari und ein Haufen anderer Anbieter hat zusehends billigen Schrott herausgebracht und die Übertragung von den Arcade-Spielen auf die Heimstationen hat meistens auch nicht geklappt. Nintendo hat die aus dem Tief wieder rausgeholt.

2000 ist dann die Dotcom Blase geplatzt. Daran sind nicht so sehr die schlechten Videogames schuld gewesen, sondern die Wetten auf Gewinne und Verluste. Aber die New Economy, hauptsächlich webbasierte Dienstleistungen, war betroffen und darauf baut ja das neue System der Spielindustrie weitgehend auf. Watchpartys von Playthroughs, Livestreams usw. Die haben sich trotz dieses Rückschlags gut erholt. Kleinanleger sind halt massiv geschädigt worden dabei.

Felix: Webbasierte Dienstleistungen. Eine schon fast kryptisch klingende Bezeichnung für Medien, die heute jeder kennt und konsumiert. Youtube (YT) und Twitch sind wahrscheinlich auch außerhalb der Szene vielen Menschen bekannt. Ich hab den Eindruck man kann keine 2 Videos auf YT schauen, ohne dass einem eine Werbung für ein Videospiel, oder noch schlimmer, irgendeine Cashgrab-Smartphone-App angezeigt wird, selbst wenn man sich Videos ansieht, die mit Gaming gar nichts zu tun haben. Kannst du dich noch dran erinnern, wie grausliche D-Promis wie Pietro Lombardi „Coin Master“ beworben haben? Das war sowas von cringey und außerdem Promotion von Glücksspiel, das allerdings sehr kinderfreundlich verpackt war. Was das Ganze noch widerlicher macht.

Auf Twitch tummeln sich vermehrt Streamer, die Geld damit verdienen, dass ihnen Andere beim Spielen zuschauen. Man kann heute tatsächlich gut mit dem Voyeurismus anderer Menschen Geld verdienen, kommt mir vor. Ich denke da besonders an eine ganz besonders toxisch veranlagte Streamerin, die ihre Audience beleidigt hat, sie würden ihr nicht genug Geld spenden. Besagte Streamerin spielt keine Vgames, sie schaut auf Youtube mit aktiviertem Adblock Videos, die andere Leute gepostet haben und kommentiert die. Adblock bedeutet in dieser Situation, dass die ursprünglichen Contentkreatoren, die die Videos selbst aufnehmen, schneiden und hochladen, durch ihren Aufruf keinen einzigen Cent sehen, da sich die meisten Youtuber (YTer) über Werbungen finanzieren.

Einige Streamer verdienen sich auch etwas dazu, indem sie absolut absurde Nischenprodukte promoten. Alles unter der Prämisse, es sei für „richtige Gamer“. Eiweißshake für Gamer, dann muss man nicht mehr vom Rechner weg, weil man sich die 2000 Kalorien einfach flüssig einehaut, wer braucht feste Nahrung?

Oder auch ein Pulver, das sich mit Wasser zu einem Energydrink a la Red Bull vermengt. Gonna need those Reflexes for Counterstrike. Ich glaub fest dran, dass sowas zumindest potentiell gesundheitsschädlich ist. Und mir läuft ein Schauer über den Rücken, wenn ich dran denk, dass Gaming immer öfter ein jüngeres Publikum anspricht. Auch geil find ich Gaming-Socken. Einfach nochmal langsam drüber lesen. GAMING- SOCKEN.

Stefan: Es kann prinzipiell nicht gesund sein, so lange zu spielen, dass man Mahlzeiten auslassen muss. Andererseits findet auch niemand was dabei, wenn man 8 Stunden lang wegen der Arbeit vorm PC sitzt. Also da gibt es schon eine Schieflage in der Betrachtung, die was mit dem weitverbreiteten Arbeitsfetischismus in unserer Gesellschaft zu tun hat. Oscar Wilde kritisiert das auf wunderbare Art. Er bezeichnet Lohnarbeit als unwürdigen Zwang für andere zu leben. Die Frage die sich da stellt, ist, ob nicht diese vernetzte digitale Gaming-World neue Zwänge auftürmt? Viele Spiele haben ja kostenpflichtige Anteile oder machen bestimmte Erfolge davon abhängig, dass man das richtige Equipment hat für das man wochenlang grinden muss, oder für das man eben ein paar Euro ausgeben soll. Für die Euro muss man dann wieder einige Zeit arbeiten.

Felix: Die Pay-to-win- Mechanik, die du hier ansprichst ist für mich eine der Entwicklungen die Vgames in den letzten Jahren kaputt gemacht haben. Es kommen immer wieder Spiele heraus, in denen man als Spieler, der nicht bereit ist Geld auszugeben vor allem im Multiplayer keine Chance hat gegen Spieler die in die digitale Währung innerhalb eines Vgames investieren. Mikrotransaktionen sind mittlerweile fast überall angekommen, vom Triple A-Game bis hin (und ich glaub sogar vor allem) in mobile Games, also Spielen die am Smartphone gespielt werden. Eine gefährliche Entwicklung, sieht man sich zum Beispiel Spiele wie Fortnite an, die eine sehr junge Spielerbasis anziehen, die meistens abgesehen von ihrem Taschengeld null eigenes Einkommen haben. Aber ich glaube genau dieses Geschäftsmodell haben die Leute bei Epic Games, dem Entwickler Studio hinter Fortnite angestrebt, bzw sie haben bis dato absolut nichts unternommen, um diese Entwicklung zu unterbinden. Mamis Kreditkarte hält dann halt für die Vbucks her, dann kann man sich auch endlich den Skin leisten, mit dem man ausschaut wie ein Kratos aus God of War, einem FSK 18- Spiel das an Brutalität eventuell von Mortal Kombat, aber nicht vielen anderen Vgames überboten wird.

Was ich auch besonders geil finde, ist das Konzept der Season Passes. Entwickler bringen ein Spiel heraus, verkaufen es zum Vollpreis, und veröffentlichen nach dem Release, meistens ein paar Monate später einen Season Pass, der quasi als Erweiterung nochmal Geld kostet. Es ist wie damals das „Horse Armor Package“ in The Elder Scrolls 4- Oblivion eine absolut unverschämte Abzocke.

Stefan: Günther Anders schreibt mal irgendwo, die Mode sei der Trick der Industrie um die Nachfrage aufrecht zu erhalten. Aber dazu braucht es auch eine Bereitschaft mit der Mode mitzugehen. Woher wissen die Spieler denn was gerade Mode ist? Nintendo hatte bereits 1988 einen Podcast. Den „Nintendo Power“ ein News und Strategie Podcast, der aus dem Printmagazin hervorgegangen ist.

Gamingjournalismus hat sich auch ein wenig verändert. Früher war es ein Begleittext zu den Spielen, der von den Firmen selber gekommen ist. Die haben das als Forum benutzt, um Neuigkeiten anzukündigen und Tricks zu verraten wie man Gegner, die unschaffbar waren, fertig macht. Es war Corporate Business. Jetzt ist das demokratischer. Wobei, der „Journalismus“ der auf Youtube stattfindet, ist ja eher eine Form von freiwilliger Corporate Mentality. Man merkt sehr schnell, dass es bei vielen wenig um Inhalt und mehr um Klicks oder das Reviewer Package vom großen Produzenten geht.

Felix: Nicht nur um die Klicks. Mir kommt vor es ist mittlerweile Usus, dass man Gamer mit einer bestimmten medialen Reichweite, neue Spiele „testen“ lässt. Entwicklerstudios stellen die Spiele oft vor dem offiziellen Release YouTubern zur Verfügung, natürlich unter der Abmachung, sie dürfen über das Spiel nichts Negatives sagen.

Was mir hierfür als Beispiel einfällt, ist das Anfang Dezember 2020 erschienene Spiel Immortals- Fenyx Rising. Das von Ubisoft entwickelte Spiel ist der purste, unverschämteste Abklatsch von Nintendos Legend of Zelda – Breath of the Wild (BotW). Ich habe bei einem Yter, den ich regelmäßiger schaue, ein verfrühtes Gameplay von Immortals gesehen und er hat relativ beiläufig fallen gelassen, dass er es vor dem Aufnehmen des für seine Zuschauer gedachten Videos erst in einem „abgesicherten Rahmen“, in einer Spielsitzung im Beisein eines der Ubisoft-Entwickler gespielt hat. Lustigerweise hat er die absolut unbestreitbare Ähnlichkeit zu BotW nicht einmal erwähnt.

Irgendwie kotzt es mich an, dass Nintendo, ein sonst so protektives Entwicklerstudio, es zulässt, dass Content so schamlos abgekupfert wird. Ich erinnere mich an ein Pokemon Fanwork – Project, Pokemon Prism, das sich rein das Konzept von Pokemon abgekupfert hat, oder viel mehr hätte. Alle Sprites, alle Charaktere und alle Pokemon waren vom Entwicklerteam komplett selbst designt und auch die Möglichkeit selbst als Pokemon zu spielen, waren absolut original und neu. Über acht Jahre hat das Entwicklerteam reingesteckt. Noch während des Entstehungsprozesses kam eine Beschwerde von Nintendo und das Projekt erschien nie.

Wenn jetzt Ubisoft daherkommt und abkupfert ist es anscheinend ok.

Stefan: Das Maskottchen der Nintendo-Welt ist ja Super Mario. Da gab es sogar mal einen Film mit Bob Hoskins. Großartiger Trash von Ed Solomon, der später Men in Black gemacht hat. Sega hat Sonic the Hedgehog. Auch wenn ich sagen muss den habe ich viel weniger verstanden. Mario und Luigi und das Märchenland in den Abwasserkanälen kann ich verstehen. Ich bin mit Spielzeug von Mattel und Hasbro und MB und solchen Produzenten aufgewachsen. Die haben in den 80er und 90ern einfach alles rausgebracht, was man aus Plastik und schlechtem Geschmack herstellen kann, was Kinderherzen höherschlagen lässt. Masters of the Universe, Turtles, Dino Riders, Hero Quest. Unglaublicher wundervoller, zauberhafter Trash.

Die Zeichentrickserien, die es dazu gab, waren als Werbung für die Figuren gedacht. Also nicht wie beim Star Wars Universe, oder den meisten heutigen Franchise Produktionen, wo zuerst ein Film da ist und dann unendliches Merchandise, sondern anders herum. Die hatten Gussformen für seltsame Mutanten und haben sich überlegt, wie sie die an die Kinder kriegen. Und haben dann Serien und Comics gemacht, drum herum.

Bei Masters gab es später ja sogar einen Film mit Dolph Lundgren als He-Man. Dass es eine Kinderserie gibt deren Hauptcharakter auf Deutsch „Er-Mann“ heißen darf, finde ich an sich schon faszinierend. Das ist auch deshalb, weil der He-Man ja eine durch Magie erzeugte Figur ist. Der Typ, der zu He-Man wird, mit der Macht von Greyskull, ist der Prinz Adam, der eher ein Hasenfuß ist und immer in einem rosafarbenen Jogginganzug herumläuft. Ich habe ihn geliebt als Kind. Ich wollte immer eine Adam Figur haben. Meine Mutter war aber völlig gegen die Masters. Was ich heute total verstehe. Aber meine Oma hat mir dann heimlich die grauslichsten Masters gekauft, wenn ich bei ihr zu Besuch war übers Wochenende. Ich sag nur Snake Face.

Das Highlight in dem Film ist Frank Langella als Superbösewicht Skeletor. Er spielt den Erzfeind von He-Man fast so übertrieben wie später Jeremy Irons in dem Dungeons and Dragons Film den Nekromanten Profion. Nur wo Irons Charakter total auf Wahnsinn setzt, ist Langella mit viel Würde und Pathos am Werk. Er hasst He-Man richtig. Das spürt man. Es ist toll.

Lustigerweise sind die epigonalen Charaktere der aktuellen PC Welt keine Erfindungen der Konzerne mehr, sondern literarische Figuren. Also bereits vorhandene Charaktere. Angefangen beim berühmten Geralt von Riva, dem Witcher, bis zu den ganzen endlosen Star Wars Epigonen und sonstigen Franchise-Vermarktungen aktueller Spiele.

Felix: Ich muss jetzt ehrlich gestehen, ich hätte vorgehabt mir im Rahmen der Recherche für diesen Text den neuen Sonic the Hedgehog Film anzuschaun, aber der war mir schon nach dem Teaser auf Netflix zu blöd.

Ich glaub schon, dass es auch heute noch genug Franchises gibt, die zuerst auf die Produktion des Produktes und dann auf die Vermarktung setzten, denk mal an die ganzen neuen Lego-Sets die rauskommen, Ninjago und ähnlicher Schmarrn. Aber ich sehe auch, dass heute immer noch 80er Erscheinungen, höchstwahrscheinlich wegen ihres Kultcharakters finanziell bis zum Letzten ausgeschlachtet werden. Star Wars Figuren und Pokemon Karten erfreuen sich bei Volksschülern auch heute noch allergrößter Beliebtheit. Vielleicht liegt es dran, dass es sehr schwer ist, etwas wirklich Neues zu etablieren, da schon so ein großes Angebot da ist. Ein Negativbeispiel dafür ist Minecraft. Das schlug ein wie eine Bombe, ist auch zugegebenerweise ein cooles, erfrischendes Spielkonzept gewesen. Alle coolen Kids hatten auf einmal Minecraft-T-Shirts, -Plüschtiere, -Lego und fast alles erdenkliche andere.

Und Gerald von Riva verdankt seinem Ruhm in erster Linie dem damals noch hoch angesehen Entwicklerstudio CD Project Red, weniger den Romanen, die eigentlich kein Schwein gekannt hat vorm 3. Teil der Spielreihe. Ich glaube, dass sich die Burschen und Mädels bei Project Red mit dem absoluten Flop von Cyberpunk so dermaßen ins Knie geschossen haben, dass wir keinen 4. Witcher-Teil mehr sehen werden.

Stefan: Das Genre der Spielentwicklung nimmt ja Formen an wie der Film. Die Spieleproduktion nähert sich dem Filmemachen an. Interessanterweise zu einem Zeitpunkt, in dem das klassische Kino sich anschickt unterzugehen. Die erfolgreichsten Filme laufen zurzeit in China, wie zb. der Film The 800 von Guan Hu. Die großen Hollywood Produktionen finden pandemiebedingt nicht statt, oder floppen so wie Tenet von Christopher Nolan.

Wobei Nolans Film so ein abstraktes Ungetüm ist, dass trotz der Ambitionen wenig politisch und dafür sehr metaphysisch daherkommt. Während Guan Hu ein berührender Film gelungen ist, in dem er den Kampf der Kuomintang gegen japanische Invasoren in Shanghai darstellt. Und dass, trotz chinesischer Zensur.

Jedenfalls gibt es diese Hinwendung zum Auteur Produzenten wie im Film auch im Spielebereich. Aber eh schon länger. Ich denk jetzt an Final Fantasy von Hironobu Sakaguchi. Da ist dieses Element schon vorhanden.

Aber richtig geknallt hat es erst bei Death Stranding von Hideo Kojima. Bei Final Fantasy steht ja noch der epische Konflikt von Gut und Böse im Vordergrund und man kann mit Training und guter Ausrüstung dem Bösen, von dem man recht bald Bescheid weiß, tapfer entgegentreten und es besiegen. Die Welt retten.

Bei Death Stranding ist die Welt eigentlich nicht mehr zu retten. Es sind nur mehr Pakete auszuliefern. Und irgendwie erinnert das an die aktuelle Pandemie. Wo alles von Zustelldiensten übernommen wird. Alles wird geschickt und die Kommunikation ist nur mehr digital. Wer weiß, ob die Menschen überhaupt noch alle da sind. Vielleicht sind manche nur mehr Signaturen?

Felix: Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen, ich hab die ersten 2 Spielstunden von Death Stranding tatsächlich hinter mir. Es spielt sich wie ein Fiebertraum. Norman Reedus liefert in einer postapokalyptischen Welt Pakete aus, wobei er einen durch Technologie am Leben gehaltenen Fötus in einer Art Mechanischem Kängurubeutel mit sich herumschleppt, trinkt ausschließlich Monster Energy, uriniert auf schemenhafte Wesen, um sie zum verschwinden zu bringen, vorausgesetzt er duscht nicht gerade, oder funktioniert seinen scheinbar sehr wirksamen Urin zu Granaten um.

Mich hat selten etwas mit so vielen Fragezeichen stehen gelassen, aber ich muss sagen nach verfassen dieses Absatzes, wäre ich doch an einer Aufklärung sehr interessiert, glaub ich hol das demnächst mal wieder aus dem Regal.

Der Film-Vgame Vergleich erinnert mich auch noch an ein anderes Spiel, das ich erst vor kurzem angespielt hab. Rockstar Games Red Dead Redemption 2, das hab ich aber nach gefühlt 4 Stunden dann auch wieder aufgehört, weil es sich einfach anfühlt wie ein Film. Es werden einem am Anfang keine Auswahlmöglichkeiten gelassen, es ist ein spielbarer Film. Fair enough, nach 6 Stunden kann man dann wahrscheinlich schon die Welt erkunden, aber bis dahin ist es ur zach. Mich schreckt sowas ab. Sorry, an alle Red-Dead-2 Liebhaber da draußen, ich glaube euch gerne, dass es ein tolles Spiel ist, aber mich nervt schon das Skyrim-Einstiegsszenario und da ist man nach 45 Minuten durch, da hab ich auf ein Spiel, bei dem ich nach 4 Stunden das erste Mal eine Entscheidung treffe, absolut keinen Bock.

Stefan: Das finde ich interessant, weil davon sind wir ja am Anfang losgegangen: Das einige Spiele heute sehr wenig Raum zum „Spielen“ lassen, sondern die Spieler an der Hand nehmen und betreuen. Bei Johann Huizinga gibt’s den Gedanken, dass der Mensch im Spiel Kultur erzeugt. Manche Philosophen fürchten die zunehmende Medienabhängigkeit des Menschen, andere finden die Fähigkeit des Menschen Zeit im Internet zu verschwenden ganz wunderbar. Vielleicht hängt es ja davon ab, was man mit der verschwendeten Zeit macht?

Wir könnten ja weiter darüber reden und dazu anregen die Zeit im Internet damit zu verschwenden aktiv drüber nachzudenken was man da tut.

… to be continued …

Art by Timon Tiefling!