Eines der bekanntesten Memes des 18. Jahrhunderts waren die Geschichten von Baron Münchhausen, von dem behauptet wurde, dass er von sich selbst behauptete, er sei beim Versuch auf dem Rücken seines Pferdes einen Sumpf zu überqueren, bis zum Hals im Morast versunken und habe anschließend sich und sein Pferd am eigenen Zopf wieder herausgezogen. Münchhausen kann man, wie einigen starken Männern der Gegenwartspolitik, keine Bescheidenheit vorwerfen. Sein Meme-Game war stark, sein Haupthaar voll, seine Finger lang und schön, er war bescheiden, hatte die besten Wörter seine Geschichten zu erzählen, war ein wahrer Chad und erkannte bereits früh, dass die Linke sich beim Memen schwer tut.
In „The Selfish Gene“ bezeichnet Richard Dawkins ein Mem(e) als „Grundeinheit kultureller Systeme“. Es handelt sich um Ideen, Texte, Erzählungen, Mythen, Bilder, Wörter, etc. die zwischen Menschen weitergegeben werden. Diese Memes sind stets Imitationen, Mutationen und Replikationen unterworfen. Dies gilt auch für jene Memes, die online im Umlauf sind und täglich zahlreicher werden. Memes folgen dabei bekannten Mustern, die aktualisiert und moduliert werden können, sich jedoch innerhalb von bestimmten Grenzen, Templates, Schablonen, bewegen. Kompliziertheit hat dabei nicht die höchste Priorität, weil die Verständlichkeit auf der Strecke bliebe. Ein Meme geht bestenfalls viral, darf dafür aber nicht zu komplex sein.
In „Kill all Normies“ spricht Angela Nagle davon, dass es im Laufe des US-Wahlkampfs 2016 gegen Hillary Clintons Kampagne zur Mobilisierung einer merkwürdigen „Spitze aus Teenage-Gamern, anonymen Swastika-Postenden Anime-Liebhabern, ironischen South Park Konservativen, antifeministischen Schelmen, nerdigen Störenfrieden und meme-produzierenden Trollen kam, deren schwarzer Humor und Liebe zur Transgression um der Transgression Willen es umso schwerer machte herauszuarbeiten, welche politische Meinung tatsächlich vertreten wurde, und welche nur zum Spaß“ (for the lols/lulz). Was sie alle zusammenhielt, so Nagle, war ihre Liebe zum Spott gegen die „Ernsthaftigkeit und moralische Selbstschmeichelei“ etablierter liberaler Politik und der Vollstrecker der neuen identitätspolitischen Empfindsamkeit. Man eignete sich eine Anti-Establishment-Attitüde an, die bisher vor allem aus linken Kreisen bekannt war. Die neue Rechte konnte dabei, nach Nagle, auf eine vormals als linke Tugend verklärte Ästhetik der Gegenkultur und des Nonkonformismus zurückgreifen.
Jener Zusammenschluss von Online-Trollen, Incels, Memern, Alt-Right-Aktivisten und anderen Randgestalten aus dem Online-Irrgarten, erklärt die Beliebtheit von Donald Trump, der selbst längst Troll, bzw. Meme ist. Sein Sieg war damit auch ein Sieg über den Mainstream und die etablierten Medien. Der Bienenstock hatte seine Königin gekürt: Den ehemaligen Gastgeber einer TV-Sendung, bei der die Berufsqualifikationen der Kandidaten auf die Probe gestellt werden, dem es selbst schon früh gelang Teile des erfolgreichen Immobilienunternehmens seines Vaters zumindest partiell in den Sand zu setzen.
Mit der Eleganz des politisch Unbedarften, der soeben über eines der mächtigsten politischen Ämter der Weltbühne gestolpert war, konnte er ein Konglomerat aus ebenso oftmals apolitischen Shitpostern um sich versammeln, die das Internet ans Gestade der Virtualität gespült hatte. Abkömmlinge eines sozialmedialen Milieus, das sogar noch die extremste Ideologie des vorigen Jahrhunderts zum ästhetisierten Cosplay und LARP erniedrigt und sich mit der hundertsten Referenz der Referenz nicht begnügt, einem Potpourri aus bunt gesträhnten Facebook-Kommunisten mit artsy Hammer-und-Sichel-Tattoo und My-Little-Pony-Profilrahmen, die Kim Yo Jong Toastbrot in den Mund photoshoppen, neben gesichtslosen edgy Animeprofilen mit Sonnenrad-und-Kanji-Frame, die Sayyid Qutb und Goebbels zitieren und Abigail Shapiros Brüste bewundern.
Die politische Unterfütterung bilden rechtsextreme Alt-Light und -Right-Aktivisten, deren reaktionäre Ansichten in der Menge aus (halb-)ironischen Shitposts zu verschwinden scheinen. An ihren Rändern sammeln sich Verschwörungstheoretiker und QAnon-Gläubige, deren Weltbild ohne zum tausendsten Mal aufgewärmte antisemitische Trope natürlich dennoch nicht auskommt, wenn auch auf Steroiden.
Dem nebulösen Siegestaumel von God Emperor Trump folgte nach dessen Abwahl 2020 wider Erwarten nicht der sofortige Rücktritt des Gottkaisers. Wer hätte das gedacht? Bereits vor seiner Briefwahl-Niederlage hatte er die Briefwahl – die in Ausnahmefällen übrigens bereits im Massachusetts des 17. Jahrhunderts möglich war – als Teufelszeug abgetan und bei seinen Anhängern dafür gesorgt, dass eine eventuelle Abwahl nicht etwa mit einem Wahlsieg seines Kontrahenten zu erklären wäre, und der eigenen Unterlegenheit geschuldet, sondern allein mit Wahlbetrug. Eine Präventivstrategie, die auch die FPÖ im Laufe ihrer Geschichte immer wieder mehr oder weniger erfolgreich zum Einsatz brachte.
Wider alle Erwartungen weigerte sich nicht nur Trump sich still und heimlich von der Bühne zu entfernen, auch seine Gefolgschaft löste sich überraschend nicht in Luft auf, sondern machte sich auf Zuruf ihres Idols auf zum Sturm auf die Bastille, der aber eher einem Schas im Wald gleichen sollte, dessen Neuheitswert leider nur der Tatsache geschuldet war, dass vier Menschen dabei ums Leben kamen, während der Rest damit beschäftigt schien Revolution zu spielen, wobei deren politischer Aktivismus sich wohl darin erschöpfen sollte die Fahne Georgiens zu schwenken, um sich später auf Youtube in den Aufnahmen selbst betrachten zu können, Memes davon auf Reddit zu posten, wie man mit Nancy Pelosis Rednerpult für Fotos posiert und sich damit seiner Partizipation am Offline-Raid zu vergewissern, was anscheinend voraussetzt, dass man sich ästhetisch an sämtlichen Jared-Hess-Filmen zu orientieren hat, um gleichzeitig dem ewigen und universellen Ideal des Wiener Tschocherloriginals zu folgen, dessen mühelose Flamboyanz sich auch kommod mit dem Besuch jedweder Querdenkerdemo von da bis Texas kombinieren ließe.
Am Ende muss man dennoch anerkennend sagen, wenn es auch politisch eine Enttäuschung war, so bleiben uns zumindest die Memes, und die bleiben uns auch nicht allzu lange.


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